*
Das ist:
Ich, im Verlangen atmend,
will tun, nicht dulden;
will dulden, nicht tun.
*
Vierfacher Ausdruck für Eines: Ich auf vier Standorten--die vier
sogenannten Denkgesetze des Yavana.
Ich, im Verlangen atmend, bejaht und verneint in sich--bejaht
und verneint außer sich.--
Ich--in sich--außer sich--bejahend--verneinend--nennt
sich mit allen Namen dieser Welt:
Die Welt ist im verlangenden Ich--so erkennst du.
*
Also ist der erscheinende Wandel des Verlangens vom Ich zum
nicht-Ich, vom nicht-Ich zu s-Ich zurück; aus Tat--durch Widerstand
--zu Duldung; Ich-Atem--âtmâ.
*
Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Unwillen, erscheint Zerfall
in Zeit und Raum--erscheint Welt-wirklichkeit.
*
Folge meinen Worten, o Teurer, mit offener Seele--ich führe dich
sicheren Weg. Doch laß dein Verständnis nicht an Worten haften,
erfasse über Worte hinaus; Worte sind Hindernis der Erkenntnis. Mit
wachsender Einsicht offenbart sich dir die gegensinnliche Einheit von
Erscheinung und Verlangen. Sprich es unverstanden nach--was
unverständlich scheint wird selbstverständlich.
* * *
Einheitliches Verlangen erscheint im Ich in Willen und Unwillen
gespalten.
*
Ich, zum Ziele wollend, stößt Ungewolltes unwillig von sich ab,
schafft im eigen-Willen Widerwillen. Widerwillen weicht vom Ich, wird
im gegen-Stand selbst-ständig, ist fremdes entgegenstehendes Wollen--:
Willen in mir--Willen außer mir--das ist Raum.
Raumerscheinung schafft sich durch Aus-legung des Widerwillens im
Ich.
*
Ich-willen, zum Hohenziele des Verlangens rastlos irrend, von
selbstgeschaffenem gegen-Stand zurückgestoßen, bleibt wollend,
wechselt im Willenszustand--: Willen in mir erst--Willen in mir
dann--das ist Zeit.
Zeiterscheinung schafft sich im Ich durch wechselnden Willen.
*
Das verlangende Ich schafft zeiträumliche Erscheinung.
Verlangen treibt dich zu Ausdehnung in Zeit und Raum. Je nachdem
du dich im atmenden Verlangen gefordert oder gehemmt empfindest, ist
Willen oder Widerwillen in dir. Verlangen der Welt willig ergriffen
ist eigener Willen; Verlangen der Welt unwillig abgewiesen ist
Widerwillen in dir. Was in dir seelisch empfunden Widerwille ist, ist
sinnlich aufgefaßt Widerstand im Raum, das ist fremder Wille wider
dich: 'ich will nicht' das heißt: 'du willst'. Was Ich aus sich
unwillig entläßt, wird räumliche Vorstellung: Du.
Der Atem des Verlangens in Anziehung oder Abstoßung erscheint im
Ich als Willensgegensatz. Willensgegensatz in sich faßt Ich zeitlich
auf; Willensgegensatz zu sich ist dem Ich Raum. Wechselnder Willen ist
Zeit; zu Unwillen gewechselter Willen ist Raum. Willig-un-williges
Verlangen in dir erscheint als zeit-räumliche Wirklichkeit außer dir.
Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden--
erscheint und ist.
Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Gegenwillen, erscheint
Zerfall in Zeit und Raum
--erscheint und ist--
*
Wie du, von dir aus ut-teilend, Willen von Widerwillen
unterscheidest--beides in dir, beides Eines--du selbst, so unter-
scheidest du, von dir aus urteilend, Zeit von Raum--beides in dir,
beides Eines--du selbst.
Wie Unwillen in eigenem Willen zu fremdem Gegenwillen wird, so
wird Ein-bildung Zeit zu gegensätzlicher Vor-stellung Raum. Wie
'fressen' und 'gefressen werden' Eines ist im 'Fraß', wie Willen und
Unwillen Eines ist im Verlangen, so ist Zeit Erscheinung und
Raum-Erscheinung Eines in dir--dein Verlangen, du selbst.
Verlangen, vom Ich ausgesprochen, vom Widerschein des Ich--dem
nicht-Ich--wieder ausgesprochen, das ist: widersprochen--sieht
sich selbst gegenüber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst
Gegensatz.
Suchender Wille ist Raum, im Suchen wechselnder Wille ist Zeit.
Also wurzelt in deinem Willen-un-Willen Zeit und Raum; also ist
Zeit-Raum-Erscheinung dein Verlangen.
Erkenntnis hiervon ist Lösung des Rätsels: Raum-Zeit-Einheit.
* * *
Was von Empfindungswellen dir erwünscht, willkommen zuströmt, was
du dir anzueignen gewillt bist, was du willfährig aufnimmst, was du
zustimmend bejahend wohlwollend auffaßt, was sich dir willig fügt, dir
zu Willen ist, worein du einwilligst, was zu deinem eigenen Willen, zu
dir selbst wird, dein Zustand, erscheint in dir--deine Seele
bewegend--in zeitlichen Formen.
Was, aus dir geboren, dich unwillkürlich befremdet, was du nicht
für dein eigen hältst, was nicht mehr du selbst bist, was du
unerwünscht erleidest, was dich anwidert, was dir widrig, widerwärtig,
zuwider ist, dein wider-Wille erscheint--deine Sinne bewegend--
außer dir, räumlich, als wider-Stand, als widerstehende Kraft aus dem
Raum.
Atmet Verlangen in dir, wandelst du Willen zu Unwillen, so
wandelst du Empfindung zu Anschauung, Einbildung zu Vorstellung,
Zustand zu Gegenstand, wandelst zeitlichen Wechsel zu räumlicher
Verschiedenheit, Zeit zu Raum: --und umgekehrt: ziehst du unwillig
Abgestoßenes, Gegenstand, Raum Gewordenes wieder willig an dich,
nimmst du, durch Aufhebung der Verneinung, den Gegensatz willig in
dich auf, so wandelst du deine Anschauung zu Empfindung, deine
Vorstellung zu Einbildung, deinen Gegenstand zu deinem Zustand,
räumliche Mannigfaltigkeit zu zeitlichem Wechsel, fremde Kraft zu
eigenem Willen, Raum zu Zeit.
Willenswandel deine Seele bewegend--seelisch empfunden--
erscheint dir zeitlich, Willenswandel deine Sinne bewegend--sinnlich
angeschaut--erscheint dir räumlich. Seelischer Wandel ist Zeit;
sinnlich körperlicher Wandel ist Raum. Bewegung deiner Seele--Zeit;
Bewegung deiner Sinne--Raum. Verlangen treibt dich und es wird Zeit
und Raum; beides Bewegung, beides Empfindung in dir.
Eigene Lust dein Wandel im Verlangen; eigenes Gefallen dein Wandel
in Zeit und Raum. Verlangend wandelst du in Zeit und Raum, verlangend
wandelst du dich zu Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum, wie rechts
zu links, wandelst Raum zu Zeit, wie unten zu obem.
*
Aller Wille will nicht, aller Unwille will. Unwillen durch Willen,
Willen durch Unwillen--Wille und Wille untrennbar--Eines, wie Zeit
und Raum, wie oben und unten.
Versuche zu verstehen:
Wenn du wollend nicht willst und nicht wollend willst, was nicht
wollend dich will, was wollend dich nicht will, was dir unwillig
willig zu-kommt, was dir willig unwillig aus-kommt, nennst du mit
zeitlich räumlichen Namen. Was du willig Zeit oder Raum nennst, nennst
du unwillig Raum oder Zeit.
Zeit und Raum--Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum--
andere Worte für deinen Willen und für das, was, wider deinen Willen,
wieder dein Wille ist--Gestaltung deiner selbst.
*
Ich Atem ist Einhauch und Aushauch, ist innen und außen, ist
zu-Stand und gegen-Stand, ist Wille und Unwille, ist Zeit und Raum,
Ich und nicht lch.
Also von Gegensatz zu Gegensatz atmend schafft Ich Zeit und Raum,
mit Zeit und Raum--die Welt, deines Verlangens sinnlicher
Widerschein.
*
Also ist der Atem des Verlangens Wille-un-Wille im Ich--aus Tat
durch Widerstand zu Duldung--Atem, Leben, Bewegung, Wandel, von
Ich-bestand I auf Ich-wider-Stand II und auf Ich-wieder-bestand III
zurück. Ich-Verlangen, wandelnd, zu seinem gegen-Stand und zu sich
selbst zurück ver-wandelt; Ich durch wider-Ich zu wieder-Ich; von Ich
zu Ich; Ich Atmen--âtmâ.
*
Und ferner, o Teurer, Verlangen in dir ist Schöpferkraft.
Von geringem Verständnis sind wir Menschen, blind vor Verlangen
erkennen wir offenen Auges das Nächste nicht. Was im Samsara
verlangend wächst, nennen wir unsern Willen; Hemmung unseres Willens
empfinden wir unwillig; empfundenen Unwillen legen wir aus als Wirkung
fremder Kraft.
Ausübend wandelst du eigenen Willen zu rückwirkender Kraft.
Wollend schaffst du Unwillen. Unwillen weist du von dir ab; darum
erscheint er außer dir, dir entfremdet, scheint fremde Kraft gegen
dich. Oder mit anderen Worten gesagt: weil es fremder Wille ist, darum
ist er nicht in dir--beides ist dasselbe.
Unwillen in dir ist Willen wider dich. Der eigene Wille-un-Wille
von dir ge-äußert, von dir ausgelegt, das ist: aus dir hinaus verlegt,
im gegen-Stand selbst ständig geworden, vom gegen-Stand
wider-stehend, als Widerstand auf dich rückwirkend, ist dir des
Gegenstandes Widerstandskraft. Wille in dir schafft mit
Not-wend-igkeit rückwirkende Kraft--Widerwille in dir ist Widerstand
außer dir.
