6. _Die Atmosphäre der Sonne._

~a~) _Vorhandensein._ Daß die Sonne eine Atmosphäre hat, ergibt ein

Blick auf eine Sonnenphotographie, wie sie jetzt in vorzüglicher

Weise hergestellt werden. Darauf erscheinen deutlich die Ränder viel

matter als die Mitte, und das ist ja, wie wir aus der Betrachtung des

Mondes (§ 26) wissen, ein sicherer Beweis für das Vorhandensein einer

Atmosphäre. Wir können sie aber auch unmittelbar sehen, wenn bei einer

totalen Sonnenfinsternis die Mondscheibe uns das direkte Sonnenlicht

bedeckt.

~b~) _Teile._ Die Atmosphäre besteht aus drei Hüllen. 1. Zunächst dem

Kern der Sonne liegt die Photosphäre, die Schicht leuchtender Gase,

der die Erscheinung der Sonnenflecke angehört (S. 3 ~a~). Die beiden

anderen Gebiete konnte man früher nur bei einer Sonnenfinsternis

unterscheiden. Zu ihnen gehört 2. _die Chromosphäre mit den

Protuberanzen_. Unmittelbar am Mondrande erscheint zunächst eine

dünne, lebhaft rote Schicht. Man kann sie jetzt bei gewöhnlichem

Sonnenschein mittels des Spektroskops besser wahrnehmen als bei einer

Sonnenfinsternis, da dann die Mondscheibe sie zum Teil verdeckt. Sie

heißt _Chromosphäre_ (griech. von chrōma = Farbe). Aus ihr sieht

man lebhaft rote Gebilde hervorbrechen, die _Protuberanzen_ (lat. =

Hervorragungen). Früher konnte man sie auch nur bei Sonnenfinsternissen

wahrnehmen; die Spektralanalyse hat uns die Mittel gegeben, sie auch

bei hellem Sonnenschein zu beobachten. Man weiß jetzt, daß sie sich

schnell entwickeln und verändern und oft wie großartige vulkanische

Ausbrüche erscheinen, die sich mit ungeheurer Geschwindigkeit

zu gewaltigen Höhen erheben. Man will Protuberanzen von ca.

170000, ja 1893 sogar eine Protuberanz von 480000 ~km~ Höhe (= 1/3

Sonnendurchmesser) beobachtet haben.

[Illustration: Fig. 45.]

Um die Chromosphäre legt sich 3. die _Corona_ (lat. = Kranz) (s.

Fig. 45). Sie ist der glänzende Ring von grünlichweißem Lichte, welcher

den dunklen Mond bei totalen Sonnenfinsternissen umsäumt; sie ist

auch schon gelblich oder rötlich gesehen worden. Ihre Breite ist am

geringsten an den Polen der Sonne, am ausgedehntesten in den mittleren

Breiten; ihr Glanz ist unmittelbar am Monde am hellsten.

7. _Die Spektralanalyse der Sonne._ Die Sonne liefert ein

Farbenspektrum, aber kein zusammenhängendes; bei näherem Zusehen

zeigt es sich vielmehr von einer gewaltigen Zahl dunkler Linien

durchbrochen. Man kennt sie lange und nennt sie nach ihrem Entdecker

Fraunhofersche Linien; aber erst die Spektralanalyse hat die Ursache

dieser Linien nachgewiesen. Dieses Absorptionsspektrum kann nach den

sicheren Erfahrungen der Spektralanalyse nur von einem weißglühenden

Körper stammen, dessen Licht vor der Zerlegung im Prisma durch matter

leuchtende Gase gegangen ist. Wir können demnach sofort folgende

Folgerungen aus der Beschaffenheit des Sonnenspektrums ziehen. Der Kern

der Sonne ist weißglühend, fest oder flüssig. Ihn umgibt zunächst eine

Atmosphäre leuchtender Gase, die Photosphäre, deren Temperatur, wie

im Kern, so hoch ist, daß sich die Grundstoffe noch im Zustande der

Dissoziation befinden, d. h. chemische Prozesse sind dort unmöglich.

Die unteren Schichten der Photosphäre liefern uns das eigentliche

Sonnenlicht; die oberen sind so viel kühler, daß hier die Absorption

von Strahlen stattfindet. Hier ist also die Ursache der Fraunhoferschen

Linien zu suchen; Beweis: bei totalen Sonnenfinsternissen werden auf

einen Augenblick alle Fraunhoferschen Linien leuchtend, sobald die

Mondscheibe die unteren Schichten der Photosphäre bedeckt. In den

oberen Schichten der Photosphäre glühen, wie uns die Fraunhoferschen

Linien lehren, die Gase aller leichteren Metalle, die auch auf der

Erde zu finden sind; die schwereren Metalle mögen nicht fehlen, werden

aber wohl in tieferen Schichten der Sonne vorkommen. Von Metallen,

deren Linien man früher nur im Sonnenspektrum kannte, sind in den

letzten Jahren durch die Spektralanalyse viele auch in Gesteinen

der Erde entdeckt und dann chemisch daraus gewonnen und untersucht

worden. Daher kann man schon jetzt sagen: die Sonne besteht im

wesentlichen wahrscheinlich aus denselben Grundstoffen wie die Erde.

Die oberen, kühleren Schichten der Photosphäre sind auch das Gebiet

der Granulation, die man jetzt meistens als Niederschläge, Wolken von

Metalldämpfen, ansieht. Sie entsprächen dann etwa den Federwolken

unserer Atmosphäre, die in großer Höhe dahinziehen. Die zweite Gashülle

der Sonne, die Chromosphäre, ist bei Sonnenfinsternissen ebenfalls

spektroskopisch untersucht worden. Sie zeigt ein Linienspektrum,

besteht also aus glühenden Gasen. Es glühen in ihr hauptsächlich

Wasserstoff und zwei andere Stoffe, die man Helium und Coronium nennt.

Beide waren bis vor kurzem unbekannt; jetzt ist das Helium, ein Metall,

auch auf der Erde in einem Mineral des hohen Nordens entdeckt. Selbst

in unserer Luft sind Spuren davon. Die dritte Gashülle, die Corona, ist

von sehr geringer Dichtigkeit und enthält vorwiegend Coronium, das man,

wie gesagt, auf der Erde noch nicht gefunden hat. Es muß aber ein sehr

leichtes Gas sein, das deshalb wohl in sehr hohen Schichten unserer

Atmosphäre vorhanden sein kann. Früher hielt man Chromosphäre und

Corona für bloße Lichterscheinungen, durch Brechungen in sehr bewegter

Atmosphäre bewirkt; die Beobachtung ihres Spektrums hat gezeigt, daß

sie Gase sind. Dasselbe gilt von den Protuberanzen. Sie haben dasselbe

Spektrum wie die Chromosphäre, werden also, wie die Beobachtung schon

früher zu ergeben schien, aus ihr herausgeschleudert. Die Fackeln haben

das gewöhnliche Sonnenspektrum, nur heller. Man hält sie deshalb für

Erhebungen in der Photosphäre und nimmt an, daß sie durch gewaltige

Bewegungen im Innern emporgetrieben werden, und daß sie bisweilen

zerreißen und Dämpfe aus dem Innern in die Chromosphäre treten lassen.

