KAPITEL I. EINFÜHRUNG.

_„Wir haben es noch nicht erlebt:

folglich ist es unmöglich -- ist

kein logischer Schluss,” lehrt der

Talmud._ --

_Edijoth M. II., 2.

Ordnung Neziqim_

Der Orient gilt als die Wiege der Zivilisation. Wir kennen seine

Geschichte, seine Religionen, seine schönen Künste und Wissenschaften.

Und nur der Verfall der alten Staaten ist in ein mystisches Halbdunkel

gehüllt. In dem Buche, „$das sterile Berlin$” glaubte ich den

Untergang des Imperium Romanum auf $bevölkerungspolitische Vorgänge$

zurückführen zu können. Die Erhaltung dagegen des einzigen Kulturvolkes

des Altertums -- nämlich der Juden -- erscheint uns ebenso mit ihren

sexualhygienischen Institutionen und Gewohnheiten verbunden zu sein.

Gewiß bei vielen alten Völkern zeigen sich bereits Ansätze, dem

Bevölkerungsproblem näher zu treten. Aber wie sahen diese auch aus!

Solon begann sein Werk mit der Errichtung eines großen Bordells, für

das im Auslande Sklavinnen gekauft wurden. Die neue Staatsanstalt,

deren Hausordnung amtlich publiziert wurde, unterstand einer eigenen

Gottheit, der Venus Pandemos. Und selbst Lykurg hat sein gepriesenes

System, das „$ein Volk von Kriegern$” heranzüchten sollte, mit der

Vernichtung aller anscheinend schwächlichen Kinder eingeleitet. Mit der

Austilgung von bereits geborenen, lebenden menschlichen Wesen! „Ihr

sollt mir sein $ein Volk von Priestern$”, betonte Moses dagegen.

Diese Forderung knüpft an moralische Prinzipien an. Selbst die alten

Geschichten, die in der Bibel vorkommen und in denen uralte sexuelle

Erlebnisse nachklingen, werden solange retouchiert und überzeichnet,

bis sie in das System der neuen $sittlichen Weltordnung$ hineinpassen

(Adam und Eva, Noah, Abraham usw.). Die Bibel hat nicht die reine

Fantasie des Gilgameschepos und weiß nichts von der Tendenzlosigkeit

farbenprächtiger homerischer Erzählungskunst. Das jüdische Schriftwerk

hat keinen Selbstzweck. Es ist nicht Kunst und auch nicht Wissenschaft

im eigentlichen Sinne. Alle Disziplinen sind Mittel geworden in der

großen Aufgabe, das moralische Handeln des Individuums und des Volkes

durch ethische Verankerungen zu lenken, klare sittliche Voraussetzungen

für alles Denken und Trachten zu schaffen.

Diese neue Einstellung des jüdischen Volkes verleugnet nicht manche

Abhängigkeit von früheren und gleichzeitigen Kulturwerten anderer

Völker. Solche Übergänge finden sich auch in der Sexualsphäre.

Mir erscheint sogar die Beschneidung die Ablösung der Opferung von

Kindern, wie sie die vorderasiatische Welt dem Moloch, dem Gott des

Sadistentums, zollte, darzustellen. Viele Gebräuche können den Einfluß

der Umwelt auf die Juden nicht verwischen. Nur natürlich. Bestand das

jüdische Volk doch aus jungen, kaum geeinten Stämmen, die sich in einem

kleinen Lande zwischen alten Kulturvölkern auf einem Terrain 1/100 so

groß wie Deutschland niederließen, und auf viele technische, ökonomische

und geistige Güter der Nachbarn angewiesen waren. Nach Dr. Fink schreibt

auch der Talmud Synhedr. 63 es der Sinnenlust der Juden zu, daß sie sich

den fremden Götzen zuwandten. Vor allem lockten die mystischen

Opferfeste, die erotischen Exzesse, der Phallusdienst, das breit

ausladende Hetärentum und die männlichen Hierodulen -- alles Kult, der

sich an den Dienst der Göttin Astarte knüpfte. Wankelmütige,

prunkliebende, lüsterne Fürsten beherrschten damals das kleine jüdische

Volk, das sich der immer wachsenden Bedrohung und Gefahren von außen und

innen kaum erwehren konnte.

Da stipulierte eine kleine Zahl von Volksfreunden -- die Propheten --

die gesunde Fortpflanzung als sittliche Tat, $als den kategorischen

Imperativ des Judentums$. Große neue Kulturbewegungen suchten die

eigenartige Entwicklung im Keime zu ersticken. Nach dem Abklingen der

vorderasiatischen und ägyptischen Kulturperiode ward im jüdischen Volk

die großhellenistisch-römische Weltanschauung propagiert, nicht nur von

den Reichen und Mächtigen der Welt, getragen nicht allein von den Waffen

der allbeherrschenden Siebenhügelstadt und von den Handelsherren Asiens

und Afrikas, sondern von jüdischen Priestern und von jüdischen Fürsten

selbst. Gleichwohl bauten hunderte von geistigen Führern des Volkes die

jüdische Sexualethik zu einem eigenen, festumrissenen, starren System

aus, das einem überaus klaren Zweck dienen sollte, nämlich das Höchstmaß

der menschlichen Fruchtbarkeit in den Dienst des Volkes zu stellen.

Dieses rabbinische System ist wie aus einem eisernen Guß und nicht voll

der Widersprüche wie z. B. das der alten Römer. Diese hatten neben der

rechtmäßigen Ehe ein privilegiertes Konkubinat, hatten die allgemeine

und religiöse Prostitution, die an die Luperkalien und Florealfeste zu

Ehren der Gottheit anknüpfte. In diese Sittenwelt paßte kein Gesetz wie

die berühmte „lex Julia et Poppaea” hinein, eine Verordnung, die

übrigens in sich widerspruchsvoll und schon deshalb zur

Wirkungslosigkeit verurteilt war. Die Juden hatten es gewissermaßen auch

leichter. Ihre sexualhygienischen Theorien, die vielleicht stärkere

Bande mit der „Staatsraison” verbinden als sich auf den ersten Blick

vermuten läßt, hängen direkt mit den religiösen Ideen zusammen. Und

diese Vorstellung von Gott und der Welt sind nun einmal viel

differenziertere als bei den anderen Völkern des Altertums. Der Kampf

um diese Weltanschauung erschüttert das Volk bereits, bevor ihr Staat

der Auflösung verfällt. Und der Extrakt der Gedankenwelt aller geistigen

Kräfte steht in Harmonie mit den Lehren der ersten babylonischen

Gefangenschaft und den übrigen Erlebnissen. Nur die Fülle der

Fruchtbarkeit wird das Volk erhalten. Und der gesunde Volksinstinkt

schafft daraus ein System, das zwei Jahrtausenden stand gehalten hat.

Seine Wurzeln fußen in unzähligen Ausführungs-Bestimmungen, in

vielfältigen Spekulationen praktischer Lebensklugheit und Realität

bejahender Vorkehrungen, die Sexos $in den Dienst Gottes und des Volkes

bis zur letzten Konsequenz$ stellen.

$Die Geschichte des jüdischen Volkes, die wunderbare Erhaltung ihrer

Existenz kann nicht ohne diese sexuellen Einrichtungen begriffen

werden.$ Diese billige Erkenntnis wurde noch nicht klar von den

Forschern ausgesprochen, wenn auch alle Wissenschaftler den einer

starken Zeugung dienenden Sexualismus als einen der hervorstechendsten

Züge des jüdischen Volkscharakters anerkannten.

„Mehr als allen anderen Völkern gilt den Juden männlicher Nachwuchs

als ehrenvoll und Unfruchtbarkeit als Fluch. Schaff mir Kinder, wo

nicht, so sterbe ich!” ruft die Allmutter Israels Rahel zu Jakob.

„Rahels Lehre war allen Jüdinnen heilig,” urteilt Dr. $Fritz Kahn$ (in

seinem „Versehen der Schwangeren im Volksglauben”). Der Altmeister der

Volkskunde $Andree$ spricht „von der Erfahrung, die mit dem Eintreten

des Juden in die Geschichte beginnt und eine größere Vermehrungskraft

als bei den meisten anderen Völkern darstellt. Schon in Aegypten

wuchsen die Kinder Israels, zeugten Kinder und mehrten sich und wurden

ihrer so viele, daß ihrer das Land voll ward.”

