„Wenn Sie, Nastassja Petrowna, vielleicht etwas in der Küche nach dem
Rechten sehen wollten,“ sagt sie, nachdem sie den Fürsten hinausgeleitet
hat. „Ich habe eine Vorahnung, daß dieser schändliche Nikitka das Essen
unfehlbar verderben wird! Ich bin überzeugt, daß er betrunken ist ...“
Nastassja Petrowna gehorcht. Im Fortgehen wirft sie Marja Alexandrowna
einen mißtrauischen Blick zu und bemerkt sogleich, daß diese sich in
ungewöhnlicher Erregung befindet. Anstatt nun nach dem schändlichen
Nikitka zu sehen, geht Nastassja Petrowna in den Saal, von dort durch
einen Korridor in ihr Zimmer und von dort in eine kleine dunkle Kammer,
in der einige Koffer stehen, ein paar alte Kleidungsstücke hängen und in
Bündeln die schmutzige Wäsche des Hauses aufbewahrt wird. Auf den
Fußspitzen schleicht sie zu einer verschlossenen Tür, hält den Atem an,
beugt sich nieder, lauert durch das Schlüsselloch und lauscht. Diese Tür
ist eine der drei Türen desselben Zimmers, in dem jetzt Sina und deren
Mutter allein zurückgeblieben sind.
Marja Alexandrowna hält Nastassja Petrowna zwar für eine durchtriebene,
aber doch mehr leichtsinnige Person. Wohl ist ihr bisweilen schon der
Gedanke gekommen, daß Nastassja Petrowna sich nicht schämen würde, an
den Türen zu lauschen. In diesem Augenblick ist aber Marja Alexandrowna
so beschäftigt und aufgeregt, daß sie keine Zeit hat, an
Vorsichtsmaßregeln zu denken. Sie setzt sich in ihren weichen Sessel und
blickt bedeutsam ihre Tochter an. Sina fühlt diesen Blick und eine
bittere Qual steigt in ihrem Herzen auf.
„Sina!“
Sina wendet langsam ihr bleiches Gesicht der Mutter zu und erhebt den
Blick ihrer dunklen, verträumten Augen.
„Sina, ich habe die Absicht, mit dir über etwas sehr Ernstes zu reden.“
Sina wendet sich jetzt vollkommen zur Mutter, faltet die Hände, lehnt
sich an den Flügel und wartet. In ihrem Gesicht spiegelt sich Ärger und
Spott wieder, was sie übrigens zu verbergen sucht.
„Ich will dich fragen, Sina, wie dir heute _jener_ Mosgljäkoff gefallen
hat?“
„Du weißt doch längst, wie ich über ihn denke,“ antwortet Sina gleichsam
wider Willen.
„Ja, ^mon enfant^; aber es scheint mir, daß er mit seinem ... Werben gar
zu lästig wird.“
„Er sagt, daß er in mich verliebt sei und so dürfte seine
Aufdringlichkeit entschuldbar sein.“
„Sonderbar, früher hast du ihn nicht so ... bereitwillig entschuldigt.
Im Gegenteil, du fielst immer über ihn her, sobald ich nur von ihm
sprach.“
„Sonderbar ist gleichfalls, daß du ihn früher immer verteidigtest und
jetzt als erste über ihn herfällst.“
„Ja, beinahe. Ich will nichts verleugnen, Sina: früher wollte ich dich
gern mit ihm verheiratet wissen. Es war mir schwer, deinen ewigen
Kummer, deine Qual zu sehen, die ich dir nachfühlen kann – gleichviel,
was du auch von mir denkst! – und die meinen Schlaf in jeder Nacht
vergiftet. Ich hatte mich überzeugt, daß nur eine einschneidende
Veränderung in deinem Leben dich retten könnte. Und diese Veränderung
soll – eine Heirat sein. Wir sind nicht reich und können zum Beispiel
nicht ins Ausland fahren. Die hiesigen Esel wundern sich, daß du
dreiundzwanzig Jahre alt und noch unverheiratet bist und erfinden
allerlei Geschichten. Aber soll ich dich denn einem unserer Räte geben
oder Iwan Iwanowitsch, unserm Ökonom? Gibt es denn hier Männer für dich?
Mosgljäkoff ist natürlich dumm, aber er ist doch immer noch der beste
von allen. Er ist aus guter Familie, er hat einflußreiche Verwandschaft,
er besitzt hundertundfünfzig Seelen – das ist doch immerhin besser, als
von Sporteln und Sparen und weiß Gott was für Abenteuern zu leben.
Deshalb hatte ich auch mein Auge auf ihn geworfen. Aber, ich schwöre es
dir, ich habe nie aufrichtige Sympathie für ihn empfunden. Ich bin
überzeugt, daß der Höchste mich selbst zurückgehalten hat. Und wenn Gott
dir jetzt etwas Besseres geschickt hat – o! Wie gut ist es dann, daß du
ihm noch nicht dein Wort gegeben hast! Du hast ihm doch heute nichts
Bindendes gesagt, Sina?“
„Wozu diese Verstellung, Mamachen, wenn sich doch alles mit zwei Worten
sagen läßt?“ fragt Sina gereizt.
