Viel schlimmer war mein anderes Laster. Ich hatte wenig Freude an den
Menschen, lebte als Einsiedler und war gegen menschliche Dinge stets mit
Spott und Verachtung zur Hand.
Im Beginn meines neuen Lebens dachte ich daran noch gar nicht. Ich fand es
richtig, die Menschen einander zu überlassen und meine Zärtlichkeit,
Hingabe und Teilnahme allein dem stummen Leben der Natur zu schenken. Auch
erfüllte diese mich im Anfang ganz.
Nachts, wenn ich zu Bett gehen wollte, fiel mir etwa plötzlich ein Hügel,
ein Waldrand, ein einzelner Lieblingsbaum ein, den ich lange nicht mehr
besucht hatte. Nun stand er in der Nacht im Wind, träumte, schlummerte
vielleicht, stöhnte und regte die Zweige. Wie mochte er aussehen? Und ich
verließ das Haus, suchte ihn auf und sah seine undeutliche Gestalt im
Finstern stehen, betrachtete ihn mit erstaunter Zärtlichkeit und trug sein
dämmerndes Bild in mir davon.
Ihr lacht darüber. Vielleicht war diese Liebe verirrt, doch nicht
vergeudet. Aber wie sollte ich von hier den Weg finden, der zur
Menschenliebe führte?
Nun, wo ein Anfang gemacht ist, kommt immer das Beste von selber nach.
Immer näher und möglicher schwebte mir die Idee meiner großen Dichtung vor.
Und wenn mein Liebhaben mich dahin bringen würde, einmal als Dichter die
Sprache der Wälder und Ströme zu reden, für wen geschähe das dann? Nicht
nur für meine Lieblinge, sondern doch vor allem für die Menschen, denen ich
ein Führer und ein Lehrer der Liebe sein wollte. Und gegen diese Menschen
war ich rauh, spöttisch und lieblos. Ich empfand den Zwiespalt und die
Nötigung, das herbe Fremdsein zu bekämpfen und auch den Menschen
Brüderlichkeit zu zeigen. Und das war schwer, denn Vereinsamung und
Schicksale hatten mich gerade auf diesem Punkt hart und böse gemacht. Es
genügte nicht, daß ich daheim und im Wirtshaus mich mühte weniger herb zu
sein und daß ich etwa unterwegs einem Begegnenden freundlich zunickte.
Übrigens sah ich schon hierbei, wie gründlich ich mir das Verhältnis zu den
Leuten versalzen hatte, denn man kam meinen Freundlichkeitsversuchen
mißtrauisch und kühl entgegen oder nahm sie für Hohn auf. Das Schlimmste
war, daß ich das Haus jenes Gelehrten, das einzige meiner Bekanntschaft,
fast ein Jahr lang gemieden hatte, und ich sah ein, daß ich vor allem dort
wieder anklopfen und mir irgend einen Weg in die hiesige Art von
Geselligkeit suchen müsse.
Nun, hier half mir meine eigene verhöhnte Menschlichkeit erklecklich. Kaum
hatte ich wieder an jenes Haus gedacht, so sah ich auch im Geist Elisabeth,
schön wie sie vor Segantinis Wolke gewesen war, und merkte plötzlich, wie
sehr sie an meiner Sehnsucht und Schwermut teil hatte. Und es geschah, daß
ich zum erstenmal ernstlich daran dachte, ein Weib zu freien. Bisher war
ich von meiner völligen Unfähigkeit zur Ehe so überzeugt gewesen, daß ich
mich darein mit bissiger Ironie ergeben hatte. Ich war Dichter, Wanderer,
Trinker, Einspänner! Jetzt glaubte ich mein Schicksal zu erkennen, das mir
in der Möglichkeit einer Liebesehe die Brücke zur Menschenwelt schlagen
wollte. Alles sah so verlockend und sicher aus! Daß Elisabeth mir Teilnahme
schenkte, hatte ich gespürt und gesehen; auch daß sie ein empfängliches und
edles Wesen besaß. Ich dachte daran, wie bei der Plauderei über San
Clemente und dann vor dem Segantini ihre Schönheit lebendig geworden war.
