Im Anfang war der Mythus. Wie der große Gott in den Seelen der Inder,
Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in
jedes Kindes Seele täglich wieder.
Wie der See und die Berge und die Bäche meiner Heimat hießen, wußte ich
noch nicht. Aber ich sah die blaugrüne glatte Seebreite, mit kleinen
Lichtern durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die
jähen Berge, und in ihren höchsten Ritzen die blanken Schneescharten und
kleinen, winzigen Wasserfälle, und an ihrem Fuß die schrägen, lichten
Matten, mit Obstbäumen, Hütten und grauen Alpkühen besetzt. Und da meine
arme, kleine Seele so leer und still und wartend lag, schrieben die Geister
des Sees und der Berge ihre schönen kühnen Taten auf sie. Die starren Wände
und Flühen sprachen trotzig und ehrfürchtig von Zeiten, deren Söhne sie
sind und deren Wundmale sie tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde
barst und sich bog und aus ihrem gequälten Leibe in stöhnender Werdenot
Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge drängten sich brüllend und krachend
empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten, Zwillingsberge rangen in
verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg und den Bruder
beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen Zeiten her da und
dort hoch in den Schlüften abgebrochene Gipfel, weggedrängte und gespaltene
Felsen, und in jeder Schneeschmelze führte der Wassersturz hausgroße Blöcke
nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie mit mächtigem Schlage
tief in weiche Matten ein.
Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu
verstehen, wenn man ihre jähen Wände sah, Schicht um Schicht geknickt,
verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. »Wir haben
Schauerliches gelitten,« sagten sie, »und wir leiden noch.« Aber sie sagten
es stolz, streng und verbissen, wie alte unverwüstliche Kriegsleute.
Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie kämpfen, mit Wasser und Sturm, in den
schauerlichen Vorfrühlingsnächten, wenn der erbitterte Föhn um ihre alten
Häupter brüllte und wenn die Bachstürze frische, rohe Stücke aus ihren
Flanken rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen
Nächten, finster, atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die
zerspaltenen Wetterwände und Hörner entgegen und spannten alle Kraft in
trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde ließen sie das
grausige Rollen der Wut und Angst vernehmen, und durch alle fernsten
Rüfenen klang gebrochen und zornig ihr schreckliches Stöhnen wieder.
Und ich sah Matten und Hänge und erdige Felsritzen mit Gräsern, Blumen,
Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwürdige,
ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge,
farbig und harmlos an ihren Stätten. Ich befühlte sie, betrachtete sie,
roch ihren Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berührte mich der
Anblick der Bäume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben führen,
seine besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten
werfen. Sie schienen mir, als Einsiedler und Kämpfer, den Bergen näher
verwandt, denn jeder von ihnen, zumal die höher am Berge stehenden, hatte
seinen stillen, zähen Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und
Gestein. Jeder hatte seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und
davon trug jeder seine eigene Gestalt und besondere Wunden. Es gab Föhren,
denen der Sturm nur auf einer einzigen Seite Äste zu haben erlaubte, und
solche, deren rote Stämme sich wie Schlangen um überhängende Felsen gebogen
hatten, sodaß Baum und Fels eins das andere an sich drückte und erhielt.
Sie sahen mich wie kriegerische Männer an und erweckten Scheu und Ehrfurcht
in meinem Herzen.
Unsere Männer und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet
und wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen
gleich Bäumen oder Felsen anschauen, mir Gedanken über sie zu machen und
sie nicht weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen Föhren.
Unser Dörflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei
Bergvorsprünge geklemmten schrägen Fläche am See. Ein Weg führt nach dem
nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten
Nachbarort, die übrigen am See gelegenen Dörfer erreicht man zu Wasser.
