I.

Im Anfang war der Mythus. Wie der große Gott in den Seelen der Inder,

Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in

jedes Kindes Seele täglich wieder.

Wie der See und die Berge und die Bäche meiner Heimat hießen, wußte ich

noch nicht. Aber ich sah die blaugrüne glatte Seebreite, mit kleinen

Lichtern durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die

jähen Berge, und in ihren höchsten Ritzen die blanken Schneescharten und

kleinen, winzigen Wasserfälle, und an ihrem Fuß die schrägen, lichten

Matten, mit Obstbäumen, Hütten und grauen Alpkühen besetzt. Und da meine

arme, kleine Seele so leer und still und wartend lag, schrieben die Geister

des Sees und der Berge ihre schönen kühnen Taten auf sie. Die starren Wände

und Flühen sprachen trotzig und ehrfürchtig von Zeiten, deren Söhne sie

sind und deren Wundmale sie tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde

barst und sich bog und aus ihrem gequälten Leibe in stöhnender Werdenot

Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge drängten sich brüllend und krachend

empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten, Zwillingsberge rangen in

verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg und den Bruder

beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen Zeiten her da und

dort hoch in den Schlüften abgebrochene Gipfel, weggedrängte und gespaltene

Felsen, und in jeder Schneeschmelze führte der Wassersturz hausgroße Blöcke

nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie mit mächtigem Schlage

tief in weiche Matten ein.

Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu

verstehen, wenn man ihre jähen Wände sah, Schicht um Schicht geknickt,

verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. »Wir haben

Schauerliches gelitten,« sagten sie, »und wir leiden noch.« Aber sie sagten

es stolz, streng und verbissen, wie alte unverwüstliche Kriegsleute.

Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie kämpfen, mit Wasser und Sturm, in den

schauerlichen Vorfrühlingsnächten, wenn der erbitterte Föhn um ihre alten

Häupter brüllte und wenn die Bachstürze frische, rohe Stücke aus ihren

Flanken rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen

Nächten, finster, atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die

zerspaltenen Wetterwände und Hörner entgegen und spannten alle Kraft in

trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde ließen sie das

grausige Rollen der Wut und Angst vernehmen, und durch alle fernsten

Rüfenen klang gebrochen und zornig ihr schreckliches Stöhnen wieder.

Und ich sah Matten und Hänge und erdige Felsritzen mit Gräsern, Blumen,

Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwürdige,

ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge,

farbig und harmlos an ihren Stätten. Ich befühlte sie, betrachtete sie,

roch ihren Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berührte mich der

Anblick der Bäume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben führen,

seine besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten

werfen. Sie schienen mir, als Einsiedler und Kämpfer, den Bergen näher

verwandt, denn jeder von ihnen, zumal die höher am Berge stehenden, hatte

seinen stillen, zähen Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und

Gestein. Jeder hatte seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und

davon trug jeder seine eigene Gestalt und besondere Wunden. Es gab Föhren,

denen der Sturm nur auf einer einzigen Seite Äste zu haben erlaubte, und

solche, deren rote Stämme sich wie Schlangen um überhängende Felsen gebogen

hatten, sodaß Baum und Fels eins das andere an sich drückte und erhielt.

Sie sahen mich wie kriegerische Männer an und erweckten Scheu und Ehrfurcht

in meinem Herzen.

Unsere Männer und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet

und wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen

gleich Bäumen oder Felsen anschauen, mir Gedanken über sie zu machen und

sie nicht weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen Föhren.

Unser Dörflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei

Bergvorsprünge geklemmten schrägen Fläche am See. Ein Weg führt nach dem

nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten

Nachbarort, die übrigen am See gelegenen Dörfer erreicht man zu Wasser.

