Wenn wir die Schauer der Regennacht

Unter Sturmespfeifen wachend vollbracht:

Kannst du freilich auf üppigen Pfühlen

Wollüstig träumend die Glieder fühlen.

Bist doch ein ehrlos erbärmlicher Wicht;

Ein deutsches Mädchen küßt dich nicht,

Ein deutsches Lied erfreut dich nicht,

Und deutscher Wein erquickt dich nicht. --

Stoßt mit an,

Mann für Mann,

Wer den Flamberg schwingen kann!

Mit jeder Strophe steigerte sich die Begeisterung der Anwesenden, mit

jeder Strophe aber schien auch Kraft und Glut des Sprechers zu wachsen.

Und nun erklang tief ergreifend, mächtig packend die letzte:

Und schlägt unser Stündlein im Schlachtenrot,

Willkommen dann, sel'ger Soldatentod! --

Du verkriechst dich in seidene Decken,

Winselnd vor der Vernichtung Schrecken,

Stirbst als ein ehrlos erbärmlicher Wicht;

Ein deutsches Mädchen beweint dich nicht,

Ein deutsches Lied besingt dich nicht,

Und deutsche Becher klingen dir nicht. --

Stoßt mit an,

Mann für Mann,

Wer den Flamberg schwingen kann!

Hunderte stimmten ein in die letzten Worte, die Lützower hatten die

Klingen aus den Scheiden gezogen und schlugen sie klirrend aneinander,

und als Konrad von dem Tische herabsprang, zog ihn stürmisch der alte

Freund an die Brust, der Hund, der ruhig zu dessen Füßen gelegen,

bellte laut wie in freudiger Zustimmung, und überall her streckten sich

ihm Hände entgegen zu herzlichem Drucke.

Aus der Mitte der Menschen aber rang sich ein junges Mädchen los,

hochgewachsen und schlank, mit dunklen Augen, die jetzt wie von

heiligem Feuer brannten, und einem ungemein lieblichen und von

Begeisterung gerötetem Gesichte. Sie war an den Tisch der Studenten

hingeeilt, mit einer heftigen Bewegung schob sie Krüge und Becher

hinweg, daß sie umstürzten und die braune Flut sich auf den Boden

ergoß, und mit schöner, volltöniger Stimme rief sie den erstaunten

Zechern zu:

»Und Euch brennt's nicht in den Herzen, hinzutreten und Euer Blut und

Leben mit einzusetzen? -- Euch lodern nicht die Wangen in verzehrender

Scham darüber, daß Ihr bis jetzt vergessen habt, was Eure heilige

Pflicht wäre? -- O daß ich nur ein Mädchen bin! Ich wüßte, was ich

für ein Los erwählte. Siegen mit dem Vaterlande, oder sterben für das

Vaterland! Wer ein Mann und kein Bube hinter dem Ofen ist, hat in

dieser Stunde keine Wahl, und eine bessere Gelegenheit, Euern Mut zu

zeigen, findet Ihr nicht. Das sind nicht Söldner, die hier unter uns

stehen, sondern freie und edle Männer, die der Kampf und die Rache

zusammenführen -- in ihren Reihen ist noch Platz für viele. Vorwärts

mit Gott!«

»Das soll ein Wort sein!« rief einer aus dem Kreise der Studenten, ein

frischer Junge mit blitzenden Augen. Dann schritt er rasch an Konrad

Schmidt heran und streckte ihm die Hand entgegen:

»Hier habt Ihr mich -- ich bin von Stund' an ein Lützower!«

»Auch ich! -- Und ich! -- Und ich!« -- Und immer mehr eilten herbei,

und die allgemeine Begeisterung stieg in das Unendliche. Nur Bastian

saß mit einem beinahe blöden Grinsen und mit den von Trunkenheit

glänzenden Augen da, ein nahezu widerwärtiges Bild in diesem Momente.

Er sah nur das schöne, erregte Mädchen, aber in seine Seele fiel kein

Strahl der Erhebung; und wie sie jetzt an ihm vorüberstreifte, schlang

er plötzlich seinen Arm um sie und zog die Überraschte an sich heran.