Unsere Häuser sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes
Alter, es kommen fast niemals Neubauten vor und die alten Häuslein werden
je nach Bedürfnis stückweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal
ein Stück am Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die früher
einmal etwa zur Stubenwand gehört haben, findet man jetzt als Sparren im
Dach und wenn sie auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum
Verbrennen sind, so kommen sie das nächste mal beim Flicken des Stalls oder
Heubodens oder als Querlatte an der Haustüre zur Verwendung. Ähnlich ist es
mit den darin Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle
mit, tritt dann zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht
schließlich ins Dunkel unter, ohne daß viel Aufsehens davon gemacht würde.
Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verändert, als
daß ein paar alte Dächer erneuert und ein paar neuere alt geworden sind;
die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da,
welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe
dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebahren sich von den
indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden.
Unsrer Gemeinde mangelte eine häufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens
von außen her. Die Bewohner, ein leidlich rüstiges Geschlecht, sind fast
alle untereinander aufs engste verschwägert und reichlich drei Viertel
tragen den Namen Camenzind. Er füllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht
auf den Kirchhofkreuzen, prangt an den Häusern in Ölfarbe oder in derber
Schnitzarbeit und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern
und auf den Seebooten zu lesen. Auch über meines Vaters Haustür stand
gemalt: »Dieses Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind,« doch ging
das nicht meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgroßvater an; und wenn
ich auch vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so weiß
ich doch, daß wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn
anders es bis dorthin noch steht und ein Dach über hat.
Ungeachtet der scheinbaren Eintönigkeit gab es dennoch in unsrer
Bürgerschaft Böse und Gute, Vornehme und Geringe, Mächtige und Niedrige und
neben manchen Klugen eine ergötzliche kleine Sammlung von Narren, die
Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie überall ein kleines Abbild der
großen Welt und da Große und Kleine, Schlaumeier und Narren unlöslich
untereinander verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut
und bornierter Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so
daß unser Leben für die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum
bot. Nur lag ein ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewußter
Bedrücktheit darüber. Das Abhängigsein von den Naturmächten und die
Kümmerlichkeit eines arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten
unsrem ohnehin alternden Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben,
der zu den scharfen, schroffen Gesichtern zwar nicht übel paßte, sonst aber
keinerlei Früchte zeitigte, wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war
man froh an den paar Narren, welche zwar noch still und ernsthaft genug
waren, aber doch einige Farbe und einige Gelegenheit zu Gelächter und Spott
hereinbrachten. Wenn einer von ihnen durch einen neuen Streich von sich
reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten über die faltigen, braunen
Gesichter der Söhne Nimikons und zur Lust am Spaße selber kam noch als
feine pharisäische Würze der Genuß der eigenen Überlegenheit, welche vor
Vergnügen schnalzte im Gefühl, vor solchen Irrungen oder Fehltritten sicher
zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen Gerechten und Sündern
standen und von beiden gern das Annehmliche mitgenossen hätten, gehörte
auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit
seliger Unruhe erfüllt hätte, und er schwankte alsdann zwischen der
teilnehmenden Bewunderung für den Anstifter und dem feisten Bewußtsein der
eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider.
Zu den Narren selbst gehörte mein Oheim Konrad, ohne daß er deshalb etwa
meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben hätte.
Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist
umgetrieben, um den die andern ihn ruhig hätten beneiden dürfen. Aber
freilich glückte ihm nichts. Daß er, statt darüber den Kopf hängen zu
lassen und tatlos tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei
ein merkwürdig lebhaftes Gefühl für das Tragikomische seiner eigenen
Unternehmungen hatte, war gewiß ein Vorzug, wurde ihm aber als lächerliche
Sonderbarkeit angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten
Hanswürsten der Gemeinde zählte. Meines Vaters Verhältnis zu ihm war ein
dauerndes hin und her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue
Projekt seines Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und
Aufregung, die er vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und
Anspielungen zu verstecken trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges
sicher zu sein glaubte und den Großartigen zu spielen begann, ließ er sich
jedesmal hinreißen und schloß sich dem Genialen in spekulierender
Brüderlichkeit an, bis der unvermeidliche Mißerfolg da war, über den der
Oheim die Achseln zuckte, während der Vater im Zorn ihn mit Hohn und
Beleidigung übergoß und monatelang keines Blickes und Wortes mehr würdigte.
Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots
verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten müssen. Das Segel-
und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgeführt und
daß unser Schifflein für ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende
nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein
Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch
das übrige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem
Vorhaben. Es war ein denkwürdiger Tag für uns, als das Boot an einem
windigen Spätsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in
scheuer Ahnung einer möglichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch
mir zu meiner großen Betrübnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des Bäckers
Füßli begleitete den Segelkünstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf
unserem Kiesplatz und in den Gärtchen und wohnte dem unerhörten Spektakel
bei. Seeabwärts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mußte der Beck rudern,
bis das Boot in die Bise geriet, sein Segel blähte und stolz davonjagte.
Wir sahen es bewundernd um den nächsten Bergvorsprung entschwinden und
richteten uns darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger
zu begrüßen und uns unserer höhnischen Aftergedanken zu schämen. Als jedoch
in der Nacht das Boot zurückkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer
waren mehr tot als lebendig und der Bäckerssohn hustete und meinte: »Ihr
seid um ein Hauptvergnügen gekommen, leichtlich hätte es auf den Sonntag
zwei Leichenschmäuse geben können.« Mein Vater mußte zwei neue Planken in
den Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen
Fläche gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas
eilig hatte, nach: »Mußt Segel nehmen, Konrad!« Mein Vater fraß den Ärger
in sich hinein und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah
er beiseite und spuckte in großen Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher
Verachtung. Das dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem
feuersicheren Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder
unendlichen Spott auf den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler
zu stehen kam. Wehe dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern
wagte! Lange später, als einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter
einmal so beiläufig, es wäre doch gut wenn jetzt das sündlich verdubelte
Geld noch da wäre. Der Vater wurde dunkelrot bis an den Hals, aber er
bezwang sich und sagte nur: »Ich wollt', ich hätt' es an einem einzigen
Sonntag versoffen.«
Am Ende jedes Winters kam der Föhn mit seinem tieftönigen Gebrause, das der
Älpler mit Zittern und Entsetzen hört und nach welchem er in der Fremde mit
verzehrendem Heimweh dürstet.
Wenn der Föhn nahe ist, spüren ihn viele Stunden voraus Männer und Weiber,
Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer kühle Gegenwinde
vorausgehen, verkündigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrüne See wird
in ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt plötzlich hastige, weiße
Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unhörbar
friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich
rückt die ganze Landschaft ängstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst
in entrückter Ferne brüteten, kann man jetzt die Felsen zählen und von
Dörfern, die sonst nur als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet
man jetzt Dächer, Giebel und Fenster. Alles rückt zusammen, Berge, Matten
und Häuser, wie eine furchtsame Herde. Und dann beginnt das grollende
Sausen, das Zittern im Boden. Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit
wie Rauch durch die Luft dahingetrieben, und fortwährend, zumal in den
Nächten, hört man den verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine
kleine Zeit später redet sich dann die Nachricht von verschütteten Bächen,
zerschlagenen Häusern, zerbrochenen Kähnen und vermißten Vätern und Brüdern
durch die Dörfer.
In Kinderzeiten fürchtete ich den Föhn und haßte ihn sogar. Mit dem
Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Empörer, den
Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frühlings. Es war so
herrlich, wie er voll Leben, Überschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf
begann, stürmend, lachend und stöhnend, wie er heulend durch die Schluchten
hetzte, den Schnee von den Bergen fraß und die zähen alten Föhren mit
rauhen Händen bog und zum Seufzen brachte. Später vertiefte ich meine Liebe
und begrüßte nun im Föhn den süßen, schönen, allzureichen Süden, welchem
immer wieder Ströme von Lust, Wärme und Schönheit entquellen, um sich an
den Bergen zu zersprengen und endlich im flachen, kühlen Norden ermüdet zu
verbluten. Es gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süße
Föhnfieber, das in der Föhnzeit die Menschen der Bergländer und namentlich
die Frauen überfällt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt.