„Verstellung, Sina, Verstellung? Und dieses Wort kannst du deiner Mutter
sagen? Doch was rede ich unnütz! Du glaubst ja deiner Mutter lange nicht
mehr. Du hältst mich für deine Feindin, nicht aber für deine Mutter.“
„Ach, schon gut, Mamachen! Sollen wir uns beide noch wegen eines Wortes
streiten! Verstehen wir uns denn nicht? Ich dachte, wir hätten doch Zeit
genug gehabt, uns kennen zu lernen!“
„Aber du beleidigst mich, mein Kind! Du glaubst nicht, daß ich zu allem,
zu allem bereit bin, um dich sicher zu stellen!“
Spöttisch und geärgert blickte Sina ihre Mutter an.
„Willst du mich vielleicht mit diesem Fürsten verheiraten, um mich
_sicher zu stellen_?“ fragte sie mit einem seltsamen Lächeln.
„Ich habe das nicht gesagt, mein Kind, doch da du selbst darauf zu
sprechen kommst, so will ich dir sagen, daß es dein Glück wäre, wenn du
den Fürsten heiraten könntest.“
„Ich aber finde, daß es einfach unsinnig wäre!“ rief Sina heftig aus.
„Der größte Unsinn! Und auch finde ich, Mama, daß du gar zu viel
dichterische Begeisterung hast, du bist im vollen Sinn des Wortes ein
weiblicher Dichter. So wirst du ja auch hier genannt. Du hast beständig
Projekte. Deren Unmöglichkeit und Sinnlosigkeit aber – hält dich nie ab.
Noch als der Fürst hier saß, ahnte ich, was du im Sinn hattest. Und als
Mosgljäkoff diesen Blödsinn schwatzte und beteuerte, daß man den alten
Mann verkuppeln müsse, da habe ich in deinem Gesicht alle deine Gedanken
gelesen. Ich gebe meinen Kopf darauf, daß du daran denken und gerade
_das_ mir jetzt vorschlagen wolltest. Da aber deine unermüdlichen Pläne
in bezug auf mich mir tödlich zuwider geworden sind, mich quälen, so
bitte ich dich, kein Wort von deinem neuen Projekt mehr zu sprechen,
hörst du, Mama, – kein Wort, und es würde mich freuen, wenn du das
behieltest!“ Sie war atemlos vor Zorn.
„Du bist ein Kind, Sina, ein reizbares, krankes Kind!“ entgegnete Marja
Alexandrowna mit gerührter Stimme, in der Tränen zu zittern schienen.
„Du sprichst mit mir ungezogen und kränkst mich. Keine Mutter würde das
ertragen, was ich täglich von dir ertrage! Aber du bist gereizt, du bist
krank, du leidest, ich aber bin Mutter und vor allem Christin. Ich muß
dulden und verzeihen. Doch ein Wort, Sina: wenn ich nun tatsächlich an
diese Verbindung gedacht hätte – weshalb hältst du diesen Gedanken für
unsinnig? Meiner Meinung nach hat Mosgljäkoff nie klüger gesprochen, als
vorhin, – ich meine, als er bewies, daß der Fürst heiraten müsse, nur,
versteht sich, nicht diesen Schmierpinsel Nastassja. Darin hat er sich
natürlich versehen.“
„Höre, Mama! Sage doch offen: fragst du das nur so, aus Neugierde, oder
mit einer bestimmten Absicht?“
„Ich frage nur: weshalb erscheint dir das so unsinnig?“
„Ach, es ist doch wirklich ärgerlich! Daß einem auch ein solches
Schicksal beschieden sein kann!“ rief Sina aus und stampfte mit dem Fuß
vor Empörung. „Gut, ich werde es dir sagen, weshalb: ganz abgesehen von
allen übrigen Dummheiten, – die Geistesschwäche eines Greises
auszubeuten, ihn zu betrügen, ihn zu heiraten, diesen Klappergreis, um
ihm dann sein Geld abzunehmen und täglich, stündlich seinen Tod zu
wünschen, das ist, finde ich, nicht nur unsinnig, sondern außerdem noch
so niedrig, so niedrig, daß ich dir zu solchen Gedanken nicht Glück
wünschen kann, Mama!“
Eine ganze Minute dauerte das Schweigen.
„Sina! Entsinnst du dich noch dessen, was vor zwei Jahren war?“
Sina zuckte zusammen.
„Mama!“ sagte sie dann mit strenger Stimme, „du hast mir feierlich
gelobt, mich nie mehr daran zu erinnern.“
„Und jetzt bitte ich dich feierlich, mein Kind, mir nur dieses eine Mal
zu erlauben, das Versprechen, das ich bis jetzt noch niemals vergessen
habe, zurückzuziehen. Sina! Die Stunde einer rückhaltslosen Aussprache
zwischen uns ist gekommen. Diese zwei Jahre Schweigen waren entsetzlich!
