Anmerkungen zur Transkription
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Buches.
[Illustration: Cover]
Lützow's wilde Jagd.
Geschichtliche Erzählung
von
Anton Ohorn.
Mit 8 Vollbildern nach Originalen
von
E. Klingebeil.
Vierte Auflage.
[Illustration: Dekoration]
Leipzig,
Verlag von Abel & Müller.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von _Metzger & Wittig_ in Leipzig.
Vorwort.
Es war eine große, herrliche Zeit, als im Jahre 1813 sich das ganze
deutsche Volk erhob, um das Joch der französischen Gewaltherrschaft
abzuwerfen. Der Brand von Moskau ward die Morgenröte der
Befreiungskriege, und als das große Gottesgericht über die Heere
Napoleons auf den Schneefeldern Rußlands sich vollzogen hatte, da
leuchtete durch das dunkle, schwere Gewölk, das über dem deutschen
Lande gelegen hatte, der Aufruf des Königs von Preußen an sein Volk
wie ein heller Blitz, der die Gemüter entflammte zum heiligen Streite.
Deutsche Dichterstimmen fachten die erwachte Begeisterung an, und nun
strömte es von allen Seiten unter die Fahnen. Jung und Alt, Arm und
Reich, Hoch und Niedrig wollte Gut und Blut an das Höchste setzen, an
die Freiheit des Vaterlandes, und ein Geist lebte in Hunderttausenden.
In jenen Tagen war es, da der Major von Lützow eine kleine,
entschlossene Schar um sich sammelte, in welcher treffliche Männer
sich zusammenfanden. Wer kennt nicht die Namen Theodor Körner, Ludwig
Jahn, Friedrich Friesen u. a.? »Die schwarzen Gesellen« errangen bald
sich Ruf und Ruhm durch ihre kühnen Streifzüge, durch ihre nimmermüde
Unternehmungslust, mit der sie den Feind beobachteten, beunruhigten,
bedrängten, und sie haben ihren redlichen Teil am Erfolge jener großen
Tage. »Lützow's wilde, verwegene Jagd« ist unsterblich geworden, wie
der Dichter, der unter diesem Namen sie besungen hat, und der in ihren
Reihen bei Gadebusch den Heldentod starb.
Die Thätigkeit des tapferen Häufleins bildet den geschichtlichen
Hintergrund der vorliegenden Erzählung, die in ihren historischen
Momenten sich an die besten Quellen hält, und die sich die Aufgabe
gestellt hat, die Begeisterung für das Vaterland im Herzen des
deutschen Volkes und besonders der deutschen Jugend beleben und fördern
zu helfen. Wenn sie das nach ihrem bescheidenen Teil zu erreichen
vermöchte, wäre darüber herzlich erfreut
der Verfasser.
Inhalt.
Seite
Erstes Kapitel. Im deutschen Walde 7
Zweites Kapitel. Der Sturm bricht los 20
Drittes Kapitel. Ein teures Opfer 39
Viertes Kapitel. Der Verrat bei Kitzen 66
Fünftes Kapitel. Im Königreiche Westfalen 83
Sechstes Kapitel. In Kampf und Drang 104
Siebentes Kapitel. Heldentod 128
Achtes Kapitel. Frauenmut 145
Neuntes Kapitel. Siegesfreuden 167
Zehntes Kapitel. In Frankreich und wieder daheim 186
Erstes Kapitel.
Im deutschen Walde.
Der Märzabend dämmerte allgemach herein. Er war mild und freundlich,
spannte einen blauen Himmel über die Erde und ließ einen linden
Frühlingshauch über sie hinwehen, der seltsam beinahe in Widerspruch
stand mit den kahlen Ästen und Zweigen an Baum und Strauch, und mit
dem fahlen Grün auf Wiese und Anger. Die Welt lag tiefstille wie in
müdem Schweigen, aus der frischen Ackerfurche nur war eine Lerche
emporgestiegen und zitterte wie ein schwarzes Pünktchen hoch auf dem
blauen Grunde, und durch die Stille klang ihr jauchzendes Lied.
Der junge Bursche, der die Straße daherkam, die aus dem Sachsenlande
ihn nach Schlesien geführt hatte, blieb stehen, hob den Blick empor,
und die Hände auf seinen derben Wanderstock gestemmt, lauschte er. Ein
helles Lächeln lief wie ein Sonnenschimmer über sein hübsches Gesicht
bei dem Gesang des kleinen Vogels, und er murmelte:
»Das kündet den Frühling und die Auferstehung für deutsches Land und
deutsches Volk; sei uns zum guten Zeichen, Bote des Lenzes!«
Lauter schmetterte das Lied der Lerche, der Wanderer nickte einigemale
wie fröhlich zustimmend, dann schritt er rüstig weiter gegen
Sonnenaufgang. Es war ein prächtiger Bursche mit dunklen Locken um das
frische Gesicht, mittelgroß und kräftig, und seine braunen Augen sahen
frei und groß in die Welt. Er trug ein dunkles Sammetwams und eine Art
Barett von gleichem Stoffe, und auf dem Rücken ein Ränzel, über welches
er den zusammengeschlagenen Mantel gelegt hatte. So konnte man ihm den
fahrenden Studenten ohne weiteres ansehen. Er mochte heute schon ein
gut Stück Weges zurückgelegt haben, denn manchmal blieb er stehen wie
zu kurzer Rast, reckte und streckte sich, und dann schritt er wieder
fürbaß und pfiff, den müden Beinen zu neuer Ermunterung, sich ein
Marschlied oder eine Burschenweise vor.
Aber dichter senkten sich die Schleier des Abends, und vergeblich
hatte er bereits wiederholt nach einer menschlichen Niederlassung
ausgeschaut, doch er konnte keinen Flecken, kein Dorf, ja nicht einmal
ein einzelnes Haus sehen, und so wanderte er weiter. Nun führte die
Straße durch einen Wald. Dämmerig still war's um ihn her, die ganze
Natur schien allgemach in Schlummer zu sinken, und wenn der Bursche mit
seinem Pfeifen innehielt, vermeinte er seinen eigenen Herzschlag zu
hören.
Aber Furcht war ihm ferne, und seine Seele war voll großer Gedanken.
Man schrieb das Jahr 1813, das so bedeutsam für das deutsche Volk
werden sollte. Fern im Osten, in Moskau, war das Strafgericht über den
Mann des Jahrhunderts, Napoleon, hereingebrochen, in den Schneefeldern
Rußlands war sein Heer vernichtet worden, und die geknechteten Stämme
Deutschlands regten sich, um den Fuß des verhaßten Korsen von ihrem
Nacken abzuschütteln. In Ostpreußen hatte die Bewegung angefangen und
war mit Riesenschritten weiter gewandert, und das ganze zertretene
Preußenland, seinen König an der Spitze, hatte sich erhoben zu einem
letzten heiligen Streite gegen den dämonischen Franzosenkaiser. Am 17.
März hatte der König den Aufruf an sein Volk erlassen, und dieser hatte
eine ungeahnte Wirkung.
Von allen Seiten strömte es heran zu den Fahnen; Jung und Alt, Arm und
Reich, die Männer des Handwerks und der Wissenschaft -- Alle kamen,
ihr Herzblut anzubieten für die heilige Sache des Vaterlands. Die
Hörsäle der Hochschulen entleerten sich -- Schande wär' es gewesen,
wenn einer mit gesundem Leibe und kräftigen Gliedern zurückgeblieben
wäre. Auch unser Wanderer war mit zahlreichen andern Genossen von
Halle aufgebrochen, aber während diese ihr Ziel, Breslau, wohl
bereits erreicht hatten, hatte er noch einmal Einkehr gehalten in dem
schlichten Thüringer Pfarrhause, in welchem seine Wiege gestanden
hatte, um seine schwerkranke Mutter noch einmal zu sehen, die er
vielleicht nie wieder sah.
Als die Todkranke von seinem Entschlusse hörte, für's Vaterland in
den heiligen Krieg zu gehen, hatten ihre Augen aufgeleuchtet in
einem wundersamen Scheine. Ja, sie war eine von jenen deutschen
Heldenmüttern, die damals nicht selten waren, die ihr Einziges und
Liebstes hingaben auf den Altar des Vaterlandes, und da er von ihr
ging, hatte sie segnend ihm die heißen, hagern Hände auf das lockige
Haupt gelegt, thränenlos aber schweigend, und dem Jüngling war es, als
müsse er jener Spartanerin denken, die ihrem Sohne, der zur Schlacht
zog, nur das eine sagte: »Komme zurück mit deinem Schilde oder auf
deinem Schilde!«
Dann hatte der ernste, weißhaarige Vater ihn fest an seine Brust
gezogen und mit leise zitternder Stimme gesagt: »Der Herr segne
deinen Ausgang und unsere Waffen!« und darauf war er fortgegangen
aus dem Frieden des Elternhauses in die stürmisch bewegte Welt. Im
Morgensonnenschein hatte er vom nächsten Hügel aus noch einmal sein
Dörfchen liegen sehen, und die spiegelnden Fenster des Pfarrhauses
blinkten und winkten noch einmal zu ihm herauf, dann aber schwenkte er
die Mütze hinunter, und wandte sich ab und zerdrückte die Thräne, die
ihm ins Auge steigen wollte.
An all' das dachte er jetzt noch einmal, wie er durch den schweigenden
Wald schritt, und dabei war sein Pfeifen allgemach verstummt.
Nach etwa halbstündiger Wanderung, während welcher es zusehends dunkler
geworden war, kam er auf eine Lichtung und sah hier ein kleines
Gehöfte, von einer niedrigen Mauer umgeben; aus einem Fenster blinkte
ein Lichtschein, gastlich und freundlich, in die sinkende Nacht. Hier
hoffte er eine einfache Herberge finden zu können, und so trat er an
das Thor.
Jetzt sah er über demselben ein Hirschgeweih und wußte, daß er sich vor
einem Försterhause befinde. Das heimelte ihn an, und voll Zuversicht
ging er durch das offene Pförtchen in den Hof. Ein Hund schlug an,
der an seiner Kette herbeirasselte, und im Hause drin antwortete ein
anderer.
Gleich darauf trat unter die Thür des eigentlichen Wohngebäudes eine
Frauengestalt und frug, wer da komme. Gleichzeitig gebot sie dem Hunde,
ruhig zu sein, der gehorsam nach seiner Hütte zurückkroch. »Ein müder
Wandersmann -- sagte der Student --, der um ein Lager für die Nacht
und um einen bescheidenen Imbiß für Geld und gutes Wort bittet.«
»Wir haben hier keine Herberge,« sagte das Weib, das jetzt, die
bloßen Arme in ihre Schürze gewickelt, näher trat, ruhig, aber nicht
unfreundlich.
»Das sehe ich wohl, Frau Försterin, aber ich hoffe, daß Ihr trotzdem
mich nicht fortweist. Ich komme heute weit her und bin müde.«
»Ich bin nicht die Försterin!« sprach sie wieder und that dabei einen
tiefen Seufzer, und musterte dazu den Burschen von oben bis unten. Er
schien ihr zu gefallen, denn sie fügte bei:
»Wartet einen Augenblick -- ich will den Förster fragen!«
Sie trat in das Haus zurück, und der Student sah an demselben empor.
Das mochte im Sommer freundlich und traulich sein, wenn der wilde
Wein, der jetzt kahl an den Spalieren hing, so ein grünes Netz um die
Wand wob wie daheim an dem Thüringer Pfarrhause. Und wieder dachte er
an seine todkranke Mutter. Jetzt hörte er einen Schritt im Flur, und
gleich darauf trat der Förster unter die Thüre, eine hochgewachsene,
breitschulterige Gestalt mit stark ergrautem Bart und Haar; das war
auch trotz der Dämmerung zu merken. Er sagte mit einer rauhen und fast
bewegt klingenden Stimme:
»Sie kommen an keinem guten Tage, Herr -- aber, wenn Sie sich nicht
fürchten, mit dem Tode unter einem Dache zu sein, heiß' ich Sie
willkommen. Mir ist gestern mein Weib gestorben und liegt drinnen auf
der Bahre.«
Der Jüngling war einige Augenblicke tief erschüttert, dann erwiderte er:
»Den Tod fürchte ich nicht, denn ich geh' ihm vielleicht entgegen, und
indes Ihr mir Eure Trauerkunde sagt, liegt mir selbst daheim vielleicht
mein Mütterlein auf dem Schragen.«
»Dann kommen Sie!«
Und der Förster bot dem andern die rauhe Rechte mit warmem Drucke und
hielt seine Hand fest, als er ihn in das Haus führte. Der Bursche aber
sprach:
»Laßt mich erst Eure Tote sehen, ehe wir weiter gehen!« Da öffnete
der Förster schweigend eine Thür im Erdgeschoß, und beide traten in
eine niedrige Stube. Auf zwei Stühlen stand der einfache Sarg, und
darin lag das Weib mit seinem blassen, stillen Gesicht und mit seinen
übereinander gefalteten Händen. Zwei Öllämpchen brannten auf dem nahen
Tische und warfen einen müden Schein auf das ernste Bild.