»Ein ganz schönes Schätzchen!« sagte er mit schwerer Zunge; das Mädchen

aber, das einen seltsamen Blick der Verachtung auf ihn geworfen, rang

sich los und rief nur das Wörtchen: Pfui! ihm ins Gesicht. Das aber

brannte auf demselben, als hätte der frivole Bursche einen Schlag

erhalten. Er schnellte vom Sitze auf und wollte zornig nach dem Mädchen

greifen, aber ein stattlicher älterer Herr stand dazwischen.

»~Dr.~ _Wendler_ -- und hier meine Tochter! Wenn Sie etwas von ihr

wünschen, wenden Sie sich an mich!« sagte er kühl und fest, und nahm

das Mädchen, das jetzt ein leises Zittern überlief, an der Hand.

»Was fällt dir ein, _Elise_?«

Sie warf sich einen Augenblick an die Brust des Mannes: »Verzeih,

Vater, ich konnte nicht anders -- und es war ja auch gut so. Jetzt aber

laß mich auch dem Lützower danken, der im Namen Körners gesprochen hat!«

Konrad Schmidt aber suchte auch seinerseits die patriotische Jungfrau,

und so begegneten sie sich auf halbem Wege und streckten sich von

selbst die Hände entgegen, und Beider Worte klangen durcheinander.

Als die allgemeine Bewegung ein wenig verflutet war, saß ~Dr.~ Wendler

mit seiner Tochter an dem Tische neben Konrad, und im Gespräche stellte

es sich heraus, daß er dessen Vater aus der Studentenzeit von Jena

her kannte. Er bat darum den jungen Mann dringend, bei ihm Quartier

zu nehmen, zumal auch Theodor Körner, dessen Vater ebenfalls ihm warm

befreundet sei, bei ihm wohne. Da Konrad ohnehin mit seinen beiden

Freunden nicht gemeinsam hausen konnte, nahm er das Anerbieten dankbar

an, und gegen Abend ging er mit dem Doktor und seinem schönen Kinde

heimwärts. Zuvor aber wurde Elisen noch eine Ovation dargebracht, deren

spontane Begeisterung ihr heiße Röte in die Wangen trieb.

Der Tisch, an dem die Studenten saßen, war leer geworden, nur Bastian

saß noch an demselben, das gerötete Gesicht auf die Faust gestemmt, und

sah höhnisch lächelnd die Drei an sich vorübergehen. »Viel Vergnügen,

Hähnchen!« rief er spöttisch, aber niemand kümmerte sich um ihn, und er

griff wieder zu seinem Trunke. ~Dr.~ Wendler aber sagte:

»Wer ist der unangenehme Bursche?«

»Ein Pfahl im Fleisch unseres Korps,« erwiderte Schmidt -- »wo Licht

ist, ist auch Schatten, und wir haben noch mehr Elemente, angesichts

derer man mit Moor sagen möchte: «Ich will unter Euch treten und

fürchterlich Musterung halten.»« ...

~Dr.~ Wendler bewohnte ein freundliches Haus in einer Vorstadt, und

Schmidt fand sich trefflich bei ihm aufgehoben. Daß er mit Körner unter

einem Dache hauste, war ihm besonders erfreulich, und die beiden für

gleiche Ziele begeisterten Jünglinge kamen sich rasch freundschaftlich

nahe. Die Tage vergingen schnell und schön, und vor dem ernsten

Kriegesspiel war es noch einmal wie ein freundliches Idyll, das die

jungen Krieger umgab. Da ging am 23. April die Kunde, es sei der Befehl

von Scharnhorst eingetroffen zum sofortigen Ausmarsch, wobei das

Fußvolk sich in den Harz, in den Sölling oder in den Lippeschen Wald

werfen, die Reiterei die Verbindung der einzelnen Abteilungen erhalten

und den Feind in den Flanken und im Rücken belästigen sollte.

Die Nachricht brachte Erregung unter die Streiter und ihre gastlichen

Wirte. Die Waffen wurden immer wieder geschärft und geputzt, Briefe an

Verwandte und Freunde geschrieben, und manch' bewegter Abschied ward

genommen.

