Unter den 930 Eigentümern verstehen sich auch die Großgrundbesitzer und
Gutsherren, die sich ein Rittergut anschafften. Die Zahl der wirklichen
jüdischen Landwirte ist recht klein geworden und schrumpft immer mehr
zusammen. In Bayern gab es
1882 2005 Landwirte = 9,7% aller erwerbstätigen
Juden,
1895 893 = 3,9%,
1905 723 = 2,9%.
Ja, es gibt in Deutschland eine Judenheit, die so gut wie gar keine
landwirtschaftliche Bevölkerung unter sich hat, nämlich die sächsische,
die insgesamt sieben agrarisch berufstätige ermittelte. Einige Landwirte
mehr zählte Württemberg.
Nach Segall (7. Jahrgang d. Zeitschr. f. St. d. J.) war die Beteiligung
der Juden in der Landwirtschaft in Deutschland:
selbst. Angest. Mithelf. Arbeiter Insgesamt
Fam.-Angeh.
männliche { 1895 1616 76 1679 3371
{ 1907 1011 70 2096 569 3746
weibliche { 1895 419 3 786 1108
{ 1907 324 14 1688 149 2175
Von 5772 in der Landwirtschaft (1907) nach Segall gezählten Juden (nach
der Addition wären es 5921!) üben 514 ihren Beruf in den Großstädten
über 100000 Einwohner aus, das sind 8,8% aller landwirtschaftlich
tätigen Juden. Segall interpretiert diese Erscheinung:
„Dies dürfte vielleicht damit zusammenhängen, dass die Juden in der
jüngsten Zeit auf dem Weg über den Kapitalismus zur Landwirtschaft
gelangen; der Kapitalismus aber hat seinen Sitz in den
Grossstädten.”
Vielleicht meint Segall mit diesem Kapitalismus der Großstädte die
reichen Grossgrundbesitzer, die in den Städten wohnen. Es handelt sich
allerdings um diese, und um Gärtnereibesitzer und Angestellte, Besitzer
von Molkereien und Milchwirtschaften. Der ausgesprochene enorme Rückgang
der männlichen Angestellten und Arbeiter in der Landwirtschaft zeugt
nicht davon, dass die Juden über den Kapitalismus auf dem Anmarsch zur
Landwirtschaft sind. Wenn auch vereinzelte die Landwirtschaft in den
Großstädten betreiben, so verschwinden sie und berühmten
Rittergutsbesitzer gegenüber den kleinen Landjuden, die ihre Wirtschaft
aufgaben.
Der Friedensschluss von Versailles nimmt den deutschen Juden zwei
wertvolle Gebiete, nämlich Elsass-Lothringen und die Ostmark. In beiden
fanden sich noch Reste jüdischer Landbevölkerung. --
Alle Untersuchungen ergeben das Einströmen der Juden in die freien
Berufe und in die Industrie. 1905 waren unter den preussischen Studenten
7% reichsinländischer Juden (Blau) bei 1% ihres Volksanteiles. Wenn auch
viele Akademiker in eine wirtschaftliche Notlage kommen, so entstehen
dadurch nicht echte Proletarier mit den Gewohnheiten dieser Klasse,
sondern Zwittermenschen, die mit ihren Ansprüchen in der Welt der oberen
Zehntausend sich befinden, mit ihren Einnahmen womöglich unter den
Arbeitern rangieren. Diese Klasse von Enterbten stellte das höchste
Prozent von Ledigen und neigt zur Taufe, weil sie von ihr Wunder
erwartet oder führt zu einer Mischehe, weil die jüdischen
Gesellschaftskreise den wirtschaftlich unsicheren Kantonisten ihre
Töchter nicht anvertrauen.
Die Verpflanzung der Juden in die Handels- und Industriecentren bringt
die Juden einander näher und reißt sie auch wieder wirtschaftlich
auseinander. Eigenart, Ueberlieferung und ökonomische Voraussetzungen
lassen sie gewisse Berufe bevorzugen. Antisemitische Beschränkungen, die
ihnen vielfach andere Berufsgelegenheiten nehmen, tun ein übriges und so
ist es ein Selbstverständliches, daß sich in der deutschen Judenheit
wieder gewisse Domänen und Typen (des jüdischen Konfektionärs, des
Agenten, des Anwaltes und des Arztes) herausbilden. Die jüdische Note
und Eigenart läßt sich auch in anderen Berufen nachweisen (Warenhäuser,
Pelzhandel, Tabakgeschäft, selbst in der Presse). Eines der jüdischen
Merkmale ist der Zug des Individualismus, die Sucht sich selbständig zu
machen, sowie der Drang, eine materiell möglichst günstige Lage zu
erreichen. Nach der statistischen Aufnahme in Berlin im Jahre 1871
(citiert bei Nossig, Materialien z. Stat. d. jüd. Stammes, Wien 1887)
ergaben sich schon
unter Adeligen Juden evang. Kath.