Der Jüngling trat hart heran an die Tote und sah ihr in das Antlitz,
und eine unendliche Wehmut wollte ihn erfassen; dann schaute er den
alten Förster an, in dessen gutmütig-derben Zügen es seltsam zuckte,
und er mußte an seinen Vater denken. Nach einem tiefen, heiligen
Schweigen, während dessen man nur die schweren Atemzüge des trauernden
Mannes hörte, ergriff der Jüngling die Hand des Alten mit herzlichem
Drucke, und sagte warm: »Tröst' Euch Gott -- ihr ist wohl!«
»Ja, Gott weiß, -- ihr ist wohl, und ich gönn' ihr's auch, wenn mir's
auch leid thut, daß sie mich so ganz allein gelassen hat -- ganz allein
-- denn mein Junge ... pah, vorbei! -- Kommt, für Euch junges Blut ist
das kein Bild; kommt!«
Er legte seine rauhe Hand auf den Arm des Jünglings, um ihn mit sich zu
führen, dieser aber fuhr, einer plötzlichen Regung folgend, mit seiner
Rechten noch einmal wie liebkosend über die erstarrten Finger und die
bleichen Wangen der Toten. Das schien den Förster zu übermannen; er
stieß seltsam gepreßt, in rauher Rührung hervor:
»Das vergelt' Ihnen Gott, Herr! Mag's meine gute Gertrud annehmen, als
wär's ihr Junge, der, weiß der Himmel wo lebt und keine Ahnung hat, daß
sie hier gestorben ist und ihn zuvor noch gesegnet hat, ehe ihr das
Herz gebrochen ist im Jammer um ihn. Aber kommen Sie!«
Und aufs neue zog er ihn fort und führte ihn über den dämmerigen Flur
hinüber in ein anderes Gemach. Da war ein Tisch gedeckt, und das Weib,
welches zuerst den Studenten begrüßt hatte -- es war die alte Magd des
Hauses --, ging ab und zu. Der Förster nahm seinem Gaste Mantel und
Ränzel, Stock und Mütze ab, und nötigte ihn an den Tisch, auf welchem
ein einfaches Mahl auf sauberem Linnen stand, und jetzt kam vom Ofen
her, wo er behaglich gelegen hatte, ein schöner brauner Hund und
rieb, mit dem Schweife wedelnd, den prächtigen Kopf an dem Bein des
Studenten.
»Flott will Sie auch begrüßen -- er merkt, daß Sie ein braver Mensch
sind, denn er drängt seine Freundschaft nicht einem jeden so auf. Und
nun langen Sie zu, und gesegn' es Gott!«
Der junge Gast ließ sich nicht heißen, er brachte Hunger mit von
seiner Wanderung, und der Förster, welcher selbst wenig genoß, sah
mit sichtlicher Freude zu, wie es ihm mundete. Er störte dabei auch
nicht mit viel Gespräch, und wartete ruhig, bis der Andere mit einem
angenehmen Behagen Messer und Gabel beiseite legte und sich in seinen
Sitz zurücklehnte. Dann erhob er seinen Zinnkrug und sprach:
»Und nun laßt uns anstoßen auf guten Weg und gutes Ziel für Euch!«
»Ich danke -- aber lieber wollen wir sprechen: Auf des deutschen Volkes
Wohl, und daß es ihm glücke, seine Freiheit zu erstreiten!«
»Mag gelten -- aber das Vertrauen dazu fehlt mir!« sagte der Förster,
that einen langsamen Zug und setzte das Metallgefäß wieder schwer auf
den Tisch.
»Wozu fehlt Euch das Vertrauen?« fragte der Student.
»Auf die Kraft und auf das Glück des deutschen Volkes.«
»Die Kraft ist da, und das Glück wird kommen!«
»Ja, ja, so mögen Sie reden; Sie sind jung und haben das Trübe nicht so
mit durchgemacht. Was haben wir damals von Kraft und Glück erwartet,
als Preußen sich 1806 erhob gegen den Franzosenkaiser, und doch hat
der eine Schlag von Jena und Auerstädt alles zusammengebrochen. Da kam
die Schwäche zu Tage, und die Schande kroch aus allen Winkeln, und
im Frieden von Tilsit ist der Staat Friedrichs des Großen ein armes,
elendes Ländchen geworden. Wie haben wir die Zähne zusammengebissen in
Zorn und Wut, wenn wir bis in unseren stillen Winkel herein hörten, wie
es die Franzosen auf deutscher Erde trieben, wie haben wir die Faust
geballt in der Tasche, aber wir haben's nicht wagen dürfen, sie zu
zeigen, und wie soll's anders werden?«
»So wißt Ihr nichts von dem Zorngericht Gottes, das in Rußland über
Napoleon hereingebrochen ist?«
»Freilich wissen wir's, daß die Russen ihre eigene Hauptstadt
angebrannt haben und daß hunderttausend Franzosen in Schnee und Eis
erstarrt sind, und daß unser braver General York auf eigene Faust sich
von den Wälschen losgesagt hat, aber was nützt das alles? -- Der York
wird seinen Kopf zu Markte tragen, denn unser guter König hat selber
das Vertrauen verloren auf sein Volk und auf sein Heer, seit er die
Erfahrungen von 1806 und 1807 hat machen müssen ...«
»Halt, halt -- so liegen die Dinge nicht mehr. Wir wissen's im
Thüringer Land, und Ihr hier in Schlesien wisset nichts? Hat denn
keiner in Eure Wälder die Botschaft hereingetragen, daß der König in
Breslau ist mit Scharnhorst und Stein, und daß es sich dort um ihn
drängt von seinen begeisterten Landeskindern, die von allen Seiten
herbeiströmen, um ihm ihr Blut und Leben anzubieten für die heilige
Sache der Freiheit und des Vaterlands? -- Hat Euch denn keiner erzählt,
wie dem hohen Herrn die Thränen über die Wangen gerollt sind bei dem
Zujauchzen seines Volkes, und wie neue Zuversicht ihm in's Herz kam,
so daß er bereits den Krieg an Frankreich erklärt hat? -- Und wißt Ihr
denn nicht von dem «Aufruf an mein Volk»?«
Der Jüngling hatte rasch aus seiner Brusttasche ein zusammengefaltetes
Blatt hervorgeholt und breitete es vor dem Förster aus, und während
sein Finger über die Zeilen flog, las er hastig, ganze Sätze
überspringend und nur das Bedeutsamste hervorhebend aus dem wichtigen
Schriftwerke:
»Der Friede, der die Hälfte meiner Unterthanen mir entriß, gab uns
seine Segnungen nicht, denn er schlug uns tiefere Wunden als der Krieg
selbst. Das Mark des Landes ward ausgesogen ... Der Ackerbau ward
gelähmt, sowie der sonst so hoch gebrachte Kunstfleiß unserer Städte
... Das Land wurde ein Raub der Verarmung ... Meine reinsten Absichten
wurden durch Übermut und Treulosigkeit vereitelt, und nur zu deutlich
sahen wir, daß des Kaisers Verträge mehr noch als seine Kriege uns
verderben mußten. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo alle Täuschung
über unsern Zustand aufhört. -- Brandenburger, Preußen, Schlesier,
Pommern, Litauer! Ihr wißt, was ihr seit fast sieben Jahren erduldet
habt; ihr wißt, was euer trauriges Loos ist, wenn wir den beginnenden
Kampf nicht ehrenvoll enden ... Selbst kleinere Völker sind für gleiche
Güter gegen mächtigere Feinde in den Kampf gegangen und haben den Sieg
errungen ... Große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden,
denn unser Beginnen ist groß und nicht gering die Zahl und Mittel
unserer Feinde ... Aber welche Opfer auch von den einzelnen gefordert
werden mögen, sie wiegen die heiligen Güter nicht auf, für die wir
streiten und siegen müssen, wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen
und Deutsche zu sein. Es ist der _letzte_ entscheidende Kampf, den wir
bestehen für unser Dasein, unsere Unabhängigkeit, unsern Wohlstand:
keinen Ausweg giebt es, als einen ehrenvollen Frieden oder einen
ruhmvollen Untergang. Auch diesem würdet ihr getrost entgegengehen
um der Ehre willen, weil ehrlos der Preuße und der Deutsche nicht zu
leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuversicht vertrauen, Gott und
unser fester Wille werden unserer gerechten Sache den Sieg verleihen,
mit ihm einen sichern glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer
glücklicheren Zeit.«
Das gebräunte Gesicht des Försters war während des Zuhörens um einen
Schein bleicher geworden, und die ehrlichen grauen Augen leuchteten;
seine Hände lagen geballt zu Fäusten auf der Tischplatte, aber
plötzlich langten sie nach dem Papier -- er mußte es mit eigenen Augen
sehen, daß es so dastand! Und es war kein Zweifel, und der Name seines
Königs stand darunter!
»Und was geschieht jetzt?« fragte er erregt.
»Was jetzt geschieht? -- Ich heiße _Konrad Schmidt_ und bin ein
Pastorssohn aus Thüringen, nicht einmal ein preußisch' Landeskind,
aber das Wort des Preußenkönigs gilt für alles deutsche Volk. In Halle
hab' ich Theologie studiert, aber was soll jetzt die Gottesgelahrtheit
nützen? -- Heraus aus den Hörsälen, hinein in die Kriegsgewitter.
-- Das thut not und das denken Tausende. In Breslau schart es sich
zusammen um begeisterte Führer, dahin geh' ich zu dem _Major von
Lützow_, der ein Freikorps wirbt von Jägern zu Fuß und Roß ... das ist
mein Mann. Ein junger Dichter, ein Dresdener Kind, Theodor Körner, hat
sein Amt und seine Braut in Wien verlassen, und ist gekommen mit seinem
Herzblut und seinem Liede, und er hat's noch einmal hineingerufen in
die Herzen, was der König von Preußen spricht!«
Und Konrad Schmidt erhob sich plötzlich und begann mit von wärmster
Begeisterung getragener Stimme und mit leuchtenden Augen zu
deklamieren:
Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen,
Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht.
Du sollst den Stahl in Feindesherzen tauchen;
Frisch auf, mein Volk! -- Die Flammenzeichen rauchen,
Die Saat ist reif, ihr Schnitter, zaudert nicht!
Das höchste Heil, das letzte, liegt im Schwerte!
Drück' dir den Speer ins treue Herz hinein!
Der Freiheit eine Gasse! -- Wasch die Erde,
Dein deutsches Land, mit deinem Blute rein!
Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen,
Es ist ein Kreuzzug, ist ein heil'ger Krieg!
Recht, Sitte, Tugend, Glauben und Gewissen
Hat der Tyrann aus deiner Brust gerissen;
Errette sie mit deiner Freiheit Sieg!
Das Winseln deiner Greise ruft: Erwache,
Der Hütte Schutt verflucht die Räuberbrut,
Die Schande deiner Töchter schreit um Rache,
Der Meuchelmord der Söhne schreit nach Blut.
Zerbrich die Pflugschar, laß den Meißel fallen,
Die Leier still, den Webstuhl ruhig steh'n!
Verlasse deine Höfe, deine Hallen:
Vor dessen Antlitz deine Fahnen wallen,
Er will sein Volk in Waffenrüstung seh'n.
Denn einen großen Altar sollst du bauen
In seiner Freiheit ew'gem Morgenrot;
Mit deinem Schwert sollst du die Steine hauen,
Der Tempel gründe sich auf Heldentod. --
Mit einem Male hatte der Förster sich erhoben; stark, fest,
hochaufgerichtet stand er vor dem Jüngling, legte ihm beide Hände auf
die Schultern und sprach tieftönig, mit vor Erregung zitternder Stimme:
»«Verlasse deine Höfe, deine Hallen!» -- Gut! So soll's sein! Und wenn
sie den alten Kerl aus dem Walde noch brauchen können, ich bin dabei.
Mein Auge ist sicher, meine Hand ist fest -- ich gehe mit Ihnen zum
Major von Lützow. -- Lassen Sie mich nur noch morgen mein Weib begraben
und meinem Herrn die Meldung machen -- er wird nichts dagegen haben. --
Was für eine Zeit!«
Mit langen, festen Schritten ging er in dem Gemache auf und nieder,
und der braune Jagdhund schritt wie ein teilnehmender Gefährte ihm zur
Seite und hob ab und zu die hellen, klugen Augen nach ihm empor. Dann
ließ er sich wieder an dem Tische nieder.
»Nun kommen Sie und lassen Sie uns weiter reden, denn mir ist das Herz
zu voll!« sprach er, und wie er es offenbar gewöhnt war, setzte er
seine kurze Jagdpfeife in Brand und bot auch seinem Gaste Rauchgerät
und Tabak.
Dann redeten die beiden weiter von der Not des Vaterlandes und von den
Männern, welche von Königsberg aus die Erhebung vorbereitet hatten, und
von dem Sturm, der jetzt durch alle deutschen Herzen ging. Mit einem
Mal seufzte aber der alte Förster tief und ließ sein Haupt sinken:
»Und wenn ich denken müßte, mein Junge wäre nicht dabei!«
Der Student sah ihn schweigend und teilnahmsvoll an, und dem Alten ging
die Seele auf:
»Ich kann's Ihnen ja sagen, denn wenn wir Kriegskameraden werden, sind
wir uns ja keine Fremden, und dann -- haben Sie auch der Schläferin
drüben so freundlich die Hand gestreichelt. Ich hab' einen Sohn -- wenn
er noch lebt -- der wenig älter ist, als Sie -- mein einzig' Kind; er
war ein wilder, frischer Junge, und die Mutter -- Gott hab' sie selig
-- hat ihn viel zu lieb gehabt. Das hat er ihr aber schlecht gedankt!
Auf die schlimme Seite hat er sich geworfen, schlechte Streiche hat er
gemacht, daß wir uns schämen mußten und daß uns die Haare noch mehr
ergrauten, und da ich ihn darum scharf anfaßte, ist er bei Nacht und
Nebel in die Welt gegangen -- Gott weiß, wohin. Wir haben seit Jahren
nichts mehr gehört von ihm -- vielleicht ist er irgendwo eingescharrt
in fremder Erde, vielleicht ist's noch schlimmer ... o du mein
Herrgott, und doch wär's jetzt eine Zeit, in der er manches gut machen
könnte.«
Das Haupt des Alten sank auf die Brust, die Pfeife war ihm ausgegangen;
auf seinem Knie aber ruhte wie freundlich tröstend der Kopf seines
Hundes, und auf seine Rechte legte sich die Hand seines jungen
Gastfreundes.
»Den Kopf hoch, Freund! -- Solche Tage klopfen an jedes deutsche
Gewissen, und Euer Sohn müßte keinen Tropfen Blut von Euch haben, wenn
er jetzt nicht den Weg fände zum Vaterlande und zum Vaterherzen!« sagte
Konrad Schmidt; der Förster aber drückte ihm die Hand.
»Und jetzt kommen Sie zur Ruh -- Sie sind müde, und ich bin's auch;
es war in diesen Tagen selbst für einen Waldbären, wie ich es bin, zu
viel!«
Er führte seinen Gast nach einem kleinen, freundlichen Stübchen im
Obergeschoß, stellte ihm das brennende Licht auf den Tisch und bot ihm
herzlich eine gute Nacht. Er selbst aber schlich leise, als ob er die
Schläferin nicht wecken wollte, noch einmal zu seinem toten Weibe,
streichelte mit der rauhen Hand ihre erstarrte, kalte Wange und sagte:
»Schlaf gut, Gertrud!«
Und über sein gebräuntes Gesicht rollte ihm eine große Thräne in den
Bart hinab.