In dem Garten des ~Dr.~ Wendler, auf dem in der Sonne flimmernden

Kiesweg ging Konrad Schmidt neben Elise. Der Frühling hatte rings die

ersten Blüten gelockt, ein Veilchenduft lag in den Lüften, und das

junge Grün an Baum und Strauch lachte ins Herz. Da ging den beiden

Menschen die Seele auf. Konrad hatte erzählt von seinem stillen

Vaterhause und von seiner kranken, heldenmütigen Mutter, und die Augen

des schönen Mädchens an seiner Seite leuchteten.

»Ja, auch das Weib kann stark sein, wenn es das Vaterland gilt!« sprach

sie mit glühenden Wangen. -- »O daß ich die Kraft zeigen könnte, die in

mir lebte. Aber ich muß hier ruhig sitzen mit gefalteten Händen, und

kann nur wünschen und beten.«

»O nein, Sie können mehr -- Sie haben es bewiesen im «Rosenthal», wo

Ihre Worte die Herzen entflammten, und Sie werden es beweisen, wenn

unsere wunden Leiber im Lazarett liegen und der Pflege bedürfen werden.

Dort wird der Schauplatz des weiblichen Heldensinnes sein.«

Das Mädchen schauderte leicht zusammen:

»O daß ich keinen, der mir lieb ist, dort finden müßte -- und doch,

wenn's wäre, ich wollte Nacht und Tag nicht rasten, um ihn der Genesung

entgegenzuführen und dem Vaterlande zu erhalten.«

Von einer seltsamen Rührung ergriffen, streckte Konrad ihr beide Hände

entgegen, und sie legte langsam, wie zu einem stummen Gelöbnis, die

ihrigen hinein:

»So gern ich mein Blut und Leben dem Vaterlande opfere, so glücklich

wäre ich doch, Sie im befreiten Vaterlande wiedersehen zu können;

dürfte ich darauf zählen, daß Sie auch für mich ein Blatt des

Lorbeers hätten, es mir auf die heiße Stirn zu legen, und daß Sie ein

freundliches Willkommen mir böten?«

»Das dürfen Sie. Was soll heute thörichte Zurückhaltung? Wer dem andern

einen Trost und eine Freude mitgeben kann auf seinen Weg, der mag es

thun. Ja, als ich Sie im «Rosengarten» sah und hörte, wie Sie aus

innerster Seele Körners Lied in heiliger Begeisterung sprachen, da hat

es mich hingezogen zu Ihnen, und ich weiß seitdem, daß ich Sie lieb

habe und daß mein Denken mit Ihnen geht in den herrlichen Streit!«

»Elise!« rief er mit einem mühsam verhaltenen Aufjauchzen, dann hielt

er einen Augenblick nur die Jungfrau im Arm und fühlte ihren Kuß auf

seinem Munde, sogleich aber wand sie sich los und sagte errötend:

»Genug! Dazu ist jetzt nicht Zeit!«

»Ja, du hast Recht, du Herrliche, aber wie ein Geweihter gehe ich

nun zum Streite und fechte auch für dich. Helfe Gott uns und dem

Vaterlande!«

Sie riß einen kleinen blühenden Zweig vom nächsten Strauche und reichte

ihn dem Jüngling. »Zur Erinnerung an diese Stunde!« sprach sie dabei;

er aber nahm die Blüten und legte sie in seine Brieftasche und barg

diese an der Brust über dem Herzen.

»So geht der Zweig mit mir in Kampf und Streit -- vielleicht auch in

den Tod!« sagte er leise, und dann gingen sie schweigend, Hand in Hand,

den umbuschten Weg entlang.

Zwei Tage später brach das Lützowsche Korps von Leipzig auf in einer

Stärke von 1000 Mann Fußvolk und 340 Reitern, wozu noch 50 Kosaken

stießen, die der russische General Wintzingerode beigestellt hatte. Nur

eine kleine Abteilung unter dem Rittmeister Fischer blieb zunächst noch

zurück.

Vielfach marschierte man die Nächte hindurch und rastete am Tage

abseits von den Straßen in Gehölz oder in einem entlegenen Dorfe,

wobei Streifdetachements und Patrouillen nach verschiedenen Seiten

zur Rekognoszierung ausgesandt wurden. Mancher kleine glückliche

Handstreich gelang, Couriere wurden aufgefangen, Kassen aufgehoben,

feindliche Transporte weggenommen, aber die Sehnsucht, so recht

eigentlich an den Feind zu kommen, schien sich nicht sobald erfüllen zu

sollen.

