Sinaïda Afanassjewna war, im allgemeinen gesprochen, sehr romantisch
veranlagt. Ich weiß nicht, ob das gerade daher kam, daß sie, wie Marja
Alexandrowna behauptete, „diesen Dummkopf Shakespeare“ gar zu viel mit
„ihrem Lehrer“ gelesen hatte, jedenfalls aber hatte sich Sina noch nie
zuvor einen so außergewöhnlich romantischen, oder richtiger, heroischen
Ausfall erlaubt, wie es der war, den ich jetzt wiedergeben will.
Bleich, mit Entschlossenheit im Blick, doch fast zitternd vor Aufregung
trat sie, wunderbar schön in ihrer Empörung, mit langsamen Schritten
vor. Mit langem, herausforderndem Blick schaute sie die Anwesenden
ringsum an und wandte sich dann in der plötzlich eingetretenen Stille an
die Mutter, die schon bei ihrer ersten Bewegung aus der Ohnmacht wieder
erwacht war und die Augen weit aufgerissen hatte.
„Mama,“ sagte Sina, „wozu betrügen? Wozu sich durch Lügen erniedrigen?
Es ist ja alles ohnehin schon so schmutzig, daß es sich wahrlich nicht
der erniedrigenden Mühe lohnt, diesen Schmutz zu verdecken!“
„Sina! Sina! Was ist mit dir, mein Kind? Besinne dich!“ rief erschrocken
Marja Alexandrowna aus, und sie sprang auf.
„Ich habe dir gesagt, ich habe dir im voraus gesagt, Mama, daß ich diese
ganze Schmach nicht ertragen werde,“ fuhr Sina fort. „Muß man sich denn
wirklich noch mehr erniedrigen, noch mehr besudeln? Aber weißt du, Mama,
ich nehme alles auf mich, denn ich bin die Schuldigste. Ich ... ich habe
durch meine Einwilligung die Veranlassung zu dieser häßlichen Intrige
gegeben! Du bist meine Mutter, du liebst mich; du glaubtest nach deiner
Auffassung, so wie du es verstehst, mein Glück zu schaffen. Dir kann man
noch verzeihen, mir aber, mir – niemals!“
„Sina, willst du denn wirklich erzählen? ... O Gott! Ich ahnte es, daß
dieser Dolchstoß meinem Herzen nicht erspart bleiben würde!“
„Ja, Mama, ich werde alles erzählen! Ich bin beschimpft, wir alle sind
beschimpft! ...“
„Du übertreibst es, Sina! Du bist außer dir und weißt nicht, was du
sprichst! Und wozu willst du denn erzählen? Was hat das für einen Sinn?
... Die Schande fällt nicht auf uns ... Ich werde sofort beweisen, daß
die Schande nicht auf uns fällt ...“
„Nein, Mama!“ rief Sina aus und ihre Stimme zitterte vor Zorn, „ich will
nicht mehr schweigen vor diesen Leuten, deren Meinung ich verachte und
die hergekommen sind, um sich über uns lustig zu machen! Ich will ihre
Beleidigungen nicht länger ruhig hinnehmen. Keine einzige von ihnen hat
das Recht, mich mit Schmutz zu bewerfen. Sie sind ja alle sofort bereit,
noch hundertmal Schlimmeres zu tun, als ich oder du, Mama, getan haben.
Dürfen sie, können sie überhaupt unsere Richter sein? ...“
„Das ist mal schön! Was die sich einbildet! Was soll denn das bedeuten!
_Uns_ zu beleidigen?“ hörte man von allen Seiten.
„Sie scheint ja wirklich nicht zu wissen, was sie spricht!“ sagte
Natalja Dmitrijewna.
Nebenbei bemerkt, diesmal hatte Natalja Dmitrijewna vollkommen recht.