„$Seid fruchtbar und mehret Euch$” lautet der lapidare Satz, der die

Erotik in den Dienst der Allgemeinheit stellt und das Recht auf die

freie Liebesbetätigung und den Verkehr der Geschlechter dem Zweck der

generativen Politik unterordnet. Eros und Psyche, die das Liebesleben

der Griechen versinnbildlichen, Astarte und Moloch, Merkmale des

vorderasiatischen Sinnenkultes, haben in dem logisch aufgebauten

jüdischen Sexualkodex keinen Raum. Mit Recht knüpfte $Lothar Krupp$ an

die Besprechung der ersten Auflage dieses Buches die Betrachtung an:

„Die wenigen Buchstaben des „Peru-urebu” stellen ein Zauberwort von

unvergleichlicher Gewalt und Stärke dar, als erste Anrede und erstes

Gebot Gottes an das erste Menschenpaar unmittelbar nach dessen

Erschaffung, sogleich am Eingang der heiligen Schrift stehend, wo es mit

seiner Segenfülle Jahrtausende lang dem jüdischen Volke vorschwebte und

groß und stark gemacht, es in Gefahr und Bedrängnis aufrecht erhalten,

so daß man von ihm als dem ewigen Volke fast mit größerem Recht zu

sprechen schien als von der ewigen Stadt ...”.

Poetisch verklärt ist diese Lehre[1] in den Psalmen: „Siehe ein Erbe von

Gott sind Kinder, ein Lohn die Frucht des Leibes.” (Psalm 127), „Wie

Pfeile in der Hand des Helden, so sind der Jugend Söhne. Heil dem Manne,

der seinen Köcher mit ihnen angefüllt hat. Wenn Du deiner Hände Arbeit

genießest, heil Dir und wohl Dir. Dein Weib ist wie die Rebe, blühend im

Innersten Deines Hauses, Deine Kinder wie des Oelbaums Sprößlinge rings

um Deinen Tisch. Siehe also wird der Mann gesegnet, der den Herrn

fürchtet”. (Psalm 128).

Schammaj, der Zeitgenosse Jesus, eine Größe unter den Autoren des

Talmud, betrachtet das Ehegebot als das erste der -- 613 -- jüdischen

Gebote und findet es erst „erfüllt, wenn der Mensch zwei Knaben und zwei

Mädchen das Leben gegeben hat.” Die Voraussetzung der Fruchtbarkeit

scheint den Juden in der Ehe gegeben.

In der orientalischen Ausdrucksweise heißt es dementsprechend im Talmud

(Jebamoth 63) „wer nicht heiratet, ist kein Mensch” und „wird angesehen

wie einer, der einen Menschen umgebracht hat”, „der Ehelose verringert

die Gestalt (d. h. den Machtbereich) der Gottheit”. Die Sprüche Sirachs

geben -- unter den vielen Variationen dieses Gedankens -- das Thema

wieder mit den Worten: „wo kein Zaun ist, wird das Besitztum verwüstet,

$wer keine Frau hat$, irrt unstet umher. Wer wollte Vertrauen schenken

einem bewaffneten Kriegsmann, der von Stadt zu Stadt entspringt? Ebenso

geht es einem Menschen, der keine Heimat hat und einkehrt, wo er abends

hinkommt ...” oder wie es im Sefer Refuot heißt: „Jedermann, der ohne

Frau lebt, lebt ohne Freude, ohne Segen, ohne Glück. Unverheiratet zu

sein, ist ungesund und verderblich für das Denken, darin stimmen alle

Weisen überein” (s. auch Hilekhot deot III. 2, Issure Biach XXI, 112.)

Wer die Fülle dieser heiligen Erklärungen zu Gesicht bekommt, wird ihre

Bedeutung ermessen können für ein Volk, das den Talmud von Jugend auf

studierte, das in den Jahrhunderten der sie umgebenden Unbildung der

Massen in allen und den kleinsten Gemeinden der Lehre, ihrem Studium und

ihrer Auslegung Tag und Nacht ergeben war. Blieben sonst viele der

berühmten Gesetze alter Herrscher nur papierne Verordnungen oder stumpfe

Erlasse in Erz und Stein -- die Bestimmungen des jüdischen Gesetzes,

selbst der mündlichen Ueberlieferung, nahmen Leben an und griffen in das

Tun und Lassen der Volksgenossen ein.

Die größte Fruchtbarkeit ist in der $Frühehe$ nur möglich. Der Talmud

sagt selbst: (Jebamoth 62b) „Wer seine Söhne und Töchter nicht lange

nach der Reifezeit verheiratet, von dem heißt es: sei gewiß, daß Friede

Dein Zelt sein wird”. Das sind aber nicht nur allgemeine schöne

Redensarten. Die praktische Durchführung wird bis ins letzte durchdacht.

Ist kein Bewerber zur Stelle und „ist Deine Tochter reif, so erkläre

Deinen Sklaven für frei und gib sie ihm zur Frau” (Synhed 100b) denn so

heißt es: „Eine Tochter ist zweifelhaftes Gut für den Vater. Aus Sorge

um sie kann er nicht schlafen; wenn sie heranwächst, daß sie buhle; wenn

sie reif ist, daß sie nicht zu verheiraten sei; wenn sie verheiratet

ist, daß sie kinderlos bleibe”. Ketuboth 113 rechnet deshalb die

Ehelosen zu den 8 vor Gott gleichsam Verbannten (ferner Kiduschin 30.

Nedarim 48. Ber. 6. Kidd. 20b Kohel 9.)

Die prägnante Ausführung der Bibel: „$Es ist nicht gut, daß der Mensch

allein sei,$” blieb also bei den Juden nicht nur Literatenweisheit,

nicht nur ein frommer Wunsch der Theologen und Volksfreunde oder gar

eine utopistische Forderung eines regierenden Fürsten. Der eheliche

Umgang wird religiöse und nationale Pflicht, diese Weltanschauung zum

geistigen Besitz des Volkes, zur wirklich gelebten Ethik. Der Schulchan

Aruch,[2] der als der praktische Gesetzkodex der Juden in der neueren

Zeit gelten darf, konnte und mußte daher als praktische Forderung

aufstellen, daß jeder junge Jude spätestens mit 18 Jahren heiraten müsse

und vom 13. Lebensjahre an heiraten könne. Dementsprechend begann auch

sein Abschnitt Eben-ha-Eser, der diese Fragen behandelt, kurz und

bündig: „Jeder Mann ist verpflichtet, eine Frau zu heiraten”.

Aber dieses Gesetz hatte noch eine spezielle Auslegung. Es galt für

besonders rühmlich, die Kinder nicht erst zum spätesten, sondern $zum

frühesten Termin$ zu verheiraten!

Die Herren Geschichtsschreiber, die sich mit dem Wunder der Existenz

Israels abmühen, sind an diesem Problem vorbei gegangen. Sie haben nie

beobachtet, daß der -- wenn wir so sagen dürfen -- elektrisch geladene

Motor, dessen Energien immer neue Kraft und tausendfältiges Leben

weckten, geladen wurde an dieser Quelle. Die Memoiren der guten Mutter

Glückel von Hameln verraten uns, daß nur zwei Jahrhunderte zurück noch

die deutschen Juden im Glauben an das Verdienstvolle ihrer Fruchtbarkeit

ihre Sinnlichkeit und die ganze Kraft ihrer Triebe in den Dienst dieser

heiligen Sache, in die der Vermehrung ihres Volkes stellten. Und alle

Dokumente bezeugen die Tatsächlichkeit dieser Verhältnisse. Salomon

Maimon hat uns in seiner Lebensgeschichte dieselbe grenzenlose Naivität

des jüdischen Ehelebens, wie es von Posen angefangen bis weit nach dem

fernsten Osten gepflogen wurde, geschildert für eine Zeit, die heute um

150 Jahre entfernt liegt. Und noch heute hält sich der rechtgläubige

Ostjude daran.

Gewiss auch der Talmud verschliesst sich nicht der Erkenntnis, dass

Geburtenverhütung angezeigt sein könnte. In Hungerjahren darf eine

Familie mit Kindern eine zeitweise Geburtenverhütung vornehmen. Und

Jebam 126 sieht diese ferner vor:

1. für Säugende, die ihr Kind stillten (da ja tatsächlich die

Muttermilch bei neuer Conzeption leidet und versiegt),

2. bei Mädchen (die mit 12 Jahren heiraten durften) bis zur Zeit

ihrer Geschlechtsreife,

3. für Schwangere, von denen man -- natürlich fälschlich -- eine

nochmalige Schwängerung fürchtete.

Diese Ausnahmen haben weder einen besonderen Nachhall gefunden, noch

konnten sie die stark erregten Vorstellungen des Volkes über das für

verbrecherisch gehaltene Vorgehen Onans rektifizieren. Die

Geburteneinschränkung ist keine jüdische Erfindung,

Neomalthusianismus keine jüdische Einrichtung gewesen.

