Wehmütige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich
beruhigte und Candida niemals verdrießlich werden konnte. - Wie ein
Goldkäfer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser
Abschied nahm und Balthasar eine glückliche Ehe führte.
Es ist nun an dem, daß der, der für dich, geliebter Leser, diese
Blätter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei überfällt ihn
Wehmut und Bangen. - Noch vieles, vieles wüßte er von den merkwürdigen
Taten des kleinen Zinnober, und er hätte, wie er denn nun überhaupt zu
der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich angeregt wurde,
wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das alles zu
erzählen. Doch! - rückblickend auf alle Ereignisse, wie sie in den
neun Kapiteln vorgekommen, fühlt er wohl, daß darin schon so viel
Wunderliches, Tolles, der nüchternen Vernunft Widerstrebendes
enthalten, daß er, noch mehr dergleichen anhäufend, Gefahr laufen
müßte, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht mißbrauchend, ganz
und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem Bangen,
das plötzlich seine Brust beengte, als er die Worte: "Letztes Kapitel"
schrieb, du mögest mit recht heitrem, unbefangenem Gemüt es dir
gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich
mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften
Geistes, Phantasus geheißen, verdankt, und dessen bizarrem, launischem
Wesen er sich vielleicht zu sehr überließ. - Schmolle deshalb nicht
mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen Geiste! - Hast
du, geliebter Leser, hin und wieder über manches recht im Innern
gelächelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der Schreiber dieser
Blätter wünschte, und dann, so glaubt er, wirst du ihm wohl vieles
zugute halten! -
Eigentlich hätte die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen
Zinnober schließen können. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt
eines traurigen Leichenbegängnisses eine fröhliche Hochzeit am Ende
steht?
So werde denn noch kürzlich der holden Candida und des glücklichen
Balthasars gedacht. -
Der Professor Mosch Terpin war sonst ein aufgeklärter, welterfahrner
Mann, der dem weisen Spruch: Nil admirari gemäß sich seit vielen,
vielen Jahren über nichts in der Welt zu verwundern pflegte. Aber
jetzt geschah es, daß er, all seine Weisheit aufgebend, sich immer
fort und fort verwundern mußte, so daß er zuletzt klagte, wie er nicht
mehr wisse, ob er wirklich der Professor Mosch Terpin sei, der ehemals
die natürlichen Angelegenheiten im Staate dirigiert, und ob er noch
wirklich, Kopf in die Höhe, auf seinen lieben Füßen einherspaziere.
Zuerst verwunderte er sich, als Balthasar ihm den Doktor
Prosper Alpanus als seinen Oheim vorstellte und dieser ihm die
Schenkungsurkunde vorwies, vermöge der Balthasar Besitzer des eine
Stunde von Kerepes entfernten Landhauses nebst Waldung, Äcker und
Wiesen wurde; als er in dem Inventario, kaum seinen Augen trauend,
köstliche Gerätschaften, ja Gold- und Silberbarren erwähnt gewahrte,
deren Wert den Reichtum der fürstlichen Schatzkammer bei weitem
überstieg. Dann verwunderte er sich, als er den prächtigen Sarg, in
dem Zinnober lag, durch Balthasars Lorgnette anschaute, und es ihm
auf einmal war, als habe es nie einen Minister Zinnober, sondern nur
einen kleinen ungeschlachten, ungebärdigen Knirps gegeben, den man
fälschlicherweise für einen verständigen, weisen Minister Zinnober
gehalten.
Bis auf den höchsten Grad stieg aber Mosch Terpins Verwunderung, als
Prosper Alpanus ihn im Landhause umherführte, ihm seine Bibliothek und
andere sehr wunderbare Dinge zeigte, ja selbst einige sehr anmutige
Experimente machte mit seltsamen Pflanzen und Tieren.
Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem
Naturforschen ganz und gar nichts, und er säße in einer herrlichen
bunten Zauberwelt wie in einem Ei eingeschlossen. Dieser Gedanke
beunruhigte ihn so sehr, daß er zuletzt klagte und weinte wie ein
Kind. Balthasar führte ihn sofort in den geräumigen Weinkeller, in dem
er glänzende Fässer und blinkende Flaschen erblickte. Besser als in
dem fürstlichen Weinkeller, meinte Balthasar, könne er hier studieren
und in dem schönen Park die Natur hinlänglich erforschen.
Hierauf beruhigte sich der Professor.
