1. Die Wege der Liebe sind oft wunderbar. Aber erst die Neuzeit, welche
die Schranken zwischen den einzelnen Klassen und Kasten wegräumt, hat im
Erwerbsleben, im gesellschaftlichen Umgang auf Schritt und Tritt den
jüdischen und nichtjüdischen Mensch einander näher gebracht. Ob die
psychischen Differenzen durch die erotischen Beziehungen, die zwei so
verschiedene Charaktere aneinander knüpfen, auf die Dauer überbrückt
werden, diese Ueberlegung versagt, wo starke Erotik alle übrigen
Denkvorgänge zurückdrängt. Das Ideal der altjüdischen Ehe war die Heirat
durch den Segen der Eltern und nach deren Willen und Bestimmung. Das
Idol der heutigen und kommenden Bindungen ist die völlige Abkehr von
allen Konventionshindernissen.
2. Die Gewöhnung als Voraussetzung zur Mischehe besteht in der
Fortsetzung des Verhältnisses in der Legalisierung des Zusammenlebens.
Der Student, der Handlungsgehilfe, der sich in seinem Drang einen
Kameraden sucht, nimmt ihn häufiger aus dem christlichen Volke, da sich
die Jüdinnen weniger leicht hingeben. Mit der Zeit, durch äußere
Umstände, Schwangerschaft, Geburt eines Kindes, Infizierung und so
weiter findet die ursprünglich nur auf kurze Zeit gedachte Verbindung
ihren Dauerzustand in der Ehe.
3. Um gesellschaftlich emporzukommen, verheiraten sich reiche Jüdinnen
mit verarmten Adligen oder wohlhabende Juden mit Nichtjüdinnen aus
vornehmen Hause. Die Jüdin, die in ihrem Kreise keinen Mann findet,
insbesondere die arme, ist froh, wenn sie einem Nichtjuden gefällt. Denn
der innerste Beruf des Weibes ist ihr Streben nach der Hingabe. Und die
Vereinsamung um Volkes willen mag ein gutes nationales Ziel sein. Rein
menschlich betrachtet ist dieser Idealismus obsolet. Vielfach kann sich
auch das heterogene Geschlechts- und Schönheitsempfinden ausleben erst
in den Beziehungen zur Umwelt. Der dunkle Jude, auf den das blonde
schlichte Gretchen, die große schlanke Frauengestalt der Deutschen
wirkt: Les extrêmes se touchent. Die Juden fangen bereits an, bei der
Wahl des Ehegatten das Schönheitsideal des sie umgebenden Volkes
anzuerkennen, die jüdische Art und den jüdischen Typus zu meiden und den
sogenannten arischen zu bevorzugen. In jüdischen Heiratsannoncen wird
oft die blonde Haarfarbe hervorgehoben und sogar die geschmackvolle
Bemerkung „nicht jüdisch aussehend” ist nicht allzu selten (Ruppin).
Umgekehrt erotisiert die schwarze Jüdin, mit ihrem Reiz, ihrer Eigenart,
und ihrer geistigen Aufgewecktheit den Nichtjuden; selbst ausgeprägte
antisemitische Ueberlegungen treten oft zurück, wo schöne Judenmädchen
mit Feinden ihres Volkes in Berührung kommen.
Und schließlich wäre es sonderlich, wenn in einer Zeit, in der die
sexuellen Beziehungen so stark gelockert sind, in der eine vollkommene
Vermischung der Rassen, eine bunte Liebeslust die Menschheit ergriffen
hat, nicht auch nahe Beziehungen zwischen den Individuen der
germanisch-deutschen und der deutsch-semitischen Gemeinschaft
entstünden.
