Es war immer mein Schicksal, daß ich vom Leben und von meinen Freunden viel
mehr empfing als ich geben konnte. Mit Richard, mit Elisabeth, mit Frau
Nardini und mit dem Schreiner war es mir so gegangen, und nun erlebte ich
es, daß ich in reifen Jahren und bei hinlänglicher Selbstschätzung der
erstaunte und dankbare Schüler eines elenden Krummen werden sollte. Wenn es
wirklich einmal dahin kommt, daß ich meine längst begonnene Dichtung
vollende und weggebe, so wird wenig Gutes darin stehen, das ich nicht von
Boppi gelernt hätte. Es begann eine gute, erfreuliche Zeit für mich, an der
ich zeitlebens reichlich zu zehren haben werde. Es ward mir gegönnt, klar
und tief in eine prachtvolle Menschenseele zu schauen, über welche
Krankheit, Einsamkeit, Armut und Mißhandlung nur wie leichte lose Wolken
hinweggeflogen waren.
Alle die kleinen Laster, mit denen wir uns das schöne, kurze Leben
versalzen und verderben, der Zorn, die Ungeduld, das Mißtrauen, die Lüge --
all diese leidigen schmierigen Schwären, die uns entstellen, hatte ein
langes und gründliches Leiden in diesem Menschen unter Schmerzen
ausgebrannt. Er war kein Weiser und kein Engel, aber er war ein Mensch voll
Verständnis und Hingabe, der über großen und schrecklichen Leiden und
Entbehrungen gelernt hatte, sich ohne Scham schwach zu fühlen und in Gottes
Hand zu geben.
Einmal fragte ich ihn, wie es ihm gelänge sich immer mit seinem
schmerzenden und kraftlosen Leibe abzufinden.
»Das ist sehr einfach,« lachte er freundlich. »Es ist eben ein ewiger Krieg
zwischen mir und der Krankheit. Bald gewinne ich eine Schlacht, bald
verliere ich eine, so balgen wir uns weiter, und zuweilen halten wir uns
auch beide still, schließen einen Waffenstillstand, passen einander auf und
liegen auf der Lauer, bis einer von uns wieder frech wird und der Krieg
aufs neue losgeht.«
Bis dahin hatte ich stets geglaubt, ein sicheres Auge zu haben und ein
guter Beobachter zu sein. Boppi wurde aber auch darin mein bewunderter
Lehrmeister. Da er an der Natur und namentlich an Tieren eine große Freude
hatte, führte ich ihn häufig in den zoologischen Garten. Dort hatten wir
ganz köstliche Stunden. Boppi kannte nach kurzer Zeit jedes einzelne Tier
und da wir stets Brot und Zucker mitbrachten, kannten manche Tiere auch uns
und wir schlossen allerlei Freundschaften. Eine besondere Vorliebe hatten
wir für den Tapir, dessen einzige Tugend eine seiner Gattung sonst nicht
eigene Reinlichkeit ist. Im übrigen fanden wir ihn eingebildet, wenig
intelligent, unfreundlich, undankbar und höchst gefräßig. Andere Tiere,
namentlich der Elefant, die Rehe und Gemsen, sogar der ruppige Bison,
zeigten für den empfangenen Zucker stets eine gewisse Dankbarkeit, indem
sie uns entweder vertraulich anblickten oder es gerne duldeten, sich von
mir streicheln zu lassen. Beim Tapir war keine Spur davon. Sobald wir in
seine Nähe kamen, erschien er prompt am Gitter, fraß langsam und gründlich
was er von uns erhielt und zog sich, wenn er sah daß nichts mehr für ihn
abfiel, ohne Sang und Klang wieder zurück. Wir fanden darin ein Zeichen von
Stolz und Charakter und da er das ihm Zugedachte weder erbettelte noch
dafür dankte, sondern wie einen selbstverständlichen Tribut leutseligst
entgegennahm, nannten wir ihn den Zolleinnehmer. Zuweilen erhob sich, da
Boppi die Tiere meist nicht selber füttern konnte, ein Streit darüber, ob
der Tapir nun genug habe oder ob ihm noch ein weiteres Stückchen zukäme.
Wir erwogen das mit einer Sachlichkeit und eingehenden Prüfung, als wäre es
eine Staatsaktion. Einst waren wir schon am Tapir vorüber, als Boppi
meinte, wir hätten ihm doch noch ein Stück Zucker mehr geben sollen. Also
kehrten wir wieder um, der inzwischen aufs Strohlager zurückgekehrte Tapir
aber blinzelte hochmütig herüber und kam nicht ans Gitter. »Entschuldigen
Sie gütigst, Herr Einnehmer,« rief Boppi ihm zu, »aber ich glaubte wir
hätten uns um einen Zucker geirrt.« Und weiter gings zum Elefanten, der
schon voll Erwartung hin und her watschelte und uns seinen warmen,
beweglichen Rüssel entgegen streckte. Ihn konnte Boppi selbst füttern, und
er sah mit kindlicher Wonne zu, wie der Riese den geschmeidigen Rüssel zu
ihm herüber bog, das Brot aus seiner flachen Hand aufnahm und uns aus den
fidelen, winzigen Äuglein schlau und wohlwollend anblinzelte.
Mit einem Wärter kam ich überein, daß ich Boppi in seinem Fahrstuhl im
Garten stehen lassen durfte, wenn ich nicht Zeit hatte bei ihm zu bleiben,
so daß er auch an solchen Tagen in der Sonne sein und die Tiere sehen
konnte. Nachher erzählte er mir von allem, was er gesehen hatte. Besonders
imponierte es ihm zu sehen, wie höflich der Löwe seine Gattin behandelte.
Sobald sie sich niederlegte um zu ruhen, gab er seinem rastlosen
Hinundhergehen eine solche Richtung, daß er sie dabei weder berührte noch
störte noch über sie hinweg schritt. Am meisten Unterhaltung fand Boppi
beim Fischotter. Er wurde nicht müde, die biegsamen Schwimm- und Turnkünste
des beweglichen Tieres zu betrachten und seine helle Freude daran zu haben,
während er selbst unbeweglich in seinem Stuhle lag und zu jeder Bewegung
des Kopfs und der Arme Mühe aufwenden mußte.
Es war einer der schönsten Tage jenes Herbstes, als ich Boppi meine beiden
Liebesgeschichten erzählte. Wir waren miteinander so vertraut geworden, daß
ich ihm auch diese weder erfreulichen noch rühmlichen Erlebnisse nicht mehr
verschweigen konnte. Er hörte freundlich und ernsthaft zu, ohne etwas zu
sagen. Später aber gestand er mir sein Verlangen, Elisabeth, die weiße
Wolke, einmal zu sehen und bat mich gewiß daran zu denken, falls wir ihr
einmal auf der Straße begegneten.
Da das sich nie ereignen wollte und die Tage kühl zu werden begannen, ging
ich zu Elisabeth und bat sie, dem armen Buckligen diese Freude zu machen.