Hjalmar J. Nordin findet gleichfalls in seiner ausführlichen „Ethik der

Juden zur Zeit Jesu” (Leipzig 1911): „Die Fortpflanzung hatte einen

religiösen Glorienschein.” Vom hohen Wert der Fortpflanzung in der

Meinung der Juden zeugen ungezählte Aussprüche. Im 15. Kap. des Buches

Henoch wird die Fortpflanzung gefordert, da die Menschen sterblich und

vergänglich sind, während die unsterblichen Engel sich nicht

fortzupflanzen brauchen. Tacitus bestätigt bereits damals in Hist. V. 5:

Augenda tamen multitudini consulitur ... hinc $generandi amor$ et

moriendi contemptus. Josephus, der zeitgenössische vertraute jüdische

Historiker, der selbst mindestens dreimal verheiratet war, erklärt

ausdrücklich in der Schrift gegen Apion: „Das Gesetz hat allen

anbefohlen, Kinder zu zeugen” (II. 202). Alle Aussprüche des R. Elieser,

R. Elasar b. Asarja, Ben Assaj, R. Abaji gehen von dem einen festen

Punkte aus: „Die Welt ist nur geschaffen zur Fruchtbarkeit und

Fortpflanzung. Deshalb ist es höchste Menschenpflicht, alles zu meiden,

was die Zeugungsfähigkeit herabsetzt.” Nach Gittin 70a verringern

8 Dinge den Samen: Salz, Hunger, Ausschlag, Weinen, Schlafen auf dem

Felde, Lotus, Cusenta zur Unzeit, Aderlaß unter dem Genitale (Aderlaß

darüber ist doppelt vorteilhaft).

In jener Zeit dürfte die Sitte des Kaddischsagens aufgekommen sein, jene

religiöse Ceremonie, die der älteste Sohn zu Ehren der verstorbenen

Eltern ein Jahr lang täglich verrichtet. Und die Vorstellung keinen

Kaddisch, d. h. keinen Sohn zu besitzen, der die Trauergebete verrichten

kann, hatte für jeden Juden noch bis in unsere Tage etwas ungemein

schmerzliches. Viele Gesetze gehen von derselben Voraussetzung aus, so

daß jede Ehe nach 10jähriger Kinderlosigkeit (auch von Seiten der Frau)

gelöst werden konnte. In der einschlägigen Literatur von Nossig

(Einführung in das Studium der sozialen Hygiene 1894), in der

Talmud-Archaeologie von Krauß, bei Nordin u. a. finden sich noch weitere

wertvolle Beiträge.

Ben Assaj, ein weißer Rabe unter den großen Lehrern in Israel, blieb

allerdings selbst unvermählt, empfahl aber gleichwohl die Fruchtbarkeit.

Warum Ben Assaj nicht heiratete, ist unbekannt. Es liegen sicher ganz

besondere Gründe vor. Gleichwohl war er der Gegenstand späterer

Diskussionen, in denen es heißt: „Ben Assaj lehrt wohl schön, aber er

handelt nicht gut.”

Und wie wäre es auch anders möglich gewesen in der Ideenwelt von

Menschen, die das ganze Sexualleben so genau festgelegt wissen wollten,

daß nicht nur Verlobung, Hochzeit, Scheidung in den feinsten

Einzelheiten gesetzlich geregelt waren, daß selbst für Form und

Häufigkeit der intimsten menschlichen Beziehungen Weisungen und Gebote

existierten. Wie weitgehend der Gedankengang fortgesponnen wird, beweist

die Erzählung Abbas ben Papa (Pappaj) (cfr. $Bacher$ Pat. ann. III.

S. 650), Josua sei mit Kinderlosigkeit bestraft worden, weil er Israel

eine Nacht lang an der Fortpflanzung gehindert habe.

Schriftliche und mündliche Lehre, Tradition und Volkssitte bemühten sich

in allem nicht nur, die normale Fruchtbarkeit des einzelnen Individuums

zu gewährleisten, sondern die Fortpflanzung auf das Höchstmaß des

Möglichen zu steigern. Die vielen Aderlässe, die blutigen und unblutigen

Opfer, die Abfall und Vermischung bedingten, konnte die Judenheit nur

deshalb glücklich überstehen, weil die Gedankengänge, die der Gesamtheit

ewiges Leben verhießen, jeder einzelnen Familie ihren sicheren Bestand

sicherte. $Das System war auf der richtigen Voraussetzung aufgebaut, daß

jedes Glied der Gemeinschaft an der Erhaltung der Art in der völkisch

zweckdienlichsten Weise gebunden und ohne Rücksicht auf seine eigenen

Interessen bis aufs äußerste beteiligt ist.$

$So war das ganze Liebesleben der Juden darauf abgestimmt, dem großen

nationalen Gedanken, dem überragenden Begriff vom immanenten Bestehen

der Nation die realen Grundlagen zu liefern.$ Die Fruchtbarkeit und

Sicherstellung der einzelnen Familie ist nur die Basis einer großzügigen

Volksidee.

Die Propheten sind in diesem Sinne die geschickten Redakteure eines $auf

das ganze Volk gerichteten Optimismus, des hoffnungsvollen

Zukunftsglaubens, der sich eng an alle anderen entwicklungsfreudigen

Ideen angliedert.$

„So spricht der Ewige, der bestellt hat die Sonne zum Licht bei Tage,

die Scheibe des Mondes zu leuchten in der Nacht, der das Meer aufwühlt,

daß seine Wellen brausen, Adonai Zebaoth ist sein Name. Eher werden

diese Gesetze aufhören, ehe daß der Same Israels aufhören wird ...”

So kündigt Jeremia und stempelt sein Volk zum Gewissen der Völker, zum

Zeugen für die Nationen. „Wie man des Himmels Heer nicht zählen, noch

den Sand am Meere messen kann, also will ich mehren den Samen Davids,

meines Knechts und die Leviten, die mir dienen.” (siehe Kapitel 31 bis

33). Auch im höchsten Zorne sehen die Propheten Israel nicht der

Vernichtung anheimfallen, immer wieder verheißen sie die Rettung und

Aufrichtung aus tiefem Fall. Und gleichsam ist die Geschichte dieses

hartnäckigen Volkes die Illustration zu den seherischen, den gequälten

Herzen entspringenden Ankündigungen u. a. zum ausklingenden Midrasch zu

Psalm 36: Völker stehen auf und verschwinden, aber Israel bleibt ewig.

Heute orientieren wir uns und formen unsere Ueberzeugung nicht nach

religiösen Prophezeiungen; aber die Wissenschaft hat ihnen bisher Recht

gegeben. Nossig, der Altmeister der jüdischen Statistik, erklärte noch

um die Zeit der Jahrhundertwende in dem Standard Werk der „jüdischen

Statistik” (eine Auffassung, die er schon in seinem glänzenden Werke

„Einführung in das Studium der sozialen Hygiene” vertreten hatte):

„Der mosaische Gedanke eines ewigen Volkes scheint sich

verwirklichen zu wollen.... Als ein frappantes, biologisches

Ergebnis dieser Auswählungsidee tritt uns die Tatsache des Bestehens

der noch immer ungewöhnlichen Lebens- und Reproduktionskraft der

Juden entgegen”. Und an anderer Stelle: „Der jüdische Stamm vermehrt

sich ausserordentlich rasch und vermehrt sich etwa 3,03 mal rascher

als die nichtjüdischen Stämme und würde sich bei ungestörter

Entwicklung in einer etwa 4,02 mal kürzeren Periode verdoppeln als

jene.”

Also sprach die offizielle jüdische Statistik zu Beginn unseres

Jahrhunderts (über die weitere Haltung und Aeußerungen noch mehr und

später). Auch die anthropologische Wissenschaft sah in der Persistenz

der Juden ein förmliches Gesetz. $Andree$ behauptete sogar: „Bei den

Juden ist die Rasse stärker als die Religion. Es ist den Juden einfach

unmöglich, sich mit anderen Völkern zu vermischen.”

$Leroy-Beaulieu$, ein kleiner statistischer Papst in der

Wissenschaft, der insbesondere auf dem Gebiete jüdischer Fragen als

Kenner galt, erfand folgende Theorie: „Die Juden setzen wenige

Kinder in die Welt, aber sie bringen mehr zur Reife. So haben sie

dies schwierige Bevölkerungsproblem in einer Weise gelöst, welche

für sie selbst die vorteilhafteste und für die Nationalökonomie die

befriedigendste ist.”

Aehnlich äußerten sich die führenden deutschen Statistiker u. a.