Ich aber hatte seit Jahren aus Kunst und Natur einen reichen inneren Besitz
gesammelt; sie würde von mir das überall schlummernde Schöne sehen lernen
und ich würde sie so mit Schönem und Wahrem umgeben, daß ihr Gesicht und
ihre Seele alle Trübungen vergäße und sich zur Blüte ihrer Fähigkeiten
entfalten könnte. Seltsamer Weise empfand ich das Komische meiner
plötzlichen Verwandlung gar nicht. Ich Einsamer und Sonderling war über
Nacht ein verliebter Fant geworden, der von Eheglück und von der
Einrichtung eines eigenen Hauswesens träumt.
Eiligst suchte ich denn das gastliche Haus auf und ward mit freundlichen
Vorwürfen empfangen. Ich ging mehrmals hin und nach einigen Besuchen traf
ich Elisabeth dort wieder. O, sie war schön! Sie sah aus wie ich sie mir
als meine Geliebte vorgestellt hatte: schön und glücklich. Und ich genoß
eine Stunde lang die frohe Schönheit ihrer Gegenwart. Sie begrüßte mich
gütig, sogar herzlich und mit einer vertrauten Freundschaftlichkeit, die
mich glücklich machte.
* * * * *
Erinnert ihr euch noch des Abends auf dem See, im Boot, des Abends mit den
roten Papierlampen, mit der Musik, mit meiner im Keim erstickten
Liebeserklärung? Es war die traurige und lächerliche Geschichte eines
verliebten Knaben.
Lächerlicher -- und trauriger ist die Geschichte des verliebten Mannes
Peter Camenzind.
Ich erfuhr so beiläufig, Elisabeth sei seit kurzem Braut. Ich gratulierte
ihr, ich machte die Bekanntschaft ihres Verlobten, der sie abzuholen kam,
und ich gratulierte auch ihm. Den ganzen Abend lag ein wohlwollendes
Gönnerlächeln auf meinem Gesicht, mir selber lästig, wie eine Maske.
Nachher lief ich weder in den Wald noch ins Wirtshaus, sondern saß auf
meinem Bett, sah der Lampe zu, bis sie stank und erlosch, erstaunt und
verdonnert, bis endlich mein Bewußtsein wieder erwachte. Da breiteten noch
einmal der Schmerz und Verzweiflung ihre schwarzen Flügel über mich, daß
ich klein und schwach und zerbrochen lag und daß ich schluchzte wie ein
Knabe.
Darauf packte ich meinen Rucksack, ging morgens zur Bahn und reiste nach
Haus. Ich hatte Sehnsucht wieder am Sennalpstock zu klettern, an meine
Kinderzeit zu denken und nachzusehen, ob mein Vater noch lebe.
Wir waren uns fremd geworden. Der Vater sah völlig grau, ein wenig gebückt
und ein wenig unscheinbar aus. Er behandelte mich sanft und mit Scheu,
fragte nach nichts, wollte mir sein Bett abtreten und schien durch meinen
Besuch nicht weniger in Verlegenheit gebracht als überrascht zu sein. Er
hatte das Häuschen noch, die Matten und das Vieh aber verkauft, bezog einen
kleinen Zins und tat hier und dort ein wenig leichte Arbeit.
Als er mich allein ließ, trat ich an die Stelle, wo früher meiner Mutter
Bett gestanden hatte, und das Vergangene lief wie ein breiter, ruhiger
Strom an mir vorbei. Ich war kein Jüngling mehr und dachte daran, wie
schnell die Jahre weitergehen würden, dann wäre auch ich ein gebücktes und
graues Männlein und legte mich zum bittern Sterben hin. In der fast
unveränderten, ärmlichen alten Stube, wo ich klein gewesen war, wo ich
Latein gelernt und den Tod der Mutter gesehen hatte, hatten diese Gedanken
eine ruhebringende Natürlichkeit. Mit Dank erinnerte ich mich an allen
Reichtum meiner Jugend, dabei fiel der Vers des Lorenzo Medici mir ein, den
ich in Florenz gelernt hatte:
Quant' è bella giovinezza,
Ma si fugge tuttavia.
Chi vuol esser lieto, sia:
Di doman non c'è certezza.
und zugleich wunderte ich mich, Erinnerungen aus Italien und aus der
Geschichte und aus dem weiten Reich des Geistes in diese alte heimatliche
Stube zu tragen.