Sie war gütig und tat mir den Willen und am bestimmten Tage ließ sie sich
von mir abholen und in den Tiergarten begleiten, wo Boppi im Fahrstuhl
wartete. Als die schöne, wohlgekleidete und feine Dame dem Krüppel die Hand
gab und sich ein wenig zu ihm hinabbückte, und als der arme Boppi aus dem
vor Freude glänzenden Gesicht die großen, guten Augen dankbar und fast
zärtlich zu ihr aufschlug, hätte ich nicht entscheiden mögen, wer von den
beiden in diesem Augenblick schöner war und meinem Herzen näher stand. Die
Dame sprach ein paar freundliche Worte, der Krüppel wandte den glänzenden
Blick nicht von ihr, und ich stand daneben und wunderte mich, die beiden
Menschen, die ich am liebsten hatte und welche das Leben durch eine weite
Kluft von einander trennte, einen Augenblick Hand in Hand vor mir zu sehen.
Boppi sprach den ganzen Nachmittag von nichts mehr als von Elisabeth,
rühmte ihre Schönheit, ihre Vornehmheit, ihre Güte, ihre Kleider, gelbe
Handschuhe und grüne Schuhe, ihren Gang und Blick, ihre Stimme und ihren
schönen Hut, während es mir schmerzlich und komisch erschien zugesehen zu
haben, wie meine Geliebte meinem Herzensfreund ein Almosen gab.
Inzwischen hatte Boppi den »grünen Heinrich« und die Seldwyler gelesen und
war in der Welt dieser einzigen Bücher so heimisch geworden, daß wir am
Schmoller Pankraz, am Albertus Zwiehan und an den gerechten Kammmachern
gemeinsame liebe Freunde besaßen. Eine Weile schwankte ich, ob ich ihm auch
etwas von C. F. Meyers Büchern geben solle, doch schien es mir
wahrscheinlich, daß er die fast lateinische Prägnanz seiner allzu gepreßten
Sprache nicht schätzen würde, auch trug ich Bedenken, den Abgrund der
Geschichte vor diesem heiter stillen Auge zu öffnen. Statt dessen erzählte
ich ihm vom heiligen Franz und gab ihm Mörikes Erzählungen zu lesen.
Merkwürdig war mir sein Geständnis, daß er die Geschichte von der schönen
Lau großenteils nicht hätte genießen können, wenn er nicht so oft am Bassin
des Fischotters gestanden wäre und sich dabei allerlei fabelhaften
Wasserphantasieen hingegeben hätte.
Lustig war es, wie wir so allmählich in die Duzbrüderschaft hinein
gerieten. Ich hatte sie ihm nie angeboten, er hätte sie auch nicht
angenommen; so aber kam es ganz von selber, daß wir einander immer häufiger
duzten, und als wir es eines Tages merkten, mußten wir lachen und ließen es
nun für immer dabei.
Als der anbrechende Vorwinter unsre Ausfahrten unmöglich machte und ich nun
wieder Abende lang in der Wohnstube von Boppis Schwager saß, merkte ich
nachträglich, daß mir meine neue Freundschaft doch nicht so ganz ohne Opfer
in den Schoß gefallen war. Der Schreiner nämlich war fortwährend mürrisch,
unfreundlich und wortkarg. Auf die Dauer verdroß ihn nicht nur die lästige
Gegenwart des unnützen Mitessers, sondern ebenso sehr mein Verhältnis zu
Boppi. Es kam vor, daß ich einen ganzen Abend vergnüglich mit dem Lahmen
schwatzte, indes der Hausherr ärgerlich mit der Zeitung daneben saß. Auch
mit der sonst ungemein geduldigen Frau kam er auseinander, da sie diesmal
fest auf ihrem Willen bestand und durchaus nicht dulden wollte, daß Boppi
anderwärts untergebracht werde. Mehrmals versuchte ich ihn versöhnlicher zu
stimmen oder ihm neue Vorschläge zu machen, doch war nichts mit ihm
anzufangen. Er begann sogar bissig zu werden, meine Freundschaft mit dem
Krüppel zu verhöhnen und diesem selbst das Leben sauer zu machen. Freilich
war der Kranke samt mir, der ich täglich viel bei ihm saß, dem ohnehin
engen Haushalt eine lästige Bürde, aber ich hoffte noch immer, der
Schreiner möchte sich uns anschließen und den Kranken lieb gewinnen. Mir
war es schließlich unmöglich, irgend etwas zu tun oder zu lassen, womit ich
nicht entweder den Schreiner verletzt oder Boppi benachteiligt hätte. Da
ich alle raschen und zwingenden Entschlüsse hasse -- schon in der Züricher
Zeit hatte Richard mich Petrus Cunctator getauft, -- wartete ich wochenlang
zu und litt beständig an der Furcht, die Freundschaft des einen oder
vielleicht beider zu verlieren.
Die wachsende Unbehaglichkeit dieser unklaren Verhältnisse trieb mich
wieder häufiger in die Kneipen. Eines Abends, nachdem die leidige
Geschichte mich wieder besonders geärgert hatte, verfügte ich mich in eine
kleine Waadtländer Weinschenke und rückte dem Übel mit mehreren Litern zu
Leibe. Zum erstenmal seit zwei Jahren hatte ich wieder einmal Mühe,
aufrecht nach Hause zu gehen. Tags darauf war ich, wie stets nach einer
starken Zeche, bei wohlig kühler Laune, faßte Mut und suchte den Schreiner
auf, um die Komödie endlich zum Abschluß zu bringen. Ich schlug ihm vor, er
möge mir Boppi ganz überlassen, und er zeigte sich nicht abgeneigt, sagte
auch nach mehrtägiger Bedenkzeit wirklich zu.
Bald darauf bezog ich mit meinem armen Buckligen eine neugemietete Wohnung.
Ich kam mir vor als hätte ich geheiratet, da ich nun statt der gewohnten
Junggesellenbude einen ordentlichen kleinen Haushalt zu Zweien beginnen
sollte. Aber es ging, wenn ich auch im Anfang manche unglückliche
Wirtschaftsexperimente anstellte. Zum Ordnungmachen und Waschen kam ein
Laufmädchen, das Essen ließen wir uns ins Haus tragen, und bald war uns
beiden ganz warm und wohl bei diesem Zusammenleben. Die Nötigung, auf meine
sorglosen kleinen und größern Wanderungen künftig zu verzichten,
erschreckte mich einstweilen nicht. Beim Arbeiten empfand ich sogar das
stille Nahesein des Freundes beruhigend und förderlich. Die kleinen
Krankendienste waren mir neu und im Anfang wenig erquicklich, namentlich
das Aus- und Ankleiden: aber mein Freund war so geduldig und dankbar, daß
ich mich schämte und mir Mühe gab, ihn sorgfältig zu bedienen.
