Eier lieber Sohn

_Veitel_.

Der Klöppeldistrict des sächsischen Erzgebirges.

Es ist seit langen Jahren, und besonders seit der Zeit, wo ich

die Vereinigten Staaten von Nordamerika kennen gelernt, immer ein

Lieblingswunsch von mir gewesen, die unglücklichen Proletarier unseres so

sehr übervölkerten Vaterlandes nach jenen fruchtbaren Gefilden der neuen

Welt hinübergeschafft und sie so ihrem fürchterlichen Elende gewissermaßen

mit einem Gewaltstreich entrissen zu sehen. Bis jetzt ist das freilich

noch ein frommer Wunsch geblieben; die Idee einer solchen Auswanderung

durchzuckte mir auch nur manchmal in form- und gestaltlosen Bildern das

Hirn, ich hatte mir selbst noch keine Rechenschaft darüber gegeben oder das

Für und Wider solcher That geprüft und erwogen. Als uns aber der wieder

und immerwieder kehrende Jammer jener Gegend stets zu neuer Hülfe und

Unterstützung rief, als ein Nothschrei nach dem andern aus den Bergen

drang, da stieg der alte Wunsch in mir immer lebendiger und kräftiger

auf und im Geiste sah ich schon die Schaaren fröhlicher Auswanderer auf

wogender See einem neuen, glücklichen Leben entgegeneilen.

Wohl sprach ich mich jetzt gegen Freunde und Bekannte darüber aus und

suchte zu erfahren, auf welche Art ein solcher Schritt möglicher Weise

zu realisiren wäre; die Leute schüttelten aber fast Alle mit dem Kopf und

sagten einfach: »Das geht nicht -- das thut's in den Gebirgen nicht --

der Bergbewohner klebt an der Scholle und ist nicht fortzubringen, ja kann

nicht einmal in seiner nächsten Umgebung verwendet werden; überdies sind

sie schwächlich und entnervt und würden unmöglich die schwere Arbeit des

Landurbarmachens ertragen können.« -- Und gleich danach kamen unzählige

Beispiele von Dienstmädchen, die es wundergut bei ihren Herrschaften hatten

und doch nicht aushielten, sondern wieder zurück in's alte Elend liefen, --

von Knechten, die entweder ihrer Arbeit nicht gewachsen, oder aus anderen

Gründen nicht zu bewegen gewesen waren außer dem Gebirge auszuhalten, und

das Resultat blieb stets das nämliche: ein solcher Versuch wäre unnütz --

die Leute hielten es nicht aus.

Dem konnte ich nicht mehr widersprechen, denn ich kannte die Menschen ja

nicht, über die ich solches Urtheil hörte; der Gedanke ließ mir aber keine

Ruhe und ich beschloß einmal selbst hinauf zu wandern und mich an Ort

und Stelle von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Allerdings war es

damals gerade Winter und das Erzgebirge wird in dieser Jahreszeit von den

Bewohnern des flachen Landes gewöhnlich für eine Art von Sibirien gehalten.

Das schien mir aber auch in sofern die passende Zeit, als ich die

Familien mehr zusammenfand und mich eher davon überzeugen konnte, ob die

»Stubenhocker« auch wirklich für jede andere Arbeit untüchtig und verloren

wären. Angenehm war es mir, daß ich mit einem Spitzenhändler Hrn. H.,

die Reise wenigstens zum Theil gemeinschaftlich machen konnte; ich wurde

dadurch gewissermaßen in jene Gegend eingeführt und brauchte meine Zeit

nicht mit langem Suchen zu verlieren.

Am ersten Tag erreichten wir Eibenstock, eine aus lauter Eckhäusern

bestehende Stadt, und ich fand mich hier, wenn auch noch nicht mitten unter

ihnen, doch schon im Bereich der Unseligen, die den Titanenkampf gegen

englische Fabrikate kämpfen.

In und um Eibenstock wohnen eigentlich mehr die Tambourirer als Klöppler,

aber auch hier hat das Elend schon seine Vertreter; bleiche abgemagerte

Gestalten, die von Morgens, bis Abends spät, über dem Stickrahmen beugen

und mit geschäftigen Händen die Erhaltung ihres Lebens, wenige Neugroschen,

zu erstreben suchen. Durch den freundlichen Eifer des Herrn Oberförster

Thiersch ist erst jetzt ein Arbeitshaus errichtet, wo die Kinder ganz armer

Eltern wenigstens in warmer Stube und bei freiem Lichte arbeiten können.

Manches arme Kind, das bis dahin bettelte, verdient doch jetzt wenigstens

etwas die Woche; aber die Preise sind heruntergedrückt, eine gute

Arbeiterin kann mit aller Noth wirklich nur wenige _Groschen_ verdienen,

und Sorge und Mangel furcht die bleichen farblosen Wangen.

Auch eine Schwefelholzfabrick -- von lauter _Kindern_ -- ist in Eibenstock.

Hier werden Streichhölzchen fabricirt -- die gewöhnlichen Streichhölzchen

in Papierkapseln, unten mit Sand beklebt. -- Die Kapsel, die vielleicht

60 bis 80 Stück enthält, zu -- _einem_ Pfennig. Und die Kinder leben und

athmen die ganze Zeit in dem Phosphordampf -- einzelne Eltern behielten

sogar die Kleinen zu Hause, weil sie »den Geruch nicht aushalten konnten,«

den jene mitbrachten; -- die Noth zwang sie aber doch bald wieder dazu, sie

an die Arbeit zu schicken und -- sie gewöhnten sich endlich daran.

Von Eibenstock brachte uns am nächsten Tage ein vierstündiger Marsch, oder

eigentlich mehr Spatziergang, durch prächtigen schneegefüllten Nadelwald

und malerische Schluchten und Thäler, bergauf und ab nach Breitenbrunn.