Just da das Korps über die Elbe gehen wollte, kam die Nachricht von

der Schlacht bei Großgörschen, die am 2. Mai geschlagen worden war.

Wohl waren die Verbündeten von Napoleon zum Rückzug gezwungen worden,

aber der Reiter, der die Kunde brachte und selbst mitgefochten hatte,

erzählte von der Begeisterung, die Aller Herzen erfüllte, und wie

keiner das Gefühl einer Niederlage habe, denn die Franzosen hätten viel

Leute und auch zahlreiches Geschütz verloren, und die deutschen Truppen

brennten vor Begierde nach neuem Kampf.

Lützow aber mußte unter diesen Umständen doch seine Absicht, den Harz

zu gewinnen, aufgeben, und gedachte sich mit dem General Wallmoden zu

vereinen, um sich mit diesem gegen den Marschall Davoust zu wenden, der

Hamburg bedrohte.

Einige kleinere Abteilungen jedoch sollten in der Altmark bleiben und

diese in der gewohnten Weise durchstreifen.

Bei einer derselben befanden sich Schmidt und Zander. Unter Führung

des Lieutenants von Reiche trabte die kleine Schar fröhlich und

unternehmungslustig in den schönen Maimorgen hinein. Sie war von

Seehausen ausgeritten, um den Elbe-abwärts stehenden Feind aufzusuchen.

Über Schnackenburg ging es nach Dannenberg und Dalenburg, immer mit der

nötigen Vorsicht. Schmidt und Zander bildeten die Vorhut und ritten

etwa ein halbes Stündchen den Andern voraus. Bei Dalenburg hielten sie

vor einem einsamen Mühlengehöft einige Augenblicke an, um einen Trunk

zu begehren. Der Müller war herausgetreten und sah sie einigermaßen

verwundert an.

»Wo wollt Ihr denn hin? -- Wenn Ihr hier die Straße weiter reitet,

kommt Ihr auf Ulanen.«

»Was für Ulanen?« fragte Schmidt.

»Ja, ich meine, es sind Polen -- sie schnackten so unverständlich --

Preußen sind's nicht. Auch müssen wohl morgen oder übermorgen viel

Franzosen nach Berge und Clenze kommen wollen, denn sie müssen dort

große Lieferungen aufbringen,« sagte der Mann.

»Habt schönen Dank, Müller,« rief Schmidt, und gleich darauf stoben

die beiden Lützower davon, die Straße zurück, auf welcher sie gekommen

waren. Der Müller sah ihnen mit schmunzelndem Behagen nach und

murmelte: »Sind frische Jungen und zu gut für 'ne Franzosenkugel!«

Die beiden hatten dem Lieutenant von Reiche ihre Meldung gemacht,

dieser überzeugte sich am nächsten Tage, daß die Reklamationen in

Clenze nur zum Schein gemacht worden waren und um irrezuführen, und

schickte nun die beiden Freunde zu dem Lieutenant Obermann nach

Seehausen zur weiteren Meldung.

Von dieser Sendung ritten die Beiden gegen Neuhaldensleben zurück, wo

ihre kleine Abteilung stand. Der Abend war hereingebrochen und Schmidt

fand, daß sie sich verirrt hatten. Ihre Pferde waren müde, und Roß und

Reiter war einige Rast zu gönnen.

Im dämmerigen Zwielicht hatten sie einen kleinen Flecken mit einem

größeren Gebäude, vielleicht einem Gutshofe, etwas seitab bemerkt, und

auf diesen ritten sie zu. Der Maiabend war trübe, gegen Sonnenuntergang

stand eine Wolkenwand, und der kleine Ort lag, wie sie näher kamen, wie

in einen Nebelschleier gehüllt. Den Beiden war das nicht unangenehm,

sie kamen so unbemerkt bis an das erste Gehöft, und unfern desselben

stieg Schmidt vom Rosse und bat seinen Gefährten, mit den zwei Pferden

zurückzubleiben, indes er selbst sich in den Ort schleichen und

kundschaften wolle, ob alles sicher sei.

