Die Pferde jagten dahin. Wir haben bereits gesagt, daß ein genialer
Gedanke Marja Alexandrowna am Vormittage – als sie dem Fürsten nachfuhr,
um ihn zurückzuerobern – beglückt hatte. Dieser Gedanke war: den Fürsten
zu „konfiszieren“ und so bald als möglich auf ihr Gut in der Nähe der
Stadt zu bringen, wo augenblicklich nur Afanassij Matwejewitsch sorglos
und ungestört in vollkommenster Zufriedenheit gedieh. Wir wollen es
nicht verheimlichen, daß Marja Alexandrowna immer mehr von einer
unerklärlichen Unruhe gepeinigt wurde. Das pflegt ja sogar mit
wirklichen Helden zu geschehen und gerade in der Zeit, wenn sie ihr Ziel
erreichen oder sich ihm doch nähern. Ein gewisser Instinkt sagte ihr,
daß es gefährlich war, in Mordassoff zu bleiben. „Ist man aber erst auf
dem Lande, dann kann sich meinetwegen die ganze Stadt hier auf den Kopf
stellen!“ Selbstverständlich durfte man auch auf dem Lande nicht unnütz
Zeit verlieren. Es konnte ja alles mögliche dazwischen kommen, alles
mögliche – wenn wir auch dem Gerücht, das von den Feinden unserer Heldin
späterhin über sie verbreitet wurde, keinen Glauben schenken: daß sie in
diesem Augenblick sogar ein Eingreifen der Polizei gefürchtet habe.
Kurz, sie sah ein, daß man Sina so bald als möglich mit dem Fürsten
verheiraten mußte. Die Mittel dazu hatte sie zur Hand. Dort auf dem Gute
konnte sie der Dorfgeistliche trauen. Die Trauung konnte gleich
übermorgen stattfinden, im äußersten Notfall sogar morgen. Hatte es doch
Trauungen gegeben, die binnen zwei Stunden vollzogen worden waren! Dem
Fürsten mußte man diese Eile und das Wegfallen aller Zeremonien und
Festlichkeiten, Verlobungen und Polterabend als das Neueste ^comme il
faut^ hinstellen: man mußte ihm beweisen, daß es so „grandioser“ sei.
Außerdem konnte man ihm das Ganze als romantisches Abenteuer vormalen
und somit die empfindsamste Seite im Herzen des alten Mannes zum Klingen
bringen. Und schlimmstenfalls konnte man ihn sogar mit Wein „beruhigen“
oder – noch besser – ihn während der ganzen Zeit bei halber
Betrunkenheit erhalten. Was dann später auch geschehen sollte – Sina
würde dann immerhin schon Fürstin _sein_! Und falls es auch nicht ohne
einen Skandal abgehen sollte, in Petersburg oder Moskau zum Beispiel, wo
die Verwandten des Fürsten lebten, so gab es auch hierfür einen Trost:
erstens war das noch weit im Felde und zweitens war Marja Alexandrowna
überzeugt, daß es in der höheren Gesellschaft fast immer einen Skandal
geben müsse, namentlich in Heiratsangelegenheiten, daß dieses sogar
„guter Ton“ sei, wenn auch derlei Skandale der hohen Gesellschaft ihrer
Meinung nach immer gewissermaßen ganz besondere zu sein pflegten, etwa
in der Art der Skandale eines Monte-Christo oder der Mémoires du Diable
– daß aber ihre Sina nur zu erscheinen brauche, unterstützt von ihrer
Mama, um im Augenblick alle und alles zu besiegen, und daß dann keine
einzige von allen Gräfinnen und Fürstinnen dieser Mordassower Kopfwäsche
würde standhalten können, die nur Marja Alexandrowna allen gemeinsam
oder auch einzeln der Reihe nach zu verabfolgen schon verstehen würde.