Darauf gab ich meinem Vater etwas Geld. Am Abend gingen wir ins Wirtshaus
und dort war alles wie damals, nur daß jetzt ich den Wein bezahlte und daß
der Vater, als er vom Sternwein und Champagner sprach, sich auf mich
berief, und daß ich jetzt mehr als der Alte vertragen konnte. Ich fragte
nach dem greisen Bäuerlein, dem ich damals den Wein über seinen Kahlkopf
gegossen hatte. Er war ein Witzbold und Kniffgenie gewesen, aber nun war er
längst tot und über seine Schnurren begann Gras zu wachsen. Ich trank
Waadtländer, hörte den Gesprächen zu, erzählte ein wenig, und da ich mit
dem Vater durch den Mondschein nach Hause ging und er im Rausche weiter
redete und gestikulierte, war mir so sonderbar verzaubert zu Mute wie noch
nie. Fortwährend umgaben mich die Bilder der früheren Zeit, Onkel Konrad,
Rösi Girtanner, die Mutter, Richard und die Aglietti und ich sah sie an wie
ein schönes Bilderbuch, bei dem man sich wundert, wie schön und
wohlbeschaffen alle Dinge darin aussehen, die in der Wirklichkeit nicht
halb so köstlich sind. Wie war das alles an mir vorbeigerauscht, vergangen,
fast vergessen und stand nun doch klar und reinlich in mir ausgezeichnet:
ein halbes Leben, ohne meinen Willen vom Gedächtnis aufbewahrt.
Erst als wir nach Hause kamen und als mein Vater spät verstummte und
entschlief, dachte ich wieder an Elisabeth. Noch gestern hatte sie mich
begrüßt, hatte ich sie bewundert und hatte ihrem Bräutigam Glück gewünscht.
Es schien mir eine lange Zeit seither vergangen zu sein. Aber der Schmerz
erwachte, vermischte sich mit der Flut der aufgestörten Erinnerungen und
rüttelte an meinem selbstsüchtigen und schlecht verwahrten Herzen wie der
Föhn an einer zitternden und baufälligen Almhütte. Ich hielt es nicht im
Hause aus. Ich stieg durchs niedere Fenster, ging durchs Gärtchen an den
See, machte den verwahrlosten Weidling los und ruderte leise in die blasse
Seenacht. Feierlich schwiegen umher die silbrig umdünsteten Berge, der fast
völlige Mond hing in der bläulichen Nacht und ward beinahe von der Spitze
des Schwarzenstocks erreicht. Es war so still, daß ich den fernen
Sennalpstock-Wasserfall leise brausen hören konnte. Die Geister der Heimat
und die Geister meiner Jugendzeit berührten mich mit ihren bleichen
Flügeln, erfüllten meinen kleinen Nachen und deuteten flehentlich mit
ausgestreckten Händen und schmerzlichen, unverständlichen Geberden.
Was hatte nun mein Leben bedeutet und wozu waren so viele Freuden und
Schmerzen über mich hinweggegangen? Warum hatte ich Durst nach dem Wahren
und Schönen gehabt, da ich heute noch ein Dürstender war? Warum hatte ich
in Trotz und Tränen um jene begehrenswerten Frauen Liebe und Schmerzen
gelitten -- ich, der ich heute wieder das Haupt in Scham und Tränen um eine
traurige Liebe neigte? Und warum hatte der unbegreifliche Gott mir das
brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines
Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte?
Das Wasser gurgelte dumpf am Bug und tröpfelte silbern von den Rudern, die
Berge standen ringsum nahe und schweigend, über die Nebel der Schluchten
wandelte das kühle Mondlicht. Und die Geister meiner Jugendzeit standen
schweigsam um mich her und blickten mich aus tiefen Augen still und fragend
an. Mir war, ich sähe unter ihnen auch die schöne Elisabeth, und sie hätte
mich geliebt und sie wäre mein geworden, wenn ich zur rechten Zeit gekommen
wäre.
Auch war mir als wäre es am besten, ich sänke still in den bleichen See und
es würde mir von niemand nachgefragt. Aber dennoch ruderte ich schneller,
als ich merkte, daß der schlechte alte Nachen Wasser zog. Mich fror
plötzlich und ich eilte, nach Haus und zu Bett zu kommen. Dort lag ich müd
und wach und sann über mein Leben nach und suchte zu finden, was mir fehle
und was mir nötig wäre, um glücklicher und echter zu leben und näher an das
Herz des Daseins zu kommen.
Wohl wußte ich, daß aller Güte und Freude Kern die Liebe sei und daß ich
beginnen müsse, trotz meines frischen Schmerzes um Elisabeth die Menschen
ernstlich liebzuhaben. Aber wie? Und wen?