Diese würden dann wieder die Protuberanzen emporschleudern. So wäre es

erklärlich, daß öfters Spuren von Metalldämpfen in den Protuberanzen

sind, und daß diese Ausbrüche stets im Gebiete der Fackeln erscheinen.

Über die Sonnenflecke läßt uns bisher auch die Spektralanalyse noch

im unklaren; aber gewisse Beobachtungen (große Breite der dunklen

Linien in ihrem Spektrum, plötzliches Aufflammen heller Linien in

diesen breiten, dunklen Linien der Flecke) lassen es wahrscheinlich

erscheinen, daß die Sonnenflecke wirkliche Öffnungen in der Photosphäre

sind, die einen Blick ins Sonneninnere gestatten. Aus ihnen scheinen

Ausbrüche von leuchtenden Massen zu kommen. Dann wären also Fackeln,

Flecke, Protuberanzen drei Abschnitte eines Ausbruches aus dem Innern

der Sonne.

8. _Die Sonne als Quelle des Lichtes und der Wärme._ Ohne Sonne

kein Leben! Sie allein bewirkt die Schwingungen des den Weltraum

erfüllenden Äthers, der uns die Lichtempfindungen vermittelt. Sie

leuchtet wie sonst kein Licht. 300000 Vollmonde würden kaum so viel

Licht geben wie die eine Sonne. Wenn eine Ebene von der Größe der

Erdoberfläche mit einer 10 ~m~ dicken Eisschicht bedeckt wäre, so würde

diese in _einer_ Minute schmelzen, wenn _alle_ Strahlen der Sonne auf

die Eisschicht gelenkt würden.

Es ist möglich, daß die Sonne sich abkühlt; aber dann muß sie sich auch

zusammenziehen. Dadurch würde aber wieder Wärme erzeugt, und wenn sie

ihre Dichtigkeit bis auf die Dichtigkeit der Erde steigerte, so würde

dadurch der Verlust der Ausstrahlung für 17000000 Jahre ersetzt werden.

Außerdem wird der Wärmeverlust wenigstens zum Teil durch Meteorite

ersetzt, von denen bei ihrer großen Zahl und ihren exzentrischen Bahnen

recht viele in die Sonne fallen werden.

Neuerdings sind viele Forscher geneigt, als wichtigste Quelle für den

Ausgleich des Wärmeverlustes der Sonne chemische Vorgänge in der Sonne

selbst anzusehen. Man hat nämlich durch sorgfältige Untersuchungen des

neuerdings entdeckten chemischen Elementes Radium festgestellt, daß

dieses allmählich in ein anderes Element, Helium, zerfällt, und daß

dabei ungewöhnlich viel Wärme frei wird. Da nun in der Chromosphäre der

Sonne viel Helium vorhanden ist, so schließt man mit gutem Grunde auch

auf viel Radium in tieferen Schichten, und zwar in solcher Menge, daß

es, wie man sagt, erst in Billionen von Jahren in Helium übergeführt

sein wird.

9. _Das Tierkreis- oder Zodiakallicht._ Unter besonders günstigen

Umständen kann bei uns ein geübtes Auge im Frühling nach der

Abenddämmerung am westlichen, im Herbst kurz vor der Morgendämmerung

am östlichen Himmel einen schwachen Lichtschimmer wahrnehmen. Dieser

hat Pyramidengestalt; die Grundfläche liegt am Horizonte dort, wo nahe

unter ihm die Sonne steht, die Achse liegt in der Ekliptik, so daß sich

das Licht durch die Sternbilder des Tierkreises hinzieht. Daher hat

es den Namen _Tierkreis-_ oder _Zodiakallicht_. Viel schöner zeigt es

sich fast allnächtlich unter den Tropen, weil hier die Ekliptik höher

über den Horizont steigt. Das Wesen dieser Erscheinung ist noch nicht

bekannt. Neuerdings neigt man dazu, einen Ring von dünn verteilten

kleinen Massenteilchen anzunehmen, der nach Art des Saturnringes die

Sonne in der Entfernung der Erde umgibt und das Sonnenlicht, wie die

Planeten, Monde und der Saturnring, zurückwirft.

§ 33.

Die Bewegungsgesetze unseres Planetensystems.

1. _Verschiedene Systeme._ ~a~) _Ptolemäus zu Alexandria_, 125 n. Chr.,

hat zuerst ein wirkliches Sonnen-, eigentlich sogar Weltsystem: Um die

im Mittelpunkte ruhende Erde kreisen 7 Wandelsterne: Mond, Merkur,

Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn; das Ganze umschließt die

Fixsternsphäre.

~b~) _Das ägyptische System_: Mond, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn

drehen sich um die ruhende Erde, Merkur und Venus zuerst um die Sonne,

dann mit dieser um die Erde.

~c~) _Kopernikus_ (geb. 1473 zu Thorn, gest. 1543 zu Frauenburg): Die

Sonne ist der Mittelpunkt der Planetenbahnen, und diese sind Kreise,

die nach außen immer weiter voneinander entfernt liegen in folgender

Reihenfolge: Merkur, Venus, Erde usw. Ähnliches lehrte schon um 270 v.

Chr. _Aristarch_ von Samos, fand aber keine Anerkennung.

~d~) _Tycho de Brahe_ (gest. 1601 in Dänemark): Die Erde ist der

Mittelpunkt der Welt; um sie laufen Mond und Sonne; die Sonne bildet

den Mittelpunkt für die Bahnen der Planeten, zu denen also danach die

Erde nicht gehört.

Dieser Versuch, zwischen dem ptolemäischen und dem kopernikanischen

System zu vermitteln, war ein Rückschritt; denn gerade das Grundgesetz,

daß die Sonne der Mittelpunkt ist, um den mit den anderen Planeten sich

auch die Erde dreht, ist das Bleibende am kopernikanischen System.

Um dieser Entdeckung willen nennen wir eben unser Sonnensystem das

_kopernikanische_. Die Bahnen, die Kopernikus den einzelnen Planeten

zuschrieb, waren durchaus falsch, weil er die Gesetze ihrer Bewegung

nicht kannte.

2. _Keplers Gesetze_: _Die drei Gesetze, nach denen sich die

Planeten um die Sonne bewegen, verdanken wir Johann Kepler_ (geb.

1571 zu Weil in Württemberg, gest. 1630 in Regensburg). Er hat sie

durch äußerst mühevolle Rechnungen und Zeichnungen gefunden, die

deswegen so schwierig waren, weil er noch nicht das letzte höhere

Gesetz gefunden hatte, aus dem seine drei Gesetze sich ergeben.

