VORWORT

Er, der dieses Werk geschrieben, ist gestorben vor der Herausgabe.

Weil sein Werk der Niederschlag eines ganzen Lebens war, konnte es

auch nicht beendet werden, bis dies Leben erfüllt wurde.

Das Titelblatt, worauf ich in der Eigenschaft als Herausgeber

genannt bin, fand sich im Manuskipt so entworfen vor, wie es hier

gedruckt ist. Es war schon vorbereitet in einer Zeit, als der Tod gar

nicht nahe war. Andere sollten aussäen, was in seiner Seele gereift

war.

Daß mir die Aufgabe zufiel, ist selbstverständlich. Seine Lehre

war Inhalt meines Lebens geworden. Ich hatte ihre helfenden und

gestaltenden Kräfte an mir lebendig gefühlt.

Wie von einem Strom ist meine Seele von diesem Werke getragen

worden, aus Einheit durch die Vielheit der Erscheinungswelt mit ihrem

Heimatsverlangen, wieder zurück zur Einheit.

In diesem Werke heißt es: Aus einer Quelle fließt: sich eines

Andern Seele nähern, sich von eines Andern Körper nähren.

Darüber ist gesagt: "Aus Verlangen und Nährung hat Brahma diese

Welt gebildet." "Darum lebt alles dieser Welt durch Nährung, durch

einver-Leibung, durch an-Eignung; darum lebt alles Ich durch ein

anderes und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch

nicht-Ich, seelisch und sinnlich.

Also beschränkt sucht Ich Unbeschränktheit, also unvollständig

sucht Ich Vollständigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit,

also verstoßen, sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also einsam

schreit Ich um Hilfe--es verlangt nach Allumfassen, nach

All-einheit, nach Vollendung,--nach Nirvana."

Tief wurde meine Seele von den Bildern des Verlangens dieser Welt

bewegt. Zu höchstem Einklang sah ich das irrende gequälte Verlangen,

dieser in Qual und Lust erbebenden Erschein-ungswelt sich vor meinen

Augen verwandeln. Eine Erlösung sondergleichen, von der Natur selbst

vollzogen. Trost und Ruhe stieg aus diesem Weke auf. Kein Wort traf

meine Seele, das übersinnlich zu werden trachtete, aber ein gewaltiger

Strom nahm die heimatlose Seele auf und trug sie unaufhaltsam einem

unaussprechlichen Ziele zu, vor dem jeder Gedanke und jedes Wort

umkehrt.

Mir schien dieses Werk wie eine Heimat und Zuflucht derer, die

sich scheuen vor jedem Wort und jedem Bild, das sich ihrer

Heimatssehnsucht erbarmen möchte.

Mit Naturnotwendigkeit fühlte ich mich über das unstillbare

Verlangen dieser Welt hinauswachsen, ohne Weltflucht--durch

Weltvertiefung, durch Versenken in die Welt der Erscheinung und des

Verlangens. "Anziehung und Abstoßung ist Verlangen, brünstige Wünsche

--inbrünstiges Gebet--Liebe wie Haß. Niederste Gier ist Verlangen

nach dem Höchsten."

Nichts ist zu niedrig, um nicht das Höchste zu bergen! Welch

erbarmungsvoller Gedanke!--Von diesem Standpunkt aus--eine

Heiligung sondergleichen der ganzen Natur. Ihre Geheimnisse und

Schrecken, wandeln sich in uns zum Höchsten, wir brauchen der Natur

nicht zu entfliehen; wir sind geborgen. Die Welt--zu Ende gedacht--

ist Erlösung.

Das ist der Standpunkt, von dem es mir möglich war, alles, was

diese Lehre mir bot, zu erfassen.

Und wenn ich mich frage: Was hat dem Werke, vordem es in die Welt

geht, so viel Macht gegeben auf jene Menschen, die ihm bereits nahe

traten, so mag es wohl dies sein, auf das ich hier hindeute, und was

einer der teuren Freunde, die mit dem Werke lebten, aussprach: "Es

wurde eine Heimat, ein Ruheplatz, wohin ich stets zurückkehren werde,

wo ich mich hingehörig empfinde, es wurde mir ein ureigenster Besitz."

Auch die Einheit dieses Werkes ist auf dem schweren Weg durch die

Vielheit enstanden. Seine Kürze ist die Tat langer Jahre eines Lebens.

Ich kenne den weiten Weg, ich durfte ihn mitgehen, der zurückgelegt

werden mußte, um solches Ineinandergreifen aller Teile zu schaffen, um

solche einheitliche Zusammenfassung aus dem Ganzen herauswachsen zu

lassen. Ich erlebte es mit, welch starke Verbindung schärfster

Verstandestätigkeit mit den Kräften seelischen Schauens dazu gehört,

um die schwierigsten Gedankengänge und ihre anfänglich unmöglich

erscheinenden Ergebnisse zu solcher Einfachheit der Vorstellung, zu

solcher Selbstverständlichkeit des Ausdrucks auszugestalten.

Es war ein langsames Schaffen; aber ein sicheres Wachsen, immer

aus dem Lebenszentrum, dem Ich-Punkt heraus. So entsteht ein

Naturgebilde.

Alles von der Natur Geschaffene stellt sich uns mit so sicherer

Selbstverständlichkeit dar, daß wir nur schwer dazu gelangen, seine

Bedingtheit aus unendlicher Zusammensetzung zu begreifen.

Alles Vereinheitlichte und darum Einfache ist schwer zu ergründen.

Das gilt auch für diese Schrift: sie lesen zu können--das ist eines

schwere Kunst und Wenige werden sich dazu hinringen.

Paracelsus sagt:

"Was unmöglich gesagt wird, was unverhofflich und gar verzweiflich

ist, wird wunderlich wahr werden und soll sich niemand verwundern über

den kurzen Weg und kurzen Begriff, denn das Viele ist die Quelle von

vielem Irrtum."

Wir lernten "das sich dazu hinringen" durch ihn selbst. Er war uns

der Pförtner, der uns das schwere Tor auftat.

Durch ihn empfanden wir, wie wenig alle Worte sagen, selbst seine

Worte, die nicht mehr nur Worte der Sprache sind, die zu tiefen

Bildern fast unsagbarer Dinge wachsen.

An der Bildung der Worte, der Enstehung der Sprache, waren, wie

bei allem Schaffen, die höchsten Ahnungen lebendig mit am Werke.

Diese ursprünglichen Ahnungen tiefster Wahrheiten scheinen

gleichsam durch die viel gebrauchten Worte hindurch, wachen wieder

auf, sprechen sich im Worte selber wieder aus, sobald die Sprache

schöpferisch behandelt wird.

Die kühnste Anwendung der Sprache deckt sich hier mit ihrem

urprünglich einfachsten Sinn.

Es ist, als ob nicht ein einzelner Mensch spräche, sondern als ob

der Geist der Sprache sein wissen von sich selbst offenbarte.

Der, der diese tief lebendige, wissende Sprache sprach, ging den

Weg seines Werkes. "Wortlos das Letzte" ist dort das Schlußwort. Er

hat auch davon uns noch ein Stück erfassen lassen durch seinen großen

Tod. In Schweigen versank die Sinnenwelt, das unaussprechliche

leuchtete auf, das gesucht, in sich und in allen Dingen, lebenslang;

verklärt fühlte er es nahen.

Dieses Buch ist seine Wegspur dorthin.--Zu Ende der Weg;

erreicht das Ziel;--wortlos das letzte.

Für mich ist es eine Notwendigkeit, ebenso gewollt wie schmerzlich

und doch freudig, den innig behüteten Besitz, der bisher nur still und

verehrt Nahestehenden dargeboten wurde, öffentlich hinauswirken zu

lassen in die große, dieser Lehre so fremde Welt, damit sie die

Wenigen finde, denen sie ihre Leuchtkraft mitteilen soll, die ein

inneres Recht auf sie haben.

Solche wird sie finden; ich weiß es, weil nicht ich allein die

heilsame Klärung im Wirrsal des Lebens daraus empfing. Ein Kreis von

Schülern und Verehrern hatte sich langsam um den zurückgezogenen

Denker versammelt.

Es lag mir nahe, Aussprüche der kleinen Gemeinde dem Werke

mitzugeben, eine wärmende Hülle von Liebe, die sich bereits darum

gebildet hatte;--scheint doch dies Werk auf den ersten Eindruck dem

gegenwärtigen Leben so fern, als sei es aus dem Weltenraum auf die

Erde gefallen; denn was aus Sehnsuchtsglut, die nie am Vergänglichen

Genügen fand, geboren wurde, ist wie von der Unendlichkeit, die für

uns nicht irdische Lebenwärme birgt, angehaucht.--Ich tat es nicht

und gab ihm nur meine große Liebe mit, die ihm durch ein Leben

gehörte.

Helene Böhlau al Raschid Bey.

DAS HOHEZIEL DER ERKENNTNIS

-- âranâda-upanishad --

I.

IRDISCHE ZIELE

-- samsâra --

So lautet die Upanishad:

om!

Auf das Geheiß des Verehrungswürdigen! Diese Unterweisung

niedergeschrieben zu Stambul, im indischen Kloster auf Akssarai,

begonnen am fünfzehnten Tag des Monats rebi ül evel im Jahre

dreizehnhundertundvier.

*

Der Verehrungswürdige spricht:

"Frieden sei aller Erscheinung!"

"Du hast, o Teurer, deinen Wissensweg fern von uns gesucht; hast

du, im Abendlande belehrt, des Wissens Ziel--: 'Befriedigung'

erreicht? Welches Begehren führt dich hierher?"

--"Verehrungswürdiger..."--

"Suchst du weitere Gelehrsamkeit oder verlangt dich, aus

Nichtigkeit hinaus, nach letzter Erkenntnis?--Erfasse es wohl! denn

unermeßlich ist, in allen Ewigkeiten und Unendlichkeiten unermeßlich,

was du--erkennend--erringst."

--"Verehrungswürdiger! Ein Schüler steht vor dir, das Holz zum

Opfer in der Hand..."--

"Nun wohl!... Was von großen Fragen bewegt dich?"