Aber schon unterwegs kamen wir durch einzelne Klöppeldörfer und die Fenster

füllten sich überall, wie sie die fremden Männer vorbeigehen sahen, mit

einer wahren Unmasse von kleinen Köpfen. Jedes einzelne Haus sah aus, als

ob es eine Kinderbewahranstalt wäre.

Mir graute es im Anfang davor, eines derselben zu betreten; die niederen

Stuben sahen von Außen alle so dumpfig und gedrückt aus; wie erstaunte ich

aber, als ich mich endlich überwand, über die Reinlichkeit und Ordnung, die

in diesen Räumen der Noth und des Elends herrschten. Das erste derartige

Zimmer, was ich sah, war in Sosa, einem kleinen Dorfe zwischen Eibenstock

und Breitenbrunn. Mehre Familien, wie das im Erzgebirge gewöhnlich der

Fall ist, wohnten darin, und ein paar junge Mädchen waren noch mit ihren

Tambourir- und Stickrahmen aus der Nachbarschaft zum Besuch gekommen --

d. h. nicht etwa zum Kaffee und zum Plaudern, die Armen haben keine unnütze

Zeit zu versäumen und keinen Kaffee zu trinken, sondern um gemeinschaftlich

im warmen Zimmer die mühsame Arbeit zu fördern. Nur einige von diesen

tambourirten, die übrigen klöppelten, und ich hörte hier zum ersten Male

das monotone, unheimlich raschelnde Geräusch der hin und hergeworfenen

Klöppel.

Es waren weiche, schwächliche Gestalten, aber ihre Gesichter sahen nur

bleich, nicht kränklich aus -- die Stubenluft und die sitzende Arbeit

_lähmte_ ihnen nur die Körper- und Geisteskraft, und hatte sie noch nicht

ertödtet. -- Die unheilvolle Ursache einmal beseitigt, und nicht ausbleiben

würde die segensreichste Wirkung; nur das gutmüthige Lächeln, mit dem sie

die Fremden empfingen, hatte etwas Leidendes. Das Ganze war mir aber noch

zu neu -- ich schämte mich zu fragen, ich hielt es für Sünde, diese Armen,

Unglücklichen auch noch durch, wie sie doch jedenfalls glauben mußten,

bloße _Neugierde_ zu kränken; erst später verlor sich das, als ich Hütte

nach Hütte betrat und an den Jammer gewöhnt, endlich auch Worte fand,

seinen Grund zu erfahren, ohne mehr zu fürchten, den Gefragten wehe zu

thun.

In Hütte nach Hütte aber fand ich dieselben Gestalten, fand ich dasselbe

Leid -- ein Dorf glich darin dem anderen, und nur manchmal, wo das Elend

seinen höchsten Grad erreicht, wo die Unglücklichen nicht allein kein Bett,

sondern nicht einmal einen Platz hatten ihr Stroh trocken hinzulegen, auf

dem sie Nachts die erschöpften Glieder ausstrecken, so daß dieses also

in den Stuben bleiben mußte, sahen dieselben unordentlich und dadurch

unreinlich aus. Die natürliche Folge davon aber ist, daß der Staub und

Schmutz ihre Arbeit unansehnlich macht, und sie nun auch noch mit den

Preisen gedrückt werden.

Die Klöppelarbeit erfordert nämlich die größte und möglichste Reinlichkeit,

da die Spitzen nicht mehr gewaschen werden, sondern gleich von den Kissen

weg zum Verkauf kommen; die Klöppler und Klöpplerinnen haben denn auch

feine weiße Hände, ihre wohl oft zerissene und tausendmal geflickte Wäsche

ist schneeweiß, die Diele und das Hausgeräth auf das Sauberste gescheuert

-- keine Spinnenwebe in der Stube, kein Schmutz unter dem Ofen oder in den

Ecken, auch das wenige irdene Geschirr -- Gott weiß es, es ist wenig genug

-- reinlich aufgewaschen und an seinen gehörigem Ort.

Rührend ist es dabei, mit welcher Liebe der arme Erzgebirger an seiner

Heimath hängt; Jeder, der mit ihm nur je in Verbindung kam, weiß Beispiele

zu erzählen, wie die Söhne und Töchter der ärmsten und elendesten Familien

doch nicht unter besseren Verhältnissen, aber von den Ihrigen getrennt,

aushalten wollten, und lieber wieder in den alten Jammer zurück flohen,

lieber das Leid zu Hause mit den Ihrigen theilten. Mir kommt das aber, was

bei diesen Menschen Heimweh genannt wird, eher wie eine Krankheit, wie eine

Angst vor, die sie in der ihnen fremden Umgebung erfaßt. Es ist das Alles

wahr, daß die Erzgebirger nicht unter fremden Leuten ausharren wollen, daß

Knechte wie Mägde guten Lohn und nahrhafte Kost verlassen und lieber an

ihren Klöppelkissen oder bei der heimischen Arbeit, aber mit den Ihrigen

doch zusammen, hungern und Noth leiden. Aber nicht Faulheit ist daran

Schuld, wie es ihnen nur zu oft aufgebürdet wird, nicht Widerwillen ist die

Schuld, den sie gegen härtere, als die gewohnte Arbeit, fühlen sollen, denn

die Klöpplerin arbeitet auch von Morgens früh bis spät in die Nacht,

und der Mann verrichtet im Sommer die gewiß nicht leichte Waldarbeit und

bestellt sein Feld. Nein, es ist einestheils die Furcht, die das Mädchen

wieder aus ihrem Dienst treibt, sich die weichen Hände zu verderben und

dann zum Klöppeln nicht mehr tauglich, für immer aus ihrem Familienkreis

ausgeschlossen zu bleiben; es ist das unbehagliche Gefühl, das den Knecht

ergreift, wenn er sich seines linkischen ungeschickten Benehmens wegen

verlacht und verachtet sieht oder auch nur glaubt, und dann in der That

nicht im Stande ist, mit seinem, durch keine gesunde Nahrung gekräftigten

Körper eben so viel und so gute Arbeit liefern zu können, als seine

Kameraden. Ist dann auch der Herr nachsichtig mit ihm, will er ihn nach und

nach gewöhnen und heranziehen, so fühlt der Erzgebirger nur zu gut, wie er

indessen von seinen Mitarbeitern verachtet wird, und muß vielleicht auch

noch rohe Reden darüber hören, daß er eben so viel ißt, eben so viel Lohn

erhält als ein Anderer und nur halb so viel dafür leistet.