Wenn Sina diese Damen für unwürdig hielt, ihre Richter zu sein, weshalb
würdigte sie sie dann solcher Geständnisse? Überhaupt handelte sie wohl
etwas übereilt, – das war späterhin auch die Meinung der besten Köpfe in
Mordassoff. Alles hätte noch gut werden können! Alles hätte beigelegt
werden können! Es ist ja wahr: auch Marja Alexandrowna hatte sich selbst
vieles eingebrockt an diesem Abend, und zwar nur durch ihre Überstürzung
und ihren Hochmut. Man hätte ja den idiotischen Greis nur auszulachen
gebraucht! Und eventuell vor die Tür zu setzen! Sina aber wandte sich,
jeder gesunden Vernunft und der ganzen Mordassower Weisheit zuwider, an
den Fürsten.
„Fürst,“ sagte sie zum Alten, der sich aus Ehrerbietung sogleich von
seinem Platz erhob – dermaßen imponierte sie ihm in diesem Augenblick.
„Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie uns! Wir haben Sie betrogen, wir haben
Sie in die Falle gelockt ...“
„Wirst du denn nicht endlich schweigen, Unglückselige!“ rief Marja
Alexandrowna in größter Verzweiflung dazwischen.
„Meine Gnädigste! Meine Gnädigste! ^Ma charmante enfant^ ...“ stotterte
der Fürst maßlos bestürzt.
Doch der stolze, heftige und im höchsten Grade phantastische Charakter
Sinas zog sie mit sich fort und ließ sie alle, von der Wirklichkeit
geforderten Anstandsregeln vergessen. Sie vergaß sogar ihre Mutter, die
sich während dieser Geständnisse ihrer Tochter innerlich geradezu in
Krämpfen wand.
„Ja, wir beide haben Sie betrogen, Fürst: meine Mutter, indem sie Sie
veranlassen wollte, mich zu heiraten, und ich, indem ich auf ihren
Vorschlag einging. Ihnen wurde bei Tisch immer wieder Wein eingeschenkt,
ich willigte ein, zu singen und mich vor Ihnen zu verstellen ... Sie,
der Schwache, Schutzlose, wurden, wie Pawel Alexandrowitsch sich
ausdrückt, umgarnt, ja, umgarnt um Ihres Reichtums, Ihres Fürstentitels
willen. Alles das war entsetzlich niedrig und ich will es büßen. Aber
ich schwöre Ihnen, daß ich mich zu dieser Schändlichkeit nicht mit einer
schändlichen Absicht entschlossen habe. Ich wollte ... Doch, was soll
das! Es ist ja eine doppelte Schändlichkeit, sich in einer solchen
Angelegenheit noch rechtfertigen zu wollen! Ich sage Ihnen nur, daß ich,
wenn ich etwas von Ihnen genommen hätte, dafür Ihr Spielzeug, Ihre
Dienstmagd, Ihre Tänzerin, Ihre Sklavin gewesen wäre ... Das hatte ich
mir geschworen und heilig hätte ich meinen Schwur gehalten, das weiß
ich!“
Sie verstummte für einen Augenblick, um Atem zu schöpfen. Die Gäste
schienen alle sprachlos zu sein und hörten nur mit weit aufgerissenen
Augen zu. Der unerwartete und ihnen ganz unverständliche Ausfall Sinas
stieß sie alle förmlich vor den Kopf. Nur der Fürst war bis zu Tränen
gerührt, obschon er kaum die Hälfte davon verstand, was Sina sagte.