Was Eines ist, benennst du mit unterscheidenden Namen. Was du in
dir Willen nennst, nennst du außer dir Kraft. Kraft in dir bewußt,
nennt sich Willen; Willen außer deinem Bewußtsein scheint dir
bewußtlose Kraft. Aller Wille ist Kraft, alle Kraft ist Willen. Wille
ist Kraft aus dir, Unwillen in dir ist Kraft gegen dich.
Aus dir fließt Willen und Kraft; Eines ist Willen und Kraft--
Verlangen in dir--du selbst. Sehend geworden erkennst du den eigenen
Willen in fremder Kraft, dich selbst im nicht-Ich.
In deinem Herzen ist die Auseinandertretung, deine eigene
Schöpfung die Unterscheidung: Zeit-Wille--Raum-Kraft. Ich ist Zeit
und Raum, Ich ist Wille und Kraft. Ich ist âkâsha, Ich ist kâma.
*
-- Ur-sprung --
Namen des Verlangens vom Ich aus.
Ich--nicht-Ich
m-Ich empfunden--d-Ich vorgestellt
in der Seele unmittelbar gewußt--mittelst der Sinne erfaßt
als eigen erkannt--als fremd verkannt
innen-Zustand--außen-Gegenstand
wechselndes Verlangen--Entzweiung einheitlichen Verlangens
geänderter Wille--eines anderen Wille
eigener Widerwille--fremder Widerstand
Wandel, seelische Empfindung--Wandel, körperliche Bewegung
Ursache--Wirkung
Wille--Kraft
Freiheit--Notwendigkeit
Einbildung--Vorstellung
ur-Teil--gegen-Teil
Zeit--Raum
Seele--Körper
werdende--gewordene
Welt.
* * *
Ich, durch-ur-Sprung--ur-Teil, un-zu-langend--ver-langt; Ich
ur-Teil verlangt nach dem gegen-Teil. Darum ist Ich Verlangen.
Alles Verlangen ruht auf Unzulänglichkeit, auf Bedürfnis, auf
Mangel, auf Gebrechen, auf Bedrängnis, auf Sehnsucht, auf Furcht und
Hoffnung, auf Not und Qual; alles Verlangen ruht auf Zwiespalt, auf
Zwiespalt der Seele, alles Verlangen auf ur-Sprung. Alles Verlangen
ist Verlangen nach er-Gänz-ung, Verlangen nach wieder-ver-Ein-igung
mit Gottheit.
Ich empfindet sich Bruchstück, darum hungert Ich nach dem
Entgangenen; darum lebt alles Ich außer sich, darum ist alles Ich
friedlos; darum sucht Ich, begehrt Ich, sehnt sich nach anderem,
bewegt sich, neigt sich, nähert sich anderem, nährt sich von anderem.
Eines Wesens ist, wenn der Spalt im Holz sich zu schließen trachtet--
wenn ein Ich bewußt will; Enzweiung will Zu-eins-paarung. Aus Einer
Quelle fließt: sich eines Anderen Seele nähern--sich von eines
Anderen Körper nähren.
Darum lebt Alles dieser Welt durch Nährung, durch Ein-ver-
leib-ung, durch an-Eign-ung; darum lebt alles Ich durch ein anderes
und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch nicht Ich
--seelisch wie sinnlich.
Also beschränkt sucht Ich Unbeschränktheit, also unvollständig
sucht Ich Vollständigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit,
also verstoßen sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also
vereinsamt und verlassen schreit Ich um Hilfe--es verlangt alles Ich
nach Allumfassen, nach Alleinheit, nach Vollendung--nach Nirvana.
Es verlangt m-Ich--Ich muß verlangen, muß außer sich wollen, muß
von Anderem leben, muß jagen und erbeuten, muß würgen und fressen.
Ich muß alles nicht-Ich zu sich wollen, muß an-eign-en wollen, muß
für sich lieben und hassen, muß wider alles nicht-Ich stehen, muß
allem nicht-Ich Gegner und Feind sein solange Ich 'Ich' ist. Es ist
kein Ausweg. Wer das Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht geboten.
Alles ich lebt nur durch Selbstsucht. Alles Ich, blind durch
Ichheit, von Ichheit besessen, vermeint in s-Ich das höchste Gut zu
verteidigen--: zum Bewußtsein erwachende Gottheit.
Darum ist zwischen Ich und Ich ewige Tat, ewiger Widerstand,
ewiges Wirken, darum ist die Wirklichkeit dieser Welt ewiger Kampf.
Darüber ist gesagt: "aus Verlangen und Nährung hat Brahma diese
Welt gebildet".
Das Verlangen ist Lust; das Lust-verlangen ist endlos.
Wie ein Mann nach dem Weibe verlangt--und würde er auch in
solchem Verlangen ganz zum Weibe--nicht befriedigt ist, nunmehr nach
dem Manne verlangt, so verlangt das Ich nach dem, was es nicht ist,
und wenn es das Verlangte erlangt hat, ist es dennoch voll Verlangen.
Ich ist Verlangen, das Verlangen ist endlos.
Ich verlangt nach Allem, was es nicht ist. Ich, sich selbst im
Anderen verkennend, jagt nach sinnlich sinnlosem Ziele--endlose
Täuschung der Sinnenwelt--Sinnlosigkeit der Sinnenwelt--sinnlos,
weil sinnlich.
Alles Verlangen ist Verlangen zu sich, alles Verlangen ist Ich
Verlangen. Es gibt kein selbstloses Verlangen. Kein Ich ist leer von
Verlangen. Verlangen erfüllt, bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist
nur durch Verlangen. Ich in aller seiner Gestaltung ist Verlangen--
Ich, das verlangend, nie erlangt.
*
Auf Einem Gedanken ruht diese Welt:
Verlangen nach Wiedervereinigung mit Gottheit; im Verlangen ist
Bindung und--Lösung dieser Welt.
Nichts außerhalb des Verlangens; nichts was nicht im Verlangen zum
Ich in Beziehung steht. Verlangen ist allüberall, Verlangen ist
allgegenwärtig, Verlangen ist immer. Verlangen ist nie gestillt.
Verlangen birgt sich in allem Geschehen, in aller Tat, in allen
Gestalten, unter allen Namen dieser Welt--ver-Langen nach
ver-Einigung! sinnlich und seelisch.
Anziehung und Abstoßung ist Verlangen, brünstige Wünsche--
inbrünstiges Gebet, Liebe wie Haß. Niederste Gier ist Verlangen nach
dem Höchsten. Tiefster Samsara hat höchstes Ziel: Eines ist was dich
--dich Körper, dich Seele--zu Nahrung treibt, zu Erwerb, zu Weib
und Kind, zu Macht, zu Entsagung, zu Erkenntnis, All-Einheit,
Vollendung, nirvana.
Verlangen führt dich in die Welt, Verlangen hält dich in der Welt
befangen, Verlangen führt dich über diese Welt des Verlangens hinaus.
Also geschlossen im Verlangen ist die ewige Kette; also löst sich
aller Irrtum, alle Sünde dieser Welt: durch Verlangen ist Samsara,
durch Verlangen ist Nirvana.
Endloses Verlangen erscheint als endloses Werden.
*
Ur-teil-Ich-er-Schein-ung lebt nur Einen Gedanken:
Durch ur-Sprung--ent-Zwei-ung; durch Entzweiung--ver-Langen,
nach wieder-ver-Ein-igung.
Alles Ich will sich, will Alles zu sich,--en-will sich zum All.
Also hält Verlangen nach Vereinigung zu sich alles Ich
auseinander.
Durch Entzweiung--Vereinigung; durch Vereinigung--Entzweiung
--Unergründlichkeit--Ewigkeit des Ur-sprungs.
Die Ich-bin-heit hält Ich und Ich auseinander. Asmita ist Schöpfer
dieser Welt. Keine Erlösung im Samsara. Keine Seeligkeit, keine
Erlösung im Ich.
Ur-Teil-Ich durch ur-Srung ab-geschieden, unterscheidet: Ich--
Welt; sieht sich Bestand, Akasha; fühlt sich Verlangen, kâma;--
unterscheidet in Akasha atmend: Zeit--Raum; unterscheidet in Kâma
atmend: eigenen Willen--fremde Kraft--
Alle unter-scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung in ur-Teil
und Gegen-Teil.
Sehend geworden erkennst du:
Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen:
-- Atma --
*
O Teurer, wie ich es dir zunächst dargelegt habe, so mögen wir
Menschen der Erscheinung nach-denkend, uns der Wahrheit annähern. Nur
dem tief ernst Suchenden enthüllt sich die tiefe Lehre--upanishad--
der Menscheit Hoheziel--Hoheziel.
*
So lautet in Aranada-Upanishad der dritte adhyaya: Kâma,
Verlangen; nunmehr Karma, Wirklichkeit.
IV.
WIRKLICHKEIT DIESER WELT
-- karma --
Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer, wisse:
einfach ist alle Wahrheit, Vielheit ist Irrtum dieser Welt.
Wie das dichte Laubdach eines Urwaldes vor einem stürzenden Stamme
zerreißt und helles Tageslicht plötzlich die Dämmerung am Boden
überflutet--so brach bange Unwissenheit in sich zusammen und
überstrahlte mich das Licht der Erkenntnis; und was große Lehrer vor
mir als unausdenkbar erachtet hatten, als unergründlich, als ewiges
Geheimnis--trat in mir zutage, wuchs und erstarkte zu voller
Erkenntnis. Gesegnet sei die Stunde, da ich Gewißheit erlangte: also
ist, was sie Tatgesetz nennen, also ist Wirklichkeit: Karma--
Freiheit des Tuns--eherne Notwendigkeit.
Und schon einmal habe ich solche Erkenntnis ausgesprochen zu jenen
Zeiten, als der König der Videha mich befragte; aber unverstanden
blieb, was ich verkündete, unerkannt in seinen Tiefen--verlorene
Wahrheit offenbare ich dir wieder.