Die Folge dieser Überlegungen war, daß Marja Alexandrowna jetzt mit
Windeseile auf ihr Gut fuhr, um Afanassij Matwejewitsch abzuholen,
dessen sie nach ihrer Berechnung jetzt sehr bedurfte. In der Tat: den
Fürsten aufs Gut bringen, – das hieß, ihn zu Afanassij Matwejewitsch
bringen, dessen Bekanntschaft der Fürst vielleicht durchaus nicht machen
wollte –, war bedenklich. Wenn ihn aber Afanassij Matwejewitsch
persönlich aufforderte, so war das eben etwas ganz anderes. Zudem konnte
das Erscheinen eines bejahrten, würdigen Familienvaters, in Frack und
weißer Binde, den Hut in der Hand, einen sehr guten Eindruck machen; und
wenn man noch hinzufügte, daß er einzig auf die erste Kunde vom Fürsten
aus der Ferne herbeigeeilt sei, so konnte das der Eigenliebe des Fürsten
nur schmeicheln. Nach einer so umständlichen Galaeinladung war es auch
schwer, abzusagen, dachte Marja Alexandrowna. Endlich hatten die Pferde
die drei Werst zurückgelegt, und der Kutscher Ssofron zügelte sie vor
der Vorfahrt des langgestreckten, einstöckigen, hölzernen Gutsgebäudes,
das mit seiner langen Fensterreihe und umstanden von alten Linden schon
ziemlich baufällig aussah und mit der Zeit von Wind und Regen ganz
geschwärzt war. Das war Marja Alexandrownas Sommerresidenz. Im Hause
brannte bereits Licht.
„Wo ist der Tölpel?“ schrie Marja Alexandrowna, die wie ein Sturm durch
die Zimmer raste. „Weshalb liegt hier dieses Handtuch? Ach! Er hat sich
getrocknet! Hat er sich wieder gebadet? Und ewig schlürft er seinen Tee!
Was glotzt du mich an, du Dummkopf! Weshalb ist sein Haar nicht
geschnitten? Grischka! Grischka! Grischka! Weshalb hast du dem Herrn
nicht das Haar so geschnitten, wie ich es dir in der vergangenen Woche
anbefohlen habe?“
Marja Alexandrowna hatte anfangs die Absicht gehabt, viel freundlicher
ihren Gemahl zu begrüßen; als sie jedoch sah, daß er soeben aus dem Bad
gestiegen war und stillvergnügt wieder seinen Tee trank, da konnte sie
ihren Zorn nicht mehr meistern. In der Tat: soviel Mühen und Sorgen
ihrerseits und soviel seliger Quietismus von seiten des zu nichts
tauglichen, vollständig überflüssigen Afanassij Matwejewitsch – dieser
Kontrast traf sie mitten ins Herz. Inzwischen saß der Tölpel, oder
höflicher, derjenige, der Tölpel genannt wurde, in sprachlosem Schrecken
vor seinem Ssamowar, sperrte Augen, Mund und Nase auf und starrte seine
Frau an, deren Erscheinen ihn fast zu einem Götzenbilde gemacht hatte.
In der Tür zum Vorzimmer stand die vierschrötige Gestalt Grischkas, der
beständig etwas verschlafen zu sein schien und der sich auch jetzt nur
augenblinzelnd die Szene ansah.
„Ja sie lassen doch nicht, deshalb habe ich auch nicht geschnitten,“
sagte er mürrisch mit seiner klanglosen Stimme. „Zehnmal bin ich mit der
Schere gekommen, – nun, Herr, sagte ich, die Gnädige wird kommen und
dann wird sie uns beiden was setzen, wenn wir nicht geschoren sind, was
sollen wir dann machen? Sie aber sagten: nein, wart, ich werde mir
Sonntag Locken einlegen und dazu brauche ich lange Haare.“
„Was? Er legt sich Locken ein! Also du legst dir Locken ein? Was sind
denn das für Marotten? Und wie steht denn das zu deinem dummen Kopf?