Da fiel mir mein alter Vater ein und ich merkte zum erstenmal, daß ich ihn
nie in der rechten Weise lieb gehabt hatte. Als Knabe hatte ich ihm das
Leben sauer gemacht, dann war ich fortgegangen, hatte ihn auch nach der
Mutter Tod allein gelassen, mich oft seiner geärgert und ihn schließlich
fast ganz vergessen. Ich mußte mir vorstellen, er läge auf dem Totenbett
und ich stünde allein und verwaist daneben und sähe seine Seele entrinnen,
die mir fremd geblieben war und um deren Liebe ich mich nie bemüht hatte.
So begann ich denn die schwere und süße Kunst, statt an einer schönen und
bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen. Ich
gab ihm keine groben Antworten mehr, beschäftigte mich nach Möglichkeit mit
ihm, las ihm Kalendergeschichten vor und erzählte ihm von den Weinen, die
in Frankreich und Italien wachsen und getrunken werden. Sein bischen Arbeit
konnte ich ihm nicht abnehmen, da er ohne das verwahrlost wäre. Auch gelang
es mir nicht ihn daran zu gewöhnen, daß er seinen Abendschoppen mit mir zu
Hause statt in der Kneipe trank. Ein paar Abende versuchten wir es. Ich
holte Wein und Cigarren, und gab mir Mühe dem alten Mann die Zeit zu
vertreiben. Am vierten oder fünften Abend war er still und trotzig und
klagte endlich, als ich ihn fragte was ihm fehle: »Ich glaube, du willst
deinen Vater nimmer ins Wirtshaus lassen.«
»Keine Rede,« sagte ich, »du bist der Vater und ich der Bub und wie's
gehalten werden soll, ist deine Sache.«
Er blinzelte mich prüfend an, dann nahm er vergnügt seine Mütze und wir
marschierten selbander zum Wirtshaus.
Es war deutlich zu sehen, daß meinem Vater ein längeres Zusammenbleiben
zuwider gewesen wäre, obwohl er nichts darüber sagte. Auch trieb es mich,
irgendwo in der Fremde die Beruhigung meines zwiespältigen Zustandes
abzuwarten. »Was meinst du, wenn ich dieser Tage wieder abreiste?« fragte
ich den Alten. Er kratzte sich den Schädel, zuckte die schmalgewordenen
Achseln und lächelte schlau und abwartend: »Je, wie du willst!« Ehe ich
reiste, suchte ich einige Nachbarn sowie die Klosterleute auf und bat sie,
ein Auge auf ihn zu haben. Auch benützte ich noch einen schönen Tag zur
Besteigung des Sennalpstocks. Von seiner halbrunden, breiten Kuppe
überschaute ich Gebirg und grüne Tale, blanke Wasser und den Dunst
entfernter Städte. All dies hatte mich als Knaben mit mächtigem Verlangen
erfüllt, ich war ausgezogen mir die schöne weite Welt zu erobern, und nun
lag sie wieder vor mir ausgebreitet, so schön und so fremd wie je, und ich
war bereit aufs neue hinüberzugehen und noch einmal das Land des Glückes zu
suchen.
Meinen Studien zuliebe hatte ich längst beschlossen, einmal für längere
Zeit nach Assisi zu gehen. Ich fuhr nun zunächst nach Basel zurück,
besorgte das Nötigste, packte meine paar Sachen ein und schickte sie nach
Perugia voraus. Ich selber fuhr nur bis Florenz und pilgerte von dort
langsam und behaglich zu Fuße südwärts. Dort unten braucht man zum
freundschaftlichen Verkehr mit dem Volke keinerlei Künste zu verstehen; das
Leben dieser Leute liegt stets an der Oberfläche und ist so simpel, frei
und naiv, daß man von Städtchen zu Städtchen sich mit einer Menge von
Leuten harmlos befreundet. Ich fühlte mich wieder geborgen und heimisch und
beschloß, auch später in Basel die wärmende Nähe menschlichen Lebens nicht
wieder in der Gesellschaft, sondern unter dem schlichten Volke zu suchen.
