Rönne wollte nach Antwerpen fahren, aber wie ohne Zerrüttung? Er konnte
nicht zu Mittag kommen. Er mußte angeben, er könne heute nicht zu Mittag
kommen, er fahre nach Antwerpen. Nach Antwerpen hätte der Zuhörer gedacht?
Betrachtung? Aufnahme? Sich ergehen? Das erschien ihm ausgeschlossen. Er
zielte auf Bereicherung und den Aufbau des Seelischen.
Und nun stellte er sich vor, er säße im Zug und müßte sich plötzlich
erinnern, wie jetzt bei Tisch davon gesprochen wurde, daß er fort sei; wenn
auch nur nebenbei, als Antwort auf eine kurz hingeworfene Frage, jedenfalls
aber doch so viel, er seinerseits suche Beziehungen zu der Stadt, dem
Mittelalter und den Scheldequais.
Erschlagen fühlte er sich, Schweißausbrüche. Eine Krümmung befiel ihn, als
er seine unbestimmten und noch gar nicht absehbaren, jedenfalls aber doch
so geringen und armseligen Vorgänge zusammengefaßt erblickte in Begriffen
aus dem Lebensweg eines Herrn.
Ein Wolkenbruch von Hemmungen und Schwäche brach auf ihn nieder. Denn wo
waren Garantien, daß er überhaupt etwas von der Reise erzählen könnte,
mitbringen, verlebendigen, daß etwas in ihn träte im Sinne des Erlebnisses?
Große Rauheiten, wie die Eisenbahn, sich einem Herrn gegenüber gesetzt
fühlen, das Heraustreten vor den Ankunftsbahnhof mit der zielstrebigen
Bewegung zu dem Orte der Verrichtung, das alles waren Dinge, die konnten
nur im geheimen vor sich gehen, in sich selber erlitten, trostlos und tief.
Wie war er denn überhaupt auf den Gedanken gekommen, zu verlassen, darin er
seinen Tag erfüllte? War er tollkühn, herauszutreten aus der Form, die ihn
trug? Glaubte er an Erweiterung, trotzte er dem Zusammenbruch?
Nein sagte er sich, nein. Ich kann es beschwören: nein. Nur als ich vorhin
aus dem Geschäft ging, nach Veilchen roch man wieder, gepudert war man
auch, ein Mädchen kam heran mit weißer Brust, es erschien nicht
ausgeschlossen, daß man sie eröffnet. Es erschien nicht ausgeschlossen, daß
man prangen würde und strömen. Ein Strand rückte in den Bereich der
Möglichkeiten, an den die blaue Brust des Meeres schlug. Aber nun zur
Versöhnung will ich essen gehn.
* * *
Durch Verbeugung in der Türe anerkannte er die Individualitäten. Wer wäre
er gewesen? Still nahm er Platz. Groß wuchteten die Herren.
Nun erzählte Herr Friedhoff von den Eigentümlichkeiten einer tropischen
Frucht, die einen Kern enthalte von Eigröße. Das Weiche äße man mit einem
Löffel, es habe gallertartige Konsistenz. Einige meinten, es schmecke nach
Nuß. Er demgegenüber habe immer gefunden, es schmecke nach Ei. Man äße es
mit Pfeffer und Salz. Es handelte sich um eine schmackhafte Frucht. Er habe
davon das Tages 3--4 gegessen und einen ernstlichen Schaden nie bemerkt.
Hierin trat Herrn Körner das Außerordentliche entgegen. Mit Pfeffer und
Salz eine Frucht? Das erschien ihm ungewöhnlich, und er nahm dazu Stellung.
Wenn es ihm doch aber nach Ei schmeckt, wies Herr Mau auf das Subjektive
des Urteils hin, gleichzeitig etwas wegwerfend, als ob er seinerseits
nichts Unüberbrückbares sähe. Außerdem so ungewöhnlich sei es doch nun
nicht, führte Herr Offenberg zur Norm zurück, denn z. B. die Tomate? Wie
nun vollends, wenn Herr Kritzler einen Oheim aufzuweisen hatte, der noch
mit 70 Jahren Melone mit Senf gegessen hatte, und zwar in den Abendstunden,
wo Derartiges bekanntlich am wenigsten bekömmlich sei?
Alles in allem: Lag denn in der Tat eine Erscheinung von so ungewöhnlicher
Art vor, ein Vorkommnis sozusagen, das die Aufmerksamkeit weiterer Kreise
auf sich zu lenken geeignet war, sei es, weil es in seinen
Verallgemeinerungen bedenkliche Folgeerscheinungen hätte zeitigen können,
sei es, weil es als Erlebnis aus der besonderen Atmosphäre des Tropischen
zum Nachdenken anzuregen geeignet war?
