Leipzig 1920

Inhalt.

Zum Geleit

Drei Regimentsbefehle

Des Popen Meisterstück

Waldkultur

Kroatische Glanzkohlen

Auf Forstinspektion

Feuerstein und Schwefelfaden

Sprachliches Durcheinander

Von der Sann zur Korana

Eine Wahl ohne Ochsen, ohne Wein

Die tausendjährige Linde

Zum Geleit.

Ein Vierteljahrhundert hindurch hatte ich Kopf, Herz, Hand und — Füße

der Schilderung der Alpenwelt und ihrer Bewohner gewidmet mit dem

erfreulichen Erfolg, daß die deutsche Leserwelt es gewöhnt geworden war,

beim Anblick meines Namens auf Büchern sofort an die — Alpen zu denken.

Freundschaftliche Beziehungen führten dann über die Grenzen des

bisherigen Arbeitsgebietes der deutschen Berge; es kam zum Studium von

Land und Volk der interessanten Bergslovenen in der südlichen

Steiermark; eine Studienreise durch Dalmatien usw. erweckte den Wunsch,

den Südosten kennen zu lernen. Sehnsucht und noch viel mehr: Trotz, weil

man mich schon in jungen Jahren vor — _Kroatien_ und Slavonien

„gewarnt,“ diese Länder höhnisch als — „Halbasien“ bezeichnet hatte.

Der Gewissenhaftigkeit wegen war für die Studienreise durch Dalmatien

und Montenegro usw. die kroatische Sprache erlernt worden. Mit der zur

Verständigungsmöglichkeit ausreichenden Kenntnis dieses auf heimatlichem

Boden verspotteten, aber gar nicht übel klingenden Idioms ausgerüstet,

kam es zunächst zu einer Automobilreise durch Kroatien bis zum

südlichsten Zipfel dieses in manchen Bezirken märchenschönen Landes, der

Küste entlang wieder herauf nach Fiume, worauf der Entschluß zu einem

längeren Aufenthalt auf kroatischem Boden gefaßt wurde. Gütige

Einladungen seitens des gastfreundlichen Adels führten von Schloß zu

Schloß; es begann ein Wandern von einer curia nobilis zur andern, von

Dorf zu Dorf mit geschultem Blick für landschaftliche Schönheit und

Wildbestand, mit rasch erweiterten Kenntnissen in der Geschichte des

Landes, mit der sozusagen Spürnase für echtes Volksleben. Der beste

Begleiter war jedoch das — Fundglück.

Die südslavische Gastfreundschaft mutet märchenhaft an; das Schönste an

ihr ist für den Forscher und Schriftsteller, daß sie willig gibt, was

sie hat: die Chronik des Hauses. Wo das Geschriebene nicht hinreichte,

half liebenswürdige Aussprache, das Erzählen alter Familienglieder in

Schlössern, Edelsitzen, Dörfern.

Monatelang ein Schöpfen, ein Sammeln fesselnder „Stoffe“ mit

verjüngender Schaffensfreude.

Als mit der Ausarbeitung begonnen wurde, vernichtete der Krieg alles.

Mittlerweile hat der Federfuchser die Grenze des Greisenalters

überschritten. Und Kroatien gehört jetzt nicht mehr zu Ungarn, sondern

zur Država S H S, d. h. zum Staate Srbska (serbisch) Hrvatska

(kroatisch) Slovenska (slovenisch).

Ob und wie lange die Verbindung dieser bedeutungsvollen drei Buchstaben

währen wird, das zu untersuchen, ist nicht meine Aufgabe. „Zärtliche

Liebe“ hat die drei — nicht vereinigt. Auch das gegenseitige

Sprachverständnis ist nicht so innig, als man den Fernstehenden glauben

machen will. Es hat das hintere S Mühe, sich mit dem vorderen S zu

verständigen, weil der Dialekt ausschlaggebend und zu sehr abweichend

ist; das H vergeht das vordere S gut, das hintere aber nur dann, wenn

der Slovene nach der Schrift sehr rein spricht. Wobei politisch dem H

nicht das vordere, sondern das hintere S sympathischer ist aus Gründen,

die in der Vergangenheit wurzeln.

