4. gesellschaftlichen Angleichung.

1. Die Wege der Liebe sind oft wunderbar. Aber erst die Neuzeit, welche

die Schranken zwischen den einzelnen Klassen und Kasten wegräumt, hat im

Erwerbsleben, im gesellschaftlichen Umgang auf Schritt und Tritt den

jüdischen und nichtjüdischen Mensch einander näher gebracht. Ob die

psychischen Differenzen durch die erotischen Beziehungen, die zwei so

verschiedene Charaktere aneinander knüpfen, auf die Dauer überbrückt

werden, diese Ueberlegung versagt, wo starke Erotik alle übrigen

Denkvorgänge zurückdrängt. Das Ideal der altjüdischen Ehe war die Heirat

durch den Segen der Eltern und nach deren Willen und Bestimmung. Das

Idol der heutigen und kommenden Bindungen ist die völlige Abkehr von

allen Konventionshindernissen.

2. Die Gewöhnung als Voraussetzung zur Mischehe besteht in der

Fortsetzung des Verhältnisses in der Legalisierung des Zusammenlebens.

Der Student, der Handlungsgehilfe, der sich in seinem Drang einen

Kameraden sucht, nimmt ihn häufiger aus dem christlichen Volke, da sich

die Jüdinnen weniger leicht hingeben. Mit der Zeit, durch äußere

Umstände, Schwangerschaft, Geburt eines Kindes, Infizierung und so

weiter findet die ursprünglich nur auf kurze Zeit gedachte Verbindung

ihren Dauerzustand in der Ehe.

3. Um gesellschaftlich emporzukommen, verheiraten sich reiche Jüdinnen

mit verarmten Adligen oder wohlhabende Juden mit Nichtjüdinnen aus

vornehmen Hause. Die Jüdin, die in ihrem Kreise keinen Mann findet,

insbesondere die arme, ist froh, wenn sie einem Nichtjuden gefällt. Denn

der innerste Beruf des Weibes ist ihr Streben nach der Hingabe. Und die

Vereinsamung um Volkes willen mag ein gutes nationales Ziel sein. Rein

menschlich betrachtet ist dieser Idealismus obsolet. Vielfach kann sich

auch das heterogene Geschlechts- und Schönheitsempfinden ausleben erst

in den Beziehungen zur Umwelt. Der dunkle Jude, auf den das blonde

schlichte Gretchen, die große schlanke Frauengestalt der Deutschen

wirkt: Les extrêmes se touchent. Die Juden fangen bereits an, bei der

Wahl des Ehegatten das Schönheitsideal des sie umgebenden Volkes

anzuerkennen, die jüdische Art und den jüdischen Typus zu meiden und den

sogenannten arischen zu bevorzugen. In jüdischen Heiratsannoncen wird

oft die blonde Haarfarbe hervorgehoben und sogar die geschmackvolle

Bemerkung „nicht jüdisch aussehend” ist nicht allzu selten (Ruppin).

Umgekehrt erotisiert die schwarze Jüdin, mit ihrem Reiz, ihrer Eigenart,

und ihrer geistigen Aufgewecktheit den Nichtjuden; selbst ausgeprägte

antisemitische Ueberlegungen treten oft zurück, wo schöne Judenmädchen

mit Feinden ihres Volkes in Berührung kommen.

Und schließlich wäre es sonderlich, wenn in einer Zeit, in der die

sexuellen Beziehungen so stark gelockert sind, in der eine vollkommene

Vermischung der Rassen, eine bunte Liebeslust die Menschheit ergriffen

hat, nicht auch nahe Beziehungen zwischen den Individuen der

germanisch-deutschen und der deutsch-semitischen Gemeinschaft

entstünden.