* * *
Aus ur-Sprung--: ur-Teil-Ich-Erscheinung; aus ur-Teil-Ich--:
ver-Langen; aus Verlangen--: Tat
-- KARMA --
*
Tat und Tatergebnis, Wirken und Wirklichkeit dieser Welt--in
dir, o Teurer, als Lust und Leid bewußt, als Tat und Duldung, als
Ursache und Wirkung, als Freiheit und Notwendigkeit--in dir, o
Teurer, als vergeltende Gerechtigkeit der Gottheit wach.
*
Also ist die Unterweisung:
Wie im dichtgeschlossenen Raume dein Atem die Luft verdirbt und
die verdorbene Luft auf dich vergiftend zurückwirkt--
--wie ein fliehender Feind, von dir verfolgt, sich wendet und
dich aus Tat und Angriff zu Abwehr und Leid zurückdrängt--
--wie das Geschoß der schwarzen Haut im Wurf auf dich zurückkehrt--
--wie dein Schwert, am Widerstand abprallend, dich selbst trifft--
--also ist Karma: Tat und Widerstand, Wirkung und Rückwirkung,
Ausgleich, Vergeltung, ewige Gerechtigkeit--Wirklichkeit dieser Welt.
* * *
Karma, Wirklichkeit dieser Welt, wirkt sich in dir aus Ursache und
Wirkung.
Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in Ich und
nicht-Ich.
Du empfindest eigner Tat Ursache in dir, schaust eigner Tat
Wirkung außer dir, am wider-Stand; Widerstand ist Wirkung auf dich;
Wirkung auf dich begreifst du als fremder Tat Ursache. Ursache wird
Wirkung, Wirkung wird Ursache. Die Tat bedingt das Ergebnis, das
Ergebnis bedingt die Tat; Voraussetzung ist Enderfolg; Folge ist
Bedingung. Alle Wirkung ist in der Ursache; alle Wirkung ist
Widerwirkung, Ausgleich von Ursache und Wirkung--Wechselwirkung--
wie zwei Mühlsteine sich aneinander schärfen.--Eines Vorganges
geschiedene Auffassung in dir, ur-teilende Namen. Was du fremd
anschauend 'Ursache oder Wirkung' nennst, nennst du beteiligt 'Willen
oder Unwillen' in dir. Je nachdem du willig-un-willig tust oder
duldest, je nach Willen oder Unwillen in dir, erscheint verschieden,
was Eines ist.
Eines ist, was du willkürlich scheidest--Eines ist Tat aus dir
und Wirkung auf dich--Eines, was du seelisch auslegst und was du dir
sinnlich vorstellst. Tuend nennt sich Ursache, was leidend sich
Wirkung nennt, Beid-einheit--scheinbare Zweiheit durch zwiefache
Benennung desselben.
Vor der ewigen Ich-gegenwart erscheint, was Eines ist, zu einer
zeitlichen Kette auseinandergezogen, erscheint in Glieder zerstückt--
ineinander greifende Glieder einer unlöslichen Kette von Ursache und
Wirkung. Was in sich Eines ist, erscheint uns zeit-räumlich Schauenden
zu Aus-ein-ander-folge ausgedehnt.
Es scheint, als sei Zerfall in Ur-teil und Gegen-teil, als sei
Zu-stand und Gegen-stand, als sei Empfindung durch Wirkung des
Empfundenen, als sei Folge und Folglichkeit. Keine Zeit an sich, kein
Raum, keine Ursache, keine Wirkung, keine Folge, keine Folglichkeit.
Weil an sich keine Ursache ist, weil an sich keine Wirkung ist,
darum ist keine Ursächlichkeit an sich. Im scheinbar bedingenden Worte
"weil" liegt keine Ursächlichkeit; "weil" besagt nur: der weile, das
ist: zur selben Zeit--nichts mehr. Im scheinbar folgernden Worte
"darum" liegt keine Folgerung; "darum" besagt nur: daherum, das ist:
am selben Ort--nichts mehr. Scheinbare Zweierleiheit zur selben Zeit
am gleichen Ort ist Eines. Die scheinbar bedingenden, scheinbar
folgernden Worte aller Sprachen besagen nur: in Zeit und Raum
zusammenfallende Erscheinung, Beid-einheit--nichts mehr. Raumanstoß
ist Zeitfolge--Selbeinheit, nicht Folglichkeit.
Was du Ursächlichkeit, Folge, Folglichkeit nennst, ist Fluß
lückenloser Empfindung in dir, endlos in Einhauch und Aushauch atmende
Willensbeziehung zum endlos aus dir geschaffenen Gegen-stand.--
Nichts in der verlangenden Sinnenwelt, was nicht in Beziehung zu
deinem Verlangen steht. Sinnliche Erscheinung ist Ausdruck deines
seelischen Verlangens; Eines, durch rastlos irrendes Verlangen
geschieden, und so, seelisch geschieden, sinnlich als Verschiedenheit
geschaut. Wechselnde Eigenschaffung in dir erscheint außer dir als
Wechsel der Beschaffenheit; zu-Stand und gegen-Stand bedingen
einander; ändert sich dein Seelenzustand, so ändert sich deinen Sinnen
der Gegenstand--erfasse es wohl: beides ist Eines.
Folglichkeits-erscheinung ist sinnliche Anschauung des Wechselnden
im Beharrenden; Selbeinheits-erkenntnis ist seelisches Erschauen des
Beharrenden im Wechselnden. Anscheinende Gesetzmäßigkeit ruht auf
Vielheitstäuschung, das ist: deiner sinnlichen Auffassung
zeit-räumliches Aus-ein-ander-fallen des in sich Einheitlichen.
Folglichkeit--nur aus-ein-ander-gezerrtes Bild der Selbigkeit; ein
Hinweis, daß Raum und Zeit bloße Erscheinung sei und nicht in sich.
Kein Folglichkeitsgesetz dem Wissenden.
Zerfall in Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in "Ich
und Du" im Ursprung; erscheint mit dem Zerfall des Ich in Zeit und
Raum.--Wie Nacht dem Tage folgt und Tag der Nacht, so folgt in
endloser Flucht des Geschehens Wirkung auf Ursache und Ursache auf
Wirkung. Ursache bewirkt und Wirkung verursacht. Wie einer Sohn seines
Vaters ist und Vater seines Sohnes, Vater und Sohn zugleich, so ist
Ursache Wirkung und ist Wirkung Ursache--Wirkung und Ursache
zugleich.
Vieler Worte bedarf es, Selbstverständliches darzulegen: Eines ist
Ursache und Wirkung--willkürliche, an sich nichtige Unterscheidung
in dir; doppelte Benennung des Einen, zwei Worte für dasselbe:
Wirklichkeit, Karma--durch dich--auf dich wirkend; Kreislauf des
Verlangens.
* * *
Und ferner, o Teurer, Karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich
in dir aus Freiheit und Notwendigkeit.
Freiheit des menschlichen Tuns, o Teurer? oder unabwendbare
Gesetzmäßigkeit alles Geschehens? Offenbar wird dem Erkennenden die
Lösung der großen Frage an aller Gestaltung, in jedem Vorgang, an
allem Werden, an allem Sein. Dasein; alles Gewordene aus gebundener
Freiheit. Du durchschaust das Rätsel am aufsteigenden Opferrauch, am
Lauf der Gestirne, am Monde, an jeder Zelle. Alles Gebilde ist davon
Bildnis; Urbild aller Gebilde--der Zwölfflächner.
Erwäge es wohl! So lange du die endlose Flucht der Erscheinung
'teilend' zu beherrschen glaubst, so lange irrst du im Wege zu
Erkenntnis--: 'einigend' nahst du dem Hohenziel.
Erwäge es wohl! Nur die voll erkannte Lehre löst dich aus den
Fesseln der Unwissenheit--: nicht eher offenbart sich dir das
Geheimnis; nicht eher erwachst du aus vieltausendjährigem Schlummer.
Nicht überliefert wurde mir die Lehre von der Gemeinschaft
schauender Meister; aus dem Urquell alles Gedankens ward mir die
Lösung, die seit dem Erwachen der Menschheit gesuchte.
*
Also ist die Unterweisung:
Wie ein Ball, aufschlagend, sich abflacht--
--wie runde Beeren, in der Traube zusammengedrängt, zu kantigen
Formen auswachsen--
--wie Wasserblasen im Schaumballen, einander bedrängend, aus der
erstrebten Kugelgestalt mit Notwendigkeit zu Zwölf-flächnern werden--
--wie die gewollte Kreisform dicht aneinandergeschlossener
Bienenzellen sich mit Notwendigkeit zum Sechseck gestaltet--
--so widerfährt dem Ich im nimmer endenden Verlangen, nach allen
Seiten frei und ungehemmt sich auszubreiten,--notwendig Hemmung von
allen Seiten, von allen Gegen-ständen Widerstand--
--so gestaltet sich, was du Freiheit nennst, zu Notwendigkeit;
das ist: durch freien Willen Aller--notwendig gebundener Wille Aller--
und du erkennst:
Aller Freiheit ist Aller Notwendigkeit.
Dies ist Lösung der großen Frage, um die du mich angingst:
Freiheit des Willens oder unabweisbare Notwendigkeit alles Geschehens
--restlose Lösung. Was unergründlich schien, was Jahrtausende vor mir
Morgen- und Abendland, alte und neue Welt, Rishi und Mahatma,
vergeblich suchten--gefunden ist die Lösung des tiefen Rätsels,
durchschaut der Widerspruch, erkannt die Einheit im Gegensinn.
*
Einfach ist alle Wahrheit: Freiheit--zu-Stand des Ich,
Notwendigkeit--gegen-Stand. Als frei getan empfindest du, was dein
eigen, als notwendig geduldet, was dir entfremdet; Freiheit, was du
willig in dir, Notwendigkeit, was du unwillig als draußen erachtest.