Soweit war es gediehen, als Rönne zitterte, Erstickung auf seinem Teller
fand und nur mit Mühe das Fleisch aß.
Ob er aber nicht doch vielleicht eine Banane gemeint habe, bestand Herr
Körner, diese weiche, etwas mürbe und längliche Frucht?
Eine Banane, wuchs Herrn Friedhoff auf? Er, der Kongokenner?? Der
langjährige Befahrer des Moabangi? Nein, das nötigte ihm geradezu ein
Lächeln ab! Weit entschwand er über diesen Kreis. Was hatten sie denn für
Vergleiche? Eine Erdbeere oder eine Nuß, vielleicht hie und da eine Marone,
etwas südlicher. Er aber, der beamtete Vertreter in Hulemakong, der aus den
Dschungeln des Jambo kam?
Jetzt oder nie, Aufstieg oder Vernichtung, fühlte Rönne, und: wirklich nie
einen ernstlichen Schaden bemerkt? tastete er sich beherrschten Lautes in
das Gewoge, Erstaunen malend und am Zweifel des Fachmanns: Vor dem Nichts
stand er; ob Antwort käme?
Aber saß denn nicht schließlich auf dem Stuhl aus Holz er, schlicht
umrauscht von dem Wissen um das Gefahrvolle der Tropenfrucht, wie in Sinnen
und Vergleichen mit Angaben und Erzählungen ähnlicher Erlebnisse, der
schweigsame Forscher, der durch Beruf und Anlage wortkarge Arzt? Dünn sah
er durch die Lider, vom Fleisch auf, die Reihe entlang, langsam erglänzend.
Hoffnung war es noch nicht, aber ein Wehen ohne Not. Und nun eine
Festigung: mehreren Herren schien in der Tat die nochmalige Bestätigung
dieser Tatsache zur Behebung von etwa aufgestiegenen Bedenken von Wert zu
sein. Und nun war kein Zweifel mehr: einige nickten kauend.
Jubel brach aus, Triumphgesänge. Nun hallte Antwort mit Aufrechterhaltung
gegenüber Zweiflern, und das galt ihm. Einreihung geschah, Bewertung trat
ein; Fleisch aß er, ein wohlbekanntes Gericht; Äußerungen knüpften an ihn
an, zu Ansammlungen trat er, unter ein Gewölbe von großem Glück; selbst
Verabredung für den Nachmittag zuckte einen Augenblick lang ohne Erbeben
durch sein Herz.
Aus Erz saßen die Männer. Voll kostete Rönne seinen Triumph. Er erlebte
tief, wie aus jedem der Mitesser ihm der Titel eines Herrn zustieg, der
nach der Mahlzeit einen kleinen Schnaps nicht verschmähte und ihn mit einem
bescheidenen Witzwort zu sich nimmt, in dem Ermunterung für die andern,
aber auch die entschiedene Abwehr jeglichen übermäßigen Alkoholgenusses
eine gewisse Atmosphäre der Behaglichkeit verbreitete. Der Eindruck der
Redlichkeit war er und des schlichten Eintretens für die eigene
Überzeugung; aber auch einer anderweitigen Auffassung gegenüber würde er
gern zugeben; da ist was Wahres dran. Geordnet fühlte er seine Züge; kühler
Gelassenheit, ja Unerschütterlichkeit auf seinem Gesicht zum Siege
verholfen, und das trug er bis an die Tür, die er hinter sich schloß.
* * *
Schattenhaft ging er durch den Gang, nun wieder im Gefühl des Schlafes, in
den man sank ohne einen Wirbel über sich zu lassen, negativ verendet, nur
als Schnittpunkt bejaht. Zwei Huren wuschen den Gang auf, von weitem schon
ihn wahrnehmend, aber sich in die Arbeit versunken stellend, bis er da war.
Nun erst trat in die Augen das jähe Erkennen, Keuschheit und Verheißung aus
der Reife des Bluts.
Rönne aber dachte, ich kenne euch Tiere, über dreihundert Nackte jeden
Morgen! aber wie stark ihr die Liebe spielt! Eine kannte ich, die war an
einem Tag von Männern einem Viertelhundert der Rausch gewesen, die Schauer
und der Sommer, um den sie blühten. Sie stellte die Form, und es geschah
das Wirkliche. Ich will Formen suchen und mich hinterlassen; Wirklichkeiten
eine Hügelkette, o von Dingen ein Gelände.
Er trat aus dem Haus. Helle Avenuen waren da, Licht voll Entrückung,
Daphneen im Erblühn. Es war eine Vorstadt; Armes aus Kellern, Krüppel und
Gräber, soviel Ungelacht. Rönne aber dachte, jeder Mensch dem ich begegne,
ist noch ein Sturm zu seinem Glück. Nirgends meine schwere, drängende
Zerrüttung.