„Aber ich werde Sie hei–raten, ^ma belle enfant^, wenn Sie es so gern
wollen,“ stotterte er, „und es wird mir eine große Eh–re sein. Nur
versichere ich Sie, das es wirk–lich gleich–sam wie im Traum gewe–sen
ist ... Aber als ob man keine Träume hätte! Weshalb sich daher
beun–ruhigen? Es ist mir sogar, als hätte ich noch nichts begrif–fen,
^mon ami^,“ fuhr er, sich an Mosgljäkoff wendend, fort. „Erkläre du es
mir, bit–te! ...“
„Und Sie, Pawel Alexandrowitsch,“ unterbrach ihn Sina, sich gleichfalls
an Mosgljäkoff wendend, „Sie, auf den ich eine Zeitlang fast schon wie
auf meinen zukünftigen Gatten gesehen habe, Sie, der Sie sich jetzt so
grausam an mir gerächt haben, – haben Sie sich wirklich zu diesen Leuten
gesellen können, um mich herabzureißen und mit Schmutz zu bewerfen? Und
Sie haben gesagt, Sie liebten mich! Doch nicht mir kommt es zu, Ihnen
Vorwürfe zu machen! Ich bin schuldiger als Sie ... Ich habe Sie gekränkt
und beleidigt, denn ich habe Sie tatsächlich mit Versprechungen
hingehalten und was ich Ihnen heute nachmittag als Beweis des Gegenteils
gesagt habe, war Lüge und Spitzfindigkeit. Ich habe Sie niemals geliebt
und wenn ich mich entschlossen hätte, Sie zu heiraten, so hätte ich es
nur getan, um irgendwohin fortfahren zu können, fort aus dieser
verwünschten Stadt, und um diesen ganzen Schmutz hier endlich
abschütteln zu dürfen ... Aber eines können Sie mir glauben, wenn ich
Sie geheiratet hätte, wäre ich Ihnen eine gute und treue Frau gewesen
... Sie haben sich grausam an mir gerächt ... und wenn es Ihrem Stolz
schmeicheln kann ...“
„Sinaïda Afanassjewna!“ unterbrach sie Mosgljäkoff.
„Wenn Sie mich immer noch hassen ...“
„Sinaïda Afanassjewna!!!“
„Wenn Sie mich jemals,“ fuhr Sina fort, die aufsteigenden Tränen
unterdrückend, „wenn Sie mich jemals geliebt haben ...“
„Sinaïda Afanassjewna!!!“
„Sina, Sina! Mein Kind!“ jammerte Marja Alexandrowna.
„Ich bin ein Schuft, Sinaïda Afanassjewna, ich bin ein Schuft und weiter
nichts!“ behauptete Mosgljäkoff und alles geriet in große Aufregung.
Ausrufe der Verwunderung und des Unwillens wurden laut, doch Mosgljäkoff
stand wie angewurzelt auf einem Fleck, augenscheinlich jedes Gedankens
bar. Er konnte kein Wort mehr hervorbringen.
Für schwache und leere Charaktere, die an ewige Unterwerfung gewöhnt
sind und sich dann einmal entschließen, sich aufzulehnen und zu
protestieren, mit einem Wort, fest und entschlossen zu sein – für diese
Charaktere gibt es immer eine gewisse Grenze, die das nahe Ende ihrer
kurzen Festigkeit und Entschlossenheit ist. Ihr Protest pflegt zu Anfang
überaus energisch zu sein. Ihre Energie geht zuweilen sogar bis zur
Raserei. Sie werfen sich gleichsam mit zugekniffenen Augen auf die
Hindernisse und laden sich fast stets eine für ihre Kräfte zu große Last
auf die Schultern. Hat aber dieser rasende Mensch eine nahe Grenze
erreicht, so bleibt er plötzlich, gleichsam erschrocken über sich
selbst, wie betäubt vor der furchtbaren Frage stehen: „Was habe ich da
angerichtet?“ – worauf er alsbald seinen ganzen Heroismus verliert,
womöglich sogar weint, sich erklären will, auf die Knie fällt, um
Verzeihung bittet, fleht, es wieder beim alten sein zu lassen,
jedenfalls aber nur schneller, so schnell als möglich! ... Fast dasselbe
geschah auch mit Mosgljäkoff. Nachdem er sich empört, das Unglück
heraufbeschworen, das er jetzt bereits nur sich allein zuschrieb,
nachdem er seinem Zorn und seiner Eigenliebe Genüge getan und sich
selbst in den eigenen Augen verhaßt gemacht hatte, stand er nun
plötzlich, von Gewissensbissen niedergedrückt, vor dem unerwarteten
Auftreten Sinas. Ihre letzten Worte vernichteten ihn endgültig. Aus dem
einen Extrem ins andere hinüberzuspringen, war für ihn das Werk eines
Augenblicks.
