Er hatte gesagt: ›Wovon und wann wollen Sie zurückzahlen?‹

Sie konnte ja nichts versprechen!

Sie konnte etwas erreichen, vielleicht in einem Jahr, vielleicht

bedurfte es deren sechs, sieben! Sie konnte ihre Stimme verlieren! Es

war doch ganz ungewiß, ob sie ihr Ziel erreichen würde. Die Angst kam

über sie. Wenn nicht? Was dann -- was dann?

Den Scheck hatte sie in den Schreibtisch geschlossen, sie würde ihn dem

Kommerzienrat geben, wenn er käme. Dies würde ihre Antwort sein.

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Zwei Tage waren bereits vergangen, und Gerda hatte das Geld noch nicht

an Winkelmann zurückerstattet. Sie war wie im Fieber. Arbeiten konnte

sie nicht. Die Stunden hatte sie abgesagt, sie hätte ja doch keinen Ton

hervorgebracht.

Was tun? Es mußte etwas geschehen.

Sie öffnete den Schreibtisch und nahm den Scheck zur Hand. In einer

Stunde konnte das Geld an Winkelmanns Konto überwiesen sein.

›Ihr Freund, der Kommerzienrat Menders!‹ hörte sie die Leute sagen.

Sie sah seine blinzelnden Augen lüstern auf sich gerichtet, sah seine

feuchten Lippen sich ihr nähern, fühlte seine tastenden Hände. -- --

Voller Ekel warf sie den Scheck in den Kasten zurück und verschloß

ihn. --

Sie nahm die Zeitung zur Hand, wie konnte sie daran vergessen, heute

mußten die Konzertkritiken darin stehen.

Sie fand ihren Namen und las. Auch das noch. Sie sprang auf und preßte

die Hand an die pochenden Schläfen. Runtergerissen! Welche Mühe, welche

Arbeit hatte sie aufgewandt, und nun dies! Noch nichts hätte sie

erreicht! Weiterlernen -- studieren -- noch Jahre konnten vergehen, ehe

sie eine fertige Künstlerin sein würde.

Man hatte ihr zugejubelt, und sie gefeiert, und nun kam da so ein

Zeitungsschreiber und nannte sie eine Anfängerin mit mittelmäßiger

Stimme.

Lächerlich! Wenn dem so wäre, so hätte sie diesen Beifall nicht

gehabt! Aber sie wollte doch bis zu Ende lesen, was hatte er denn noch

auszusetzen? So -- deswegen der Beifall -- ihre wundervolle, vornehme

und aparte Erscheinung siegte über ihr Talent! ›Es ist ein Verbrechen

des Publikums und der guten Freunde, wenn sie, bezaubert durch die

Erscheinung, der Vortragenden einen Beifall zollen, der nicht ihren

Leistungen, sondern ihrer Persönlichkeit gilt.‹ -- So schrieb der

Kritiker.

Gerda legte das Zeitungsblatt auf den Tisch und fuhr mit der flachen

Hand darüber hin, als ob sie es glätten wollte.

War es wirklich nur ihre Schönheit, die wirkte?

Nicht ihre Stimme, ihre Kunst?

Dann brauchte sie ja nicht zu studieren, hatte nur nötig, sich zur

Schau zu stellen.

Sie lachte auf.

Also einpacken, nach Hause fahren. Stillsitzen und die Versorgung

erwarten in Gestalt eines Hauptmanns. Von Garnison zu Garnison ziehen,

Kinder bekommen, Wirtschaft führen.

Nach Hause? Sie hatte ja kein zu Hause mehr, den Weg hatte sie sich

verlegt -- sie hätte ihn auch nicht betreten -- niemals.

Wieder untertauchen in die Alltäglichkeit -- nimmermehr -- dann lieber

-- -- die Freundin des Kommerzienrats?

Sie würde ein sorgenloses Leben führen und die gefeierte Künstlerin

_spielen_ können. Sein Geld und ihre Schönheit würden das erreichen,

und vielleicht -- in Jahren -- würde sie sich dennoch, kraft ihrer

Kunst, Geltung schaffen.

Sollte sie Winkelmann heiraten?

Auch hier erwartete sie Glanz und Reichtum. Auch durch ihn konnte sie

ihre Stimme vervollkommnen, weiterarbeiten.

Verkauft -- verkauft!

Immer erst durch den Reiz ihres Körpers würde sie sich das erkaufen

können.

Nun gut, so wollte sie denn ihre Schönheit ausnutzen. Aber nicht

jenen beiden wollte sie sich verkaufen, nicht ihnen sollte ihr Körper

gehören. Alle sollten sie sich ihrer Schönheit freuen, sollten

Verlangen nach ihr tragen, aber -- gehören würde sie keinem. Ihre Gunst

und ihr Körper waren nicht käuflich. Zur Schau wollte sie sich stellen

und Kapital daraus schlagen!

Sie setzte sich an den Schreibtisch und schrieb zwei Briefe. Sie

schickte dem Kommerzienrat den Scheck zurück und dankte ihm für sein

gefälliges Entgegenkommen, aber sie könnte keinen Gebrauch davon

machen. In dem anderen bat sie den Agenten Veilchenfeld um seinen

Besuch. Sie adressierte die beiden Briefe und trug sie selbst zur

Post. -- -- --

Begierde · 第 42 / 55 题