„Wir kommen alle zu Ihnen, alle, alle! Auch Praskowja Iljinitschna
wollte kommen, und auch Luisa Karlowna wollte kommen,“ zwitscherte Anna
Nikolajewna, in den „Salon“ eintretend. Neugierig blickte sie sich rings
um.
Sie war eine hübsche kleine Dame, bunt, doch reich gekleidet und sie
wußte es selbst vorzüglich, daß sie hübsch war. Sie war überzeugt, in
einer Ecke des Salons den Fürsten mit Sina im Gespräch zu erblicken.
„Und auch Katerina Petrowna und Felissata Michailowna wollten kommen,“
fügte Natalja Dmitrijewna hinzu, eine Dame von kolossalen Dimensionen –
sie war es, deren Formen dem Fürsten so sehr gefallen hatten – und die
unwillkürlich an einen Grenadier erinnerte.
Sie trug ein auffallend kleines rosa Kapotthütchen, das ganz auf dem
Hinterkopf saß. Seit drei Wochen war sie die beste Freundin Anna
Nikolajewnas, der sie schon seit langem den Hof gemacht hatte und die
sie allem Anschein nach wie einen einzigen Bissen hätte
hinunterschlucken können – samt allen Knochen.
„Ich rede schon gar nicht von meinem – ich kann wohl sagen – Entzücken
darüber, Sie beide endlich einmal bei mir zu sehen und noch dazu am
Abend,“ flötete Marja Alexandrowna, nachdem sie sich vom ersten Schreck
erholt hatte. „Aber sagen Sie doch bitte, welches Wunder Sie heute zu
mir gerufen hat, während ich doch schon längst jede Hoffnung auf diese
Ehre aufgegeben! ...“
„Ach Gott, Marja Alexandrowna, wie Sie wirklich sind!“ sagte Natalja
Dmitrijewna süßlich, verschämt, geziert und fast piepend, was einen
äußerst interessanten Gegensatz zu ihrer Erscheinung bildete.
„^Mais, ma charmante^ Marja Alexandrowna,“ zwitscherte wieder Anna
Nikolajewna dazwischen, „wir müssen doch endlich mit unseren
Vorbereitungen zu diesem Theater ins reine kommen! Heute noch sagte
Pjotr Michailowitsch zu Kalist Stanislawitsch, es betrübe ihn sehr, daß
wir nicht weiter kämen und uns immer nur stritten. Und da versammelten
wir uns denn heute alle vier und dachten: fahren wir einfach zu Marja
Alexandrowna und besprechen wir uns dort! Natalja Dmitrijewna hat auch
die anderen benachrichtigt. Alle werden kommen. Und so können wir uns
denn beraten und die Sache kommt dann endlich in Gang ... Dann darf man
auch nicht mehr sagen, daß wir uns nur streiten, nicht wahr, ^mon
ange^?“ fügte sie kokett hinzu und küßte Marja Alexandrowna. „Ach! sieh
da! Sinaïda Afanassjewna! Sie werden aber mit jedem Tag schöner!“
Und Anna Nikolajewna eilte der eintretenden Sina entgegen, um sie zu
küssen.
„Sie hat ja auch nichts weiter zu tun, als sich zu verschönen,“ meinte
süß Natalja Dmitrijewna und rieb ihre großen Hände.
„Wenn euch doch der Teufel holte! Dieses blödsinnige Theater hatte ich
ganz vergessen! Sie scheinen, weiß Gott, klüger geworden zu sein!“
dachte Marja Alexandrowna, innerlich rasend vor Wut.
„Und hinzu kommt noch, mein Engel,“ fuhr Anna Nikolajewna fort, „daß
jetzt dieser liebe Fürst bei Ihnen weilt. Sie wissen doch, in Duchanowo
gab es ja früher ein Theater. Wir haben uns schon erkundigt und wissen
jetzt, daß dort irgendwo noch alte Kulissen, ein Vorhang und sogar
Kostüme vorhanden sind. Der Fürst war heute bei mir, aber ich war so
überrascht, daß ich ganz vergaß, ihn zu fragen. Jetzt können wir hier
das Gespräch aufs Theater bringen. Sie werden uns beistehen und der
Fürst wird uns den ganzen Plunder herschicken – das werden Sie sehen!