Unsere Häuser sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes

Alter, es kommen fast niemals Neubauten vor und die alten Häuslein werden

je nach Bedürfnis stückweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal

ein Stück am Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die früher

einmal etwa zur Stubenwand gehört haben, findet man jetzt als Sparren im

Dach und wenn sie auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum

Verbrennen sind, so kommen sie das nächste mal beim Flicken des Stalls oder

Heubodens oder als Querlatte an der Haustüre zur Verwendung. Ähnlich ist es

mit den darin Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle

mit, tritt dann zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht

schließlich ins Dunkel unter, ohne daß viel Aufsehens davon gemacht würde.

Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verändert, als

daß ein paar alte Dächer erneuert und ein paar neuere alt geworden sind;

die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da,

welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe

dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebahren sich von den

indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden.

Unsrer Gemeinde mangelte eine häufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens

von außen her. Die Bewohner, ein leidlich rüstiges Geschlecht, sind fast

alle untereinander aufs engste verschwägert und reichlich drei Viertel

tragen den Namen Camenzind. Er füllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht

auf den Kirchhofkreuzen, prangt an den Häusern in Ölfarbe oder in derber

Schnitzarbeit und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern

und auf den Seebooten zu lesen. Auch über meines Vaters Haustür stand

gemalt: »Dieses Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind,« doch ging

das nicht meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgroßvater an; und wenn

ich auch vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so weiß

ich doch, daß wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn

anders es bis dorthin noch steht und ein Dach über hat.

Ungeachtet der scheinbaren Eintönigkeit gab es dennoch in unsrer

Bürgerschaft Böse und Gute, Vornehme und Geringe, Mächtige und Niedrige und

neben manchen Klugen eine ergötzliche kleine Sammlung von Narren, die

Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie überall ein kleines Abbild der

großen Welt und da Große und Kleine, Schlaumeier und Narren unlöslich

untereinander verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut

und bornierter Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so

daß unser Leben für die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum

bot. Nur lag ein ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewußter

Bedrücktheit darüber. Das Abhängigsein von den Naturmächten und die

Kümmerlichkeit eines arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten

unsrem ohnehin alternden Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben,

der zu den scharfen, schroffen Gesichtern zwar nicht übel paßte, sonst aber

keinerlei Früchte zeitigte, wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war

man froh an den paar Narren, welche zwar noch still und ernsthaft genug

waren, aber doch einige Farbe und einige Gelegenheit zu Gelächter und Spott

hereinbrachten. Wenn einer von ihnen durch einen neuen Streich von sich

reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten über die faltigen, braunen

Gesichter der Söhne Nimikons und zur Lust am Spaße selber kam noch als

feine pharisäische Würze der Genuß der eigenen Überlegenheit, welche vor

Vergnügen schnalzte im Gefühl, vor solchen Irrungen oder Fehltritten sicher

zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen Gerechten und Sündern

standen und von beiden gern das Annehmliche mitgenossen hätten, gehörte

auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit

seliger Unruhe erfüllt hätte, und er schwankte alsdann zwischen der

teilnehmenden Bewunderung für den Anstifter und dem feisten Bewußtsein der

eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider.

Zu den Narren selbst gehörte mein Oheim Konrad, ohne daß er deshalb etwa

meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben hätte.

Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist

umgetrieben, um den die andern ihn ruhig hätten beneiden dürfen. Aber

freilich glückte ihm nichts. Daß er, statt darüber den Kopf hängen zu

lassen und tatlos tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei

ein merkwürdig lebhaftes Gefühl für das Tragikomische seiner eigenen

Unternehmungen hatte, war gewiß ein Vorzug, wurde ihm aber als lächerliche

Sonderbarkeit angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten

Hanswürsten der Gemeinde zählte. Meines Vaters Verhältnis zu ihm war ein

dauerndes hin und her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue

Projekt seines Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und

Aufregung, die er vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und

Anspielungen zu verstecken trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges

sicher zu sein glaubte und den Großartigen zu spielen begann, ließ er sich

jedesmal hinreißen und schloß sich dem Genialen in spekulierender

Brüderlichkeit an, bis der unvermeidliche Mißerfolg da war, über den der

Oheim die Achseln zuckte, während der Vater im Zorn ihn mit Hohn und

Beleidigung übergoß und monatelang keines Blickes und Wortes mehr würdigte.

Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots

verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten müssen. Das Segel-

und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgeführt und

daß unser Schifflein für ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende

nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein

Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch

das übrige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem

Vorhaben. Es war ein denkwürdiger Tag für uns, als das Boot an einem

windigen Spätsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in

scheuer Ahnung einer möglichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch

mir zu meiner großen Betrübnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des Bäckers

Füßli begleitete den Segelkünstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf

unserem Kiesplatz und in den Gärtchen und wohnte dem unerhörten Spektakel

bei. Seeabwärts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mußte der Beck rudern,

bis das Boot in die Bise geriet, sein Segel blähte und stolz davonjagte.

Wir sahen es bewundernd um den nächsten Bergvorsprung entschwinden und

richteten uns darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger

zu begrüßen und uns unserer höhnischen Aftergedanken zu schämen. Als jedoch

in der Nacht das Boot zurückkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer

waren mehr tot als lebendig und der Bäckerssohn hustete und meinte: »Ihr

seid um ein Hauptvergnügen gekommen, leichtlich hätte es auf den Sonntag

zwei Leichenschmäuse geben können.« Mein Vater mußte zwei neue Planken in

den Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen

Fläche gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas

eilig hatte, nach: »Mußt Segel nehmen, Konrad!« Mein Vater fraß den Ärger

in sich hinein und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah

er beiseite und spuckte in großen Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher

Verachtung. Das dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem

feuersicheren Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder

unendlichen Spott auf den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler

zu stehen kam. Wehe dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern

wagte! Lange später, als einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter

einmal so beiläufig, es wäre doch gut wenn jetzt das sündlich verdubelte

Geld noch da wäre. Der Vater wurde dunkelrot bis an den Hals, aber er

bezwang sich und sagte nur: »Ich wollt', ich hätt' es an einem einzigen

Sonntag versoffen.«

Am Ende jedes Winters kam der Föhn mit seinem tieftönigen Gebrause, das der

Älpler mit Zittern und Entsetzen hört und nach welchem er in der Fremde mit

verzehrendem Heimweh dürstet.

Wenn der Föhn nahe ist, spüren ihn viele Stunden voraus Männer und Weiber,

Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer kühle Gegenwinde

vorausgehen, verkündigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrüne See wird

in ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt plötzlich hastige, weiße

Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unhörbar

friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich

rückt die ganze Landschaft ängstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst

in entrückter Ferne brüteten, kann man jetzt die Felsen zählen und von

Dörfern, die sonst nur als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet

man jetzt Dächer, Giebel und Fenster. Alles rückt zusammen, Berge, Matten

und Häuser, wie eine furchtsame Herde. Und dann beginnt das grollende

Sausen, das Zittern im Boden. Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit

wie Rauch durch die Luft dahingetrieben, und fortwährend, zumal in den

Nächten, hört man den verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine

kleine Zeit später redet sich dann die Nachricht von verschütteten Bächen,

zerschlagenen Häusern, zerbrochenen Kähnen und vermißten Vätern und Brüdern

durch die Dörfer.

In Kinderzeiten fürchtete ich den Föhn und haßte ihn sogar. Mit dem

Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Empörer, den

Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frühlings. Es war so

herrlich, wie er voll Leben, Überschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf

begann, stürmend, lachend und stöhnend, wie er heulend durch die Schluchten

hetzte, den Schnee von den Bergen fraß und die zähen alten Föhren mit

rauhen Händen bog und zum Seufzen brachte. Später vertiefte ich meine Liebe

und begrüßte nun im Föhn den süßen, schönen, allzureichen Süden, welchem

immer wieder Ströme von Lust, Wärme und Schönheit entquellen, um sich an

den Bergen zu zersprengen und endlich im flachen, kühlen Norden ermüdet zu

verbluten. Es gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süße

Föhnfieber, das in der Föhnzeit die Menschen der Bergländer und namentlich

die Frauen überfällt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt.