Er ging langsam, er schürfte sich vor. Es war eine ungewohnte
Straßenstunde, ihm seit Monaten nicht mehr bekannt. Er blätterte das
Entgegenkommende behutsam auseinander mit seinen tastenden, an der Spitze
leicht ermüdbaren Augen.
Aufzunehmen gilt es, rief er sich zu, einzuordnen oder prüfend zu übergehn.
Aus dem Einstrom der Dinge, dem Rauschen der Klänge, dem Fluten des Lichts
die stille Ebene herzustellen, die er bedeutete.
Es war eine fremde Gegend, durch die er ging, aber es mochte immerhin ein
Bekannter kommen und fragen, woher und wohin. Und obschon er einen
Patienten jederzeit hierfür zur Hand gehabt hätte, so war es doch nicht der
Fall, und ihm graute vor dem Erlebnis, vor dem er stehen würde: daß er aus
dem Nichts in das Fragwürdige schritt, im Antrieb eines Schatten, keiner
Verknotung mächtig, und dennoch auf Erhaltung rechnend.
Scheu sah er sich um; höhnisch standen Haus und Baum; unterwürfig eilte er
vorbei. Haus, sagte er zum nächsten Gebäude; Haus zum übernächsten; Baum zu
allen Linden seines Wegs. Nur um Vermittelung handele es sich, in
Unberührtheit blieben die Einzeldinge; wer wäre er gewesen, an sich zu
nehmen oder zu übersehen oder, sich auflehnend, zu erschaffen? Ein bißchen
durch die Sonne gehen, mehr wollte er ja nicht; es warm haben, und der
Himmel hatte ein Blau: nie endend, mütterlich und sanft vergehend.
Weit war er noch nicht von seinem Krankenhaus entfernt, da übermannte ihn
schon die Not. Wohin trug er sich denn, etwa in das All? War er der Träumer
denn, weich streifend den Hang, oder der Hirt auf den Hügeln? Trat an die
Maikastanie vielleicht er, den Ast beklopfend mit dem Hornmesser, bis in
Saft vom Zweige die Rinde glitt und wurde die gehöhlte Flöte? Gesänge,
hatte er sie? War er vielleicht der Freie, der in Segeln schritt, und
überall die Erde, löschend mit seinem Blick? O, er war wohl schon zuweit
gegangen! Schon schwankte vor der Straße Feld unter gelben Stürmen
gefleckter Himmel, und ein Wagen hielt am Saum der Stadt. Zurück! hieß es;
denn heran wogte das Ungeformte, und das Uferlose lag lauernd.
Nun nahm ihn wieder die Straße auf, schnurgerade und unter einem flachen
Licht. Von Tür zu Tür lief sie, und sachlich um den Fuß der Botenfrau; aus
den Kellern über sie wehte die Küche Nahrung und Notdurft; vor dem Spiegel
der Herr kämmte achtbar seinen Bart; klang der Fuß auf Metall, sorgte für
Entwässerung das Gemeinwohl; lag ein Gitterchen an der Mauer, kam im Winter
nicht der Frost, und in ihr Recht traten Förder und Schacht?
Wie einsam steht es um die Straße, dachte Rönne, sie ist eindeutig fixiert
und wird entwicklungsgeschichtlich kaum durchdacht; aber schön und sicher
ist es, hier zu wandeln, so dicht am Leib mündet sie, und eigentlich ist es
kein Gehen mehr, sondern ein Träumen auf dem Rücken des Zwecks.
Dann prangten zwischen Pelz und Locken Damen in den Abend ihr Geschlecht.
Blühen, Züngeln, Fliedern der Scham aus Samt und Bänder über Hüften. Rönne
labte sich an dem Geordneten einer Samtmantille, an der restlos gelungenen
Unterordnung des Stofflichen unter den Begriff der Verhüllung; ein Triumph
trat ihm entgegen zielstrebigen, kausal geleiteten Handelns. Aber -- und
plötzlich sah er die Frau nackt -- diese nicht; es müßte die Ernüchterte
sein, die sich noch einmal krümmen ließe.
Da trat ein Herr auf ihn zu, und ha ha, und schön Wetter ging es hin und
her, Vergangenheit und Zukunft eine Weile im kategorialen Raum. Als er fort
war, taumelte Rönne. Sie alle lebten mit Schwerpunkten auf Meridianen
zwischen Refraktor und Barometer, er nur sandte Blicke über die Dinge,
gelähmt von Sehnsüchten nach einem Azimuth, nach einer klaren logischen
Säuberung schrie er, nach einem Wort, das ihn erfaßte. Wann würde er der
erzene Mann, um den tags die Dinge brandeten und des Nachts der Schlaf, der
gelassen vor einem Bahnhof stände, wieviel Erde es auch gäbe, der
Verwurzelte, der Unerschütterliche!