Woher kommt aber diese Weichlichkeit des Geschlechts? Woher kommt dieser

abhängige, schüchterne Charakter eines Bergvolkes? Noth und Mangel hat es

nach und nach entnervt. Die ewige vegetabilische Nahrung, und diese nicht

einmal in einem gesunden und genießbaren Zustand, hat an seinem Mark und

Leben gezehrt. Und _haben_ diese Leute denn eigentlich wirklich gelebt?

heißt das ein Leben führen? sind das mit Vernunft und Gefühl begabte Wesen,

wie sie da bei dem monotonen Klappern der hölzernen Klöppel zusammenkauern

und Woche aus und ein für wenige Groschen an einem vorgezeichneten Muster

arbeiten, nur um zu existiren? Nein, es sind nur lebendige Maschinen, die

blos da zu sein scheinen, eine gewisse Quantität Spitzen -- so und so viele

hundert Ellen -- anzufertigen, um dann wieder zu denen, die sie zu Mangel

und Jammer der Welt gegeben, in die steinige Erde gelegt zu werden.

Und _könnten_ sie noch wirklich dabei existiren -- -- wären sie im Stande,

wenigstens so viel zu verdienen, daß sie nicht allein das Leid, nein auch

die Freude des Lebens genössen, so möchte es noch sein; aber so blieb

ihnen selbst nicht einmal Zeit in ihrer Jugend mehr als die einfachsten

Schulkenntnisse zu erwerben, denn sie müssen ja schon zu Hause, selbst als

Kinder, mit an dem ganzen gemeinschaftlichen Tagewerke schaffen, um nicht

gemeinschaftlich mit zu verhungern. Allerdings ist von der Regierung viel

für Schulen gethan, so viel vielleicht, als es für einen so ausgebreiteten

Strich des Elends möglich war; aber diesen Versuchen einer wohlthätigen

Belehrung haben die Verhältnisse selbst, und leider mit nur zu vielem

Erfolg, entgegengearbeitet.

Die Dörfer des Erzgebirges, besonders die ärmsten, wie Breitenbrunn und

vorzüglich Rittersgrün, liegen über weite Bergflächen zerstreut und es ist

z. B. in dem letzteren Dorfe den armen Kleinen dadurch förmlich unmöglich

gemacht, bei tiefem Schnee die unten im Thal liegende Schule zu besuchen --

selbst wenn sie, was leider nur zu oft nicht der Fall ist, Kleidung

hätten, die sie vor Wind und Wetter schützte. Aber auch wirklich den Fall

angenommen, _daß_ sie im Stande wären, die Schule, und zwar regelmäßig zu

besuchen, was haben die armen, durch ihre sonstige Umgebung in keiner Weise

angeregten Kinder dann gelernt? nothdürftiger Weise etwas Lesen, Schreiben,

Rechnen und -- Bibel- und Katechismusverse. -- Die letzteren sagten

ihnen auch am meisten zu -- das Hersagen solcher Verse und Lieder und

das einförmige Geräusch der Klöppel paßte vortrefflich zu einander, aber

dadurch zog sich der kaum entzündete Funke von Geist wieder mehr und mehr

in sich zurück, und verlöschte endlich nach kurzer Zeit in dem weiten Meer

des Elends, wo er mit dem Ringen nach einem Lebensunterhalte langsam aber

sicher versank und keine Spur mehr in den bleichen ausdruckslosen Zügen

zurück ließ.

Welchen Begriff hat ein solcher Unglücklicher von der Welt? keinen -- er

kennt nur den Jammer der ihn umgiebt, und nicht einmal die Hoffnung kann

ihn trösten, denn was soll er hoffen? das Grab -- nur im künftigen Leben,

hat ihm sein Pfarrer gesagt, blüht der Lohn für sein _Ausdauern_ und

_Harren_ und er harrt, -- aber dauert nicht aus, denn er geht nach und nach

physisch und moralisch zu Grunde.

In _Breitenbrunn_, wo wir bei dem dortigen Pastor Hrn. Uhlmann freundliche

Aufnahme fanden, besuchte ich Abends die Klöppelschule. Am Tag arbeiten

dort auch Erwachsene, so spät aber trafen wir nur noch _Kinder_; Kinder von

sieben bis zwölf und vierzehn Jahren, meistens Mädchen. Je sechse saßen

auf einer Art von Fußbänken um einen hölzernen Schämel herum, auf dem

eine einfache Blechlampe brannte; sie hatten nicht das Gesicht dem Schämel

zugedreht, sondern hockten von der Seite immer Eine hinter der Anderen im

Kreis, während eben so viele mit Wasser gefüllte Glaskugeln, wie sie die

Schuhmacher bei ihrer Nachtarbeit gebrauchen, den scharfen, blendenden,

aber schmalen Lichtstrahl nur eben auf den Punkt ihrer Klöppelarbeit

warfen, wo sie ihn gebrauchten. Und so sitzen diese Kinder Tag aus Tag ein;

des Morgens haben sie einige Stunden Schulunterricht, der Nachmittag findet

sie wieder im lauten Geklapper ihrer Arbeit. Spiel und Erholung kennen sie

nicht -- sie rasten nicht -- und doch -- doch rasten sie manchmal -- der

Klöppellehrer erzählte uns mit leiser Stimme, »die armen kleinen Dinger

hätten schon mehr male mit Arbeiten aufgehört und gemeint: sie könnten

nicht mehr -- _sie wären so hungrig_.« Der arme Teufel konnte ihnen selbst

nichts geben, er verdient mit seiner Frau auch nur 2½ Thlr. die Woche und

hat fünf Kinder.