„Ich bin ein Esel, Sinaïda Afanassjewna!“ rief er in einem Anfall
verzweifelter Reue aus. „Nein! Was Esel! Ein Esel ist noch nichts! Ich
bin unvergleichlich schlechter als ein Esel! Aber ich werde Ihnen
beweisen, Sinaïda Afanassjewna, ich werde Ihnen beweisen, daß auch ein
Esel ein edler Mensch sein kann! Onkel! Ich habe Sie betrogen! _Ich_,
_ich_, _ich_ allein habe Sie betrogen! Sie haben nicht geschlafen; Sie
haben wirklich, in vollkommen wachem Zustande den Heiratsantrag gemacht,
ich aber, ich Schuft, habe aus Rache, weil man mir einen Korb gegeben
hatte, aus Rache Ihnen eingeredet, daß es Ihnen nur geträumt hätte.“
„Das sind ja seltsam interessante Dinge, die hier aufgedeckt werden!“
tuschelte Natalja Dmitrijewna ihrer Nachbarin Anna Nikolajewna ins Ohr.
„Mein Lieber,“ antwortete der Fürst, „be–ru–hige dich, bit–te. Du hast
mich wirklich erschreckt mit deinem Geschrei. Ich versichere dich, daß
du im Irr–tum bist ... Ich bin ja schließlich gern zu heiraten bereit,
wenn es nun einmal gar so nötig ist – aber du hast mir doch noch selbst
gesagt, daß es mir nur geträumt habe ...“
„O Gott, wie soll ich ihn jetzt überzeugen! Sagen Sie mir, sagen Sie
mir, wie ich ihn jetzt überzeugen kann! Onkel, Onkelchen! Das ist doch
eine wichtige Sache, das ist doch die wichtigste Familienangelegenheit!
Überlegen Sie es sich doch nur! Denken Sie doch nach!“
„Mein Lieber, schön, wie du willst: ich den–ke nach. Wart mal, laß mich
alles erst einmal mir ins Gedächtnis zurückrufen: zuerst träumte mir von
meinem Kutscher Fe–o–fil ...“
„Ach, jetzt handelt es sich doch nicht um Ihren Feofil!“
„Nun ja, nehmen wir an, daß es sich jetzt nicht um ihn handle. Dann
träumte mir von Napo–le–on, und dann war es so, als wenn wir getrunken
hätten und eine Dame kam und aß den ganzen Zucker bei uns auf ...“
„Aber Onkelchen,“ unterbrach ihn Mosgljäkoff in einem Augenblick der
Verfinsterung seines Gedächtnisses, „das hat Ihnen doch Marja
Alexandrowna selbst nach dem Mittag von Natalja Dmitrijewna erzählt! Ich
war ja doch hier, ich habe es ja selbst gehört! Ich hatte mich versteckt
und sah und lauschte durch einen Türspalt ...“
„Was soll denn das heißen, Marja Alexandrowna!“ schrie Natalja
Dmitrijewna dazwischen. „Dann haben Sie es also auch dem Fürsten
erzählt, daß ich bei Ihnen Zucker aus der Zuckerdose gestohlen hätte!
Dann komme ich also zu Ihnen, um hier Zucker zu stehlen?“
„Hinaus! Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ schrie Marja Alexandrowna, zur
Verzweiflung gebracht.
„Nein, nicht hinaus, Marja Alexandrowna, so dürfen Sie nicht mit mir
sprechen! ... Also ich soll bei Ihnen Zucker stehlen? Ich habe schon
lange gehört, daß Sie solche Gemeinheiten über mich erzählen! Mir hat
Ssofja Petrowna alles ganz ausführlich erzählt ... Also ich stehle bei
Ihnen Zucker? ...“
„Aber, ^mesdames^,“ rief der Fürst dazwischen, „das hat mir ja nur
geträumt! Als ob mir nicht vieles träu–men kann? ...“
„Dieses verwünschte Dromedar!“ brummte Marja Alexandrowna halblaut.
„Was! Ich soll ein Dromedar sein?“ kreischte Natalja Dmitrijewna. „Und
wer sind Sie denn, wenn man fragen darf? Ich weiß es schon längst, daß
Sie mich ein Dromedar nennen! Ich habe wenigstens ... ich habe
wenigstens einen Mann, Sie aber haben nur einen Tölpel ...“
„Nun ja, ich weiß, es war da auch von einem Dromedar die Rede,“ murmelte
ahnungslos der Fürst, der sich seines Gesprächs mit Marja Alexandrowna
entsann.