Hier soll nur das zweite bewiesen werden, weil es einen leichten

physikalisch-geometrischen Beweis zuläßt. Die Gesetze lauten:

~a~) _Die Bahnen der Planeten sind Ellipsen, in deren einem gemeinsamen

Brennpunkte die Sonne steht._

~b~) _Die Leitstrahlen_, d. h. die Verbindungslinie der Sonne mit den

Planeten, _beschreiben in gleichen Zeiten gleiche Flächenräume_.

[Illustration: Fig. 46.]

In Fig. 46 bedeutet ~S~ = Mittelpunkt der Sonne, Ellipse ~ABCDEFA~

= Bahn eines Planeten, ~SA~, ~SB~, ~SC~, ~SD~, ~SE~, ~SF~ sind

Leitstrahlen nach verschiedenen Stellungen des Planeten. Das zweite

Gesetz besagt nun: Durchläuft der Planet den Ellipsenbogen ~AB~ in

derselben Zeit wie die Bogen ~BC~, ~CD~, ~EF~, so sind die Flächen

~ABS~, ~BCS~, ~CDS~, ~EFS~ einander gleich.

[Illustration: Fig. 47.]

In Fig. 47 sei ~S~ = Sonne, ~A~ = Punkt einer Planetenbahn. Die Stücke

der Ellipse, die der Planet in sehr kurzen Zeitteilchen, vielleicht in

Sekunden, beschreibt, kann man ohne merklichen Fehler als gerade Linien

ansehen. Angenommen, die Richtung und Geschwindigkeit, mit denen der

Planet in ~A~ ankommt, würden bewirken, daß er in der nächsten Sekunde

nach dem Beharrungsgesetze die Linie ~AB~ zurücklegte, und in derselben

Zeit würde die Anziehungskraft der Sonne ihn von ~A~ bis ~C~ ziehen,

so würde er nach einem allgemeinen Naturgesetze in der Sekunde in

Wirklichkeit die Diagonale ~AD~ des Parallelogramms ~ABDC~ durchlaufen.

Daher müßte er nach dem Beharrungsgesetze in der nächsten Sekunde in

der Richtung von ~AD~ weiter bis ~E~ gehen, so daß ~DE~ = ~AD~, wenn

nicht in derselben Zeit die Anziehungskraft der Sonne ihn in gerader

Linie nach ~F~ zu führen strebte. Somit durchläuft der Planet in der

nächsten Sekunde die Diagonale ~DG~ des Parallelogramms ~DEGF~. Nun

ist aber Dreieck ~ADS~ = ~DES~, weil Grundlinie ~AD~ = ~DE~ und die

zugehörige Höhe, das Lot von ~S~ auf ~AE~, gemeinsam ist; Dreieck ~DES~

= ~DGS~, weil Grundlinie ~DS~ gemeinsam ist und die gegenüberliegenden

Ecken ~E~ und ~G~ auf der zu ~DS~ parallelen Linie ~EG~ liegen. Daher

ist auch Dreieck ~ADS~ = ~DGS~. Das sind aber die Flächenräume, die

der Leitstrahl in zwei aufeinanderfolgenden gleichen Zeitteilchen

beschreibt. Natürlich sind in Wirklichkeit die Dreiecke viel schmäler

als in der Figur, und die Linien ~AD~, ~DG~ usw. bilden keine

gebrochene Linie, sondern einen Ellipsenbogen. Sind aber alle diese

kleinen Teildreiecke gleich, so sind auch die aus je einer gleichen

Anzahl davon gebildeten größeren Flächen (Wege von Stunden, Tagen oder

anderen gleichen Zeiteinheiten) untereinander gleich.

~c~) _Die Quadratzahlen der Umlaufszeiten_ zweier Planeten _verhalten

sich wie die Kubikzahlen ihrer mittleren Abstände_ von der Sonne.

Betrüge also die Umlaufszeit eines Planeten ~t₁~ Tage und sein

mittlerer Abstand von der Sonne _s₁_ ~km~, und wären für einen zweiten

Planeten die entsprechenden Größen ~t₂~ und ~s₂~, so verhält sich stets

~t₁~² : ~t₂~² = ~s₁~³ : ~s₂~³.

Ein Beispiel zur Erläuterung: Die Umlaufszeiten des Merkur und der Erde

sind, auf zwei Stellen berechnet, genau = 87,97 und 365,26 Tage; die

mittlere Entfernung des Merkur von der Sonne beträgt 0,3871, wenn die

der Erde = 1 gesetzt wird; es muß sich also verhalten:

87,97² : 365,26² = 0,3871³ : 1³.

In der Tat sind beide Verhältnisse = 1 : 17,2.

3. _Newtons Gravitationsgesetz._ Auch Keplers Entdeckung konnte noch

nicht befriedigen. Seine drei Gesetze lieferten zwar Ergebnisse, die

den Beobachtungen genau entsprechen, aber das Höchste wäre doch der

Nachweis eines allgemein gültigen Gesetzes gewesen, aus dem jene

Gesetze sich alle ableiten lassen. Diese Aufgabe hat der Engländer

_Isaak Newton_ (geb. 1643, gest. 1727) gelöst durch den strengen

Nachweis des Gesetzes, daß die _Schwerkraft_ oder _Anziehungskraft_,

nach der sich alle Bewegungen (Fall, Wurf, Pendelschwingung) auf der

Erde regeln, nicht bloß auf der Erde, sondern im ganzen Weltall stets

in gleicher Weise wirkt.

Diese Wirkungsweise läßt sich kleiden in das _Gravitationsgesetz_:

_Zwei Körper ziehen einander an im geraden Verhältnis ihrer Massen und

im umgekehrten Verhältnis der Quadratzahlen ihrer Entfernungen._

Danach würde also nicht nur die Erde den fallenden Stein anziehen,

sondern auch dieser die Erde, und das tut er auch; allein wegen des

ungeheuren Übermaßes der Masse der Erde wird der Stein wohl selbst

stark bewegt werden, aber keine nennenswerte Bewegung der Erde

bewirken. Genau so ist es mit der Sonne und den Planeten, deren gesamte

Masse nur 1/700 der Sonnenmasse ausmacht. Das Gravitationsgesetz

stellt also notwendig die Sonne als den regierenden Mittelpunkt des

Planetensystems hin, es erklärt die schnellere Revolution der Planeten,

die der Sonne nahe liegen. Es ist, wie gesagt, auch möglich, die

Keplerschen Gesetze einheitlich aus dem einen Gravitationsgesetze

abzuleiten, man kann nachweisen, daß auch die Bewegung der Trabanten um

ihre Planeten nach diesem Gesetze erfolgt; kurz, es ist der Schlüssel

zu allen Bewegungserscheinungen unseres Weltsystems.