Und doch sind diese Klöppelschulen ein Segen für die Unglücklichen -- sie

haben doch wenigstens eine warme Stube und freies Licht und bekommen Geld

für ihre Arbeit. Aber nicht in allen Klöppelschulen ist das der Fall -- das

teuflische Drucksystem fängt auch im Erzgebirge wieder an aufzublühn, und

das fehlt jetzt nur noch, die Bewohner desselben ganz zur Verzweiflung zu

bringen. Fast alle die Factoren oder Verleger von Spitzen legen dort oben

noch neben ihrem Geschäft kleine Ausschnittläden an, und wenn auch Manche

brave rechtliche Leute sind, die keinen Mißbrauch damit treiben, so giebt

es doch auch wieder gewissenlose Menschen unter ihnen, welche die Noth der

Armen benutzen, nicht allein die Preise herunter zu drücken, sondern

ihnen auch noch werthlose Waare aufzudringen, mit der sie nachher Tagelang

umherlaufen müssen, um sie nur, natürlich wieder mit Verlust, anzubringen.

Breitenbrunn wie Rittersgrün sind mit die ärmsten Dörfer des Erzgebirges;

Hunderte von armen Familien leben dort, ja das letzte Dorf besteht

fast einzig und allein, und mit nur sehr wenigen Ausnahmen, aus solchen

Unglücklichen. Die Pastoren derselben sind denn auch in der That mehr

Armenpfleger als Seelenhirten; sie müssen mehr Zeit darauf verwenden, die

Körper als den Geist ihrer Beichtkinder zusammen zu halten, denn der

Arme hat ja weiter Niemanden als gerade seinen Pastor, der ihm die ewige

Barmherzigkeit Gottes predigt -- dieser allein giebt ihm eine, wenn auch

weit hinaus geschobene Hoffnung auf ein künftiges Leben -- ach es ist die

_Einzige_, die der Unglückliche kennt, und er blickt nun vertrauend zu dem

Mann empor, der ihn zu trösten und aufzurichten sucht.

Die Pastoren könnten hier von vielem und großem Einfluß sein, und Manche

sind es auch, andere aber wieder, und vielleicht in ganz guter Absicht,

quälen ihre Pfarrkinder noch mit dem, was eigentlich freiwillig aus

innerstem Herzen springen sollte, mit der Religion und dringen darauf,

daß »Gottes Tempel« nicht allein in »gutem Zustande« sei, sondern auch

»anständig aussehe.« In den ärmsten Dörfern, wo Hunderte von Einwohnern wie

die Schafe zusammengepfercht und in elenden Hütten, oft ohne Betten liegen,

wird das stets unter die »nothwendigsten Ausgaben« gerechnet, daß die

Kirche restaurirt werde. Sogar in Rittersgrün, wo mir der Pastor selber

sagte, daß sein ganzes Dorf wie ein einziges Armenhaus dastehe, verlangt

er zwölf- oder vierzehnhundert Thaler für die Herstellung der etwas

baufälligen Kirche, und wollte zu diesem Zweck eine Pfennigsteuer erheben.

Die Menschen können auf faulem Stroh liegen, aber der liebe Gott darf

nicht mit einem gewöhnlichen und billig hergestellten Bethaus, wie ich

es vorschlug, abgespeist werden. -- »Das Dorf kann doch nicht ohne Kirche

sein?« rief er erstaunt. Und der Mann meint es sicherlich gut, denn er

hat schon unendlich viel für die Armen gethan, wenn er auch die etwas

bevorzugt, die am regelmäßigsten zur Communion gehen und die Kirche

besuchen.

Die Erzgebirger sind arm, aber ehrlich, Diebstähle fallen nur höchst selten

bei ihnen vor; _selten_, aber doch _manchmal_. So war ich in Rittersgrün in

einer Hütte, wo auch Gott weiß wie viel Personen in einem engen Käfterchen

zusammenstaken, die übrigens Alle zu einer Familie, wenigstens zu einer

Verwandtschaft gehörten; unter diesen saß eine schwangere Frau, vielleicht

acht und zwanzig Jahre alt -- oder wohl auch jünger, denn die Noth altert

vor der Zeit -- der liefen aber die Thränen über die Backen, als der

Pastor, der uns begleitete, ein paar Worte mit ihr sprach. Böse Menschen

(in Rittersgrün meinten sie, die Diebe müßten von der nicht fernen

böhmischen Grenze herübergekommen sein) hatten ihr vor einigen Tagen das

einzige Bett gestohlen, was sie mit ihren Kindern bis dahin getheilt. --

Schwanger -- unausgesetzte Arbeit den Tag über, Hunger und Sorge um die

Kinder -- und nicht einmal ein Bett, auf dem sie Abends die müden Glieder

ausstrecken konnte. Vor der Thür der Hütte lagen auf dem Schnee drei

weißgewaschene Hemden zum Trocknen; weiß gewaschen waren sie wohl, aber nur

mit Mühe hielten noch die unzähligen kleinen Lumpen zusammen.

Mit Sonnenuntergang verließen wir Rittersgrün und wanderten durch eine

Gegend, die im Sommer paradiesisch sein muß, am Schwarzwasser entlang auf

Raschau zu.