Gott, was das hier für eine Unordnung ist! Wonach riecht es hier? Ich
frage dich, Monstrum, wonach es hier riecht?“ schrie Marja Alexandrowna,
die über den unschuldigen und zu Tode erschrockenen Afanassij
Matwejewitsch in immer größere Wut geriet.
„Mü ... mütterchen!“ stotterte schließlich der angstvolle Gatte, ohne
sich vom Stuhl zu erheben und nur mit flehendem Blick auf die Gestrenge,
„Mü ... mütterchen! ...“
„Wievielmal habe ich dir gesagt, habe ich deinem Eselskopf eingebläut,
daß ich für dich durchaus kein Mütterchen bin! Was bin ich für ein
Mütterchen, du Schöps, der du bist! Wie darfst du es wagen, eine
vornehme Dame, deren Platz in der höchsten Gesellschaft, aber nicht
neben einem Esel wie du wäre, mit solchen Namen anzureden!“
„Ja ... ja, aber du bist doch ... bist doch meine gesetzmäßige Frau ...
und deshalb sage ich auch ... wie es unter Eheleuten ... Sitte ist ...“
versuchte zwar Afanassij Matwejewitsch sich zu verteidigen, hob aber
gleichzeitig beide Hände zum Kopf empor, um seine Haare zu schützen.
„Ach du – Fratze! Du Popanz! Hat man jemals eine dümmere Antwort gehört?
Gesetzmäßige Frau! Was gibt es denn jetzt noch für gesetzmäßige Frauen?
Wer in aller Welt oder in der besseren Gesellschaft gebraucht jetzt noch
dieses dumme, dieses seminaristische, dieses ekelhaft gemeine Wort:
‚gesetzmäßige Frau‘? – und wie wagst du es überhaupt, mich daran zu
erinnern, daß ich deine Frau bin, wenn ich mich aus allen Kräften, aus
ganzer Seele gerade dieses eine wieder zu vergessen bemühe, daß ich
deine Frau bin! Was hältst du deinen Kopf fest? Da sehe doch einer, was
für Haare er hat! Sie sind ja total, total naß! Die werden in drei
Stunden nicht trocken werden! Wie soll man jetzt mit ihm hinfahren? Wie
soll man ihn fremden Menschen zeigen? Was soll ich jetzt tun?“
Marja Alexandrowna rang die Hände vor Verzweiflung, während sie im
Zimmer auf und ab raste. Das Unglück war zwar nicht so groß und ließ
sich ja leicht wieder gutmachen, nur konnte die Dame ihren
herrschsüchtigen, rechthaberischen Geist nicht immer bändigen. Das
beständige Ausgießen ihres Zornes über dem Haupte des armen Afanassij
Matwejewitsch war ihr zum Bedürfnis geworden, – denn Tyrannei ist eine
Angewohnheit, die zum Bedürfnis wird. Und dann – wir wissen doch, zu
welchen Kontrasten manche zartfühlenden Damen einer gewissen
Gesellschaftsklasse bei sich zu Hause, hinter den Kulissen – fähig sind,
und gerade diesen Kontrast wollte ich hier wiedergeben.
Afanassij Matwejewitsch verfolgte zitternd die Evolutionen seiner Gattin
und schwitzte vor Angst.
„Grischka!“ schrie sie. „Kleide den Herrn sofort an! Frack, Beinkleider,
weiße Binde, Weste – schneller! Wo ist denn seine Kopfbürste, wo ist
seine Kopfbürste?“
„Mütterchen! Aber ich bin doch soeben aus der Wanne gekommen, – ich kann
mich doch erkälten, erkälten, wenn ich bei diesem Wetter ausfahren ...“
„Keine Bange – wirst dich nicht erkälten!“
„Aber ... mein Haar ist ja ganz naß ...“
„Das werden wir im Augenblick trocken machen! Grischka, nimm die
Kopfbürste, bürst ihn trocken! Stärker! stärker! stärker! So! So ist’s
recht!“
Unter diesem Kommando bürstete der eifrige und ergebene Grischka aus
Leibeskräften den Kopf seines Herrn, den er um der größeren
Bequemlichkeit halber an der Schulter erfaßt hatte und von rückwärts
striegelte, ungeachtet dessen, daß er die Nase seines Opfers fast an den
Diwan stieß. Afanassij Matwejewitsch zog das Gesicht kraus und war nahe
daran, zu weinen.