§ 34.

Die Entstehung des Sonnensystems.

1. _Die Kant-Laplacesche Hypothese_ oder _Nebularhypothese_. Über

die Entstehung des Sonnensystems kann es nur Vermutungen, aber kein

sicheres Wissen geben. Die meiste Anerkennung hat die _Kant-Laplacesche

Hypothese_ gefunden.

Hiernach ist die ganze Masse, aus der die Sonne und alle Planeten und

Nebenplaneten wurden, anfangs eine rotierende, glühende Gaskugel von

geringer Dichtigkeit und daher von riesiger Ausdehnung gewesen, so daß

sie bis über die heutige Bahn des Neptun hinaus den Raum erfüllte.

Bei ihrer gewaltigen Wärmeausstrahlung zog sich diese Masse zusammen,

was eine schnellere Rotation zur Folge hatte. Hieraus ergab sich eine

starke Abplattung, die schließlich am Äquator ein solches Überwiegen

der Zentrifugalkraft über die Kohäsion bewirkte, daß Teile am Äquator

sich aus der Masse lösten und als äquatorialer Ring weiter an der

Notation teilnahmen. Dieser Ring kühlte sich schnell weiter ab und zwar

ungleich wegen der stärkeren Wärmeausstrahlung am äußeren Rande, so daß

er zerriß. Die Teile gestalteten sich durch Schwer- und Schwungkraft

wieder kugelförmig, rotierten weiter und umkreisten auch den

Mittelkörper, die Sonne, wie sie es als Teile des Ringes getan hatten.

Das waren also die Planeten, aus denen durch erneute Zusammenziehung,

Abplattung usw. ihre Monde sich lösten. Die Planeten und Monde kühlten

sich durch Wärmestrahlung weiter ab, wurden flüssig, fest. --

2. _Was spricht für die Hypothese?_ Für die Hypothese spricht die

Spektralanalyse, die uns in der Sonne im wesentlichen dieselbe

Elemente nachgewiesen hat, die wir auf der Erde finden. Auch die

Meteoriten enthalten nur Elemente, wie sie auch die Erde aufzuweisen

hat. Die Planeten und Monde sind in ihrer Dichte nach der Größe der

Masse verschieden, der Erdmond ist starr, die Erde nur in der Kruste

erhärtet, die größten Planeten sind noch weich, zum Teil leichter als

Öl. Endlich kann man, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, in

der Fixsternwelt mancherlei beobachten, was den Gedanken nahelegt,

daß wir es dabei mit Sonnensystemen zu tun haben, die sich eben

erst in ähnlicher Weise bilden. Nichtsdestoweniger sind auch aus

Gelehrtenkreisen manche Bedenken gegen die Hypothese vorgebracht

worden. Vor allem wird betont, daß die Drehung der Urnebelmasse wegen

ihrer ungeheuren Ausdehnung eine äußerst langsame gewesen sein müsse.

Daher sei es unerklärlich, woher die zur Abtrennung des äquatorialen

Ringes nötige Geschwindigkeit gekommen und wo diese Drehungsenergie

geblieben sein solle. Neuerdings ist der folgende, sehr gewichtige

Einwand erhoben worden. Nach der Kant-Laplaceschen Hypothese müßten

alle Planeten die Sonne und alle Monde ihre Planeten in derselben

Richtung umkreisen; es steht aber fest, daß der 8. Jupitertrabant und

der äußerste (nach der Zeitfolge der Entdeckung der 9.) Saturntrabant

in der den übrigen Bewegungen entgegengesetzten Richtung kreisen.

Man hat auch andere Hypothesen aufgestellt; aber es ist bisher nicht

gelungen, eine solche zu finden, die ein gleiches oder gar ein größeres

Maß von Wahrscheinlichkeit hätte, als die Nebularhypothese.

Achtes Kapitel.

Die Fixsterne.

§ 35.

Wesen, Größe, Entfernungen und Arten der Fixsterne.

1. _Wesen und wirkliche Größe._ Wir sahen schon, daß die überwiegende

Mehrzahl der sichtbaren Sterne _Fixsterne_ sind, d. h. Sterne, die ihre

gegenseitige Lage nicht zu ändern, also still zu stehen scheinen. Sie

_leuchten im eigenen Lichte_ und zeichnen sich aus durch ein mehr oder

weniger lebhaftes _Funkeln_ (Szintillieren, lat. ~scintilla~ = der

Funke), was man darauf zurückführt, daß ihr Licht sehr bewegliche, in

ihrer Dichtigkeit schnell wechselnde Luftschichten durcheilt, ehe es zu

uns kommt. Auch _in den stärksten Fernrohren_ erscheinen diese Sterne

nicht als Scheiben, sondern _nur als Punkte_, so daß man über ihre

_wirkliche Größe_ nichts sagen kann. Wohl aber ergibt sich, daß sie _in

ungeheuren Entfernungen_ von der Erde stehen müssen.

2. _Scheinbare Größe._ Man teilt die Fixsterne gewöhnlich _nach dem

Grade ihrer Helligkeit_ in Sterne erster, zweiter usw. Größe ein.

Sterne sechster Größe kann nur noch ein gutes Auge ohne Fernrohr

erkennen. Natürlich gibt diese Helligkeit allein noch keinen Anhalt

über die Größe der Sterne, da sie ja auch von ihrer Entfernung mit

abhängt. Die Astronomie führt die Messungen der Lichtstärke mit sehr

sorgfältig gearbeiteten _Photometern_ (griech. = Lichtmesser) aus und

unterscheidet zwischen den Sternen erster, zweiter usw. Größe noch

Zwischenstufen, spricht also von 2,1. oder 3,6. Größe.

3. _Entfernungen der Fixsterne._ Da die Fixsterne im Fernrohre als

Punkte erscheinen, so haben sie keine Horizontalparallaxe. Aber man

kann die Jahresparallaxe der nächsten Fixsterne bestimmen und zur

Berechnung ihrer Entfernungen von der Erde benutzen. Diese Bestimmungen

sind indes mühsam und unsicher und erst für wenige Sterne durchgeführt.

Jedenfalls ist auch der nächste Fixstern noch mehr als 30 Billionen

Kilometer oder 200000 Sonnenweiten von uns entfernt. Das Licht, das in

einer Sekunde 300000 ~km~ zurücklegt und in 8 Minuten von der Sonne

zur Erde gelangt, braucht zu der Reise von jenem Fixsterne mehr als 3

Jahre. Das Licht des hellsten Fixsternes, des Sirius, braucht fast

14 Jahre, das des Polarsternes 43, das der Capella im Sternbilde des

Fuhrmanns 70 Jahre, um zur Erde zu gelangen. Welche Feuerbälle, die auf

solche Entfernungen so helles Licht spenden!