Denn bei wem könnten Sie wohl hier etwas in der Art einer Kulisse
bestellen? Und die Hauptsache: wir wollen ja auch den Fürsten für unsere
Aufführung gewinnen. Er muß unbedingt zur Kollekte beisteuern, – es ist
doch für die Armen! Vielleicht wird er sogar eine Rolle übernehmen, – er
ist doch so liebenswürdig und mit allem stets einverstanden. Dann würde
alles wundervoll gehen!“
„Gewiß wird er eine Rolle übernehmen. Man kann ihn ja doch jede
beliebige Rolle spielen lassen,“ bemerkte Natalja Dmitrijewna
zweideutig.
Anna Nikolajewna hatte Marja Alexandrowna nicht betrogen: in jedem
Augenblick kamen neue Gäste. Die Hausfrau konnte kaum eine jede der
eintreffenden Damen begrüßen und alle die Ausrufe des Entzückens
bewältigen, die von dem gesellschaftlichen Anstand oder dem guten Ton in
solchen Fällen verlangt werden.
Ich will es nicht versuchen, alle Damen zu beschreiben. Ich sage nur,
daß einer jeden ganz besondere Bosheit aus den Augen blitzte. Auf allen
Gesichtern konnte man Erwartung und eine geradezu krankhafte Ungeduld
lesen. Einige von ihnen waren entschieden mit der Absicht gekommen,
Augenzeugen eines unerhörten Skandals zu sein, und sie würden sehr
ungehalten gewesen sein, wenn es nicht zu einem solchen gekommen wäre.
Äußerlich waren alle ungemein liebenswürdig, doch Marja Alexandrowna
hatte sich nichtsdestoweniger auf einen heftigen Ansturm gefaßt gemacht.
Fragen nach dem Fürsten regneten von allen Seiten; anscheinend war eine
jede dieser Fragen sehr natürlich, aber dennoch enthielt jede eine leise
Anspielung, verriet jede einen Hintergedanken. Es wurde Tee gereicht;
man setzte sich. Eine Gruppe belagerte den Flügel. Sina wurde gebeten,
etwas zu singen, sie aber antwortete trocken, daß sie nicht ganz gesund
sei. Ihr bleiches Gesicht ließ die Antwort glaubwürdig erscheinen.
Hierauf folgten viele mitleidige Fragen und gleichzeitig wurde auch noch
nach anderem gefragt und anderes zu verstehen gegeben. Man erkundigte
sich auch nach Mosgljäkoff und wandte sich mit diesen Fragen
ausschließlich an Sina. Marja Alexandrowna verzehnfachte sich: sie sah
alles, selbst das, was in der fernsten Ecke geschah, sie hörte, was jede
Dame sprach, obgleich es ihrer etwa zehn waren, und sie antwortete
unverzüglich auf alle Fragen und versteht sich – suchte nicht lange nach
Worten. Sie zitterte für Sina und wunderte sich, daß sie noch nicht
fortging, wie sie es sonst in ähnlichen Fällen stets zu tun pflegte.
Auch Afanassij Matwejewitsch war inzwischen von den Gästen bemerkt
worden. Sie pflegten ihn gewöhnlich alle zum besten zu haben, um auf
diese Weise Marja Alexandrowna zu verletzen. Jetzt jedoch hofften sie,
von dem dummen und aufrichtigen Gatten manches Nähere zu erfahren. Marja
Alexandrowna beobachtete besorgt die Belagerung ihres „Tölpels“. Zudem
antwortete er auf alle Fragen nur mit einem „Hm!“, tat es aber mit einer
so unglücklichen und jämmerlich unnatürlichen Miene, daß sie aus der
Haut zu fahren glaubte.
