Erstes Kapitel

+Majas Flucht aus der Heimatstadt+

Die ältere Bienendame, die der kleinen Biene Maja behilflich war, als

sie zum Leben erwachte und aus ihrer Zelle schlüpfte, hieß Kassandra und

hatte großes Ansehen im Stock. Es waren damals sehr aufgeregte Tage,

weil im Volk der Bienen eine Empörung ausgebrochen war, die die Königin

nicht unterdrücken konnte.

Während die erfahrene Kassandra der kleinen Maja, deren Erlebnisse ich

erzählen werde, die großen blanken Augen trocknete und ihr die zarten

Flügel etwas in Ordnung zu bringen suchte, brummte der große Bienenstock

bedrohlich, und die kleine Maja fand es sehr warm und sagte es ihrer

Begleiterin.

Kassandra sah sich besorgt um, aber sie antwortete der Kleinen nicht

gleich. Sie wunderte sich darüber, daß das Kind schon so früh etwas

auszusetzen fand, aber im Grunde war es richtig, die Wärme und das

Gedränge waren beinahe unerträglich. Maja sah ununterbrochen Biene auf

Biene an sich vorübereilen, das Geschiebe und die Eile waren so groß,

daß zuweilen die eine über die andere fortkletterte und wieder andere

sich wie zu Klumpen geballt vorüberwälzten.

Einmal war die Königin in ihrer Nähe gewesen. Kassandra und Maja wurden

etwas beiseitegedrängt, aber eine Drohne, ein freundlicher junger

Bienenherr von gepflegtem Aussehen, war ihnen behilflich. Er nickte Maja

zu und strich sich etwas erregt mit dem Vorderbein, das bei den Bienen

als Arm und Hand gebraucht wird, über seine glänzenden Brusthaare.

»Das Unheil wird hereinbrechen«, sagte er zu Kassandra. »Der Schwarm der

Revolutionäre wird die Stadt verlassen. Sie haben schon eine neue

Königin ausgerufen.«

Kassandra beachtete ihn fast gar nicht. Sie hatte sich nicht einmal für

die Hilfe bedankt, und Maja empfand deutlich, daß die alte Dame recht

unfreundlich gegen den jungen Herrn war. Sie wagte nicht recht zu

fragen, die Eindrücke kamen alle so rasch hintereinander und drohten sie

zu überwältigen. Die Erregung teilte sich ihr mit, und sie begann ein

feines helles Summen.

»Was fällt dir ein«, sagte Kassandra. »Ist nicht schon Lärm genug?«

Maja war sofort still und richtete ihre Augen fragend auf ihre ältere

Freundin.

»Komm hierher,« sagte diese zu Maja, »wir wollen versuchen, uns hier

etwas zu sammeln.«

Sie schob Maja bei ihrem schönen glänzenden Flügel, der noch weich und

ganz neu und wundervoll durchsichtig war, in eine wenig besuchte Ecke

vor ein paar Wabenschränke, die mit Honig gefüllt waren.

Maja blieb stehn und hielt sich an einem der Schränke fest.

»Hier riecht es ausgezeichnet«, sagte sie zu Kassandra.

Die Alte wurde wieder ganz nervös:

»Du mußt warten lernen«, antwortete sie. »Kind, ich habe in diesem

Frühling schon viele hundert junge Bienen erzogen und für ihre erste

Ausfahrt unterrichtet, aber mir ist noch keine vorgekommen, die so

naseweis gewesen wäre. Du scheinst eine Ausnahmenatur zu sein.«

Maja errötete und fuhr mit den beiden zarten Fingerchen ihrer Hand in

den Mund:

»Was ist das?« fragte sie schüchtern, »eine Ausnahmenatur.«

»O, das ist etwas durchaus Unschickliches«, rief Kassandra, die

allerdings die Handbewegung der kleinen Biene meinte und ihre Frage

nicht beachtet hatte. »Jetzt merke genau auf alles, was ich dir sage,

denn ich kann dir nur kurze Zeit widmen, es sind schon wieder neue Junge

ausgeschlüpft und meine einzige Gehilfin in dieser Etage, Turka, ist

ohnehin aufs äußerste überarbeitet und klagte in den letzten Tagen über

Ohrensausen. Setz dich hier.«

Maja gehorchte und schaute mit ihren großen braunen Augen auf ihre

Lehrerin.