4. _Veränderliche Sterne._ Einige Fixsterne erscheinen teils in

unregelmäßigem, teils in ganz bestimmtem Wechsel bald heller, bald

dunkler; andere hat man ganz plötzlich hell aufflammen, aber dann

wieder schnell dunkler werden sehen, ohne daß sich der Vorgang

wiederholt hätte. Sogar ganz neue Sterne sind schon aufgetaucht und

stets wieder nach einigen Jahren verschwunden. Über die Gründe dieser

Erscheinungen hat man bisher nur Vermutungen. Interessant ist eine

Erklärung, durch die man eine bestimmte Art der Veränderlichkeit

verständlich zu machen sucht. Als Beispiel dient der _Algol_, ein

Stern zweiter Größe im Sternbilde des Perseus. Dieser hat in einem

Zeitraum von etwa 3 Tagen 8¼ Stunden, in denen zuerst sein Glanz 4

Stunden lang bis zur vierten Größe abnimmt, ¼ Stunde dabei bleibt,

dann wieder bis zur zweiten Größe zunimmt. Man hat nun die Vermutung

ausgesprochen, daß es sich um eine Art Verfinsterung durch einen in

regelmäßigen Zwischenräumen an dem Fixstern vorübergehenden dunklen

Stern, also einen Trabanten des Fixsternes, handle. Auch wäre die

Erklärung möglich, daß auf Sternen mit periodischer Verdunkelung schon

eine Abkühlung begonnen hat, die an einem Teile der Oberfläche schon

bis zur Bildung einer dunklen Rinde gediehen ist. Natürlich ist dabei

vorausgesetzt, daß der Stern rotiert; das nimmt man aber nach dem

Muster der Sonne und der Planeten auch von allen Fixsternen an.

5. _Nebelflecke._ Ganz eigenartige Erscheinungen, von denen man in

klarer Nacht eine Anzahl mit bloßem Auge wahrnehmen kann, sind die

_Nebelflecke_. Das Fernrohr und das Spektroskop belehren uns, daß es

sich hier um zweierlei Gebilde handelt. ~a~) Die einen lösen sich

in guten Teleskopen in einzelne Sterne auf und zeigen wie die Sonne

zusammenhängende Farbenspektren, woraus sich auch ergibt, daß es sich

um eine Anzahl glühender fester oder flüssiger Körper, Sterne, handelt.

Diese Flecke nennt man _Sternhaufen_. Ein solcher Sternhaufen ist z.

B. die _Plejaden_gruppe, in der man die hellsten Sterne schon mit

bloßem Auge erkennt. ~b~) Andere Nebelflecke lösen sich auch im größten

Teleskop nicht in Sterne auf und liefern im Spektroskop Linienspektren,

sind also zweifellos Gasmassen. Sie nennt man _echte Nebelflecke_. Der

Gedanke liegt nahe, daß die Hypothese von Kant und Laplace, wenn sie

für unser Planetensystem richtig ist, auch für das ganze Weltall gilt.

Dann hätten wir hier zukünftige Planetensysteme in verschiedenen Stufen

der Entwickelung vor uns. Der berühmte Nebel im Orion zeigt noch ein

wildes Durcheinander; andere Nebel haben mehr kugelige Form, man nennt

sie _planetarische Nebel_. In einzelnen treten helle Stellen hervor,

die sich im Spektrum schon als wirkliche Sterne erweisen; andere, wie

der _Ringnebel_ im Sternbilde der Leier, zeugen von starker Rotation,

die den größeren Teil der Masse in der Peripherie zusammengedrängt

hat. Noch deutlicher tritt eine Rotation des ganzen Nebels nach einer

bestimmten Richtung in der Form der _Spiralnebel_ hervor, die sich

als lange Spirale um den Mittelpunkt herumlegen. Über die Form dieser

Nebel haben wir besonders durch die Vervollkommnung der Photographie

sichere Kenntnis erhalten. Natürlich nehmen wir sie nicht so wahr, wie

sie heute sind; denn ihre Entfernungen sind zu groß, als daß sie noch

gemessen werden könnten. Ihr Licht gebraucht wohl Jahrtausende, um bis

zu uns zu gelangen.

6. _Die Milchstraße._ Jeder kennt das geheimnisvolle, mildleuchtende

Band, das sich fast in einem größten Kreise um den ganzen Himmel

zieht, die _Milchstraße_. Schon geringe Vergrößerungen zeigen, daß

sie sich in eine Fülle kleiner Sterne auflöst; aber auch die stärkste

Vergrößerung und die beste Photographie genügt nicht, um diese Fülle

von Sternen zu scheiden und zu entwirren; immer wieder treten hinter

den herausgelösten Sternen neue Nebelmassen auf. Wir haben es also

sicherlich mit einem gewaltigen Sternhaufen oder einer Anhäufung vieler

Haufen zu tun, und es liegt die Annahme nahe, daß dieser Sternhaufen

uns verhältnismäßig viel näher liegt als die bekannten, meist nur im

Fernrohre wahrnehmbaren Sternhaufen; daher eben die Unmöglichkeit, ihn

zu übersehen. Ja, wegen seiner Stellung nahezu in einem größten Kreise

der Himmelskugel scheint der Gedanke sich zu ergeben, daß unsere Sonne

selbst ihm angehört.

§ 36.

Spektralanalyse der Fixsterne.

1. _Farbe des Fixsternlichtes._ Die meisten Fixsterne strahlen

in weißem Lichte; doch hat man schon im Altertum mit bloßem Auge

wahrgenommen, daß es auch Fixsterne mit rotem Lichte gibt. Zu

diesen gehört z. B. die Beteigeuze, einer der hellsten Sterne im

Sternbilde des Orion. Genauere Beobachtung hat ergeben, daß die

_Fixsterne in den verschiedensten Farben leuchten_, besonders in

mannigfaltigen Schattierungen von Rot und Gelb. Da nun jedenfalls der

Kern aller Fixsterne weißglühend ist, so muß man annehmen, daß diese

verschiedenartige Färbung mit verschiedenartiger Beschaffenheit ihrer

Atmosphären zusammenhängt. Einige Klarheit über diese Atmosphären gibt

die Spektralanalyse.

2. _Einteilung der Fixsterne auf Grund spektroskopischer

Untersuchungen._ Nach der Beschaffenheit ihrer Spektra teilt Professor

Vogel die Fixsterne in _drei Klassen_. Alle liefern bandartige

Farbenspektra, wodurch die Annahme, daß alle einen weißglühenden Kern

enthalten, sich bestätigt.

~a~) Das _Spektrum der ersten Klasse_ zeigt nur die Linien des

Wasserstoffes, absorbiert oder leuchtend, oder höchstens treten neben

den sehr kräftigen Wasserstofflinien die Linien einiger Leichtmetalle

schwach hervor. Diese Sterne zeigen das reinste Weiß in ihrem Licht.

Unser hellster Fixstern, der Sirius, gehört zu ihnen.

