_Otto Ludwig_ (1813-1865) gehört zu den drei Großen des Jahres 1813.
Neben dem titanischen Wesen Richard Wagners, neben Friedrich Hebbels
grüblerischer aber den großen Wurf nie verfehlender Art steht der Sohn
des Bürgermeisters aus dem thüringischen Städtchen Eisfeld wie einer,
dem es nie recht gelingen wollte, was er sich zum Ziel gesetzt hat. Otto
Ludwig konnte sich nicht an die Geschäftigkeit des neunzehnten
Jahrhunderts gewöhnen und es plagte ihn doch ein unseliger Ehrgeiz,
seiner Zeit gerecht zu werden. Er ist ein Heimatdichter von Grund aus
und es trieb ihn doch in die großen Städte. Jahrelang versuchte er, sich
in Leipzig, dann in Dresden heimisch zu machen. Aber er kam nicht
darüber hinweg, daß die Leipziger Damen alle so übernächtigt aussehen,
nicht wie Geschöpfe der Natur, sondern wie Kunstfabrikate. Bis er
endlich in dem idyllischen Garsebach bei Meißen Linderung für seine
seelische Unzufriedenheit und seine körperlichen Leiden fand. Emilie
Winkler schuf dem nervösen Dichter das Heim, wie er es sich nur wünschen
konnte.
Da setzten auch die ersten großen Erfolge ein. Sein Drama »Der
Erbförster« wurde in Dresden mit Erfolg aufgeführt und einige Jahre
darauf erlebten seine Dorf- und Kleinstadtgeschichten »Heiterethei« und
»Zwischen Himmel und Erde« schnell zahlreiche Auflagen. Das deutsche
Volk war mit seinem Dichter zufrieden, nur er selbst strebte immer nach
Höherem, er konnte sich wie Hebbel nichts zu Dank machen. Die Entwürfe
häuften sich, viele davon hat er in einer üblen Laune selbst verbrannt.
Er sagte, ich muß sie vernichten, damit die Gestalten meiner Pläne nicht
mehr des Nachts an mein Bett kommen, mich zu quälen, denn mir bleibt
keine Zeit mehr, ihnen ihre Gestalt zu geben. Aus dem schönen Jüngling,
der mit vierundzwanzig Jahren in Hildburghausen und in seiner Vaterstadt
bewundert wurde, war ein mißvergnügter Dichter geworden, aus dem jungen
Musiker ein einsiedlerischer Denker, der des Nachts nach einem
Spaziergang in den stillen Wald über dichterische Probleme nachdachte,
über seinem Shakespeare träumte und in einer Welt lebte, die nicht die
Welt seiner Gegenwart war.
»Zwischen Himmel und Erde« läßt sich nicht so leicht in die deutsche
Erzählungsliteratur einreihen. Der Reiz dieses Buches ist, wie Kleists
»Michael Kohlhaas«, so innig mit der Persönlichkeit des Dichters
verknüpft, so stark spricht uns aus dieser schlichten, im Tragischen wie
im Idyllischen gleich vollendeten Erzählerkunst Otto Ludwigs
Menschentum, seine Jugend und seine abgeklärte Lebenserfahrung an, so
eindringlich deutsches Wesen überhaupt, daß wir uns schämen würden,
danach zu fragen, aus welcher Schule heraus ist diese Kunst entstanden.
Hinter dem Schicksal der Menschen unserer Erzählung, mit denen uns der
Dichter schnell vertraut macht, als gehörten sie seit lange zu unserem
täglichen Verkehr, steht eine Gerechtigkeit, die keine alltägliche,
voreilig aburteilende und voreilig belohnende ist: Kehre dich nicht
tadelnd von der Welt, wie sie ist, suche ihr gerecht zu werden, dann
wirst du dir gerecht.
Aus dem Hintergrunde des mit inniger Liebe ausgemalten
Schieferdeckerberufes heben sich zahllose Lichter und Schatten,
außerordentlich fein gesehene Einzelzüge, ab. Man sieht ihm bisweilen in
seine Arbeit hinein, empfindet die Mühe, aber auch die Sorgsamkeit und
die Gewissenhaftigkeit des Künstlers. Und wenn das sonst gerade kein Lob
für ein Kunstwerk ist, so ist es doch auch wieder in der deutschen
Kunst, von Dürer angefangen, zu einem ihrer Hauptcharakterzüge geworden.
Nur verknöcherte Ästheten können darüber nörgeln. Wir andern freuen uns,
daß wir so Einblick in die Werkstatt der Liebe erhalten, aus der heraus
jener Eifer und diese absichtliche Genauigkeit geboren ist. Mit den
Werken unserer Dichter treten wir in eine Traumwelt von wunderbarer
Versonnenheit ein, einer Unbekümmertheit gegen die Forderung des
Fertigen und der Glätte des scheinbar Vollkommenen, wenn darüber die
Forderung der Liebe und des persönlichen Verantwortungsgefühls steht.
Der alte, trotzige und mürrische Dachdeckermeister ist eine solche
spröde Gestalt aus der Werkstatt Otto Ludwigs, ein Ebenbild des
Erbförsters, eine Erinnerung an seinen eigenen Vater. Sein starres
Prinzip, von seinen Kindern nie etwas zweimal und nie mit Angabe der
Gründe zu fordern, aber auch nie etwas, das nicht vorher bei ihm selbst
wohl überdacht wäre, ist nicht zum mindesten schuld an dem so
verschiedenen Schicksal seiner beiden Söhne. Auch das Häuschen und der
Garten, in dem kein Buchsbaumblättchen über das andere hinaussehen
durfte, stimmen zu der sonderbaren Härte dieser Menschen, deren
Schicksal zum großen Teile aus ihrer Umwelt (Zola ist hier vorgeahnt)
heraus- und dann auch einen Augenblick wohl über sie hinauswächst.
Es sind des Menschen unausgesprochene Zweifel und geheime
Leidenschaften, die ihn bisweilen wie ein Gewitter mit Hagel und Blitz
überfallen. Dem Überwinder erst kommt die große neue Klarheit über den
Wert des Lebens, eine Ewigkeitsperspektive, die nicht nur einen Helden,
sondern auch einen Weisen aus ihm macht. Apollonius, der junge Träumer,
ist eine der herrlichsten Figuren deutscher Dichtung, ein moderner
Parzival vom Lande, den das trübste Schicksal nicht irre machen kann. An
seiner reinen Leidenschaft für Christiane -- an der Wahrheit muß sich
der Argwohn und die Frivolität seines Bruders verbrennen, kann sich die
Ängstlichkeit eines so zarten Frauengemüts, wie es in Christiane
geschildert ist, aufrichten. Und dennoch bleibt eine Wehmut des
Unerfüllten im Leser zurück, die uns nicht so bald von den Menschen
scheiden läßt, wenn wir auch schon lange das Buch beiseite gelegt haben.
Dann wiederholen unsere Lippen wohl unwillkürlich die letzten Worte des
Dichters: »Der Mensch soll nicht sorgen, daß er in den Himmel komme,
sondern daß der Himmel in _ihn_ komme. Und in diesem Sinne sei dein
Wandel: Zwischen Himmel und Erde.«
Dr. Wilhelm Mießner.