Das ist der Süden, der sich dem spröden, ärmeren Norden immer wieder
stürmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendörfern
verkündigt, daß jetzt an den nahen, purpurnen Seen Welschlands schon wieder
Primeln, Narzissen und Mandelzweige blühen.
Alsdann, wenn der Föhn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen
zerlaufen sind, dann kommt das Schönste. Dann recken sich berghinan auf
allen Seiten die beblümten gelblichen Matten, rein und selig stehen die
Schneegipfel und Gletscher in ihren Höhen und der See wird blau und warm
und spiegelt Sonne und Wolkenzüge wieder.
Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfüllen.
Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie
nie über eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen
hat, dem tönt sie sein Leben lang nach, süß und stark und furchtbar, und
ihrem Bann entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der
kann jahrelang Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem
alten Herrgott aufräumen, -- wenn er den Föhn wieder einmal spürt oder hört
eine Laue durch's Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er
denkt an Gott und ans Sterben.
An meines Vaters Häuschen grenzte ein umzäunter, winziger Garten. Es gedieh
dort ein herber Salat, Rüben und Kohl, außerdem hatte die Mutter eine
rührend schmale, dürftige Rabatte für Blumen angelegt, in welcher zwei
Monatrosenstöcke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden hoffnungslos
und kümmerlich verschmachteten. An den Garten stieß ein noch kleinerer,
kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei beschädigte
Fässer, einige Bretter und Pfähle, und unten im Wasser lag unser Weidling
angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und geteert
wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Gedächtnis
geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, über dem Gärtchen
taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war
ölglatt, blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dünn
umdünstet, und auf dem kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und
Ölfarbe. Auch nachher duftete der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch
nach Teer. So oft ich, viele Jahre später, irgendwo am Meere den
eigentümlich aus Wassergeruch und Teerbrodem gemischten Duft in die Nase
bekam, trat mir sogleich unser Seeplätzlein vor's Auge, und ich sah wieder
den Vater in Hemdärmeln mit dem Pinsel hantieren, sah die bläulichen
Wölkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlüfte steigen und die
blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flüge tun. An solchen Tagen
zeigte mein Vater eine ungewöhnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er
vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler
von sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes
auf den Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung,
Camenzind möchte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch.
Daß die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemütes sonderlich gefördert
oder gestört hätten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide
Hände voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewiß mit nichts auf der Welt
so wenig beschäftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine
paar Obstbäume kümmerlich im Stand zu halten, das Kartoffeläckerlein zu
bestellen und nach dem Heu zu sehen. Ungefähr alle paar Wochen aber nahm er
mich abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend
mit mir auf den über dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich
alsdann ein seltsamer Straf- und Sühneakt: ich bekam eine Tracht Prügel,
ohne daß der Vater oder ich selbst genauer gewußt hätte wofür. Es waren
stille Opfer am Altar der Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits
oder Geschrei meinerseits dargebracht, als schuldiger Tribut an eine
geheimnisvolle Macht. Immer wenn ich in späteren Jahren einmal vom »blinden
Schicksal« reden hörte, fielen diese mysteriösen Szenen mir wieder ein und
schienen mir eine überaus plastische Darstellung jenes Begriffs zu sein.
Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater dabei die schlichte Pädagogik,
die das Leben selbst an uns zu üben pflegt, indem es uns hie und da aus
heiteren Lüften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns überlassen bleibt
nachzusinnen, durch was für Missetaten wir eigentlich die oberen Mächte
herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir sich nie oder
nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Züchtigung ohne die
wünschenswerte Selbstprüfung gelassen oder auch trotzig hin und freute mich
an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar
Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbständiger trat ich den
Versuchen meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die
unbegreifliche und verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende
Gaben vereinigt: eine ungewöhnliche Körperkraft und eine leider nicht
geringere Arbeitsscheu. Der Vater gab sich alle Mühe einen brauchbaren Sohn
und Mithelfer aus mir zu machen, ich aber drückte mich mit allen Chikanen
um die mir auferlegten Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich für
keinen der antiken Heroen so viel Mitgefühl wie für Herakles, da er zu
jenen berühmten, lästigen Arbeiten gezwungen ward. Einstweilen kannte ich
nichts Schöneres als mich auf Felsen und Matten oder am Wasser
müßiggängerisch herumzutreiben.
Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und erzogen
mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und
Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem glänzenden See und
den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken.
Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr
lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das schöner ist als
Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe,
sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die
Seelen von Neugeborenen, sie sind schön, reich und spendend wie gute Engel,
sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes.
Sie schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend weiß mit
goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bläulichen Farben.
Sie schleichen finster und langsam wie Mörder, sie jagen sausend kopfüber
wie rasende Reiter, sie hängen traurig und träumend in bleichen Höhen wie
schwermütige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die
Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Händen, flatternden
Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der
armen Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehörig
-- Träume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen
Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens,
Verlangens und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag
und sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die
Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit.
O, die Wolken, die schönen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes
Kind und liebte sie, schaute sie an und wußte nicht, daß auch ich als eine
Wolke durch's Leben gehen würde -- wandernd, überall fremd, schwebend
zwischen Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe
Freundinnen und Schwestern gewesen. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so
nicken wir einander zu, grüßen uns und verweilen einen Augenblick Aug' in
Auge. Auch vergaß ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen,
ihre Farben, ihre Züge, ihre Spiele, Reigen, Tänze und Rasten, und ihre
seltsam irdisch-himmlischen Geschichten.
Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das
mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin
erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger Höhe kommend, und sucht sich
einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus.
Neidisch sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich
gierend am Berg empor und überfällt sie plötzlich wütend und tosend. Sie
wirft der schönen Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen,
höhnt sie, krakehlt sie an, möchte sie verjagen. Eine Weile ist die
Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und manchmal steigt sie kopfschüttelnd,
leise und höhnisch wieder in ihre Höhe zurück. Manchmal aber sammelt sie
plötzlich ihre geängsteten Freundinnen um sich her, enthüllt ihr blendend
fürstliches Angesicht und weist den Kobold mit kühler Hand zurück. Er
zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hüllt ihren Sitz weitum
in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen Mulden und
Kuppel klar und glänzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt.
In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der
Schönheit, das mich entzückte und mein kleines Herz wie ein frohes
Geheimnis bewegte.
Bald kam auch die Zeit, daß ich mich den Wolken nähern, zwischen sie treten
und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr
alt, als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fuß
unser Dörflein Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken
und die Schönheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und
Schneewasser, grüngläserne Gletscher, scheußliche Muränen, und über allem
wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang
zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen Höhen eng
umdrängt war, dann vergißt er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein
großer, breiter Himmel über ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag.
Schon beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten
Schroffen und Felswände so überwältigend groß zu finden. Und nun sah ich,
vom Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel plötzlich die ungeheure
Weite auf mich herein dringen. So fabelhaft groß war also die Welt! Unser
ganzes Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller
Fleck. Gipfel, die man vom Tale aus für eng benachbart hielt, lagen viele
Stunden weit auseinander.
Da fing ich an zu ahnen, daß ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein
gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und daß da draußen Berge
stehen und fallen und große Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht
die leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber
zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewußtem
Streben mächtig jener großen Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die
Schönheit und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was für
endlose Fernen sie wanderten.
Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein
wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten über meine fassungslose Freude.
Ich aber, nachdem ich mit dem ersten großen Staunen fertig war, brüllte vor
Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lüfte hinaus. Das war
mein erstes, unartikuliertes Lied an die Schönheit. Ich war auf einen
dröhnenden Widerhall gefaßt, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen
Höhen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschämt und
hielt mich still.
Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam ein
Ereignis um das andere. Zunächst nahm man mich des öfteren auf Bergfahrten
mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar beklommener Wollust
in die großen Geheimnisse der Höhen ein. Darauf ward ich zum Gaishirten
ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gewöhnlich meine Tiere trieb,
gab es einen windgeschützten Winkel, von kobaltblauem Enzian und hellrotem
Steinbrech überwuchert, das war mir der liebste Platz in der Welt. Das Dorf
war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur über Felsen weg ein
schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafür brannten die Blumen in
lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf den
spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Geläut der Ziegenglocken tönte
ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der
Wärme, staunte den weißen Wölklein nach und jodelte halblaut vor mich hin,
bis die Gaisen meine Trägheit bemerkten und sich allerlei verbotene
Streiche und Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den
ersten Wochen einen herben Riß in meine Phäakenherrlichkeit, als ich mit
einer verlaufenen Gais zusammen in eine Klamm abstürzte. Die Gais war tot
und mir tat der Schädel weh, außerdem ward ich jämmerlich geprügelt, lief
meinen Alten davon und ward unter Beschwörungen und Wehklagen wieder
eingebracht.
Leichtlich hätten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein können.
Dann wäre dies Büchlein ungeschrieben und manche andere Mühe und Torheit
ungeschehen geblieben. Ich hätte vermutlich irgend eine Base geheiratet
oder läge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es
wäre auch nicht übel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das
Geschehene mit Ungeschehenem zu vergleichen.
Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsdörfer Kloster. Nun
war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich
indessen nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb
einen manierlichen Brief an die Klosterbrüder, gab den der Botenfrau mit
und ging auf eigene Faust in den Berg.
Nächste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und
wartet auf denjenigen, der den schönen Brief geschrieben hat. Mir ward
etwas bänglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, daß
er mich bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in
Gunst und wurde befragt. Natürlich war er sofort dafür entflammt, daß ich
lernen und später studieren und ein Gelehrter und Herr werden müsse. Der
Vater ließ sich überzeugen, und so gehörte nun auch meine Zukunft zu den
gefährlichen Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem
Segelschiff und den vielen ähnlichen Phantastereien.
Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer
Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spaß und
ich dachte nicht daran, daß das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und
schöne Jahre kosten könne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein
Vater hätte mich zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres
vorwärts und rückwärts auswendig gekonnt hätte. Aber der kluge Mann hatte
mir auf den Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und
Kardinaluntugend meine unbesiegbare Trägheit hauste. Ich entrann, wo es nur
gehen wollte, der Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach
oder lag seitwärts versteckt an der Halde, las, träumte und faulenzte. In
dieser Erkenntnis gab er mich schließlich weg.
Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort über meine Eltern zu sagen. Die
Mutter war ehedem schön gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs
und die anmutigen, dunklen Augen übrig geblieben. Sie war groß, überaus
kräftig, fleißig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und
an Körperkraft ihm überlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause,
sondern ließ das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgroß, hatte dünne und
fast zarte Glieder und einen hartnäckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht,
das von heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten
war. Dazu kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so
oft er die Brauen bewegte, und gab ihm ein grämlich leidendes Aussehen; es
schien dann, als versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und
sei selber ohne Hoffnung je darauf zu kommen. Man hätte eine gewisse
Melancholie an ihm wahrnehmen können, aber niemand achtete darauf, denn die
Bewohner unsrer Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trübe
des Gemüts befangen, dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das
mühselige Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind.
Von beiden Eltern habe ich wichtige Stücke meines Wesens übernommen. Von
der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stück Gottvertrauen und ein
stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine Ängstlichkeit vor
festen Entschließungen, die Unfähigkeit mit Geld zu wirtschaften und die
Kunst viel und mit Überlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir
in jenem zarten Alter noch nicht. Äußerlich hab ich vom Vater die Augen und
den Mund, von der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und Körperbau und
die zähe Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse überhaupt bekam ich
ins Leben zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trübe Wesen und
den Hang zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange
außerhalb der Heimat bei Fremden herumzuschlagen, wäre es schon besser
gewesen, statt dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn
mitzubringen.