Die von Napoleon I. berufene jüdische Nationalversammlung -- als das
Sanhedrion bekannt -- hat erstmalig der Schließung einer Mischehe
zugestimmt. Allerdings in der stark gewundenen Form, diese stehe in
Uebereinstimmung mit dem bürgerlichen Gesetz, und dürfe, wenn auch gegen
den jüdischen Ritus vorgenommen, nicht den Vorwurf für den rabbinischen
Bann abgeben. Die Versammlung der jüdischen Theologen in Braunschweig
(1844) und die Synoden von Leipzig und Augsburg sanktionierten die
Mischehe, wenngleich mit dem Vorbehalt der jüdischen Erziehung der
Kinder. Die in den 70er Jahren eingeführte Zivilehe bot vollends jedem
die Möglichkeit der freiesten Eheschließung. Daß sich dabei die
Eheschließenden nicht an die Wünsche der Rabbiner kehrten und die Kinder
in Mischehen zum größten Teil im anderen Glauben erzogen, ist
selbstverständlich. Insbesonders ist es einer Jüdin nicht leicht, von
ihrem christlichen Ehemanne zu verlangen, daß er die Kinder in ihrer
Religionsgemeinschaft aufwachsen lasse, der er selbst fernsteht und die
in Deutschland als etwas minderwertiges erscheint. Die Mischehe ist ein
Bund zwischen zwei Partnern, von denen der jüdische einer in der
Oeffentlichkeit wenig beliebten Gemeinschaft angehört[30].
Die Freiheit der sexuellen Betätigung, die heute der Mann genießt,
erobert sich immer mehr und mehr das in der Großstadt selbständige, von
der Aufsicht der Familie losgelöste Mädchen. Durch die Erschwerung der
Eheschließung kann sie sich nicht mehr darauf verlassen durch die
Mitgift oder die Macht der Eltern an den Mann gebracht zu werden, so
wünscht sie sich selbst zu versorgen und ihren Anteil am Leben und
Genießen zu erhaschen. Dieser Prozeß ist noch lange nicht
abgeschlossen. Ich möchte fast glauben, daß er erst richtig
einsetzt. J. D. Meyer hat die Frankfurter Mischehen untersucht
(Zeitschr. f. St. d. J.) und eine auffallend hohe Verehelichungsziffer
armer Jüdinnen mit Christen gefunden, während die jüdischen Männer
besonders des Mittelstandes sich christliche Partnerinnen wählten.
Die Mischehe ist aus dem Stadium herausgetreten, in dem sie eine
Seltenheit war. Heute wo sie etwas alltägliches ist, findet sie keine
Verurteilung und so werden die Widerstände von allen Seiten geringer und
mit dem Sinken der Hemmungen wird sie nur selbstverständlicher.
Es gehört auch hier eine gesunde Naivität dazu, das plötzliche Aussetzen
eines überall wirkenden Vorganges zu erhoffen, das Versiegen einer
soziologischen Erscheinung zu erwarten. Die aus so vielen Ursachen
bedingte Mischehe ist letzten Endes dadurch kurz erklärt, daß unter 100
Nichtjuden ein Jude lebt, der nach Ableugnung des nationalen Bandes nur
noch mit einigen Vorstellungen über Gott und die Welt Beziehungen
besonderer Art zu anderen Juden unterhält, wobei aber auch hier krasse
Differenzen zwischen den Glaubensvorstellungen des konservativen und
liberalen Juden auftreten. Objektiv ist der Unterschied in der
Religionsauffassung zwischen gesetzestreuen und neologen Juden stärker
als zwischen neologen Juden und ebensolchen Evangelischen. (Der unbewußt
empfundene jüdische Nationalismus wird bewußt durch diese neologe
offizielle Judenheit geleugnet und bekämpft). Ohne nationalistische
Einstellung ist also die Mischehe bei diesem Standpunkt nicht zu
verwerfen. --
$Mischehen in Preußen$
1875-1879: 1195 1895-1899: 2318
1880-1884: 1228 1900-1904: 2452
1885-1889: 1466 1905-1909: 3435
1890-1894: 1566 1910-1914: 4279
------ ------
1875-1894: 5455 12384
in % der rein jüd. Ehen waren Mischehen
1876-1880: 9,6 1896-1900: 17,5
1886-1890: 12,8 1906-1910: 26,5