Im Bereich des Ich-bewußtseins heißt Freiheit, was darüber hinaus, dem
Weichbild des Ich in Raum entwichen, Notwendigkeit heißt.
Aller Ich bewegt frei den eigenen Willen, Aller Ich empfindet sich
mit Notwendigkeit bewegt vom frei bewegten Willen Aller.
Freien Willen, also gehemmt, empfindest du als Unwillen;
empfundenen Unwillen legst du aus als fremder Kraft not-wen-dige
Wirkung; auf dich rückwirkende Freiheit nennst du Notwendigkeit;
Wirkung aus dir--Wirkung auf dich.--Was du frei aus dir tust,
bindet dich notwendig.
Freier Wille durch gegen-Stand not-wend-ig bestimmt; freier Wille
in der Sinnenwelt gebunden.
Was ich will, will ich frei--ist Freiheit und Lust; was ich
wider meinen Willen dulde, ist Unlust, Beschränkung, Notwendigkeit. Je
nachdem ich dem mächtigen Zuge der Welt willig folge oder unwillig
widerstehe--je nach dem ich willig-un-willig umfasse oder
un-willig-willig entlasse--je nach meinem Ziel im Verlangen--
erscheint verschieden, was Eines ist.
Was du in dir freien Willen oder fremden Willen außer dir nennst,
ist einheitliche Beziehung inzwischen Ich und Ich, von beiden Seiten
gleichzeitig als eigene Freiheit, von beiden Seiten gleichzeitig als
fremder Zwang empfunden.
Kein Gesetz dem Wissenden:
Aller Freiheit ist aller Gebundenheit--Aller Wille ist Aller
Gesetz.
Davon ist gesagt: "Gebunden ist Seele durch Seele." Was sie Gesetz
nennen, ist gehemmtes Verlangen.
*
Es verlangt dich im Zuge der Welt zur Erscheinung--es verlangt
dich zur Erscheinungswelt hinaus. Je nachdem du voreilst oder
zurückbleibst, je nach deinem zustimmenden oder abweisenden Verlangen
erscheint dir das Werden-ver-Werden der Welt als eigenes Wirken aus
dir oder als fremdes Wirken auf dich--je nach seelischer oder
sinnlicher Auffassung--verinnerlicht oder entäußert.
*
Hinfällig ist aller Streit, der feste Bau ist gegründet. Freiheit,
zu Ende gedacht, ist Notwendigkeit; Notwendigkeit, zu Ende gedacht,
ist Freiheit.
Eines ist, was du zwiefach benennst: Freiheit und Notwendigkeit,
willkürliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir.
Dein Verlangen schafft was du Freiheit, dein Verlangen schafft was
du Notwendigkeit nennst. Karma, Wirklichkeit dieser Welt willig in
dich aufgenommen scheint 'freie' Wirkung aus dir; Karma unwillig
abgewiesen ist notwendig Wirkung wider dich.
Freiheit und Notwendigkeit ununterschieden in sich, weder das
eine, noch das andere, Eines doppelt benannt, zwei Namen für das Selbe
--; unendliches Verlangen--endloser Widerstand--Karma in dir
atmend.
Verloren ist Freiheit--gewonnen ist Freiheit; du selbst bist
Herr und Gesetz, du selbst bist Schöpfer--Vernichter. Atma ist sich
selbst Gesetz.
Noch einmal: Gib es auf, die Welt zu durchschauen, ehe dir die
volle Erkenntnis von Karma auf geleuchtet ist.
* * *
Und ferner, o Teurer! karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich
in dir aus Tun und Dulden. Ich Dasein ist Tat. Tat erfüllt das Ich,
Tat bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist nur durch Tat. Ich in
allen seinen Gestaltungen ist Tat. Alle Tat ist Ich-Tat; keine Tat ist
selbstlos.
Keine Tat geschieht um ihrer selbst willen: du tust, um durch Tat
zu Tat-Frieden zu gelangen. P. W.
Tat ist Frucht des Verlangens, das Verlangen ist endlos. Keine Tat
bringt das Heil. Kein Tun stillt das Verlangen; Verlangen ist ewig
wach; Befriedigung ist ewig Täuschung.
Unerreichbares wähnst du durch Tat zu erreichen. Tat fördert neue
Tat. Tat fordert neue Tat. Tat führt endlos zu Tat. Jede erfolgte Tat
fesselt dich an den Erfolg der Tat. Tat verschuldet dich irdischen
Mächten. Unselig ist alle Tat--eine ewige Kette. Alle Tat, gute wie
böse, schafft neues karma. Keine Erlösung durch Tat--tuend wirkst du
diese Welt.
Darum ist gesagt: "der bös Handelnde, der gut Handelnde bleibt
durch sein Tun gebunden."
Darum sagt Shamkara, der Lehrer: "die Seele von Bösem und Gutem
befleckt."
"Seele wird nicht höher durch gutes Werk, Seele wird nicht
geringer durch böses Werk."--"Sein Reich leidet durch keine Tat
mehr; über Gutes und Böses--über beides ging der Vollendete hinaus."
Darum sagt Shri-shagavad-gitâ-upanishad: "alles Tun ist von Schuld
umhüllt."
Darum spricht die Gottheit Krishna: "ich bin außerhalb dieses
Tuns."
Darum lehrt des Heilweges Buch: "das Höchste ist ohne Tun." "Wer,
solches wissend, von Gutem und Bösem sich rettet, der rettet sich von
Sinnen zu Seele; der rettet sich zu Atma, der solches weiß."
*
Ich rede zu Suchenden, zu dir, o Schüler! draußen Stehenden ein zu
bewahrendes Geheimnis. Ehe du es wagst von Tat zu lassen, erfasse die
Lehre wohl.
Der Gedanke dieser Welt ist suchendes Verlangen; blind irrende
Gedanken des Verlangens walten übermächtig allüberall. Was von
Gedanken seelisch sinnlich in dir haftet, lebt, schlägt Wurzel in dir,
schafft sich zu deiner Seele. Es denkt und will und handelt in dir.
Irresuchenden Gedanken Stätte gewährend, irrst du im Wege zum
Hohenziel.
Sei tätig so lange dir Tat Befriedigung gewährt; sei tätig, doch
sei nicht in der Tat. Wahre die Ruhe deiner Seele--unberührt von Tat
und Taterfolg--selbstvergessen. Also tuend wird dir Erkenntnis von
Tat--Tat ohne Täter. Von Leid und Tat ungeblendet wirst du sehend.
*
In dir, o Teurer, wächst mit jeder neuen Erkenntnis der Gedanke:
'unausführbar in diesem Leben ist die Lehre'.
Nun wohl! Wende dich von diesem Leben ab, das dir des Lebens
höchstes Gut versagt: 'Seelenfrieden'. Suche höheres Ziel! Du selbst
bist Schöpfer und Vernichter. Aus deinem Verlangen schaffen sich die
Welten; dein Verlangen schafft diese, dein Verlangen schafft andere
Welten.
* * *
Was ist, ist durch Gegensatz: daß die Welle sich hebe, muß ein
Wellental sich bilden. Tat ist unablösbar von Leid; kein Tun ohne
Dulden. Ich-dasein ist Tat und Duldung.
Tat ist am gegen-Stand; Tat ist gegen wider-Stand. Was dem Täter
Tat und Lust ist, ist Leid und Duldung dem Widerstehenden. Aller Fraß
ist Fressen und Gefressenwerden. Lust und Leid ergänzt sich in Täter
und Dulder.
Alle Tat ist Frucht des Verlangens: das Verlangen treibt dich; den
Trieb erleidend, tust du. Tuend leidest du und leidend tust du. Leid
aus sich hinaus verlegt, nennt sich Tat.
Wir blinden Menschen erkennen das Leid nicht, wenn wir es Tat
nennen.
Durch Tat ist Leid, durch Leid Tat. Ich tue das Leid, ich leide
die Tat. Ich tue oder dulde Leid. Ich leide, weil du mir Leid antust;
ich leide, wenn du mir leid tust. Ich mache mich selbst leiden. Ich
empfinde mich außer mir, ich leide in dir.
Darum sagt Shánkar-atschárya, Verehrung sei ihm: "Tat--dem Wesen
nach Leid". Tat und Widerstand--zwiefach Leid.
Leid fordert Lust--Lust fordert Leid.
Lust--fremdes Leid, Leid--fremde Lust; Lust ist Wirkung aus
dir, Leid--Wirkung auf dich. Der Hammer ist zum Schlag, der Amboß
zum Widerstand bestellt. Im Hammer Lust und Leid, im Amboß Leid und
Lust. Darum ist Ein Wort für beides: ashma.
Was deiner Empfindung-Anschauung gegensätzlich erscheint, Duldung
wie Tat, wächst aus derselben Wurzel, unterschieden nur durch
unterscheidende Benennung, wie Wille und Unwille, wie Ursache und
Wirkung, wie Freiheit und Notwendigkeit, wie Zeit und Raum, wie oben
und unten--unterscheidende Namen in dir--Zerfall im Ur-sprung in
Ich und Du.
*
Eines in sich ist, was du in karma mit gegenteiligen Namen
bezeichnest; Eines, was du verlangend Lust, abweisend Leid nennst;
dasselbe un-willig-willig getan, willig-un-willig gelitten.
Was von Gedankenwellen dir willkommen zuströmt, erbaut dich, baut
das Ich in dir; was dir behagt, was du willfährig aufnimmst, was du
zustimmend, bejahend, wohlwollend umfaßt; was du einwilligend dir
aneignest, was sich dir willig fügt, was dir zu Willen ist, was dein
Wille, was du selbst bist, gebärt in dir, deine Seele bewegend--:
Zeit, Ursache, Freiheit, Tat und Lust--du tust, dein
gegen-Ich-duldet.
