»In Ihnen, Frau Ebba, steckt soviel echte Weiblichkeit, ein so großes
Gefühl des Sichanschmiegenmüssens, daß man annehmen sollte, Sie würden
so empfinden.«
»Es ist doch sonderbar, daß es so wenig Männer gibt, die Mann und
Frau als nicht gleichberechtigt betrachten können. Die den Mann als
Krone der Schöpfung immer über das Weib stellen, zu dem wir anbetend
emporschauen sollen.«
»Sie irren, Frau Ebba. Wir Männer wissen, daß wir die Frau von heut mit
anderen Augen betrachten müssen, als die Frau von vor dreißig Jahren.
Die Frauen haben gezeigt, was sie zu leisten imstande sind, sie haben
sich Berufe geschaffen und erobert. Sie haben gezeigt, daß sie imstande
sind, auf eigenen Füßen im Leben zu stehen. Sie haben sich eine Bildung
angeeignet, die vollwertig der des Mannes ist. Heut ist die Frau die
Kameradin des Mannes geworden. Und doch -- trotzalledem wird die
Kameradschaft zwischen Mann und Frau in die Brüche gehen -- allemal --
wenn die Frau nicht zum Manne emporblicken kann. Ich glaube, auch Sie
empfinden so, Frau Ebba. -- Jede echte Frau muß meines Erachtens nach
so empfinden -- und in diesem Sinne bitte ich meine Worte von vorhin zu
deuten.«
Ebba sagte nachdenklich: »In dem Sinne haben Sie allerdings recht. Ich
würde es auch für beide Teile als ein großes Unglück betrachten, wenn
die Frau in irgendeiner Weise sich höherstehend als den Mann betrachten
müßte.«
»Ergo -- holde Griechin -- er soll dein Herr sein.«
Sie lachte. »Unsinn! Aber schauen Sie, da kommt Fräulein von
Wangenheim. Wer mag der schlanke Ritter sein, mit dem sie wandelt?«
Gerda war mit ihrem Begleiter an den Tisch getreten.
»Die Sternenkönigin,« begrüßte sie Winkelmann.
»Und Sie ein Mönch?? Man muß gestehen, Sie haben wirklich eine Maske
gewählt.«
»Keine Maske, meine Königin. Ein neuer Mensch steht vor dir. Einer, der
in sich gegangen. Der den Versuchen dieser Welt entsagt hat.«
»Und wenn ich einen Versuch machen wollte?«
»Du wolltest?«
»Um dich Lügen zu strafen.«
»Bist du deiner Macht so sicher?«
Sie wurde einer Antwort enthoben, atemlos kam Lotte an den Tisch
gestürzt, der Maler hinter ihr her.
»Er gibt mich nicht frei, rettet mich.« Sie sank auf Gehrings Stuhl,
der aufgesprungen war.
Der Maler versuchte sie wieder emporzuziehen.
»Ich kann nicht mehr, du Ungeheuer. Willst du, daß ich mich zu Tode
tanze?«
»In meinen Armen zu Tode getanzt -- da hättest du einen schönen Tod
gefunden.«
»Ich danke. Ich würde doch einen anderen Tod vorziehen.«
Des Malers Augen fielen auf Gerda. »Ah, da ist ja die Gnädige, und wie
mir scheint, die passende Gesellschaft ist auch gefunden.«
Durch die Tür drängte sich jetzt eine Gruppe spielender Kinder. Frauen
in Hängekleidchen, Wadenstrümpfen und Babyhauben. Ein paar junge Herren
in Matrosenanzügen. Ein alter, dicker Herr als Kinderfrau jagte die
Gesellschaft vor sich her, schlug und neckte die kleinen Mädchen. Eine
›Kleine‹ in weißen Spitzenröckchen mit hellblauen Wadenstrümpfen, einem
Häubchen auf dem blonden Lockenkopf, hängte sich dem Alten um den Hals
und bettelte: »Nicht böse sein, Tinnerfrau. Ich dans artig bin.« Und
der Alte schmatzte einen Kuß auf die jugendlich rosenrot gemalte Wange.
»Ist das nicht der Gipfel der Geschmacklosigkeit?« höhnte der Maler.
»Glauben die Damen wirklich dadurch jugendlich zu wirken? Ich taxiere
keines dieser Kinder unter dreißig Jahre alt. Wie finden Sie die
Maskerade, gnädige Frau,« wandte er sich an Ebba. Die hörte ihn nicht.
