Jahr Kath. Juden Jahr Kath. Juden

1880 202 119 1895 248 25

1885 178 89 1900 225 -24

1890 197 41 1905 213 -36

Auf dem Lande bleiben verhältnismäßig viele alte Leute zurück, während

die Mehrzahl der zeugungsfähigen abwandert und der Rest bei geschmälter

Fruchtbarkeit immer geringeren Nachwuchs produziert.

Eine Ruppinsche Berechnung für die Jahre 1885-1900 habe ich fortgesetzt.

Danach waren in Preußen Juden:

=======================================================================

| 1885 | 1890 | 1895 | 1900 | 1906 | 1911

| bis | bis | bis | bis | bis | bis

| 1890 | 1895 | 1900 | 1905 | 1910 | 1913

-------------------+-------+-------+--------+--------+--------+--------

Geboren: | 45302 | 42442 | 39386 | 37343 | 33950 | 18909

Gestorben: | 29678 | 28896 | 27496 | 28314 | 28615 | 17371

-------------------+-------+-------+--------+--------+--------+--------

Geburtenüberschuß: | 15624 | 13546 | 11890 | 9029 | 5335 | 1538

===================+=======+=======+========+========+========+========

Verluste | | | | | |

| | | | | |

a) durch Austritt | 1250 | 2000 | 2500 | 3000 | 3200 | 2000

| | | | | |

b) durch Kinder | | | | | |

aus Mischehen. | 664 | 696 | 775 | 1000 | 1000 | 1000

-------------------+-------+-------+--------+--------+--------+--------

Zunahme resp. | | | | | |

Abnahme |+13716 |+10850 | + 8615 | 5029 | 1135 | -1500

-------------------+-------+-------+--------+--------+--------+--------

Leider sind die Ziffern, die den Verlust der Gemeinschaft durch die

Taufe, Austritt und Mischehe betreffen, nicht ganz genau zu erfassen

(siehe das betr. Kapitel). Es ist nun ganz gleichgültig, ob der Verlust

durch Austritt oder Mischehen um ein paar Seelen größer oder kleiner

ist. $Selbst bei günstigster Berechnung haben die preußischen Juden vor

dem Kriege keine Bevölkerungszunahme aus sich heraus erfahren.$ Der

Ausfall ist auf Grund sorgfältiger Berechnungen auf 1500 Seelen von

1911-1913 resp. 500 für das Jahr anzunehmen. Das ist aber nicht das

Wesentliche an dem Vorgang, die Bedeutung liegt in der fabelhaften

Tendenz, die sich in den wenigen harmlosen Ziffern widerspiegelt.

Auch Bayern weist z. B. für das Jahr 1913 695 Geburten und 686

Todesfälle auf. Wir können noch so sophistisch die Zahlen deuteln, die

Geburtenunterbilanz ist unleugbar, da den 686 gestorbenen Juden die

hinzuzuzählen sind, die bei ihrem Tod als Christen oder Freireligiöse

gezählt wurden. Selbst bei bescheidensten Ziffern der getauften resp.

ausgetretenen bayrischen Juden läßt sich nicht ein Plus erzielen.

Segall hat es, obwohl es von mir öfters im „Untergang” als ein

fundamentaler Fehler gekennzeichnet wurde, trotzdem unterlassen (siehe

z. B. die reptilienartige Berechnung eines Geburtenüberschusses der

preußischen Juden auf Seite 136 d. 9. Jahrg. der Zeitschr. f. St. d. J.)

die Zahl der Austritte bei seinen Geburtenüberschuß-Berechnungen zu

buchen; auf diese Weise täuscht er einen Geburtenüberschuß vor, der in

Wirklichkeit nicht existiert. Wenn die Austretenden nicht zu dem

Zeitpunkte, an dem sie die jüdische Gemeinde verlassen, als Abgang in

Rechnung gebracht werden, dann sind sie in ihrem Sterbejahr den

gestorbenen Juden zuzuzählen, da sie doch auf der anderen Seite auch in

die Statistik der geborenen Juden aufgenommen werden!

Im Jahre 1914 gab es in Preußen -- naturgemäß alle aus der Friedenszeit

stammend -- fast 6000 Geburten, die dem Judentum zuflossen. Demgegenüber

war die Sterblichkeit der letzten Jahre vor dem Krieg durchschnittlich

über 5700, mit der Zahl der Austretenden aber übertraf sie den Zuwachs.

Der aus Geburten stammende Zufluß genügt also im Jahre 1914 nicht, den

regelmäßigen Abgang zu ersetzen.

Mit Absicht bin ich nicht auf die Bevölkerungsbewegung der Kriegszeit

eingegangen. Die Kinderzahl jener Jahre sinkt noch um die Hälfte,

während die Sterblichkeit sich fast verdoppelte. Es ist anzunehmen, daß

während des Krieges der einheimischen jüdischen Bevölkerung eine Abnahme

von 25-30000 Seelen erwachsen ist, was ungefähr 4-5% ihrer Gesamtheit

ausmacht. Genaue Berechnungen werden sich erst aufstellen lassen, wenn

alles Material vorliegt.