~b~) Das _Spektrum der zweiten Klasse_ enthält eine reiche Schar von

Absorptionslinien, besonders der Leichtmetalle, die ebenso scharf

vortreten wie die Wasserstofflinien. Zu ihnen gehört die Sonne.

~c~) Das _Spektrum der dritten Klasse_ zeigt neben den

Absorptionslinien breite Absorptionsbänder, das Kennzeichen von

glühenden Gasen chemischer Verbindungen. Hierher gehören die roten

Sterne.

Man faßt diese drei Klassen als _drei verschiedene Entwickelungsstufen_

auf. Die Fixsterne der ersten Klasse sind noch so heiß, daß die

Metalldämpfe, die jedenfalls in der Atmosphäre vorhanden sind, noch

gar nicht oder wenig imstande sind, das Licht ihrer charakteristischen

Linien zu absorbieren. In der zweiten Klasse ist die Abkühlung so

weit vorgeschritten, daß die Metalldämpfe der Atmosphäre sich durch

Absorption deutlich bemerkbar machen. In der dritten Klasse ist die

Glühhitze so weit gesunken, daß nicht mehr bloß chemische Elemente in

den Körpern glühen, sondern schon Verbindungen zustande gekommen sind.

§ 37.

Bewegungen der Fixsterne.

1. _Doppelsterne._ Die Frage liegt nahe, ob wohl mehr Fixsterne so wie

unser Fixstern, die Sonne, von Planeten umkreist werden. Allerdings ist

darauf kaum jemals eine Antwort zu erwarten, da das Licht beleuchteter

Körper viel zu schwach ist, um aus jenen Fernen zu uns zu dringen. Aber

daß es auch bei den Fixsternen Bewegung nach dem Gravitationsgesetze

gibt, daß also Newtons Gesetz ein wirkliches Weltgesetz ist, das zeigen

uns die Doppelsterne. Im Fernrohre lösen sich nämlich verschiedene

Fixsterne in zwei Sterne auf. Manche davon sind freilich nur _optische

Doppelsterne_, d. h. Sterne von großer gegenseitiger Entfernung, die

für uns nur in derselben Gesichtslinie liegen; von einer großen Anzahl

aber steht fest, daß sie einander wirklich nahestehen und umkreisen

oder vielmehr beide sich um einen gemeinsamen, zwischen ihnen liegenden

Schwerpunkt bewegen. Solch ein _physischer Doppelstern_ ist z. B. der

zweite Stern in der Deichsel des Großen Wagens (Bären).

2. _Einzelbewegung anderer Fixsterne._ Bezeichnet man die Stellung

eines Fixsternes in längeren Zwischenräumen, etwa von Jahrzehnten,

genau im Meridian, so zeigt sich, daß dieselbe sich ändert. Also

stehen die Fixsterne nur scheinbar still; in Wahrheit haben sie alle

_Eigenbewegung_. Daß es sich hier um eine wirkliche Bewegung handelt

und nicht um eine scheinbare, ergibt sich daraus, daß ihre Richtung

und Geschwindigkeit für jeden Stern eine andere ist. Man kann sogar

feststellen, ob und wie weit sich dabei der Stern auf uns zu oder von

uns fort bewegt. Das macht die Betrachtung der Sternspektra möglich.

Bekanntlich richtet sich nach der Zahl der Ätherschwingungen, die in

einer Sekunde in unser Auge gelangen, die Art der Farbenempfindung. Die

Zahl wächst in der Reihenfolge der Farben des Spektrums vom Rot zum

Violett, so daß für Rot 430, für Violett 800 Billionen Schwingungen

nötig sind. Offenbar wird nun von einem Fixsterne, der sich uns mit

gewaltiger Geschwindigkeit nähert, eine größere, von einem sich ebenso

entfernenden Fixsterne eine kleinere Zahl von Ätherschwingungen in

der Sekunde zu uns gelangen, als von einem solchen, der beständig

dieselbe Entfernung behält, sowie etwa von der Lokomotivpfeife eines

heranbrausenden Eisenbahnzuges mehr, von einem abfahrenden Zuge

weniger Luftwellen in der Sekunde in unser Ohr kommen, als von einem

stillstehenden Zuge, oder wie einen gegen den Wellengang fahrenden Kahn

mehr, einen mit ihm fahrenden Kahn weniger Wellen treffen, als einen

verankerten Kahn in derselben Zeit. Daher wird das Spektrum eines auf

uns zueilenden Fixsternes schon rot leuchten in einem Gebiete, das im

Spektrum eines Fixsternes, dessen Entfernung von uns sich nicht ändert,

nur ultrarote Strahlen erhält, d. h. es verschiebt sich nach Rot zu.

Daraus ergibt sich sofort, daß die feststehenden Absorptionslinien

eines Gases, z. B. des Wasserstoffes, in jenem Spektrum nach der

entgegengesetzten Seite, nach Violett zu, verschoben erscheinen.

Umgekehrt müssen diese Linien im Spektrum eines sich entfernenden

Sternes nach Rot zu verschoben erscheinen. Solche Verschiebungen im

Vergleich zum Sonnenspektrum hat nun die Spektralanalyse für zahlreiche

Fixsterne zweifellos festgestellt und zwar für jeden andere. Die

mittlere Entfernung der Sonne von uns kann sich nicht ändern, da wir

jede etwaige Eigenbewegung derselben mitmachen würden. Im Vergleich

zum Sonnenspektrum zeigt nun das Spektrum des Sirius z. B. die

Absorptionslinien nach dem roten Ende hin verschoben; also entfernt

er sich von unserem Planetensystem. Sogar die Geschwindigkeit dieser

Bewegung ist für den Sirius festgestellt worden.

3. _Bewegung der Sonne._ Jetzt liegt die Frage nahe, ob nicht auch

vielleicht die Sonne mit ihrer ganzen Planetenschar sich im Raum

vorwärts bewegt. Auch das ist nachgewiesen; die Sonne bewegt sich mit

einer Geschwindigkeit von ca. 50 ~km~ in der Sekunde auf eine Gegend im

Sternbilde des Herkules zu. Ja, es scheint sogar festzustehen, daß die

Bewegung vieler anderer Fixsterne auf dieselbe Gegend gerichtet ist, so

daß wir es vielleicht mit einem ganzen Fixsternsysteme zu tun haben.

§ 38.

Wie orientiert man sich am Sternenhimmel?

1. _Sternbilder._ Seit den ältesten Zeiten hat die geheimnisvolle

Majestät des Sternenhimmels die Augen der Menschen angezogen, und man

hat früh angefangen, hervorragend helle Sterne mit Namen zu versehen,

um dann von diesen Sternen aus sich leichter am Himmel zu orientieren.