* * * * *
Zu meinem Professor war ich wenig mehr gekommen, öfters zu Elisabeth, deren
Haus mich trotz allem mit stetigem Zauber anzog. Dort saß ich dann, trank
Tee oder ein Glas Wein, sah sie die Wirtin spielen und hatte zuweilen
sentimentale Anwandlungen dabei, obwohl ich gegen alle etwaigen
Wertherischen Gefühle in mir mit beständigem Spott zu Felde lag. Der
weichliche, jugendliche Liebesegoismus war allerdings endgültig von mir
gewichen. So war ein zierlicher, vertraulicher Kriegszustand zwischen uns
das richtige Verhältnis, und wir kamen wirklich selten zusammen, ohne uns
freundschaftlichst zu zanken. Der bewegliche und nach Frauenart etwas
verzogene Verstand der klugen Frau traf mit meinem zugleich verliebten und
ruppigen Wesen nicht übel zusammen und da wir im Grunde beide einander
hochachteten, konnten wir desto energischer über jede lausige Kleinigkeit
in Kampf geraten. Mir war es namentlich komisch, das Junggesellentum gegen
sie zu verteidigen -- gegen die Frau, die ich noch vor kurzem ums Leben
gern geheiratet hätte. Ich durfte sie sogar mit ihrem Mann necken, der ein
guter Bursche und stolz auf seine geistreiche Frau war.
In der Stille brannte die alte Liebe in mir fort, nur war es nicht mehr das
frühere anspruchsvolle Feuerwerk, sondern eine gute und dauerhafte Glut,
die das Herz jung hält und an der sich ein hoffnungsloser Hagestolz
gelegentlich an Winterabenden die Finger wärmen darf. Seit vollends Boppi
mir nahe stand und mich mit dem wundervollen Wissen um ein beständiges,
ehrliches Geliebtsein umgab, konnte ich meine Liebe ohne Gefahr als ein
Stück Jugend und Poesie in mir leben lassen.
Übrigens gab mir Elisabeth je und je durch ihre recht frauenhaften Malicen
Gelegenheit, mich abzukühlen und mich meines Junggesellentums herzlich zu
freuen.
Seit der arme Boppi meine Wohnung teilte, vernachlässigte ich auch
Elisabeths Haus mehr und mehr. Mit Boppi las ich Bücher, blätterte
Reisealbums und Tagebücher durch, spielte Domino; wir schafften zu unsrer
Erheiterung einen Pudel an, beobachteten den Winterbeginn vom Fenster aus
und führten täglich eine Menge kluger und dummer Gespräche. Der Kranke
hatte sich eine überlegene Weltanschauung erworben, eine von gütigem Humor
erwärmte sachliche Betrachtung des Lebens, von der ich täglich zu lernen
hatte. Als starke Schneefälle eintraten und der Winter vor den Fenstern
seine reinliche Schönheit entfaltete, spannen wir uns mit knabenhafter
Wollust beim Ofen in ein heimeliges Stubenidyll ein. Die Kunst der
Menschenkenntnis, nach der ich mir so lang umsonst die Sohlen abgelaufen
hatte, lernte ich bei dieser Gelegenheit so nebenher mit. Boppi stak
nämlich, als stiller und scharfer Zuschauer, voll von Bildern aus dem Leben
seiner früheren Umgebungen und konnte, wenn er einmal angesetzt hatte,
wundervoll erzählen. Der Krüppel hatte in seinem Leben kaum mehr als drei
Dutzend Menschen kennen gelernt und war nie im großen Strome
mitgeschwommen, trotzdem kannte er das Leben viel besser als ich, denn er
war gewohnt auch das Kleinste zu sehen und in jedem Menschen eine Quelle
von Erlebnissen, Freude und Erkenntnis zu finden.
Unser Lieblingsvergnügen war nach wie vor die Freude an der Tierwelt. Über
die Tiere des zoologischen Gartens, die wir nicht mehr besuchen konnten,
erfanden wir nun Geschichten und Fabeln aller Art. Die meisten davon
erzählten wir nicht, sondern trugen sie aus dem Stegreif als Dialoge vor.
Zum Beispiel eine Liebeserklärung zwischen zwei Papageien,
Familienzerwürfnisse unter den Bisons, Abendunterhaltungen der
Wildschweine.
»Wie gehts Ihnen denn, Herr Marder?«
»Danke schön, Herr Fuchs, so leidlich. Sie wissen ja, als ich gefangen
ward, verlor ich meine liebe Gattin. Sie hieß Pinselschwanz, wie ich schon
die Ehre hatte Ihnen zu sagen. Eine Perle, versichere ich Ihnen, eine --.«
»Ach lassen Sie doch die alten Geschichten, Herr Nachbar, Sie haben mir das
von der Perle, wenn ich nicht irre, schon öfters erzählt. Lieber Gott, man
lebt schließlich nur einmal und darf sich das bißchen Vergnügen nicht noch
verderben.«
»Bitte sehr, Herr Fuchs, wenn Sie meine Gemahlin gekannt hätten, würden Sie
mich besser verstehen.«
»Aber gewiß, gewiß. Also sie hieß Pinselschwanz, nicht wahr? Ein schöner
Name, so was zum Streicheln! Aber was ich eigentlich sagen wollte -- Sie
haben doch bemerkt, wie sehr die leidige Sperlingsplage wieder zunimmt? Ich
habe da so einen kleinen Plan?«
»Wegen der Sperlinge?«
»Wegen der Sperlinge. Sehen Sie, ich dachte mir das so: Wir legen etwas
Brot vors Gitter, legen uns ruhig hin und warten die Kerls ab. Es müßte des
Teufels sein, wenn wir nicht so ein Vieh erwischen könnten. Was meinen
Sie?«
»Vortrefflich, Herr Nachbar!«
»Also haben Sie die Güte etwas Brot hinzulegen. -- So, schön! Aber
vielleicht schieben Sie es etwas mehr nach rechts herüber, dann kommt es
uns beiden zu gut. Ich bin nämlich im Augenblick leider ohne alle Mittel.
So ist's gut. Also aufgepaßt! Wir legen uns jetzt nieder, schließen die
Augen -- pst, da kommt schon einer geflogen!« (Pause.)
»Nun, Herr Fuchs, noch nichts?«
»Wie ungeduldig Sie sind! Als ob Sie zum erstenmal auf der Jagd wären! Ein
Jäger muß warten können, warten und wieder warten. Also noch einmal!«
»Ja wo ist denn das Brot hingekommen?«
»Pardon?«
»Das Brot ist ja gar nimmer da.«
»Nicht möglich! Das Brot? Wahrhaftig -- verschwunden! Da soll doch das
Donnerwetter! Natürlich wieder der verdammte Wind.«
»Na, ich habe so meine Gedanken. Mir war doch vorher, ich hörte Sie was
essen.«
»Was? Ich etwas gegessen? Was denn?«
»Das Brot vermutlich.«
»Sie sind beleidigend deutlich in Ihren Vermutungen, Herr Marder. Man muß
ja von Nachbarsleuten ein Wort vertragen können, aber das ist zu viel. Das
ist zu viel, sage ich. Haben Sie mich verstanden? -- Nun soll ich das Brot
gegessen haben! Was glauben Sie eigentlich? Erst soll ich die fade
Geschichte von Ihrer Perle zum tausendstenmal anhören, dann habe ich eine
gute Idee, wir legen das Brot hinaus --«
»Das war ich! Ich habe das Brot hergegeben.«
»-- wir legen das Brot hinaus, ich lege mich hin und passe auf, alles geht
gut, da kommen Sie mit Ihrem Geschwätz dazwischen -- die Spatzen natürlich
auf und davon, die Jagd verhunzt, und nun soll ich auch noch das Brot
gefressen haben! Na Sie können warten, bis ich wieder mit Ihnen verkehre.«
Dabei gingen Nachmittage und Abende leicht und schnell vorüber. Ich war
bester Laune, arbeitete gern und rasch und wunderte mich, daß ich früher so
träg und verdrossen und schwerlebig gewesen war. Die besten Zeiten mit
Richard waren nicht schöner gewesen als diese stillen, heiteren Tage, da
draußen die Flocken tanzten und am Ofen wir zwei samt dem Pudel es uns wohl
sein ließen.