»Die erste Regel, die eine junge Biene sich merken muß,« sagte Kassandra

und seufzte, »ist, daß jede in allem, was sie denkt und tut, den anderen

gleichen und an das Wohlergehn aller denken muß. Es ist bei der

Staatsordnung, die wir seit undenkbar langer Zeit als die richtige

erkannt haben und die sich auch aufs beste bewährt hat, die einzige

Grundlage für das Wohl des Staates. Morgen wirst du ausfliegen. Eine

ältere Gefährtin wird dich begleiten. Du darfst zuerst nur kleine

Strecken fliegen und mußt dir die Gegenstände genau merken, an denen du

vorüberkommst, damit du immer zurückfliegen kannst. Deine Begleiterin

wird dir die hundert Blumen und Blüten beibringen, die den besten Honig

haben, die mußt du auswendig lernen, das bleibt keiner Biene erspart.

Die erste Zeile kannst du dir gleich merken: 'Heidekraut und

Lindenblüte.' Sag es nach.«

»Das kann ich nicht,« sagte die kleine Maja, »das ist furchtbar schwer.

Ich werde es ja später auch schon sehn.«

Die alte Kassandra riß die Augen auf und schüttelte den Kopf.

»Mit dir wird es schlecht hinausgehn,« seufzte sie, »das sehe ich schon

jetzt.«

»Soll ich denn später den ganzen Tag Honig sammeln?« fragte die kleine

Maja.

Kassandra seufzte tief und sah die kleine Biene einen Augenblick ernst

und traurig an. Es erschien, als erinnerte sie sich ihres eigenen

Lebens, das von Anfang bis zu Ende voll Mühe und Arbeit gewesen war. Und

dann sagte sie mit veränderter Stimme und sah Maja liebreich an:

»Meine kleine Maja, du wirst den Sonnenschein kennenlernen, hohe grüne

Bäume und blühende Wiesen voller Blumen, Silberseen und schnelle

glitzernde Bäche, den strahlenden blauen Himmel, und zuletzt vielleicht

sogar den Menschen, der das Höchste und Vollkommenste ist, was die Natur

hervorgebracht hat. Über allen diesen Herrlichkeiten wird dir deine

Arbeit zur Freude werden. Sieh, dies alles steht dir ja noch bevor, mein

Herzelein, du hast Grund, glücklich zu sein.«

»Gut,« sagte die kleine Maja, »das will ich denn auch.«

Kassandra lächelte gütig. Sie wußte nicht recht, woher es kam, aber sie

hatte plötzlich eine ganz besondere Liebe zur kleinen Maja gefaßt, wie

sie sich kaum erinnerte jemals für eine andere junge Biene gefühlt zu

haben. Und so mag es denn wohl gekommen sein, daß sie der kleinen Maja

mehr sagte und erzählte, als für gewöhnlich die Bienen an ihrem ersten

Lebenstag hören. Sie gab ihr vielerlei besondere Ratschläge, warnte sie

vor den Gefahren der argen Welt draußen und nannte ihr die

gefährlichsten Feinde, die das Volk der Bienen hat. Endlich sprach sie

auch lange von den Menschen und legte in das Herz der keinen Biene die

erste Liebe zu ihnen und den Keim einer großen Sehnsucht, sie

kennenzulernen.