--"Das Leid auf Erden, o Herr! Die Unabwendbarkeit des

Verderbens, das Grauen und die Qualen der Geschöpfe--Woher ist der

Ursprung des Übels in unserer Welt?"--

"Ursprung des Übels? Hast du, o Teurer, was du so nennst, wohl

erfaßt und vermöchtest mit klaren Worten zu antworten?"

--"Keine Antwort, Verehrungswürdiger!"--

"Hat dich, o Teurer, dein Lehrer über den Sinn der Fragebelehrt?"

--"Verlangend war ich, o Herr..."--

"So hast du im Abendlande Wissen hierüber nicht erlangt?--Wer

von Lehrern dort gibt Antwort--letzte Erkenntnis, unwiderleglich?"

--"Unzureichend, Verehrungswürdiger, ist alle menschliche

Vernunft! der Widersinn der Welt ist unüberwindlich"--

"Dem ist nicht also, o Sohn!--Eines nur,--nur Eines... ist

unerkennbar..."

--"Verehrung sei dir, o Herr! Wie könnte sich selbst

Widersprechendes bestehn? Wie könnte Unerreichbares dem Wissen

erreichbar werden?--Fließt Übel und Böses aus der Gottheit, so ist

es von der Gottheit gewollt. Will Gottheit Böses, so ist Gottheit

böse. Wächst aber das Böse nicht aus der Gottheit, so ist es von der

Gottheit nicht gewollt und ist dennoch,--so ist Gottheit in sich

entzweit--zwei Gottheiten, die sich bekämpfen, widersprechen,

aufheben.--Der Widersinn ist unlöslich"--

"Dem ist nicht also, o Teurer!"

--"0 Herr! Woher ist Übel und Böses in der Welt? Warum ist Leiden

und Tod? Wenn es eine Antwort auf diese Fragen gäbe, so würden die

Wissenden von ihrer Wahrheit erfüllt sein; der Veda würde sie uns

lehren, die Gita, Yadschnaválkya, der Buddha, Badaráyana,

Shamkaratschárya, Lao-tse, Li-tse, die großen Lehrer des

Abendlandes..."--

"Dennoch ist es nicht also, o Teurer! dennoch ist es nicht also!"

--"Diese Fragen sind ungelöstes Geheimnis; es gibt uns Menschen

keine Antwort! Dies entgegne ich dir in Ehrfurcht, o Herr! Wenn aber

dem nicht so ist, so wolle der Erleuchtete mich hierüber wahrhaft

belehren."--

"Eines--o Teurer, ist unerkennbar--nur Eines!--und Schweigen

ist Antwort... Diese deine Fragen jedoch sind durchsichtig, tragen die

Antwort in sich."

--"Würdige mich der Belehrung, o Herr!"--

"Nahe liegt die Antwort, leicht ist die Antwort auszusprechen, mit

wenigen Worten ist die Antwort auszusprechen--weit der Weg, mühevoll

der Weg zu Erkenntnis..."

--"Weise mir den Weg, o Mächtiger! Laß die Erkenntnis überströmen

auf mich, deinen Schüler, der ich in Demut deine Kniee umfasse!"--

"Wohlan! Es sei! Tritt näher, fasse meine Hand; gebiete deinem

Herzen Ruhe und Ruhe den Gedanken."

"Möge uns die Stunde günstig sein! Möge der Geist der Upanishaden

uns leuchten."

"Fern von hier, in unsrer aller Heimat ruht das Feuer unter der

Asche des Herdes; der Mörser tönt nicht mehr unter den Händen

arbeitsfreudiger Mädchen; der Lärm des Tages schweigt; aufgestiegen

zum wolkenlosen Himmel ist der Opferrauch und heilige Elefanten

künden die Nacht..."

"Indessen von denen da draußen, die sich Menschen nennen, der

eine, gedankenlos wie ein Tier, sich dem Schlafe überläßt und im

Traume weiter nach zerrinnenden Freuden jagt,--indessen andere,

unfähig sich der Betäubung des Lebens zu entreißen, nichtige Reden

führen, verächtliche Künste anstaunen oder übersättigt und nie

befriedigt in Weibesarmen ruhen,--ist uns die Stunde gekommen, nach

dem Hohenziel des Menschen zu forschen.--Wohlan, o Schüler,

wiederhole deine Frage!"

--"Verehrung sei dir, o Fürst! Ursprung des Bösen, Ursprung von

Selbstsucht und Zwietracht, Ursprung des Unheils dieser Welt, Quell

alles Leides; Quell alles Widersinnes, alles Irrtums, aller Sünde

dieser Welt, Frage aller Fragen, nie gelöste Rätsel!--: Wie ist

sittliche Erkenntnis und Tat denkbar unter Herrschaft blinder

Naturgesetze? Wie ist freie Willensentscheidung des Menschen vereinbar

mit unabweisbarer Notwendigkeit alles Geschehens? Wie ist der

Gegensatz zu überbrücken zwischen Empfindung und Bewegung, Seele und

Körper, Gott und Welt?--Ich nehme meine Zuflucht zu dir, o mächtig

Beseelter! Weise mir den Weg ans Ufer der Erkenntnis--mir, dem

Suchenden!"--

"Wohlan!--Wisse dich aufgenommen, o Schüler! Schichte das Holz

zum Opfer... Folge meinen Worten; schweigend folge,--du betrittst

heiligen Weg. Folge mit offener Seele aus leicht verständlichem Beginn

von Stufe zu Stufe festen Schrittes zum letzten Ziele,--uns allen

bestimmt. Ich offenbare dir verhüllte Wahrheit--uralt heiliges

Wissen--Upanishad."

*

"O Teurer! Seit dem Tage Brahma stürmt unser Wohnsitz, die Erde,

unaufhaltsam durch den Weltraum. Der segenspendende, totbringende

Sonnenstrahl, mit jedem Augenblick rastlos vorrückend, weckt die

Scharen der Geschöpfe aus tiefem Schlaf zu kurzem Tagesbewußtsein. Sie

erwachen unter dem Einfluß des Erregers Savitar--und ihr erster

klarer Antrieb ist, sich Nahrung zu verschaffen, um das Leben weiter

zu fristen. Alsbald halten sie Ausschau nach einem schwächeren

Genossen, um ihn zu berücken und zu fressen.--Sie selbst haben es

sich so ins Herz gelegt: andere zu vernichten, um sich zu erhalten.

"Zu solchem Ziele ist jede Verschmitztheit, jede Frechheit, jede

List und Gewalt, jedes Unrecht erlaubt und geboten, und belohnt sich

auf der Stelle. Jede Unentschlossenheit, jede Abschwächung des

straffen, zielbewußten Willens, etwa aufkeimendes Mitleid, die

leiseste bessere Regung, rächt sich unmittelbar: der Fang ist

vereitelt und Hunger die Strafe. Darum Verdruß, wenn die Beute

entgeht, und Herzensfreude, wenn sie röchelnd am Boden liegt.--Kein

andrer Ausweg: um zu leben--erbarmungslos morden.--Einst wirst du

erkennen, aus welcher Tiefe solches fließt.

"So wird es ein gewohntes Handwerk, und seit Menschengedenken von

Vater auf Sohn vererbt. Niemand weiß es anders, jedermann übt es

unbedenklich aus, hält es lieb und wert, eignet sich willig die

nötigen Kunstgriffe an und zieht dann, wohl ausgerüstet, tagtäglich

nach lockender Beute aus.

"Sehr bald wird der Raubende den Unterschied gewahr zwischen dem

leicht und dem schwer zu erlangenden Fraß, zwischen der sicheren und

der gefährlichen Jagd, zwischen der wehrlosen und der wehrhaften

Beute, und er lobt das Eine und schilt das Andere, betrachtet das Eine

mit Haß, das Andere mit Liebe, nur sich im Auge. Was sich fressen

läßt, gefällt ihm und er nennt es gut; was sich nicht willig hergibt,

was widersteht, was gar ihn selber angreift, mißfällt ihm und er nennt

es schlecht und böse. Fressend hält er das Tun für löblich und recht,

doch selbst gefressen für unrecht und böse.

"Er trifft sonach sorgfältige Auswahl und vermeidet die Jagd auf

seinesgleichen, eingedenk, daß Solche Waffen führen wie er selbst: der

Kampf ist gefährlich, der Erfolg nicht sicher. Es ist geratener,

Schwächere zu bekämpfen, dem gleich Wehrhaften möglichst aus dem Wege

zu gehen; es ist vorteilhafter, sich mit ihm zu vertragen, gute

Nachbarschaft zu halten--Frieden und Freundschaft, wenn solcher

Nachbar, von gleicher Gier nach gleichem Ziel beseelt, zur Erlangung

des Fraßes mitbehilflich ist.

"Notgedrungen verbindet er sich mit Gleichgesinnten, jagt und

raubt gemeinsam mit ihnen, achtet auch das eingegangene Bündnis,

solange es ihm dienlich scheint. Bei guter Gelegenheit jedoch kehrt er

sich gegen seinen Bundesgenossen, entwendet dem Überraschten die

Beute, wiederholt das bequeme Spiel so oft als tunlich und knechtet

endlich den milderen oder minder schlauen Gefährten dauernd zu seinem

Dienste.

"Sein böses Tun trägt ihm gute Früchte. Durch Bündnis oder

Waffenstillstand nach außen leidlich gesichert, von Weib und Knecht im

Jagen unterstützt, gewinnt er Zeit zur Überlegung. Er beginnt an den

kommenden Tag zu denken und lernt allmählich sich die Nahrung für den

Notfall zu sichern.

"Er gewöhnt sich sein Gebiet bedachtsam abzujagen; er hegt und

erhält sich den Bestand nach Möglichkeit für die Zeiten des Mangels;

er schont das tragende Weibchen, sorgt für den heranwachsenden Wurf

und zähmt ihn, um ihn besser zur Hand zu haben. Was er nun ehrlich

erworbenes Eigentum nennt, behütet er sorgsam und schützt es

entschlossen gegen hungernde Mitbewerber; schützt seine Herden mit

Gefahr seines Lebens gegen fremde Fresser--zum Fraß für sich.

"So im Gefühle gesicherter Nahrung schaut er mit Befriedigung und

Wohlgefallen auf die anwachsende Herde und liebt sie mit aufrichtiger

Liebe. Erbarmungsloser Räuber und treuer Hirte! Beides wächst aus

derselben Wurzel und wird nur mit anderen Namen genannt--nur Worte,

bloße Lautverschiedenheit.

"Solchem Tun und Treiben haben sich seine Glieder, seine Sinne,

sein Hirn, seine Denkungsweise angepaßt, er hat seine Gewohnheiten,

seine Sitten, seine Gesetze darnach gebildet; er läßt sie sich nicht

abstreiten, überwacht sie eifrig, hält, was er sein gutes Recht nennt,

unentwegt aufrecht und erachtet es für heilig.

"Das Rauben und Morden ist allmählich in fest gehandhabte und

streng eingehaltne Ordnung gebracht, und alle Welt fügt sich freudig

dieser Ordnung. Was jedermann an sich selbst als grauenvoll empfindet,

wird dem Nächsten gelassen angetan. Es wird kaltblütig und mit Muße

gemordet und in sanften Formen gefressen. Es ist nicht mehr das

sterbende Tier im letzten vergeblichen Widerstand, mit brechendem

Auge, stöhnend, blutübergossen--nein, es sind gesittet zubereitete

Speisen und friedlich heitere Mahle. Es nimmt kein Vernünftiger Anstoß

daran. Der Schmausende weiß sich von niederer Begierde frei, von

unantastbarer Redlichkeit, auf der Höhe der Gesittung--und das Tier,

das sich Herr der Schöpfung fühlt, nennt sich--Erkenntnis in ferner

Dämmerung--Mensch, und seine Mitgeschöpfe--Nutzvieh.

"Nutzvieh sind ihm auch seine Weiber; er hat sie gegen Mitbewerber

unter Mühen erkämpft und hütet sie nicht ohne Not. Er überwacht sie,

bürdet ihnen alle Mühen auf und mißbraucht sie zu jedem Dienst; er

liebt sie, wie er seine Herden und seine Helfershelfer liebt. Er zankt

und spielt wieder, flätscht die Zähne und liebkost, schmeichelt und

läßt sich schmeicheln, liebt und verachtet, je nach Lust.

"Und das Weib fühlt sich Mutter,--sie gebiert und sieht im Kinde

sich selbst! Sie überschüttet den hilflosen Wurf mit der Liebe zu sich

selbst, mit verschwenderischer, hingebender Liebe--jederzeit bereit,

für ihr eigen Fleisch und Blut sich aufzuopfern.

"Der Erzeuger folgt zögernd der Mutter: pflegt, überwacht, erzieht

die Brut; lernt sie mit Gefahr seines Lebens schützen--ja in freudig

aufgenommenem Kampfe vergißt er sich selbst und opfert sich für sein

Kind. Was selbstlose Liebe heißt, ist auch in ihm aufgegangen. Er hat

sich, gleich der Mutter, in einem von ihm abgetrennten, einem fremden

Wesen--sich außer sich--wiedererkannt; hat sich geopfert, um sich

im Kinde zu erhalten--selbstlos aus Selbstsucht.

"Wie aus der Gier, sich bequemen Fraß zu sichern, Liebe zur Herde

floß, so fließt aus starrer Selbstsucht: --Aufopferung und

Selbstlosigkeit. Es ist dasselbe Tun und wird nur mit einem anderen

Namen benannt. Selbstsucht, zu Ende gedacht, ist Selbstlosigkeit.

"Dies ist einfach und erklärlich. Der du mich hörst, wiß' es: Dies

ist das Wunder aller Wunder,--ist Quell und Ursprung, Geburt aller

Gottheit, aller Welten, Geburt aller Welten--Vernichtung aller

Welten; Samsara--Nirvana.

"Die Welt ist Selbstsucht--Selbstlosigkeit unterliegt allüberall

und siegt unablässig; erlischt und flammt auf, vergeht und wächst, ist

und ist nicht--Nirvana in Samsara.

"So, o Teurer, können wir Menschen nachdenkend uns dieses

vorstellen.--

"Doch, wie ein Elefant, der den Stachel des Führers nicht fühlt,

vom Wege abirrt und über das Ziel hinausläuft,--so bin ich vom

Gedanken abgewichen und habe mehr gesagt, als ich zunächst sagen

wollte.

"Wie auch das Tun und Treiben der Menschen erscheine, welch' hohe

Bezeichnung es auch führe, welch' heiligen Namen es auch trage--in

diesem wirr verschlungenen Reigen ist nur Ein Gedanke, nur Ein Ziel:

das Leben, das eigene Leben!--Ich! Ich, das sich aus dem Fleisch und

Blut des Nächsten aufbaut,--ich, das von der Vernichtung des Anderen

lebt...

"Folgst du meinen Worten, o Teurer?"

--"Mit ganzer Seele!--Du hast, o Herr, die Entstehung

menschlicher Gefühle dargelegt, den Wechsel und Wandel der Gefühle,

die Umkehr des Gedankens und die letzte Grundlage alles menschlichen

Tuns!--Wolle der Verehrungswürdige nunmehr auslegen, wie in dem

Gesagten die Antwort auf unsere Fragen liegt?"--

"Ich lehre es dich, o Teurer, du aber verstehst mich nicht. Ich

habe es ausgesprochen, du aber hast es nicht gehört.

"Wohlan denn! Da ich zunächst von der Quelle redete, aus der alles

Tun fließt, ist dir nicht, o Teurer, der Gedanke aufgestiegen, daß es

näher läge zu fragen, nicht wie das Böse, wohl aber wie das Gute in

die Welt gekommen sei? Denn die Welt des Samsara ist durch Entzweiung,

ganz im Banne des Zwiespalts, not- und leiderfüllt, ganz im Banne

nimmer gestillten Verlangens, ganz im Banne ewig friedloser Tat, allen

Qualen preisgegeben, preisgegeben dem Tode. Wie in solcher Welt konnte

der Gedanke des Guten entstehen?

"Indessen wie das Böse, oder wie das Gute in die Welt gekommen

sei--beides sind müßige Fragen und die eine nicht besonnener als die

andere.

"Leicht zu durchschauen sind die Fragen, offen liegt die Antwort, nahe

Erkenntnis, weit der Weg.--Aus dem Dickicht aberwitziger Torheit

will ich dir den Elefantensteg treten, dich hinauszuführen zu

sonnenklarer Einsicht.

"Wie wenn Einer im pfadlosen Urwald irrend, vergeblich den

rettenden Ausweg sucht und bei sinkender Nacht, zu Tode erschöpft und

jedweder Hoffnung bar, sich zum Sterben zu Boden wirft--und

erwacht am hellen Tage und erkennt die Umgebung und sieht sich nahe

seiner Heimat--so erwachst du im Lichte der Erkenntnis und siehst

dich nahe dem urewigen Ziel.

"Ich führe dich aus blindem Wahn zu Erkenntnis, aus Todesgrauen zu

Seeligkeit, aus Verlangen zu Erfüllung--und leuchten möge uns das

Licht des Veda, das Licht des Veda!"

*

So lautet in Aranada-Upanishad die Prüfung; nunmehr die

Unterweisung: Akasha, dieser atmenden Welt Erscheinung.

II.

VERKÖRPERUNG DER WELT

-- âkâsha --

O Teurer! Zu dem, was ich dir zu sagen gedenke, behalte vor Augen:

Alle große Wahrheit ist gedacht, verkündet alles große Wissen; uns

bleibt uralter Weisheit nachzuleben.

Beachte wohl: Erkenntnis offenbart sich wortlos; die Upanishad, um

gehört zu werden, muß in Worten reden. Laß dein Verständnis nicht an

Worten haften; Worte sind Hindernis der Erkenntnis: denke und erfasse

über Worte hinaus.

Ehe wir zur Höhe ansteigen, gehen wir im Tale den betretenen Pfad

--glaube nicht zu schauen, ehe du dich dem Gipfel näherst. Wähne

nicht zu erkennen, ehe du den tief innersten Gedanken der Upanishad in

dich aufgenommen hast--: aller Welten Ziel: das Erwachen aus der

Erscheinung.

*

Also ist die erste Unterweisung:

-- AKASHA --

dieser atmenden Welt zeiträumliche Erscheinung.

Stelle dir vor, o Teurer, es umfasse die enge Klause, in der wir

weilen, die ganze Welt, und es sei kein empfindendes Wesen darin; was

wäre auszusagen?

Nichts; ohne Empfindung kein Urteil.

Du betrittst den Raum--und aus dem Nichts schafft sich Erscheinung,

Bewegung und Gestaltung; Körper, Eigenschaften, Kräfte, Wirkung,

Entfaltung, Leben in endloser Fülle und endlosem Wechsel; aus deiner

Empfindung--die Welt.

Alsbald erscheint dir dieser Raum groß oder klein, hoch oder

niedrig, hell oder dunkel, heiß oder kühl, schön oder häßlich oder in

irgend einer Beziehung deinen Sinnen erwünscht oder unerwünscht, und

zwischen diesen Gegensätzen alle Abstufung deiner Empfindung. Den

Boden, auf dem du stehst, fühlst du unter dir, die Decke siehst du

über dir; die Pforte, durch die du eingetreten bist, ist hinter dir;

vor dir, weiten Ausblick gewährend, der offene Bogen; diese

geschlossene Wand hier ist zur Linken, jenes die rechte Seite des

Raumes.

Dies sind Bezeichnungen, Urteile, die unbestreitbar scheinen,--

dennoch, sobald jemand dir gegenüber tritt, behauptet er, die Seite,

die du mit rechts bezeichnest, sei die linke, und nennt die Wand, die

du links nennst, die rechte. Beider Urteile können nicht zutreffend

sein; sie widersprechen sich, sind Gegensätze, die einander

ausschließen, zu nichts aufheben.