Und da mußte mein lieber Boppi seine erste und letzte Dummheit begehen! Ich
in meiner Zufriedenheit war natürlich blind und sah nicht, daß er mehr litt
als sonst. Aber er, aus lauter Bescheidenheit und Liebe, tat vergnügter als
je, klagte nicht, verbot mir nicht einmal das Rauchen, und dann lag er
nachts und litt und hustete und stöhnte leis. Ganz zufällig, als ich einmal
in der Stube neben ihm in die Nacht hinein schrieb und er mich längst zu
Bett glaubte, hörte ich, wie er stöhnte. Der arme Kerl war ganz erschrocken
und verdonnert, als ich plötzlich mit der Lampe in seine Schlafkammer trat.
Ich stellte das Licht beiseite, setzte mich zu ihm aufs Bett und stellte
ein Verhör an. Lange versuchte er auszukneifen, dann kam es endlich doch
heraus.
»Es ist ja nicht so schlimm,« sagte er schüchtern. »Nur bei manchen
Bewegungen das krampfhafte Gefühl im Herzen, und manchmal auch beim Atmen.«
Er entschuldigte sich geradezu, als wäre sein Kränkerwerden ein Verbrechen!
Morgens ging ich zu einem Arzt. Es war ein schöner, frostklarer Tag,
unterwegs ließ meine Beklemmung und Sorge nach, ich dachte sogar an
Weihnachten und besann mich, mit was ich Boppi eine Freude machen könnte.
Der Arzt war noch zu Hause und kam auf mein dringendes Bitten mit. Wir
fuhren in seinem bequemen Wagen, wir stiegen die Treppe hinauf, wir kamen
in die Kammer zu Boppi, es begann ein Betasten und Klopfen und Horchen, und
während der Arzt nur ein wenig ernsthafter und seine Stimme ein bißchen
gütiger wurde, ging in mir alle Fröhlichkeit unter.
Gicht, Herzschwäche, ernster Fall -- ich hörte zu und schrieb mir auch
alles auf und war über mich selber erstaunt, daß ich mich gar nicht wehrte,
als der Arzt die Überführung ins Spital gebot.
Nachmittags kam der Krankenwagen und als ich vom Spital zurückkam, war mir
in der Wohnung schrecklich zu mut, wo der Pudel sich an mich drängte und
der große Stuhl des Kranken beiseite gestellt und nebenan die leergewordene
Kammer war.
So ist es mit dem Liebhaben. Es bringt Schmerzen, und ich habe deren in der
folgenden Zeit viel erlitten. Aber es liegt so wenig daran, ob man
Schmerzen leidet oder keine! Wenn nur ein starkes Mitleben da ist und wenn
man nur das enge, lebendige Band verspürt, mit dem alles Lebende an uns
hängt, und wenn nur die Liebe nicht kühl wird! Ich gäbe alle heiteren Tage,
die ich je gehabt, samt allen Verliebtheiten und samt meinen Dichterplänen,
wenn ich dafür noch einmal so ins Allerheiligste hineinsehen dürfte, wie in
jener Zeit. Es tut den Augen und dem Herzen bitter weh, und auch der schöne
Stolz und Eigendünkel bekommt seine bösen Stiche ab, aber nachher ist man
so still, so bescheiden, so viel reifer und im Innersten lebendiger!
Schon mit der kleinen, blonden Agi war damals ein Stück von meinem alten
Wesen gestorben. Jetzt sah ich meinen Buckligen, dem ich meine ganze Liebe
geschenkt und mit dem ich mein ganzes Leben geteilt hatte, leiden und
langsam, langsam sterben, und litt an jedem Tage mit und hatte meinen
Anteil an allem Schrecklichen und Heiligen des Sterbens. Ich war noch ein
Anfänger in der ars amandi und sollte gleich mit einem ernsten Kapitel der
ars moriendi beginnen. Von dieser Zeit schweige ich nicht, wie ich von
Paris geschwiegen habe. Von ihr will ich laut reden wie eine Frau von ihrer
Brautzeit und wie ein alter Mann von seinen Knabenjahren.
Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen
war. Ich hörte ihn scherzen wie ein Kind, während er die Arbeit des Todes
in sich spürte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich
suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um
mir zu zeigen, daß diese Krämpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt
gelassen hatten. Dann waren seine Augen groß und man sah sein verwelkendes
Gesicht nicht mehr, nur den Glanz seiner großen Augen.
»Kann ich dir etwas tun, Boppi?«
»Erzähl mit was. Vielleicht vom Tapir.«
Ich erzählte vom Tapir, er schloß die Augen und ich hatte meine Mühe, zu
sprechen wie sonst, denn das Weinen stand mir fortwährend nahe. Und wenn
ich glaubte, er höre mich nicht mehr oder schlafe, dann verstummte ich
sogleich. Da machte er wieder die Augen auf.
»-- Und dann?«
Und ich erzählte weiter, vom Tapir, vom Pudel, von meinem Vater, vom
kleinen bösen Mattheo Spinelli, von Elisabeth.
»Ja, sie hat einen dummen Kerl geheiratet. So geht's, Peter!«
Oft fing er plötzlich an vom Sterben zu sprechen.
»Es ist kein Spaß, Peter. Die allerschwerste Arbeit ist nicht so schwer wie
Sterben. Aber man macht's doch durch.«
Oder: »Wenn die Quälerei überstanden ist, kann ich schon lachen. Bei mir
lohnt sich das Sterben doch, ich werde einen Schnitzbuckel, einen kurzen
Fuß und eine lahme Hüfte los. Bei dir wird's einmal schad sein, mit deinen
breiten Schultern und schönen gesunden Beinen.«
Und einmal, in den letzten Tagen, wachte er aus einem kurzen Schlummer auf
und sagte ganz laut:
»Es gibt gar keinen solchen Himmel, wie der Pfarrer meint. Der Himmel ist
viel schöner. Viel schöner.«
Die Schreinersfrau kam oft und zeigte sich in kluger Weise teilnehmend und
hülfsbereit. Der Schreiner blieb zu meinem großen Bedauern ganz aus.
»Was meinst du,« fragte ich Boppi gelegentlich, »wird im Himmel auch ein
Tapir sein?«
»O ja,« sagte er und nickte noch dazu. »Es sind alle Arten Tiere dort, auch
Gemsen.«
Die Weihnachtszeit kam und wir hatten eine kleine Feier an seinem Bett. Es
trat starker Frost ein, es taute wieder, und Neuschnee fiel auf das
Glatteis, aber ich merkte nichts von allem. Ich hörte, Elisabeth habe einen
Knaben geboren, und ich vergaß es wieder. Es kam ein drolliger Brief von
Frau Nardini; ich las ihn flüchtig durch und legte ihn beiseite. Meine
Arbeiten erledigte ich im Galopp mit dem steten Bewußtsein, jede Stunde mir
und dem Kranken zu stehlen. Dann lief ich gehetzt und ungeduldig ins
Krankenhaus, und dort war eine heitere Stille und ich saß halbe Tage an
Boppis Bett, von einem traumhaft tiefen Frieden umgeben.
