Er seufzte und zog das Scheckbuch aus der Tasche.
»Gut -- also viertausend.«
»Fünftausend!«
»Und wenn Sie sterben?«
»Dann buchen Sie auf Verlustkonto.«
»Das sagen Sie so ruhig.«
»Schreiben Sie, ich muß zur Bank.«
Veilchenfeld schrieb, und Gerda fuhr zur Bank und überwies an
Winkelmann zehntausend Mark.
* * *
Winkelmann hatte versucht, sich zu betäuben. Die alten Mittel.
Spiel und Weiber. Er besuchte die Nachtlokale, veranstaltete tolle
Sektgelage, und kam niemals allein heim. Er suchte seine Leidenschaft
zu ersticken, suchte Vergessen in den Zügellosigkeiten mit käuflichen
Frauen. Es gelang ihm nicht. Hielt er eine Frau in seinen Armen, so
überkam ihn der Ekel vor sich selbst und vor dem Weibe, das sich
ihm aus Laune oder Geldgier preisgab. Er überhäufte die Frau mit
Schmähungen und hieß sie gehen, um allein zu sein. War er allein, so
überkam ihn eine wilde Sehnsucht nach der einen einzigen, die ihm
widerstanden, und von der er nicht los kam. Eines abends traf er ein
Weib, das eine entfernte Ähnlichkeit mit Gerda hatte. Er bestellte sie
für den anderen Nachmittag in seine Wohnung. Als sie kam, hatte er ein
Lager von dunkelroten Rosen bereitet. Sie mußte sich ausziehen, mußte
ihre rötlich schimmernden Haare lösen und mußte sich auf das Lager
legen. Er kniete davor und betete sie an. Als er schweigend wohl so
eine Stunde gelegen, streckte sie die Arme aus und zog ihn empor. Mit
einem erstickenden Schrei preßte er sie in seine Arme und schloß die
Augen.
Nun hatte er sie doch bezwungen, sie hatte sich ihm hingegeben.
Da fuhr er auf. »Du bist es nicht -- diese gierigen Küsse -- du bist
ein schamloses Weib -- geh -- geh --« schrie er sie an.
Er vergrub sein Antlitz in die Kissen, stöhnte laut und rang mit seiner
Begierde. -- -- --
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Die Benachrichtigung seiner Bank -- Überweisung von zehntausend Mark im
Auftrage von Fräulein von Wangenheim -- hielt er in Händen.
Nun war sie ganz von ihm gelöst. Das letzte Band, an dem er sie noch zu
halten gehofft, sie hatte es zerschnitten.
Sie war fertig mit ihm.
Das Geld!
Von wem hatte sie das Geld erhalten?
Reitzenstein? Der hatte kein Vermögen.
Der Kommerzienrat?
Das Blut stieg ihm zu Kopf.
Der konnte nur einen Kaufpreis verlangt haben.
Hatte sie schon bezahlt?
Das Blut in seinen Schläfen hämmerte wild.
Er ballte die Faust und zwang sich zur Ruhe.
Er ging zum Schreibtisch und entnahm ihm seinen Revolver. Er prüfte die
Waffe, sicherte sie, steckte sie zu sich, und fuhr in die Pension am
Steinplatz. -- --
»Das gnädige Fräulein ist zur Gesangstunde und wird erst gegen Mittag
zurückerwartet,« wurde ihm der Bescheid.
In der Gesangstunde! Er wußte den Weg, den sie machen mußte. Quer durch
den Tiergarten -- das war gut -- er konnte sie stellen.
Langsam schritt er dem Tiergarten zu. Es war ein heller, sonniger
Märztag, eine laue Frühlingsluft wehte, und die ersten Knospen zeigten
sich an den Sträuchern. Winkelmann setzte sich auf eine Bank.
Es war einsam um ihn, soweit er den Weg überblicken konnte, sah er
keinen Menschen. Er zog den Revolver und entsicherte ihn. Lächelnd
betrachtete er ihn, fuhr spielend darüber hin und steckte ihn wieder in
die Tasche.
So saß er wartend.
Endlich kam sie. Ganz allein. Und ringsum kein Mensch als sie und er.
Langsam kam sie einher. Sie trug noch immer Schwarz, die Trauer um
ihren Vater. Auf ihrem Haar schimmerte die Sonne. Es flimmerte und
funkelte.
Er steht auf und geht ihr entgegen.
Als sie ihn sieht, bleibt sie unwillkürlich stehen.
Er tritt dicht an sie heran.
»Sie wollen mich los sein -- Sie haben mir das Geld zurückgeschickt
-- aber eines muß ich wissen -- haben Sie« -- seine Aufregung ist so
groß, daß er Mühe hat, zu sprechen -- »haben Sie sich dem Kommerzienrat
verkauft?«