Was, aus deinem Willen geboren, zu Unwillen in dir wird, was dir
als Widerwille Abbruch tut, was dir entgeht, was du unwillig hingibst,
unwillig entbehrst, was du widerstrebend empfindest, was dir
widersteht, was erwidert, anwidert, was widrig, widerwärtig ist, was
wider deinen Willen geschieht, wendet sich gegen dich, gewinnt Macht
über dich, unterdrückt dich--aus dem Raum deine Sinne bewegend--
als Duldung und Leid, Wirkung fremder Tat, Notwendigkeit--dein
nicht-Ich tut, du duldest.
*
Du irrst in anfang-endlosem Kreislauf der Erscheinung; du irrst
nach Lust, und irrend--irrst du. Dich gelüstet und du wandelst,
lustbefangen, deine Empfindung zur Vorstellung, deine Einbildung zur
Anschauung, zu-Stand zu gegen-Stand; Wille wird Kraft, Zeit wird Raum,
Ursache Wirkung; du schaffst, lustgebunden, Zwang, Gesetz, Duldung,
Notwendigkeit; es ist Schrecken und Qual, Nacht und Tod.
Dich gelüstet und du ziehst das Abgestoßene, Unlust, Gegenstand,
Raum, Kraft, Wirkung, Notwendigkeit Gewordene wieder zustimmend an
dich an; nimmst, wider-Stand aufgebend, den Gegensatz wieder wollend
in dich auf; wandelst Vorstellung zu Einbildung, wandelst Anschauung
zu Empfindung;--durchbrochen ist der Zauber; fremder Gegenstand ist
eigener Zustand, was fern schien, ist in dir, was zu fallen schien
steigt an, was niederging geht auf und alles Geschehen, was
Rückbildung schien wird Entfaltung, was Vernichtung--Entstehen;
Kraft wird zu Willen, Raum wird zu Zeit, Wirkung wird Ursache, Duldung
--Tat, Notwendigkeit--Freiheit, und was du Leiden und Tod nanntest,
ist Leben und Lust.
Du wandelst aus eigener Kraft schlaftrunken in eigener Schöpfung;
und wandelnd wandelst du dich selbst, wandelnd wandelst du die Welt.
*
Freudvoll sind diese Welten--doch vergänglich sind Freuden
dieser Welt; vergänglich wie Blüten, welkend wie Jugend, enttäuschend
wie Liebesgenuß.
Grauenvoll sind diese Welten, wahnbefangen, not und leiderfüllt;
ganz im Banne nimmergestillten Verlangens, ganz im Banne ewig
friedloser Tat, allen Schrecken preisgegeben, preisgegeben dem Tode.
--Eine Welt, in der aller Sieg auf Niederlage ruht, alle Freude auf
Schmerz, alle Lust auf Leid, alles Leben auf Vernichtung: vom
Brunstschrei bis zum Todesröcheln--eine Welt aus Gier und Fraß, aus
Angst und Flucht, aus Kampf und Qual; ein ewig stürmendes Meer--
unabsehbar an Raum, endlos an Zeit--an rastlos quellendem Leben
übervoll--nur von Einem Gedanken erfüllt, voll nimmer gestillter
Gier, ringsum zu töten! und tötend zu leben! Henker und Opfer
zugleich, wir blinden Menschen. In allen Höllen und allen Erden dieser
Welt--in allen Himmeln!--eine Welt, die sich selbst frißt--nie
auszumessendes Maß von Leid.--Wohl dir--wehe dir, daß du blind
bist!
Wie vermöchte wohl, o Teurer, eine Welt auf tieferem Grauen zu
ruhen? Wie vermöchtest du wohl, o Teurer, eine Welt zu ersinnen,
grauenvoller als diese? Welten, die andere Welten verschlingen, selbst
von anderen Welten verschlungen werden.
Grauenvoll sind diese Welten, doch vergänglich ist alles Grauen.
Grauenvoll sind diese Welten;--alles Grauen dieser Welten ruht auf
Lust!
*
Die, erkenntnislos, sich zu Lehrern aufwerfen, reden von guten,
reden von schlechten Welten; Toren klagen über Verschlimmerung dieser
Welt, Toren träumen von einer Besserung dieser Welt--einer Welt, die
ewig auf Verlangen und Widerstand ruht, ewig auf Tat und Duldung, ewig
auf Lust und Leid.
Dieser Welt Dasein ist durch ur-Sprung, durch zwie-Spalt; durch
ent-Zweiung ist diese Welt, durch gegen-Satz, durch wider-Spruch. Wie
vermöchte, o Teuerer, bei Menschen, bei Göttern, in Felsen oder
Pflanzen, Tat zu schwinden, da Verlangen lebt? Wie vermöchte in der
Welt Leid zu schwinden, solange Lust und Tat lebt? Wie gäbe es ein
Wirken ohne Ziel, Verlangen ohne Tat, Tat ohne Widerstand, Widerstand
ohne Leid? Wie vermöchtest du, o Teurer, in dieser Welt Sieger zu sein
ohne Besiegten? Wie ein Selbst ohne Selbstsucht? Ein Ich ohne Du? Wo
in dieser Welt weißt du ein Leben ohne Tod?
Die Welt ist durch Kampf, Leben durch Vernichtung, aller Aufbau
durch Zerstörung, alles Entstehen durch Vergehen: --in allem Werden
liegt ver-Werden. Wie vermöchtest du dieser sich also gestaltenden
Welt in die Arme zu fallen? Wie vermöchtest du, o Teurer,--Zeit und
Raum durchschauend--solcher Täuschung nachzuhangen?
Erblinde für diese Welt! von dieser Welt ungeblendet wirst du
sehend.
*
Wir Menschen steigen an zu Göttern und über Götter hinaus und mit
uns steigt alle Gestaltung dieser Welt. Was wir heute Tier oder leblos
nennen, ist dann Mensch--Mensch, wie wir heute Menschen sind, mit
all unserer Lust und Qual. Menschen steigen an zu Göttern und Menschen
bleiben im ewigen Kreislauf und Welt bleibt Welt--ewig wie heute--
ewig nach Erlösung dürstende Seele. Ein unabsehbar ewiger Strom, von
Welten und Wesen, der, das All durchmessend, in seiner eigenen Quelle
mündet.
Wie Meeresatem: Flut folgt auf Ebbe, Ebbe auf Flut; Meeresbewegung
wohl, doch keine Fortbewegung des Meeres. Wohl ist Ziel-Bewegung
innerhalb dieser Welt, doch keine Fortbewegung der Welt--wohin auch,
wenn nicht über die Welt hinaus?
Wohl ist hier oben, doch ist kein oben allein. Wohl ist jetzt
Flut, doch Flut ist durch Ebbe; wohl tagt es, doch Nacht war es vor
Tag und Nacht folgt dem Tage und Nacht ist es bei Tag.
Nicht Tag allein ist Leben und Welt, Nacht nicht die Kehrseite des
Tages: ewig ist Tag und Nacht zu gleich. Aus Einhauch und Aushauch ist
Atem, aus Flut und Ebbe Meeresbewegung, aus Tag und Nacht, aus Lust
und Leid die atmende Welt.
Der Nacht Schlaf ist Erwachen des Tages, Vergehen des Tages ist
Entfaltung der Nacht: Was Entwicklung scheint ist ewiger Kreislauf
Einheit in sich, in dir unterscheidende Namen.
*
Verlangen in dir äußert sich, Wille aus dir gewinnt außer dir
Gestalt, Tat aus-geführt, im gegen-Stand, selbständig geworden, stellt
sich als eigene Kraft wider dich. Bewußter Wille wandelt sich--aus
deinem Bewußtsein entlassen--zu auf dich wirkender Kraft. Aus dir
geboren, dein eignes Kind legt Hand an dich. Du wirst von dem
ergriffen, was du ergreifst; du bist dem zu eigen, was du dein eigen
nennst, und was du schlägst, schlägt dich. Dein Werk, aus dir gewirkt,
ist Wirklichkeit und wirkt auf dich zurück.
Vorstellend wirkst du und wirkend stellst du vor. Vorstellung ist
Wirkung aus dir; gegen-ständlich Vorgestelltes ist Gegenstand;
Gegenstand widersteht; Widerstand ist Wirkung auf dich. Wirkend wirkst
du auf dich selbst. Freier Wille, als Unwillen aus dir entlassen,
nötigt dich, sich gegen dich wendend, als Not-wend-igkeit--karma.
--Alle Tat, alles Wirken, alle Wirklichkeit ist wider dich selbst.
Darum ist gesagt: "gebunden ist Seele durch sich selbst."
Du tust und leidest deine Tat; alle Tat aus dir trifft dich
selbst. Was du dem Andern zu tun vermeinst--Gutes wie Böses--tust
du dir selbst. Deine Tat ist dein Urteil, deine Tat ist dein
Schicksal. Alles Geschehen dieser Welt--der Gottheit ewig
ausgleichende Gerechtigkeit--karma.
Darum ist gesagt: "Vergeltung der Tat am Täter."
Darum ist gesagt: "das Trinken der Vergeltung."
Darum wird gesagt: seine Lust büßen.
*
Im verlangenden Ich wirkt sich das Werden dieser Welt.
Alle Wirklichkeit ist atmendes Verlangen in dir; in dir ist alles
Geschehen und alles Geschehens Wertung. Die ganze Welt ist Inhalt
deiner Seele, Ausdruck deines Verlangens, Abbild deiner selbst,
sinnliche Ent-Gegnung seelischer Bewegung in dir. Deine Vorstellung,
dein Verhalten, deine Auffassung, Gesinnung, Neigung--deine
über-Zeugung--schafft unterscheidende Namen und unterschiedene
Dinge. Eins an sich ist, was du Ursache oder Wirkung, Freiheit oder
Notwendigkeit, Tat oder Duldung, Leben oder Tod nennst.
Du selbst bist Ur-sache; aus deinem Verlangen schaffen sich die
Welten.