Er hatte kurz vor dem Ende noch einige bessere Tage. Da war es merkwürdig,
wie die kaum verflossene Zeit in seiner Erinnerung erloschen schien und er
ganz in den früheren Jahren lebte. Zwei Tage lang sprach er von nichts als
von seiner Mutter. Er konnte ja nicht lang reden, aber man sah auch in den
stundenlangen Pausen, daß er an sie dachte.
»Ich habe dir viel zu wenig von ihr erzählt,« klagte er, »du mußt nichts
von dem vergessen, was sie betrifft, sonst gibt es bald niemand mehr, der
von ihr weiß und ihr dankbar ist. Es wäre gut, Peter, wenn alle Leute so
eine Mutter hätten. Sie hat mich nicht ins Armenhaus getan, als ich nimmer
arbeiten konnte.«
Er lag und atmete mühselig. Eine Stunde verging, da fing er wieder an:
»Sie hat mich am liebsten gehabt von allen ihren Kindern und hat mich bei
sich behalten, bis sie gestorben ist. Die Brüder sind ausgewandert und die
Schwester hat den Schreiner geheiratet, aber ich bin zu Haus gesessen und
so arm sie war, hat sie mich's nie entgelten lassen. Du darfst meine Mutter
nicht vergessen, Peter. Sie war ganz klein, vielleicht noch kleiner als
ich. Wenn sie mir die Hand gab, war es gerade so, wie wenn sich ein winzig
kleiner Vogel draufgesetzt hätte. Es langt ein Kindersarg für sie, hat der
Nachbar Rütimann gesagt, wie sie gestorben ist.«
Auch für ihn hätte schier ein Kindersarg hingereicht. Er lag so
verschwunden und klein in seinem sauberen Spitalbett, und seine Hände sahen
nun wie kranke Frauenhände aus, lang, schmal, weiß und ein wenig gekrümmt.
Als er aufhörte, von seiner Mutter zu träumen, kam ich an die Reihe. Er
sprach von mir, als säße ich nicht dabei.
»Er ist ein Pechvogel, nun freilich, aber es hat ihm nichts geschadet.
Seine Mutter ist zu früh gestorben.«
»Kennst du mich noch, Boppi?« fragte ich.
»Jawohl, Herr Camenzind,« sagte er scherzhaft und lachte ganz leise.
»Wenn ich nur singen könnte,« meinte er gleich darauf.
Am letzten Tage fragte er noch: »Du, kostet es viel hier im Spital? Es
könnte zu teuer werden.«
Doch erwartete er keine Antwort. Eine feine Röte stieg ihm in das weiße
Gesicht, er schloß die Augen und sah eine Weile aus wie ein überaus
glücklicher Mensch.
»Es geht zu Ende,« sagte die Schwester.
Aber er öffnete die Augen noch einmal, sah mich schelmisch an und bewegte
die Brauen so, als wollte er mir zunicken. Ich stand auf, legte die Hand
unter seine linke Schulter und hob ihn sachte ein klein wenig, was ihm
jedesmal wohltat. So auf meiner Hand liegend verzog er noch einmal in
kurzem Schmerz die Lippen, dann drehte er den Kopf ein wenig und
schauderte, als fröre ihn plötzlich. Das war die Erlösung.
»Ist's gut, Boppi?« fragte ich noch. Er war aber schon seiner Leiden ledig
und erkaltete mir in der Hand. Es war am siebenten Januar, eine Stunde nach
Mittag. Gegen Abend machten wir alles fertig und der kleine, verwachsene
Körper lag friedlich und sauber ohne weitere Entstellungen da bis es Zeit
war ihn wegzubringen und zu begraben. Während dieser zwei Tage war ich
beständig darüber verwundert, daß ich weder besonders traurig noch ratlos
war und nicht einmal weinen mußte. Ich hatte die Trennung und den Abschied
so gründlich während der Krankheit durchempfunden, daß nun wenig mehr davon
überblieb und die schwankende Schale meines Schmerzes langsam und
erleichtert wieder in die Höhe stieg.
Trotzdem schien es mir jetzt an der Zeit, die Stadt in aller Stille zu
verlassen und mich irgendwo, womöglich im Süden, auszuruhen und das nur
erst grob angelegte Gefäde meiner Dichtung einmal ernstlich auf den
Webstuhl zu spannen. Ein wenig Geld hatte ich übrig, also hing ich meine
literarischen Verpflichtungen an den Nagel und richtete mich ein, beim
ersten Frühlingsbeginn zu packen und abzureisen. Zunächst nach Assisi, wo
die Gemüsehändlerin meinen Besuch erwartete, dann zu tüchtiger Arbeit in
ein möglichst stilles Bergnest. Mir schien ich habe nun ein hinreichendes
Stück Leben und Tod gesehen, um etwa andern Leuten zumuten zu dürfen, mich
darüber ein wenig räsonnieren zu hören. In wohliger Ungeduld wartete ich
auf den März und hatte vorempfindend schon das Ohr voll italienischer
Kraftworte und in der Nase einen kitzelnd würzigen Duft von Risotto,
Orangen und Chiantiwein.
Der Plan war tadellos und befriedigte mich, je länger ich ihn überlegte,
desto mehr. Indessen tat ich wohl daran, mich des Chianti im voraus zu
freuen, denn es kam alles ganz anders.
Ein beweglicher, phantastisch stilisierter Brief des Gastwirts Nydegger
verkündigte mir im Februar, es liege sehr viel Schnee und im Dorfe sei bei
Vieh und Menschen nicht alles in Ordnung, namentlich stehe es mit meinem
Herrn Vater bedenklich und alles in allem wäre es gut, wenn ich Geld
schicken oder selber kommen würde. Da das Geldschicken mir nicht paßte und
der Alte mir wirklich Sorge machte, mußte ich eben reisen. An einem
unwirschen Tage kam ich an, vor Schneefall und Wind waren weder Berge noch
Häuser sichtbar und es kam mir zu gut, daß ich den Weg auch blindlings
kannte. Der alte Camenzind lag wider meine Vermutung nicht zu Bett, sondern
saß dürftig und kleinlaut in der Ofenecke und war von einer Nachbarin
belagert, die ihm Milch gebracht hatte und ihm soeben über seinen schlimmen
Lebenswandel gründlich und ausdauernd den Text las, worin auch mein
Eintritt sie nicht störte.
»Lueg', der Peter isch cho,« sagte der graue Sünder und zwinkerte mir mit
dem linken Auge zu.
Aber sie fuhr unbeirrt in ihrer Predigt fort. Ich setzte mich auf einen
Stuhl, wartete das Versiegen ihrer Nächstenliebe ab und fand in ihrer Rede
einige Kapitel, die auch mir nicht schadeten. Nebenher schaute ich zu, wie
mir der Schnee von Mantel und Stiefeln schmolz und rings um meinen Stuhl
zuerst einen feuchten Flecken und dann einen stillen Weiher bildete. Erst
als die Frau ein Ende gefunden hatte, konnte das offizielle Wiedersehen
stattfinden, an welchem sie ganz freundlich teilnahm.