Am nächsten Morgen trennte ich mich von meinem bisherigen Reisegefährten

und wanderte allein das Dorf entlang, der Straße nach Annaberg folgend. Ich

weiß nicht, wie die Dörfer zu anderer Zeit dreinschauen mögen; aber jetzt,

von dem weißen blendenden Schnee umgeben, sahen sie alle mit ihren blank

gehaltenen Fensterscheiben reinlich und sauber aus; der hie und da vom Eis

befreite Bach rauschte und murmelte dabei fröhlich durch's Dorf hin und

neugierige Kindergesichter blickten hie und da aus den Fenstern zu

mir herüber, immer jedoch augenblicklich wieder und blitzesschnell

verschwindend, sobald ich nur den Kopf zu ihnen hinwandte. Raschau kam

mir im Ganzen nicht so ärmlich vor, als die früheren Orte die ich gesehen,

dennoch fehlte es wahrlich nicht an den Hütten der Noth und des Elends. In

einer von diesen fand ich eine freundliche Familie beisammen -- die Mutter

mit zwei erwachsenen Töchtern und drei oder vier anderen kleineren Kindern.

Die Leute schienen wenigstens das Nothdürftigste zu haben, die Stube war

hell und geräumig, ihr Anzug, wenn auch einfach, doch wenig geflickt und

von größter Sauberkeit, und die Kinder sahen, wenn auch bleich, doch nicht

gerade so hohläugig darein, wie ich das leider bei so vielen gefunden.

Der Mann war Bergmann und stak jetzt irgendwo in der Erde, die Frauen

aber saßen gar eifrig an ihren Klöppelkissen und förderten die klappernden

Spuhlen. Und was verdienten sie mit dieser Arbeit? -- Für drei Viertel Zoll

breite, sauber geklöppelte Spitzen bekommen sie von dem Händler für _zehn

Ellen_ fünf gute Groschen vier Pfennige, für _zehn Ellen_, an denen eine

erwachsene Person mehrere Tage arbeiten und auch noch das Leinengarn

zugeben muß. Die Leute hielten mich für einen Spitzenhändler und boten mir

ihre Waare, als ich sagte, daß ich eine Kleinigkeit zu kaufen wünsche,

um diesen Preis an. Ich kaufte an demselben Tag noch schmalere Spitzen --

etwas über ein Drittel Zoll breit, die mir die Frau für _fünf Neugroschen

für zwanzig Ellen_ anbot. Als sie hörte, daß ich kein Spitzenhändler sei

und nur ein einzelnes Stück kaufen wollte, setzte sie dann schüchtern

hinzu: »so dürfen Sie mir schon ein paar Pfennige mehr geben -- es ist gar

wenig.«

In Oberscheibe, links und rechts zwischen ärmlichen Gebäuden hin, sah ich

einen bleichen, krank aussehenden Mann, der mit einer Axt auf der

Schulter eben in eine niedere Thür eintreten wollte; er blieb, als er

mich herankommen sah, stehen und es kam mir vor, als ob er mich anzureden

beabsichtigte -- wenn das aber wirklich der Fall gewesen, so müßte er sich

anders besonnen haben, denn er grüßte nur und verschwand in der Thür. Der

Mann sah recht leidend aus -- er hinkte auch, wie mir vorkam -- die Männer

waren sonst alle größtentheils auswärts an irgend einer Arbeit -- ich hatte

noch wenige zu Hause getroffen und beschloß diesem zu folgen. Rasch trat

ich nach ihm in einen engen dunkeln Gang, der in den hinteren Theil des

Gebäudes führte; er blieb stehen und sah sich erstaunt nach mir um, als er

mich kommen hörte.

»Darf ich einmal mit Euch eintreten, Freund, und einige Worte mit Euch

sprechen?«

»Ach Gott ja,« sagte der Mann und sah mich verlegen an; »aber -- es ist gar

eng bei uns und -- und sieht nicht besonders aus --.«

»Schadet nichts, will nur einen Augenblick bleiben -- gehe gleich wieder

fort.«

Er öffnete eine Thür dicht vor uns und ich fand mich gleich darauf in einem

kleinen, kaum vier Schritt im Quadrat haltenden Zimmer. An dem Tisch saßen

die Frau und zwei erwachsene Töchter von etwa sechzehn und siebzehn Jahren,

rechts davon, nach dem Ofen zu noch ein paar kleinere Kinder und ein

anderes, vielleicht zwölf oder vierzehn Monate altes, lag in einem Kasten,

der ihm als Bettchen und Wiege diente. Die fürchterlichste Armuth herrschte

in diesem Gemach, nicht einmal reinlich waren die Leute im Stande es

zu halten, denn das Stroh, auf dem sie Nachts lagen, mußte in der Stube

bleiben, sie hatten keinen andern Raum dafür. Die Frauen rückten schüchtern

zusammen, als ich eintrat und der Mann schob mir einen der hölzernen Stühle

hin, von denen zwei im Zimmer standen, sonst waren Bänke an den Wänden.

»Wie geht es Euch denn, Ihr Leute,« frug ich endlich, nachdem ich den

Jammer, der mich umgab, wenige Secunden schweigend überblickt hatte; »wie

geht es mit den Preisen, mit der Arbeit, mit den Lebensmitteln?«

»Ih nun,« sagte der Mann seufzend und schaute gar wehmüthig ernst vor sich

nieder, »es geht _recht_ schlecht -- es kann nicht mehr viel schlechter

werden.«

Die Frauen klöppelten eifrig fort und redeten keine Sylbe -- sie waren

so reinlich, wie das der enge Raum und das Zusammenleben mit den Kindern

gestattete, angezogen, ihre Kleidung bestand aber aus fast lauter

zusammengeflickten Lumpen. Es war ein peinliches Schweigen, das keiner

brechen mochte.