Wie wir schon wissen, wurden auch ganze Gruppen von Fixsternen zu

_Sternbildern_ zusammengefaßt und mit Namen belegt. Diese nahm man

teils von Figuren, die die Phantasie in den Fixsterngruppen zu sehen

glaubte, teils von mythischen, sagenhaften und berühmten Personen. Alle

möglichen Sprachen sind an dieser Namengebung beteiligt, besonders

Chaldäisch, Griechisch und Arabisch. Die Bilder des Tierkreises, die

schon aufgezählt wurden, haben ihre Namen wahrscheinlich zum guten

Teile von den Jahresarbeiten des Landmannes erhalten. Die Astronomie

bezeichnet in den Sternbildern wieder die einzelnen Sterne nach ihrer

Helligkeit mit den ersten Buchstaben des griechischen Alphabets.

2. _Aufsuchen einiger Sterne und Sternbilder._ Zum leichten Auffinden

einiger besonders bekannten Sterne und Sternbilder dienen folgende

Bemerkungen. Wir beginnen mit dem Sternbilde des _Großen Bären_ oder

_Großen Wagens_, das allbekannt und leicht aufzufinden ist wegen

der Helligkeit und eigenartigen Stellung seiner Sterne und weil es

stets die ganze Nacht am Himmel steht. Es besteht aus drei Sternen

zweiter und einem Sterne dritter Größe, die im Viereck stehen, und

drei Sternen zweiter Größe, die im Bogen von dem Viereck ausgehen. Das

Ganze erinnert an einen Wagen. Einige kleinere Sternchen gehören noch

mit zu dem Sternbilde; doch können wir diese übergehen; erwähnenswert

ist höchstens noch ein Sternchen über dem Mittelstern der Deichsel,

das Reiterlein genannt. Verlängern wir die Verbindungslinie der

beiden Hinterräder etwa um vier Achsenlängen, so kommen wir auf

den _Polarstern_, einen Stern zweiter Größe, der selbst wieder die

Deichselspitze des _Kleinen Bären_ oder _Wagens_ bildet; die Sterne

darin stehen ähnlich wie im Großen Bären, sind aber weniger hell.

Verlängert man die Linie von dem helleren Vorderrade des Großen Bären

zum Polarstern über diesen hinaus etwa um sich selbst, so stößt man auf

einen Stern zweiter Größe, den äußersten von vier Sternen zweiter und

einem Stern dritter Größe, die in der Gestalt eines lateinischen ~W~

zum Teil in der Milchstraße stehen, das Sternbild _Kassiopeia_. Eine

Linie, die die beiden unteren, dem Polarstern abgekehrten Räder des

Großen Bären verbindet, führt, in der Richtung der Deichsel verlängert,

auf einen prachtvollen Stern erster Größe, den _Arktur_ im Sternbilde

des _Boṓtes_ (griech. = Ochsentreiber). Die Verbindungslinie des

ersten und letzten Sternes der Deichsel des Großen Wagens führt nach

der entgegengesetzten Seite hin auf einen Stern erster Größe, nahe

am Äquator gelegen, _Beteigeuze_. Dieser Stern gehört dem schönsten

Sternbilde des Himmels an, das halb nördlich, halb südlich vom Äquator

liegt, dem _Orion_. Erkennbar ist es an seinen sieben hervorragendsten

Sternen. Von diesen bilden vier ein schiefes längliches Viereck; in der

einen Diagonale liegt Beteigeuze und, südlich vom Äquator, ebenfalls

ein Stern erster Größe, _Rigel_. In der Mitte des Vierecks stehen dicht

nebeneinander in schräger Linie drei Sterne zweiter Größe, der _Gürtel

des Orion_ oder _Jakobsstab_. Gerade diese machen durch ihre Stellung

das Sternbild besonders kenntlich. Die Verlängerung des Jakobsstabes

nach der Seite der Beteigeuze hin trifft den _Sirius_, den hellsten

aller Fixsterne, im Sternbilde des _Großen Hundes_. Ziemlich auf der

Mitte zwischen Rigel und Polarstern liegt der Stern erster Größe

_Capella_ (lat. Böckchen) im _Fuhrmann_. Zwischen Fuhrmann und Orion

schiebt sich nach der dem Großen Hunde entgegengesetzten Seite ein

Sternbild des Tierkreises, _der Stier_ mit dem Sterne erster Größe

_Aldebaran_, ein. Ein zweites Sternbild des Tierkreises finden wir auf

der Mitte zwischen dem unteren Hinterrade des Großen Wagens und dem

Sirius. Hier liegt nämlich der Stern erster Größe _Pollux_, der mit

dem daneben stehenden Sterne zweiter Größe _Kastor_ dem Sternbilde

der _Zwillinge_ angehört. Das Sternbild des Löwen treffen wir durch

Verlängerung der Vorderachse des Großen Wagens über den helleren

der beiden Sterne hinaus in seinem hellsten Sterne (erster Größe)

_Regulus_. Dieselbe Linie geht, nach der entgegengesetzten Seite

verlängert, ganz nahe an zwei Sternen erster Größe vorbei, die mit

einem anderen nicht allzuweit davon stehenden Sterne erster Größe in

einem Dreieck liegen; der erste ist die _Wega_ in der _Leier_, der

zweite, entfernteste, der _Atair_ im _Adler_, der dritte der _Deneb_ im

_Schwan_.

3. _Sternkarten._ Zu genaueren Beobachtungen sind Sternkarten

unentbehrlich. Eine bessere Karte des nördlichen Sternhimmels enthält

wenigstens 24 Meridiane, die Stundenkreise, in der Projektion als

divergente Linsen vom Nordpole aus erscheinend, den Äquator und einige

Deklinationskreise, als konzentrische Kreise um den Pol erscheinend,

und die halbe Ekliptik. Da die 24 Meridiane je 360/24 = 15° voneinander

liegen, so ist klar, daß die Sterne auf dem einen immer eine Stunde

früher kulminieren, als die auf dem nächsten nach Osten zu. Sind die

Linien nicht als Stundenkreise, sondern nach Graden der Rektaszension

bezeichnet, so ist festzuhalten, daß ein Grad immer einen Unterschied

von 4 Minuten in der Kulmination bedeutet. Der 0te Stundenkreis,

von dem aus man im Äquator die Rektaszension mißt, als der zum

Frühlingspunkte gehende, ist dadurch sicher am Himmel gekennzeichnet,

daß er durch β der Kassiopeia geht, den Stern, den wir vorher mit

unserer Verbindungslinie vom γ des Großen Bären durch den Polarstern

her trafen.

Diese Verbindungslinie lehrt übrigens auch, daß γ des Großen Bären

180° Rektaszension hat, oder daß er 12 Stunden nach β der Kassiopeia

kulminiert. Offenbar beginnt nun für einen Ort ein Sterntag, wenn der

0te Stundenkreis oder β der Kassiopeia kulminiert, d. h. durch den

Ortsmeridian geht, der durch Zenit und Polarstern gelegt zu denken ist.