„Jetzt komm her! Heb ihn auf, Grischka! Wo ist die Pomade? Beuge dich,
beug dich, Nichtsnutz, beug dich, sag ich dir!“
Und Marja Alexandrowna machte sich daran, eigenhändig ihren Gemahl zu
salben, während sie ihn unbarmherzig an seinem dichten,
grauuntermischten Haarschopf zog, den er zum Unglück nicht
vorschriftsmäßig hatte kurz schneiden lassen. Afanassij Matwejewitsch
seufzte und prustete, schrie aber doch kein einziges Mal, sondern ertrug
ergeben die ganze gewaltsame Einsalbung.
„Alle meine Kräfte hast du mir ausgesogen, du Schmutzfink!“ schrie Marja
Alexandrowna. „So beug dich doch mehr, beug dich! – hast du verstanden?“
„Wieso habe ich denn deine Kräfte ausgesogen, Mütterchen?“ fragte der
Gatte zaghaft und beugte den Kopf so tief als nur irgend möglich.
„Tölpel! Kannst nicht einmal eine Allegorie verstehen! Jetzt kämm dich.
Und den Rock ihm an. Aber schnell.“
Unsere Heldin setzte sich in einen Fauteuil und beaufsichtigte mit
inquisitorischen Blicken das ganze Zeremoniell der Bekleidung ihres
Gatten. Dieser hatte sich inzwischen ein wenig erholt und etwas Mut
geschöpft. Als es zum Binden der weißen Krawatte kam, wagte er sogar,
eine persönliche Bemerkung über die Form und Schönheit des Knotens zu
äußern. Und als der brave Mann zu guter Letzt noch seinen Frack
angezogen hatte, war er vollkommen ermutigt und betrachtete sein
Spiegelbild sogar mit einer gewissen Ehrfurcht.
„Wohin bringst du mich denn, Marja Alexandrowna?“ fragte er
selbstgefällig.
Seine Gemahlin traute ihren Ohren nicht.
„Da höre doch einer! Ach, du Vogelscheuche! Wie wagst du überhaupt, mich
zu fragen, wohin ich dich bringe?“
„Aber Mütterchen, man muß doch wissen ...“
„Schweig! Und wag es nur noch einmal, mich Mütterchen zu nennen,
namentlich dort, wohin wir jetzt fahren! Einen ganzen Monat bleibst du
mir dann ohne einen Tropfen Tee!“
Erschrocken verstummte der Gemahl.
„Seht doch, nicht einen einzigen Orden hat er sich verdient, dieser
Taugenichts!“ sagte sie mit verächtlichem Blick auf seinen schwarzen
Frack.
Da fühlte sich Afanassij Matwejewitsch denn doch gekränkt.
„Orden, Mutter, verleihen die höchsten Vorgesetzten und ich bin Rat,
aber kein Taugenichts!“ sagte er mit edlem Unwillen.
„Wie, wie, wie! Hast du hier etwa zu denken gelernt? Ach du! Bauer, du!
Schade, daß ich jetzt keine Zeit habe, mich mit dir abzugeben, sonst
würde ich ... Nun, ich werde mich dessen noch später entsinnen! Gib ihm
den Hut, Grischka! Gib ihm den Pelz! ... Hier in meiner Abwesenheit
diese drei Zimmer aufräumen, und auch das grüne, das Eckzimmer,
gleichfalls aufräumen! Im Augenblick! Von den Spiegeln die Bezüge
abnehmen! von den Uhren gleichfalls! Und sieh zu, daß alles in einer
Stunde fertig ist! Und du selbst zieh dir den Frack an, und den Leuten
gib weiße Handschuhe, hörst du, Grischka, hörst du!“
Sie setzten sich in den Schlitten und fuhren. Afanassij Matwejewitsch
wunderte sich und Marja Alexandrowna überlegte im stillen, wie sie dem
schwerfälligen Kopf ihres Gatten gewisse Verhaltungsmaßregeln möglichst
klar, einfach und verständlich einschärfen sollte. Doch ihr Gatte kam
ihr zuvor.