»Sie sind wohl ein Spitzenhändler?« sagte die Frau endlich mit leiser

Stimme und wandte sich halb nach mir um -- ich verneinte es und der Mann

fuhr fast mehr mit sich selber sprechend, als zu mir gewandt fort:

»Die Preise werden immer schlechter, die Kartoffeln sind verdorben und --

aufgezehrt -- ich wollte es wäre Sommer, aber damit hat's noch lange Zeit.«

»Und es ist keine Aussicht, daß die Preise wieder steigen.«

»Wenn sie nur einmal in England aufhörten Spitzen zu machen,« murmelte der

Mann; »die Engländer haben doch viel auf dem Gewissen.«

»Aber Ihr wollt es ja auch nicht anders haben?« sagte ich jetzt; »warum

hört Ihr nicht auf, warum klebt Ihr hier in den Bergen und zieht nicht

fort, weit fort, wo es andere Arbeit und etwas zu verdienen giebt; lieber

Gott, wenn Niemand Eure Spitzen mehr kaufen will, weshalb macht Ihr sie

denn noch unausgesetzt und verhungert und verkommt dabei?«

»Fortziehn?« rief der Mann und sein Gesicht nahm eine etwas lebhaftere

Farbe an; »fortziehn? ach Du guter Herr Gott, ja, wohin es ist und wenn's

nach Amerika wäre -- überall hin, wo wir nur nicht verhungern -- aber

wovon? fort _betteln_ kann man sich doch nicht mit Weib und Kind, und das

wäre die einzige Art, wie man daran denken könnte.«

»Aber warum gehn Eure Töchter nicht in irgend einen Dienst, sie kämen aus

der Noth heraus und könnten etwas mehr verdienen.«

Die Mutter schüttelte mit dem Kopfe.

»Ja,« sagte sie, »aus der Noth kämen sie heraus, was aber kriegt so ein

armes Ding, das weiter nichts gelernt hat als Klöppeln, für einen Lohn --

es könnte selber nur nothdürftig davon leben, und hier zu Hause ging es

nur noch schlimmer, wenn die großen Mädchen fort wären, die doch jetzt noch

etwas verdienen -- mein Mann ist krank, und wenn ich's auch von Herzen gern

wollte, ich _kann_ die übrigen Kinder nicht alle von den zehn oder zwölf

Groschen erhalten, die ich die Woche verdiene. Und dann, wenn sie's nun

nicht draußen aushielten, oder wenn ich auch krank würde und sie zurück

müßten, dann haben sie sich ihre Hände zum Klöppeln verdorben und wovon

_dann_ leben? Aber ich sehe schon, es wird doch nichts anderes übrig

bleiben, wenn nur der Winter erst vorbei ist, dann mögen sie hinaus gehen

und sehen, wie's der liebe Gott mit ihnen fügen wird.«

»Ach ich ginge ja so gern,« flüsterte die Aelteste und sah mit stierem

Blick auf ihr Klöppelkissen, »wenn ich nur einen Dienst wüßte, wo ich gut

behandelt werde, -- an mir sollt es nicht fehlen.«

»Sie sind gewiß ein Spitzenhändler?« sagte die Frau noch einmal und blickte

mich dabei halb schüchtern an.

Ich sah mich in der Stube um -- neben dem Ofen standen mehrere Töpfe, aber

alle leer, -- keine Spur von Lebensmitteln war im Zimmer und doch verrieth

die ganze Umgebung, daß dieser eine Raum ihr Alles umschloß, was sie das

Ihre nennen konnten.

»Habt Ihr kein Brod Ihr Leute?«

»Nein,« sagte er kopfschüttelnd; »wir haben bis jetzt von Kartoffeln

gelebt.«

»Aber Brod ist dieß Jahr so billig.«

»Ach ja,« erwiederte der Mann, -- »es ist viel billiger als voriges Jahr,

-- aber -- wir sind hier gar viele Mägen.«

Das kleine Kind fing an zu schreien; die Mutter stand von ihrer Arbeit auf,

nahm es in die Höhe und schaukelte es auf dem Arme, -- in der Stube konnte

sie nicht auf und ab mit ihm gehen, der Platz, wo sie stand, war der

einzige freie Raum. Ich mochte den stillen Jammer nicht mehr länger

ertragen, stand auf, legte etwas Geld auf den Tisch und wollte fort.

»Da -- kauft Euch Brod,« sagte ich, -- »es wird schon einmal eine bessere

Zeit kommen.«

Der Mann sah überrascht das Geld an und griff nach meiner Hand; -- bis

dahin war keine Klage weiter, -- keine Bitte um Unterstützung über seine

Lippen gekommen, jetzt aber brach sich der gewaltsam zurückgehaltene Jammer

Luft und die Thränen stürzten ihm aus den Augen.