Man hat erwartet, daß Deutschland durch einen frisch-fröhlichen Krieg

bevölkerungsproblematisch „gebessert” würde. Auch die statistische

Wissenschaft der Juden ($Segall$) hat noch im Dez. Heft 1915 ihrer

Zeitschrift dem Gedanken Ausdruck verliehen: „Ob durch den Krieg eine

$andauernde Besserung$ bewirkt werden wird, wird die Zukunft lehren”

(S. 106) und auf das Stahlbad der ehernen Zeit gehofft, das insbesondere

auch auf dem Gebiet des Sexuallebens tief einschneidende Aenderungen

auslösen sollte. Da aber der Wille der Massen von den ökonomischen

Einflüssen abhängig ist, da die Erkenntnis vorteilhafteren Lebens und

die Bannung dogmatisch-religiöser Vorstellungen gerade durch den Krieg

eine starke Beeinflussung erfahren haben, wird die Hoffnung der

„Optimisten” Schiffbruch erleiden. Deutschland und insbesondere seine

Juden werden mehr denn je ihre Fruchtbarkeit beschränken, wenn auch die

Geburtenhöhe des Jahres 1920, des ersten Friedensjahres, durch ein

momentanes Anschwellen der Heiraten, besonders infolge der Zuwanderung

ansteigen wird. Aber die Erschwerung der Kinderhaltung wird durch die

bekannten neuen Verhältnisse erst recht potenziert. Allerdings ist die

absolute Zahl der Juden Deutschlands durch eine starke Einwanderung

gekräftigt. Das verzögert den Prozeß, gestaltet ihn aber nicht um. --

Wer Sinn und Verständnis für Statistik hat, der mag sich den

Bevölkerungsaufbau der Juden Berlins vom Jahre 1910 ansehen. Ich hätte

ihn gerne ausführlichst mit weiteren früheren Altersgliederungen

gegeben, muß aber aus Raummangel hier, wie so oft, mich bescheiden.

Von 100 Juden in Berlin[27] waren alt:

1871 1880 1900 1910

0-20 Jahre 40,9 38,5 30,2 29

20-50 „ 47,0 48,4 52,3 50

50 und älter 12,1 13,1 17,5 20

Nach einzelnen Altersklassen wurden ausgezählt Personen (1910):

===========================================

davon betrafen die | 0-5 Jahre 5859

0-1 Jahre 1148 | 5-10 6238

1-2 1136 | 10-15 6627

2-3 1150 | 15-20 7791

3-4 1204 | 20-25 8879

4-5 1221 | 25-30 8588

---------------------+---------------------

30-35 Jahre 8814 | 61-65 Jahre 3041

35-40 7552 | 66-70 2202

40-45 6869 | 71-75 1391

45-50 5837 | 76-80 721

50-55 5160 | 81-85 352

55-60 3924 | 86 und älter

Hier wie auch anderorts sind die Juden des reifen Alters in größerer

Zahl vertreten als ihr Nachwuchs. Die aufrückenden jüngeren Jahrgänge

sind nicht imstande, numerisch gleich stark an die Stelle der älteren

Jahrgänge zu rücken. Die in den Jahren 1906-1910 in Berlin geborenen,

insgesamt nicht ganz 6000 jüdischen Kinder werden in 2-3 Jahrzehnten aus

sich heraus nur ca. 5000-5300 Erwachsene stellen, (bei günstiger

Sterblichkeit). Damit ersetzen sie, oder sollen sie die heute 8588 25-30

Jährigen ersetzen! Und selbst mit den Jahrgängen jenseits der

Fruchtbarkeitszeit, selbst mit diesen älteren Jahrgängen können sie sich

nicht messen. Man kann mit viel Kunst Ziffern anzweifeln und den Wert

der Statistik kritisieren. Hier zeigt sich schwarz auf weiß: die

Fruchtbarkeit der Berliner Juden ist schon heute um große Teile zu

gering. Exakte Berechnungen, die ich in der Preisschrift der

Gesellschaft für Rassenhygiene anstellte, ergaben einen Nachwuchs, der

weit mehr als 40% zu gering ist! Die Geburtenziffer von 1910-1914 ist

noch stärker zurückgegangen. Eine Unterbilanz von etwa 50% war ihre

Folge.

Der Altersaufbau gibt einen glänzenden Ueberblick über die Frage der

Quantität des Nachwuchses. In der jüdischen Statistik ist diese

treffliche Beobachtungsmethode leider unbeachtet geblieben. Einige

Beispiele lehren die Uebereinstimmung des Prozesses an anderen jüdischen

Centren.

Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie · 第 44 / 71 题