In Perugia und Assisi bekam meine historische Arbeit wieder Interesse und
Leben. Da auch das tägliche Dasein dort eine Lust war, begann mein
schadhaft gewordenes Wesen bald wieder zu gesunden und neue Notbrücken zum
Leben zu schlagen. Meine Hauswirtin in Assisi, eine redselige und fromme
Gemüsehändlerin, schloß auf Grund einiger Gespräche über den Santo eine
innige Freundschaft mit mir und brachte mich in den Geruch eines strammen
Katholiken. So unverdient diese Ehre war, brachte sie mir doch den Vorteil,
mit den Leuten intimer umgehen zu können, da ich frei vom Verdacht des
Heidentums war, der sonst jedem Fremden anhaftet. Die Frau hieß Annunziata
Nardini, war vierunddreißig Jahr alt und Witwe, von kolossalem Körperumfang
und sehr guten Manieren. Sonntags sah sie in einem geblümten, fröhlich
farbigen Kleid wie der leibhaftige Festtag aus, dann trug sie außer den
Ohrringen auch noch eine goldene Kette auf der Brust, an welcher eine Reihe
von Medaillen aus Goldblech läutete und leuchtete. Auch schleppte sie dann
ein silberbeschlagenes, schweres Brevier mit sich herum, dessen Gebrauch
ihr jedenfalls schwer gefallen wäre, und einen schönen schwarzweißen
Rosenkranz mit Silberkettchen, den sie desto gewandter handhaben konnte.
Wenn sie dann zwischen zwei Kirchgängen in der Loggetta saß und den
bewundernden Nachbarinnen die Sünden abwesender Freundinnen aufzählte, lag
auf ihrem runden, frommen Gesicht der rührende Ausdruck einer mit Gott
versöhnten Seele.
Ich hieß, da mein Name den Leuten unmöglich auszusprechen war, einfach
Signor Pietro. An den schönen, goldigen Abenden saßen wir beisammen in der
winzigen Loggetta, Nachbarn, Kinder und Katzen dabei, oder im Laden
zwischen den Früchten, Gemüsekörben, Samenschachteln und aufgehängten
Rauchwürsten, erzählten einander unsre Erlebnisse, besprachen die
Ernteaussichten, rauchten eine Cigarre oder sogen jeder an einem
Melonenschnitz. Ich berichtete vom heiligen Franz, von der Geschichte der
Portiunkula und der Kirche des Santo, von der heiligen Klara und von den
ersten Brüdern. Ernsthaft hörte man zu, stellte tausend kleine Fragen,
lobte den Heiligen und ging zur Erzählung und Erörterung neuerer und
sensationeller Ereignisse über, unter welchen Räubergeschichten und
politische Fehden besonders beliebt waren. Zwischen uns spielten und
balgten sich die Katzen, Kinder und Hündlein. Aus eigener Lust und um
meinen guten Ruf aufrecht zu erhalten, durchstöberte ich die Legende nach
erbaulichen und rührenden Geschichten und freute mich, neben wenigen andern
Bücher auch Arnolds »Leben der Altväter und anderer gottseliger Personen«
mitgebracht zu haben, dessen treuherzige Anekdoten ich mit kleinen
Variationen in ein vulgäres Italienisch übertrug. Vorübergehende blieben
ein Weilchen stehen, hörten zu, plauderten mit, und oft wechselte so die
Gesellschaft an einem Abend drei, vier mal, nur Frau Nardini und ich waren
seßhaft und fehlten nie. Ich hatte meinen Rotwein im Fiasko neben mit
stehen und imponierte dem armen und mäßig lebenden Völklein durch meinen
stattlichen Weinverbrauch. Allmählich wurden auch die scheuen Mädchen der
Nachbarschaft zutraulicher und beteiligten sich am Gespräch von der
Türschwelle aus, ließen sich Bildchen schenken und begannen an meine
Heiligkeit zu glauben, da ich weder zudringliche Scherze machte noch
überhaupt mich um ihre Vertraulichkeit zu bemühen schien. Unter ihnen waren
einige großäugige, träumerische Schönheiten, welche aus Bildern des
Perugino zu stammen schienen. Ich hatte sie alle gern und freute mich ihrer
gutmütig schalkhaften Gegenwart, doch war ich nie in eine von ihnen
verliebt, denn die hübschen unter ihnen glichen einander so sehr, daß ihre
Schönheit mir stets nur als Rasse und nie als persönlicher Vorzug erschien.