»Wir haben seit gestern Mittag keinen Bissen gegessen,« flüsterte er, --

»mein Bein ist offen und entzündet, aber ich war eben aus, Arbeit zu suchen

um nur ein paar Groschen für Brod zu bekommen, vergebens --.«

Es war noch viel, viel, was er sagte und auch die Frauen fingen an zu

weinen; -- bis jetzt hatten sie sich vor dem Fremden gescheut, nun war das

Eis gebrochen und ihr Schmerz ließ sich nicht länger zurückdämmen. Das Kind

schrie auch mit hinein in diesen Jammer, aber die Mutter drückte es freudig

an die Brust. --

»Sei ruhig mein Herzchen, Du bekommst jetzt Brod --.«

Ringsum steigen freundliche Berge empor, dunkelgrüne Waldesschatten

schmiegen sich an die breitlehnigen Kuppen an, -- weite, im sonnigen

Lichte blitzende und funkelnde Schneeflächen decken die Halden und leichte

durchsichtige Nebelwolken ziehen sich wie duftige Schleier am scharfen

Abhang der Schluchten hin. Munter sprudelt der Bach dazwischen durch und

das blaue ätherreine Firmament umschließt wie mit liebenden Armen das

herrliche Land. Der Habicht streicht in langsam bedächtigen Kreisen über

die Flur, -- die Krähe sitzt gesättigt oben in den Zweigen des Apfelbaumes

und wetzt an dem rauhen Aste den Schnabel -- und der Mensch? --

Geht in die Hütten und seht wie sie zusammenkauern; hebt den Deckel von dem

irdenen Topfe, der in der Röhre steht und einen widerlich dumpfigen Geruch

verbreitet; -- aus was besteht die Nahrung, die sich der Erzgebirger

zusammengeknetet hat, sein und der Seinigen Leben zu fristen? Faule, kranke

Kartoffeln zu Muß gedrückt und mit etwas schwarzem Mehl angerührt, -- Salz

hat er nur selten, -- etwas Häringslauche muß dem Stoffe eine Art Geschmack

geben, und _will_ er verschwenderisch sein, so vertritt Lampenöl die

Stelle des zu theuren Fettes. Und das sind Menschen, -- denkende, fühlende

Menschen, von Gott mit denselben Anrechten an dieses Leben ausgestattet,

wie wir selbst, das sind Menschen, die hier rettungslos ihrem sicheren

Verderben entgegengehen. Rettungslos, wenn nicht bald etwas geschieht, sie

dem fürchterlichsten Elend zu entreißen.

Die Klöppelarbeit ist kaum noch im Stande ihr elendes Leben zu stiften, und

in den englischen Spitzenmanufacturen ihnen ein Feind erstanden, mit dem

sie den verzweifelten Kampf um die Existenz nur noch wenige Jahre werden

bestehen können. Die Preise der Spitzen fallen wirklich jährlich, und es

ist Thatsache, daß die Leute im Gebirge in diesem Jahr (1848), trotz des

_billigen_ Brodes, doch nicht _mehr_ für ihre Arbeit bekamen, als das

vorige. Die Leute vegetiren also dieses Jahr eben so wie das vorige; wie

aber nun, wenn wiederum, was doch jeden Augenblick geschehen kann, eine

neue Theuerung die Brodpreise hinauftreiben sollte? Die Arbeitspreise

steigen _nicht_ wieder, und die Klöppler sind dann einem Verderben nahe,

dessen Ahnung schon jetzt ihr Herz mit Schrecken erfüllt.

»Wenn das Brod wieder theuer wird, müssen sie uns todtschlagen,« sagte ein

junger bleicher Bursche, der in Scheibenberg auf einer Hobelbank saß und

faule Kartoffeln kaute. -- Es liegt eine fürchterliche Wahrheit in den

Worten, _man kann doch die Leute nicht langsam verhungern lassen_.

»Aber warum verlassen sie das Gebirge nicht?« -- rufen die Tausende --

»warum gehn sie nicht in's flache Land -- im Gebirge selbst und in der

nächsten Nachbarschaft müssen die Bauern baierische Dienstboten nehmen,

weil die Gebirger nicht aushalten, selbst an den Wegen, die der Staat hat

fast nutzlos anlegen lassen, nur um den Unglücklichen zu helfen, haben sie

nicht länger arbeiten mögen -- sie _wollen_ ja zu Grunde gehen -- warum

ergreifen sie nicht etwas Anderes, wenn das alte Geschäft nicht mehr geht?«

Dort ist Jemand in einen Fluß gefallen -- er schlägt mit Armen und Füßen

um sich -- aber er sinkt -- er hebt sich noch einige Mal -- dreht sich eine

Zeit lang auf derselben Stelle im Kreise herum und sinkt immer und immer

wieder. »Warum schwimmt der Mensch nicht -- er braucht ja nur mit Armen und

Beinen gleichmäßig auszutreten, -- nur gerade so, wie es ihm die Leute,

die da in Herzensangst am Ufer stehen, vormachen -- er braucht nur den

Kopf dann zu heben und dem nächsten Ufer zuzuarbeiten, so kann er ja nicht

untergehen.« -- Ei ja wohl, wäre ihm das in seiner Jugend gelehrt, so

könnte er das allerdings -- wüßte er, _wie_ er seine Kräfte gebrauchen

soll, er würde auch nicht untergehen; aber die Leute am Ufer, die alle auf

ihn einschreien und ihm zuwinken, kleine Stückchen Holz nach ihm werfen,

auf denen er sich einen Augenblick ausruhen soll, machen ihn nur noch mehr

irre und bringen ihn ganz außer Fassung. -- _Guter Rath_ und _schwache_

That kommen hier zu spät, hier bedarf es eines _kräftigen_ Mittels, das

ihm die Hand reichen und vom Verderben zurückreißen muß, dem er sonst im

nächsten Augenblick zu erliegen droht.

Der Erzgebirger ist entnervt und erschlafft, aber weniger noch an

körperlichen, als an geistigen Kräften; jetzt geschieht allerdings was

möglich ist, um nur in etwas seine Energie zu wecken; die Schulen werden

überall vermehrt und verbessert, man sucht die Einzelnen ihrem Jammer zu

entziehen und mit dem wirklichen Leben bekannt zu machen, bedeutende Summen

werden vom Staat und von Privaten daran gewandt, der augenblicklichen Noth

zu steuern -- aber es ist auch nur die augenblickliche Noth, und solche

Hülfe genügt nicht mehr allein. Die Wunde, die vielleicht in früherer

Zeit mit leichten Umschlägen und Salben geheilt gewesen wäre, ist

jetzt geeitert, der Brand ist hinzugetreten und jede Verzögerung einer

ernstlichen Cur macht sie nur noch schmerzhafter und noch gefährlicher.