Aus Kroatien haben Briefe den Weg in meine Arbeitsstube gefunden, allen

Hindernden zum Trotz. Den Bitten lieber Freunde, wenigstens einen Teil

des gesammelten „Stoffes“ aus dem Kroatenlande verarbeitet der deutschen

Leserwelt zu unterbreiten, komme ich umso lieber nach, als das treue

Gedenken Freude bereitete, der Wunsch auf kroatischer Seite, dem

Deutschen einen Blick in die alten und neuen Verhältnisse Kroatiens zu

gewähren, Beachtung verdient.

Die „Stoffe“ sind zu Skizzen und Erzählungen verarbeitet; ehrlich,

gewissenhaft, ohne jede „Schönfärberei“.

München, im März 1920.

Arthur Achleitner.

Drei Regimentsbefehle.

Im Süden Kroatiens, Lika (d. h. Abgrenzung, Grenzland), herrscht die

Melancholie des Karstes. Das Gebiet ist zwar noch begrünt, doch die

wenigen schmalen Flußtäler mit Wasserläufen, die plötzlich im Boden

verschwinden, unterirdisch weiterlaufen und unvermittelt wieder zutage

treten, sind tief eingerissen. Düster und völlig kahl ragen aus diesem

Karstlande Felsberge auf, die den Eindruck der Traurigkeit noch

steigern. Nur wenige Täler und Mulden, Dolinen genannt, erweisen sich in

der Lika als fruchtbringendes Ackerland.

Um die Zeit zu Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts mußten

die Bauern als Soldaten der Likaner Militärgrenze von den Offizieren

geradezu gezwungen werden, den Boden zu bearbeiten, wobei Ackergeräte

aus uralter Zeit benutzt wurden. Die Bevölkerung, besonders jene der

serbisch-orthodoxen Konfession, verhielt sich trotz Androhung schwerer

Strafen gegen jede Verbesserung im Ackerbau ablehnend. Besonders

„bockbeinig“ zeigten sich die Menschen im Gebiet der stahlblauen Korana,

in der Umgebung des Kompagnie-Städtchens S. Mager der Boden, dafür

blutgetränkt infolge der vielfachen räuberischen Einfälle der bosnischen

Türken. Freudlos die Gegend, öd das Städtchen in türkischer Bauart und

mit vielen Mühlen einfachster Art und verfallenen Getreideschuppen aus

napoleonischer Zeit. Die märchenhaftblaue Korana prahlt just hier mit

hinreißender Schönheit in überraschenden Wasserstürzen; doch kommt

dieser Wasserzauber inmitten tiefer Melancholie nur bei hellem

Sonnenlichte zur Geltung. Grauer Himmel und Regenschauer verwandeln

diese Gegend in eine abschreckende Öde und Wildnis, die auf das Gemüt

erschütternd wirkt.

Des schlechten Ertrages aus dem Ackerbau wegen hatten die Offiziere des

Likaner Grenzregimentes ihre stetige Not mit der männlichen Bevölkerung

der oberen Lika; schön und hochgewachsen waren (und sind heute noch) die

Männer, prächtige Gestalten und brauchbare, mutige Soldaten, aber für

die Bodenbearbeitung hatten sie keinen Sinn, und nur unter Zwang ließen

sie sich, stets je acht Mann, vor einen Pflug spannen, um an Stelle der

fehlenden Ochsen die Feldbearbeitung vorzunehmen. Auf Schritt und Tritt

mußten den Likanern der Profos und Unteroffiziere folgen.

Zufolge Regimentsbefehles bauten die Kompagnie-Offiziere und

Stationskommandanten auf den militäreigenen Grundstücken um jene Zeit

Kartoffeln zum Zwecke, die bäuerlichen Grenzsoldaten mit dieser Frucht

bekannt zu machen, die Leute zu veranlassen, den Kartoffelanbau in der

Lika allgemein einzuführen. Auch die Kompagnie im Städtchen S. hatte im

Frühjahre den Regimentsbefehl zugemittelt erhalten, verschärft mit der

„gepfefferten“ Bemerkung des zu Karlstadt residierenden Obersten K., daß

die Offiziere zu S. „alles und mit Beschleunigung aufzubieten haben, den

Kartoffelbau erfolgreich einzuführen“. Gehorsam hatte der dienstälteste

Hauptmann Attilius Tonidandel, ein sehr bärbeißig aussehender, doch

gutmütiger und witzig veranlagter Herr, im Küchengarten bei seinem

Wohnhause „Krompir“ (Grundbirne, Erdapfel) anbauen lassen, im Dienstwege

aber schriftlich beim Regimentskommando angefragt, „wie mit

Beschleunigung erfolgreich“ die Kartoffel bei den Grenzsoldaten

„beliebt“ gemacht werden solle.