Zander ritt ein wenig seitab vom Wege mit den Rossen, Schmidt aber

huschte durch den Nebel fort, bis er an einen Gartenzaun kam. Rasch

und gewandt kletterte er über denselben, und geräuschlos setzte er

seinen Weg fort durch den Garten, in welchen er geraten. Da vernahm er

unfern ein eigentümliches Geräusch, wie das Arbeiten eines Messers in

frischem Holze und dann ein Knacken. Vorsichtig eilte er näher, und nun

vermochte er, gedeckt von einem kleinen Gebüsche, deutlich zu sehen,

wie ein Mensch zwischen den jungen Stämmchen einer Baumschule stand

und eben jetzt wieder eines derselben anschnitt. Mehrere waren schon

geknickt und senkten traurig die gebrochenen Kronen mit dem junggrünen

Laube.

Das war ein empörender Frevel, und ohne Überlegen sprang Konrad vor und

fiel dem Menschen mit raschem Griff in den rechten Arm. In der ersten

Bestürzung ließ dieser das Messer fallen, dann sah er seinen Gegner in

der dunklen Uniform, deren Knöpfe deutlich blinkten, an, und da er sah,

daß dieser jung und scheinbar nicht allzu kräftig sei, wollte er mit

einem Fluche sich ihm entwinden. Aber Konrad war stärker als er aussah

und hielt den Burschen eisern fest.

So rangen sie stumm, denn Jeder hatte ein Interesse, Lärm zu vermeiden,

obwohl es dem Lützower in dem Augenblicke nicht klar war, was er mit

dem Burschen wollte. Jetzt bellte ein Hund, und gleich darauf kam das

Tier in langen Sätzen herbei. Der Mensch rief es halblaut an: »Sultan,

Sultan -- faß!« und aufs neue suchte er mit allem Kraftaufwande sich

frei zu machen.

Nun war das Tier zur Stelle, aber anstatt Konrad anzugreifen, stand es

bei den Ringenden und erhob ein wütendes Gebell, das notwendigerweise

Aufsehen erregen mußte. Nun kannte auch Schmidt keine Rücksicht mehr,

er rief laut: »Herbei, Hierher!« und schon nach wenigen Augenblicken

kamen Schritte in großer Hast. Ein älterer Mann in Bauerntracht

erschien, hinter ihm ein junger Bursche.

[Illustration: Zu Seite 48.]

»Was giebt es da?« rief der Erstere schon von weitem.

»Einen verruchten Baumfrevler«, antwortete Konrad, der eben jetzt den

verzweiflungsvoll ringenden Gegner auf das Knie niedergedrückt hatte.

Der Bauer sah im ersten Augenblicke, was geschehen war, und rief

entsetzt beim Anblick der Bäumchen: »Wer hat mir das gemacht?«

»Hier ist er, ich selber traf ihn, wie er just ein Stämmchen umbrach,«

war Konrads Antwort.

Gleich darauf war der Bauer ganz zur Stelle und riß den Knieenden

empor, der keinen Widerstand mehr leistete.

»Du, Jakob?! -- Hund, elende Bestie -- was thu' ich nun mit dir?«

Er schüttelte den Verbrecher mit beiden Fäusten an den Schultern, und

der jüngere Bursche, der jetzt herangetreten war, schlug auf denselben

in stummer Wut ein. Der Lützower wehrte ab. »Nicht so -- übergebt ihn

dem Gericht!«

»Ach, wo haben wir ein Gericht!« -- sprach der Alte, noch immer in

heftiger Erregung. -- »Seit der Schelmfranzose hier haust, giebt's für

uns kein Recht, als das der Faust, und das muß der Schurke fühlen!«

Er schlug nun gleichfalls auf den Frevler ein, der mit den Armen sich

vergebens bemühte, die Schläge zu parieren, und dem nun auch der Hund

in die Beine fuhr, so daß die Fetzen von den Hosen herabhingen.

»Haltet ein, sag' ich -- das ist nicht menschlich, das ist tierisch!

Hat Euch denn die Not der Zeit so roh gemacht?« schrie jetzt entrüstet

der Lützower, und die beiden andern hielten ein, ohne den Verbrecher

loszulassen.

»Ja, Herr, so nehmt Ihr ihn mit -- Ihr seid doch so etwas wie ein

Gendarm!« sprach der Alte.