So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins
Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bewährt, denn ich ging und stand
in der Welt seither auf eigenen Füßen. Dennoch muß irgend etwas gefehlt
haben, das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte.
Denn ich kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden
marschieren oder rudern und nötigenfalls einen Mann freihändig erschlagen,
zum Lebenskünstler aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frühe
einseitige Umgang mit der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig
soziale Fähigkeiten in mir aufkommen lassen und noch jetzt sind meine
Träume ein merkwürdiger Beweis dafür, wie sehr ich leider einem rein
animalischen Leben zuneige. Ich träume nämlich sehr oft, ich liege am
Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und empfinde dabei ein so
gewaltiges Wohlbehagen, daß ich beim Erwachen den Wiederbesitz meiner
Menschenwürde keineswegs freudig oder mit Stolz, sondern lediglich mit
Bedauern wahrnehme.
Ich ward in üblicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium
erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand weiß, warum. Es gibt kein
unnützeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag.
Die Schülerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule
kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftsträume, Stunden
voll ehrfürchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier
meine angeborene Trägheit hervor, trug mir allerlei Ärger und Strafen ein
und wich dann irgend einem neuen Enthusiasmus.
»Peter Camenzind,« sprach mein Griechischlehrer, »du bist ein Trotzkopf und
Einspänner und wirst dir noch einmal den harten Schädel einrennen.« Ich
betrachtete den feisten Brillenträger, hörte seine Rede an und fand ihn
komisch.
»Peter Camenzind,« sprach der Mathematiklehrer, »du bist ein Genie im
Faullenzen und ich bedaure, daß es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null.
Ich schätze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb.« Ich sah ihn an,
bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig.
»Peter Camenzind,« sagte einmal der Geschichtsprofessor, »du bist kein
guter Schüler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden.
Du bist faul, aber du weißt Großes und Kleines zu unterscheiden.«
Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern
Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der
Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon über
meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorwärts und hatte
meinen Platz über der Mitte. Daß die Schule und die Schulwissenschaft ein
unzulängliches Stückwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf später.
Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine
Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort würde ich
erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kämpfe der Völker und
die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute.
Noch stärker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte
gern einen Freund haben.
Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre älter als ich,
namens Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und
dazusein, trug den Kopf männlich fest und ernst und sprach nicht viel mit
seinen Kameraden. An ihm blickte ich monatelang mit großer Verehrung empor,
hielt mich auf der Straße hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm
bemerkt zu werden. Ich war auf jeden Spießbürger eifersüchtig, den er
grüßte, und auf jedes Haus, in das ich ihn eintreten oder aus dem ich ihn
kommen sah. Aber ich war zwei Klassen hinter ihm zurück und er fühlte sich
vermutlich der seinigen schon überlegen. Es ist nie ein Wort zwischen uns
gewechselt worden. Statt seiner schloß sich ohne mein Zutun ein kleiner,
kränklicher Knabe an mich an. Er war jünger als ich, schüchtern und
unbegabt, hatte aber schöne, leidende Augen und Gesichtszüge. Weil er
schwächlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse viel
Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen
Beschützer. Bald ward er so krank, daß er die Schule nicht mehr besuchen
konnte. Er fehlte mir nicht und ich vergaß ihn rasch.
Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendkünstler,
Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mühe
und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig
gönnerhaft gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn
in seinem Stüblein auf, las ein paar Bücher mit ihm, machte ihm die
griechischen Aufgaben und ließ mir dafür im Rechnen helfen. Auch gingen wir
manchmal miteinander spazieren und müssen dann wie Bär und Wiesel
ausgesehen haben. Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie
Verlegene, und ich hörte zu, lachte und war froh einen so burschikosen
Freund zu haben.
Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan
im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen
Aufführungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun
rief er: »Ratet wer das ist!« und begann laut ein paar Homerverse zu lesen.
Dabei kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein
ängstliches Lesen, meine oberländisch rauhe Aussprache, und auch meine
ständige Geberde der Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schließen des
linken Auges. Es sah sich sehr komisch an und war so witzig und lieblos als
möglich gemacht.