„Marja Alexandrowna! Afanassij Matwejewitsch will mit uns überhaupt
nicht mehr sprechen!“ rief ihr ein dreistes, scharfäugiges Dämchen zu,
das entschieden nichts fürchtete und sich nie verwirren ließ. „Sagen Sie
ihm doch, daß er zu Damen etwas höflicher sein muß.“
„Ich ... wirklich, ich weiß es selbst nicht, was heute mit ihm geschehen
ist,“ antwortete Marja Alexandrowna, die ihr Gespräch mit Anna
Nikolajewna und Natalja Dmitrijewna unterbrach, heiter lächelnd. „So
verschlossen, so wortkarg habe ich ihn noch nie gesehen! Auch mit mir
spricht er kaum ein Wort. Weshalb antwortest du denn Felissata
Nikolajewna nicht, ^cher Athanase^?“
„Aber ... aber ... Mütterchen, du hast doch selbst ...“ stotterte der
verwunderte Gatte. Er stand in diesem Augenblick gerade am brennenden
Kamin, hatte die Hände in malerischer Pose – die er sich selbst ersonnen
– untergebracht und schickte sich an, Tee zu trinken. Die Fragen der
Damen verwirrten ihn dermaßen, daß er wie ein Mädchen errötete. Als er
jedoch die ersten Worte zu seiner Verteidigung stotterte, fing er einen
so vernichtenden Blick seiner Gattin auf, daß er vor Schreck fast die
Besinnung verlor. Da er nicht wußte, was er tun sollte, andererseits
aber sein Vergehen gut machen, gefallen und von neuem Achtung erringen
wollte, so nahm er vorläufig nur einen Schluck Tee. Der Tee war aber
heiß, und da er einen unverhältnismäßig großen Schluck genommen hatte,
verbrannte er sich Mund und Kehle, ließ die Tasse fallen, der Tee ging
in die Luftröhre, und er begann darauf so heftig zu husten, daß er das
Zimmer verlassen mußte, während die Anwesenden in staunender
Verständnislosigkeit zurückblieben. Mit einem Wort, der Hausfrau war
alles „klar“, sie sagte sich, daß ihre Gäste bereits alles wußten und
sich mit den schlimmsten Absichten bei ihr versammelt hatten. Die
Situation war gefährlich: sie konnten in ihrer Gegenwart den
schwachsinnigen Gatten in ein Gespräch verknüpfen und unangenehme Dinge
durch ihn in Erfahrung bringen. Sie konnten ihr sogar den Fürsten
streitig machen, konnten ihn ihr noch am selben Abend fortnehmen, d. h.
einfach mitlocken. Jedenfalls war alles möglich. Vorläufig hatte ihr
aber das Schicksal noch einen anderen Schlag zugedacht: in der Tür
erschien Mosgljäkoff, den sie bei Borodujeff glaubte. Sie hätte alles
eher als ihn an diesem Abend erwartet. Sie zuckte zusammen, als wäre sie
gestochen worden.
Mosgljäkoff blieb in der Tür stehen und erschien beim Anblick der vielen
Gäste etwas verwirrt zu werden. Er konnte seine Aufregung nicht
bezwingen: man sah sie ihm wenigstens deutlich an.
„Ach, mein Gott! Pawel Alexandrowitsch!“ riefen mehrere Damen aus.
„Ach Gott! Das ist ja doch Pawel Alexandrowitsch! Aber wie, Marja
Alexandrowna, Sie sagten doch, er sei zu Borodujeff gegangen? Uns wurde
gesagt, daß Sie sich bei Borodujeff verborgen hätten, Pawel
Alexandrowitsch!“ flötete Natalja Dmitrijewna.
„Verborgen?“ wiederholte Mosgljäkoff mit einem etwas verzerrten Lächeln.
„Ein sonderbarer Ausdruck! Verzeihen Sie, Natalja Dmitrijewna, ich
verberge mich vor keinem Menschen und wünsche auch keinen anderen zu
verbergen,“ fügte er mit vielsagendem Blick auf Marja Alexandrowna
hinzu.
Marja Alexandrowna erzitterte.