M. $Hoffmann$, $de Neuville$, $Fircks$. Der Rassenhygieniker von

$Gruber$ schrieb 1908 in den Veröffentlichungen des Deutschen Vereins

für Volkshygiene:

„Noch eins lehrt uns das Beispiel der Juden. Sie hätten unmöglich

diese Jahrhunderte beständigen Kampfes um ihre Existenz überdauern

können, wenn sie nicht einen so $gesunden Instinkt$ und eine so

bewunderungswürdige Aufopferungsfähigkeit für die Erhaltung ihres

Volkes besessen hätten. Der junge Mann, kaum erwerbsfähig geworden,

hält es für seine Pflicht, seinem Volke unter Entbehrungen und

harter Arbeit zahlreichen Nachwuchs aufzuziehen:

$SO WIRD EIN VOLK UNSTERBLICH$!”

Geschah dies am trockenen Holz der Wissenschaft -- und wenn wir deren

Bäume kräftig schütteln würden, flögen noch viele andere Früchte dieser

Art herab -- wer wird sich wundern, wenn die jüdischen Theologen erst

recht die alten Weissagungen (bestärkt durch die Ergebnisse der 2-1/2

Jahrtausend Geschichte) gesinnungstüchtig auslegen, wenn die politischen

Führer der jüdischen Organisationen die Daseinsmöglichkeit der Ihren als

eine alte historische Notwendigkeit hinnehmen. Umsomehr als selbst ein

so kluger Mann der Feder, der sich selbst einmal außerhalb des

jüdischen Volkes hatte stellen wollen, wie $Heinrich Heine$, Israel ins

Gedenkbuch schrieb: „Aegyptens Mumien sind ebenso unverwüstlich wie jene

Volksmumie, die über die Erde wandelt, eingewickelt in ihre alten

Buchstabenwindeln, ein verhärtetes Stück Weltgeschichte ...” Und ein

jüngerer, -- $Bernhard Münz$ -- münzte diesen Gedanken in die Worte um:

„Ein Volk schreitet mitten durch die ganze Geschichte der Menschheit,

spiegelt sich in dem größten Teil ihrer Entwicklung wieder und taucht

aus allen Prüfungen und Umwälzungen der Zeit immer wieder gestählt und

gekräftigt empor.”

Wohl gab es abwegige Urteile. Aber die breite Masse der Juden blieb von

der Ideenwelt der Pessimisten unberührt. Sie nahm keine Notiz von der

Broschüre eines anonymen Verfassers, die etwa 16 Seiten stark 1894 in

Zürich erschien und „Der Untergang Israels” hieß. Ich wurde auf sie

aufmerksam durch einen tiefer schürfenden Artikel Arthur Kahns, der sich

auf sie bezog. Der Aufsatz Kahns in den U. O. B. B. Logenblättern „Die

Wurzeln des Uebels” rührten an den tiefsten Gründen der Judenfrage.

Neben Kahn haben Zollschan in seinem Buch „Das Rassenproblem” und Dr.

Arthur Ruppin in den „Preußischen Jahrbüchern” die bedrohliche Situation

in ihrem Ausmaße erfaßt. Im Gegensatz zu dieser nicht gerade großen und

nicht eindrucksvoll genug wirkenden Literatur stand die unzählig oft in

Wort und Schrift dokumentierte öffentliche Meinung der Rabbiner, Lehrer,

Beamte, Vorstände der Gemeinden, Führer und Vorsitzenden der Verbände,

der Redakteure und Mitarbeiter der jüdischen Presse, die dem

Zukunftsglauben der Juden in Deutschland huldigten, und ihnen täglich

mit dem an Mitteln reichhaltigen Arsenal und mit der Emphase ihrer

Begeisterung und ihrer Liebe zum Judentum in warmherzigen Versicherungen

schmeichelten, die zwar an Schwung den biblischen nachstanden, den

Ansprüchen der braven Judenbürger aber genügten.

Meine eigensten Untersuchungen dieses Problems begannen vor 18 Jahren,

wobei ich als Schüler mich wohl eines nom de guerre (meines mütterlichen

Namens) bedienen mußte. Es war eine Untersuchung, deren Inhalt der Titel

verrät: „$Der Untergang der deutschen Landjuden$” (gezeichnet Felix

Th.-Cohen) publiziert im „Frankfurter Isr. Familienblatt”. Ich hatte die

Verhältnisse und die Entwicklung der jüdischen Dorfgemeinden

Hessen-Nassaus und Unterfrankens auf verschiedenen Ferienreisen

übersehen, ihr Schicksal gezeichnet. In den nächsten Jahren arbeitete

ich an einem statistischen Werdegang der deutschen Juden. Immer

deutlicher ergaben sich aus den Zahlenreihen der dumpfe Drang und die

unaufhaltsame Bewegung der Auflösung. Umgearbeitet nach diesen

Gesichtspunkten nahm Jahre lang kein Verleger von diesem Buch Notiz. Und

als es erschienen, konnte es in der dumpfen Atmosphäre und grauenhaften

Stagnation der deutschen Judenheit nicht einmal die nachhaltende

Aufmerksamkeit der jüdischen Führer bewirken.

Die unbeirrte Zukunftszuversicht, die Harmlosigkeit der jüdischen

öffentlichen Meinung über „$Sein oder Nichtsein$”, das mangelhafte

Vorstellungsvermögen der Situation erinnert an unzählige Parallelen in

der Geschichte, an die unbedingte Siegeszuversicht des Deutschen Volkes,

das noch 1918 über eine Welt von Feinden zu triumphieren glaubte, oder

aus den vergangenen Tagen des jüdischen Volkes an die Vorgänge im

belagerten Jerusalem, in dem die Juden mehr auf ihren guten Stern als

auf ihre lebendigen Kräfte bauten.

Ein Volk kann sich ebensowenig wie der Einzelne immer Reflexionen über

seine Existenz-Berechtigung und seine Existenzmöglichkeiten hingeben.

Das cogito ergo sum ist ein philosophischer Satz, belastet mit all den

Schwächen der Spekulation, und eine reale, wenn auch nur relative

Wahrheit. Aber in Zeiten, wo das Barometer auf Sturm zeigt, können

Steuermann und Kapitän nicht gemütlich die Vorkehrungen, die für

schönes Wetter getroffen sind, beibehalten. Ihr Schifflein dürfte sonst

leicht Schaden erleiden und ihre Schuld würde selbst ihr eigener Tod

nicht mildern.

Die deutsche Judenheit ist sich des tödlichen Keimes ihrer Erkrankung

nicht bewußt. Früher mochte Unkenntnis entschuldigen, daß ihre Führer

der kardinalen Existenz-Frage nicht näher traten. Nach dem Erscheinen

des „Untergang” haben sie die von mir geschilderte Entwicklung in ihrer

Tendenz als falsch abgelehnt und die Deduktion als irrtümlich

zurückgewiesen. Es besteht dabei sicher ein tiefgehender Spalt in den

Massen, zwischen denen, die Morgenluft wittern und ihre innere

Gebundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft lösen, und jenen, die von

jüdischen Erinnerungen, Instinkten und jüdischem Wissen angefüllt ihren

persönlichen starken Gemeinschaftswillen als allgemeine psychische

Stimmung der ganzen Judenheit unterlegen.

Es lohnt sich nicht, Dokumente, in denen sich alle Unkenntnis in

Begriffsverwirrung auflöst, zu zitieren. Nur die Aussagen der Führer

seien zitiert. Denn sie sind der offizielle Ausdruck der jüdischen

Gemeinschaft. Sie bezeugen, daß man noch heute in Verkennung der Lage

sich kein Bild der Entwicklung geschaffen hat und mit offenen, aber

nicht rezeptierenden Augen dem Strudel des Untergangs entgegentreibt. Um

Selbstverständliches zu klären: In diesem Buch wird einzig das Schicksal

der $deutschen$ Juden der Untersuchung unterworfen -- nicht das

Schicksal des jüdischen Volkes in seiner $Totalität$. Ob auch dieses

ähnlichen Erschütterungen entgegengeht, wird hier nicht behandelt,

geschweige gelöst. Die Führer der jüdischen Oeffentlichkeit haben in der

leichtfertigen Behandlung der Frage sich die Widerlegung recht bequem

gemacht, indem sie nicht auf die Fragestellung, nämlich den Untergang

der $deutschen$ Juden, eingingen.