Das ist der Süden, der sich dem spröden, ärmeren Norden immer wieder

stürmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendörfern

verkündigt, daß jetzt an den nahen, purpurnen Seen Welschlands schon wieder

Primeln, Narzissen und Mandelzweige blühen.

Alsdann, wenn der Föhn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen

zerlaufen sind, dann kommt das Schönste. Dann recken sich berghinan auf

allen Seiten die beblümten gelblichen Matten, rein und selig stehen die

Schneegipfel und Gletscher in ihren Höhen und der See wird blau und warm

und spiegelt Sonne und Wolkenzüge wieder.

Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfüllen.

Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie

nie über eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen

hat, dem tönt sie sein Leben lang nach, süß und stark und furchtbar, und

ihrem Bann entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der

kann jahrelang Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem

alten Herrgott aufräumen, -- wenn er den Föhn wieder einmal spürt oder hört

eine Laue durch's Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er

denkt an Gott und ans Sterben.

An meines Vaters Häuschen grenzte ein umzäunter, winziger Garten. Es gedieh

dort ein herber Salat, Rüben und Kohl, außerdem hatte die Mutter eine

rührend schmale, dürftige Rabatte für Blumen angelegt, in welcher zwei

Monatrosenstöcke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden hoffnungslos

und kümmerlich verschmachteten. An den Garten stieß ein noch kleinerer,

kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei beschädigte

Fässer, einige Bretter und Pfähle, und unten im Wasser lag unser Weidling

angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und geteert

wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Gedächtnis

geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, über dem Gärtchen

taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war

ölglatt, blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dünn

umdünstet, und auf dem kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und

Ölfarbe. Auch nachher duftete der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch

nach Teer. So oft ich, viele Jahre später, irgendwo am Meere den

eigentümlich aus Wassergeruch und Teerbrodem gemischten Duft in die Nase

bekam, trat mir sogleich unser Seeplätzlein vor's Auge, und ich sah wieder

den Vater in Hemdärmeln mit dem Pinsel hantieren, sah die bläulichen

Wölkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlüfte steigen und die

blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flüge tun. An solchen Tagen

zeigte mein Vater eine ungewöhnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er

vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler

von sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes

auf den Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung,

Camenzind möchte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch.

Daß die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemütes sonderlich gefördert

oder gestört hätten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide

Hände voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewiß mit nichts auf der Welt

so wenig beschäftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine

paar Obstbäume kümmerlich im Stand zu halten, das Kartoffeläckerlein zu

bestellen und nach dem Heu zu sehen. Ungefähr alle paar Wochen aber nahm er

mich abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend

mit mir auf den über dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich

alsdann ein seltsamer Straf- und Sühneakt: ich bekam eine Tracht Prügel,

ohne daß der Vater oder ich selbst genauer gewußt hätte wofür. Es waren

stille Opfer am Altar der Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits

oder Geschrei meinerseits dargebracht, als schuldiger Tribut an eine

geheimnisvolle Macht. Immer wenn ich in späteren Jahren einmal vom »blinden

Schicksal« reden hörte, fielen diese mysteriösen Szenen mir wieder ein und

schienen mir eine überaus plastische Darstellung jenes Begriffs zu sein.

Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater dabei die schlichte Pädagogik,

die das Leben selbst an uns zu üben pflegt, indem es uns hie und da aus

heiteren Lüften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns überlassen bleibt

nachzusinnen, durch was für Missetaten wir eigentlich die oberen Mächte

herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir sich nie oder

nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Züchtigung ohne die

wünschenswerte Selbstprüfung gelassen oder auch trotzig hin und freute mich

an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar

Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbständiger trat ich den

Versuchen meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die

unbegreifliche und verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende

Gaben vereinigt: eine ungewöhnliche Körperkraft und eine leider nicht

geringere Arbeitsscheu. Der Vater gab sich alle Mühe einen brauchbaren Sohn

und Mithelfer aus mir zu machen, ich aber drückte mich mit allen Chikanen

um die mir auferlegten Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich für

keinen der antiken Heroen so viel Mitgefühl wie für Herakles, da er zu

jenen berühmten, lästigen Arbeiten gezwungen ward. Einstweilen kannte ich

nichts Schöneres als mich auf Felsen und Matten oder am Wasser

müßiggängerisch herumzutreiben.

Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und erzogen

mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und

Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem glänzenden See und

den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken.

Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr

lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das schöner ist als

Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe,

sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die

Seelen von Neugeborenen, sie sind schön, reich und spendend wie gute Engel,

sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes.

Sie schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend weiß mit

goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bläulichen Farben.

Sie schleichen finster und langsam wie Mörder, sie jagen sausend kopfüber

wie rasende Reiter, sie hängen traurig und träumend in bleichen Höhen wie

schwermütige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die

Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Händen, flatternden

Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der

armen Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehörig

-- Träume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen

Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens,

Verlangens und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag

und sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die

Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit.

O, die Wolken, die schönen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes

Kind und liebte sie, schaute sie an und wußte nicht, daß auch ich als eine

Wolke durch's Leben gehen würde -- wandernd, überall fremd, schwebend

zwischen Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe

Freundinnen und Schwestern gewesen. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so

nicken wir einander zu, grüßen uns und verweilen einen Augenblick Aug' in

Auge. Auch vergaß ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen,

ihre Farben, ihre Züge, ihre Spiele, Reigen, Tänze und Rasten, und ihre

seltsam irdisch-himmlischen Geschichten.

Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das

mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin

erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger Höhe kommend, und sucht sich

einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus.

Neidisch sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich

gierend am Berg empor und überfällt sie plötzlich wütend und tosend. Sie

wirft der schönen Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen,

höhnt sie, krakehlt sie an, möchte sie verjagen. Eine Weile ist die

Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und manchmal steigt sie kopfschüttelnd,

leise und höhnisch wieder in ihre Höhe zurück. Manchmal aber sammelt sie

plötzlich ihre geängsteten Freundinnen um sich her, enthüllt ihr blendend

fürstliches Angesicht und weist den Kobold mit kühler Hand zurück. Er

zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hüllt ihren Sitz weitum

in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen Mulden und

Kuppel klar und glänzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt.

In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der

Schönheit, das mich entzückte und mein kleines Herz wie ein frohes

Geheimnis bewegte.

Bald kam auch die Zeit, daß ich mich den Wolken nähern, zwischen sie treten

und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr

alt, als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fuß

unser Dörflein Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken

und die Schönheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und

Schneewasser, grüngläserne Gletscher, scheußliche Muränen, und über allem

wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang

zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen Höhen eng

umdrängt war, dann vergißt er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein

großer, breiter Himmel über ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag.

Schon beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten

Schroffen und Felswände so überwältigend groß zu finden. Und nun sah ich,

vom Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel plötzlich die ungeheure

Weite auf mich herein dringen. So fabelhaft groß war also die Welt! Unser

ganzes Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller

Fleck. Gipfel, die man vom Tale aus für eng benachbart hielt, lagen viele

Stunden weit auseinander.

Da fing ich an zu ahnen, daß ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein

gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und daß da draußen Berge

stehen und fallen und große Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht

die leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber

zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewußtem

Streben mächtig jener großen Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die

Schönheit und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was für

endlose Fernen sie wanderten.

Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein

wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten über meine fassungslose Freude.

Ich aber, nachdem ich mit dem ersten großen Staunen fertig war, brüllte vor

Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lüfte hinaus. Das war

mein erstes, unartikuliertes Lied an die Schönheit. Ich war auf einen

dröhnenden Widerhall gefaßt, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen

Höhen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschämt und

hielt mich still.

Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam ein

Ereignis um das andere. Zunächst nahm man mich des öfteren auf Bergfahrten

mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar beklommener Wollust

in die großen Geheimnisse der Höhen ein. Darauf ward ich zum Gaishirten

ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gewöhnlich meine Tiere trieb,

gab es einen windgeschützten Winkel, von kobaltblauem Enzian und hellrotem

Steinbrech überwuchert, das war mir der liebste Platz in der Welt. Das Dorf

war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur über Felsen weg ein

schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafür brannten die Blumen in

lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf den

spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Geläut der Ziegenglocken tönte

ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der

Wärme, staunte den weißen Wölklein nach und jodelte halblaut vor mich hin,

bis die Gaisen meine Trägheit bemerkten und sich allerlei verbotene

Streiche und Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den

ersten Wochen einen herben Riß in meine Phäakenherrlichkeit, als ich mit

einer verlaufenen Gais zusammen in eine Klamm abstürzte. Die Gais war tot

und mir tat der Schädel weh, außerdem ward ich jämmerlich geprügelt, lief

meinen Alten davon und ward unter Beschwörungen und Wehklagen wieder

eingebracht.

Leichtlich hätten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein können.

Dann wäre dies Büchlein ungeschrieben und manche andere Mühe und Torheit

ungeschehen geblieben. Ich hätte vermutlich irgend eine Base geheiratet

oder läge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es

wäre auch nicht übel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das

Geschehene mit Ungeschehenem zu vergleichen.

Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsdörfer Kloster. Nun

war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich

indessen nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb

einen manierlichen Brief an die Klosterbrüder, gab den der Botenfrau mit

und ging auf eigene Faust in den Berg.

Nächste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und

wartet auf denjenigen, der den schönen Brief geschrieben hat. Mir ward

etwas bänglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, daß

er mich bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in

Gunst und wurde befragt. Natürlich war er sofort dafür entflammt, daß ich

lernen und später studieren und ein Gelehrter und Herr werden müsse. Der

Vater ließ sich überzeugen, und so gehörte nun auch meine Zukunft zu den

gefährlichen Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem

Segelschiff und den vielen ähnlichen Phantastereien.

Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer

Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spaß und

ich dachte nicht daran, daß das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und

schöne Jahre kosten könne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein

Vater hätte mich zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres

vorwärts und rückwärts auswendig gekonnt hätte. Aber der kluge Mann hatte

mir auf den Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und

Kardinaluntugend meine unbesiegbare Trägheit hauste. Ich entrann, wo es nur

gehen wollte, der Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach

oder lag seitwärts versteckt an der Halde, las, träumte und faulenzte. In

dieser Erkenntnis gab er mich schließlich weg.

Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort über meine Eltern zu sagen. Die

Mutter war ehedem schön gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs

und die anmutigen, dunklen Augen übrig geblieben. Sie war groß, überaus

kräftig, fleißig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und

an Körperkraft ihm überlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause,

sondern ließ das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgroß, hatte dünne und

fast zarte Glieder und einen hartnäckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht,

das von heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten

war. Dazu kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so

oft er die Brauen bewegte, und gab ihm ein grämlich leidendes Aussehen; es

schien dann, als versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und

sei selber ohne Hoffnung je darauf zu kommen. Man hätte eine gewisse

Melancholie an ihm wahrnehmen können, aber niemand achtete darauf, denn die

Bewohner unsrer Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trübe

des Gemüts befangen, dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das

mühselige Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind.

Von beiden Eltern habe ich wichtige Stücke meines Wesens übernommen. Von

der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stück Gottvertrauen und ein

stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine Ängstlichkeit vor

festen Entschließungen, die Unfähigkeit mit Geld zu wirtschaften und die

Kunst viel und mit Überlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir

in jenem zarten Alter noch nicht. Äußerlich hab ich vom Vater die Augen und

den Mund, von der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und Körperbau und

die zähe Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse überhaupt bekam ich

ins Leben zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trübe Wesen und

den Hang zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange

außerhalb der Heimat bei Fremden herumzuschlagen, wäre es schon besser

gewesen, statt dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn

mitzubringen.

So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins

Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bewährt, denn ich ging und stand

in der Welt seither auf eigenen Füßen. Dennoch muß irgend etwas gefehlt

haben, das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte.