Der Vater hatte sehr an Kräften abgenommen. Mir fiel mein früherer kurzer
Versuch, ihn zu pflegen, wieder ein. Das Abreisen damals hatte also nichts
geholfen und ich konnte nun, da es freilich nötiger war, doch noch die
Suppe ausfressen.
Schließlich kann man von einem knorrigen alten Bauern, der auch in seinen
besseren Zeiten kein Tugendspiegel war, nicht verlangen, daß er in den
Tagen der Greisenkrankheiten milde werde und dem Schauspiel der Sohnesliebe
mit Rührung beiwohne. Das tat mein Vater denn auch durchaus nicht, sondern
war je kränker desto widerwärtiger und zahlte mir alles, womit ich ihn
früher je gequält hatte, wenn nicht mit Zinsen so doch glatt und
wohlgemessen heim. Mit Worten allerdings war er sparsam und vorsichtig
gegen mich, aber er verfügte über eine Menge von drastischen Mitteln, ohne
Worte unzufrieden, bitter und ruppig zu sein. Mich wunderte zuweilen, ob
wohl auch aus mir einmal im Alter ein so fataler und heikler Kauz werden
möchte. Mit dem Trinken war es für ihn so gut wie vorbei und das Glas guten
Südweins, das ich ihm täglich zweimal einschenkte, genoß er nur mit böser
Miene, weil ich die Flasche stets sogleich wieder in den leeren Keller
zurückbrachte, dessen Schlüssel ich ihm nie überließ.
Erst gegen Ende Februars kamen jene hellen Wochen, die den
Hochgebirgswinter so herrlich machen. Die hohen, beschneiten Bergschroffen
standen klar gegen den kornblumenblauen Himmel und sahen in der
durchsichtigen Luft unwahrscheinlich nahe aus. Matten und Halden lagen
schneebedeckt -- mit dem Schnee des Bergwinters, den man so weiß und
kristallen und herbduftend in den Talländern niemals findet. Auf kleinen
Erdschwellungen feiert in der Mittagszeit das Sonnenlicht glänzende Feste,
in Mulden und an Abhängen liegen satte blaue Schatten und die Luft ist nach
wochenlangem Schneefall so ganz gereinigt, daß in der Sonne jeder Atemzug
ein Genuß ist. An den kleineren Halden fröhnt die Jugend der Gimmelfahrt
und in der Stunde nach Mittag sieht man alte Leutchen auf den Gassen stehen
und sich an der Sonne gütlich tun, während nachts die Dachsparren im Froste
krachen. Inmitten der weißen Schneefelder liegt still und blau der niemals
gefrierende See, schöner als er je im Sommer sein kann. Jeden Tag vor dem
Mittagessen half ich dem Vater vor die Tür und schaute zu, wie er seine
braunen und knotig verbogenen Finger in die schöne Sonnenwärme streckte.
Nach einer Weile begann er alsdann zu husten und über die Kühle zu klagen.
Das war einer seiner harmlosen Kniffe, um einen Schnaps von mir zu
erlangen; denn weder der Husten noch die Kühle waren ernst zu nehmen. Also
bekam er ein Gläschen Enzian oder einen kleinen Absinth, hörte in
kunstreicher Abstufung zu husten auf und freute sich hinterrücks, mich
überlistet zu haben. Nach Tisch ließ ich ihn allein, band die Gamaschen um
und lief ein paar Stunden bergan, soweit es gehen wollte, und legte den
Heimweg, auf einem mitgenommenen Fruchtsack sitzend, als Rutschpartie über
die schrägen Schneefelder zurück.
Als die Zeit herankam, in der ich etwa nach Assisi hatte reisen wollen, lag
noch metertiefer Schnee. Erst im April begann das Frühjahr sich zu regen
und es kam eine bösartig rasche Schneeschmelze über unser Dorf wie seit
Jahren keine mehr gewesen war. Tag und Nacht hörte man den Föhn heulen, das
Krachen entfernter Lauen und das erbitterte Brausen der Sturzbäche, welche
große Felsstücke und zersplitterte Bäume mitbrachten und auf unsre armen,
schmalen Grundstücke und Obstwiesen warfen. Das Föhnfieber ließ mich nicht
schlafen, Nacht für Nacht hörte ich ergriffen und angstvoll den Sturm
klagen, die Lauen donnern und den wütenden See an die Ufer branden. In
dieser fiebernden Zeit der schrecklichen Frühlingskämpfe überfiel mich noch
einmal die überwundene Liebeskrankheit so ungestüm, daß ich mich nachts
erhob, mich ins Türfenster legte und unter bitteren Schmerzen Liebesworte
an Elisabeth in das Getöse hinaus rief. Seit der lauen Züricher Nacht, in
der ich auf dem Hügel über dem Hause der welschen Malerin vor Liebe gerast
hatte, war die Leidenschaft nie mehr so schrecklich und unwiderstehlich
über mich Herr geworden. Es war mir oft so, als stünde die schöne Frau ganz
nahe vor mir und lächle mich an und wiche doch bei jedem Schritt, den ich
ihr näher träte, zurück. Meine Gedanken, mochten sie herkommen von wo sie
wollten, kehrten unabänderlich zu diesem Bilde zurück und ich konnte gleich
einem Verwundeten es nicht lassen, immer wieder an der jückenden Schwäre zu
kratzen. Ich schämte mich vor mir selber, was ebenso quälend wie nutzlos
war, verwünschte den Föhn und hatte heimlich neben allen Qualen doch ein
verschwiegenes, warmes Lustgefühl, ganz wie in Knabenzeiten, wenn ich an
die hübsche Rösi dachte und die laue, dunkle Woge mich überlief.
Ich begriff, daß gegen diese Krankheit kein Kraut gewachsen war, und
versuchte wenigstens ein bißchen zu arbeiten. Ich begann den Aufbau meines
Werkes in Angriff zu nehmen, entwarf einige Studien und sah bald ein, daß
dafür jetzt nicht die Zeit sei. Indessen liefen von überall her die bösen
Föhnberichte ein und im Dorfe selbst nahm die Not überhand. Die Bachdämme
waren halb zerstört, manche Häuser, Scheunen und Ställe hatten starken
Schaden gelitten, von der Außengemeinde trafen mehrere Obdachlose ein,
überall war Klage und Not und nirgends Geld. In diesen Tagen war's, daß zu
meinem Glück der Schulze mich auf sein Ratsstübchen holen ließ und mich
fragte, ob ich willens sei, einem Ausschuß zur Abhülfe der allgemeinen Not
beizutreten. Man traue mir zu, die Sache der Gemeinde beim Kanton zu
vertreten und namentlich durch die Zeitungen das Land zur Teilnahme und
Beisteuer zu bewegen. Mir kam es gelegen, gerade jetzt meine nutzlosen
eigenen Leiden über einer ernsteren und würdigeren Sache vergessen zu
können, und ich ging verzweifelt ins Zeug. In Basel gewann ich durch Briefe
rasch einige Sammler. Der Kanton hatte, wie wir voraus wußten, kein Geld
und konnte nur ein paar Hülfsarbeiter senden. Nun wandte ich mich an die
Zeitungen mit Aufrufen und Berichten; Briefe, Beiträge und Anfragen liefen
ein und ich hatte neben der Schreiberei noch die Gemeinderatshändel mit den
harten Bauernschädeln durchzufechten.