„Was, sollte auch dieser Esel sich auflehnen wollen?“ fragte sie sich
und sah ihn prüfend von der Seite an. „Das wäre das Schlimmste ...“
„Ist es wahr, Pawel Alexandrowitsch, daß Sie den Abschied erhalten haben
... im Staatsdienst, versteht sich?“ fragte die naseweise Felissata
Michailowna und blickte ihm spöttisch offen in die Augen.
„Den Abschied? Welch einen Abschied? Ich habe ganz einfach umgesattelt.
Ich lasse mich nach Petersburg versetzen,“ antwortete Mosgljäkoff
trocken.
„Nun, wenn es so ist, dann gratuliere ich,“ fuhr Felissata Michailowna
fort. „Und wir erschraken schon, als wir hörten, daß Sie sich um eine
Anstellung hier in Mordassoff bewerben würden. Hier sind doch die
Stellen nicht sicher, Pawel Alexandrowitsch: eh man sich versieht,
fliegt man.“
„Es sei denn eine Lehreranstellung in der Kreisschule; dort gäbe es noch
eine Vakanz,“ bemerkte Natalja Dmitrijewna.
Die Anspielung war so deutlich, daß Anna Nikolajewna verlegen wurde und
ihre boshafte Freundin heimlich mit dem Fuß stieß.
„Glauben Sie denn, daß Pawel Alexandrowitsch einwilligen würde, die
Anstellung eines Kreisschullehrers anzunehmen?“ fragte Felissata
Michailowna.
Mosgljäkoff fand keine Antwort. Da kehrte er ihnen den Rücken und wollte
fortgehen, stieß aber im selben Augenblick mit Afanassij Matwejewitsch
zusammen, der ihm gutmütig die Hand entgegenstreckte. Mosgljäkoff
reichte ihm dummerweise nicht die Hand und verbeugte sich nur spöttisch
auffallend tief vor ihm. Aufs äußerste gereizt trat er zu Sina, sah ihr
haßerfüllt in die Augen und raunte ihr zu:
„Alles das haben wir Ihrer Güte zu verdanken. Warten Sie, heute abend
noch werde ich Ihnen zeigen, ob ich ein Dummkopf bin oder nicht!“
„Weshalb aufschieben? Das sieht man ja auch jetzt,“ antwortete Sina mit
lauter Stimme und maß ihren ehemaligen Freier mit Ekel verratendem Blick
vom Kopf bis zu den Füßen.
Mosgljäkoff wandte sich schleunigst ab – ihre laute Antwort hatte ihn
denn doch erschreckt.
„Kommen Sie von Borodujeff?“ entschloß sich schließlich Marja
Alexandrowna zu fragen.
„Nein, ich komme von meinem Onkel.“
„Von Ihrem Onkel? Dann sind Sie also soeben beim Fürsten gewesen?“
„Ach, Himmel! Dann ist ja der Fürst schon aufgewacht? Und uns wurde
gesagt, daß er noch schlafe!“ Natalja Dmitrijewna tat sehr verwundert,
und der Blick, mit dem sie die Hausfrau streifte, war geradezu
durchbohrend.
„Ängstigen Sie sich nicht um den Fürsten, Natalja Dmitrijewna,“
antwortete Mosgljäkoff, „er ist aufgewacht und, Gott sei Dank, wieder
bei vollem Verstande. Vorher hatte man ihn betrunken gemacht, zuerst bei
Ihnen, Natalja Dmitrijewna, und dann hier noch endgültig, so daß er
beinahe seinen letzten Verstand verlor, der ja bei ihm ohnehin nicht
groß ist. Jetzt aber haben wir uns beide zum Glück aussprechen können,
und so vermag er denn wieder vernünftig zu denken. Er wird sogleich
erscheinen, um sich von Ihnen, Marja Alexandrowna, zu verabschieden und
für Ihre Gastfreundschaft zu danken. Morgen aber werden wir in aller
Frühe ins Kloster fahren und von dort werde ich ihn persönlich nach
Duchanowo begleiten, um ein abermaliges Umgeworfenwerden zu verhüten. In
Duchanowo wird ihn aus meinen Händen Stepanida Matwejewna empfangen –
die bis dahin unfehlbar aus Moskau zurückgekehrt sein wird – und dann
ist es natürlich ausgeschlossen, daß er noch einmal eine Reise
unternimmt – dafür garantiere ich.“
Während dieser ganzen Rede blickte Mosgljäkoff mit aufrichtigem Haß zu
Marja Alexandrowna hinüber. Diese saß, als hätte sie vor Schreck die
Sprache verloren. Ich muß zu meinem Schmerz gestehen, daß meine Heldin
zum ersten Mal im Leben ernstlich bange wurde.