Öfter stellte sich auch Mattheo Spinelli ein, ein junges Bürschchen, Sohn
des Bäckermeisters, ein geriebener und witziger Kerl. Er konnte eine Menge
Tiere nachahmen, wußte über jeden Skandal Bescheid und stak zum Bersten
voll von frechen und schlauen Unternehmungen. Wenn ich Legenden erzählte,
hörte er mit einer Frömmigkeit und Demut ohne gleichen zu, machte sich
nachher aber über die heiligen Väter in naiv vorgebrachten boshaften
Fragen, Vergleichen und Vermutungen lustig, zum Entsetzen der Obstfrau und
unverhohlenen Entzücken der meisten Zuhörer.
Häufig saß ich auch allein bei Frau Nardini, hörte ihre erbaulichen Reden
an und hatte meine unheilige Freude an ihren zahlreichen Menschlichkeiten.
Ihr entging kein Fehler und Laster an ihren Nächsten, sie wies ihnen im
voraus peinlich abschätzend ihre Plätze im Fegefeuer an. Mich aber hatte
sie ins Herz geschlossen und vertraute mir die kleinsten Erlebnisse und
Beobachtungen offen und umständlich an. Sie fragte mich nach jedem kleinen
Einkauf, wieviel ich bezahlt habe, und wachte darüber, daß ich nicht
übervorteilt würde. Sie ließ sich die Lebensläufe der Heiligen erzählen und
machte mich dafür mit den Geheimnissen des Obstkaufs, des Gemüsehandels und
der Küche bekannt. Eines Abends saßen wir in der gebrechlichen Halle. Ich
hatte zum rasenden Entzücken der Kinder und Mädchen ein Schweizerlied
gesungen und einen Jodler losgelassen. Sie wanden sich vor Lust, imitierten
den Klang der fremden Sprache und zeigten mir, wie komisch mein Kehlkopf
beim Jodeln auf und nieder gestiegen sei. Da begann jemand von der Liebe zu
sprechen. Die Mädchen kicherten, Frau Nardini verdrehte die Augen und
seufzte sentimental, und schließlich ward ich bestürmt, meine eigenen
Liebesgeschichten zu erzählen. Ich schwieg über Elisabeth, erzählte aber
meine Kahnfahrt mit der Aglietti und meine verunglückte Liebeserklärung. Es
war mir sonderbar, diese Geschichte, von der ich außer Richard niemandem je
ein Wort anvertraut hatte, nun meiner neugierigen umbrischen Gesellschaft
zu erzählen, angesichts der südlich schmalen steinernen Gassen und der
Hügel, über welchen der rotgoldene Abend duftete. Ich erzählte ohne viel
Reflexion, nach Art der alten Novellen, und doch war mein Herz dabei und
ich hatte heimlich Furcht, die Zuhörer würden lachen und mich necken.
Aber als ich zu Ende war, hingen aller Augen teilnehmend traurig an mir.
»Ein so schöner Mann!« rief eines der Mädchen lebhaft aus. »Ein so schöner
Mann, und er hat eine unglückliche Liebe!«
Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig übers
Haar und sagte: »Poverino!«
Ein anderes Mädchen schenkte mir eine große Birne und da ich sie bat, den
ersten Biß darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als
ich aber auch die anderen beißen lassen wollte, litt sie es nicht. »Nein,
essen Sie selbst! Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglück
erzählt haben.«
»Aber Sie werden nun gewiß eine andere lieben,« sagte ein brauner
Weinbauer.
»Nein,« sagte ich.
»O, Sie lieben immer noch diese böse Erminia?«
»Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen
liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder
hier, und sogar den Geliebten der Erminia.«
Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich
entdeckte, daß die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt
war, ich möchte endgültig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affäre
bildete mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht,
diese Träume zu zerstören, ohne die Harmonie zu verderben und die
behagliche Freundschaft zu verscherzen. Auch mußte ich an die Rückreise
denken. Wäre nicht der Traum meiner zukünftigen Dichtung und die drohende
Ebbe meiner Kasse gewesen, so wäre ich dortgeblieben. Ich hätte vielleicht
auch, gerade der Ebbe wegen, die Nardini geheiratet. Doch nein, was mich
abhielt, war mein noch nicht vernarbter Schmerz um Elisabeth und das
Verlangen sie wiederzusehen.