Hier geschieht das Wunder, daß eines mit einer bestimmten

Bezeichnung und gleichzeitig mit dem Gegenteile dieser Bezeichnung

belegt wird. Wer von den Urteilenden hat recht? Keiner--oder, wenn

du willst, beide. Die Wand ist beides: rechts und links, also auch

keines von beiden, weder rechts noch links.

Keine Lösung, auch wenn etwa der Gegenüberstehende zu dir

herüberträte und nun, in gleicher Stellung wie du, dir und deinem

Urteil beistimmte. Gesetzt, es traten noch mehr zu dir, einsichtige

Männer, gelehrte Brahmanen, solche, die sich für Wissende halten, und

alle waren eines Urteils: die bezeichnete Wand des Raumes sei die

rechte;--wenn von allen zahllosen Wesen seit Zeiträumen ohne Zahl

nie anders erkannt worden, wenn es ein ewiger Glaubenssatz der

Menschheit wäre und hieße frevelhaft daran zu rühren--die Wand

bleibt, was sie wahrhaft ist, weder das eine noch das andre, weder

rechts noch links.

Alle die, welche mit dir in der Benennung der Wand übereinstimmen,

stehen mit dir auf gleichem Stand, vertreten deinen Standpunkt, sind

deine Standesgenossen, nichts mehr. Wechselst du deinen Standort und

trittst dir selbst gegenüber, so widersprichst du dem eigenen Urteil:

aus rechts ist links, aus links ist rechts geworden.

Das Urteil ist in dir; an der Wand selbst haftet nicht ein Hauch

von den Unterscheidungen rechts und links. Wie der Schatten eines

vorüberfliegenden Vogels am Boden nicht haftet, so haftet nichts von

diesen Unterscheidungen an der Wand, in keiner Gestalt, in keinem

Sinne, weder offen noch verborgen, weder hier noch dort, weder heute

noch je.

*

Dies, wovon ich dir rede, ist selbstverständlich; folge mir

weiter.

Stelle dir vor, o Teurer, der Raum, von dem wir reden, sei

kreisförmig gezimmert. Du dürftest nicht mehr die ganze Wand, sondern

nur eine Stelle der Wand, eine einzige körperlose, nur in Gedanken zu

fassende Linie mit rechts oder links bezeichnen, und diese Linie würde

bei jeder Bewegung von dir, vor oder rückwärts schwankend, eine andere

Stelle der Wand treffen.

Sodann: denkst du dir, dem Gedanken weiter folgend, den Raum, von

dem wir reden, in den Hohlraum einer Kugel verwandelt und dein Stand

sei im Mittelpunkte dieser Hohlkugel, so trifft die Bezeichnung rechts

oder links je einen einzigen körperlosen, nur in Gedanken zu fassenden

Punkt, und jede leise Abweichung von diesem einen Punkt spielt schon

in fremde Verhältnisse hinuber: vorn, hinten, oben, unten. Jede deiner

Bewegungen, jeder Atemzug, jeder Herzschlag läßt die Unterscheidungen

rechts und links durcheinanderschwirren wie die Farben auf einer

Seifenblase, und du kannst, je nachdem du dich wendest oder beugst,

willkürlich jeden Punkt der Hohlkugel mit gleichem Recht und mit

gleichem Unrecht mit rechts und mit links bezeichnen.

Die Gegensätze rechts und links haften an dir, sie bewegen sich

mit dir, folgen dir, wenden sich mit dir; sie stehen und gehen, sie

ent-stehen und ver-gehen mit dir. Rechts und links ist da, wo du es

willkürlich hinverlegst, überall--nirgends.

In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene

Schöpfung die Unterscheidung rechts und links; du überträgst eigene

Schaffung--Eigenschaft--aus dir hinaus, nichts mehr; an sich ist

kein rechts und kein links, einzeln nicht und zusammengenommen nicht.

Die Urteile heben sich gegenseitig auf, nichts bleibt--in dir allein

sind die Unterscheidungen.

Doch frage dich, o Teurer, wo bestünden in dir die

Unterscheidungen, wenn du dir vorstellst, daß du dich in deinem

eigenen Körper umzuwenden vermöchtest; woran könnten die Merkmale

rechts und links in dir haften, wenn du dich kugelförmig gestaltet

vorstellst, oder wenn du dich formlos, körperlos denkst?

*

Und endlich--von unserer Klause hier ging ich aus--stelle dir

vor, dieses hier sei die ganze Welt und außer dir kein empfindendes

Wesen darin

--und du selbst seist nicht--

--verschwunden sind die in Rede stehenden Unterscheidungen,

ausgelöscht, in nichts gesunken; sind nicht und waren nicht; Spiel

deiner Seele--wesenlose Erscheinung.

Du hast erkannt:

Die Vorstellungen rechts und links sind nicht an sich, sind in

Gegensätze zerfallene, an sich nichtige Unterscheidungen in dir; von

scheinbarer Verschiedenheit--ununterschieden an sich; von

scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkte

Wirklichkeit dieser Welt--nicht Wahrheit.

Was von diesen Unterscheidungen--in dir als Urteil,--außer dir

als Eigenschaft des Gegenstandes erscheint, ist nur Kennzeichnung

deines Standortes im Raum, dein zu-Stand zum gegen-Stand, deine eigen

gewählte Haltung, dein beliebiges Verhalten--dein Verhältnis zu den

Dingen im Raum; deine frei-willig eingenommene Stellung--

vor-Stellung, will-kürlich aus dir geschaffen, Ausdruck deines

Willens, aus dir geboren, deine eigene Schöpfung--du selbst.

* * *

Und ferner desgleichen:

Dem gefundenen Ergebnis in betreff der gegenteiligen

Unterscheidungen rechts und links schließen sich unmittelbar und in

allen Stücken an die gegenteiligen Unterscheidungen vorn und hinten,

oben und unten.

Beim ersten flüchtigen Hinschauen zwar scheint es, als beharrten

die Urteile oben und unten auch unabhängig von dir und deiner

jeweiligen Stellung, als bliebe oben oben und unten unten, welche Lage

du auch einnimmst. Stellst du dir aber vor, daß jemand, auf der

Erdkugel stehend, mit erhobenem Arm den Ort am Himmel bezeichnen

wollte, den er für oben hält, und dicht neben ihm stünde ein zweiter,

dasselbe tuend, so weichen die von ihnen als oben bezeichneten Punkte

schon voneinander ab und in unendlicher Entfernung stehen sie

unendlich weit auseinander.

Trüge nun jeder Fleck der Erdkugel solche nach oben Weisende,

jeder von ihnen vermöchte nur sein Oben, nicht das Oben zu weisen und

desgleichen jeder von ihnen nur sein Unten, nicht das Unten, und das

Urteil eines jeden widerspräche dem Urteil aller übrigen, und jeder

Punkt des Himmels trüge mit gleichem Recht und mit gleichem Unrecht

die Bezeichnung oben und die Bezeichnung unten.

In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene

Schöpfung die Unterscheidung: oben und unten. Oben und unten ist da,

wo du es willkürlich hinverlegst, oben und unten ist das, was du

willkürlich so nennst. Was hier oben ist, ist dort unten; was jetzt

unten ist, ist dann oben; du wechselst deinen Standort nach Gefallen

und deine Anschauung wechselt mit ihm: oben ist unten, unten ist oben

--die Urteile heben sich durch Gegenurteil auf, nichts bleibt.

Ich sage dir nichts Neues, ich erinnere dich nur.

Und ferner desgleichen alle verwandten Bezeichnungen, alle

Richtung, Maß, Begrenzung, Verhältnis vorstellenden Urteile und alle

übrigen auf Raum und Dinge im Raum übertragenen, wie rechts und links,

wie vorn und hinten, wie oben und unten, in Gegenteile zerfallenden,

aus dir geschaffenen, außer dir erscheinenden, an sich nichtigen

Merkmale und Namen.

Alles Maß ist in dir; alles Verhältnis, Ausdruck deines

Verhaltens; aller Gegenstand in Beziehung zu deinem Willen oder

Unwillen; aller Gegensinn in dir selbst.

*

Räumliche Vorstellungen und Urteile erscheinen unsicher und

schwankend, sie greifen ineinander über, verfließen ineinander, jede

der Vorstellungen beginnt im Herzen der andren--

Die Wahrnehmungen erscheinen gepaart, erscheinen eine die andre

bedingend, sind nur durch gegenseitige Beziehung, sind nur durch

Gegensatz zueinander--

Von getrennten Standorten aus widersprechen sich die gegenteiligen

Unterscheidungen, verneinen einander, heben einander zu nichts auf--

Räumliche Verhältnisse sind nicht an sich, sind nur in dir,

entsprechen in dir deinem gegenwärtigen Standort, deiner gegen-Wart;

wechselst du deinen Standort, so wechselt mit deinem Gesichtspunkt

deine Anschauung, die Urteile widersprechen sich auch in dir,

verneinen sich gegenseitig auch in dir, heben sich auch in dir zu

nichts auf--

Räumliche Unterscheidung hat an sich, hat in dir keine Geltung,

ist gleichgiltig, gleich ungiltig, bedeutungslos, leer, nichtig--in

dir, an sich; Erscheinung--nicht Wahrheit.

Du erwägst: Raum an sich ist leer und bestimmungslos, wie

vermöchten an leerem Raum räumliche Verhältnisse zu haften?

Und du erkennst:

Was dir in räumlicher Anschauung als Verschiedenheit erscheint,

ist willkürliche, durch gegensätzlichen Standort in Gegensätze

auseinanderspaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir--aus

dir gewirkt, auf dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt,

nicht Wahrheit.

Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--außer dir als

Eigen-schaft der Dinge erscheint, ist Ausfluß deiner Eigen-heit,

Abbild deiner selbst; ist dein Verhalten und Verhältnis zu den Dingen,

dein Stand und ver-Stand, dein zu-Stand zum gegen-Stand; Kennzeichnung

deiner Stellung zum gegen-ständlich aufgefaßten Gedanken--deine

vor-Stellung; ist Aus-legung deines innen-Lebens, Ent-gegnung deines

Empfindens, sinnliche Ant-wort seelischer Bewegung, wider-Schein der

von dir be-lieb-ten Wertung, Ausdruck deiner frei-will-igen Teilnahme,

deiner will-kür-lichen Auffassung, deiner Wahl-verwandtschaft, deiner

wechselnden Neigung und Gesinnung, ist dein Atem in Lust und Unlust,

in Liebe und Haß; ist Ausdruck deines wechselnden Verlangens, deiner

Willkür--Inhalt deiner Seele, aus dir gezeugte Über-zeugung, deine

eigene Schöpfung--du selbst.

Solches hast du klar erkannt, daran halte fest, unverbrüchlich.

--Eigengeschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der

Dinge Eigenschaften.--

*

Ausgelöscht sind die Bedeutungen rechts und links, vorne und

hinten, oben und unten, ausgelöscht alle dazwischen liegenden und alle

verwandten, auf Raum bezüglichen, im Raum verwobenen Verhältnisse:

alles innen und außen, alles hier und dort, alle Nähe und Ferne, alle

Weite und Enge, alle Größe, alle Lage und Richtung, Höhe, Tiefe,

Breite, Länge, alle Teilung, alle Grenzen, alles Maß.

Ausgelöscht alle auf Raum bezüglichen Wahrnehmungen und

Anschauungen, alle seine Unterscheidungen, alle seine Bestimmung,

Bezeichnung, Benennung; bloße Auffassung und Wertung, nur

UnterstelIung und Beilegung, nur Namen--an sich nichts die

sogenannten räumlichen Eigenschaften und Merkmale--: Erscheinung,

nicht Wahrheit.

Ausgelöscht mit ausgelöschten Merkmalen ist der Raum selbst.--Kein

Raum außer Ich, kein Raum im Ich, kein Raum mit ausgelöschtem Ich;

Ansicht, nicht Einsicht, Anschauung--nicht Erkenntnis, eigen

geschaffenes Trugbild, auf bloßer Vorstellung beruhend, aus dir

gewirkte Wirklichkeit dieser Welt; nicht ist Raum an sich--nicht ist

Raum Wesen und Wahrheit.

Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du

ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses

hinaus--zu tieferer Einsicht gelangst.

Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die Erscheinung: Raum."

--Es ist der Welt Atem, den du, als sei er außer dir, spürst.--

*

Und gewiß:

Gegensatz und Zwillingspaar ist Raum und Zeit;

wie kein rechts ohne links, kein oben ohne unten, so kein Raum ohne

Zeit, keine Zeit ohne Raum.

Wenn es in Wahrheit kein hier und kein dort gibt, so gibt es auch

kein hin und kein her, kein auf und kein ab, kein vor noch zurück,

weder kommen noch gehen, weder steigen noch fallen, kein heben, kein

senken, kein fluten, kein ebben, kein eilen, kein zögern, keinen

Stillstand, keinen Wechsel. Mit ausgelöschtem Raum ist Zeit

ausgelöscht; wie es keinen Raum an sich gibt, so gibt es an sich keine

Zeit.

Bei Erläuterung der Unterscheidung oben und unten schien es

zunächst, als bestünden diese Erscheinungen auch unabhängig von dir;

beim ersten Hinschauen scheint es, als bestünde Zeit an sich und

unabhängig von dir. Doch wie die Vorstellungen oben und unten beim

Durchschauen in Nichts versinken, so versinkt die Einbildung Zeit

durch Erkenntnis in Nichts.

Wie dein Standort, den du im Raum einnimmst, bestimmt, was du mit

den Worten oben oder unten, mit rechts oder links bezeichnest, so

bestimmt dein Standort in der Zeit, dein Bestand, deine Anwesenheit,

dein Da-sein, deine Gegen-wart, was du als Vergangenheit und was du

als Zukunft unterscheidest, und wie jenen Wahrnehmungen, so kommt auch

diesen keine Wahrheit zu.

Wie dein Standort im Raum die willkürliche Teilung eines Ganzen

bestimmt, ein von dir gewählter Scheidepunkt, der dir das Recht zu

geben scheint, gegensätzliche Verschiedenheit zu schaffen, so schafft

dein Standort in der Zeit, dein Da-sein, deine Gegen-wart

Unterscheidung in einem in sich ungeschiedenen Ganzen und macht dich

in gegen-Teile unterscheiden was eines ist.

Zeit an sich ist leer und bestimmungslos; wie vermöchte an leerer

Zeit zeitliche Bestimmung und Unterscheidung zu haften?

Nur von dir aus gibt es ein rechts und links, nur aus dir gewirkt

und auf dich wirkend ist ein oben und unten, ein vorher und nachher,

nur in dir ist und ist wirkend, was du Zeit nennst.

Vergangenheit scheint vorbei, Zukunft scheint zu kommen; der Tag

scheint vorbei, die Nacht scheint zu kommen. Verschieden wie Tag und

Nacht scheint Vergangenheit und Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander

getrennt. Seit dem Tage Brahma, o Teurer, sind auf unserm Wohnsitz,

der Erde, die unterschiedenen Zeiten, die vergangenen und die

kommenden, Tag und Nacht zu gleicher Zeit. Zu ein- und derselben Zeit

ist Morgen und Abend, Mittag und Mitternacht und jede Stunde des Tages

und der Nacht, ewig gleichzeitig, zu ein- und derselben Zeit.

Ununterbrochen brennt auf der Erde Mittag, ununterbrochen kühlt

Mitternacht und alle verschiedene Zeit zur selben Zeit.--Eines ist,

was getrennt erscheint. Der Tag, der vergangen scheint, ist noch; die

Nacht, die zu kommen scheint, ist schon. Es währt vergangene und

zukünftige Zeit ununterbrochen--in dir sind die Gegensätze; jener

heilige Savitar, die Sonne strahlt ewigen Tag.

Und wie Sterne, vom Tage überleuchtet, den Sinnen nicht

gegenwärtig sind, doch der Seele gegenwärtig--so ist Vergangenheit

und Zukunft, von Gegenwart überleuchtet, deinen Sinnen nicht

gegenwärtig, doch gegenwärtig deiner Seele.

Vergangenheit war einst deine Gegenwart; Zukunft wird einst deine

Gegenwart. Was Vergangenheit ist, war einst deiner Gegenwart Zukunft;

was Zukunft ist, wird einst deiner Gegenwart Vergangenheit--

Ich-Gegenwart beharrt in Vergangenheit und Zukunft.

Wie du, dich selber täuschend, den Raum vor dir vom Raume hinter

dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber täuschend, Zeit

vor dir von Zeit nach dir. Wende dich in dir, und Vergangenheit wird

Zukunft und Zukunft wird Vergangenheit. Daß du die Zukunft schaust,

ist nicht wunderbarer, als daß du dich der Vergangenheit erinnerst. Du

err-inne-rst dich der Zukunft, wie du dich der Vergangenheit

erinnerst, und Zukunft und Vergangenheit ist ewige Gegenwart.

Erinnerung ist Verklärung, Beseeligung von Raum und Zeit.

Vergangenheit an sich ist nicht Zeit, denn Vergangenheit war, ist

also nicht; ist nur Erinnerung an Zeit, Denktätigkeit, nichts mehr.

Zukunft an sich ist nicht Zeit, denn Zukunft wird erst, ist also

nicht; ist nur Erwartung von Zeit, ein Gedankenbild, nur in Beziehung

auf das, was wir Zeit nennen, nicht Zeit selbst. H.B.

Einen Hungrigen sättigt nicht die Erinnerung an frühere Sättigung

und nicht Hoffnung auf spätere Sättigung; weder Hoffnung auf Nahrung

noch Erinnerung an Nahrung ist Nahrung. Weder Erinnerung an Zeit noch

Erwartung von Zeit ist Zeit. Wenn Zeit wäre, so könnte nur Gegenwart

Zeit sein. Gegenwart jedoch ist nur Standort des Ich, nur Anwesenheit,

nur Gegenwärtigkeit des Ich, nur die Scheide zwischen dem, was Ich

Vergangenheit und dem, was Ich Zukunft nennt: eine nur in Gedanken zu

fassende Scheide, ohne Ausdehnung, nur ein Berührungspunkt von

Gedanken und selbst nur Gedanke in dir--Ich-gegen-wart, nichts mehr.

Keine Zeit vor deiner Gegenwart, keine Zeit nach deiner Gegenwart,

keine Zeit ohne deine Gegenwart; deine Gegenwart ist Zeitewigkeit.

Wie Zeit je nach deiner Empfindung stille steht oder flieht, wie

du in einheitlicher Zeit gute und schlechte Zeiten unterscheidest, wie

du Erwartung und Erinnerung in dir schaffst, so schaffst du Zeit in

dir.

*

Du erkennst:

Was dir als Vorgang in der Zeit, als Beharren oder Wechsel, als

Dauer oder Änderung erscheint, ist nicht an sich, ist willkürliche,

von deiner gegen-Wart aus in gegen-Teile auseinanderspaltende, an sich

nichtige Unterscheidung in dir--

Was von solchen Unterscheidungen--in dir als zeitliches Urteil

--außer dir als zeitliche Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Inhalt

deiner Seele, Ausdruck des Verlangens in dir, Abbild deiner selbst;--

Kennzeichnung deiner gegen-Wart zum gegen-Stand, Kennzeichnung deiner

Auffassung und Wertung, Wiedergabe deiner wechselnden Gesinnung, dein

Atem in Lust und Unlust, willig-un-willige Auffassung in dir, in dir

gezeugte ein-Bildung, deine eigene Schöpfung--du selbst.--

Keine Zeit vor dir, keine Zeit nach dir, keine Zeit ohne dich.

Solches hast du klar erkannt.

--Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der

Dinge Eigenschaften.--

*

Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Wahrnehmungen, nur

verschiedene Benennung die erscheinende Verschiedenheit; wie die

Unterscheidungen rechts und links, wie oben und unten, nur Namen, an

sich nichts die Unterscheidungen Vergangenheit und Zukunft, bloße

Für-wahr-nehmung, nicht Wahrheit.--

Ausgelöscht mit ihren Teil-Erscheinungen und gegenteiligen

Merkmalen ist die Erscheinung Zeit selbst, Empfindung--nicht

Erkenntnis, eigen geschaffenes Trugbild, aus dir gewirkt, auf dich

wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt. Nicht ist Zeit an sich

--nicht ist Zeit Wesen und Wahrheit.--

Darum ist gesagt: "Aus deiner Seele die Erscheinung: Zeit."

Darum ist gesagt: "Zeit ist scheinbare Wahrheit". "Ich bin nicht

in der Zeit, ich selbst bin Zeit."

--Es ist der Welt Atem, den du, als sei er in dir, spürst.--

* * *

Ausgelöscht ist alle auf Raum, alle auf Zeit bezügliche Anschauung

und Auffassung, alle auf Raum und Zeit bezügliche Wahrnehmung und

Eigenschaft, alle Unterscheidungen, Verhältnisse, Merkmale,

Bezeichnungen, Beziehungen, Beilegungen, Bedeutungen und alle übrigen

auf Raum und Zeit ruhenden Empfindungen, Vorstellungen, Begriffe,

Urteile, Namen;--in nichts gesunken: Ausdehnung, Maß, Zahl,

Teilbarkeit, Einheit und Vielheit, Folge und Folgerung, Anfang und

Ende, Entstehen, Vergehen, Unendlichkeit, Ewigkeit--müßige Fragen

dem Wissenden--

Ausdruck deiner Gegenwart zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken;

deine Empfindung und nach außen Verlegung, das ist Auslegung deines

Inne-be-findens; ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner Einbildung,

das ist: vor-Stellung; deine eigene Schöpfung--du selbst--an sich

nichts die sogenannten Eigenschaften der Zeit, die sogenannten

Eigenschaften des Raumes--

Ausgelöscht mit ausgelöschten Merkmalen und Unterscheidungen ist

Zeit und Raum selbst--vernichtet! Zeit und Raum sind nicht in sich.

Spiel deiner Seele, ein bloßer Traum!

Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die zeit-räumliche

Erscheinung".

--Erscheinung!--sinnlicher Widerschein seelischer Empfindung in

dir--deines eigenen Wirkens Abbild, eigengeschaffene Wirklichkeit

dieser Welt--du selbst!--Keine Zeit, kein Raum in sich; keine

Zeit, kein Raum in Wahrheit.

--Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der

Dinge Eigenschaften, eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt.--

Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du

ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses

hinaus zu tieferer Einsicht gelangst.

*

In dir ist Zeit und Raum, du selbst schaffst Zeit und Raum, zu

eigener Lust; trägst Zeit und Raum mit dir, wie du Leben und Welt mit

dir trägst. Ewig ist Zeit, unendlich ist Raum--ewig unendlich Ich

und Welt.

--Es ist das Atmen der Welt, die du lebst; Schöpfer--

Vernichter.

* * *

Und ferner, o Teurer!

Noch hat niemand diesem, wovon wir reden, sein volles Recht

strömen lassen, und nicht überliefert wurde mir diese Lehre; in mir

selbst trat zutage, wuchs und erstarkte die Erkenntnis.

Und schon einmal habe ich der Welt diese Lehre verkündet, als die

Tochter des Vatschaknu vor dem Könige der Videha mich befragte; aber

unverstanden von der Welt blieb diese Lehre: --"was zwischen Himmel

und Erde ist, und oberhalb des Himmels und unterhalb der Erde, was sie

Vergangenheit und Zukunft nennen--Raum und Zeit--o Gargi, ist

eingewoben und verwoben in der Erscheinung Akasha".--Uraltes Wissen

verkündige ich dir wieder: der erscheinenden Welt zeiträumliches

Dasein.

*

Gegensatz und Zwillingspaar ist, was du Raum und Zeit nennst.

Durch Ur-sprung ist Raum, durch Raum--Zeit; wie rechts durch links,

wie oben durch unten, wie Vergangenheit durch Zukunft. Wie kein rechts

ohne links, kein oben ohne unten, keine Vergangenheit ohne Zukunft, so

kein Raum ohne Zeit, keine Zeit ohne Raum. Zeit ohne Raum wäre

nirgend; Raum ohne Zeit wäre nie.

Alles was im Raum ist, entsteht und vergeht in der Zeit; alles was

in der Zeit ist, entsteht und vergeht im Raum. Zeit ist ewig überall,

Raum ist überall ewig. Zeit und Raum bedingen einander. Zeit und Raum

mißt sich aneinander: 'ein Zeitraum, eine Stunde Wegs, eine Spanne

Zeit, ein Tagwerk Land, eine geraume Zeit.' Zeit und Raum ergänzen

einander. Dem Nebeneinander des Raumes entspricht das Nacheinander der

Zeit. Zeit und Raum treten für einander ein. Bewegter Raum wäre Zeit;

ruhende Zeit wäre Raum. Ausgebreitete Zeit heißt Raum; dauernder Raum

--Zeit. Zeit und Raum schafft einander; Zeit und Raum hebt einander

auf--Gegensätze, die einander schaffend, einander aufheben.

Gegensätze Zeit und Raurn sind gegen-Paare, halb-Teile eines

Ganzen. Gegensatz in sich nennt Ich: Zeit, Gegensatz zu sich nennt

Ich: Raum. Spaltung im Ich--Zeit; gespaltenes Ich--Raum. Gegensatz

räumt--Gegensatz zeitigt.

*

Weder hat Zeit einen Anfang, noch ist Zeit ewig; weder hat Raum

ein Ende, noch ist Raum unendlich--weder ist Zeit und Raum real,

noch ist Zeit und Raum ideal;--Zeit und Raum ist Gedanke im

verlangenden Ich.

Zeit-Gegenwart ist ohne Dauer, also nicht Zeit; Raum-Punkt ist

ohne Ausdehnung, also nicht Raum. Zeit-ewigkeit wird nicht aus Zeit,

Raum-unendlichkeit wird nicht aus Raum, und wie Zeit-ur-teil keine

Zeit ist, so ist Zeit-ewigkeit keine Zeit; wie Raum-ur-teil kein Raum

ist, so ist Raum-unendlichkeit kein Raum. Zeit und Raum ist Gedanke im

urteilend schaffenden Ich.

Ich ist Zeit-einbildung, Ich ist Raum-vorstellung. Im Ich ist ewig

Zeit; im Ich ist endlos Raum. Weil Ich selbst Zeit und Raum ist, darum

ist Zeit immer, wann Ich ist; darum ist Raum immer, wo Ich ist; Zeit

und Raum ewig unendlich, da Ich ist. 'Ewig' 'unendlich' aus dem Ich

geschaffene, das Ich selbst bezeichnende Worte, Ich-ausdruck, nichts

mehr.

Ich ist Ausdehnung in sich zu ewiger Zeit--außer sich zu

unendlichem Raum. Ich ist gegen-Wart zu Zeit und Raum. Ich-Atem,

Ich-Bewegung, Ich-Ausdehnung, Ich-Wandel, Ich-Wirk-lichkeit ist Zeit

und Raum. Wechselndes im Bleibenden, Beharrendes im Wechselnden: Ich.

Keine Zeit, kein Raum ohne Ich: einen Augenblick bewußtlos--eine

Ewigkeit bewußtlos.

'In der 'Zeit' heißt vom Ich-bewußtsein als Zustand in sich

unmittelbar umfaßt; 'im Raum' heißt mittelbar, vermittelst der Sinne

erfaßt. Im Bereich des Ich-bewußtseins heißt Zeit, was darüber hinaus

Raum heißt. Vom Ich empfunden--Zeit, vom Ich angeschaut--Raum;

seelisch empfunden--Zeit, sinnlich angeschaut--Raum.

Bei gedankenlosem Hinschauen zwar erscheint Zeit und Raum

verschieden, verschieden wie Tag und Nacht, wie Vergangenheit und

Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander getrennt. Ansicht--nicht

Einsicht; Wahr-nehmung--nicht Wahrheit.

Zeit und Raum sind nicht auseinanderzuhalten: --frage dich, o Teurer,

durch welche Bestimmung könnten Zeit und Raum, beide an sich leer an

Bestimmung, voneinander verschieden sein? Eines ist, was du in dir

Zeit, was du außer dir Raum nennst--zwei Namen für das Selbe:

atmendes Verlangen in dir.

Sprich es unverstanden nach--mit vorschreitender Erkenntnis gelangst

du zu vollem Verständnis.

*

Wie du, dich selber täuschend, den Raum über dir vom Raum unter

dir unterscheidest, wie du, dich selber täuschend, Zeit vor dir von

Zeit nach dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber

täuschend, Zeit in dir von Raum außer dir.

Wie deine Gegenwart im Raum bestimmt, was du hier und was du dort

nennst, wie deine Gegenwart in der Zeit bestimmt, was du als vorher

und was du als nachher unterscheidest, so bestimmt deine Gegen-wart im

Da-sein, was in dir zeitlich, was außer dir räumlich erscheint.

Wie deine Gegenwart in Zeit und Raum die Teilung eines Ganzen

bestimmt--ein willkürlich gewählter Scheidepunkt, der dir das Recht

zu geben scheint, Gegenteiligkeit zu schaffen, ein rechts und ein

links, ein oben und ein unten zu unterscheiden, ein vorher und ein

nachher, so schafft dein Da-sein, deine Gegen-wart, dein

Ich-Bewußtsein,--du selbst--Unterscheidung in einem ungeschiedenen

Ganzen, macht dich in Zeit und Raum unterscheiden, was eines ist.

Eines--scheinbare Zweiheit.

In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene

Schöpfung die Unterscheidung Zeit und Raum.--Als Zeit empfindest du,

was dein eigen, als Raum, was dir entfremdet. Entlassend schaffst du

Raum, aufnehmend Zeit, was aus-wendig Raum ist, ist in-wendig Zeit.

Dein eigener Widerschein im Ich-Gedanken nennt sich Bestand,

Dauer, Wechsel, Zeit; deinen eigenen Widerschein im entlassenen

Gedanken nennst du draußen, Gegenstand, Raum.

