Publikum, Presse und Autoritäten
über Wert und Nützlichkeit des Buches
»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin W
von Jolanthe Marès. Verlag Wilhelm Borngräber.
Lily Braun:
Das Buch »Lilli« von Jolanthe Marès ist eine ebenso glänzende
wie wahrheitsgetreue Schilderung der Verhältnisse, in denen die
Jugend von Berlin ~W~ heute aufwächst und unter denen sie notwendig
physisch und moralisch zugrunde gehen muß. Das Buch wirkt auf jeden
ernsten, anständigen Menschen tief erschütternd. Es ist ein überaus
nützliches Werk sittlicher Aufklärung, das mit dazu beitragen kann,
die Verhältnisse zu ändern. Es müßte allen Eltern -- auch allen,
die es werden wollen -- in die Hand gegeben werden. Für Kinder ist
nicht bestimmt. Man hat aber bisher auch die Streichhölzer nicht
verboten, weil Kinder sich zuweilen daran verbrennen.
~Dr. phil.~ Helene Stöcker:
»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin ~W.~ -- Die Erfahrungen und
Schicksale dieser jungen Damen einer bestimmten Gesellschaftsklasse
sind kaum dazu angetan zur Nachahmung zu reizen, wohl aber zeigen
sie uns ein Bild von dem, was ist und geben dadurch am ehesten
zur Abwehr und zu Änderungsversuchen Anlaß und Möglichkeit. Die
Darstellung ist keineswegs so, daß sie die Grenzen dessen, was
gesagt werden muß, um die Tatsachen festzustellen, überschreitet.
Man kann diesem Buche nicht nachsagen, daß es etwa auffordert,
dieser frivolen und leichtfertigen Lebensart nachzuleben. Im
Gegenteil, es läßt die sehr ernsten und bedenklichen Konsequenzen
eines solchen Lebens deutlich erkennen.
Münchener Neueste Nachrichten:
»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin ~W~, möchte ich literarisch
nicht zu hoch einschätzen, aber diese Wertung hat es als selten
mutige Anklageschrift gar nicht nötig. Es wirkt in der Zweckform
vielleicht stärker, als wenn es ein vollendetes Kunstwerk wäre. Und
der Ernst, mit dem es den Eltern gewidmet ist, hebt es über den
Verdacht, pornographische Literatur sein zu wollen. In dem Schluß,
den die Verfasserin gibt, liegt viel mehr Hoffnungslosigkeit, als
sie in ihrem Vorwort vermuten läßt; er erhebt sich denn auch zu
einer Anklage, die bei manchem Biedermann Entrüstung hervorgerufen
hat und noch weiter hervorrufen wird. Man kann und will es einfach
nicht für möglich halten, daß jene Gesellschaftsklasse, auf die man
wie auf ein goldenes Märchen blickt, moralisch verseucht ist, daß
ihre Töchter eine Vorurteilslosigkeit besitzen, die vom Dirnentum
keinen allzu großen Abstand hat. An der Echtheit der Schilderungen
ist wohl nicht zu zweifeln; dafür spricht ihre Einheitlichkeit, die
richtige Zeichnung der Charaktere, oft nur mit wenigen Strichen,
und die genaue Kenntnis der Lebensgewohnheiten jener Menschen. Die
Verfasserin hätte uns gewiß neben den Tatsachen auch die richtigen
Namen nennen können, wenn es Sinn gehabt hätte. Es ist natürlich
schon eine mutige Tat, so ein Buch zu schreiben, und sie verdient
uneingeschränktes Lob. Wenn es auch nur bei einigen wenigen auf
fruchtbaren Boden fallen würde, wenn nur einige Eltern anfingen,
nachzudenken, daß sie bisweilen selbst an der Verwahrlosung der
Kinder die größte Schuld tragen, und wenn die Kultur, die man
so oft eitel nennt und als äußerlichen Schliff und elegante
Lebensführung betrachtet, wieder in ihrem Wesen als geistige Macht
und seelischer Hochstand erkannt würde, so wäre schon etwas damit
gewonnen.
Hauptmann Heinrich Peters:
»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin W. -- Man müßte das Buch in
einer Reklameausgabe auch den weniger Bemittelten zugänglich
machen, um möglichst vielen Eltern die Augen zu öffnen.
Dies Buch wurde gedruckt bei
F. E. Haag in Melle (Hannover)
für den Verlag Wilhelm Borngräber
in Berlin und Leipzig.