Reisen hatte er gewollt, aber nun schienen Gleise über die Straße, und
schon sank sein Blick. Oh, daß es eine Erde gab, wirklich grün, stark
irden, silbern verfernt, über die die Augen strichen wie ein Flügel, und
Städte, flache weiße, an Küsten, und Kutter, braune, die man hinnahm,
liebte und vergaß.
Oder ein Leben um das Radwerk einer Uhr. Um Hyazinthenknollen die Hand. Die
Schulter, die das Fischnetz zog, silbern und ihr Abwurf auf den Strand.
Da, durch die helle dünne Luft, in die die Knospen ragten, und unter dem
ersten Stern, kam eine Frau vorbei und roch blau und langte Rönne nach dem
Schädel und legte ihn tief in den Nacken, bettend, und über der Stirn stand
die frühe Nacht.
Rönne schluchzte auf: wer knirschte so tief wie ich unter dem Stoff, wer
ist so geknechtet von den Dingen nach Zusammenhang als ich, aber eben dies
schweifende Gewässer, tief, dunkel und veilchenfarben, aus dem Aufklaff
einer Achsel -- mich stäubt Zermalmung an.
Zwischen die Straßen rinnt Nacht, über die weißen Steine blaut es, es
verdichtet sich die Entrückung; die Sträucher schmelzen, welches Vergehn!
--
Nun fiel ein Regen und löste die Form. Wohnungen traten unter laues Wasser,
in Frühlingsgewölke stand alle Stadt. Über ihr aber schwebte er, entrückt,
einsam, mit einer Krone irgendwoher. Jäh wurde er der Herr mit Koffer, der
auf die Reise ging durch Aue und Rand. Schon wogten Hügel heran, weich
bewäldert; nun brüderlich die Äcker, die Versöhnung kam.
Er sah die Straße entlang und fand wohin.
Einrauschte er in die Dämmerung eines Kinos, in das Unbewußte des
Parterres. In weiten Kelchen flacher Blumen bis an die verhüllten Ampeln
stand rötliches Licht. Aus Geigen ging es, nah und warm gespielt, auf der
Ründung seines Hirns, entlockend einen wirklich süßen Ton. Schulter neigte
sich an Schulter, eine Hingebung; Geflüster, ein Zusammenschluß;
Betastungen, das Glück. Ein Herr kam auf ihn zu, mit Frau und Kind,
Bekanntschaft zuwerfend, breiten Mund und frohes Lachen. Rönne aber
erkannte ihn nicht mehr.
Er war eingetreten in den Film, in die scheidende Geste, in die mythische
Wucht.
Groß vor dem Meer wölkte er um sich den Mantel, in hellen Briesen stand in
Falten der Rock; durch die Luft schlug er wie auf ein Tier, und wie kühlte
der Trunk den Letzten des Stamms.
Wie er stampfte, wie rüstig blähte er das Knie. Die Asche streifte er ab,
lässig, benommen von den großen Dingen, die seiner harrten aus dem Brief,
den der alte Diener brachte, auf dessen Knien der Ahn geschaukelt.
Zu der Frau am Bronnen trat edel der Greis. Wie stutzte die Amme, am Busen
das Tuch. Wie holde Gespielin! Wie Reh zwischen Farren! Wie ritterlich
Weidwerk! Wie Silberbart!
Rönne atmete kaum, behutsam, es nicht zu zerbrechen. Denn es war
vollbracht, es hatte sich vollzogen.
Über den Trümmern einer kranken Zeit hatte sich zusammengefunden die
Bewegung und der Geist, ohne Zwischentritt. Klar aus den Reizen segelte der
Arm; vom Licht zur Hüfte, ein heller Schwung, von Ast zu Ast.
In sich rauschte der Strom. Oder wenn es kein Strom war, ein Wurf von
Formen, ein Spiel in Fiebern, sinnlos und das Ende um allen Saum.
Rönne, ein Gebilde, ein heller Zusammentritt, zerfallend, von blauen
Buchten benagt, über den Lidern kichernd das Licht.
Er trat auf die Avenue. Er endete in einem Park.
Dunkel drohte es auf, bewölkt und schauernd, wieder aus dem Gefühl des
Schlafs, in den man sank, ohne einen Wirbel über sich zu lassen, negativ
verendet, nur als Schnittpunkt bejaht; aber noch ging er durch den
Frühling, und erschuf sich an den hellen Anemonen des Rasens entlang und
lehnte an eine Herme, verstorben weiß, ewig marmorn, hierher zerfallen aus
den Brüchen, vor denen nie verging das südliche Meer.