Hören wir die Vertreter der deutschen Juden selbst an. Bald nach dem

Erscheinen dieses Buches versammelte sich der „Verband der deutschen

Juden” zu einer Tagung. Bei dieser Veranlassung hielt der Vorstand der

jüdischen Gemeinde Berlins, Geheimrat Dr. Stern eine Rede, die außerdem

gedruckt im Amtsblatt der jüdischen Gemeinde Berlins allen

Gemeindemitgliedern zuging und folgenden Wortlaut hatte:

„Einer unserer Rabbiner hat an einem letztverflossenen Feiertage auf

der Kanzel die Frage aufgeworfen, ob irgend Gründe für die

Befürchtung da seien, dass das deutsche Judentum, wie es ihm in

neuerer Zeit prophezeit wird, seinem Untergang zusteure. Er hat

darauf hingewiesen, dass manche Gelehrte auf Grund

wissenschaftlicher Forschungen an Hand der Statistik und unter

Zuhilfenahme anderweitiger symptomatischer Anzeichen und

Erscheinungen, beispielsweise der stetigen Zunahme der Mischehen, zu

dem Ergebnis gelangt sind, dass das deutsche Judentum seiner

allmählichen, aber sicheren Auflösung entgegen gehe, einem

unaufhaltsamem Untergange geweiht sei. Der Rabbiner hat vom

theologischen Standpunkt aus diese Auffassung sich nicht zu eigen

gemacht, hat vielmehr diese traurige und trübe Vorhersage auf das

Entschiedenste bekämpft. Das auserwählte Volk, auserwählt, um seit

Jahrtausenden Verfolgung, Hass und Unterdrückung zu erdulden, hatte

immer wieder die Kraft und die Stärke gefunden, sein Martyrium allen

Anfeindungen und Angriffen zum Trotz mannhaft zu überwinden. Es habe

zu allen Zeiten über Propheten und führende Geister verfügt, die das

Panier, auf dem in unauslöschlichen, flammenden Zeichen der

Monotheismus und die schrankenlose Betätigung der Nächstenliebe hell

erstrahlen, immer wieder siegreich aufpflanzten.

Und wenn ich in dieser Stunde die gleiche Frage mir vorlege: wird

das deutsche Judentum untergehen? so trage auch ich vom

Laienstandpunkte aus keinen Augenblick Bedenken, diese Frage

rückhaltslos zu verneinen. Ich setze dieser brennenden Frage ein

dreimaliges kräftiges Nein entgegen, wenn ich meinen Blick über

diese Tafelreihen schweifen lasse und mit Bewunderung, Freude, Stolz

und Genugtuung feststelle, dass Hunderte von Männern aus den

angesehensten und hervorragendsten Berufs- und Lebensstellungen,

Leuchten der Wissenschaft, führende Künstler, Phönixe des Handels,

Pfadfinder der Industrie, Bahnbrecher der Technik, hier vereinigt

sind, als die berufenen Vertreter der deutschen Juden und ihrer

Interessen. Unwillkürlich drängt sich mir angesichts dieses höchst

erfreulichen Bildes des Psalmisten Wort auf die Lippen. Nimmer

rastet noch schlummert der gute Genius Israels.”

Der „$Israelit$”, das führende Blatt der gesetzestreuen Juden

Deutschlands, anerkannte zwar den Ernst der Situation und maß dem

„Kassandrarufer der Statistik” mehr Bedeutung bei. Gleichwohl findet

sich auch hier (in der Besprechung des „Untergangs”) folgender Passus:

„Derselbe Gott, der die Existenz seines Volkes an seine

Gesetzestreue geknüpft und ihm die Alternative gestellt hat, für die

Thora zu leben oder unterzugehen, hat uns auch die tröstliche

Verheissung mit auf den Weg gegeben, dass Gott sein Volk nicht

fahren lässt und sein Erbe nicht preisgibt ... Die Schrecknisse der

Auflösungsliteratur schrecken uns nicht.”

Die Anschauungen gesetzestreuer Kreise fanden einen weiteren

literarischen Niederschlag in dem orthodoxen Blatte „$Die Laubhütte$”,

welche in der Nr. 52 des Jahres 1911, die Wichtigkeit der Frage zwar

anerkannte, aber doch folgenden Schluß ziehen zu müssen glaubte:

„Theilhabers Buch weist mit Recht auf die Gefahren des modernen

Judentums hin. Der Titel „Untergang --” ist für einen gläubigen

Juden unannehmbar, weil er der göttlichen Verheissung widerspricht.

So spricht der Ewige: Wenn mein Bund nicht mehr sein würde mit Tag

und Nacht, wenn ich die Gesetze von Himmel und Erde nicht

festgesetzt hätte ... dann würde ich auch die Nachkommenschaft

Jakobs und meines Dieners verwerfen. (Jeremia.) Du fürchte Dich

nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, denn ich bin bei Dir.

Sollte ich auch alle Völker zugrunde gehen lassen, unter welchen ich

Dich hinweg geführt habe, Dich werde ich nicht zugrunde gehen

lassen. Ich werde Dich wohl züchtigen zum Rechte, aufreiben werde

ich Dich nicht (Jeremia). Wer an die Offenbarung Gottes glaubt, kann

also das Wort „Untergang” nicht gutheissen.”

Die Presse der neologen deutschen Juden lehnte gleichfalls die

Richtigkeit meiner Behauptungen ab. Ihre Hauptzeitschrift, „$Die

allgemeine Zeitung des Judentums$”, brachte noch am 2. Januar 1920 einen

Artikel, der Jahre vorher das hebräische Leserpublikum im „Haschiloach”

aufgeklärt hatte und nunmehr der deutschen Leserschaft nicht

vorenthalten werden sollte. $Dr. Kaminka$ kämpft gegen Windmühlen wie

ein zweiter Don Quichote. In dem abgelegten Artikel findet sich ein

Passus, der immerhin beachtenswert ist und deshalb nicht totgeschwiegen

werden soll. Er lautet:

„Die allerwichtigste Vorfrage ist die nach der dynamischen (nicht

statistischen) Bedeutung der gezählten Individuen, nach den Quellen

der Seelenkraft und der entsprechenden Daseinsmöglichkeit jener

Einzelnen, wenn sie noch so gering an Zahl wäre, für welche ihre

Zukunft etwas absolut Gesichertes ist, da ihr Daseinswille alles in

ihrer Umgebung an Kraft und Bestandsfähigkeit übertrifft. Die

numerische Stärke dürfte in solchem Falle mit der moralischen Stärke

zu multiplizieren sein.

Es ist ... ein Trugschluss und eine petitio principii, wenn der

Massstab irgend eines Stammes oder einer Nationalität in das

Judentum gelegt wird, was von jeher eine Gemeinschaft mit einer ganz

bestimmten philosophischen Anschauung war, die sich auf die Ewigkeit

eingerichtet und nach einem bestimmten Plan in die fernsten Länder

hinausgezogen ist, um als Minorität unter allen Völkern durch ihre

ethische Ueberlegenheit zu wirken.” --

Vernichtender urteilte die offizielle Besprechung, welche das

Centralorgan der zionistischen Bewegung „$Die Welt$” der

Untergangstheorie zu teil werden ließ. $S. H. Lieben$ aus Prag schrieb

in der Besprechung des „Untergangs”:

„... Rückkehr zu jüdischen Gesetzen, wie auch Nationalisierung

lassen sich nicht in kurzer Zeit erzielen und darum müsste man am

Bestand der deutschen Judenheit schier verzweifeln, wären die von

Theilhaber ermittelten Daten einwandfrei sicher gestellt. Aber

Theilhaber ist aus Liebe zu seinem Volke zu einem Schwarzseher

geworden, hat die Zahlen zu traurig gedeutet, wie der bekannte

jüdische Statistiker Dr. Jacob Segall im Septemberheft der

Zeitschrift „Im Deutschen Reich” eingehend darlegt. Nach Segalls

Ansicht ist eine exakte Fruchtbarkeitsstatistik heute noch ein Ding

der Unmöglichkeit, da die wissenschaftlichen Vorarbeiten fehlen. Er

gesteht wohl zu, dass die Fruchtbarkeit der Deutschen Juden eine

höhere hätte sein können, aber er findet, dass Theilhaber sie zu

gering veranschlagt, wie er auch die Sterblichkeit der deutschen

Juden zu günstig beurteilt. Die geringe Zunahme der jüdischen

Bevölkerung findet nach Segall ihre Erklärung in grossen, aus

politischen und wirtschaftlichen Ursachen entstandenen

Abwanderungen der Juden, die zeitweilig sehr grosse Dimensionen

angenommen haben.”

Eine rein sachliche Erwiderung wies die Redaktion der „Welt” zurück. Der

Redakteur gestand mir mündlich ausdrücklichst, daß die Untergangstheorie

ihm gefährlich erscheine und daß er meiner Entgegnung oder jeder

ähnlichen aus diesen politischen Erwägungen keinen Raum geben könne.