Denn ich kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden

marschieren oder rudern und nötigenfalls einen Mann freihändig erschlagen,

zum Lebenskünstler aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frühe

einseitige Umgang mit der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig

soziale Fähigkeiten in mir aufkommen lassen und noch jetzt sind meine

Träume ein merkwürdiger Beweis dafür, wie sehr ich leider einem rein

animalischen Leben zuneige. Ich träume nämlich sehr oft, ich liege am

Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und empfinde dabei ein so

gewaltiges Wohlbehagen, daß ich beim Erwachen den Wiederbesitz meiner

Menschenwürde keineswegs freudig oder mit Stolz, sondern lediglich mit

Bedauern wahrnehme.

Ich ward in üblicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium

erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand weiß, warum. Es gibt kein

unnützeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag.

Die Schülerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule

kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftsträume, Stunden

voll ehrfürchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier

meine angeborene Trägheit hervor, trug mir allerlei Ärger und Strafen ein

und wich dann irgend einem neuen Enthusiasmus.

»Peter Camenzind,« sprach mein Griechischlehrer, »du bist ein Trotzkopf und

Einspänner und wirst dir noch einmal den harten Schädel einrennen.« Ich

betrachtete den feisten Brillenträger, hörte seine Rede an und fand ihn

komisch.

»Peter Camenzind,« sprach der Mathematiklehrer, »du bist ein Genie im

Faullenzen und ich bedaure, daß es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null.

Ich schätze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb.« Ich sah ihn an,

bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig.

»Peter Camenzind,« sagte einmal der Geschichtsprofessor, »du bist kein

guter Schüler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden.

Du bist faul, aber du weißt Großes und Kleines zu unterscheiden.«

Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern

Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der

Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon über

meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorwärts und hatte

meinen Platz über der Mitte. Daß die Schule und die Schulwissenschaft ein

unzulängliches Stückwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf später.

Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine

Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort würde ich

erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kämpfe der Völker und

die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute.

Noch stärker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte

gern einen Freund haben.

Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre älter als ich,

namens Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und

dazusein, trug den Kopf männlich fest und ernst und sprach nicht viel mit

seinen Kameraden. An ihm blickte ich monatelang mit großer Verehrung empor,

hielt mich auf der Straße hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm

bemerkt zu werden. Ich war auf jeden Spießbürger eifersüchtig, den er

grüßte, und auf jedes Haus, in das ich ihn eintreten oder aus dem ich ihn

kommen sah. Aber ich war zwei Klassen hinter ihm zurück und er fühlte sich

vermutlich der seinigen schon überlegen. Es ist nie ein Wort zwischen uns

gewechselt worden. Statt seiner schloß sich ohne mein Zutun ein kleiner,

kränklicher Knabe an mich an. Er war jünger als ich, schüchtern und

unbegabt, hatte aber schöne, leidende Augen und Gesichtszüge. Weil er

schwächlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse viel

Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen

Beschützer. Bald ward er so krank, daß er die Schule nicht mehr besuchen

konnte. Er fehlte mir nicht und ich vergaß ihn rasch.

Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendkünstler,

Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mühe

und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig

gönnerhaft gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn

in seinem Stüblein auf, las ein paar Bücher mit ihm, machte ihm die

griechischen Aufgaben und ließ mir dafür im Rechnen helfen. Auch gingen wir

manchmal miteinander spazieren und müssen dann wie Bär und Wiesel

ausgesehen haben. Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie

Verlegene, und ich hörte zu, lachte und war froh einen so burschikosen

Freund zu haben.

Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan

im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen

Aufführungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun

rief er: »Ratet wer das ist!« und begann laut ein paar Homerverse zu lesen.

Dabei kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein

ängstliches Lesen, meine oberländisch rauhe Aussprache, und auch meine

ständige Geberde der Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schließen des

linken Auges. Es sah sich sehr komisch an und war so witzig und lieblos als

möglich gemacht.