„Wie, auch Sie fangen an! Auch Sie wollen eine vornehme Dame
beschimpfen? Wie wagen Sie es überhaupt? Wenn ich eine Schachtel bin, so
sind Sie ein einbeiniger Krüppel ...“
„Wer, ich einbeinig?“
„Gewiß Sie! Und nicht nur, daß Ihnen ein Bein fehlt, Ihnen fehlen auch
alle Zähne, damit Sie’s wissen!“
„Und außerdem ist er noch einäugig!“ schrie Marja Alexandrowna.
„Anstelle Ihrer fehlenden Rippen tragen Sie ein Korsett!“ fügte Natalja
Dmitrijewna hinzu.
„Das ganze Gesicht ist auf Sprungfedern!“
„Kein einziges echtes Haar hat er auf dem Kopf!“
„Und der Schnurrbart ist dem Esel aufgeklebt!“ schrie Marja
Alexandrowna.
„Aber ... aber die Nase lassen Sie mir doch we–nigstens, Marja
Stepa–nowna!“ unterbrach der Fürst, den diese plötzlichen Offenbarungen
ganz kopfscheu machten. „Mein Lieber! Du hast mich verraten! Du hast es
erzählt, daß ich falsches Haar trage ...“
„Onkelchen!“
„Nein, mein Lieber, ich kann hier nicht länger blei–ben! Bring mich
irgendwohin fort ... ^quelle société^? Wohin hast du mich eigentlich
ge–bracht, Gott im Himmel!“
„Sie Idiot! Sie Schuft!“ schrie Marja Alexandrowna.
„Gott im Himmel!“ stotterte der erbleichte Fürst. „Ich habe im
Au–genblick nur ein wenig verges–sen, weshalb ich herge–kom–men bin,
aber ich werde mich dessen so–fort entsin–nen. Bring mich, ^mon ami^,
bring mich irgendwohin fort, sonst zerreißt man mich hier noch. Zudem
... zudem muß ich schnell einen neuen Gedanken nie–der–schreiben ...“
„Gehen wir, Onkelchen, es ist noch nicht spät. Ich werde Sie sofort ins
Gasthaus bringen und auch selbst mit Ihnen übersiedeln ...“
„Nun ja, ins Gast–haus. Adieu, ^ma charmante enfant^ ... Sie allein ...
nur Sie allein ... sind gut und tugend–haft. Sie sind ein ed–les
Mäd–chen! ... Gehen wir, mein Lieber ... Gott im Himmel!“
Doch ich will nicht das Ende dieser unangenehmen Szene nach dem Fortgang
des Fürsten zu beschreiben versuchen. Mit Geschrei und Gezeter fuhren
die Gäste ab. Marja Alexandrowna blieb schließlich allein zurück – unter
den Trümmern ihres früheren Ruhmes. Ihre Macht, ihr Einfluß, ihre ganze
Bedeutung – alles war an diesem einen Abend eingestürzt und
untergegangen. Marja Alexandrowna sah ein, daß sie sich nie mehr zu
derselben Höhe würde erheben können. Ihre langjährige despotische
Herrschaft in der Gesellschaft war endgültig dahingeschwunden. Was blieb
ihr jetzt noch übrig? – zu philosophieren? Nun, sie philosophierte
nicht. Sie tobte innerlich die ganze Nacht. Sina war entehrt und der
Klatsch würde kein Ende nehmen! Entsetzlich!
Als gewissenhafter Historiker muß ich noch vermerken, daß am meisten
unter dieser Stimmung Afanassij Matwejewitsch zu leiden hatte. Zu guter
Letzt verkroch er sich in eine Kleiderkammer, wo ihn dann bis zum Morgen
furchtbar fror.
Endlich brach dieser Morgen an, doch auch der neue Tag sollte nichts
Gutes bringen. Ein Unglück kommt bekanntlich nie allein.