Die paar Wochen strenger, unentrinnbarer Arbeit taten mir gut. Als die
Sache allmählich in eine geregelte Bahn gebracht und ich dabei minder
notwendig geworden war, grünten ringsum die Matten und blaute der See
harmlos und sonnig zu den vom Schnee befreiten Halden hinauf. Mein Vater
hatte erträgliche Tage und meine Liebesnöte waren gleich den schmutzigen
Lawinenresten verschwunden und zerlaufen. In diesen Zeiten hatte früher
mein Vater seinen Nachen gefirnißt, die Mutter hatte vom Garten her
zugesehen und ich hatte mein Auge auf des Alten Hantierung, auf die Wolken
seiner Pfeife und auf die gelben Schmetterlinge gehabt. Diesmal war kein
Nachen zum Anstreichen mehr da, die Mutter war lange tot und der Vater
bockte verdrossen in dem verwahrlosten Hause herum. An die alten Zeiten
erinnerte mich auch Onkel Konrad. Häufig nahm ich ihn, vom Vater ungesehen,
zu einem Gläschen Wein mit und hörte zu, wie er erzählte und seiner vielen
Projekte mit gutmütigem Lachen und doch nicht ohne Stolz gedachte. Neue
machte er zur Zeit nicht mehr und das Alter hatte ihn auch sonst stark
gezeichnet, trotzdem war in seinen Mienen und zumal in seinem Lachen etwas
Knaben- oder Jünglinghaftes, das mir wohltat. Er war oft mein Trost und
Zeitvertreib, wenn ich es zuhaus beim Alten nimmer aushielt. Nahm ich ihn
zum Wein mit, so trottete er hastig neben mir her und bestrebte sich
ängstlich, seine krummgewordenen, mageren Beine im gleichen Schritt mit
meinen zu halten.
»Mußt Segel nehmen, Onkel Konrad,« munterte ich ihn auf, und über dem Segel
kamen wir dann jedesmal auf unsern alten Nachen zu sprechen, welcher nimmer
da war und den er wie einen lieben Toten beklagte. Da auch mir das alte
Stück lieb gewesen war und nun fehlte, gedachten wir seiner und aller mit
ihm passierten Geschichten bis ins kleinste.
Der See war so blau wie ehemals, die Sonne nicht minder feiertäglich und
warm, und ich alter Bursche schaute oft den gelben Faltern zu und hatte ein
Gefühl, als wäre seit damals im Grunde wenig anders geworden und als könnte
ich ebensowohl mich wieder in die Matten legen und Bubenträume aushecken.
Daß dem nicht so war und daß ich ein gutes Teil meiner Jahre auf
Nimmerwiedersehen schon verbraucht hatte, konnte ich jeden Tag beim Waschen
sehen, wenn aus der rostigen Blechschüssel mein Kopf mit der starken Nase
und dem säuerlichen Mund mich anglänzte. Noch besser sorgte Camenzind
senior dafür, daß ich nicht am Wandel der Zeiten irre ward, und wenn ich
ganz in die Gegenwart gerückt sein wollte, brauchte ich nur die klamme
Tischlade in meiner Stube zu öffnen, worin mein künftiges Werk lag und
schlief, aus einem Paket verjährter Skizzen und aus sechs oder sieben
Entwürfen auf Quartbogen bestehend. Ich öffnete die Lade aber selten.
Neben der Pflege des Alten gab mir das Instandhalten unsres verlotterten
Hauswesens reichlich zu tun. In den Dielen klafften Abgründe, Ofen und Herd
waren defekt, rauchten und stänkerten, die Türen schlossen nicht und die
Leitertreppe auf den Boden, den ehemaligen Schauplatz der väterlichen
Züchtigungen, war lebensgefährlich. Ehe hieran etwas getan werden konnte,
mußte das Beil geschliffen, die Säge geflickt, ein Hammer entlehnt und
Nägel zusammengesucht werden, dann galt es, aus dem faulenden Rest des
ehemaligen Holzvorrates brauchbare Stücke herzurichten. Beim Reparieren der
Werkzeuge und des alten Schleifsteins ging mir Onkel Konrad ein wenig an
die Hand, doch war er zu alt und krumm geworden um viel zu nützen. Also
zerschliß ich mir meine weichen Schreiberhände am widerspenstigen Holz,
trat den wackligen Schleifstein, kletterte auf dem allenthalben undicht
gewordenen Dach umher, nagelte, hämmerte, schindelte und schnitzte, wobei
mein etwas ins Feiste gediehener Adam manchen Tropfen Schweiß vergoß.
Zuweilen hielt ich denn auch, namentlich bei der leidigen Dachflickerei,
mitten im Hammerschlag inne, setzte mich zurecht, sog die halberloschene
Cigarre wieder an, schaute in die tiefe Himmelsbläue und genoß meine
Trägheit im frohen Bewußtsein, daß jetzt der Vater mich nimmer antreiben
und schelten konnte. Kamen dann Nachbarsleute vorübergewandelt, Weiber,
alte Männer und Schulkinder, so knüpfte ich zur Beschönigung meines
Nichtstuns freundnachbarliche Gespräche mit ihnen an und kam allmählich in
den Geruch eines Mannes, mit dem sich ein vernünftiges Wort reden lasse.
»Macht's warm heut, Lisbeth?«
»Allweg, Peter. Was schaffst?«
»'s Dach flicken.«
»Kann nit schaden, 's hat's allweg schon länger nötig gehabt.«
»Wohl, wohl.«
»Was macht denn der Alte? Er wird leicht seine siebenzig alt sein.«
»Achtzig, Lisbeth, achtzig. Was meinst, wenn wir einmal so alt sind? 's ist
kein Spaß.«
»Wohl Peter, aber jetzt muß ich weiter, der Mann will's Essen haben. Mach's
gut unterdes!«
»Adie, Lisbeth.«
Und während sie mit dem Napf im Tüchlein weiter pilgerte, blies ich Wolken
in die Luft, sah ihr nach und besann mich, wie es nur käme, daß alle Leute
so fleißig ihren Geschäften nachgingen, indes ich schon zwei volle Tage an
der gleichen Latte herumnagelte. Schließlich aber war das Dach doch
geflickt. Der Vater interessierte sich ausnahmsweise dafür und da ich ihn
unmöglich aufs Dach schleppen konnte, mußte ich ihm ausführlich beschreiben
und über jede halbe Latte Rechenschaft ablegen, wobei es mir auf einige
Prahlereien nicht ankam.