Blaß, mit großen, entsetzten Augen saß sie da und starrte auf die
Gruppe. Ihre Hand krampfte sich in die Schulter der neben ihr sitzenden
Lotte Wunsch, und sie murmelte: »Thea -- Lotte, es ist Thea -- wie
schrecklich.«
»Ob sie uns sehen wird?«
Nein, sie tollten vorüber, und Thea hatte sie nicht gesehen. Sie wurde
von den Knaben umringt, die bettelten: »Komm, spiel mit uns,« und sie
warf ihnen ihren Ball zu, um den sie sich balgten.
Ebba atmete befreit und schaute nach dem Maler. Der hatte ihre
Verlegenheit bemerkt, ahnte den Zusammenhang, und hatte sich derweilen
an eine neue Flasche Sekt gemacht.
»Wie wäre es, wenn Sie Ihre Studien ein wenig weiter betrieben? Ich
stelle mich Ihnen gern zur Verfügung. Die Stimmung ist jetzt so recht
auf der Höhe. Kommen Sie, lassen Sie uns ein wenig umherstreifen.« --
In dem großen Saale ist ein Gedränge, daß es schier unmöglich
scheint, vorwärts zu kommen. Er nimmt sie fest unter den Arm, drängt
und schiebt mit Scherz und Lachen die Umstehenden auseinander und
dringt unaufhaltsam voran. Getanzt wird in Ecken und Winkeln, auf den
Korridoren und Treppenabsätzen. Man tanzt fest aneinandergeschmiegt --
voll Gier -- im Taumel.
In einer Ecke steht ein Kreis von Menschen um ein Tango tanzendes
Paar. Tanzen sie? Nein, sie führen eine Pantomime auf. Eine Pantomime
des Blutes, der Wollust, der Sinnlichkeit. Die Umstehenden schauen
atemlos, mit gierigen Augen, auf das Paar. Als sie geendet, klatschen
sie Beifall. Ein bleicher Jüngling stürzt zitternd auf das Weib zu,
umschlingt sie und flüstert heiß: »Komm«. Sie lacht. »Komm, tanzen,«
drängt er. Er nimmt sie in seine Arme und flüstert heiße, bettelnde
Worte in ihr Ohr.
Ebba ist blaß. Sie gehen weiter. Wieder eine Gruppe von Zuschauern um
ein einzeln tanzendes Weib. Ein überschlanker, weißer Körper, über den
ein Kleid von schwarzen Pailetten wie eine Haut gespannt. Nur der Leib
ist von rosenfarbenem Trikot bekleidet. Oberkörper und Beine schimmern
nackt durch das flimmernde Gewand. Eine der Achseln, die das Kleid
halten, ist heruntergerutscht, so daß die eine Seite der Brust sichtbar
wird. Sie tanzt. Ist ganz aufgelöst, wie in taumelnder Ekstase. Tanzt
mit geschlossenen Augen und bebend geöffneten Lippen. Plötzlich bleibt
sie stehen, stößt einen Schrei aus und taumelt einem der Umstehenden in
die Arme. Der drückt seine Lippen auf die nackte Brust. Die Umstehenden
lachen, und einer sagt: »Donnerwetter, das ist stark.« Ein anderer
antwortet: »Was wollen Sie. Man lebt sich nur ein bißchen aus.« »Na,
ich danke.«
»Bitte, lassen Sie uns zurückgehen,« bittet Ebba. Der Maler lacht. »Sie
hörten ja, gnädige Frau: man tollt sich nur aus.«
Sie waren an die große Treppe gelangt, die zu den unten liegenden
Garderoben führte. Die ganze Treppe ist malerisch belagert. In großen
und kleinen Gruppen liegen sie umher, Männlein und Weiblein, in buntem
Gemisch. Meist sind es Pärchen. Er und sie. Eng umschlungen. Küssend
und kosend.
Karneval!
Eine glutäugige Zigeunerin kommt ihnen entgegen und hängt sich dem
Maler an den Arm. »Komm, trink mit mir, du Wilder. Ich habe dich schon
lange gesucht. Laß die Griechin, die hat Fischblut in den Adern. Komm,
ich verschmachte.«
»Geh, und laß mich in Ruhe. Kühle dein Blut mit anderen!«
»Ich will, daß du kommst!« zischt sie.
»Geh,« und mit einem Ruck schüttelte er sie ab.