Die von Napoleon I. berufene jüdische Nationalversammlung -- als das

Sanhedrion bekannt -- hat erstmalig der Schließung einer Mischehe

zugestimmt. Allerdings in der stark gewundenen Form, diese stehe in

Uebereinstimmung mit dem bürgerlichen Gesetz, und dürfe, wenn auch gegen

den jüdischen Ritus vorgenommen, nicht den Vorwurf für den rabbinischen

Bann abgeben. Die Versammlung der jüdischen Theologen in Braunschweig

(1844) und die Synoden von Leipzig und Augsburg sanktionierten die

Mischehe, wenngleich mit dem Vorbehalt der jüdischen Erziehung der

Kinder. Die in den 70er Jahren eingeführte Zivilehe bot vollends jedem

die Möglichkeit der freiesten Eheschließung. Daß sich dabei die

Eheschließenden nicht an die Wünsche der Rabbiner kehrten und die Kinder

in Mischehen zum größten Teil im anderen Glauben erzogen, ist

selbstverständlich. Insbesonders ist es einer Jüdin nicht leicht, von

ihrem christlichen Ehemanne zu verlangen, daß er die Kinder in ihrer

Religionsgemeinschaft aufwachsen lasse, der er selbst fernsteht und die

in Deutschland als etwas minderwertiges erscheint. Die Mischehe ist ein

Bund zwischen zwei Partnern, von denen der jüdische einer in der

Oeffentlichkeit wenig beliebten Gemeinschaft angehört[30].

Die Freiheit der sexuellen Betätigung, die heute der Mann genießt,

erobert sich immer mehr und mehr das in der Großstadt selbständige, von

der Aufsicht der Familie losgelöste Mädchen. Durch die Erschwerung der

Eheschließung kann sie sich nicht mehr darauf verlassen durch die

Mitgift oder die Macht der Eltern an den Mann gebracht zu werden, so

wünscht sie sich selbst zu versorgen und ihren Anteil am Leben und

Genießen zu erhaschen. Dieser Prozeß ist noch lange nicht

abgeschlossen. Ich möchte fast glauben, daß er erst richtig

einsetzt. J. D. Meyer hat die Frankfurter Mischehen untersucht

(Zeitschr. f. St. d. J.) und eine auffallend hohe Verehelichungsziffer

armer Jüdinnen mit Christen gefunden, während die jüdischen Männer

besonders des Mittelstandes sich christliche Partnerinnen wählten.

Die Mischehe ist aus dem Stadium herausgetreten, in dem sie eine

Seltenheit war. Heute wo sie etwas alltägliches ist, findet sie keine

Verurteilung und so werden die Widerstände von allen Seiten geringer und

mit dem Sinken der Hemmungen wird sie nur selbstverständlicher.

Es gehört auch hier eine gesunde Naivität dazu, das plötzliche Aussetzen

eines überall wirkenden Vorganges zu erhoffen, das Versiegen einer

soziologischen Erscheinung zu erwarten. Die aus so vielen Ursachen

bedingte Mischehe ist letzten Endes dadurch kurz erklärt, daß unter 100

Nichtjuden ein Jude lebt, der nach Ableugnung des nationalen Bandes nur

noch mit einigen Vorstellungen über Gott und die Welt Beziehungen

besonderer Art zu anderen Juden unterhält, wobei aber auch hier krasse

Differenzen zwischen den Glaubensvorstellungen des konservativen und

liberalen Juden auftreten. Objektiv ist der Unterschied in der

Religionsauffassung zwischen gesetzestreuen und neologen Juden stärker

als zwischen neologen Juden und ebensolchen Evangelischen. (Der unbewußt

empfundene jüdische Nationalismus wird bewußt durch diese neologe

offizielle Judenheit geleugnet und bekämpft). Ohne nationalistische

Einstellung ist also die Mischehe bei diesem Standpunkt nicht zu

verwerfen. --

$Mischehen in Preußen$

1875-1879: 1195 1895-1899: 2318

1880-1884: 1228 1900-1904: 2452

1885-1889: 1466 1905-1909: 3435

1890-1894: 1566 1910-1914: 4279

------ ------

1875-1894: 5455 12384

in % der rein jüd. Ehen waren Mischehen

1876-1880: 9,6 1896-1900: 17,5

1886-1890: 12,8 1906-1910: 26,5

Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie · 第 55 / 71 题