Der nächste Morgen war trübe und kühl. Mit dem dünnen Sprühregen,
welcher niederging, mischten sich noch vereinzelte Flocken, und in
den weinenden Tag hinein fuhr langsam der Wagen, auf welchem der mit
Tannenreis umwundene Sarg stand, dem Kirchhofe entgegen, der etwa eine
Stunde entfernt war. Hinterdrein ging der Förster mit seinem Gaste und
seiner Magd, sowie mit zwei älteren Berufsgenossen, die sich zeitig
schon bei ihm eingefunden hatten aus der Nachbarschaft. Hinter den
Leuten her trottete Flott mit gesenktem Kopfe, als müsse auch er seine
Trauer bekunden, denn die Tote hatte ihn mit ihrer hageren Krankenhand
gar manchmal geliebkost.
Es wurde wenig gesprochen auf dem Wege. Im Dorfe begannen die Glocken
zu läuten, als der kleine Zug in die Nähe der Kirche kam, und hier
schloß sich außer dem Geistlichen noch ein größeres Trauergeleite
an. Der Pfarrer hatte dem Förster ein Wort freundlicher Teilnahme
ausgesprochen, und fast gleichzeitig war noch ein anderer an diesen
herangetreten, ein hochgewachsener älterer Herr in einem dunklen
Mantel. Er war weißhaarig und hinkte stark, weshalb er sich auf einen
Krückstock stützte; es war der Baron von Guntramsdorf. Er reichte warm
dem Förster die Hand, und dieser sprach:
»Ich dank' Ihnen herzlich, gnädiger Herr, daß Sie meinem Weibe selbst
noch die Ehre erweisen.«
»Mein lieber _Walther_ -- ich weiß, wie weh es thut, wenn man die
Gefährtin seiner Tage verliert -- und wie man jeden Tropfen Trost
spürt.«
»So ist's, das weiß Gott -- gnädiger Herr!« sagte der Förster und fuhr
sich mit dem Rücken der Linken über das Gesicht ...
Vier Forstleute hoben den Sarg vom Wagen und trugen ihn in den
Friedhof. Der Geistliche sprach einige erbauliche Worte und segnete
Grab und Leiche, und dann senkte sich der dunkle Schrein hinab in die
Tiefe, und die Schollen rollten darüber.
Noch einmal trat der Baron an den trauernden Witwer heran, dieser aber
sprach:
»Gnädiger Herr -- ich möchte Ihnen eine Bitte vortragen.«
»Kann ich dir etwas zum Troste thun?«
»'s ist auch vielleicht ein Trost, Herr Baron. -- Es ist eine große
Zeit gekommen für Preußen und für Deutschland -- Sie wissen's ja
besser, wie ich! Der König und das Vaterland haben gerufen, und mich
drängt's, mitzuziehen, seit mir's so einsam geworden im Forsthause.
Heute ist jeder Arm gut! Versagen Sie mir's nicht, gnädiger Herr! Viel
reden kann ich heut nicht, aber es ist mir um's Herz, als könnte gerade
dort, wo ich stehen möchte, einer fehlen.«
Den Baron erfaßte eine seltsame Rührung. Mit beiden Händen griff er
nach den Händen seines Försters und sagte:
»O, daß ich durch den unseligen Sturz mit dem Pferde ein Krüppel bin!
Wär' ich's nicht, so spräch' ich: Walther, wir gehen zusammen! Bei
Gott, ich hab' kein Recht, dich zu halten, wenn das Herz dich hinzieht
zum heiligen Streite. Geh' mit Gott! Ich werde morgen früh jemanden
schicken, der einstweilen deine Stelle versieht, du aber hilf mit, das
Vaterland zu retten von Schmach und Knechtschaft! Der Himmel sei mit
dir und mit allen braven Streitern und mit unserem guten König!«
Noch ein Druck der Hand, dann wendete sich der Edelmann tief ergriffen
ab und schritt langsam nach dem Friedhofsthor; der Förster aber legte
noch einen Zweig von Tannenreis auf den frischen Hügel, sprach ein
leises Gebet und verließ mit Konrad Schmidt ebenfalls den Gottesacker.
Am nächsten Tage aber zogen die beiden hinaus aus dem stillen,
weltfernen Forsthause. Der Alte hatte mannhaft jede weiche Regung
unterdrückt, der alten Magd kräftig die Hand geschüttelt, seinem
bereits eingetroffenen Stellvertreter gleichfalls, hatte dem
Kettenhund, wie dem treuen Flott die Köpfe gestreichelt, und den
letzteren, der sich ihm anschließen wollte, zurückgescheucht und
schritt nun, die Büchse über der Schulter, einen derben Stock in der
Hand, die Straße fürbaß an der Seite seines jungen Freundes.
[Illustration: Zu Seite 19.]
Solange es durch den Wald ging, war er still und schweigsam; jeden Baum
blickte er an, als wollte er Abschied nehmen, und er kannte sie ja auch
alle. Als er einen Specht in der Ferne pochen und fast gleichzeitig den
Kuckuck rufen hörte, blieb er einen Augenblick stehen und nickte mit
dem Kopfe, als wollt' er sagen: »Ja, ja -- ich kenn' auch euch!«
Als sie auf die freie Straße hinaustraten und über das Land schauten,
kam der erste Sonnenstrahl dieses Tages und huschte wie ein
freundliches Lächeln über die Gegend hin.
»Das nehmen wir zum guten Zeichen -- wir gehen der Sonne entgegen!«
sagte Konrad Schmidt, und der Förster drückte ihm wie zu stillem
Einverständnis die Hand. Dieser aber wendete sich noch einmal zu seinem
Walde zurück. Da sah er in weit ausgreifenden Sprüngen seinen braunen
Hund heranjagen, und gleich darauf sprang das Tier wie ungebärdig vor
Freude an ihm empor und wedelte heftig mit der schönen Rute.
»Nehmt ihn mit, Walther -- ein treuer Gefährte mehr ist immer gut, und
wenn's ein Hund wäre.«
»So komm!« sagte der Förster, und Flott bellte laut und lustig und
sprang auch an Konrad empor, als ob er ihm danken wollte für seine
wirksame Fürsprache. So wanderten sie ihre Straße gegen Breslau.
[Illustration: Dekoration]
Zweites Kapitel.
Der Sturm bricht los.
Im Gasthause »Zum goldenen Scepter« in Breslau herrschte ein lautes,
fröhliches Leben und Treiben, das einen ausgesprochen kriegerischen
Charakter hatte. Jüngere und ältere Leute, zumeist in einfachen aber
kleidsamen Uniformen gingen aus und ein, Gruppen standen im Hofe und
vor dem Hause im lebhaften Gespräche beisammen, und ab und zu wurde
wohl auch auf eine oder die andere Persönlichkeit besonders aufmerksam
gemacht, und dann richteten sich aller Blicke nach derselben.
Eben war ein hochgewachsener kräftiger Mann in der Mitte der fünfziger
Jahre, mit glattem Gesicht und geistvollen, scharfblickenden Augen
in einfachem Civilanzuge zum Thore hinausgeschritten, und obwohl er
~incognito~ hier weilte, kannte man ihn doch; es war der Freiherr _Karl
von Stein_, der vormalige preußische Staatsminister, der durch seine
kraftvollen und volkstümlichen Reformen, welche auf Erhebung des Volkes
abzielten, den Zorn Napoleons geweckt hatte, so daß er von diesem
geächtet ward und nach Rußland fliehen mußte. Nach der Katastrophe
von Moskau war er heimlich zurückgekehrt und half jetzt die Erhebung
vorzubereiten.
Im »goldenen Scepter« befand sich das Hauptquartier des Majors von
Lützow, des Mannes mit der Feuerseele, dem unbeugsamen Mute, der
trotzigen Todesverachtung und der glühenden Vaterlandsliebe. In der
Unglücksschlacht bei Auerstädt war er durch die Hand geschossen
worden, aber er hielt bei den Trümmern seines Regiments aus, das sich
nach Magdeburg rettete, wußte bei der Übergabe der Stadt sich frei
zu machen und nach Kolberg zu entkommen, wo er sich dem wackeren
Lieutenant Schill anschloß, der eben ein Freikorps zusammenwarb. Beim
Überfall von Stargard durch dasselbe wurde Lützow am linken Fuße
verwundet, und weil sein rastloser Eifer nur eine notdürftige Heilung
seiner Wunden zuließ, nahm er 1808 als Major seinen Abschied. Für den
feurigen Reiteroffizier brachte der Frieden ohnedies kein Behagen und
keine Freude.
Da kam das Jahr 1813, und wie es sich allenthalben in Deutschland zu
regen begann, da konnte auch Lützow nicht müßig rasten, und so erbat
er sich ein Patent zur Bildung eines Freikorps, das er auch am 1.
März erhielt. Und nun war er hier in der schlesischen Hauptstadt und
sammelte Leute. Treffliche Menschen strömten ihm zu, und es war eine
Lust, wie das Freikorps, das Reiterei und Fußvolk umfassen sollte,
wuchs.
In der großen Stube im Erdgeschoß war das Bureau. Da saß an
dem Eichentisch in der einen Ecke des Raumes der Hauptmann von
Helmenstreit, eine prächtige militärische Erscheinung in der Mitte der
dreißiger Jahre, den die dunkle Uniform mit den gelben Knöpfen und den
schwarzen Aufschlägen, die der rote Vorstoß wirksam abhob, trefflich
kleidete; auf dem Kopfe trug er auch jetzt den für die Lützower
üblichen schwarzen Tschako mit Agraffe, Fangschnüren und seitwärts
herabfallendem Haarbusch. Neben ihm saß ein junger Mann, gleichfalls
mit der Litewka aus schwarzem Tuche bekleidet, und schien als Schreiber
zu amtieren.
Es ging ziemlich geräuschvoll zu in dem Gemache, denn an allen Tischen,
in allen Ecken saßen und standen Lützower und solche, welche es werden
wollten. Eine Gruppe mochte wohl besondere Aufmerksamkeit erregen. Da
saß die prächtige Jünglingsgestalt _Friedrich Friesens_ aus Magdeburg,
stützte den blonden Kopf auf die Hände und sah mit den großen blauen
Augen träumerisch vor sich hin. Jetzt sollte es ernst werden mit dem,
was man am Turnplatz geübt, und mit freudiger Zuversicht war er nach
Breslau gekommen, wo er mit seinem Freunde _Ludwig Jahn_ zusammentraf.
Der war Lehrer an der Plamannschen Anstalt in Berlin gewesen und hatte
auf der Hasenheide draußen seine Schüler und eine Anzahl junger Männer
um sich vereinigt zu körperlichen Übungen, weil er wußte, daß das
Vaterland bald nach kräftigen Armen suchen werde, und daß im gesunden
Körper auch ein gesunder Geist wohne.
Jetzt saß er hier neben Friesen, ein Mann in seiner Vollkraft, mit
breiter Brust und breiten Schultern, mit hellen Augen unter der
bedeutenden kahlen Stirn, mit am Hinterhaupte schlaff herabfallenden
Haaren und dem langwallenden, rötlich blonden Vollbarte. Er trug einen
kurzen, schwarzen Rock mit Schnüren, und schaute schweigend nach dem
dritten Mann an dem Tische. Der war jung und lebensfrisch, hatte
ein von dunklen, um die Stirn gelockten Haaren umrahmtes prächtiges
Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbärtchen über den roten Lippen, und
wenn er die braunen Augen erhob, dann brach es daraus hervor, wie eine
leuchtende Flut, und wer ihm einmal hineingeschaut, der vermeinte auch
das brave, frische, treue Herz darin gesehen zu haben, und der konnte
auch nicht von ihm lassen.
Jetzt saß er da und schrieb eifrig mit seinem Bleistifte in der
Brieftasche. Das war _Theodor Körner_, der Dichter der Lützower, der
sein Lied und sein Herzblut brachte.
Unfern der Thür hatte ein Lieutenant Platz genommen, der durch seine
ganze Erscheinung besonders auffallen mußte. Seine Gestalt war groß
und kräftig, sein Gesicht verwettert und gebräunt und ein langer,
grauweißer Bart fiel ihm weit herab auf die breite Brust und bekundete
einzig, daß der Mann auf der Schwelle des Alters stand. Aber seinem
sonstigen Wesen und seinen Bewegungen hätte man das nicht angemerkt.
Das war der Lieutenant _Fischer_, der schon im Siebenjährigen Kriege
als gemeiner Reiter mitgefochten und später wieder im Rheinfeldzug
gegen Frankreich als Wachtmeister sich ausgezeichnet hatte. Dann hatte
er als Steuerbeamter in Schlesien gelebt, aber als der Ruf des Königs
erklang, litt es den alten Soldaten mit dem Franzosenhaß in der Brust
nicht mehr daheim.
Jetzt saß er da und putzte an einer seltsamen Waffe. Es war nicht der
übliche Reitersäbel, denn diesen hatte er an der linken Seite hängend,
zwischen den Knieen, sondern ein kurzes Schwert mit einer Klinge, die
gut eine Hand breit war und einen wohl fingerdicken Rücken hatte; es
war ein schier unheimlich Ding. Man erzählte sich als volle Wahrheit,
daß es der alte Recke einem Scharfrichter abgenommen habe, weil ein
ehrlich' Eisen viel zu gut sei für die Schelm-Franzosen. Er liebkoste
beinahe die unbehagliche Waffe, und sah immer wieder, ob die Klinge
blank sei, und dabei pfiff er vor sich hin, unbekümmert darum, ob
andere herumstanden und ihm zusahen.
Jetzt erst schien er's zu gewahren, und sein Gesicht verzog sich zu
einem ingrimmigen Grinsen, und er frug bärbeißig:
»Na, was gafft ihr denn? Habt ihr am alten Fischer oder an seinem
Metzgermesser den Narren gefressen?«
»An beidem!« sagte lachend ein frischer Bursche und strich sich das
Gelock von der Stirne.