»Das bin ich nicht. Ich bin ein Reiter vom Lützowschen Korps und kann

den Burschen nicht brauchen. Laßt ihn laufen mit seiner Prügel und mit

seiner Schande und ruft ihm ein Pfui! hinterdrein, daß ein deutscher

Bursche heute seine Kraft nicht anders als zu solcher Schlechtigkeit

verwendet.«

Die drei andern sahen alle nach dem jungen Manne, der hochaufgerichtet

dastand und mit von dem Ringkampf noch bewegter Stimme redete; dann

sagte der Bauer:

»Ihr habt Recht, Herr ... aber laufen lasse ich ihn nicht, nicht jetzt,

denn er ginge doch hin und verriete Euch an die Franzosen, die wir

nah' genug haben. Georg« -- sprach er zu seinem Sohn -- »wir sperren

ihn in den Keller bis morgen -- dann mag er laufen, der Hund. -- Ihr

aber, Herr, nehmt einen Bissen und Trunk!«

Die zwei Männer zerrten den wundgeschlagenen Menschen fort, Konrad

folgte. Im Flur des Hauses brannte ein Lämpchen, dort sah er dem

Frevler ins Gesicht. Es war das eines jungen Burschen, um dessen

erhitztes und verzerrtes Antlitz kurz geschorenes dunkles Haar sich

schmiegte, und der mit finstern, bösen und trotzigen Augen den Lützower

ansah. Binnen kurzem war er im Keller untergebracht, und der Bauer war

zurückgekehrt.

»Es war mein Knecht, den ich heute wegen seiner Faulheit und seines

widerborstigen Wesens entlassen habe,« sagte er wie zum Verständnis

der ganzen Sache, dann lud er Konrad ein, in die Stube zu treten, aus

welcher eben sein Weib kam. Konrad dankte.

»Ihr seid ein wackrer Mann und habt ein deutsches Herz, das ist mir

klar geworden -- ich darf Euch trauen. Draußen vor dem Orte hab' ich

noch einen Kameraden mit unsern Pferden, wir brauchen kurze Rast --

sind wir hier sicher?«

»Ganz sicher nicht, Herr! Denn seht, das Rittergut gehört dem

französischen General Sebastiani, und wenn er auch selber nicht da

ist, einige von dem verdammten Schmeißzeug sind immer da, und wenn sie

Euch hier witterten, könnt's bös werden, denn wir könnten nicht einmal

helfen; uns sind die Hände gebunden, wenn wir nicht wollen, daß sie

uns den roten Hahn aufs Dach werfen. Darf Euch doch kaum im Hause hier

Jemand sehen, denn heutzutage kann man beinah Keinem mehr trauen.«

Ein kleiner Junge von etwa 12 Jahren war herangetreten, sah verwundert

den fremden Soldaten an und tastete jetzt zutraulich nach seinen Waffen.

»Mein Jüngster, Herr -- der wird gut. Was willst, Hannes?«

»Vater, 's sind zwei Chasseurs auf dem Gutshof -- sonst keiner, die

Gendarmen sind fortgeritten nach Hadmersleben.«

Über Konrad kam eine plötzliche Erregung.

»Ist das gewiß, Kleiner? -- Nur zwei sind da? Und ist das Hofgut

zugänglich?«

»Was habt Ihr vor?« fragte der Bauer.

»Wir wollen die Chasseurs aufheben; vielleicht findet sich auch sonst

noch etwas für uns.«

Die Augen des Jungen blitzten; er rief:

»O das thut! -- Ich gehe und halte Euch das Hofthor offen und sag'

Euch, wo Ihr sie findet!«

Er wollte fort, aber die andern hielten ihn zurück.

»Noch nicht, Hannes!« sprach der Bauer, und legte ihm wie mit

väterlichem Stolze die Hand auf den Kopf. »Ihr müßt mit Euerm Kameraden

erst ein wenig rasten, die Franzosen entwischen Euch später erst recht

nicht.«

Konrad war einverstanden, und nach kurzer Zeit hatte er Zander, der

seinetwegen schon in Besorgnis gewesen war, herbeigeholt und beide

erquickten sich an Speise und Trank, indes auch ihre Pferde ein gutes

Futter erhielten. Aber sie hatten keine Ruhe, und nach einer Stunde

etwa drängten sie zum Aufbruch. Sie wollten zu Fuß sich nach dem Hofe

begeben, sich dort der Leute und der Pferde bemächtigen, und dann zu

ihren Rossen zurückkehren, die man am Gartenzaun ihnen anbinden sollte.