100 Arbeitgebern 90,2 71,9 38,1 36,9
100 Arbeitnehmern 9,8 28,1 61,3 63,1
Die bayrische Statistik kommt zu denselben Ergebnissen. In dem
industriellen Sachsen dagegen fand sich ein geringerer Anteil
selbständiger Juden. Trotzdem waren sie unter den Selbständigen immer
noch dreimal so stark wie die Katholiken vertreten. In Preußen waren von
hundert Erwerbstätigen in der Industrie 5,6 Juden. Unter den
Selbständigen waren es jedoch 11,4%. Sombart hat berechnet, daß sie zu
13% die Direktorstellen der Industriegesellschaften besetzen und als 24%
der Aufsichtsräte erscheinen. Dieser Aufstieg hat neuerdings scheinbar
einen Stillstand erfahren. Entweder sind die Juden gesättigt oder
genügsamer geworden. An dem Einströmen in den Beamtenberufen, (1895 gab
es im Eisenbahn- und Trambahnbetrieb nur 117 Juden unter 231688
Angestellten) können wir diese Erscheinungen nicht genügend feststellen,
da äussere Widerstände ihr Aufgehen in diesen Beruf verhindern. Die
antisemitischen Einschränkungen verursachen daher die wiederkehrende
Zusammendrängung in einzelnen Berufen und begünstigen die Auswirkung
ihrer Eigenart.
Am stärksten aber wird die soziale Eigenart umgewälzt und erschüttert
durch das Auftreten der $erwerbstätigen$ jüdischen Frau.
Ursprünglich war ihre Arbeit auf Haus und Hof beschränkt. 1882 fanden
sich 16% aller jüdischen weiblichen Personen berufstätig, 13 Jahre
später 22%, gegenüber 26,4% der Christinnen, 1907 bereits 24%. Die Zahl
der erwerbstätigen jüdischen Frauen, d. h. der Mädchen und Ehegattinnen
nimmt von Jahr zu Jahr zu. Da wir in der Statistik nach Sundberg mit 50%
der Bevölkerung im reifen Alter rechnen, waren 1907 bereits die Hälfte
aller Jüdinnen im erwerbstätigen Alter berufstätig. Die Unterhaltkosten
der Familien werden immer kostspieliger, die Aussichten für die Ehe
geringer, so daß bei allem Wohlstand der Juden jede Familie, die nicht
unter ihr Niveau sinken will, einen gewissen Kampf mit den Verhältnissen
aufzunehmen hat. Viele jüdische Mädchen erlernen heute auch einen Beruf,
damit sie nicht mehr beim Staubabwischen der väterlichen Wohnung auf den
Freiersmann zu warten brauchen ...
„Die Zeit,” schliesst Henriette Fürth eine Untersuchung über
Erwerbstätigkeit und Berufswahl der jüdischen Frau „in der das
Biederweib der Bibel als Königin und Herrin am heimischen Herd
waltete, ist auf ewig dahin. Das Paradies, das besonders wir Juden
in dieser Form besassen, ist und bleibt uns ewig verloren.”
Henriette Fürth verspricht sich dafür Ersatz in neuen Lebensformen.
Die Berufstätigkeit der Frau bedingt eine vollkommene Umwälzung der
Denkungsweise der Jüdinnen. Auf keinen Fall wird das vorher berufstätige
Mädchen, das in der Großstadt eine glänzende Ausbildung genossen hat, im
Kreise aufgeweckter Kameradinnen verkehrte und durch die Anschauung des
großstädtischen Lebens gegangen ist, eine ungehemmte Fruchtbarkeit
entfalten. Sie, die die Unannehmlichkeiten gehäufter Schwangerschaften
vom pekuniären Standpunkt wie vom persönlichen übersieht, weiß sich
immer mehr in die Zeit zu schicken. Die Spätehe mit allen ihren Folgen
und Voraussetzungen ist kinderarm. Aber auch die Frühehen, die heute
geschlossen werden, bescheiden sich.
Es ist eine allgemein beobachtete Erscheinung, daß die
Geburteneinschränkung gerade bei den wohlhabenden Kreisen einsetzt und
später erst die Aufklärung zu den niederen Schichten der Bevölkerung
dringt. Es ist übrigens falsch, von den wohlhabenden Leuten eine größere
Geburtenfreudigkeit erwarten zu wollen. Da sie entsprechend größere
Bedürfnisse haben, mehr Luxus und Aufwand treiben und ihre Kinder am
liebsten noch wohlhabender werden lassen möchten, so besteht bei ihnen
die fortwährende Angst, durch zu reichen Kindersegen zu verarmen. Wer
erst einmal in die Kreise des Kapitalismus geriet, den erfaßt der auri
sacra fames und läßt ihn nicht mehr los. Für die Juden war die Erfassung
des Geldes als Machtfaktor und Lebensidol geboten.
Im Zeitalter des Rationalismus wurde ihr Losungswort „Business as
usual”. Die deutsche Judenheit wurde der Vorposten der neuen Zeit, das
Amerikanertum im alten Europa. Dies und vieles andere erklärt die
folgenden Statistiken.
Ueber den Volkswohlstand der Berliner Juden (ohne die westlichen
Vororte) brachte ich eingehendes Material in meiner Preisarbeit. Ich
wiederhole hier einige der Ziffern: