+Majas Flucht aus der Heimatstadt+
Die ältere Bienendame, die der kleinen Biene Maja behilflich war, als
sie zum Leben erwachte und aus ihrer Zelle schlüpfte, hieß Kassandra und
hatte großes Ansehen im Stock. Es waren damals sehr aufgeregte Tage,
weil im Volk der Bienen eine Empörung ausgebrochen war, die die Königin
nicht unterdrücken konnte.
Während die erfahrene Kassandra der kleinen Maja, deren Erlebnisse ich
erzählen werde, die großen blanken Augen trocknete und ihr die zarten
Flügel etwas in Ordnung zu bringen suchte, brummte der große Bienenstock
bedrohlich, und die kleine Maja fand es sehr warm und sagte es ihrer
Begleiterin.
Kassandra sah sich besorgt um, aber sie antwortete der Kleinen nicht
gleich. Sie wunderte sich darüber, daß das Kind schon so früh etwas
auszusetzen fand, aber im Grunde war es richtig, die Wärme und das
Gedränge waren beinahe unerträglich. Maja sah ununterbrochen Biene auf
Biene an sich vorübereilen, das Geschiebe und die Eile waren so groß,
daß zuweilen die eine über die andere fortkletterte und wieder andere
sich wie zu Klumpen geballt vorüberwälzten.
Einmal war die Königin in ihrer Nähe gewesen. Kassandra und Maja wurden
etwas beiseitegedrängt, aber eine Drohne, ein freundlicher junger
Bienenherr von gepflegtem Aussehen, war ihnen behilflich. Er nickte Maja
zu und strich sich etwas erregt mit dem Vorderbein, das bei den Bienen
als Arm und Hand gebraucht wird, über seine glänzenden Brusthaare.
»Das Unheil wird hereinbrechen«, sagte er zu Kassandra. »Der Schwarm der
Revolutionäre wird die Stadt verlassen. Sie haben schon eine neue
Königin ausgerufen.«
Kassandra beachtete ihn fast gar nicht. Sie hatte sich nicht einmal für
die Hilfe bedankt, und Maja empfand deutlich, daß die alte Dame recht
unfreundlich gegen den jungen Herrn war. Sie wagte nicht recht zu
fragen, die Eindrücke kamen alle so rasch hintereinander und drohten sie
zu überwältigen. Die Erregung teilte sich ihr mit, und sie begann ein
feines helles Summen.
»Was fällt dir ein«, sagte Kassandra. »Ist nicht schon Lärm genug?«
Maja war sofort still und richtete ihre Augen fragend auf ihre ältere
Freundin.
»Komm hierher,« sagte diese zu Maja, »wir wollen versuchen, uns hier
etwas zu sammeln.«
Sie schob Maja bei ihrem schönen glänzenden Flügel, der noch weich und
ganz neu und wundervoll durchsichtig war, in eine wenig besuchte Ecke
vor ein paar Wabenschränke, die mit Honig gefüllt waren.
Maja blieb stehn und hielt sich an einem der Schränke fest.
»Hier riecht es ausgezeichnet«, sagte sie zu Kassandra.
Die Alte wurde wieder ganz nervös:
»Du mußt warten lernen«, antwortete sie. »Kind, ich habe in diesem
Frühling schon viele hundert junge Bienen erzogen und für ihre erste
Ausfahrt unterrichtet, aber mir ist noch keine vorgekommen, die so
naseweis gewesen wäre. Du scheinst eine Ausnahmenatur zu sein.«
Maja errötete und fuhr mit den beiden zarten Fingerchen ihrer Hand in
den Mund:
»Was ist das?« fragte sie schüchtern, »eine Ausnahmenatur.«
»O, das ist etwas durchaus Unschickliches«, rief Kassandra, die
allerdings die Handbewegung der kleinen Biene meinte und ihre Frage
nicht beachtet hatte. »Jetzt merke genau auf alles, was ich dir sage,
denn ich kann dir nur kurze Zeit widmen, es sind schon wieder neue Junge
ausgeschlüpft und meine einzige Gehilfin in dieser Etage, Turka, ist
ohnehin aufs äußerste überarbeitet und klagte in den letzten Tagen über
Ohrensausen. Setz dich hier.«
Maja gehorchte und schaute mit ihren großen braunen Augen auf ihre
Lehrerin.
»Die erste Regel, die eine junge Biene sich merken muß,« sagte Kassandra
und seufzte, »ist, daß jede in allem, was sie denkt und tut, den anderen
gleichen und an das Wohlergehn aller denken muß. Es ist bei der
Staatsordnung, die wir seit undenkbar langer Zeit als die richtige
erkannt haben und die sich auch aufs beste bewährt hat, die einzige
Grundlage für das Wohl des Staates. Morgen wirst du ausfliegen. Eine
ältere Gefährtin wird dich begleiten. Du darfst zuerst nur kleine
Strecken fliegen und mußt dir die Gegenstände genau merken, an denen du
vorüberkommst, damit du immer zurückfliegen kannst. Deine Begleiterin
wird dir die hundert Blumen und Blüten beibringen, die den besten Honig
haben, die mußt du auswendig lernen, das bleibt keiner Biene erspart.
Die erste Zeile kannst du dir gleich merken: 'Heidekraut und
Lindenblüte.' Sag es nach.«
»Das kann ich nicht,« sagte die kleine Maja, »das ist furchtbar schwer.
Ich werde es ja später auch schon sehn.«
Die alte Kassandra riß die Augen auf und schüttelte den Kopf.
»Mit dir wird es schlecht hinausgehn,« seufzte sie, »das sehe ich schon
jetzt.«
»Soll ich denn später den ganzen Tag Honig sammeln?« fragte die kleine
Maja.
Kassandra seufzte tief und sah die kleine Biene einen Augenblick ernst
und traurig an. Es erschien, als erinnerte sie sich ihres eigenen
Lebens, das von Anfang bis zu Ende voll Mühe und Arbeit gewesen war. Und
dann sagte sie mit veränderter Stimme und sah Maja liebreich an:
»Meine kleine Maja, du wirst den Sonnenschein kennenlernen, hohe grüne
Bäume und blühende Wiesen voller Blumen, Silberseen und schnelle
glitzernde Bäche, den strahlenden blauen Himmel, und zuletzt vielleicht
sogar den Menschen, der das Höchste und Vollkommenste ist, was die Natur
hervorgebracht hat. Über allen diesen Herrlichkeiten wird dir deine
Arbeit zur Freude werden. Sieh, dies alles steht dir ja noch bevor, mein
Herzelein, du hast Grund, glücklich zu sein.«
»Gut,« sagte die kleine Maja, »das will ich denn auch.«
Kassandra lächelte gütig. Sie wußte nicht recht, woher es kam, aber sie
hatte plötzlich eine ganz besondere Liebe zur kleinen Maja gefaßt, wie
sie sich kaum erinnerte jemals für eine andere junge Biene gefühlt zu
haben. Und so mag es denn wohl gekommen sein, daß sie der kleinen Maja
mehr sagte und erzählte, als für gewöhnlich die Bienen an ihrem ersten
Lebenstag hören. Sie gab ihr vielerlei besondere Ratschläge, warnte sie
vor den Gefahren der argen Welt draußen und nannte ihr die
gefährlichsten Feinde, die das Volk der Bienen hat. Endlich sprach sie
auch lange von den Menschen und legte in das Herz der keinen Biene die
erste Liebe zu ihnen und den Keim einer großen Sehnsucht, sie
kennenzulernen.
»Sei höflich und gefällig gegen alle Insekten, die dir begegnen,« sagte
sie zum Schluß, »dann wirst du mehr von ihnen lernen, als ich dir heute
sagen kann, aber hüte dich vor den Hornissen und Wespen. Die Hornissen
sind unsere mächtigsten und bösesten Feinde, und die Wespen sind ein
unnützes Räubergeschlecht ohne Heimat und Glauben. Wir sind stärker und
mächtiger als sie, aber sie stehlen und morden, wo sie können. Du kannst
deinen Stachel gegen alle Insekten brauchen, um dir Achtung zu
verschaffen und um dich zu verteidigen, aber wenn du ein warmblütiges
Tier stichst oder gar einen Menschen, so mußt du sterben, weil dein
Stachel in ihrer Haut hängenbleibt und zerbricht. Steche solche Wesen
nur im Falle der höchsten Not, aber dann tu es mutig und fürchte den Tod
nicht, denn wir Bienen verdanken unser großes Ansehen und die Achtung,
die wir überall genießen, unserem Mut und unserer Klugheit. Und nun leb
wohl, kleine Maja, hab Glück in der Welt und sei deinem Volk und deiner
Königin treu.«
Die kleine Biene nickte und erwiderte den Kuß und die Umarmung ihrer
alten Lehrerin. Sie legte sich mit heimlicher Freude und Erregung zum
Schlaf nieder und konnte vor Neugierde kaum einschlummern, denn mit dem
kommenden Tag sollte sie die große weite Welt kennenlernen, die Sonne,
den Himmel und die Blumen.
In der Bienenstadt war es inzwischen ruhig geworden. Ein großer Teil der
jüngeren Bienen hatte das Reich verlassen, um einen neuen Staat zu
begründen. Lange hörte man den großen Schwarm im Sonnenschein brausen.
Es war nicht aus Übermut oder böser Gesinnung gegen die Königin
geschehn, sondern das Volk hatte sich so stark vermehrt, daß die Stadt
nicht mehr Raum genug für alle Bewohner bot und daß unmöglich so viel
Honigvorräte eingebracht werden konnten, daß alle über den Winter ihr
Auskommen hatten. Denn ein großer Teil des Honigs, der im Sommer
gesammelt wurde, mußte an den Menschen abgetreten werden. Das waren alte
Staatsverträge, dafür sicherten die Menschen das Wohlergehn der Stadt,
sorgten für Ruhe und Sicherheit und im Winter für Schutz gegen die
Kälte.
Am anderen Morgen hörte Maja an ihrem Lager den fröhlichen Ruf:
»Die Sonne ist aufgegangen!«
Sofort sprang sie empor und schloß sich einer Honigträgerin an.