Balthasars Hochzeit wurde auf dem Landhause gefeiert. Er - die Freunde
Fabian - Pulcher - alle erstaunten über Candidas hohe Schönheit, über
den zauberischen Reiz, der in ihrem Anzuge, in ihrem ganzen Wesen
lag. - Es war auch wirklich ein Zauber, der sie umfloß, denn die
Fee Rosabelverde, die, allen Groll vergessend, der Hochzeit als
Stiftsfräulein von Rosenschön beiwohnte, hatte sie selbst gekleidet
und mit den schönsten, herrlichsten Rosen geschmückt. Nun weiß man
aber wohl, daß der Anzug gut stehen muß, wenn eine Fee dabei Hand
anlegt. Außerdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen prächtig
funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin
äußerte, daß sie, hatte sie ihn umgetan, niemals über Kleinigkeiten,
über ein schlecht genesteltes Band, über einen mißratenen Haarschmuck,
über einen Fleck in der Wäsche oder sonst verdrießlich werden konnte.
Diese Eigenschaft, die ihr der Halsschmuck gab, verbreitete eine
besondere Anmut und Heiterkeit auf ihrem ganzen Antlitz.
Das Brautpaar stand im höchsten Himmel der Wonne, und - so herrlich
wirkte der geheime weise Zauber Alpans - hatte doch noch Blick und
Wort für die Herzensfreunde, welche versammelt. Prosper Alpanus und
Rosabelverde, beide sorgten dafür, daß die schönsten Wunder den
Hochzeitstag verherrlichten. Überall tönten aus Büschen und Bäumen
süße Liebeslaute, während sich schimmernde Tafeln erhoben mit den
herrlichsten Speisen, mit Kristallflaschen belastet, aus denen der
edelste Wein strömte, welcher Lebensglut durch alle Adern der Gäste
goß.
Die Nacht war eingebrochen, da spannen sich feuerflammende Regenbogen
über den ganzen Park, und man sah schimmernde Vögel und Insekten,
die sich auf und ab schwangen, und wenn sie die Flügel schüttelten,
stäubten Millionen Funken hervor, die in ewigem Wechsel allerlei holde
Gestalten bildeten, welche in der Luft tanzten und gaukelten und im
Gebüsch verschwanden. Und dabei tönte stärker die Musik des Waldes,
und der Nachtwind strich daher, geheimnisvoll säuselnd und süße Düfte
aushauchend.
Balthasar, Candida, die Freunde erkannten den mächtigen Zauber Alpans,
aber Mosch Terpin, halb berauscht, lachte laut und meinte, hinter
allem stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der Operndekorateur
und Feuerwerker des Fürsten.
Schneidende Glockentöne erhallten. Ein glänzender Goldkäfer schwang
sich herab, setzte sich auf Prosper Alpanus' Schulter und schien ihm
leise etwas ins Ohr zu sumsen.
Prosper Alpanus erhob sich von seinem Sitz und sprach ernst und
feierlich: "Geliebter Balthasar - holde Candida - meine Freunde! - Es
ist nun an der Zeit - Lothos ruft - ich muß scheiden." -
Darauf nahte er sich dem Brautpaar und sprach leise mit ihnen. Beide,
Balthasar und Candida, waren sehr gerührt, Prosper schien ihnen
allerlei gute Lehren zu geben, er umarmte beide mit Inbrunst.
Dann wandte er sich an das Fräulein von Rosenschön und sprach
ebenfalls leise mit ihr - wahrscheinlich gab sie ihm Aufträge in
Zauber- und Feen-Angelegenheiten, die er willig übernahm.
Indessen hatte sich ein kleiner kristallner Wagen, mit zwei
schimmernden Libellen bespannt, die der Silberfasan führte, aus den
Lüften hinabgesenkt.
"Lebt wohl - lebt wohl!" rief Prosper Alpanus, stieg in den Wagen
und schwebte empor über die flammenden Regenbogen hinweg, bis sein
Fuhrwerk zuletzt in den höchsten Lüften erschien wie ein kleiner
funkelnder Stern, der sich endlich hinter den Wolken verbarg.
"Schöne Mongolfiere," schnarchte Mosch Terpin und versank, von der
Kraft des Weines übermannt, in tiefen Schlaf.
- Balthasar, der Lehren des Prosper Alpanus eingedenk, den Besitz
des wunderbaren Landhauses wohl nutzend, wurde in der Tat ein guter
Dichter, und da die übrigen Eigenschaften, die Prosper rücksichts der
holden Candida an dem Besitztum gerühmt, sich ganz und gar bewährten,
Candida auch niemals den Halsschmuck, den ihr das Stiftsfräulein von
Rosenschön als Hochzeitsgabe beschert, ablegte, so konnt' es nicht
fehlen, daß Balthasar die glücklichste Ehe in aller Wonne und
Herrlichkeit führte, wie sie nur jemals ein Dichter mit einer hübschen
jungen Frau geführt haben mag -
So hat aber das Märchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun wirklich
ganz und gar ein fröhliches
Ende.