»Sei höflich und gefällig gegen alle Insekten, die dir begegnen,« sagte

sie zum Schluß, »dann wirst du mehr von ihnen lernen, als ich dir heute

sagen kann, aber hüte dich vor den Hornissen und Wespen. Die Hornissen

sind unsere mächtigsten und bösesten Feinde, und die Wespen sind ein

unnützes Räubergeschlecht ohne Heimat und Glauben. Wir sind stärker und

mächtiger als sie, aber sie stehlen und morden, wo sie können. Du kannst

deinen Stachel gegen alle Insekten brauchen, um dir Achtung zu

verschaffen und um dich zu verteidigen, aber wenn du ein warmblütiges

Tier stichst oder gar einen Menschen, so mußt du sterben, weil dein

Stachel in ihrer Haut hängenbleibt und zerbricht. Steche solche Wesen

nur im Falle der höchsten Not, aber dann tu es mutig und fürchte den Tod

nicht, denn wir Bienen verdanken unser großes Ansehen und die Achtung,

die wir überall genießen, unserem Mut und unserer Klugheit. Und nun leb

wohl, kleine Maja, hab Glück in der Welt und sei deinem Volk und deiner

Königin treu.«

Die kleine Biene nickte und erwiderte den Kuß und die Umarmung ihrer

alten Lehrerin. Sie legte sich mit heimlicher Freude und Erregung zum

Schlaf nieder und konnte vor Neugierde kaum einschlummern, denn mit dem

kommenden Tag sollte sie die große weite Welt kennenlernen, die Sonne,

den Himmel und die Blumen.

In der Bienenstadt war es inzwischen ruhig geworden. Ein großer Teil der

jüngeren Bienen hatte das Reich verlassen, um einen neuen Staat zu

begründen. Lange hörte man den großen Schwarm im Sonnenschein brausen.

Es war nicht aus Übermut oder böser Gesinnung gegen die Königin

geschehn, sondern das Volk hatte sich so stark vermehrt, daß die Stadt

nicht mehr Raum genug für alle Bewohner bot und daß unmöglich so viel

Honigvorräte eingebracht werden konnten, daß alle über den Winter ihr

Auskommen hatten. Denn ein großer Teil des Honigs, der im Sommer

gesammelt wurde, mußte an den Menschen abgetreten werden. Das waren alte

Staatsverträge, dafür sicherten die Menschen das Wohlergehn der Stadt,

sorgten für Ruhe und Sicherheit und im Winter für Schutz gegen die

Kälte.

Am anderen Morgen hörte Maja an ihrem Lager den fröhlichen Ruf:

»Die Sonne ist aufgegangen!«

Sofort sprang sie empor und schloß sich einer Honigträgerin an.

»Gut,« sagte diese freundlich, »du kannst mit mir fliegen.«

Am Tor hielten die Wächter sie an. Es war ein rechtes Gedränge. Einer

der Torhüter sagte der kleinen Maja das Losungswort ihres Volkes, ohne

das keine Biene in die Stadt gelassen wird.

»Merk es dir«, sagte er, »und viel Glück auf deinen ersten Weg.«

Als die kleine Biene vor das Stadttor trat, mußte sie die Augen

schließen vor der Fülle von Licht, die ihr entgegenströmte. Es war ein

Leuchten von Gold und Grün, so über alles reich und warm und strahlend,

daß sie vor Seligkeit nicht wußte, was sie tun oder sagen sollte.

»Das ist aber wirklich großartig«, sagte sie zu ihrer Begleiterin.

»Fliegt man da hinein?!«

»Nur zu!« sagte die andere.

Da hob die kleine Maja ihr Köpfchen, bewegte ihre schönen neuen Flügel

und empfand plötzlich, daß das Flugbrett, auf dem sie saß, zu versinken

schien. Und zugleich war ihr, als glitte das Land unter ihr fort, nach

hinten hin fort, und als kämen die großen grünen Kuppeln vor ihr auf sie

zu.

Ihre Augen glänzten, ihr Herz jubelte.