»'s ist gut,« gab er zu, »'s ist gut, aber ich hätt' nicht geglaubt, daß du
dies Jahr noch fertig wirst.«
* * * * *
Wenn ich nun meine Fahrten und Lebensversuche beschaue und überdenke, freut
und ärgert es mich, die alte Erfahrung auch an mir erlebt zu haben, daß die
Fische ins Wasser und die Bauern aufs Land gehören und daß aus einem
Nimikoner Camenzind trotz aller Künste kein Stadt- und Weltmensch zu machen
ist. Ich gewöhne mich daran, das in der Ordnung zu finden und bin froh, daß
meine ungeschickte Jagd um das Glück der Welt mich wider Willen in den
alten Winkel zwischen See und Bergen zurückgeführt hat, wo ich hingehöre
und wo meine Tugenden und Laster, namentlich aber die Laster, etwas
ordinäres und hergebrachtes sind. Da draußen hatte ich die Heimat vergessen
und war nahe daran gewesen, mir selbst als eine seltene und merkwürdige
Pflanze vorzukommen; nun sehe ich wieder, daß es nur der Nimikoner Geist
war, der in mir spukte und sich dem Brauch der übrigen Welt nicht fügen
konnte. Hier fällt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen, und
wenn ich meinen alten Papa oder den Onkel Konrad betrachte, komme ich mir
wie ein ordentlich geratener Sohn und Neffe vor. Meine paar Zickzackflüge
im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung lassen sich füglich der
berühmten Segelfahrt des Oheims vergleichen, nur daß sie an Geld und Mühe
und schönen Jahren mich teurer zu stehen kamen. Auch äußerlich bin ich,
seit mein Vetter Kuoni mir den Bart stutzt und seit ich wieder Gürtelhosen
trage und in Hemdärmeln herumlaufe, wieder ganz ein Hiesiger geworden und
werde, wenn ich einmal grau und alt bin, unvermerkt meines Vaters Platz und
seine kleine Rolle im Dorfleben übernehmen. Die Leute wissen bloß, ich sei
Jahre lang in der Fremde gewesen und ich hüte mich wohl, ihnen zu sagen,
was für ein lausiges Metier ich dort betrieben und in wieviel Pfützen ich
gesteckt habe; sonst hätte ich bald meinen Spott und Übernamen weg. So oft
ich von Deutschland, Italien oder Paris erzähle, blase ich mich ein bißchen
auf und komme selbst bei den ehrlichsten Stellen zuweilen in einige Zweifel
an meiner eigenen Wahrhaftigkeit.
Und was ist denn nun bei so viel Irrfahrten und verbrauchten Jahren
herausgekommen? Die Frau, die ich liebte und immer noch liebe, erzieht in
Basel ihre zwei hübschen Kinder. Die andere, die mich lieb hatte, hat sich
getröstet und handelt weiterhin mit Obst, Gemüse und Sämereien. Der Vater,
wegen dessen ich ins Nest heimgekehrt bin, ist weder gestorben noch
genesen, sondern sitzt mir gegenüber auf seinem Faulbettlein, sieht mich an
und beneidet mich um den Besitz des Kellerschlüssels.
Aber das ist ja nicht alles. Ich habe, außer der Mutter und dem ertrunkenen
Jugendfreund, die blonde Agi und meinen kleinen, krummen Boppi als Engel im
Himmel wohnen. Und ich habe erlebt, daß im Dorf die Häuser wieder geflickt
und beide Steindämme wieder aufgerichtet sind. Wenn ich wollte, säße ich
auch im Gemeinderat. Es sind aber dort der Camenzinde schon genug.
Nun hat sich mir neuestens eine andere Aussicht eröffnet. Der Gastwirt
Nydegger, in dessen Stube mein Vater und ich so manchen Liter Veltliner,
Walliser oder Waadtländer getrunken haben, fängt an steil bergab zu gehen
und hat keine Freude mehr an seinem Geschäft. Er klagte mir dieser Tage
sein Elend. Das schlimmste dabei ist, daß wenn kein Einheimischer sich dazu
findet, eine auswärtige Brauerei das Anwesen kauft und dann ist es
verdorben und wir haben in Nimikon keinen behaglichen Wirtstisch mehr. Es
wird irgend ein fremder Pächter hineingesetzt werden, der natürlich lieber
Bier als Wein verzapft und unter welchem der gute Nydeggersche Keller
verpfuscht und vergiftet wird. Seit ich das weiß, läßt es mir keine Ruhe;
in Basel liegt mir noch ein wenig Geld auf der Bank und der alte Nydegger
fände an mir nicht den schlechtesten Nachfolger. Der Haken dran ist nur,
daß ich zu Vaters Lebzeiten nicht mehr Gastwirt werden möchte. Denn einmal
könnte ich den alten Mann dann nimmer vom Spunden fernhalten und außerdem
würde er seinen Triumph darüber haben, daß ich mit allem Latein und
Studieren es zum Nimikoner Weinwirt und nicht weiter gebracht habe. Das
geht nicht an, und so beginne ich auf das Ableben des Alten allmählich ein
wenig zu warten, nicht mit Ungeduld, sondern nur der guten Sache zulieb.
Onkel Konrad ist seit kurzem wieder in einen aufgeregten Tatendurst
hineingeraten, nach langen still verdöselten Jahren, und das gefällt mir
nicht. Er hat beständig den Zeigefinger im Mund und eine Denkrunzel auf der
Stirn, tut hastige kleine Schritte in seiner Stube herum und schaut bei
hellem Wetter viel über's Wasser. »Ich mein' alleweil, er will wieder
Schiffli bauen,« sagt seine alte Cenzine, und er sieht wirklich so lebendig
und kühn aus wie seit Jahren nicht und hat so einen schlauen, überlegenen
Zug im Gesicht, als wisse er jetzt genau wie er es diesmal anfangen müsse.
Ich glaube aber, es ist nichts damit und es ist nur seine müdgewordene
Seele, welche jetzt nach Flügeln verlangt, um bald daheim zu sein. Mußt
Segel nehmen, alter Onkel! Wenn es aber so weit mit ihm sein wird, dann
sollen die Herren Nimikoner etwas Unerhörtes erleben. Denn ich habe bei mir
beschlossen, an seinem Grabe hinter dem Pater her einige Worte zu reden,
was hierorts noch nie passiert ist. Ich werde des Oheims als eines Seligen
und Lieblings Gottes gedenken, und diesem erbaulichen Teil wird eine mäßige
Handvoll Salz und Pfeffer für die geliebten Leidtragenden folgen, die sie
mir nicht so bald vergessen und verzeihen sollen. Hoffentlich erlebt es
auch mein Vater noch.
Und in der Lade liegen die Anfänge meiner großen Dichtung. »Mein
Lebenswerk«, könnte ich sagen. Es klingt aber zu pathetisch und ich sage es
lieber nicht, denn ich muß bekennen, daß Fortgang und Vollendung desselben
auf schwachen Beinen stehen. Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, daß ich
von neuem beginne, fortfahre und vollende; dann hat meine Jugendsehnsucht
Recht gehabt und ich bin doch ein Dichter gewesen.
Das wäre mir soviel oder mehr als der Gemeinderat und als die Steindämme
wert. Das Vergangene und doch Unverlorene meines Lebens aber, samt allen
den lieben Menschenbildern, von der schlanken Rösi Girtanner bis auf den
armen Boppi, wöge es mir nicht auf.