Hannes war bereits vorausgeeilt, und als sie in die Nähe des Hofes

kamen, sprang er ihnen entgegen und meldete, die beiden Franzosen

säßen in einem Zimmer im Erdgeschoß beim Wein, und nur die alte

Wirtschafterin ginge bei ihnen ab und zu; sie seien wohl auch nicht

mehr nüchtern. Geräuschlos betraten die Lützower den Flur und

hörten jetzt das laute Sprechen und Lachen der Chasseurs. In diesem

Augenblicke erschien die alte Dienerin und mit einem Aufschrei des

Schreckens taumelte sie gegen die Wand. In der nächsten Sekunde öffnete

sich eine Thüre, und ein weinrotes Gesicht, das aus einem Uniformkragen

herausschaute, zeigte sich. Aber wie erstarrt waren im folgenden

Momente die Augen in demselben, als sie die beiden deutschen Reiter

sahen; doch ehe aus der gepreßten Kehle noch ein Laut hervorkam, war

schon Zander vorgesprungen, hatte die Thür aufgestoßen, so daß der

Franzose zurücktaumelte, und hielt ihm sein Pistol entgegen. In der

nächsten Sekunde war Schmidt an seiner Seite, und in französischer

Sprache rief er den beiden zu, sich zu ergeben.

Die Chasseurs waren plötzlich nüchtern geworden, sie sahen sich um nach

ihren Waffen, welche sie abgelegt hatten, aber die Drohung, daß sie

bei dem Versuche, sich zu wehren, niedergeschossen würden, ließ sie

widerstandslos sich in ihr Schicksal ergeben. Sie wurden einstweilen

im Keller, von dessen Festigkeit und Sicherheit vorher erst genaue

Kenntnis genommen war, eingesperrt, dann machten sich die Lützower

daran, die Gemächer des Generals Sebastiani zu durchsuchen. Dabei

fanden sie ein Schreiben, welches an ihn gerichtet und vielleicht von

den Chasseurs überbracht worden war. Sie öffneten es und lasen darin

von einem Anschlag, der gegen das kleine Streifkorps der Lützower unter

Reiche gerichtet war, das am nächsten Tage in Neuhaldensleben durch

Gendarmen und polnische Ulanen aufgehoben werden sollte.

Da galt es kein Säumen. Ohne Verzug mußte durch die Nacht

weitergeritten werden, wenn möglich auf frischen Pferden. Darum begaben

sich die beiden in den Stall, wo sie die Tiere der Chasseure, aber auch

einige prächtige Rosse des Generals fanden. Das war gute Beute, und

so verließen sie, nachdem sie die Pferde der beiden Franzosen, welche

diese bestiegen hatten, zusammengekoppelt hatten, und hart vor sich

hertraben ließen, den Hof und sprengten durch das Dorf.

Der Nebel hatte sich einigermaßen gelichtet, und der Mond machte einen

schwachen Versuch, sich aus den Wolken herauszuringen. Am Gartenzaune

des Bauern, der sie aufgenommen, standen ihre Pferde, dabei aber noch

ein drittes, in dessen Sattel ein Reiter saß. Es war der Sohn des

Bauern, und er sprach:

»Nehmt mich mit! Ich will ein Reiter werden wie Ihr, und dem deutschen

Vaterlande dienen.«

Konrad reichte ihm die Hand.

»Weiß dein Vater drum?«

»Ja,« sprach in dem Augenblicke der Alte und trat näher -- »und auch

seine Mutter weiß es. Reit' mit Gott, Friedel, und hilf uns bessere

Zeit erkämpfen! Trag' ihn gut, und bring' ihn wieder, Liese!« -- Damit

klatschte er leicht das Pferd auf den Schenkel, reichte seinem Jungen

stumm die Hand, desgleichen den beiden Lützowern, und dann ritt der

kleine Zug hinein in die Mainacht. Hannes aber stand am Gartenzaun und

sah ihm nach, und Thränen rannen dem Jungen über die Wangen, daß er

nicht mitkonnte.

Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung · 第 3 / 18 段