So kann es nicht weitergehen! ... Ich bin bereit, dich auf den Knien
anzuflehen – erlaube mir nur dieses eine Mal zu sprechen! Hörst du,
Sina, deine leibliche Mutter fleht dich auf den Knien an! Und ich gebe
dir feierlich mein Wort, – das Wort einer unglücklichen Mutter, die ihre
Tochter vergöttert, daß ich niemals, in keiner Form, und in keinem Fall,
selbst wenn es sich um die Rettung meines Lebens handelte, davon mehr
sprechen werde. Es wird dies das letzte Mal sein – aber diesmal geht es
nicht anders, ich muß!“
Marja Alexandrowna rechnete auf einen durchschlagenden Erfolg dieser
Worte.
„Sprich,“ sagte Sina, die merklich bleicher wurde.
„Ich danke dir, Sina. Vor zwei Jahren kam zu deinem verstorbenen Bruder
Mitjä ein junger Lehrer ...“
„Aber wozu denn diese feierliche Einleitung, Mama! Wozu diese ganze
Redekunst, alle diese Einzelheiten, die doch vollkommen überflüssig
sind, die doch nur quälen und die uns beiden nur zu gut bekannt sind?“
unterbrach Sina ihre Mutter zornig und wie angeekelt.
„Weil ich, deine Mutter, mein Kind, gezwungen bin, mich vor dir zu
rechtfertigen. Zudem will ich dir diese Angelegenheit von einem ganz
anderen Standpunkt aus zeigen, nicht von diesem falschen Standpunkt aus,
von dem aus du sie zu beurteilen gewohnt bist. Und schließlich, damit du
die Folgerung begreifst, die ich hieraus zu ziehen beabsichtige: Glaube
nicht, mein Kind, daß ich mit deinem Herzen spielen will! Nein, Sina, du
wirst in mir eine wirkliche Mutter finden, und vielleicht wirst du
tränenüberströmt zu meinen Füßen, zu den Füßen der ‚_niedrigen Frau_‘,
wie du mich soeben genannt hast, die Versöhnung erbitten, die du so
lange, die du bis zum heutigen Tage verschmäht hast. Darum will ich
alles sagen, Sina, alles, von Anfang an wiederholen. Oder ich schweige.“
„Sprich,“ wiederholte Sina, die von ganzem Herzen die Notwendigkeit
dieser Rede verwünschte.
„Ich fahre fort, Sina: – Dieser Lehrer an der Kreisschule, fast noch ein
Knabe, machte auf dich einen mir vollkommen unbegreiflichen Eindruck.
Ich vertraute zu sehr auf deine Vernunft, auf deinen edlen Stolz und
hauptsächlich auf seine Nichtigkeit – es muß doch einmal alles gesagt
werden –, um auch nur das geringste zwischen euch zu argwöhnen. Und
plötzlich kommst du zu mir und erklärst mir entschlossen, daß du ihn zu
heiraten beabsichtigst! Sina! Das war ein Dolchstich in mein Herz! Ich
schrie nur auf und verlor das Bewußtsein. Doch ... du entsinnst dich ja
noch dessen! Versteht sich, ich fand es für nötig, meine ganze Macht zu
gebrauchen, die du damals Tyrannei nanntest. Denk doch nur: ein unreifer
Knabe, der Sohn eines Popen, der ein Monatsgehalt von nur zwölf Rubel
hat, der Verfasser erbärmlicher Verse, die nur aus Mitleid in der
„Bibliothek zur Aufklärung“ abgedruckt werden und der von nichts anderem
als nur von diesem verwünschten Shakespeare zu sprechen weiß – dieser
Knabe dein Mann, der Mann Sinaïda Moskaleffs! Aber das ist ja ein Ding
der Unmöglichkeit! Verzeih, Sina, aber die blasse Erinnerung daran
bringt mich um meinen Verstand! Ich sagte ihm ab; aber keine Macht der
Welt vermag dich aufzuhalten. Dein Vater, wie du weißt, blinzelte nur
mit den Augen und begriff nicht einmal, was ich ihm erklärte. Du aber
bist von deinem Knaben nicht abzubringen, du kommst sogar mit ihm
zusammen, und was am furchtbarsten ist, du entschließt dich, mit ihm zu
korrespondieren. In der Stadt verbreiten sich schon Gerüchte. Mir werden
von allen Seiten Stiche versetzt; man freut sich, man posaunt es schon
aus, und plötzlich gehen alle meine Prophezeiungen in Erfüllung. Es
kommt zu einem Streit zwischen euch, er erweist sich als deiner
vollkommen unwürdig ... als grüner Bengel – ich kann ihn unmöglich einen
Mann nennen! – und er droht dir, deine Briefe in der Stadt herum zu
zeigen. Diese Drohung empört dich dermaßen, daß du ihm eine Ohrfeige
gibst. Ja, Sina, auch dieses weiß ich! Ich weiß alles, alles! Der
Unglückliche zeigt noch am selben Tage einen deiner Briefe dem Lump
Sanschin und nach einer Stunde befindet sich dieser Brief in den Händen
Natalja Dmitrijewnas, meiner Totfeindin! Am selben Abend macht dieser
Wahnsinnige aus Reue den unsinnigen Versuch, sich zu vergiften. Kurz, es
ist ein entsetzlicher Skandal zu erwarten! Dieser Schmierpinsel
Nastassja kommt erschrocken zu mir gelaufen mit der furchtbaren
Nachricht, daß der Brief sich schon seit einer ganzen Stunde in den
Händen Natalja Dmitrijewnas befinde: nach zwei Stunden wird die ganze
Stadt um deine Schmach wissen! Ich überwand mich, ich fiel nicht in
Ohnmacht, – aber mit welchen Schlägen hast du mein Herz getroffen, Sina!