Diese „gehorsamste“, in Wahrheit etwas boshafte Anfrage war ohne Antwort

geblieben. Deshalb kümmerte sich Hauptmann Tonidandel nicht weiter um

den Befehl, noch weniger um die „gepfefferte“ Bemerkung des

Regimentskommandanten, und Herr Attilius ließ die „Krompir“ Stauden

wachsen, wie sie wollten.

In der Stabskanzlei des todlangweiligen Garnisonstädtchens „mopste“ sich

eines melancholischen Herbsttages Tonidandel wieder ganz erschrecklich,

als unerwartet und sehr aufgeregt sein Freund, der jüngere Hauptmann

Adolar Pegan, ein kleiner, dicker Mann, eintrat, atemringend grüßte und

fürchterlich in einem Gemisch von deutschen und serbischen Worten über

die verdammten Grenzer fluchte. Und stöhnend erstattete Pegan Kapport,

daß in den Ackern nicht eine einzige Grundbirne vorgefunden werden

konnte; daher der größte Teil der Kompagnie Stockprügel erhalten habe.

Pfeifend und rasselnd holte Pegan, der einen Satthals hatte, Atem. Herr

Attilius Tonidandel blieb ruhig auf dem zerrissenen Ledersessel sitzen,

lachte vergnügt und fragte, was denn die Teufelskerle mit dem gratis

verabreichten „Kartoffelsamen“ getan hatten.

Herr Pegan rief erbost. „Schnaps wollten sie brennen, die Sramjes

(Schandkerle)! Das ist ihnen aber nicht gelungen!“

„Glaub' ich gern! Kann es den Kerls auch nicht verübeln, daß sie von

‚Krompir‘ nichts wissen wollen! Mir persönlich ist ein knusperig

gebratenes Spanferkel allemal lieber als der schönste Erdapfel!“

Pfeifenden Atems schmetterte Pegan aus dem dicken Halse. „Aber Befehl

ist Befehl! Regimentsbefehl dazu! Und der Oberst hat zuweilen den Teufel

im Leib! Ganz totprügeln kann ich die Kerle doch nicht lassen! Was aber

machen, Herr Bruder?“

„Ruhig abwarten, Herr Hauptmann und Bruder! Abwarten, bis es dem Chef

beliebt, Antwort auf meine Frage vom Mai zu geben! Der Oberst hat sich

seither Zeit gelassen, also tun wir desgleichen! Nur nichts überhudeln,

Herr Bruder! Und nicht aufregen, lieber Pobratim (Wahlbruder)! Darüber,

wie unsere Grenzer zu Liebhabern der Erdäpfel gemacht werden können,

soll sich nur das Regimentskommando oder Exzellenz, der alles wissende

und nie sichtbare General in Agram, den Kopf zerbrechen! Wir tun es

nicht in dem öden Nest außerhalb der Welt!“

Ein Posthornsignal wurde hörbar. Die militärische Poststaffette aus

Karlstadt war in S. angekommen, die täglich einmal die Befehle des

Regimentskommandos überbrachte.

Und Tonidandel schickte den Kompagnieschreiber Jovo hinab, den

Postbeutel in Empfang zu nehmen. Dann wandte sich Attilius gelassen zum

Freunde Pegan und bewirtete ihn mit einem Gläschen guten

Pflaumenschnapses (Slibowitz).

Pegan dankte und leerte das Glas auf einen Schluck. Und mit seiner

fetten Stimme beteuerte er. „Pobratim! Bleibt ewig wahr in Kroatien:

‚Der beste Witz ist der — Slibowitz.‘ Auf Dein Wohl, Herr Hauptmann!“

„Weiß schon, wie es gemeint ist: repetatur! Ist das einzige lateinische

Wort, das in meinem Gedächtnisse haften geblieben ist! Živio pobratim!

(Hoch Bruder!)“ Und Attilius schenkte das Glas abermals voll, mit so

ruhiger Hand, daß kein Tropfen daneben floß.