Dein Verlangen schafft Alles, dein Verlangen wandelt Alles.
Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden. Aus deinem
Verlangen wird die Welt--erscheint und ist.
*
Alles Wirken und Geschehen--in dir, o Teurer, alle Bewegung und
aller Stillstand, alle Unterscheidung und aller Wandel--in dir, o
Teurer--Werden ver-Werden--in dir. Im Weichbild deiner Welt
spaltet Alles, spielt Alles gegen einander, hält Alles sich die Wage;
alle Tat findet Vergeltung, alles Geschehen gleicht sich aus, aller
Gegensatz hebt sich auf, alles Außereinander kehrt in sich zurück, wie
Wellen sich ebnen.
Dieser Welt Gleichgewicht im ewigen Kreislauf durch ur-Teil und
gegen-Teil; Vergeltung durch Ausgleich, Frieden durch Gleichmut--in
dir, o Teurer, als ewige Gerechtigkeit, als Tugend und Glück, als
Erkenntnis und Weisheit wach.
Aller Gegensatz und aller Ausgleich ist in dir, o Teurer.
Wie auch Verlangen und Tat, wie auch Liebe und Haß, Lust und
Grauen, Leben und Tod dieser Welt gegen einander stürme--der Welt
Wesen ist unbewegt. Wie auch Tag und Dunkel dieser Welt wechsle--dem
Wissenden leuchtet ewiges Licht.--
*
Du erkennst:
Was du in karma mit widersprechenden Namen belegst, ist
willkürliche, in Gegenteile auseinander spaltende, an sich nichtige
Unterscheidung in dir--
Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--außer dir
als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist nur Kennzeichnung deines
wechselnden Verlangens, deines wechselnden zu Standes zum
selbstgeschaffenen gegen-Stand.
Eines ist, was du--urteilend--willkürlich scheidest; Eines,
was du durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst:
Willensgestaltung; dein Willen und was wider deinen Willen, wieder
dein Wille ist.
Urteil und Eigenschaft der Dinge und des Geschehens ist deine
Empfindung und Widerspiegelung deines innen-Befindens; ist deine
Einbildung und nach außen Verlegung--Auslegung deiner Einbildung,
das ist Vorstellung; unbewußt bewußte Einbildung, bewußt unbewußte
Vorstellung.
Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften; eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt.
Ich aus s-Ich wirkend, wirkt die Wirklichkeit dieser Welt--Ich
ist karma.
Du selbst bist Ur-sache: bist Anziehung und Abstoßung, Liebe und
Haß; Lust und Leid ist Abbild deiner selbst, dein Werden ver-Werden.
Einheit an sich--in dir unterscheidende Namen. In deinem Herzen sind
die Auseinandertretungen, Unterscheidung deine eigene Schöpfung. Nur
in deiner Empfindung ist Wandel, nur in dir ist Leben und Atem, nur wo
du bist, ist Welt: Spiel deiner Seele, lebendige Schöpfung aus eigner
freier selbstherrlicher Kraft.
Du erkennst dich Atma in allen Namen, du erkennst dich Atma in
allen Wesen dieser Welt: das Alles bist du, endlos an Gestaltung und
Zahl.
Darum ist gesagt: "Himmel und Erde in deinem Herzen."
*
Durch ur-Sprung--ur-Teil, sich ab-scheidend unter-scheidet: Ich
--Welt; weiß sich Bestand--Akâsha; fühlt Verlangen--Kama; erfährt
Wirklichkeit--Karma; unterscheidet in Akasha atmend: Zeit und Raum;
unterscheidet in Kama atmend: Wille und Kraft; unterscheidet in Karma
atmend: Tat und Duldung--: all-so ur-Teil--gegen-Teil atmend wirkt
s-Ich in dir die Wirklichkeit dieser Welt.
Alle unter-Scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung;--alle
ver-Schiedenheit, alle Umwandlung, alle Vielheit bloße Worte, nur
Namen--Eines ist es in Wahrheit.
Sehend geworden erkennst du:
Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen:
-- âtmâ --
*
So, o Teurer, mögen wir Menschen, die Erscheinung durchschauend,
uns Karma vorstellen. Vorstellung, nicht letzte Erkenntnis. Weg zur
großen Lehre, draußen Stehenden ein zu bewahrendes Geheimnis--
verhüllte Wahrheit--upanishad.
* * *
So lautet in âranâda-upanishad der vierte adhâyâ: Karma,
Wirklichkeit; nunmehr: Manas, Verstand und Urteil.
V.
DER URTEILENDE VERSTAND
-- manas --
Zu dem was ich dir nunmehr zu sagen gedenke, o Teurer, behalte vor
Augen:
Geringes Verständnis spricht durch uns Menschen: Von Trugbildern
unserer Sinne geblendet, taumeln wir, einer geängstigten Herde gleich,
dahin und dorthin, von Torheit zu Torheit, wie Blinde von Blinden, wie
Irre von Irren geführt.--
Sagt dir Jemand: zu verwerfen sei diese Lehre, sie hebe den
Unterschied zwischen Recht und Unrecht auf, sie preise nicht das Gute
und verabscheue nicht das Böse--so antworte ihm: diese Lehre lehrt,
über Recht und Unrecht hinaus, der Menschheit höchstes Ziel--
Selbstlosigkeit.
Und gewiß: festgefügt ist der Grundbau dieser Lehre,
unerschütterlich, auf dem Grunde, der unsere Welt trägt. Ist das Eine
so ist das Andere--untrennbar; untrennbar ist Erlösung von dieser
Lehre vollem Erleben.
*
Durch ur-Sprung: ur-Teil-Ich-er-Scheinung; aus ur-Teil-Ich:
ver-Langen: --Tat; aus Tat-widerstand: --Verständnis.
-- MANAS --
*
Manas--Denktätigkeit dieser Welt, Namen des Bewußtseins:
Unterscheidung, Überlegung, Erwägung, Einsicht, Verstand und Urteil.
Also ist die Unterweisung:
Ich komme auf Gesagtes zurück, o Teurer: widersprechend ist der
Wille in den Beiden, die von getrenntem Standort aus--verständnislos
--einander bekämpfen; widersprechend auch das Urteil.
Ich, siegend, will die Tat, und sein Urteil ist seinem Willen
gemäß: "du bist meine Nahrung, ich töte dich, es ist mein Recht".
Ich, unterliegend, enwill die Tat, und sein Urteil ist seinem
Willen gemäß: "du darfst mich nicht töten, es ist Unrecht und böse."
*
Du erwägst zunächst das Urteil im Raum erscheinend:
Der Gedanke in beiden ist Einer: Ich-Bestand, Ich-Verlangen,
Ich-Tat; Bestand, Verlangen, Tat steht in Ich und Ich sich selbst
gegenüber.
Im Einen wie im Andern derselbe Wille, dieselbe Tat--
widersprechendes Urteil. Jeder der Beiden will die Tat tun, Keiner der
Beiden will die Tat dulden. Wer angreift und siegt, lobt Wollen und
Tun; wer abwehrt und erliegt, schilt Wollen und Tun. Hier Lob, dort
Tadel; Recht dem Einen ist Schuld dem Andern.
Urteil widerspricht sich im Raum.--
*
Ferner: Urteil in der Zeit erscheinend:
Je nachdem Ich Angriff-Abwehr aufnimmt auf gibt, gestaltet sich
das Urteil im Ich.
Ich, das angreifend die Tat tun will, Ich, das angegriffen die Tat
nicht dulden will--wechselt seinen Stand zur Tat: will, was es dem
Andern antun wollte, nicht mehr tun; will selbst erdulden, was der
Andere von ihm erdulden sollte--will dulden, nicht tun. Mit
gewechseltem Standort wechselt der Wille, mit gewechseltem Wollen
wechselt das Urteil. Ich schilt, was es lobte, Ich lobt, was es
schalt.
Urteil wechselt in der Zeit.--
*
Und ferner: Urteil in sich:
Je nach dem vierfachen Standort des Ich im Verlangen, je nach
zwiefachem Stand des Ich in sich, je nach zwiefachem Stand des Ich
außer sich, ist die Beziehung des Ich zum gegenständlich aufgefaßten
Gedanken, ist Willen und Urteil des Ich. Ein und das selbe Ding, das
selbe Tun, der selbe Vorgang, Ein Geschehen, Ein Gedanke erscheint im
Ich als verschieden, als in gegen-Teile zerfallen, als Zweierlei, je
nach dem Willensstandort des Ich zum Gedanken--je nachdem der
Gedanke dem Ich als Gegensatz zu sich, oder als Gegensatz in sich, als
fremder Gegenstand oder als eigener Zustand erscheint. Der
einheitliche Gedanke: 'Fraß' wird zweierlei: 'Fraß an dir--Fraß an
mir, fressen und gefressen werden'.
*
Das selbe Eine unveränderte Ich urteilt über den selben Einen
unveränderten Gedanken vom selben Standort zur selben Zeit--
zwiefach; zwiefach auf jedem Standort, zwiefach zu jeder Zeit; gut und
zugleich böse, schön und zugleich häßlich, recht und zugleich schuld,
je nachdem Ich den Gedanken aufnehmen oder abweisen will, je nachdem
das Urteil dem eigenen oder dem gegenständlichen Ich gelten soll, je
nachdem das Urteil mein Ich--m-Ich, oder dein Ich--d-Ich betrifft.
Angreifend hält Ich Angriff für Recht, doch selbst angegriffen für
Schuld. Fressend hält Ich das Tun für löblich und gut, doch selbst
gefressen für unrecht und böse--, dich fressen ist recht, mich
fressen ist schuld'. Lob und Tadel, gut und böse, schön und häßlich,
Fraß und nicht Fraß in Einem Atem, Verlangen, urteilend, steht sich
selbst gegenüber.
Alles Urteil trägt sein Gegenurteil in sich. Wie kein Teil ohne
Gegenteil, so kein Urteil ohne Gegenurteil.