Der Vorsitzende des „Verbandes der Deutschen Juden”, einer

Zusammenfassung aller großen und der meisten kleinen Gemeinden, Prof.

Dr. $Kalischer$, glaubte gleichfalls die gefährliche Theorie einer

Nachrichtung im $Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde$ zu Berlin vom

9. Februar 1912 unterziehen zu müssen. Das Pronuntiamento verriet der

Titel „Die Zukunft der Juden”. Ich zitiere aus dem Anfang:

„Man prophezeit uns, namentlich den Juden der westlichen Länder, den

Untergang; man hört bereits den Flügelschlag des Todesengels und

sieht ihn sein trauriges Werk schon in ungezählten Generationen

vollenden. Die Grundlage der Zukunftsschau dieser neuen Seher bilden

Zahlen der Statistik, die ein $anscheinend$ trostloses Bild der

Zustände innerhalb der Judenheit entrollen, und es sind ohne Zweifel

tiefernste Betrachtungen, die daran geknüpft werden und die nicht

ungehört verhallen dürfen ... -- -- --

Es erscheint uns willkürlich und als eine Verkennung und

Ueberschätzung dessen, was die Statistik zu leisten vermag, in

diesen Zahlen, die sich im besten Falle über drei Jahrzehnte

erstrecken, einen Naturprozess zu erblicken, der mit der

Notwendigkeit eines solchen unabänderlich in einem bestimmten Sinne

abläuft ...”

An der Hand der Geschichte folgert nun $Kalischer$ die

Zukunftssicherheit des jüdischen Volkes:

„Der Gottesgedanke bildete die Schwingen, mit dem sich die jüdische

Volksseele aus der staatlichen Enge erhob, und das Palladium, das

sie vor dem Schicksal der Zerstörer ihres staatlichen Daseins

schützte und sie am Leben erhielt, war die Thora, auf die das Gott

selbst geltende Wort angewandt wurde, sie ist „Dein Leben und deiner

Tage Dauer, (5 B. M. 30, 20).” Kalischer gibt sodann eine

glückliche Zusammenstellung der Grossen in Israel von Mose bis

Maleachi, die der jüdischen Lebensbejahung das Wort sprachen. Und

eine Welt von Hoffnungen erweckt in diesem Sinne derselbe Prophet

Jesaia mit der Verheissung: „Er -- mein Knecht Israel -- wird nicht

ermatten und nicht dahin gehen, ehe er das Recht auf Euch gegründet

hat und auf dessen Lehre Eilande harrten.” Und der Artikel schliesst

in dem Appell an die Lehre der Bibel. Im Hinblick auf sie könne

Kalischer mehr Vertrauen zu der Lebenskraft des Judentums schöpfen.

„Vertrauen auch zu dem Geist der Geschichte, dass -- wie schon

oftmals im Leben der Juden -- eine Wendung sich zur rechten Zeit

einstellen wird, Vertrauen zu der Macht der Idee, Vertrauen endlich

auf das Prophetenwort Jeremias: Es bleibt Hoffnung für Deine

Zukunft.”

Die Mehrzahl der Leser fühlte aus allen diesen und vielen ähnlichen

Artikeln, Reden und Predigten nur das „Nein” heraus, die absprechende

Beurteilung aller pessimistischer Deduktionen.

Wenn auch kühl abwägende Artikel, insbesondere im „Hamburger

Israelitischen Familien-Blatt”, in der „Jüdischen Rundschau” und in dem

„Frankfurter Israelitischen Familien-Blatt” (jetzt „Neue jüd. Presse”)

Raum fanden, als deren gewichtigste Autoren $Dr. Artur Kahn$, $Nachum

Goldmann$, $Dr. Hans Fischer$, $Dr. Hoppe$ zeichneten, so waren das doch

nur Stimmen einzelner Privatleute ohne Amt und Würde in der Judenheit,

deren Urteil keinerlei Autoritätsglaube beigemessen wurde. Nicht nur die

genannten zionistischen und orthodoxen offiziellen Publikationsorgane

sprachen sich gegen die Auflösungstheorie aus, nicht nur die Vertreter

der großen jüdischen Verbände und Gemeinden wußten durch allerlei

Maßregeln die absolut nicht beunruhigten Gemüter zu neuem Schlaf zu

verleiten ... das Hauptverdienst eines frisch-fröhlichen Auto-da-fés

verübten die Vertreter der jüdischen Statistik, die auf verschiedenen

literarischen Schauplätzen als die offiziellen Fachleute geharnischten

Protest gegen meine „unwissenschaftliche, falsche und leichtfertige

Schrift” einlegten.

Die stärkste Vernichtung erfolgte im Rahmen der Zeitschrift des

Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „$Im deutschen

Reich$” vom Jahre 1911. Der Centralverein deutscher Staatsbürger ist

der größte jüdische Verein Deutschlands. Sein Blatt erscheint in einer

ungewöhnlich hohen Auflage und wird in allen jüdisch interessierten

Kreisen gelesen. Der Autor der Besprechung meines Buches, die sich zu

einem selbständigen 13 Seiten umfassenden Artikel auswuchs, nahm

überdies in der einzigen wissenschaftlichen jüdischen Zeitschrift, die

sich mit statistischen Fragen beschäftigte, in der Monatsschrift für

Statistik und Demographie der Juden, die Gelegenheit wahr, um

persönlich und mit Freunden meine gefährlichen Anschauungen mit Stumpf

und Stiel auszurotten. An vielen Beispielen behauptete Dr. $Jacob

Segall$ nachweisen zu können, daß ich „viel zu rasch aus den Zahlen

Schlüsse gezogen”, daß ich „nicht sorgfältig und reiflich das Material

angesehen hätte”, das mir für die „zuweilen recht kühnen

Schlußfolgerungen” diente. Dazu kämen weiter meine Manipulationen mit

vielen falschen Zahlen, Zahlen über deren Zustandekommen ich unfähig

wäre zu urteilen, Berechnungsmethoden, die von der Wissenschaft

vollständig abgelehnt seien und viele andere Mängel. Das vernichtende

Urteil des offiziellen Statistikers der deutschen Juden mußte bedeutsam

in die Wagschale fallen. Des langen und breiten glaubte Segall Fehler

über Fehler nachweisen zu können, Leichtfertigkeit, die an

Gewissenlosigkeit grenzte, Unkenntnis aller möglichen Dinge, Berufung

auf falsche Autoritäten, „die sich ihre Zahlen aus der Luft griffen”!

Die einschlägige Abhandlung Segalls erschien der langweiligen und

wichtigtuerischen Form nach als die berechtigte Abfertigung eines

Wissenschaftlers gegen einen dilettantischen Laien. Ich werde auf alle

wesenhaften Punkte der Segallschen Methodologie noch in meinen weiteren

Ausführungen eingehen. Obwohl dadurch diese Schrift einen polemischen

Charakter bekommt, der ihr besser erspart geblieben wäre. So aber muß

ich die Zeit und das Papier verschwenden, um darzulegen, wie Segall nur

einige Zahlen sieht, deren große Zusammenhänge er nicht versteht.

Kleine Druckfehler, die sich in jeder Arbeit finden und die einem

ebenso in Segallschen Arbeiten begegnen, sind für ihn die Gewähr

wissenschaftlichen Unvermögens. Im übrigen ist die Technik Segalls sehr

einfach. Er kommt überall, wo ihn eine Ziffer stört, mit Fragen,

Vermutungen, Theorien, für die er keine Unterlagen beibringt. Ich habe

in meiner Entgegnung in der Zeitschrift „Im deutschen Reich”

nachgewiesen, wie leichtfertig Segall mit Behauptungen umspringt und

habe ein Beispiel für die minderwertige wissenschaftliche Methodik

Segalls angegeben.

Segall schrieb 1909:

„Ein letzter Grund, dass die $Sterblichkeit der Juden niedrig$ ist,

liegt in der Einwanderung. Man denkt beim Rückgang der Sterblichkeit

zumeist an die Verbesserung der sanitären Verhältnisse und

berücksichtigt nicht, dass bei den Juden wesentlich die Einwanderung

von $Leuten im produktiven Alter$, wo die Sterbewahrscheinlichkeit

eine geringe ist ...

Die Einwanderung hat den Vorteil, dass sie durch die Masse der

jugendlich kräftigen Personen, welche herbeiströmen, die

Sterbeziffer im ganzen herabdrückt. Daher kommt es, dass die

Sterblichkeit der deutschen Juden in Deutschland in den letzten

Jahrfünften bei weitem nicht so abgenommen hat, als man hätte

erwarten dürfen.”

Und 1911:

„Theilhaber übersieht, dass $die Einwanderer die Sterblichkeit

erhöhen$.