Als er das Buch schloß und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von
hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte
meine ganze Entrüstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige
prägnant zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer
bemerkte das Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen
Freundes, welcher obendrein sein Liebling war.
»Wer hat dich so zugerichtet?«
»Der Camenzind.«
»Camenzind vortreten! Ist das wahr?«
»Jawohl.«
»Warum hast du ihn geschlagen?«
Keine Antwort.
»Hast du keinen Grund dazu gehabt?«
»Nein.«
Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des
unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein
Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge
heraus so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los.
»Schämst du dich nicht? Was soll das heißen?«
»Das soll heißen, daß der dort ein gemeiner Kerl ist und daß ich ihn
verachte. Und ein Feigling ist er auch noch.«
So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger und
ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen müssen.
Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither sich
einige mal verändert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe
Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen.
Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war
schön und ich bin stolz darauf, daß ich mein Leben lang immer nur in sehr
schöne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt,
erzähle ich ein andermal. Sie hieß Rösi Girtanner und ist heute noch der
Liebe ganz anderer Männer, als ich bin, würdig.
Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich ließ
mich mit meinen Kameraden in tolle Raufhändel ein, fühlte mich stolz als
besten Ringer, Ballschläger, Wettläufer und Ruderer, und war nebenher
beständig schwermütig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es
war einfach die süße Schwermut des Vorfrühlings, die mich stärker als
andere anfaßte, so daß ich Freude an traurigen Vorstellungen, an
Todesgedanken und an pessimistischen Ideen hatte. Natürlich fand sich auch
der Kamerad, der mir Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu
lesen gab. Es war eigentlich kein Lesen mehr, -- ich goß in die leeren
Verse mein volles Herz, ich litt mit, dichtete mit und geriet in ein
lyrisches Schwärmen hinein, das mir vermutlich zu Gesichte stand wie dem
Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller »schönen Literatur«
keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann Goethe und
Shakespeare, und plötzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu einer
großen Gottheit geworden.
Mit süßem Schauder fühlte ich aus diesen Büchern mir die würzig kühle Luft
eines Lebens entgegen strömen, das nie auf Erden gewesen und doch
wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen
und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der
Dachbodenkammer, wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgestühl und
das trockene Klappern der daneben nistenden Störche drang, gingen die
Menschen Goethes und Shakespeares bei mir ein und aus. Das Göttliche und
Lächerliche alles Menschenwesens ging mir auf: das Rätsel unseres
zwiespältigen, unbändigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte
und das mächtige Wunder des Geistes, der unsre kurzen Tage verklärt und
durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des
Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den Kopf durch die schmale
Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf Dächer und schmale Gassen
scheinen, hörte verwundert die kleinen Geräusche der Arbeit und
Alltäglichkeit verworren heraufrauschen und fühlte das Einsame und
Geheimnisvolle meines von großen Geistern erfüllten Dachwinkels wie ein
sonderbar schönes Märchen mich umgeben. Und allmählich, je mehr ich las und
je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dächer, Gassen und
Alltag ergriff, tauchte des öfteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in
mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete
Welt warte auf mich, daß ich einen Teil ihrer Schätze höbe, den Schleier
des Zufälligen und Gemeinen davon löse und das Entdeckte durch Dichterkraft
dem Untergang entreiße und verewige.
Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es füllten sich allmählich
einige Hefte mit Versen, Entwürfen und kleinen Erzählungen an. Sie sind
untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber
Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen
Kritik und Selbstprüfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die
notwendige erste, große Enttäuschung ein. Ich hatte schon begonnen mit
meinen Erstlingsgedichten aufzuräumen und meine Schreiberei überhaupt mit
Mißtrauen zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar Bände Gottfried
Keller in die Hände fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal
hintereinander las. Da sah ich in plötzlicher Erkenntnis, wie fern meine
unreifen Träumereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen waren,
verbrannte meine Gedichte und Novellen und blickte nüchtern und traurig mit
peinlichen Katzenjammergefühlen in die Welt.