Urteil ist nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich
im Raum, nicht nur zwiespältig vom zwiefachen Standort des Ich in der
Zeit, Urteil ist zwiespältig in sich.
*
Alles Urteil ruht in der Selbstherrlichkeit Ich; alles Urteil im
Ich ist will-kür-lich wechselnd.
Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit.
Alle Entscheidung im Urteil ruht auf Entscheidung im Willen.
Willen liegt unmittelbar in jedem Urteil. Urteil und Willen deckt
sich. Urteil ist Ausdruck des Willens. Immer ist Willen Lust; immer
ist Unwille Leid. Willen hat immer Recht:
'ich habe Lust--ich will; ich leide es nicht--will nicht. Was
ich will ist gut; ich will es, darum ist es gut; böse ist was ich
nicht will, was nicht ich will, was mich will.'
'ich habe recht' heißt: 'ich will'; 'du hast Unrecht' heißt: 'ich
will nicht'; 'du sollst' ist dasselbe wie 'ich will'; 'du darfst
nicht' ist dasselbe wie 'ich will nicht'.--Alles Gebot, alles Verbot
--müßige Fragen dem Wissenden.
Was ich an mich ziehe, nenne ich anziehend; was wider mich ist,
ist widerlich; was mir schadet, ist schädlich; was meinen Zwecken
dient, ist zweckmäßig; was nicht mir nutzt--nichtsnutzig; was zu
schonen ist, ist schön; was ich liebe, ist lieblich; was ich hasse--
häßlich.
Lust hier ist Leid dort; Lust jetzt ist Leid dann; in Lust ist
Leid, in Leid ist Lust; Lust ist Leid, Leid ist Lust.
Keine guten und keine bösen Dinge auf der Welt; keine guten, keine
bösen Geschöpfe; keine guten, keine bösen Menschen. Böse ist, was zu
mir böse ist; gut ist, was zu mir gut ist. Du willst Wirkung aus dir;
ungewollte Wirkung auf dich nennst du böse. Gutes wie Böses ist nur in
deinem Urteil--sonst nirgends. Du lobst und tadelst dich selbst, je
nachdem du am gegen-Stand an-Teil nimmst, je nachdem du dich selbst im
gegen-Stand bewußt oder unbewußt empfindest.
Du erkennst: es gibt kein Urteil ansich. Urteil ist nur
Rechtfertigung, nur Entschuldigung, nur Beschönigung deines
Verlangens. Was als Urteil im Ich erscheint ist Willensausdruck. Wille
ist Ich. Ich will, Ich urteilt. Es gibt kein Urteil
--Ich ist Urteil.--
Dies wunderbar Einfache erfaßt die Menschheit nicht.
*
Wie dein Stand im Raum bestimmt, was mit rechts oder mit links,
was mit oben oder mit unten zu bezeichnen sei; wie dein Stand in der
Zeit bestimmt, was du als Vergangenheit und was du als Zukunft
unterscheidest, so bestimmt deine Beziehung zum Gedanken, dein
zu-Stand zum gegen-Stand--das Wollen in dir--du selbst--was du
gut oder böse, schön oder häßlich, Recht oder Schuld nennst, und wie
jenen Bedeutungen, so kommt auch diesen keine Wahrheit zu.--Wie
deine gegen-Wart in Raum und Zeit ein willkürlicher Scheidepunkt ist,
der dir das Recht zu geben scheint, Verschiedenheit zu schaffen, ein
rechts und ein links, ein oben und ein unten, ein vorher und nachher
zu unterscheiden, so schafft deine gegen-Wart zum gegen-Stand, deine
Beziehung zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken, dein Stand im
Verlangen, der Wille in dir--du selbst--Unterscheidung im
Ungeschiedenen, macht dich als Gegensatz unterscheiden, was Eines ist:
dein Verlangen--du selbst.
In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in dir ist
Unterscheidung und aller Wandel der Unterscheidung. Wie aus rechts
links wird, wie aus oben unten wird, wie aus hier dort wird, wie aus
Zeit Raum wird, aus Willen Kraft, aus Freiheit Notwendigkeit, aus Tat
Duldung, aus Lust Leid, aus Liebe Haß--so wird aus gut böse, aus
böse gut, sobald du--atmend--dich in Gedanken wendest. Du neigst
dich dem einen zu und neigst dich dem anderen ab. Dein Standort
bedingt deinen zu-Stand; dein Zustand bedingt Willen und Urteil; Wille
und Urteil bist du selbst.
Du urteilst gerecht nach bestem Wissen und Gewissen. Wie du auch
urteilst, du urteilst von dir aus; von deinem Standort aus beurteilst
du deinen gegen-Stand; je nach deinem Ver-ständnis, je nach deinem
Ab-stand oder deinem An-stand bildet sich dein Urteil.
Wie du auch urteilst, es bleibt dein Urteil. Du erwartest, hoffst,
nimmst Anteil; deine Zuneigung entscheidet oder deine Abneigung, Nähe
oder Ferne deines Standortes. Wechselt dein Standort, so wechselt
deine 'An-sicht'; wechselt deine Ansicht, so wechselt dein Urteil.
Du schaust und urteilst vom Standort des Täters oder schaust und
urteilst vom Standort des Dulders; du versetzt dich in die Lage des
Henkers oder in die Lage des Opfers; du nimmst, je nachdem du dich
selbst fressend oder gefressen fühlst, bewußt oder unbewußt Partei.
*
Dein Urteil ist deine Anteil-nahme, deine Be-teil-igung am
Gegen-stand. Was dem Beurteilten von dir zuteil wird, bist du selbst.
Dein Urteil ist dein Eingehen in den Gegen-stand, dein 'inter-esse',
dein Einssein mit dem Gegenstand. Du bist Richter in eigener Sache und
urteilend triffst du dich selbst.
Wie du auch urteilst, dein Urteil bleibt einseitig; doppelseitiges
Urteil wäre Widerspruch in sich; vollständiges Ur-teil wäre
vollständiges Teil. Gerechtes Urteil urteilt nicht.
Bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil widerspricht, denn er
urteilt von eigenem Standort; bedeutungslos ob Jemand deinem Urteil
zustimmt; bedeutungslos wenn die Besten deines Volkes und aller Völker
deines Urteils sind. Alle die, welche deinem Urteil beistimmen, stehen
bei dir, sind dir Beistand, vertreten deinen Standpunkt, sind mit dir
ein-ver-standen, deine Standesgenossen, deine Partner--nichts mehr.
Alles Urteil ist Partei.
Alle Urteils-Wertung liegt in dir; was du am gegen-Stand
beurteilst, bist du selbst--am Wesen des Beurteilten haftet kein
Hauch deines Urteils, in keiner Form, in keinem Sinne, weder offen
noch verborgen, weder hier noch sonstwo, weder heute noch je--Urteil
ist Ausdruck deines Verlangens.
*
Alle Wahrnehmung schafft sich in dir: gleichviel ob du solche als
unbestreitbare Beschaffenheit des Gegenstandes erachtest, oder als
eigengeschaffenes Willens Urteil durchschaust.
Eigenschaft außer dir und Urteil in dir ist Eines; je nach
sinnlicher oder seelischer Auffassung erscheint dir das Geschaute
fremd oder eigen, sachlich in sich oder willkürlich aus dir. Was dir
Eigenschaft der Dinge scheint, ist Auslegung deiner Empfindung, ist
dein eigener Zustand in den Gegen-stand verlegt; ist schaffendes
Verlangen aus dir in deinen Gegenstand übertragen.
Seelisches Verlangen in dir gewinnt sinnliches Leben außer dir;
Verlangen ausgelegt, im Raum selb-ständig geworden, wird leibhaftig,
tritt dir als Ding verkörpert gegenüber. Deiner eigenen Seele
Schöpfung, in räumliche Wirklichkeit hinausverlegt, ist außer dem
Bereich deiner Seele dir entfremdet, darum von dir nicht mehr als
Eigenschaffung erkannt, darum als Ding und Eigenschaft des Dinges
sinnlich geschaut.
Je unmittelbarer die schaffende Vorstellung aus dir quillt, je
unbewußter du selbst deine Vorstellung bist, desto fremder und ferner,
desto unbedingter erscheint dir das zur Vorstellung Gewordene,
erscheint sachlich an sich.
Erscheint dir aber Ding und Eigenschaft sachlich und unbedingt an
sich, so erscheint auch alle Wahrnehmung am Dinge: Vielheit, Maß und
Lage, Bewegung, Verhalten und Verhältnis der Dinge untereinander
unbedingt, so erscheint die ganze dingliche Außenwelt, alle
Wirklichkeit unabhängig von dir, unabhängig von deiner Wahrnehmung und
Empfindung.
Was unbedingt scheint, bedingst du selbst; die Be-ding-ung ist in
dir, daher die scheinbare Unbedingtheit. Dein Anteil an den Dingen
schafft Ding und Eigenschaft der Dinge; der Dinge Anteil an dir ist
dein Urteil und bist du selbst.
Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften--eigen Gewirktes Wirklichkeit dieser Welt.
*
Urteilendes Urteil ist nur wo eine Beur-teilung von Ding und
Eigenschaft, wo eine Teilung im Urteil möglich ist. Ist eine
Wahlentscheidung zwischen Möglichkeiten--eine Will-kür im Urteil
nicht denkbar, das heißt: sind Zwei-fel, das heißt zwei Fälle im
Urteil ausgeschlossen, so ist kein 'Urteil', so ist bloße Benennung
oder erweiterte Einsicht--Ent-deckung--nicht Urteil--wie:
Die drei Seiten eines Dreiecks, einer drei-geteilten Geraden
entnommen, ergeben zusammengetan wieder die Gerade; die drei Winkel
eines Dreiecks, dem drei geteilten Winkel einer Geraden entnommen,
ergeben zusammengetan wieder den Winkel einer Geraden--nicht Urteil,
sondern bloßes Ergebnis einer Drei Teilung und Wiederzusammenfügung
der Drei Teilung; selbstverständlich--daher unwiderleglich,
nichtssagend--daher widerspruchslos, gleichgültig--daher
allgemeingültig, daher unbedingt, sachlich an sich erscheinend;--
bloße Wiederholung des Selben, wie: 'zwei mal zwei gleich vier', das
heißt: 'vier ist das Gleiche wie zwei mal zwei', bloße Umstellung oder
Umbenennung, dieselbe Aussage mit andern Worten--fälschlich 'Urteil'
genannt.