Denn nicht immer sind es bloss die im kräftigsten Alter stehenden

Personen, welche einwandern, sondern zum Teil geht die Einwanderung

familienweise vor sich, $sodass Kinder und alte Leute$, welche von

der Sterblichkeit mehr bedroht sind, zur Masse der Einwanderer

gehören.”

In meinen Studien zum „Untergang der Deutschen Juden” hatte ich die

Probleme der Erhöhung oder der Erniedrigung der Sterblichkeit durch

die Einwanderung sehr wohl beobachtet. Ich konnte aber daraus

keinerlei umwälzende Beeinflussung feststellen. Wenn Segall glaubte,

daß die Einwanderung einmal die Sterblichkeit erhöht, und einmal sie

niedriger werden läßt (wie es gerade in seinen Kram paßt) so hätte

Segall sofort sich Aufklärung schaffen können, hätte die Ziffern der

gestorbenen Ausländer in Deutschland nachsehen müssen, wie ich es tat

und u. a. darlegte in meiner Preisarbeit der Gesellschaft für

Rassenhygiene „Bringt das materielle und soziale Aufsteigen der

Familien Gefahren in rassehygienischer Beziehung? Dargelegt an der

Entwicklung der Judenheit von Berlin”. (Sonderabdruck aus Archiv für

Rassen- und Gesellschafts-Biologie, Heft 1/2, 1913, Leipzig). In

Wahrheit übte nämlich die Einwanderung $keinen$ wesentlichen Einfluß

auf die jüdische Sterblichkeit aus.

Segall konnte sich ebenso sehr über alle die Fragen, die ihm noch

unklar waren, Aufklärung verschaffen. Er, der hauptsächlich

statistisch arbeitete, dem ein Verband und ein Büro ganz andere

Möglichkeiten einräumte, wie mir, der ich als Arzt nur in wenigen

Mußestunden mich der Materie widmen konnte, war mir in allen

technischen Hilfsmitteln und Voraussetzungen überlegen. Wenn er

trotzdem die Sterblichkeit der ausländischen Juden, die

Fruchtbarkeitsziffer an den Berliner, Leipziger, Hessischen Juden und

vieles andere, was ich sofort z. T. zur Ueberprüfung meines Materials

bearbeitete, nicht selbst untersuchte, sondern stets behauptete, man

könne mangels Materials die Fragen noch nicht klären, so geht aus alle

dem nur die Unfähigkeit des offiziellen Vertreters der Statistik in

Deutschland hervor. Ich würde diese mangelnde Befähigung Segalls, das

zu geringe Talent, Entwicklungstendenzen zu überblicken, nicht

hervorheben, wenn ich mich nicht im Interesse der Sache dazu genötigt

sähe. Bei der Bedeutung des ganzen Problems hat Dr. Jacob Segall

durch seine absprechende Kritik die Auslösung einer wissenschaftlichen

weiteren Untersuchung der Frage unterbunden.

Wie sich die Journalisten das Ergebnis der wissenschaftlichen

Abfertigung ausdeuteten, mag ein Artikel der jüdischen Monatsschrift

„Ost und West”, (1917) anzeigen, der u. a. also anhebt: „$Dreierlei

Lügen$ gibt es, sagt ein englisches Witzwort: Weiße Lügen, schwarze

Lügen und Statistik: es könnte sein, daß die $Statistik des Sehers

Theilhaber zu der dritten Sorte gehört$ ...”

Um Segalls Anschauungen kurz zu resümieren, sei gesagt, daß er die

Geburtenreduktion bei den deutschen Juden auf die Auswanderung

zurückführte, daß er durch den Rückgang der Sterblichkeit einen weiteren

Geburtenüberschuß erhoffte, daß er so ziemlich alles, was die Existenz

der deutschen Juden bedroht, in Abrede stellte. So pflanzte ein Mann am

Grabe die Hoffnung auf, leugnete was war und suchte das graue Bild mit

hellen Farben zu übertünchen. Es ist vielleicht nicht ohne Reiz, daran

zu erinnern, daß der andere Redakteur der Zeitschrift für Statistik der

Juden, Dr. Blau, zuerst in einem Brief, den ich noch besitze, bald nach

Erscheinen der Arbeit zum Ausdruck brachte, er habe die von mir

vertretenen Dinge in Vorträgen ausgesprochen, allerdings sei es

„gefährlich”, wie er mir später mündlich hinzufügte, derartige

Anschauungen in Druck zu geben.[3]

Da die jüdischen Gesellschaften und die Oeffentlichkeit eine

wissenschaftliche Aussprache über die Probleme nicht zuließen, da bei

keiner Gemeinde ein Referat, auf keiner Tagung eine Darlegung der

Verhältnisse durchzusetzen war, so mußte ich mich begnügen, in ein paar

lokalen Vereinen und einigen loyalen Zeitschriften[4] auf die großen

Gesichtspunkte hinzuweisen. Im übrigen war es unmöglich, der offiziellen

absprechenden Kritik aller Organisationen und Institute, die dazu das

Wort genommen hatten, entgegen zu treten. Das gibt mir nicht nur ein

Recht, diese Schrift nochmals auflegen zu lassen, sondern es erscheint

mir als Pflicht, trotz aller weiteren Verunglimpfungen, die mir

bevorstehen, mit aller Schärfe, die alten Fragen wieder aufzuwerfen und

mit Hilfe einiger neuer Zahlen die Entwicklung von neuem zu belegen,

wobei ich betone, daß alle wichtigen Ziffern und Tabellen diesmal nur

gekürzt wiedergegeben werden können.

Der Gedanke, der in diesem Buch in seinen Konsequenzen wiederholt

soziologisch und statistisch eingehend ausgeführt wird, wird allerdings

allgemeine Gesetze für die Existenz der jüdischen Bevölkerung auch in

anderen Ländern abgeben; inwieweit aber deren Lage mit den Verhältnissen

der deutschen Juden übereinstimmen, bedarf erst der Feststellung. Die

deutsche Judenheit hat eine teilweise unterschiedliche soziale und

sexuelle Gestaltung erfahren, die sie von gewissen jüdischen Centren --

wenigstens vor dem Kriege abhob.

$Es ist somit nicht der Theorie eines Untergangs der Juden überhaupt das

Wort geredet. Wer dagegen die Persistenz aller Teile mit

religiösen,[5] historischen und gefühlsmäßigen allgemeinen Argumenten

belegt, der mag sich auf den Untergang der 10 Stämme Israels$ besinnen,

an die Auflösung der $jüdischen Reiche in Arabien$, an die starken

Verluste $jüdischer Siedelungen in Aegypten und Vorderasien$. Ich

verweise auf die Geschichte des $Chazaren-Reiches$ und das Ende der

$Juden in Spanien$, auf die Trümmer der jüdischen Wanderung nach Indien,

wo die Exilarchen im Jahre 490 zu Kranganor an der Küste Malabar durch

den brahmanischen Fürsten Airvi aufgenommen wurden, Land bekamen und

unter eigenen Häuptlingen leben durften. Diese Häuptlinge hatten alle

Rechte der indischen Fürsten, und ritten auf Elefanten, denen Musik

vorherging. Vorhandene Erztafeln kündeten noch in hebräischer Sprache

und in dem Idiom des Talmud von ihren Rechten. Die Kolonien wurden

längst zerstört. In den weißen Juden von Mattatscheri sollen Reste

erhalten sein. Von den $chinesischen$ Juden blieb niemand zurück. Sie

sind ausgestorben und nur die Tempel, wie der von Kai-Fong-Fu,

Handschriften, Briefe u. a. zeugen von der Vergangenheit. Ferner ist

wenig bekannt, daß $vorderasiatische Juden$ unter einem gewissen

Benjamin im Jahre 614 n. Chr. Geb. Jerusalem eroberten und sich in

$Palästina$ wieder ansiedelten, um bald vom Kaiser Heraklios

niedergemacht zu werden.

Die Geschichten der jüdischen Siedelungen sind ein Widerspiel von

gewaltsamer Auflösung und Zerstörung, von Zersetzung und Abwanderung.