»Ich fliege,« rief sie, »das kann nur Fliegen sein, was ich tue! Das ist

aber in der Tat etwas ganz Ausgezeichnetes.«

»Ja, du fliegst«, sagte die Honigträgerin, die Mühe hatte, an Majas

Seite zu bleiben. »Das sind die Linden, auf die wir zufliegen, unsere

Schloßlinden, daran kannst du dir die Lage unserer Stadt merken. Aber du

fliegst wirklich sehr schnell, Maja.«

»Das kann man gar nicht rasch genug«, sagte Maja. »O, wie duftet der

Sonnenschein!«

»Nein,« sagte die Trägerin, die etwas außer Atem war, »das sind die

Blüten. Aber nun fliege langsamer, sonst bleibe ich zurück, und du

kannst dir auch auf diese Art die Gegend nicht für den Rückweg merken.«

Aber die kleine Maja hörte nicht. Sie war wie in einem Rausch von

Freude, Sonne und Daseinsglück. Ihr war, als glitte sie pfeilgeschwind

durch ein grünleuchtendes Meer von Licht, einer immer größeren

Herrlichkeit entgegen. Die bunten Blumen schienen sie zu rufen, die

stillen beschienenen Fernen lockten sie und der blaue Himmel segnete

ihren jauchzenden Jugendflug. So schön wird es nie mehr, wie es heute

ist, dachte sie, ich kann nicht umkehren, ich kann an nichts denken, als

an die Sonne.

Unter ihr wechselten die bunten Bilder, langsam und breit zog das

friedliche Land im Licht dahin. Die ganze Sonne muß aus Gold sein,

dachte die kleine Biene.

Als sie über einem großen Garten angelangt war, der in lauter blühenden

Wolken von Kirschbäumen, Rotdorn und Flieder zu ruhn schien, ließ sie

sich zu Tode erschöpft nieder. Sie fiel in ein Beet von roten Tulpen und

hielt sich an einer der großen Blüten fest, preßte sich an die

Blumenwand, atmete tief und beseligt und sah über den schimmernden

Lichträndern der Blume den strahlend blauen Himmel.

»O, wie tausendmal schöner ist es in der großen Welt draußen,« rief sie,

»als in der dunklen Bienenstadt. Niemals werde ich nach dort

zurückkehren, um Honig zu tragen oder Wachs zu bereiten. O nein, niemals

werde ich das tun. Ich will die blühende Welt sehen und kennenlernen,

ich bin nicht, wie die andern Bienen sind, mein Herz ist für Freude und

Überraschungen, für Erlebnisse und Abenteuer bestimmt. Ich will keine

Gefahren fürchten, habe ich nicht Kraft und Mut und einen Stachel?«

Sie lachte vor Übermut und Freude und nahm einen tiefen Schluck

Honigsaft aus dem Kelch der Tulpe.

Großartig, dachte sie, es ist wirklich herrlich, zu leben.

Ach, wenn die kleine Maja geahnt hätte, wie vielerlei an Gefahren und

Not ihrer wartete, hätte sie sich sicherlich besonnen. Aber sie ahnte es

nicht und blieb bei ihrem Vorsatz. Ihre Müdigkeit überwältigte sie bald,

und sie schlief ein. Als sie erwachte, war die Sonne fort, und das Land

lag in Dämmerung. Ihr Herz schlug doch ein wenig, und sie verließ

zögernd die Blume, die im Begriff war, sich für die Nacht zu schließen.

Unter einem großen Blatt, hoch im Wipfel eines alten Baums, versteckte

sie sich, und im Einschlafen dachte sie zuversichtlich:

Ich will nicht gleich am Anfang den Mut verlieren. Die Sonne kommt

wieder, das ist bestimmt, Kassandra hat es gesagt, man muß nur fest und

ruhig schlafen.

Die Biene Maja und ihre Abenteuer · 第 2 / 20 题