Diese Schamlose, dieses Scheusal Nastassja verlangt zweihundert Rubel
bar und dafür schwört sie, den Brief zur Stelle zu schaffen. Ich selbst
laufe, in dünnen Stiefeln, im Schnee zum Juden Bumstein und verpfände
meinen Schmuck, das Andenken meiner seligen Mutter! ... Nach zwei
Stunden ist der Brief in meinen Händen. Nastassja hatte ihn gestohlen.
Sie hat die Schatulle erbrochen – deine Ehre ist gerettet, der Beweis
vernichtet! Aber in welcher Aufregung hast du mich diesen Tag verbringen
lassen! Am nächsten Morgen bemerkte ich zum erstenmal in meinem Leben,
daß ich vereinzelte graue Haare hatte, Sina! Du weißt jetzt, wie du über
diesen Knaben urteilen mußt. Du hast selbst zugegeben, vielleicht mit
einem bitteren Lächeln, daß es der größte Wahnsinn gewesen wäre, ihm
dein Leben anzuvertrauen. Aber seit der Zeit quälst du dich, mein Kind,
du kannst ihn nicht vergessen, oder richtiger, nicht ihn – denn er ist
deiner stets unwürdig gewesen –, sondern das Phantom deines einstigen
Glücks kannst du nicht vergessen. Dieser Unglückliche liegt jetzt auf
dem Sterbebett; man sagt, er sei schwindsüchtig; du aber, in deiner
Engelsgüte, du willst nicht heiraten, solange er noch lebt, um sein Herz
nicht zu zerreißen, denn er quält sich noch immer mit seiner Eifersucht
herum, wenn ich auch überzeugt bin, daß er dich niemals mit einer so
tiefen, erhabenen Liebe geliebt hat! Ich weiß, seitdem er von
Mosgljäkoffs Werbung gehört hat, läßt er spionieren, auflauern und
ausfragen. Du schonst ihn, mein Kind, ich habe es erraten, und Gott
allein weiß, mit wie bitteren Tränen ich mein Kissen genetzt habe! ...“
„Laß doch das, Mama!“ unterbricht Sina in unerträglicher Qual. „Das mit
dem Kissen war wohl sehr notwendig,“ fügte sie spöttisch hinzu. „Geht es
denn nicht ohne Deklamation, ohne Pathos?“
„Du glaubst mir nicht, Sina! Sieh nicht feindlich auf mich, mein Kind!
Meine Augen sind in diesen zwei Jahren nicht trocken geworden, aber ich
habe meine Tränen vor dir verborgen, und ich schwöre dir, ich selbst
habe mich in dieser Zeit in vielem verändert! Ich habe längst deine
Gefühle begriffen und ich gestehe es, erst jetzt kann ich die ganze
Größe deines Schmerzes nachempfinden. Kann man mir daraus einen Vorwurf
machen, mein Kind, daß ich diese Anhänglichkeit nur für Romantik hielt,
die dieser verwünschte Shakespeare heraufbeschworen hat, dieser
Dummkopf, der seine Nase überall hineinsteckt, wo man ihn gar nicht
haben will? Welche Mutter würde mich wegen meines Schreckens, wegen der
Maßregeln, die ich ergriff, wegen der Strenge meines Urteils verdammen?
Jetzt aber, jetzt, nachdem ich dein Leiden in diesen zwei Jahren gesehen
habe, jetzt verstehe und achte ich deine Gefühle. Glaube mir, ich habe
dich vielleicht besser verstanden, als du dich selbst verstehst. Ich bin
überzeugt, daß du gar nicht ihn liebst, diesen Knaben, nur deine eigenen
goldenen Träume, dein verlorenes Glück, deine erhabenen Ideale. Auch ich
habe geliebt und vielleicht noch leidenschaftlicher als du. Auch ich
habe gelitten. Ich habe gleichfalls meine hohen Ideale gehabt. Und darum
– wer kann mich deshalb verurteilen, und vor allem – kannst du mich
deshalb verurteilen, weil ich die Verbindung mit dem Fürsten für die
beste Rettung halte, für das Notwendigste, was du in deiner
augenblicklichen Lage tun kannst und tun mußt?“
Sina hörte mit Verwunderung diese lange Rede an, denn sie wußte, daß
ihre Mutter nicht ohne Grund einen solchen Ton anschlug. Die letzte
unerwartete Folgerung jedoch stieß sie vollkommen vor den Kopf.
