Eine Negergeschichte

_Tantam vim et efficaciam_

_nonnulli phantasiae et_

_imaginationi in proprium_

_imaginantis corpus tribuerunt._

_Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus._

Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte

_Hamburgs_ als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große

Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen

Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche

Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich

meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie

auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um

von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort,

einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese

vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps

seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London

herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere

Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.--

Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen.

An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer

Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen

von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,--als

plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit

einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein _Neger_ zu mir

in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen

mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige

Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich

irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen

Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe

die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich

erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo

sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein

Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit

einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte

mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander

von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?--You are

the doctor!"-"Jawohl!"--"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation

vorzutragen;--ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine

sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;--sehr wichtig und sehr

erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.--Aber ich

glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,--at least I

presume;--Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das

haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,--ich

meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,--aber es ist

doch wahr,--es ist furchtbar wahr,--es ist fast zu toll, um wahr zu

sain.--I'm a nigger;--that is, I have been a nigger!--Ich habe Neger

gewesen!--oh,--ich bin Neger gewesen!--Ich bin Neger nicht mehr!..."--

Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger,

der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war

schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige

Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse

dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte

überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger

war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und

helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator

wohnenden Stämmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwärze

mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr

darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war

abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher

im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut,

keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig

gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und

links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das

Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes

sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole

nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich muß sagen, das Erscheinen dieses

Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der

wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt

haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ

mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden.

Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und

stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend

klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite

beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten

und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt

war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.--Die Suada,

die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ

sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse

durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche

angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das

Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden

aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle

an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte

Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist

der Schnapsgenuß;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann

an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche

Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles

vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie

krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes

Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,--"krank,--nein! ich

sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."--"Ja,

was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas ärgerlich.--"Bitte,

Docter,--haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"--In diesem

Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange,

und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei,

mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein

Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was

haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück.

--"Eine Kleinigkeit für Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie

er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der

rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist

Schmutz!"--fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze

einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd

vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!"

schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen,

mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie

ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber-

und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen

Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und

die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen

Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier

gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke

zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem

erregten Menschen gegenüber zu verfahren.--

"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in

London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm

mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die

zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in

die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir,

wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und

entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten

einige fünfzig Personen!"--fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür

des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte

das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder

aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte

sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von

mir aus von wo der Pfeffer wächst!"--entgegnete ich mißmuthig, und

stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Küste_!"--replicirte

der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine

Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Küste_ ist weiter gegen

Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer

Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen

auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu--so!"--in diesem

Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem

rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da

ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen

offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus,

und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den

Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er

selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing

ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in

Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser

gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in

Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser

gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing

hat mich in Unglück gestürzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?"

ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schöne Tag kommt ain

Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von

Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen

in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit

schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder

in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden

Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich

traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir

noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin

gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und

nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und

wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate

ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet

Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß

ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter,

weiter!" drängte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel

blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie

Mehl und Kreide,--scheußlich!--scheußlich!"--"Weiter, weiter!--Haben

Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war

gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das

grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und

mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewöhnt man sich

doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch

daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als

ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block

Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heißen?"--"Ich schaue

durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die

Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es

wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes

Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!"

--"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich

schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist

verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein,

und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas;

Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein

fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und

schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben

sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar

das scheußliche Thier; _jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz_; und daß

Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing,

weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert

Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"--"Mein

Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede

in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"--"Ja, und jetzt

hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von

Engländerinnen sehr pretty,--ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht

dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und

ich habe beschlossen, daß ich muß werden _uaiß_...."--"Sie haben

beschlossen weiß zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was?

Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles

kann ändern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas,

das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll

das heißen?"--"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in

sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben

doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix

Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte

Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well,

Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem

Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du

mußt _uaiß_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht

mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht

mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und

bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum

Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum

Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze

Nacht,--endlich, Docter, nach ßuai Monate,--nachdem ich uar wie ein

Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in

mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne _uaiße_

Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach

ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,--it was a wonderfall sight!--ich

bin geworden uaiß...."--"Weise oder weiß?"--"Well,--eine Morgen, in

Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh,

ich _habe_ gehabt uaiße Farb,--wunderschöne _uaiße_ Gesicht,-oh, I tell

you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben

mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt,

ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff

geschickt nach Hamburg...."

In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich

hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede

meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte,

wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend

von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll

vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe

die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt

und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir

sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach

der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher.

Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der

Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch

das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen

plötzlich Verunglückten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun

dienen?"--frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.--"Well,

Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin _uaiß_,--die

schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede

nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber

Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...."

In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen

Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor

meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit

vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte

wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer,

beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von

denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick

ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war

und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den

Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein

fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen

ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen.

Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt

in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie

immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen

Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß

sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer

überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu

schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen

Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.--Endlich wurde der Neger überwältigt

und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen

Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben,

und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_.

Visionen: Skizzen und Erzählungen · 第 9 / 17 题