Unterscheidung Zeit und Raum ist Unterscheidung: in dir--außer

dir; ist Empfndung und nach außen Verlegung--Auslegung deines

inne-Befindens; ist Ein-bildung: Zeit, und Widerspiegelung deiner

Einbildung, Vor-stellung: Raum; Ich-zu-stand und Ich-gegen-stand--

Ausdruck deiner wechselnden Gesinnung, deiner Zuneigung und Abneigung,

Anziehung und Abstoßung, Lust und Unlust, Liebe und Haß, Bejahung und

Verneinung, Wille-wider-Wille im Verlangen--Abbild deiner selbst.

Zeit und Raum sind nur andre Worte für Ich und du; Unterscheidung

Zeit und Raum ist Unterscheidung Ich und Welt--Ausdruck des Zerfalls

im Ursprung. Davon wird dir in weiterer Unterweisung volle Klarheit.

*

Besinne dich und du erkennst: ununterschieden in sich ist Zeit und

Raum; eines, was du mit ent-zwei-enden Namen bezeichnest; wie rechts

und links, wie oben und unten, wie hier und dort, wie jetzt und einst

--willkürliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir. Und wie du

solches von dem Gegen-sinn 'rechts und links', von dem Gegen-sinn

'oben und unten' klar erkannt hast, so wird dir klare Erkenntnis auch

vom scheinbaren Gegensinn Zeit und Raum.

Aller Gegensatz, alle Einheit ist in dir.

Zeit und Raum sind Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum sind

andre Worte für deinen Willen und für das, was wider deinen Willen--

wieder dein Wille ist;--Gestaltung deiner selbst!

Eigene Lust dein Wandel; nach eigenem Gefallen wandelst du dich zu

Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum wie rechts zu links, wandelst

Raum zu Zeit wie unten zu oben.

Es ist so--sprich es unverstanden nach. Die die Welten

voneinander hält, diese Brücke überschreite als ein Blinder.

Aufleuchten wird einst in dir die Erkenntnis, aus welcher Tiefe

solches fließt.

*

Ausgelöscht der Gegensinn von Zeit und Raum; auf Worten beruhend

die erscheinende Verschiedenheit; ununterschieden an sich, weder das

eine noeh das andre; dasselbe doppelt benannt, zwei Namen fur eines.

Und gewiß: ist Zeit gleich Raum, so ist weder Zeit noch Raum.

Was du Zeit und Raum nennst--in Gegenteile zerfallene, an sich

nichtige Unterscheidung in dir--in Gegensinn auseinanderspaltendes

Urteil, deine Willensgestaltung, Spiel deiner Seele, deine eigene

Schöpfung--du selbst.

*

"Was du Zeit und Raum nennst, o Gârgî, ist eingewoben und verwoben

in Akasha."

Durch Raum und Zeit wird alles dieser Welt, was Leben heißt, was

Tod genannt wird--ewiger Kreislauf--Geburt und Tod dieser Welt

durch Raum-Zeit-Erscheinung:

-- AKASHA --

dieser Welt Erscheinung--deines Verlangens sinnlicher wieder-Schein

--dieser Welt wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser

Welt.

Aufleuchten möge in dir die weltschöpferische Bedeutung des

Wortes.

*

Darum ist gesagt: "auf Akasha geht diese Welt zurück"--

"Einklang von Seele und Leib."

Darum ist gesagt: "Akasha--des Brahma Standort"--"Brahma

leibhaftig geworden"--"deiner Seele Leib."

"Darum soll man als dieser Welt Keim Akasha wissen."

Sehend geworden erkennst du:

--Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen--

--atma--

* * *

So, o Teurer, können wir Menschen, der Erscheinung nachdenkend,

uns dieses vorstellen; der Erkenntnis ehernes Tor, verhüllte Wahrheit

dem nicht Erkennenden--Upanishad.

*

So lautet in Aranada Upanishad der zweite Abschnitt: zeit-

räumlicher Erscheinung Urbestand; nunmehr kâma, Verlangen.

III.

DAS VERLANGEN DIESER WELT

-- kâma --

Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer! behalte vor

Augen:

Es geschieht wohl, daß von den dickkopfigen Ameisen eine

mitten-von-einander bricht; alsbald kehren sich die getrennten Teile

feindlich gegen einander: der Kopf greift mit den Kiefer an, der Leib

wehrt sich mit dem Stachel.

Eben noch einheitlicher Bestand, Ein Ich mit Einem Bewußtsein,

Einer Empfindung, Einem Willen, von gleicher Sorgfalt für alle Teile

seines Körpers erfüllt--zerfällt es vor deinen Augen in zwei

Bewußtsein, zwei Empfindungen, zwei Willen, zwei Seelen; jedes der

beiden Teile fühlt sich selbständig, ein "Ich", und seine erste Tat

ist Kampf gegen das, was es nicht mehr als sein Ich erkennt.

Zwiespalt körperlich-seelisch; Gedanke dieser im Zwiespalt

atmenden Welt; Ausdruck des ur-Sprungs: Kâma, Verlangen.

Durch ur-Sprung: ur-TeilIch und gegen-TeilIch. Durch solche

Teilung Verlangen in Ich und Ich;--das Außer-einander von Ich und

Ich ist Verlangen:

-- KAMA --

*

Also ist die Unterweisung:

Ich knüpfe an Gesagtes an, o Teurer!

Der Erreger, savitar, die Sonne, weckt die Geschöpfe--alsbald

beseelt diese der Gedanke des Lebens: Kâma, Verlangen, und es folgt

Jagd und Kampf.

Brennend vor Begier wirft sich der Eine auf den Anderen: "du bist

meine Nahrung"--und der Sieger frohlockt: "ich töte dich: es ist

mein Recht."

Vom Unterliegenden jedoch schallt voller Widerspruch zurück: "ich

will nicht sterben, du darfst mich nicht töten, es ist unrecht und

böse!"

Du erwägst zuvörderst den Gegensatz im atmenden Verlangen im

'Raum' erscheinend.

Jeder der Beiden, hier wie dort, der Sieger sowohl wie der

Unterliegende, will dasselbe: will leben, nicht sterben; will töten

und fressen, will nicht getötet und gefressen werden.

Hier wie dort Ein Gedanke, dasselbe Verlangen, dennoch

Widerspruch, Zwiespalt, Gegensatz.

*

Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich, ungeteilt: Kâma,

Verlangen, Fraß; Fraß ist sinnfälliger Ausdruck des Verlangens.

Es ist kein Zwiespalt, kein Gegensatz im Gedanken, im Wollen und

Tun an sich; Zwiespalt, Gegensatz ist durch Ich und Ich.

Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung des Ich am

Gedanken. Der Gegensatz entsteht durch zwiefachen Standort des Ich; im

Ich, das hier will, und im gegenüber stehenden, entgegen stehenden,

widerstehenden Ich, das dort wieder will--zwei gegen-ständliche

Standorte des Ich--das ist Raumerscheinung:

I. Ich--hier:

"ich will dich fressen."

II. Ich--dort:

"ich will dich fressen."

*

Ich auf beidem Standort spricht den einheitlichen Gedanken, das

einheitliche Verlangen: 'Fraß' zwiefach aus, bejahend--verneinend.

Ich auf beidem Standort bejaht den Satz und verneint damit den

Gegensatz. Ich will--und will nicht das Gegenteil des Gewollten;

Wille zur Tat, Unwille zur Duldung der Tat. Ich hier wie Ich dort:

"ich will leben--nicht sterben, ich will fressen--nicht gefressen

werden."

Es ist Ein Gedanke, Ein Verlangen, Ein Vorgang: 'Fraß'; 'fressen

--nicht gefressen werden' ist nur Lautverschiedenheit, nur sprachlich

doppelter Ausdruck, dem Sinne nach dasselbe; nur Gewolltes bejahende,

nicht-Gewolltes verneinende Redewendung, doppelte Bezeichnung für

Eines. Ich spricht in zwiefachen, Eines bedeutenden Worten

einheitliches Wollen, den Einen ungespaltenen Gedanken aus;

Gegensatz erscheint im raum-gespaltenen, im ent-zwei-ten Ich; im Ich,

das hier will, und im Ich, das dort will, dort wieder will, das heißt

--wider will:

[Ich:]

I. Ich, angreifend und siegend will die Tat, bejaht, die Tat,

spricht den bejahenden tätigen Sprachausdruck des Verlangens--in

Lust aufflammend:

"ich will dich fressen."

[Ich im räumlichen 'Gegen'stand:]

II. Ich, angegriffen und unterliegend, will die Tat nicht,

verneint was ihm Leid antut, spricht den verneinenden, leidenden

Sprachausdruck des Verlangens--in Leid aufflammend:

"ich will mich nicht fressen lassen."

Kein Gegensatz im Verlangen, kein Zwiespalt, keine Teilung--

gleichviel, ob sich der Gedanke in Einem Ich in zwiefacher Redewendung

--bejahend--verneinend--ausspricht, oder ob sich der Gedanke in

zwiefacher Redewendung als Wille und Unwille auf zwei Ich verteilt--

zweiheitlicher Ausdruck des einheitlichen Gedankens: Verlangen.

Kein Gegensatz in Gedanken--gleichviel, ob sich der Gedanke im

tuenden Ich in Tat ausdrückender Redeform ausspricht, oder ob sich der

Gedanke im leidenden Ich in Leid ausdrückender Redewendung

widerspricht; gleichviel, ob der Gedanke im Ich, fressend, sich

bejaht, im Ich, gefressen, sich verneint: --einheitliches Verlangen.

Unberührt bleibt der Gedanke, ungeteilt--Unterscheidung,

Teilung, Entzweiung, Zwiespalt und Gegensatz ist durch Ich und Ich

Dies ist kâma, Verlangen, in gegen-Teile ent-zweit, als Wille und

wider-Wille erscheinend; im zu-Stand-Ich und im gegen-Stand-Ich; Ich

räumlich auf zwei Standorten. Ich-ent-Zwei-ung.

*

Nunmehr der Gegensatz im atmenden Verlangen in der Zeit

erscheinend.