Weiß man diese Stunde, so ist es nicht schwer, aus der vorher auf der

Karte abgelesenen Rektaszension zu berechnen, wann ein anderer Stern,

den man beobachten möchte, im Meridian stehen wird. Die Schwierigkeit

liegt darin, daß Sternzeit und Sonnenzeit nur zweimal zusammenfallen.

Aber man kann, davon ausgehend, daß am 22. September für beide Zeiten

der Tag um Mitternacht beginnt, sich eine Tabelle anlegen. Nach dieser

würde der Sterntag am 23. September um 11 Uhr 56 Minuten, am 24.

September um 11 Uhr 52 Minuten, am 6. Oktober um 11 Uhr nachts, am

22. März um 12 Uhr mittags beginnen. Außerdem wird freilich noch die

Ortszeit in mitteleuropäische Zeit umgerechnet werden müssen, weil nach

dieser meistens die Uhren gestellt sein werden. Auch die Deklination

des Sternes liefert uns die Karte. Diese kann ja bekanntlich am

Himmel mit Instrumenten gemessen werden. Für gröbere Bestimmungen

genügt eine Abschätzung im Meridian. Bei einiger Übung ist das nicht

zu schwer, wenn man den Äquator festhalten kann. Dieser ist der

größte zur Himmelsachse senkrechte Kreis, der durch δ des Orion, den

oberen von Beteigeuze abgewandten Gürtelstern, geht. Kulminationszeit

und Deklination aber lassen uns leicht den Stern, den wir suchen,

auffinden. Anfänger stört gewöhnlich der Umstand, daß der Sternhimmel

an jedem Abend anders erscheint, daß die Sterne, die um eine bestimmte

Stunde kulminieren, am nächsten Abend um dieselbe Zeit die Kulmination

schon hinter sich haben, daß in der Gegend des Himmelsäquators im Laufe

des Jahres immer neue Sternbilder sichtbar und dann wieder unsichtbar

werden. Für sie ist der Gebrauch _drehbarer Sternkarten_ sehr

empfehlenswert. Auf diesen kann man ziemlich genau sehen, wie um eine

beliebige Stunde an einem beliebigen Tage der Fixsternhimmel aussieht.

4. _Orte wissenschaftlicher Beobachtung._ Zur wissenschaftlichen

Beobachtung des Sternenhimmels sind große Sternwarten mit den

mannigfaltigsten Meß-, Photographie-, Spektral- und Fernsehapparaten

nötig. Solche Sternwarten gibt es in den meisten Universitätsstädten.

Genannt seien die von Berlin, Leipzig, Straßburg, Wien, Greenwich,

Nizza, Pulkowa bei Petersburg, die Sternwarte der Harvard-Universität

in Cambridge bei Boston, die Licksternwarte auf dem Mount Hamilton

in Kalifornien; ganz bestimmten Gebieten, z. B. der Beobachtung und

Berechnung der Eigenbewegung der Fixsterne, dient das vorzüglich

eingerichtete astrophysikalische Observatorium zu Potsdam.

[Illustration: Dekoration]

Anhang.

Bedeutende Astronomen.

Um 600 v. Chr.

_Thales_ von Milet sagte eine Sonnenfinsternis voraus, kannte die

scheinbare Jahresbahn der Sonne.

Um 550 v. Chr.

_Anaximander_ lehrte, daß die Erde keine Scheibe sein könne, hielt

sie für walzenförmig.

Um 190--125 v. Chr.

_Hipparchus_ erkannte die ungleiche Länge der Jahreszeiten. Er

stellte ein Weltsystem auf und lehrte, daß die Erde nicht im

Mittelpunkte der Jahresbahn der Sonne liege.

Um 130 n. Chr.

_Claudius Ptolemäus_ bildete das Weltsystem des Hipparchus weiter

aus. Seine Anschauungen galten bis Kopernikus.

1473--1543.

_Nikolaus Kopernikus_ stellte das nach ihm genannte

Sonnensystem auf.

1546--1601.

_Tycho de Brahe_, ein Däne, stellte gegen Kopernikus ein

vermittelndes System auf.

1564--1643.

_Galileo Galilei_ lebte in Pisa und Padua, entdeckte mit Hilfe

des eben erfundenen Fernrohres die Monde des Jupiter, die Phasen

des Merkur und der Venus, den Ring des Saturn, die Sonnenflecke

und die Mondgebirge.

1571--1630.

_Johann Kepler_ entdeckte die drei Gesetze der Planetenbewegung.

1643--1727.

_Isaak Newton_, ein Engländer, entdeckte das Gravitationsgesetz.

1738--1822.

_Friedrich Wilhelm Herschel_, ein geborener Deutscher, lebte in

England. Er war ein Meister der Beobachtung, entdeckte den

Uranus.

1749--1827.

_Pierre Simon de Laplace_, ein Franzose, stellte die nach ihm

benannte Hypothese über die Entstehung des Sonnensystems auf.

(Ebenso der Königsberger Philosoph Immanuel Kant.)

1784--1846.

_Friedrich Wilhelm Bessel_ in Königsberg stellte zuerst die

Entfernung eines Fixsternes mit Hilfe seiner Parallaxe fest.

1811--1877.

_Joseph Leverrier_, ein Franzose, entdeckte durch Rechnung den

Neptun (1846), den dann in demselben Jahre _Galle_ in Berlin

auffand.

geb. 1835.

_Giovanni Virginio Schiaparelli_, Astronom in Mailand, hat

bahnbrechende Untersuchungen über den Mars, die Sternschnuppen

und die Kometen angestellt.

Empfehlenswerte Werke zur Fortbildung.

_Meyer_, ~Dr.~ _M. Wilhelm_, Das Weltgebäude. Eine

gemeinverständliche Himmelskunde. Leipzig und Wien. 2. Aufl.

1908.

_Ule_, Die Wunder der Sternenwelt. Ein Ausflug in den

Himmelsraum. 5. Aufl. Bearbeitet von ~Dr.~ Hermann J. Klein.

Leipzig 1909.

_Diesterwegs_ Populäre Himmelskunde und mathematische

Geographie. Neu bearbeitet von ~Dr.~ M. Wilhelm Meyer. 21.

Aufl. Hamburg 1909.

_Klein_, Handbuch der allgemeinen Himmelsbeschreibung nach dem

Standpunkte der astronomischen Wissenschaft am Schlusse des

19. Jahrhunderts. 3. Aufl. Braunschweig 1901.

_Geißler_, Anschauliche Grundlagen der mathematischen Erdkunde

zum Selbstverstehen und zur Unterstützung des Unterrichts.

Leipzig 1904.

_Martus_, Astronomische Erdkunde. 3. Aufl. Dresden 1904.

_Günther, S._, Handbuch der mathematischen Geographie.

Stuttgart 1890.

Mathematische Geographie für Lehrerbildungsanstalten · 第 20 / 21 题