„Danke, Herr Hauptmann! Ich staune über deine ruhige Hand. Noch mehr

bewundere ich aber deine Gelassenheit. Wo doch die — Wische von der

Regimentskanzlei soeben angekommen sind! Sicherlich für uns im ‚Exil‘

wieder unangenehme Befehle, lästige Aufträge, Rackereien. Er aber, der

solus altissimus sitzt bequem in Karlstadt!“

„Still, Bruder! Nicht aufregen über Dinge, die wir nicht ändern können,

und für die wir die Verantwortung nicht zu tragen haben. — Noch ein

Stamperl (Gläschen) gefällig? Alle guten Dinge sind ihrer drei.“

Obwohl der Kompagnieschreiber Jovo die Posttasche hereinbrachte und über

ihre „Leibigkeit“ etwas disziplinwidrig maulte, ließ sich Tonidandel im

Einschenken des dritten Gläschens nicht beirren. Lediglich zu Jovo

meinte er. „Maul halten, Schreiber, denn dich hat es nichts zu kümmern,

ob die Tasche dick oder mager ist! — Prosit! Du sollst leben, Herr

Hauptmann!“

Jovo grinste und zog sich in seine anstoßende Stube zurück.

„So, nun wollen wir sehen, was uns das Regimentskommando mitzuteilen

hat. Setz' dich, Bruder, auf daß du nicht hinfallst, so der Herr Oberst

teufelt!“ Gemächlich nahm Attilius die Schriftstücke heraus, eines nach

dem andern, und legte sie auf den wurmstichigen Tisch. Beim Anblick

eines Aktenstückes, dessen besonderer Umschlag mit drei roten Kreuzen

als „eilig“ bezeichnet war, meinte Attilius sarkastisch: „Ah, der Herr

Oberst belieben zu pressieren!“

Pegan drängelte auf Bekanntgabe des eiligen Befehles.

„Zeit lassen, Bruder! Nur nicht aufregen, nicht pressieren! Alles Unheil

beim Militär kommt vom Überhudeln.“ Langsam entfaltete Tonidandel das

Schriftstück und las es durch.

„Darf ich wissen, Herr Hauptmann?“ rief Pegan neugierig und ängstlich.

„Freilich! Also hör' zu! Der gnädige Herr Oberst belieben uns

mitzuteilen: ‚Nachdem das Generalat mit Dienstbefehl vom ... angeordnet

hat, daß die Grenzsoldaten wenn nötig unter Zwangsanwendung zum

Erdäpfelbau angehalten werden sollen, ihnen Kartoffelsamen unentgeltlich

verabreicht wurde, sieht sich das Regimentskommando veranlaßt zu

befehlen, daß sämtliche Militärstationskommandanten in der Lika den

jeweiligen Starešina[1] unauffällig zu einem Erdäpfelessen einladen. Des

weiteren erfolgt andurch der Befehl, daß die Herren Offiziere den

Grenzsoldaten bezüglich der reifen Erdäpfel Gelegenheit zum Verschaffen

geben!‘ — Unterschrift wie immer unleserlich, uns aber bekannt, lieb

und teuer!“ Tonidandel lachte trocken und fügte dann die Frage bei, ob

der Bruder Pegan den interessanten Regimentsbefehl verstanden habe.

Schon während der Vorlesung des Schriftstückes hatte sich der zappelige

Hauptmann Pegan erhoben. Nun stapfte er auf Tonidandel zu und bat um

Ausfolgung des Schriftstückes. „Um den rätselhaften Befehl zu verstehen,

muß ich ihn schon selber lesen!“ Hastig überflog Pegan den Ukas. Dann

legte er das Schriftstück auf den wurmstichigen Tisch und stöhnte mit

fettiger Stimme: „Daß wir den Starešina mit Krompir bewirten sollen, ist

verständlich und auch mir einleuchtend. Leicht durchführbare Sache:

Beeinflussung der Gemeindevorsteher durch Gaumenkitzel und Magenfüllung;

einer sagt's dem andern, und so kommt's unter d' Leut! — Was ich aber

nicht verstehe, ist der dunkle Sinn des zweiten Befehlsteils:

Gelegenheit zum Verschaffen geben! Was meint der Oberst mit diesen

sonderbaren vier Worten? Mir ein Rätsel!“

Tonidandel reichte dem Freunde Pegan abermals ein Stamperl Slibowitz mit

den Worten. „Stärke dich, Bruder, auf daß dein militärisches Gehirn

erleuchtet werde! Apropos: Wie lange dienst du schon in der Grenze?“

„Fragen der Herr Kommandant dienstlich?“

„Nein! Privatim und als Freund und Bruder.“

„Na, dann wisse! Sechs Jahre diene ich auf — halbasiatischem Boden mit

der Sehnsucht nach Rückkehr auf europäischen Grund!“

Sarkastisch meinte Tonidandel. „Sechs Jahre! Hm! Da wundert es mich, daß

du neben der Tapferkeit und Rauflust unserer Grenzer den Kern ihres

Wesens, ihre Haupteigenschaft außer Dienst noch nicht kennen gelernt

hast!“

„Wieso? Was meinst du, Bruder? Worin besteht die Haupteigenschaft der

Grenzer?“ Neugierig richtete Pegan den Blick auf den Freund und

Vorgesetzten.

„Die hervorstechendste Eigenschaft unserer Grenzer werde ich dir nicht

nennen! Du sollst sie aus der Praxis kennen lernen, um sie dann für

deine Lebenszeit in der Erinnerung zu behalten! Auf Wiedersehen heut'

abend präzis sieben Uhr auf meiner Bude! Präzis sieben, ja nicht später!

Laut Regimentsbefehl!“

„Schon wieder ein Rätsel? Was ist los? Weshalb forderst du ‚präzises

Erscheinen‘ zu einer Stunde, die doch mit dem Dienst nichts zu tun haben

kann?“

„Will ich dir als Dienstgeheimnis anvertrauen! Wir zwei essen punkt

sieben Uhr privatim eine gebratene Gans, um dreiviertel acht Uhr aber

essen wir dienstlich militärärarische Erdäpfel mit unserem Starešina

laut Regimentsbefehl! Verstanden, Herr Bruder?!“

Lachend sicherte Hauptmann Pegan sein pünktliches Erscheinen zum

privaten Abendessen zu. Schluckte noch etwas Slibowitz und

verabschiedete sich vom Vorgesetzten. —

Kompagniekommandant Tonidandel bewohnte ein kleines, einstöckiges,

verwahrlostes Haus im oberen Teile des Städtchens S., bestehend aus drei

engen und niederen Zimmern, einer finsteren Küche und einer

Vorratskammer. Zu dem Häuschen, daß Attilius spöttisch nach kroatischem

Brauch „curia nobilis“ nannte, gehörte ein Küchengarten, der sich bergan

dehnte, etwas Gemüse und völlig verwilderte Kartoffelstauden enthielt.

Vor Jahrzehnten mochten die Wohnzimmer das letztemal weiß getüncht, der

Fußboden mit Holz belegt worden sein. Jetzt waren die Dielen vermorscht;

in den feuchten Ecken gedieh der Hausschwamm. Doch der Fußboden war nach

Brauch und Vorschrift mit weißlichgelbem Sand bestreut, der unter jedem

Schritt knirschte. Dem Himmel allein konnte bekannt sein, von wo und von

wem die Möbel stammten; der runde, schlecht polierte Tisch, die uralten,

mit geschossenem Wollstoff überzogenen Stühle, ein blinder Spiegel in

wurmstichigem Holzrahmen, ein gräßlich geschweiftes, mit Stroh gefülltes

Sofa und davor ein ausgefranster Teppich.

Im engen Raume, den Tonidandel „Speisesaal“ nannte, befand sich das

einzige gediegene Möbel des Hauses: ein Auszugtisch. Dazu sechs

wackelige Stühle, eine Kredenz mit Gläsern, Geschirr von Steingut und

Zinn.

In diesem, von vier Unschlittkerzen „feenhaft“ erleuchteten „Saale“

erwartete Tonidandel, vor dem „herrschaftlich“ mit einem Linnen

gedeckten Auszugtische stehend, seinen Gast Pegan. Durch das Häuschen

zog der verlockende Duft einer gebratenen Gans.

Als auch Tonidandel diesen Duft in die knotige Nase bekam, öffnete er

nicht nur die Fenster des „Speisesaales“, sondern auch die Haustüre, um

den Bratenduft möglichst rasch entweichen zu lassen.