Vor einigen Jahren erregte das Schicksal der zu Grunde gehenden

Falaschas Aufsehen, jener abessynischen Juden, die viele Jahrhunderte

lang ihre eigenen Fürsten besaßen, die zwei Jahrhunderte lang ganz

Abessynien beherrschten. Dr. S. $Weißenberg$ schrieb in der Zeitschrift

f. Stat. u. Dem. der Juden, 10. Jahrgang, über „$Die Karäer$ -- ein

verdorrender jüdischer Stamm”: „Die von Asran gegründete Sekte der

Karäer scheint anfangs großen Anhang gefunden zu haben. Dies ist daraus

zu schließen, daß im Mittelalter an fast allen jüdischen Sitzen (außer

Zentraleuropa) auch karäische Gemeinden in größerer oder geringerer

Stärke vorhanden waren ...” Er schließt seine eingehende Arbeit

wörtlich: „Wir stehen somit vor einem nicht ganz fernen Untergang der

Karäer, falls nicht Maßnahmen getroffen werden, die einem neuen

Aufblühen dieses Völkchens förderlich sein könnten.” Die bekannten

$Samaritaner$ stehen gleichfalls auf dem Aussterbeetat.

Interessant ist die Geschichte der $spanischen$ Juden in Westindien, die

blühende Kolonien anlegten, die heute vernichtet sind. Und wie steht es

mit den Familien der alteingesessenen Juden von $Frankreich$? Was ist

aus den blühenden Gemeinden von $Italien$ geworden, deren geistiges

Leben durch viele Jahrhunderte die jüdische Welt bereicherte? Von der

großen spanisch-jüdischen Bevölkerung $Hollands$ ist nur noch ein Rest

übrig.

So sehr es eine historische Weisheit ist, daß sich das jüdische Volk als

einziges in der Zerstreuung unter den Völkern erhielt, so tatsächlich

ist der Umstand, daß die Persistenz einer jüdischen Bevölkerung

allzumeist nur einige Zeit in einem Landstrich währte, daß Blüte,

Niedergang, freiwilliges und unfreiwilliges z. T. fluchtartiges

Verlassen abwechseln, daß ein Bestand der Judenheit und eine

Fortentwicklung in gerader Linie in einem Lande historisch zu den

Ausnahmen gehört.[6] Die Nachkommen der alten deutschen Juden sind

numerisch in der Hauptsache in Polen, Rußland, Rumänien und Amerika

verbreitet, der spanische Jude wohnt im ganzen Orient, in Nordafrika.

Spanien, das eine wundersame jüdische Kultur durch ein Jahrtausend

gesehen hat, hat sein Judentum mit Stumpf und Stil ausgerottet, so sehr,

daß kaum eine Erinnerung mehr an Ort und Stelle zurückgeblieben ist.

Wer also die Zukunft der Juden in Deutschland -- und nur darum handelt

es sich -- durch die Profetie für gesichert hält, kann nicht ernst

genommen werden. Er kennt die Geschichte nicht, übersieht die

Kleinigkeit, daß selbst das althebräische Schrifttum $von der Existenz

des jüdischen Volkes in der Allgemeinheit und nicht in einzelnen Teilen

spricht und die Schrift die Absplitterung von Partikeln ins Auge faßt$.

Natürlich gibt es eine Möglichkeit, den Zerfall des jüdischen Volkes in

Deutschland zu verhüten, wenn nämlich die Ursachen, die jetzt zur

völligen Auflösung führen, in Fortfall kämen. Ob es tunlich ist, die

Voraussetzungen zu bannen, ist eine überaus schwierige Frage.

Meine Untersuchung beleuchtet diese Probleme, lehrt die Zusammenhänge

zwischen der Entwicklung der Ziffern der Geburten, Taufen, Mischehen,

usw und den soziologischen Einflüssen, sie belegt die Bedeutung der

Zahlen, der Kurven, sie geht auf die Wanderung, auf die Berufstätigkeit,

auf das Heiratsalter, auf die Ausstrahlungen des Kapitalismus ein. Ich

schrieb s. Z. in der ersten Auflage:

„Vorausgesetzt, der neue Gedanke dieses Buches erweist sich als

richtig, so wird er wohl die deutsche Judenheit, die sich bisher als

religiöse Gemeinschaft lediglich dazu berufen fühlt, die Erfüllung

der Ritualien zu überwachen, veranlassen, eine grosszügige

Volkspolitik zu treiben, um das zu retten, was zu erhalten ist (oder

wenigstens zu versuchen, ob es zu retten ist). Und selbst, wenn

viele jüdische Gemeinden so kurzsichtig sein werden, trotz aller

Anzeichen von dem drohenden Zerfall lieber der Stimme

unverbesserlicher Optimisten zu vertrauen und in bequemem Quietismus

zu beruhen, als energischen Gegenmassregeln sich anzuschliessen, so

wird doch die Idee, erst einmal durch die Blätterwelt und die

mündliche Verkündigung zum geistigen Gemeingut des Volkes geworden,

auf alle möglichen sozialen und politischen Aktionen befruchtend

einwirken ...”

Auch die Nationalökonomen vom Fach haben die Bevölkerungsbewegung,

die sich unter den deutschen Juden vollzieht, mit Interesse verfolgt,

weil wohl kein Volk, keine Bevölkerungsklasse in demselben kurzen

Zeitraum eine so wechselvolle, zahlenmäßig genau zu belegende

Entwicklung durchmachte, weil wohl keine Rasse oder Gemeinschaft

Geburteneinschränkung, Sterblichkeit, Ehelosigkeit, auf eine Tiefe resp.

Höhe gebracht hat, die als das non plus ultra gelten muß.

Die Nationalökonomen haben an den Juden studiert. Ein Schriftsteller hat

sie einmal das „Barometer der Völker” genannt. Diese Hypothese gebietet

Aufmerksamkeit. A. $Grotjahn$, der Altmeister der Sozialhygiene, schrieb

in seinen Jahresberichten in einer Besprechung:

„Mit den überaus pessimistischen Profezeiungen des Verfassers über

die Zukunft des Judentums mögen sich auseinandersetzen, die es

angeht. An dieser Stelle ist nur mit Nachdruck hervorzuheben, dass

der hier geschilderte Verfall nicht eine spezifische

Eigentümlichkeit der Juden ist, sondern nur bei ihnen reiner zur

Beobachtung kommt, als bei den entsprechenden Schichten der

nichtjüdischen Bevölkerung Mitteleuropas, die z. Z. noch aus dem,

übrigens nicht unerschöpflichen Born des ländlichen und städtischen

Proletariats Zufluss erhält. Tua res agitur Germania, agitur. Das

vorliegende Buch ist die beste Arbeit der letzten Jahre auf dem

Gebiete des Entwicklungsproblems, nicht nur dem sachlichen Inhalte

nach, sondern vor allem wegen der hier geübten, geradezu

vorbildlichen Methode, die den konkreten Fall auf Grund

statistischen Materials empirisch untersucht und auf Anwendung

darwinistischer Metaphysik, die bei den Erörterungen über die

Völkergeneration bereits starke Verwirrung angerichtet hat,

verzichtet”.

Das deutsche $statistische Centralblatt$ anerkannte in einer Besprechung

in der ersten Nummer des Jahres 1912 den Wert derartiger Untersuchungen

mit den Worten:

„Die Bevölkerungs-Bewegung der Juden des letzten Menschenalters wird

nicht zuletzt der Statistiker mit Interesse verfolgen.”

Die „$Deutsche Hochschule$” (Nr. 7 1912) lobte die Ausführlichkeit und

die Objektivität des „Untergangs” in der Sammlung und Verarbeitung des

reichhaltigen statistischen Materials.

Dr. $Mottek$ faßte im „Freien Wort” den Hauptteil meiner Untersuchungen

als den „Selbstmord des Kapitals” oder klar ausgedrückt „Die geringe

Vermehrung der besitzenden Klassen durch Zeugung von Kindern” zusammen,

und $Rüdin$ hat im „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie” diese

Arbeit als den Spiegel für die christlichen Staatsbürger genannt,

„darinnen sie die Zukunft auch des Kulturchristen sehen, die ebenso

unvermeidlich trübe ist, wenn nicht ein sexual-hygienisches Fühlen und

Handeln aufkommt, wie es Theilhaber den Juden rät.”

Dem schließen sich die „$Münchener Neuesten Nachrichten$” an:

„Ein Buch, dem es zu wünschen ist, dass es nicht nur in dem engeren

Kreise, an den es sich wendet, wie ein Weckruf wirkt, sondern

unserer ganzen heutigen Kultur als Spiegel vorgehalten wird ... Noch

einen, wenn auch nur zeitlichen, doch nicht zu unterschätzenden

Vorteil hat das Buch. Es zeigt, dass die Fragen der Rassen und ihrer

Hygiene nicht unbedingt etwas mit dem Antisemitismus zu tun haben.

Vielleicht werden manche Kreise diese Fragen, die für unser

deutsches Volkstum bedeutungsvolle Zukunftsfragen darstellen,

daraufhin zugänglicher sein, als es bisher der Fall war”.

Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie · 第 17 / 71 题