„Dann hast du also im Ernst beschlossen, mich mit diesem Fürsten zu
verheiraten?“ rief sie verwundert aus und sah erschrocken die Mutter an.
„Dann sind es ja nicht nur Träume, Projekte, sondern – deine feste
Absicht ist es? Dann habe ich es richtig erraten? Und ... und ...
inwiefern wird mich denn diese Heirat retten und weshalb ist sie so
notwendig? Und ... und ... was hat das damit zu schaffen, was du soeben
hier geredet hast? – mit dieser ganzen Geschichte? ... Ich verstehe dich
nicht, Mama!“
„Ich wundere mich, ^mon ange^, wie du das nicht verstehen kannst!“ ruft
Marja Alexandrowna aus, die jetzt ihrerseits in Hitze gerät. „Allein
das, daß du in eine andere Gesellschaft hineinkommst, in eine andere
Welt! Du verläßt auf ewig dieses widerliche Nest, das für dich voll ist
von unangenehmen Erinnerungen, in dem du keinen einzigen Freund hast,
weder unter den Frauen, noch unter den Männern, in dem du verleumdet
worden bist, in dem alle diese Klatschbasen dich wegen deiner Schönheit
hassen. Du könntest noch in diesem Frühling nach Italien fahren, in die
Schweiz, nach Spanien, Sina, nach Spanien, wo die Alhambra ist, der
Guadalquivir, nicht aber unser kleines Flüßchen hier mit dem
unanständigen Namen ...“
„Aber erlaube, Mama, du redest, als wenn ich bereits verheiratet wäre
oder zum mindesten als hätte der Fürst bereits um mich angehalten!“
„Das laß meine Sorge sein, mein Engel, ich weiß, was ich rede. Erlaube,
daß ich fortfahre. Den ersten Punkt habe ich dir genannt, jetzt kommt
der zweite: ich begreife sehr wohl, mein Kind, mit welchem Widerwillen
du deine Hand diesem Mosgljäkoff gegeben hättest ...“
„Ich weiß auch ohne deine Bemerkung, daß ich ihn niemals geheiratet
hätte, niemals heiraten werde!“ unterbrach Sina heftig und ihre Augen
blitzten.
„Und wenn du wüßtest, wie ich deinen Ekel begreife, mein Kind! Es ist
furchtbar, einem zu gehören, den einem Manne Liebe schwören müssen, den
man nicht liebt! Es ist mehr als furchtbar, einem zu gehören, den man
nicht einmal achtet! Er aber verlangt deine Liebe: nur ihretwegen würde
er dich heiraten, das sehe ich an den Blicken, die er auf dich wirft,
wenn du dich abwendest. Und dann sich verstellen zu müssen –! Ich habe
es in den fünfundzwanzig Jahren meiner Ehe zur Genüge ausgekostet! Dein
Vater hat mich unglücklich gemacht. Ich kann sagen, er hat meine Jugend
ausgesogen. Wie oft hast du meine Tränen gesehen!“
„Papa ist auf dem Gut, bitte kein Wort über ihn,“ sagte Sina.