„Ach, also morgen in aller Frühe fahren sie fort? Wie denn das?“ fragte
Natalja Dmitrijewna, sich an Marja Alexandrowna wendend.
„Wie kommt denn das?“ ertönte es naiv von allen Seiten. „Und wir haben
gehört ... das ist doch wirklich sonderbar!“
Die Hausfrau wußte nicht mehr, was sie antworten sollte. Da wurde die
allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich durch den ungewöhnlichsten
Zwischenfall abgelenkt: aus dem Nebenzimmer drang ein seltsames Geräusch
und keifendes Geschrei an aller Ohren und plötzlich stürzte unvermutet
unverhofft Ssofja Petrowna Karpuchina in Marja Alexandrownas Salon.
Diese Ssofja Petrowna war sicherlich die exzentrischste Dame in ganz
Mordassoff: so exzentrisch war sie, daß die Gesellschaft der Stadt in
jüngster Zeit beschlossen hatte, sie nicht mehr zu empfangen. Ich muß
noch bemerken, daß sie regelmäßig an jedem Abend um sieben Uhr ein paar
Gläschen kippte – für den Magen, wie sie es nannte. Nach dieser Stärkung
befand sie sich dann gewöhnlich in der allerexzentrischsten Stimmung –
gelinde ausgedrückt. Und in dieser Stimmung stürzte sie jetzt in den
Salon Marja Alexandrownas.
„Ah, also so sind Sie, Marja Alexandrowna!“ schrie sie, „also so gehen
Sie mit mir um! Beunruhigen Sie sich nicht, ich bin nur auf einen
Augenblick gekommen, ich werde mich bei Ihnen auch nicht setzen. Ich bin
absichtlich hergefahren, um mich selbst zu überzeugen, ob es wahr ist,
was man mir erzählt hat. Ah! also Sie geben Bälle, Banketts, feiern
Verlobungen, Ssofja Petrowna aber kann zu Hause sitzen und Strümpfe
stricken! Die ganze Stadt ist eingeladen, nur ich nicht! Vorhin aber war
ich für Sie ‚liebe Freundin‘ und ‚^mon ange^‘ als ich herkam, um zu
erzählen, was bei Natalja Dmitrijewna mit dem Fürsten gemacht wurde. Und
jetzt sitzt diese Natalja Dmitrijewna, über die Sie vorhin so geschimpft
haben, und die über Sie geschimpft hat, als Gast in Ihrem Hause.
Beunruhigen Sie sich nicht, Natalja Dmitrijewna! Ich brauche nicht Ihre
Schokolade ^à la santé^ zu zehn Kopeken die Tafel. Ich trinke zu Hause
öfter als Sie!“
„Das merkt man,“ antwortete Natalja Dmitrijewna.