Als er das Buch schloß und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von

hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte

meine ganze Entrüstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige

prägnant zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer

bemerkte das Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen

Freundes, welcher obendrein sein Liebling war.

»Wer hat dich so zugerichtet?«

»Der Camenzind.«

»Camenzind vortreten! Ist das wahr?«

»Jawohl.«

»Warum hast du ihn geschlagen?«

Keine Antwort.

»Hast du keinen Grund dazu gehabt?«

»Nein.«

Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des

unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein

Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge

heraus so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los.

»Schämst du dich nicht? Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß der dort ein gemeiner Kerl ist und daß ich ihn

verachte. Und ein Feigling ist er auch noch.«

So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger und

ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen müssen.

Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither sich

einige mal verändert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe

Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen.

Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war

schön und ich bin stolz darauf, daß ich mein Leben lang immer nur in sehr

schöne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt,

erzähle ich ein andermal. Sie hieß Rösi Girtanner und ist heute noch der

Liebe ganz anderer Männer, als ich bin, würdig.

Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich ließ

mich mit meinen Kameraden in tolle Raufhändel ein, fühlte mich stolz als

besten Ringer, Ballschläger, Wettläufer und Ruderer, und war nebenher

beständig schwermütig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es

war einfach die süße Schwermut des Vorfrühlings, die mich stärker als

andere anfaßte, so daß ich Freude an traurigen Vorstellungen, an

Todesgedanken und an pessimistischen Ideen hatte. Natürlich fand sich auch

der Kamerad, der mir Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu

lesen gab. Es war eigentlich kein Lesen mehr, -- ich goß in die leeren

Verse mein volles Herz, ich litt mit, dichtete mit und geriet in ein

lyrisches Schwärmen hinein, das mir vermutlich zu Gesichte stand wie dem

Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller »schönen Literatur«

keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann Goethe und

Shakespeare, und plötzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu einer

großen Gottheit geworden.

Mit süßem Schauder fühlte ich aus diesen Büchern mir die würzig kühle Luft

eines Lebens entgegen strömen, das nie auf Erden gewesen und doch

wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen

und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der

Dachbodenkammer, wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgestühl und

das trockene Klappern der daneben nistenden Störche drang, gingen die

Menschen Goethes und Shakespeares bei mir ein und aus. Das Göttliche und

Lächerliche alles Menschenwesens ging mir auf: das Rätsel unseres

zwiespältigen, unbändigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte

und das mächtige Wunder des Geistes, der unsre kurzen Tage verklärt und

durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des

Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den Kopf durch die schmale

Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf Dächer und schmale Gassen

scheinen, hörte verwundert die kleinen Geräusche der Arbeit und

Alltäglichkeit verworren heraufrauschen und fühlte das Einsame und

Geheimnisvolle meines von großen Geistern erfüllten Dachwinkels wie ein

sonderbar schönes Märchen mich umgeben. Und allmählich, je mehr ich las und

je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dächer, Gassen und

Alltag ergriff, tauchte des öfteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in

mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete

Welt warte auf mich, daß ich einen Teil ihrer Schätze höbe, den Schleier

des Zufälligen und Gemeinen davon löse und das Entdeckte durch Dichterkraft

dem Untergang entreiße und verewige.

Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es füllten sich allmählich

einige Hefte mit Versen, Entwürfen und kleinen Erzählungen an. Sie sind

untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber

Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen

Kritik und Selbstprüfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die

notwendige erste, große Enttäuschung ein. Ich hatte schon begonnen mit

meinen Erstlingsgedichten aufzuräumen und meine Schreiberei überhaupt mit

Mißtrauen zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar Bände Gottfried

Keller in die Hände fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal

hintereinander las. Da sah ich in plötzlicher Erkenntnis, wie fern meine

unreifen Träumereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen waren,

verbrannte meine Gedichte und Novellen und blickte nüchtern und traurig mit

peinlichen Katzenjammergefühlen in die Welt.

Peter Camenzind(#41051) · 第 5 / 21 题