„Ich weiß, du bist ewig seine Verteidigerin. Ach, Sina! Mir wollte das
Herz zerspringen, als ich – aus Berechnung – deine Vermählung mit
Mosgljäkoff wünschte. Bei dem Fürsten aber brauchst du dich nicht zu
verstellen. Es versteht sich von selbst, daß du ihn nicht lieben kannst
... und er ist ja auch garnicht _fähig_, solche Liebe zu verlangen ...“
„Gott, welch ein Unsinn! Aber ich sage dir doch, daß du dich von Grund
aus täuschst, von Anfang an, gerade in der Hauptsache! Begreife doch,
daß ich mich nicht opfern will, ohne zu wissen, wozu! Daß ich überhaupt
nicht heiraten will, keinen einzigen, ich bleibe unverheiratet! Du hast
mich zwei Jahre lang gefoltert, bloß weil ich nicht heiratete. Doch! Du
wirst dich damit aussöhnen müssen. Ich will nicht und das genügt! So
wird es sein!“
„Aber Herzchen, Sinachen, reg dich um Gotteswillen nicht so auf, noch
bevor du alles gehört hast! Was du für ein Hitzköpfchen bist! Erlaube
mir, daß ich dir die Sache von meinem Standpunkt aus erkläre und du
wirst sofort mit mir übereinstimmen. Der Fürst wird vielleicht noch ein
Jahr leben, zwei wäre viel, und meiner Meinung nach ist es besser, eine
junge Witwe zu sein, als ein altes Mädchen, ganz abgesehen davon, daß du
nach seinem Tode – Fürstin, frei, reich und unabhängig bist! Mein Kind,
du hörst vielleicht mit Verachtung all diese Berechnungen –
Berechnungen, die mit der Erwartung seines Todes verknüpft sind. Aber –
ich bin Mutter und welche Mutter wird mich wegen meiner Fürsorge
verurteilen? Und schließlich, wenn du, Engel der Güte, diesen Knaben
immer noch bemitleidest, dermaßen bemitleidest, daß du so lange er noch
lebt, nicht heiraten willst – was ich jetzt erraten habe, – so denk doch
nur, daß du, wenn du den Fürsten heiratest, ihn seelisch auferstehen
machst, ihm eine große Freude bereitest! Wenn er ein Atom gesunde
Vernunft hast, so wird er natürlich begreifen, daß Eifersucht auf den
Fürsten unmöglich ist, sie wäre lächerlich. Er wird begreifen, daß du
aus Berechnung geheiratet hast, also gezwungen. Er wird endlich
begreifen, daß du nach dem Tode des Fürsten wieder heiraten kannst, wenn
du willst ...“
„Kurz gesagt, es ergibt sich: heirate jetzt den Fürsten, nimm ihm das
Geld ab, warte dann auf seinen Tod, um nachher den Geliebten zu
heiraten. Du verstehst sehr gut, das Fazit einzuleiten! Du willst mich
dazu verführen, indem du mir vorschlägst – ... Ich verstehe dich, Mama,
verstehe dich vollkommen! Du kannst dich nie enthalten, selbst in einer
schändlichen Angelegenheit nicht, edle Gefühle auszuspielen. Hättest du
doch einfach und natürlich gesagt: ‚Sina, es ist eine Schändlichkeit,
aber sie ist vorteilhaft und deshalb willige ein.‘ Das wäre wenigstens
aufrichtig gewesen.“
„Aber weshalb mein Kind, weshalb willst du unbedingt nur von diesem
Standpunkt aus die Sache ansehen, – vom Gesichtspunkte des Betruges und
der Habsucht? Du hältst meine Bemerkungen für schändlich, für Betrug?
Aber, um aller Heiligen willen, wo ist denn hier Betrug, was ist hier
schändlich? Geh zum Spiegel und sieh dich an: du bist so schön, daß man
ein Königreich für dich hingeben könnte! Und du, du, die du eine solche
Schönheit bist, du opferst diesem Greise deine besten Jahre! Du wirst
wie ein wundervoller Stern seinen Lebensabend erhellen; du wirst wie ein
grüner Efeu um sein Alter ranken, nicht aber wie diese Nessel, diese
schamlose Person, die ihn behext hat und seine Säfte aussaugt? Ist denn
sein Geld, sein Fürstentitel wirklich wertvoller als du? Wo ist denn
hier ein Betrug, eine Schändlichkeit? Du weißt nicht, was du sprichst,
Sina!“
„Sicherlich sind sie doch wertvoller, wenn man einen Krüppel heiraten
muß! Betrug bleibt immer Betrug, Mama, gleichviel zu welchem Zweck.“
„Im Gegenteil, mein Kind, im Gegenteil! Man kann es sogar von einem sehr
hohen, sogar von einem christlichen Standpunkt aus auffassen, mein Kind!
Du hast mir selbst einmal in einem Anfall von Wahnsinn gesagt, daß du
barmherzige Schwester werden wolltest. Dein Herz hat gelitten und ist
jetzt verstockt. Du hast gesagt – ich weiß es – daß du nicht mehr lieben
könntest. Wenn du an die Liebe nicht mehr glaubst, so wende deine
Gefühle einem anderen, höheren Gegenstande zu, tue es aufrichtig wie ein
Kind mit dem ganzen Glauben an die Heiligkeit deiner Aufgabe – und Gott
wird dich segnen. Dieser Greis hat gleichfalls gelitten, er ist
unglücklich, er wird verfolgt. Ich kenne ihn seit mehreren Jahren und
habe stets eine unbegreifliche Sympathie für ihn empfunden, eine Art
Liebe sogar, als hätte ich etwas vorausgeahnt. Sei sein Freund, sei ihm
eine Tochter, sei ... selbst sein Spielzeug – wenn einmal alles gesagt
werden muß! – Aber erwärme sein Herz, und du wirst es für Gott tun, um
der Tugend willen! Er ist lächerlich, – beachte das nicht. Er ist ein
halber Mensch, – hab Mitleid mit ihm: du bist Christin! Zwinge dich
dazu: solche Taten werden nur vollbracht, wenn man sich selbst bezwingt.