Willenloses Urteil, 'Urteil in sich' ist undenkbar, schüfe ewig
Unlösliches, schüfe sich selbst Aufhebendes--wäre sinnliche Gottheit
--undenkbar.
*
Dein Urteil wertet den Gegenstand.
Was von Geschehen oder Dingen dir gleichgültig oder wertvoll
erscheint, was zweckmäßig oder ziellos, unwiderleglich oder fraglich,
vergänglich oder ewig, Zufall oder sogenanntes Gesetz--alle
Wahrnehmung und Eigenschaft, unmittelbare Gewißheit oder bloße
Benennung--alles außer dir Erscheinende ist aus dir hinausverlegte
Vorstellung--sinnlich gewordene Ent-gegnung seelischer Bewegung in
dir, Ausdruck deiner Anteilnahme, deiner Wertung, Abschätzung, Maß
deines Verlangens--Widerschein deiner selbst.
Die ganze Welt außer dir ruht auf Verlangen in dir--
einheitliches Verlangen vom ur-teilenden Ich als eigener Zustand oder
als fremder Gegen-stand auf gefaßt. Verlangendes Urteil--urteilendes
Verlangen in dir ist weltzeugende Kraft--aus dir gezeugte
Überzeugung--du selbst.
In dir ist Ur-sprung--du selbst bist die in Raum und Zeit
erscheinende, die wirkliche Welt; wie gäbe es in der eigenen
Erscheinungswelt eine Erscheinung unabhängig von dir? Wie wolltest du
die selbstgeschaffene Welt anders als in dir selbst erfassen? Du bist
Herr und Maß, Gesetz und Schöpfer aller Dinge und deiner selbst. Was
unergründbar bleibt ist unergründbarer Ursprung--Unauflöslichkeit
ewiger Wahrheit bist du selbst.
*
Ein Heer von Zweifeln stürmt auf dich ein--hoffe auf Erleuchtung
--sei der Erleuchtung gewiß.
*
Noch einmal:
Alles Urteil ist nur in dir.
Alles Urteil trägt sein gegen-Urteil unmittelbar und unablöslich
in sich.
Alles Urteil hebt sich mit gewechseltem Willen zu nichts auf.
Urteil hat in sich, Urteil hat in dir keine Geltung, ist
gleichgültig, gleich ungültig, bedeutungslos, sinnlos, leer, nichtig
in dir, nichtig in sich.
Du erkennst:
Was du urteilend mit widersprechenden Namen belegst, ist
willkürliche, in 'Gegen'teile auseinanderspaltende, an sich nichtige
Unterscheidung in dir.
Was von solcher Unterscheidung--in dir als Urteil--außer dir
als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Kennzeichnung deiner
Gegen-wart im Verlangen, Kennzeichnung deiner Beziehung zum
gegen-Stand,--dein Standort, dein zu-Stand, dein ver-Stand.
Urteil und Eigenschaft ist deine Empfindung und nach-außen-
Verlegung--Auslegung deines innen-Befindens; deine Einbildung und
Widerspiegelung deiner Einbildung, das ist Vorstellung;
unbewußt-be-wußte Einbildung, bewußt-unbewußte Vorstellung--je nach
deinem Wachsen oder Welken im Atem dieser Welt; Atem des Verlangens:
Lust oder Unlust, Liebe oder Haß; je nach deiner Stimmung ist deine
Bestimmung des gegen-Standes; je nachdem dir zu Mute ist, deine
Zumutung an den Gegenstand; je nach deinem Verhalten dein Dafürhalten;
je nach deinem Befinden ist deine Empfindung; je nach deiner
Einstellung--deine Vorstellung.--Deine Auffassung, Beziehung,
Gesinnung, Neigung, dein Werden-ver-werden schafft Urteil, Namen und
Dinge.
Eines ist, was du urteilend willkürlich scheidest; Eines, was du
durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst--
Willensgestaltung, dein Wille und was wider deinen Willen wieder dein
Wille ist: Aus dir gewirkt, auf dich wirkend--Wirkung und
Wirklichkeit dieser Welt--deine eigene Schöpfung--du selbst.
Solches hast du klar erkannt.
*
Es gibt kein Urteil an sich.--Aufgegangen in dir ist diese
Erkenntnis; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr
abzuweichen. Bedeutungslos, wenn die verworren denkende Menge solcher
Erkenntnis fern bleibt; bedeutungslos, wenn einsichtige und
wohlwollende Männer vor solcher Erkenntnis zurückschrecken, wenn
solche, die sich für Wissende halten, bisher nicht gleich dir
erkannten; bedeutungslos, wenn solche Erkenntnis in keinem der
zahllosen Geschöpfe dieser atmenden Welt aufgeleuchtet wäre--von
Menschen keinem, von Göttern keinem--wenn du allein stündest mit
solcher Erkenntnis--bedeutunglos; unerschüttert bleibt: es gibt kein
Urteil. Urteil ist Wille, Wille ist Ich, Ich ist Urteil.
Wie im ersten Samenerguß die ganze Menschheit ruht, so ruht alles
Urteil im ur-Teil-Ich. Ich-Ur-Teil ist Ich-Urteil.
Darum lehrt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig
vollendete Buddha, daß alles Auffassen in der Ichheit ein
Nicht-auffassen sei.
*
Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Begriffe, ausgelöscht alle
dazwischen liegenden, alle verwandten Bezeichnungen, Beilegungen,
Eigenschaften--ausgelöscht alles Urteil, alles An-sich sein dieser
Welt.
Alle Unterscheidung durch Urteil--Recht und Schuld, gut und
böse, Lob und Tadel, schön und häßlich--Gebot, Verbot--bloße
Namen, nur Worte die sogenannten ewigen Gesetze--müßige Fragen dem
Wissenden.
Ausgelöscht--vernichtet, worauf die Welt gebaut schien--Spiel
deiner Seele, ein bloßes Bild, ein Traum--nicht ist Urteil, nicht
sind diese Begriffe in Wahrheit.
Solches hast du klar erkannt; von solcher Erkenntnis vermagst du
ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses
hinaus--zu tieferer Einsicht zu gelangen vermöchtest.
*
In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in deinem Herzen
ist Unterscheidung und Wandel der Unterscheidung, in deinem Herzen die
Schöpfung dieser Welt. Du selbst schaffst Zeit und Raum, du selbst
bist Willen und Kraft, in dir ist Tat und Duldung, Ursache und Folge,
Freiheit und Notwendigkeit; durch dich ist Verstand und Urteil, Recht
und Schuld, gut und böse, schön und häßlich, durch dich ist diese
Welt. Du bist Verlangen und Tat, Gesetz und Richter, Herr und Knecht,
Schöpfer und Vernichter deiner Welt, deiner Welt Leben und Atmen--
Atma--
Ausgelöscht, vernichtet, was unantastbar, was ewig schien--und
nur Eines besteht: Ich! Ich und die Welt, die das Ich sich schafft--
die Welt mit allem Heil und Unheil, mit aller Herrlichkeit und aller
Qual, aller Hoffnung und Enttäuschung, aller Hoheit und aller
Nichtigkeit--die Welt des Guten und Bösen.
Keine Welt ohne Ich und Verlangen, keine Welt ohne Tat und Tat
Widerstand, keine Welt ohne Lust und Leid, keine Welt ohne gut und
böse. Untrennbar ist Böses von Gutem, untrennbar Gutes und Böses von
Ich und Welt. Ursprung des Bösen ist Ursprung des Ich. Das Böse zu
treffen, triff dich selbst. Darum sagt Omar, der Zeltweber: "Ich
selbst bin Himmel und Hölle".
Dies ist Lösung der Frage, um die du mich angingst--Ursprung des
Bösen--Quell alles Guten--restlose Lösung!
*
Es gibt nur Ein Böses in der Welt: die Ich-bin-heit--
Selbstsucht, und alles was du Sünde, Knechtschaft, Leiden nennst,
fließt aus ihr--Samsara. Es gibt nur Ein Gut in der Welt:
Selbstlosigkeit--und Erlösung fließt aus ihr--Nirvana.
Erlösung vom Bösen ist Erlösung vom Ich. Selbstsucht zu Ende
gedacht ist Selbstlosigkeit. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Gib alles
auf um alles zu gewinnen; du bereicherst dich gebend, nehmend beraubst
du dich. Es ist kein anderer Weg zum Gehen--der heilige Weg aus
Schein zu Wahrheit, aus Nacht zu Licht, aus Tod zu Unsterblichkeit.
*
Noch einmal durchdenke ich mit dir das Geschehen dieser Welt, die
zwiefache in gegen-Teile zerfallende Beziehung des Ich zum eigenen
gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken--: ab-Stand der gegen-Teile
von einander und ver-Stand der gegen-Teile zu einander; den Weg aus
Standhaftigkeit zu ver-Ständnis, den Weg aus Blindheit zu Erkenntnis,
den Weg aus dem Ich zum nicht-Ich.
Zwischen Ich im eigen-Stand und Ich im gegen-Stand liegt die
trennende Vorstellung--: nicht-Ich. Ich, vom Trugbild der Sinne
geblendet, ver-kennt sich im gegenüberstehenden Ich--wie der Hund
sich selbst im Spiegel anknurrt. Zwischen Ich und Ich klafft Spaltung,
Zwietracht, Zwist, Kampf.