»Gelbschnabel! Dich kenn' ich, Zander, und wenn du mit der Klinge so
vornweg bist, wie mit der Zunge, nachher ist's gut!«
»Das wird sich bald zeigen!« lachte der Junge, »und ich wünschte mir
dann wahrlich auch einen solchen Flamberg, wie Ihr in der Faust habt!«
»Warum, mein Junge?«
»Warum? -- Weil man damit näher heran kann an den Gegner, und weil so
ein Ding nicht so leicht splittert an Franzosenknochen!«
»Brav! Sieh, so gefällst du mir, Zander, und ich meine selbst, aus dir
kann noch was Besseres werden als ein Pastor! -- Bist doch wohl ein
verpfuschter Theologe?«
»Ein verpfuschter just nicht! Ich hab' derweilen die Gottesgelahrtheit
an den Nagel gehängt, weil's anderes zu thun giebt, und wenn ich nicht
irgendwo mein Leben lasse, hoff' ich noch einmal zur Kanzel zu kommen.«
»Das werden die schlechtesten Prediger nicht, die die Bluttaufe
erhalten haben.«
»~Silentium!~« rief in diesem Augenblicke eine laute Stimme. Jahn hatte
sich erhoben, fuhr mit den gespreizten Fingern durch seinen rötlichen
Bart und rief nochmals:
»~Silentium~ für unseren Tyrtäus! Körner hat ein neues Lied gemacht!«
Ein lautes Hurrahrufen -- dann war es still und Fischer legte seine
Scharfrichterklinge über die Kniee. Theodor Körner aber stand auf, ließ
die blitzenden Augen im Kreise umhergehen, und las dann mit kräftiger
Stimme und frischem Pathos das »Lied der schwarzen Jäger«:
In's Feld, in's Feld! die Rachegeister mahnen,
Auf, deutsches Volk, zum Krieg!
In's Feld, ins Feld! Hoch flattern unsre Fahnen,
Sie führen uns zum Sieg.
Klein ist die Schar, doch groß ist das Vertrauen
Auf den gerechten Gott!
Wo seine Engel ihre Vesten bauen,
Sind Höllenkünste Spott.
Gebt kein Pardon! Könnt ihr das Schwert nicht heben,
So würgt sie ohne Scheu;
Und hoch verkauft den letzten Tropfen Leben!
Der Tod macht alle frei.
Noch trauern wir im _schwarzen_ Rächerkleide
Um den gestorb'nen Mut;
Doch fragt man euch, was dieses Rot bedeute:
Das deutet Frankenblut.
Mit Gott! -- Einst geht, hoch über Feindesleichen,
Der Stern des Friedens auf;
Dann pflanzen wir ein weißes Siegeszeichen
Am freien Rheinstrom auf!
In den lauthallenden Beifallsruf erklang die Stimme Jahns, der nach der
Weise des Liedes »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben« jetzt
anstimmte:
In's Feld, in's Feld! die Rachegeister mahnen!
und im Augenblicke stimmten die andern ein, und wer den Text der ersten
Strophe vergessen hatte, sang wenigstens die Melodie, und laut schallte
es durch den Flur und über den Hof:
In's Feld, in's Feld! hoch flattern unsre Fahnen,
Sie führen uns zum Sieg.
Die es draußen gehört hatten, kamen herein, und mitten unter dem
Gesange jubelten sie dem jungen Dichter zu, der mit glühenden Wangen
und leuchtenden Augen hochaufgerichtet dastand. Der alte Fischer aber
war aufgestanden und, sein »Metzgermesser« in der Linken, an ihn
herangetreten. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach:
»Vergelt's Gott für das Lied! Das können wir brauchen, so gut wie das
Eisen! Solch' Lied hilft werben im deutschen Lande!«
Mitten in diese lebhafte Bewegung, in das Singen und Rufen hinein kamen
zwei Gestalten, die fast verwundert an der Thüre stehen blieben und
Umschau hielten -- der eine war bejahrt und hatte die Büchse über dem
graugrünen Jägerrocke, der andere mit Ränzel und Stecken kam frischweg
aus dem Hörsaal der Hochschule -- das merkte man ihm an. Hinter den
Beiden aber drängte sich ein brauner Jagdhund herein, und sah mit
gehobenem Kopfe sich um. Es waren der Förster Walther und Schmidt.
»Bei Lieutenant Fischers Mordwaffe -- Konrad!« schrie jetzt Zander auf,
und im nächsten Augenblicke hatte er den jüngern der beiden Ankömmlinge
stürmisch umarmt. »Das wußt' ich, daß du kommst, altes braves Haus! Wir
reiten zusammen -- es soll ein frisches Leben werden -- hier Körner
hat's uns eben in die Seelen gesungen, um was es geht! Wen bringst du
denn da mit?«
»Meinen Freund, den Förster Walther, der sich und seine gute Büchse
bringt!«
»Ja, wenn meine Knochen nicht zu alt sind, soll das Vaterland sie
haben!«
»Brav, alter Kamerad -- du gefällst mir!« rief Lieutenant Fischer, der
durch Zanders Worte aufmerksam geworden war und herantrat. »Du müßtest
in meine Eskadron kommen!«
»Das wird nicht gut gehen, Herr Premierlieutenant« -- sagte Walther;
»ich hab' das Reiten nicht betrieben, und um es erst anzufangen, sind
meine Gelenke zu steif; auch weiß ich mehr mit der Büchse als mit dem
Sarraß umzugehen und vermeine als Jäger besser nützen zu können -- aber
den hier, meinen jungen Gefährten, mögt Ihr wohl brauchen; er sitzt gut
zu Pferd, wie er versichert -- --«
»Das kann ich bestätigen« -- bemerkte Zander -- »und auch eine Klinge
schlägt er trotz der Gottesgelahrtheit -- --«
»Wohl auch ein Theologe?« fragte Fischer.
»So ein verpfuschter wie ich -- zu Befehl, Herr Lieutenant!« sagte
Zander.
»Hm,« grunzte der alte Offizier -- »die halbe Eskadron sind Pastoren!«
»Wenn sie nur was taugen!« rief der unverbesserliche Lützower, und
Fischer sprach:
»Wollen sehen, ob ich ihn kriegen kann -- wär' schade, wenn sie euch
auseinander rissen. -- Um den alten Freund thut mir's leid -- 's ist
kein rechtes Leben beim Fußvolk,« setzte er beinahe flüsternd hinzu.
Dann führte er die neuen Ankömmlinge zu dem Tische, wo der Hauptmann
und der Schreiber saßen, um sie in aller Form einzuschreiben. Die Sache
war bald abgethan in der üblichen Weise, außergewöhnlich war es nur,
daß Walther fragte, ob er auch seinen Hund bei sich behalten könne.
Als ob das Tier es wüßte, daß es sich um seine Beziehungen handle, trat
es dicht an seinen Herrn heran und hob den feinen Kopf mit den klugen
Augen und sah Hauptmann von Helmenstreit an; der lächelte:
»'s ist zwar außergewöhnlich, daß ein Vierfüßler sich meldet zu den
Lützowern, aber ich will's verantworten, denn er scheint gut gezogen.«
Flott wedelte verständnisvoll mit der schönen Rute, der Förster fuhr
ihm mit der Hand über den Kopf, und die Sache war abgethan. Gleich
darauf saßen die beiden Neuen unter den Übrigen, und von allen Seiten
streckten sich ihnen kräftige Hände zum Willkomm entgegen.