»Gut,« sagte diese freundlich, »du kannst mit mir fliegen.«
Am Tor hielten die Wächter sie an. Es war ein rechtes Gedränge. Einer
der Torhüter sagte der kleinen Maja das Losungswort ihres Volkes, ohne
das keine Biene in die Stadt gelassen wird.
»Merk es dir«, sagte er, »und viel Glück auf deinen ersten Weg.«
Als die kleine Biene vor das Stadttor trat, mußte sie die Augen
schließen vor der Fülle von Licht, die ihr entgegenströmte. Es war ein
Leuchten von Gold und Grün, so über alles reich und warm und strahlend,
daß sie vor Seligkeit nicht wußte, was sie tun oder sagen sollte.
»Das ist aber wirklich großartig«, sagte sie zu ihrer Begleiterin.
»Fliegt man da hinein?!«
»Nur zu!« sagte die andere.
Da hob die kleine Maja ihr Köpfchen, bewegte ihre schönen neuen Flügel
und empfand plötzlich, daß das Flugbrett, auf dem sie saß, zu versinken
schien. Und zugleich war ihr, als glitte das Land unter ihr fort, nach
hinten hin fort, und als kämen die großen grünen Kuppeln vor ihr auf sie
zu.
Ihre Augen glänzten, ihr Herz jubelte.
»Ich fliege,« rief sie, »das kann nur Fliegen sein, was ich tue! Das ist
aber in der Tat etwas ganz Ausgezeichnetes.«
»Ja, du fliegst«, sagte die Honigträgerin, die Mühe hatte, an Majas
Seite zu bleiben. »Das sind die Linden, auf die wir zufliegen, unsere
Schloßlinden, daran kannst du dir die Lage unserer Stadt merken. Aber du
fliegst wirklich sehr schnell, Maja.«
»Das kann man gar nicht rasch genug«, sagte Maja. »O, wie duftet der
Sonnenschein!«
»Nein,« sagte die Trägerin, die etwas außer Atem war, »das sind die
Blüten. Aber nun fliege langsamer, sonst bleibe ich zurück, und du
kannst dir auch auf diese Art die Gegend nicht für den Rückweg merken.«
Aber die kleine Maja hörte nicht. Sie war wie in einem Rausch von
Freude, Sonne und Daseinsglück. Ihr war, als glitte sie pfeilgeschwind
durch ein grünleuchtendes Meer von Licht, einer immer größeren
Herrlichkeit entgegen. Die bunten Blumen schienen sie zu rufen, die
stillen beschienenen Fernen lockten sie und der blaue Himmel segnete
ihren jauchzenden Jugendflug. So schön wird es nie mehr, wie es heute
ist, dachte sie, ich kann nicht umkehren, ich kann an nichts denken, als
an die Sonne.
Unter ihr wechselten die bunten Bilder, langsam und breit zog das
friedliche Land im Licht dahin. Die ganze Sonne muß aus Gold sein,
dachte die kleine Biene.
Als sie über einem großen Garten angelangt war, der in lauter blühenden
Wolken von Kirschbäumen, Rotdorn und Flieder zu ruhn schien, ließ sie
sich zu Tode erschöpft nieder. Sie fiel in ein Beet von roten Tulpen und
hielt sich an einer der großen Blüten fest, preßte sich an die
Blumenwand, atmete tief und beseligt und sah über den schimmernden
Lichträndern der Blume den strahlend blauen Himmel.
»O, wie tausendmal schöner ist es in der großen Welt draußen,« rief sie,
»als in der dunklen Bienenstadt. Niemals werde ich nach dort
zurückkehren, um Honig zu tragen oder Wachs zu bereiten. O nein, niemals
werde ich das tun. Ich will die blühende Welt sehen und kennenlernen,
ich bin nicht, wie die andern Bienen sind, mein Herz ist für Freude und
Überraschungen, für Erlebnisse und Abenteuer bestimmt. Ich will keine
Gefahren fürchten, habe ich nicht Kraft und Mut und einen Stachel?«
Sie lachte vor Übermut und Freude und nahm einen tiefen Schluck
Honigsaft aus dem Kelch der Tulpe.
Großartig, dachte sie, es ist wirklich herrlich, zu leben.
Ach, wenn die kleine Maja geahnt hätte, wie vielerlei an Gefahren und
Not ihrer wartete, hätte sie sich sicherlich besonnen. Aber sie ahnte es
nicht und blieb bei ihrem Vorsatz. Ihre Müdigkeit überwältigte sie bald,
und sie schlief ein. Als sie erwachte, war die Sonne fort, und das Land
lag in Dämmerung. Ihr Herz schlug doch ein wenig, und sie verließ
zögernd die Blume, die im Begriff war, sich für die Nacht zu schließen.
Unter einem großen Blatt, hoch im Wipfel eines alten Baums, versteckte
sie sich, und im Einschlafen dachte sie zuversichtlich:
Ich will nicht gleich am Anfang den Mut verlieren. Die Sonne kommt
wieder, das ist bestimmt, Kassandra hat es gesagt, man muß nur fest und
ruhig schlafen.