Nichts weset ohne ein Zweites, kein Ding ohne seinen Gegensatz,

kein Willen ohne gegen-Willen--kein Leben ohne Atem des Willens, wie

kein Atem ohne Einhauch und Aushauch.

Es geschieht, daß in den Beiden, die sich bekämpfen, eine Wendung

im Verlangen eintritt:

Im Sieger nach geschehener Tat: die Gier ist befriedigt, die Lust

verraucht. Wie am bewegten Schöpfrad der Eimer gefüllt emporsteigt und

entleert wieder herabsinkt, so füllt sich das Verlangen, übersteigt

den Höhepunkt und fällt. Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor.

Der Sieger versetzt sich in die Lage des Opfers; das Mitleid erwacht,

der Umschlag erfolgt; man sagt wohl: er ist nicht mehr derselbe, er

ist ein anderer geworden: "ich will nicht töten, es ist Unrecht.

Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun, lieber selber den Tod erdulden,

als andere töten."

Sodann im Unterliegenden: "mein Widerstand ist vergeblich; ich

unterliege." Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor. Erinnerung

an eigene Untat wird wach, der Umschlag erfolgt: "es geschieht mir

Recht, ich verdiene den Tod; ich will mein Unrecht büßen, will meine

Sünde sühnen: töte mich, ich sterbe freudig."

Der Kampf ist aufgegeben, Frieden ist gewonnen; Aufopferung hat

Raubgier abgelöst. Verraucht ist das Verlangen, aller Sittlichkeit

höchstgepriesenes Ziel erreicht--erstanden das Wunder:

Selbstlosigkeit.

*

Du erwägst zuvörderst den zeitlich erscheinenden Gegensatz im

Willen des angreifenden Ich--Wechsel von Tat zu nicht-Tat.

Der Gegensatz erscheint als geänderter Wille im Ich. Das Verlangen

atmet, lebt, bewegt sich, wandelt, wechselt im lch. Ich verläßt seinen

Stand, ver-stellt sich, nimmt andere Stellung zum Gedanken:

"Ich wollte leben, wollte nicht sterben; wollte die Tat tun,

wollte die Tat nicht dulden, wollte töten und fressen, wollte nicht

getötet und gefressen werden"--

"jetzt will ich sterben, will nicht leben; will nicht töten, nicht

fressen, will getötet und gefressen werden."

Im Willen des Ich ist Wandlung eingetreten--Gegensatz im

wechselnden Willen in der Zeit erscheinend.

*

Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich: kâma, Verlangen.

Tat und Fraß ist sinnfälliger Ausdruck des Verlangens, Ausdruck des

Wirkens dieser Welt.

Es ist keine Änderung, kein Gegensatz in Verlangen an sich;

Änderung und Gegensatz ist im be-Stand des verlangenden Ich.

Unterscheidung, Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung,

mit an-Teil-nahme des Ich am Gedanken. Der Gegensatz entsteht im Ich,

das, wollend, in sich spaltet; das Verlangen bleibt, nur das zeitliche

Ziel des Verlangens im Ich wechselt: Ich, das wollte--Ich, das

anders will; zweierlei Verhalten, zwiespaltiger Zustand im Ich--das

ist Zeiterscheinung.

I. Ich erst in Lust aufflammend, erst:

"ich will fressen;"

III. Ich dann lustlos verlöschend, dann:

"ich will gefressen werden."

*

Der Gedanke bleibt Einer, einheitlich, ungeteilt: Fraß. Kein Fraß

ohne fressen und gefressen werden; beides liegt unmittelbar im

Gedanken "Fraß", "Fressen--gefressen werden" ist nur sprachlich

verschiedener Ausdruck des Einen Gedankens; nur zweierlei Benennung

für ein-und-denselben Vorgang, nur tätige und leidende Sprachform: nur

Laut-Verschiedenheit, nicht Gegensatz in sich--Eines: Kama,

Verlangen.

Wandel und Gegensatz erscheint im zeitgespaltenen Willen des Ich:

Ich wollte und will das Gegenteil des zuerst Gewollten. Alles Wollen

ist aus Tun und Dulden: Ich wollte die Tat tun--ich will die Tat

dulden.

[Ich:]

I. Ich, erst, in Verlangen, Urteil, Tat sich schaffend, will das

Leben, begehrt, hofft, will tun, bejaht den Gedanken zu solcher Zeit

blind:

"ich will dich fressen, will nicht von dir gefressen werden."

[Ich in zeitlichem Gegensinn:]

III. Ich, dann, nach aufgegebenem Tun, von treibender

Lustempfindung frei, nicht mehr begehrend, ver-setzt sich in die Lage

des Opfers, ver-stellt sich auf den Standpunkt des Gegners, versteht

ihn, mit leidend, steht ihm bei,--urteilt nun von also

entgegengesetztem Stand mit der Zeit ver-ständig, erkennend, wechselt

mit gewechseltem Stand seine Ansicht, wendet sich im Gedanken,

widerspricht sich selbst, gibt sich auf, will dulden, will den Tod:

lustlos vergehend:

"ich will mich fressen lassen, will nicht fressen"

Es ist ein Gedanke, der sich im Ich ausspricht, gleichviel wie

sich das Ich verlangend zum Gedanken stellt, es bleibt Ein Gedanke,

gleichviel ob Ich den Gedanken tun, oder ob Ich den Gedanken dulden

will, gleichviel ob das Ich, erfüllt vom Gedanken, sich Henker oder

Opfer fühlt--kâma, Verlangen.

*

Dieselbe zeitliche Wendung im angegriffenen, im widerstehenden Ich

--Wechsel von nicht-Duldung zu Duldung--

Ich wollte nicht und will dann nicht das Gegenteil des zuerst

nicht Gewollten. Ich wollte die Tat nicht dulden--jetzt will ich die

Tat nicht tun.

[Ich im 'Gegen'stand, das ist: nicht-Ich:]

II. Ich, angegriffen, verabscheut die Tat, widersteht, verteidigt

blind seinen Standort, will nicht dulden; in Leid aufflammend:

"ich will nicht von dir gefressen werden, will dich fressen!"

[nicht-Ich im zeitlichem Gegensinn:]

IV. Ich, nach aufgegebenem Widerstand, im Übermaß des Leides

nichts mehr erhoffend, weder begehrend noch verabscheuend, gibt den

bisher verteidigten Standort auf, ver-stellt sich auf den Standort des

Henkers, ver-steht ihn, urteilt jetzt vom also entgegengesetzten

Standort erkennend, will dulden, nicht tun, leidlos vergehend:

"ich will dich nicht fressen, will mich von dir fressen lassen!"

Unberührt bleibt der Gedanke--Unterscheidung ist im Ich, im

zeitgespaltenen, im gewechselten Willen des Ich. Wille ist Ausdruck

des Ich. Kein Wille ohne Ich, kein Ich ohne Willen. Wille ist Ich, Ich

ist Wille.

Dies ist Kâma, Verlangen im Ich als wechselnder Wille atmend;

Verlangen im selben Ich zeitlich in gegen-Teile gespalten erscheinend

im Ich und wieder im Ich; Ich in zwei Zeit-zu-Ständen; Ich-zwie-Spalt.

*

Erkenne zunächst:

Gegensatz, Widerspruch, Zwiespalt, Entzweiung, Teilung, im

Verlangen erscheinend, ist nicht an sich, ist willkürliche, durch

gegensätzlichen Ich-stand--in sich, außer sich--in-gegen-Teile

aus-ein-ander-spaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir, von

scheinbarer Verschiedenheit,--ununterschieden in sich; von

scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkt--auf

dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser deiner

eigen-geschaffenen Welt--nicht Wahrheit.

Was als Gegensatz im Verlangen erscheint, ist in dir, ist

Kennzeichnung deiner zeiträumlichen gegen-Wart, deines da-Seins, ist

Ausdruck deiner Beziehung zum gegen-Stand, ist deine Auffassung, deine

Gesinnung, deine an-Teil-nahme, deine Stimmung, deine Lust oder

un-Lust zum eigenen, gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken, ist

Empfindung in dir und Auslegung, das ist nach außen ver-Legung deines

inne-Befindens, ist deine ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner

Einbildung, das ist: Vorstellung; Inhalt deiner Seele, Verlangen, aus

dir geboren, deine eigene Schöpfung--du selbst.

Unberührt bleibt der Gedanke, unbewegt wie im Sturm der

Sonnenstrahl, gleichviel, ob Ich das Verlangen aufnimmt oder abweist,

den Gedanken hofft oder fürchtet, liebt oder haßt, bejaht oder

verneint, anzieht oder abstoßt, tut oder duldet, will oder nicht will;

gleichviel, ob Ich, vom Gedanken beseelt Lust oder Unlust empfindet,

ob Ich sich Freund oder Feind, Herr oder Knecht, Henker oder Opfer

fühlt, gleichviel ob Ich frei will oder wollen muß, gleichviel ob der

Gedanke in Ich oder Ich im Gedanken oder der Gedanke Ich ist.--

Alle Unterscheidung ist im Ich, im atmenden Willen Ich. Wille ist

Ich Zustand, Wille ist Ich Ausdruck. Kein Willen ohne Ich, kein Ich

ohne Willen. Wille ist Ich, Ich ist Wille--kâma, Verlangen.

Die Welt denkt nur einen Gedanken--aus dem 'Ich' ist endlose

Mannigfaltigkeit dieser Welt.

* * *

Und noch einmal:

Der Gedanke dieser Welt--Verlangen--atmet im Ich; Ich, atmend,

spaltet--: zwiespältige Beziehung des Ich zu seinem eigenen

Gedanken, zu sich selbst. Ich will--will nicht: will tun, nicht

dulden; will dulden, nicht tun; in sich--außer sich; in Zeit--in

Raum.--Alles Geschehen dieser Welt--alle Möglichkeit dieser Welt;

aller Gedanken, alles Werdens und Verwerdens--alle Welten umfassende

Möglichkeit.

Das hohe Ziel der Erkenntnis: Aranada Upanishad · 第 6 / 11 题