Nachdem sie noch an diesem Tage sich in Breslau ein wenig umgesehen
hatten, wo die allgemeine Begeisterung die höchsten Wellen schlug, und
wo die seltsamsten und herzerhebendsten Geschichten erzählt wurden
von der Opferwilligkeit von Männern, Frauen und Jungfrauen, von welch
letzteren manche sogar ihr Haar abgeschnitten und den Erlös für die
gute Sache geschenkt hatten, während manch braves deutsches Eheweib
ihren goldenen Trauring opferte und dafür einen eisernen nahm -- mußten
sie am nächsten Tage nach ihren Sammelquartieren.
Das war für das Fußvolk das freundlich am Fuße des Zobtenbergs gelegene
Städtchen _Zobten_, für die Reiterei das an der Breslauer Straße
liegende Dorf _Rogau_. So mußten sich Walther und Schmidt zwar trennen,
aber das war nicht von Bedeutung, denn die beiden Orte lagen nur ein
halb Stündchen voneinander entfernt, und man konnte sich häufig genug
sehen.
Hier wie dort aber herrschte ungemein reges Leben. Den ganzen Tag
über sah man die Freiwilligen zu Fuß und Roß exerzieren, Reit- und
Schießübungen vornehmen, und in den freien Stunden saßen sie beisammen
und begeisterten sich gegenseitig und sangen die Lieder von Arndt und
Körner.
Im »Hirsch« in Zobten fand sich an jedem Abend eine stattliche,
vergnügte Gesellschaft zusammen. Beim braunen Gerstensafte, wohl auch
bei blinkendem Weine, saßen die »schwarzen Jäger«, tauschten Erlebnisse
und Erinnerungen aus und sprachen von Feldzugsplänen, als ob jeder von
ihnen selbst ein Korps zu befehligen hätte. Mancher skizzierte seine
strategischen Anschauungen wohl auch mit Kreide auf dem Tische, und der
Meinungsstreit war mitunter ein recht lebhafter.
Konrad Schmidt kam oft aus Rogau herüber, um den alten Freund zu
sehen, der in dem Lützower Rocke sich ganz wohl fühlte, und für dessen
Ungeduld man viel zu lange müßig lag. Nach seiner Meinung war das Korps
zahlreich genug, um »losgehen« zu können. Es zählte damals etwa 900
Mann Infanterie und 250 Reiter.
Schmidt sah sehr schmuck und frisch aus in dem schwarzen Dolman, und
seit er eine Mitteilung erhalten hatte, daß es mit seiner Mutter
besser gehe, war er von einer sprühenden Lebenslust und Heiterkeit.
Auch heute war er wieder im »Hirsch«, wo außer den jüngeren Elementen
auch ältere und angesehene Leute sich eingefunden hatten, welche in
das Freikorps als Volontäroffiziere eingetreten waren. An einem Tische
saßen der Staatsrat Graf Dohna, der Geheime Obersteuerrat Beuth, der
Landrat von Petersdorff und der Regierungsrat Schroer, und alle in der
einfachen dunklen Uniform. Man hielt um dieser »Kameraden« willen den
lustigen Geist einigermaßen zurück, der sonst hier zu walten pflegte,
aber nachdem dieselben sich entfernt, brach er mit verdoppelter
Lebhaftigkeit hervor.
[Illustration: Zu Seite 27.]
Wer ein Musikinstrument spielen konnte, brachte es herbei, und Fiedel
und Flöte, Trompete und Waldhorn wurden laut.
Konrad Schmidt besaß eine prächtige Stimme und spielte die Guitarre,
was auch Theodor Körner that, und nachdem das im Kreise der Genossen
erst einmal bekannt geworden war, brauchte er sich nur zu zeigen, um
sofort aufgefordert zu werden zu einem Liede.
So war's auch heute, und Walther, der mit seiner kurzen Pfeife im
Munde, den treuen Hund zu Füßen dasaß, hatte seine helle Freude an
dem frischen Jungen, wie er so dastand in seinem Reiteranzug, sein
Instrument in der Linken hielt und nun frisch anstimmte:
Frisch auf, ihr Kam'raden! Wir zieh'n in das Feld,
Wir haben unser Herz auf Franzosen gestellt,
Die Wehr und der Mut sind geschliffen und blank,
Drum her mit Franzosen! Die Zeit wird uns lang,
Hurra, ihr Kam'raden! Hurra, ihr Soldaten!
_Hurra_ ist Franzosen ein tödlicher Klang.
Es war Ernst Moritz Arndt's kräftiges »Marschlied«, das dieser im Jahre
1812 gedichtet hatte und das zumal den Studenten genug bekannt war, und
darum konnten andere mit einstimmen und volltönig brausten die letzten
Strophen:
Heraus alle! Rufet am lautesten _Gott_!
Und machet die schnöden Tyrannen zu Spott!
Mit Schwertern und Lanzen in blutiger Jagd
So jaget die Räuber bei Tag und bei Nacht;
Hurra, ihr Kam'raden! Hurra, ihr Soldaten!
Hasasa! Trarara! Die lustige Jagd!
Auf! spielet, Kanonen, zum lustigen Tanz!
Auf, blitzet, ihr Säbel, den blinkenden Glanz!
Auf, wirbelt, ihr Trommeln, in Saus und in Braus!
Auf, wehet, ihr Fahnen, zum Himmel hinaus!
Hurra, ihr Kam'raden! Hurra, ihr Soldaten!
Wir ziehen zum Sieg oder Tod heut' hinaus.
Während die letzte Strophe erklang, war ein junger Mann in der
Lützowschen Reitertracht in die Thür getreten. Es war ein hagerer,
sehniger Gesell mit rötlich blonden Haaren, in dessen Gesicht ein
hämischer Zug stand, der an dem verzogenen Munde besonders hervortrat.
Auch seine Augen hatten nichts Freies und Offenes.
Als er Konrad Schmidt erblickte, huschte über das farblose Gesicht eine
plötzliche Röte, und in den Blicken zuckte es unfreundlich auf. Nachdem
das Lied zu Ende war, und lautes Hurrarufen, fröhliches Zusammenklirren
der Trinkgefäße erscholl, trat er, eben da Walther seinem jungen
Freunde die Hand zu herzlichem Drucke reichte, auf diesen zu, sah ihm
vorgeneigt, lauernd und höhnisch in's Gesicht und rief:
»Er ist's wahrhaftig! Hähnchen, wie kommst du in den Anzug für Männer?
-- Hier wird nicht Soldat gespielt!«
Der Ton, in welchem die Worte gesprochen wurden, zeigte, daß der
Redende nicht ganz nüchtern war, und obwohl Schmidt, da er ihn ansah,
sich ein wenig verfärbte, wendete er sich doch sogleich ab und ließ
sich neben Walther nieder. Da legte sich die Hand des andern auf seine
Schulter:
»He, Hähnchen! Merkst du nicht, daß ein anständiger Mensch dir die Ehre
anthut, dich anzureden?«