„Aber ich bitte Sie, Ssofja Petrowna,“ rief Marja Alexandrowna aus,
hochrot vor Zorn, „was ist heute mit Ihnen? So kommen Sie doch zur
Besinnung, wenigstens!“
„Oh, keine Sorge um mich, Marja Alexandrowna, ich habe alles, alles
erfahren!“ schrie Ssofja Petrowna mit ihrer schrillen, kreischenden
Stimme, umringt von allen Damen, die sich an dieser unerwarteten Szene
zu ergötzen schienen. „Ich habe alles erfahren! Ihre holde Nastassja ist
selbst zu mir gelaufen, um mir alles zu erzählen. Sie haben diesen
Jammerkerl, diesen Fürsten, eingefangen, haben ihn betrunken gemacht und
dann gezwungen, bei Ihrer Tochter anzusprechen, ja, bei Ihrer Tochter,
die niemand mehr heiraten will, und jetzt bilden Sie sich wahrscheinlich
ein, daß auch Sie mit einem Schlage weiß Gott was für ein wichtiger
Vogel geworden sind – eine Herzogin in echten Spitzen – daß Gott
erbarm’! Oh, beunruhigen Sie sich nicht, ich selbst bin die Frau eines
Obersten! Und wenn Sie mich nicht zur Verlobung einladen wollen, so
pfeife ich auf Ihre Verlobung! Ich habe in vornehmeren Kreisen verkehrt
als Sie. Ich habe bei der Gräfin Salichwatskij diniert, und der
Oberkommissar Kurotschkin hat bei mir angesprochen! Als ob ich Ihre
Einladung brauchte, – Gott bewahre! ...“
„Ssofja Petrowna,“ hub Marja Alexandrowna verhältnismäßig ruhig an,
obgleich sie aus der Haut zu fahren meinte, „Sie können mir glauben, daß
man nicht in einer solchen Weise in ein vornehmes Haus hineinstürmt und
noch dazu in einem _solchen Zustande_, und wenn Sie mich jetzt nicht
sofort von Ihrer Anwesenheit und Ihrem Redefluß befreien, so werde ich
unverzüglich Maßregeln ergreifen ...“
„Ich weiß, ich weiß, Sie werden Ihren Dienstboten befehlen, mich
hinauszugeleiten! Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde selbst den Weg
hinausfinden. Leben Sie wohl, verheiraten Sie wen Sie wollen, Sie aber,
Natalja Dmitrijewna, brauchen nicht über mich zu lachen: ich pfeife auf
Ihre Schokolade! Ich bin zwar nicht hierher eingeladen worden, habe aber
auch nicht vor Fürsten den Kasatschock getanzt. Und weshalb lachen Sie
denn eigentlich, Anna Nikolajewna? Ssuschiloff hat sich inzwischen das
Bein gebrochen, ist soeben erst nach Haus gebracht worden! Und wenn Sie,
Felissata Michailowna, Ihrer barfüßigen Matrjoschka nicht sagen,
rechtzeitig Ihre Kuh einzutreiben, damit sie nicht jeden Tag unter
meinen Fenstern brüllt, so werde _ich_ Ihrer Matrjoschka die Beine
brechen. Leben Sie wohl, Marja Alexandrowna, wünsche viel Glück! – Daß
Gott erbarm’!“
Ssofja Petrowna verschwand. Alles lachte. Marja Alexandrowna wußte
nicht, was sie tun oder sagen sollte.
„Ich glaube, sie hat wieder getrunken,“ flötete süßlich Natalja
Dmitrijewna.
„Aber immerhin – diese Frechheit!“
„^Quelle abominable femme!^“
„Na – sie hat uns mal wieder erheitert!“
„Nein, aber welch skandalöse Dinge sie gesagt hat!“
„Nur – was sprach sie da von einer Verlobung? Was ist das für eine
Verlobung?“ fragte Felissata Michailowna spöttisch.
„Aber das ist ja entsetzlich!“ entlud sich endlich Marja Alexandrowna.
„Und diese Ungeheuer sind es ja gerade, die die unsinnigsten Gerüchte
verbreiten! Nicht das ist erstaunlich, Felissata Michailowna, daß solche
Damen sich in unserer Gesellschaft befinden, – nein, am erstaunlichsten
ist, daß man diese Damen nicht entbehren zu können scheint, daß man sie
überhaupt anhört, sie unterstützt, ihnen glaubt, sie ...“
„Der Fürst, der Fürst!“ riefen plötzlich alle Gäste ^unisono^.
„Ach, Gott! ^Ce cher prince!^“
„Nun, Gott sei Dank! Jetzt wird man doch endlich die ganze Wahrheit
erfahren!“ flüsterte Felissata Michailowna ihrer Nachbarin zu.