Uns scheint es schwer, in Krankenhäusern Wunden zu verbinden, die
übelriechende Lazarettluft einzuatmen. Es gibt aber Engel Gottes, die
alle diese Pflichten erfüllen und obendrein Gott für ihre Bestimmung
noch danken. Das wäre eine Arzenei für dein verletztes Herz – eine
Beschäftigung, eine große Tat, und deine Wunden würden vernarben. Wo ist
hier nun Egoismus, wo eine Schändlichkeit? Aber du glaubst mir nicht! Du
denkst vielleicht, daß ich mich verstelle, wenn ich dir von Pflichten
und großen Taten rede. Du kannst es nicht verstehen, daß ich, eine
weltliche, eitle Frau, ein Herz, Gefühl und eine Lebensmoral haben kann?
Nun gut! Glaub es nicht, beleidige deine Mutter, aber gib wenigstens zu,
daß ihre Worte vernünftig sind. Wenn du willst, so denk, daß nicht ich
rede, sondern irgend ein anderer Mensch; schließe die Augen, kehre mir
den Rücken zu und bilde dir ein, daß eine unsichtbare Stimme zu dir
spricht ... Dich verwirrt doch hauptsächlich nur, daß es, wie du meinst,
für Geld geschehen solle, wie ein Kauf oder Verkauf. So verzichte doch
auf das Geld, wenn es dir so verhaßt ist! Behalte nur das Notwendigste
für dich und alles übrige verteile unter die Armen. Hilf zum Beispiel
ihm, diesem unglücklichen Knaben auf dem Sterbebett.“
„Er wird keine Hilfe annehmen,“ sagte Sina leise, wie zu sich selbst.
„Er nicht, aber seine Mutter wird sie annehmen,“ antwortete die
triumphierende Marja Alexandrowna, „sie wird sie hinter seinem Rücken
annehmen. Du hast deine Ohrringe verkauft, die deine Tante dir geschenkt
hat, du hast sie verkauft und ihr geholfen, vor einem halben Jahr. Ich
weiß es. Ich weiß auch, daß die Alte für andere Leute Wäsche wäscht, um
ihren unglücklichen Sohn ernähren zu können.“
„Bald wird sie es nicht mehr nötig haben!“
„Ich weiß, auf was du anspielst,“ griff Marja Alexandrowna sofort auf,
und wahre Begeisterung erfaßte sie, denn ein unbezahlbarer Gedanke hatte
sie beglückt, „ich weiß, wovon du sprichst. Man sagt, er sei
schwindsüchtig und werde bald sterben. Aber wer ist denn das, der das
sagt? Vor ein paar Tagen erkundigte ich mich bei Kalist Stanislawitsch
nach ihm: ich interessiere mich für ihn, denn ich habe ein Herz, Sina.
Kalist Stanislawitsch sagte mir, daß seine Krankheit allerdings
gefährlich sei, er aber, als Arzt, habe sich überzeugt, daß es
Schwindsucht nicht sein könne, sondern nur so – ein ziemlich ernstes
Brustleiden. Du kannst ihn selbst fragen, wenn du willst. Und er sagte
mir, er sei überzeugt, daß der Kranke unter anderen Verhältnissen,
namentlich in einem anderen Klima, nach einem Luftwechsel und unter
anderen Eindrücken sehr wohl noch gesund werden könnte. Er sagte mir,
daß in Spanien – ich habe davon auch früher schon gehört, sogar gelesen
– daß bei Spanien eine besondere Insel sei, Madeira, glaube ich –
jedenfalls hieß sie wie ein Wein –, wo nicht nur Brustkranke, sondern
auch wirklich Schwindsüchtige vollständig gesund geworden sind. Viele
fahren nur zu dem Zweck hin, um sich dort von dem milden Klima heilen zu
lassen, selbstverständlich meist Fürsten, natürlich auch Kaufleute,
jedenfalls aber nur Reiche. Schon diese Alhambra, diese Myrten, diese
Zitronenbäume und diese Spanier auf ihren Mauleseln! – schon diese
Umgebung muß doch einen ungewöhnlichen Eindruck auf eine poetische Natur
machen. Du glaubst vielleicht, daß er deine Unterstützung, dein Geld für
diese Reise nicht annehmen wird? So betrüge ihn, wenn er dir leid tut!
Ein Betrug zur Rettung eines Menschenlebens ist verzeihlich. Mach ihm
Hoffnung, versprich ihm deine Liebe, sag ihm, daß du ihn heiraten wirst,
wenn du Witwe seist. Man kann alles in einer feinen edlen Weise sagen.