Bis zur Ankunft Pegans war jeder verräterische Duft verflüchtigt, aber

dafür qualmten im Speisezimmer die zu Stumpen herabgebrannten

Unschlittkerzen, die der Offiziersdiener schleunigst erneuern mußte.

Kurz fiel die Begrüßung des Gastes aus. Tonidandel verwies auf die

Notwendigkeit einer _späteren_ Verabreichung des „Bilikum“

(Willkommtrunkes), so der Starešina gekommen sein werde. „Weißt, lieber

Bruder, für uns beide ist jetzt die Hauptsache, daß wir uns mit

Gansbraten satt essen, und zwar _vor_ der Ankunft des Bürgermeisters und

vor dem dienstlichen Erdäpfeldiner!“

„Capsico!“ rief Hauptmann Pegan mit seiner fetten Stimme. Die knusperig

gebratene und von der Köchin gut zerteilte Gans wurde aufgetragen. Der

Diener füllte dann die großen, unförmlichen Gläser mit fast

schwefelgelbem, doch vorzüglichem kroatischem Weine und verschwand auf

einen Wink Tonidandels. So schnell verzehrten die Offiziere die

„ärarische“ Gans, als stünde in der nächsten Viertelstunde Alarm und

Abmarsch des Bataillons bevor. Tonidandel war überhaupt ein Schnellesser

und rasch gesättigt; Pegan hingegen gehorchte lediglich dem Drängen des

Kameraden, kaute kaum und verschlang die Brocken. Der Diener wurde

gerufen und mußte rasch abtragen, hernach lüften und die Kerzen mit der

Scheere putzen.

„Hinaus!“ befahl der Gebieter, der nun die vorhanglosen Fenster schloß.

„Ich muß sagen, lieber Bruder, daß mir dieses Essen im Eilmarschtempo

wahrscheinlich nicht gut bekommen wird!“

„Weiß schon, worauf du anspielst! Mußt aber auf den — Slibowitz warten!

Nimm einen kräftigen Schluck vom Weine! Und behalte im Gedächtnis. Kein

Ton darf verraten werden, daß wir soeben auf Regimentsunkosten eine Gans

verzehrt haben!“

„Sehr wohl, Herr Chef! Die Sache wird immer mysteriöser!“

„Im Laufe des Abends wird dir alles klar werden!“

Auf die Minute genau erschien der Starešina im Hause. Ein

hochgewachsener Likaner, breitschulterig, helläugig, gutmütig. Wenn die

blonden Haare nicht überlang gewesen wären, hätte man diesen Südslaven

für einen Deutschen halten können. Unbegrenzten Respekt vor der

Militärmacht verriet sein unterwürfiges, demütiges Verhalten. Der

Vorsteher, seines Zeichens ein Schmiedmeister, faßte die ihm gewordene

Einladung nicht als besondere Ehre und Auszeichnung auf; er schien zu

glauben, daß er befohlen war, zu ungewöhnlicher Stunde einen

außerordentlichen und unangenehmen Befehl des Stadtkommandanten

entgegenzunehmen. Ängstlich begrüßte er die Offiziere; unterwürfig

fragte er in schlecht verständlichem Deutsch nach den Befehlen und

Wünschen des Herrn Kommandanten.

Tonidandel beruhigte den Vorsteher sogleich mit dem Hinweise, daß es

sich tatsächlich um eine Einladung, nicht um eine militärdienstliche

Angelegenheit handle. „Ich feiere nämlich heute meinen Namenstag und

will an meinem freilich mager bestellten Tische liebe Gäste haben!

Meinen Freund und Kameraden Herrn Hauptmann Pegan und den Starešina!“

Der Vorsteher richtete sich überrascht auf und warf einen forschenden

Blick auf den Gebieter. „Zu viel der hohen Ehre! Ich nicht wissen,

gnädiger Herr, wie ich kommen dazu!“ Mit überschwenglicher Höflichkeit

stammelte der Schmiedmeister seine Glückwünsche zum Namensfeste, wobei

er beteuerte, bis zur Stunde nicht gewußt zu haben, daß der Herr

Kommandant den Taufnamen „Raphael“ führe.

Aus Kroatien: Skizzen und Erzählungen · 第 4 / 14 题