„Ach so, was ich eigentlich sagen wollte ... ich habe heute einen sehr
originellen Traum gehabt,“ meldete er plötzlich mitten im beiderseitigen
Schweigen.
„Ach, du verfluchte Vogelscheuche! Und ich glaubte schon, daß jetzt weiß
Gott was kommen würde! Sein Traum! Wie wagst du es überhaupt, mir mit
deinen Träumen zu kommen? Origineller – Traum? Weißt du denn auch, was
originell bedeutet? Hör, ich sage dir jetzt zum letzten Mal: wenn du
heute wagst, auch nur ein Wort von deinem Traum zu sagen, oder
gleichviel wovon, so werde ich – ich weiß nicht was, mit dir tun! Paß
jetzt auf: Fürst K. ist zu mir gekommen. Entsinnst du dich noch des
Fürsten K.? ...“
„Entsinne mich, Mutter, entsinne mich. Weshalb ist er denn zu dir
gekommen?“
„Schweig! – das geht dich nichts an! Du mußt ihn mit besonderer
Liebenswürdigkeit – als Hausherr – sofort auf unser Gut einladen.
Deshalb bringe ich dich auch hin. Und heute noch werden wir von dort
fortfahren. Wenn du aber wagst, heute, diesen ganzen Abend, oder morgen,
oder übermorgen oder gleichviel wann, auch nur ein einziges Wort zu
sprechen, so werde ich dich ein ganzes Jahr lang – Gänse werde ich dich
hüten lassen! Sprich überhaupt nicht, sprich kein einziges Wort. Und das
ist alles, was du zu tun hast. – Hast du verstanden?“
„Aber – wenn man mich etwas fragt?“
„Gleichviel – schweige!“
„Aber – das geht doch nicht, daß ich nicht antworte, Marja
Alexandrowna!“
„In dem Fall sag irgend etwas ganz Kurzes, Einsilbiges, zum Beispiel:
‚Hm!‘ oder etwas in der Art, – gewissermaßen – um zu zeigen, daß du ein
kluger Mensch bist und reiflich überlegst, bevor du antwortetst.“
„Hm!“
„Versteh mich! Ich bringe dich hin und werde sagen, daß du auf die
Nachricht von der Ankunft des Fürsten, vor Freude über seinen Besuch,
sofort zur Stadt geeilt bist, um ihm deine Aufwartung zu machen und ihn
zu uns aufs Gut einzuladen. Hast du verstanden?“
„Hm!“
„Aber du sollst doch nicht jetzt ‚hm‘ sagen, Esel! Antworte darauf, was
ich dich frage!“
„Gut, Mutter, es soll alles geschehen, wie du willst, nur – weshalb soll
ich denn den Fürsten einladen?“
„Wie, wie? Wieder willst du denken! Was geht das dich an, weshalb! Und
wie wagst du überhaupt, das zu fragen?“
„Ich meine ja nur, Marja Alexandrowna wie soll ich ihn denn einladen,
wenn du mir fortwährend zu schweigen befiehlst?“
„Ich werde für dich reden, du aber mach nur deine Verbeugung – hörst du?
– mach nur deine Verbeugung und behalte den Hut in der Hand. Hast du
mich verstanden?“
„Jawohl, Mutt... Marja Alexandrowna.“
„Der Fürst ist sehr geistreich. Wenn er etwas sagt, und selbst wenn es
nicht an dich gerichtet ist, so antworte auf alles nur mit einem
gutmütigen und heiteren Lächeln, – hörst du?“
„Hm!“
„Wieder! Mir hast du nicht mit ‚hm‘ zu antworten! Sage einfach und
offen: hast du gehört oder nicht?“
„Ich höre, Marja Alexandrowna, ich höre, wie sollte ich denn nicht
hören. Das ‚hm‘ sage ich nur, weil ich mich im Hm-Sagen übe, wie du es
befohlen hast. Aber ich meine nur, Mutter, wie wird denn das sein: wenn
der Fürst etwas sagt und du befiehlst, ihn nur anzusehen und zu lächeln!