Deine Mutter wird dich nicht in Unedlem unterstützen, Sina. Du tust es,
um sein Leben zu erhalten, um ihn zu retten und deshalb ist – alles
erlaubt! Diese Hoffnung wird ihn neu beleben, er wird selbst seiner
Gesundheit mehr Aufmerksamkeit schenken, wird Medizin einnehmen und die
Vorschriften der Ärzte befolgen. Er wird gesund werden wollen, um das
verheißene Glück genießen zu können. Und wenn er gesund geworden ist, so
wirst du ihn zwar nicht heiraten, aber er wird dann doch wenigstens
gesund sein, immerhin hast du ihn dann gerettet! Und schließlich kann
man auch Mitleid mit ihm haben. Vielleicht hat ihn das Leben inzwischen
zum Besseren verändert, und wenn er deiner nur wert ist, so kannst du
ihn ja später auch heiraten. Du bist dann reich, unabhängig. Du kannst,
wenn er wieder gesund ist, ihm eine Stellung in der Welt verschaffen, er
kann durch dich Karriere machen. Dann würde diese Heirat verzeihlicher
sein als jetzt, denn jetzt wäre sie unmöglich. Was stände euch bevor,
wenn ihr euch jetzt dazu entschließen würdet? Allgemeine Verachtung,
Armut. Schulbuben an ihren Ohren ziehen – denn das ist nun einmal mit
seiner Tätigkeit verknüpft –, gemeinsames Lesen Shakespeares, ewiges
Leben in Mordassoff und dann sein unvermeidlicher, naher Tod. Während du
ihm so, wenn du ihn gewissermaßen von den Toten auferweckst, zu einem
nutzbringenden Leben, zum Schaffen die Möglichkeit gibst. Indem du ihm
verzeihst – zwingst du ihn, dich zu vergöttern. Ihn quält sein
schändlicher Racheversuch. Wenn du ihm jetzt die Möglichkeit eines neuen
Lebens zeigst, ihm verzeihst, so belebst du ihn mit der Hoffnung und
söhnst ihn mit sich selbst aus. Er kann dann in den Staatsdienst treten,
kann sogar zu Ehren und Titeln gelangen. Und selbst wenn er nicht gesund
wird, so stirbt er doch wenigstens glücklich, versöhnt mit sich selbst,
in deinen Armen – denn du kannst ja selbst in diesem Augenblick bei ihm
sein –, überzeugt von deiner Liebe, mit dir versöhnt, im Schatten der
Myrten und Orangen, unter dem exotischen Himmel! O, Sina! Alles das ist
in deiner Macht! Alle Vorteile sind auf deiner Seite – und das alles
durch die Verbindung mit dem Fürsten!“
Marja Alexandrowna hatte ihre Rede beendet. Es folgte ein ziemlich
langes Schweigen. Sina befand sich in unbeschreiblicher Aufregung.
Wir wollen es nicht versuchen, Sinas Gefühle wiederzugeben und wir
können sie auch nicht alle erraten. Es scheint, daß Marja Alexandrowna
den richtigen Weg zum Herzen ihrer Tochter gefunden hatte. Da sie nicht
wußte, in welchem Zustande sich Sinas Herz befand, hatte sie zuerst alle
Möglichkeiten versucht, bis sie zu guter Letzt erriet, welcher der
richtige Weg war. Sie rührte rücksichtslos an die empfindlichsten
Stellen dieses Herzens und konnte ihrer Gewohnheit gemäß natürlich nicht
ohne Hervorkehrung edler Gefühle auskommen, obschon sie wußte, daß sie
damit Sina nicht täuschen würde.
„Aber was hilft das alles,“ dachte Marja Alexandrowna, „sie wird mir
doch nicht glauben. Wenn man sie nur zum Nachdenken bringen könnte! Wenn
ich nur möglichst geschickt andeuten könnte, was ich ihr offen nicht
sagen darf!“
Mit diesen Gedanken arbeitete sie auf ihr Ziel los und erreichte es
auch: Sina hörte schließlich gespannt zu, ihre Wangen glühten und sie
atmete erregt.
„Höre, Mama,“ sagte sie endlich entschlossen, wenn auch das totenblasse
Gesicht deutlich aussprach, was dieser Entschluß sie kostete. „Höre Mama
...“
In diesem Augenblick wurde Sina von einem Geräusch im Vorzimmer und
einer schrillen, scharfen Stimme, die nach Marja Alexandrowna fragte,
unterbrochen. Marja Alexandrowna sprang erschrocken auf.
„Ach, mein Gott!“ rief sie aus. „Der Teufel schickt mir diese Elster auf
den Hals! Aber ich habe sie doch vor zwei Wochen fast hinausgeworfen!
Was soll ich tun? Es geht nicht anders, ich muß sie empfangen! Ich muß!
Sie kommt bestimmt mit Nachrichten, sonst würde sie es doch nicht wagen,
zu erscheinen. Das ist sehr wichtig, Sina! Ich muß unbedingt wissen ...
Ich darf nichts unbeachtet lassen! – Aber nein, wie dankbar ich Ihnen
bin für Ihren Besuch!“ rief sie freudig aus, indem sie der eintretenden
Frau Oberst entgegeneilte. „Wie haben Sie sich nur meiner erinnert,
meine teure Ssofja Petrowna? Welch eine ent–zück–ende Überraschung!“
Sina lief aus dem Zimmer.