Die runde Witwe fügte sich wider Erwarten leidlich ins Unabänderliche und
ließ mich ihre Enttäuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir
vielleicht der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verließ viel mehr als
ich je in der Heimat verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die
Hand so herzlich und von so vielen lieben Menschen gedrückt worden. Die
Leute gaben mir Früchte, Wein, süßen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in
den Wagen und ich hatte das ungewohnte Gefühl von Freunden zu scheiden,
denen es nicht einerlei war, ob ich ging oder blieb. Frau Annunziata
Nardini aber gab mir beim Scheiden einen Kuß auf beide Wangen und hatte
Tränen in den Augen.
Früher hatte ich geglaubt, es müsse ein besonderer Genuß sein geliebt zu
werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine
solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch
war ich ein wenig stolz darauf, daß eine fremde Frau mich liebte und zum
Manne wünschte.
Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stück Genesung für mich. Frau
Nardini tat mir leid und doch wünschte ich die Sache nicht ungeschehen.
Auch sah ich allmählich immer mehr ein, daß das Glück mit der Erfüllung
äußerer Wünsche wenig zu tun habe und daß die Leiden verliebter Jünglinge,
so peinlich sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, daß ich
Elisabeth nicht haben konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und
Denkweise blieb mir unverkürzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie
ja nach wie vor, so viel ich wollte. Diese Gedankengänge und noch mehr die
naive Heiterkeit meines Daseins in den umbrischen Monaten waren mir überaus
heilsam gewesen. Von jeher hatte ich ein Auge für alles Lächerliche und
Schnurrige gehabt und mir nur die Freude daran selber durch Ironie
verdorben. Nun ging mir allmählich der Blick für den Humor des Lebens auf
und es schien mir immer möglicher und leichter, mich mit meinen Sternen zu
versöhnen und mir von der Tafel des Lebens noch den einen oder anderen
schönen Bissen zu gönnen.
Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf
Prinzipien und Vorurteile, lächelt nachsichtig, trägt die Hände in den
Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebenskünstler vor. Man ist
eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Südens mitgeschwommen und denkt
nun, das müsse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder Rückkehr
aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel kam und
dort das alte steife Leben unverjüngt und unveränderlich antraf, stieg ich
von der Höhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und
ärgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und
seither trieb mein Schifflein durch klare und trübe Wasser nie mehr ohne
wenigstens einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu
lassen.
Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verändert. Ich fühlte
mich ohne großes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten
entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke
betrachten lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gänge und
schließliches Verschwinden die Welt nicht groß erregen und beschäftigen.
Man behält ein Lebensziel, einen Lieblingstraum im Auge, aber man kommt
sich nimmer unentbehrlich vor und gönnt sich unterwegs des öfteren Muße, um
ohne Gewissensbisse eine Tagesstrecke zu versäumen, sich ins Gras zu legen,
einen Vers zu pfeifen und der lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu
werden. Bisher war ich, ohne daß ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte,
doch eigentlich ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an
Selbstverehrung noch an der Mißachtung geringerer Leute fehlen lassen. Nun
sah ich allmählich immer besser, daß es keine festen Grenzen gibt und daß
im Kreise der Kleinen, Bedrückten und Armen das Dasein nicht nur ebenso
mannigfalt, sondern zumeist auch wärmer, wahrhaftiger und vorbildlicher ist
als das der Begünstigten und Glänzenden.
Übrigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurück, um an der ersten
Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth
teilzunehmen. Ich war vergnügt, noch frisch und braun von der Reise, und
brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schöne Frau
beliebte mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute
mich den ganzen Abend meines Glückes, das mir seinerzeit die Blamage einer
verspäteten Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen
Erfahrung hatte ich immer noch ein leises Mißtrauen gegen die Frauen, als
müßten sie an den hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Männer ihre
grausame Freude haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen
entehrenden und peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzählung aus
dem Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fünfjährigen Knaben
vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender
merkwürdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu
starken Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafür die Höslein
gespannt werden, so wurden sechs kleine Mädchen beordert, den
Widerstrebenden in der zu jener Züchtigung erforderlichen peinlichen Lage
auf der Bank festzuhalten. Da dies Festhaltendürfen als Hochgenuß und große
Ehre galt, wurden nur jeweils die sechs artigsten Mädchen, die zeitweiligen
Tugendausbünde, der grausamen Wonne teilhaftig. Die spaßige
Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich sogar ein paar mal in meine
Träume geschlichen, so daß ich wenigstens aus Traumerfahrung weiß, wie
elend einem in solcher Lage ums Herz ist.