Aber wenn er mich nun etwas fragt?“
„Gott! – bis der etwas begriffen hat! Ich habe dir doch gesagt:
schweige! Ich werde für dich antworten, du aber sieh ihn nur an und
lächle.“
„Aber ... dann kann er ja denken, daß ich stumm bin!“
„Großes Unglück! Mag er doch, dafür wird er _nicht_ merken, daß du
_dumm_ bist.“
„Hm! ... Nun, aber wenn mich andere etwas fragen?“
„Niemand wird dich etwas fragen, es wird niemand zugegen sein. Und falls
dennoch jemand kommen sollte – wovor Gott uns bewahre! – und dich etwas
fragt oder überhaupt etwas sagt, so antworte sofort mit einem
sarkastischen Lächeln. Weißt du, was das ist – ein sarkastisches
Lächeln?“
„Das ist doch ein geistvolles, nicht?“
„Ich werde dir – geistvolles! Wer wird denn von dir Esel ein geistvolles
Lächeln verlangen! Einfach ein spöttisches Lächeln, ein spöttisch
verächtliches.“
„Hm!“
„Weiß Gott, wie es werden wird!“ dachte Marja Alexandrowna innerlich
seufzend. „Er hat sich entschieden geschworen, mich zur Verzweiflung zu
bringen! Ich glaube fast, es wäre besser, ihn überhaupt nicht
hinzubringen!“
Während dieses Gedankenganges, dem sorgenvolle Unruhe und erbitterte
Selbstvorwürfe folgten, beugte sich Marja Alexandrowna beständig zum
Fenster ihres Verdeckschlittens hinaus und trieb den Kutscher zu noch
größerer Eile an. Die Pferde jagten, ihr aber schien es immer noch zu
langsam vorwärts zu gehen. Afanassij Matwejewitsch saß schweigend in
seiner Ecke und wiederholte in Gedanken die ihm erteilten Lektionen.
Endlich erreichten sie die Stadt und bald darauf hielten sie vor dem
Hause Marja Alexandrownas.
Kaum aber war unsere Heldin ausgestiegen, als sie auch schon einen
zweisitzigen, verdeckten Schlitten mit dampfenden Pferden erblickte, der
plötzlich gleichfalls vor ihrem Hause hielt. Das war das Gefährt, in dem
Anna Nikolajewna Antipowa ausfuhr. Im Schlitten saßen zwei Damen. Die
eine war Anna Nikolajewna und die andere Natalja Dmitrijewna, – seit
einiger Zeit die aufrichtigste Freundin und Anhängerin der anderen.
Marja Alexandrownas Herzschlag setzte aus. Aber noch hatte sie keinen
Schrei ausgestoßen, als schon eine zweite Kutsche vorfuhr, in der sich
offenbar gleichfalls Gäste befanden. Im Augenblick ertönten denn auch
freudige Begrüßungsworte.
„Marja Alexandrowna! Und zusammen mit Afanassij Matwejewitsch!
Angekommen! Woher denn das? Und gerade rechtzeitig, denn wir kommen zu
Ihnen! Auf den ganzen Abend! Welche Überraschung!“
Die Damen hüpften auf die Treppe und zwitscherten wie Schwalben
durcheinander. Marja Alexandrowna traute ihren Augen und Ohren nicht.
„Daß euch der! ...“ dachte sie bei sich. „Das sieht mir ganz nach einer
Verschwörung aus! Das muß man untersuchen! Nur ... werden nicht solche
Elstern wie ihr mich überlisten ... Wartet! ...“