Dem Erzgebirger sind seine Berge die Welt; kommt er in das flache Land, so

stellt er sich linkisch und ungeschickt an, -- aber das ist's nicht allein

-- durch eine Nahrung, wie sie bei uns kein Hund verzehren würde, ist er

auch schwach und kraftlos geworden. Haben ihn auch nun wirklich Bauern

als Knecht einmal angenommen und ihm denselben Lohn, wie ihren andern

Arbeitern, gegeben, so vermochte er natürlich nicht von allem Anfang so

auch zu arbeiten, das Alles zu leisten, was jene wirklich leisteten. War

dann auch der Herr vernünftig und gutmüthig genug, das Alles nachzusehen,

wollte er den Unglücklichen eher zurechtweisen als einschüchtern, so fand

dieser dagegen bei seinem ihm fremden _rohen_ Cameraden -- denn unsere

Arbeiter sind _leider_ in der Mehrzahl roh -- keine so freundliche

Gesinnung. Wer das Verhältniß der Knechte und Dienstleute zu einander

kennt, wird mir recht geben; erst verspotten sie den Fremdling, besonders

wenn er sich etwas täppisch und unbeholfen zeigt, oder gar nach einem

anderen Dialekt redet, und machen sich über ihn lustig, äffen ihm auch wohl

die Worte nach; dann aber auch murren sie und werden gehässig, wenn ein

Anderer, der mit ihnen auf gleicher Stufe steht und dieselben Pflichten hat

wie sie, nicht auch alles das leisten kann oder wirklich leistet, was man

von ihnen selbst fordert.

Der Erzgebirger aber, nur in seinem innersten Familienkreise aufgezogen

und groß geworden, ist zu weichlich, zu schüchtern, dem Allen begegnen zu

können, die geistige Energie fehlt ihm, jetzt einmal doch zu zeigen, daß er

ein Mann ist und den _Feind_, der sich ihm zeigt, zu bekämpfen. Nein, das

Heimweh faßt ihn nach seinen Bergen; dort mußte er wohl hungern und Noth

leiden, aber dort lachte ihn auch keiner aus, dort war er nicht verspottet

und verachtet. Der geringe Funke von Geist, der noch in ihm schlummerte,

wurde dort nicht mit Füßen getreten, und zurück flieht er mit aller Hast

und Angst zu den Seinen und theilt lieber Jammer und Elend mit ihnen.

Ebenso, nur in einem fast noch stärkeren Grade, war es mit den Mädchen,

die sich in's flache Land ausmiethen wollten. -- Nichts auf der Gotteswelt

haben sie daheim gelernt, als ihre Klöppel zu führen und höchstens einmal,

und selbst das noch mangelhaft, ihre Kleider auszubessern und herzurichten

-- jetzt auf einmal verlangt man lauter fremde unbekannte Sachen von ihnen,

und dieselbe Scheu treibt auch sie zu den Ihren zurück.

Wohl wäre es vielleicht auch jetzt noch Zeit, auf die Jugend mit allen

nur zu Gebote stehenden Mitteln einzuwirken, daß wenigstens diese einer so

fürchterlichen und gefährlichen Lethargie entrissen wird, -- es muß sogar

wirklich geschehen, wenn nicht der ganze Stamm doch verderben soll. -- Die

Unglücklichen haben sich aber gegenwärtig dem Abgrund, der sie verschlingen

muß, so fürchterlich genähert, daß -- und zwar rasch und ohne Zögern --

etwas Gewaltiges, etwas Durchgreifendes geschehen muß, wenn nicht _jede_

Hülfe zu spät kommen soll.

Jener fürchterlich übervölkerte Gebirgsdistrikt, dessen Bewohner mit einer

Hartnäckigkeit an ihrer Beschäftigung hängen, die der der Schaafe gleicht,

wenn sie, befreit, in den brennenden Stall zurückstürzen -- jener Distrikt

muß gelichtet und auf eine Art gelichtet werden, die den Zurückbleibenden

Luft giebt und ihnen freier zu athmen gestattet. Durch keine bürgerliche

Hülfe kann dies aber allein geschehen, und wäre sie auch zehnmal größer,

als sie Sachsen zu bieten vermag. Der _moralische Trieb_ dieser Menschen

muß geweckt werden, und nur dann ist es möglich, an eine wirkliche Rettung

derselben zu glauben.

Das ist aber wieder nur durch eine _Auswanderung_ möglich, und nicht

etwa durch die Auswanderung Einzelner, die immer nur auf ihren engen

Familienkreis zurückwirken, nein, durch die vom Staate selbst geleitete

Auswanderung von _Tausenden_, für die man in den Vereinigten Staaten von

Nordamerika eine neue Heimath gründet. _Zwanzigtausend Menschen_ müssen

übersiedelt werden, oder _Hunderttausende_ gehen rettungslos zu Grunde. Wie

das geschehen könne, ist hier nicht Raum genug zu erörtern, aber dadurch

wird nur die Möglichkeit hergestellt, erstlich für den Augenblick die

zwanzig Tausend der Noth zu entreißen und den Zurückbleibenden in den

ersten Jahren eine Concurrenz zu nehmen, die sie freier aufathmen läßt.

Abgerechnet von all dem materiellen Nutzen, den eine solche That für

Gehende und Bleibende haben muß, von dem Lande, was frei wird, von den

gewonnenen Producten, die nicht mehr in die kleinsten Atome vertheilt

werden müssen, von den gelieferten Arbeiten, die jetzt doch wenigstens

regelmäßig ihre Käufer finden, wenn sie auch keinen höhern Preis erreichen

-- abgesehen von alle diesem ist es aber besonders der _moralische

Einfluß_, den eine solche Auswanderung auf den übrigen Theil der Gebirge

üben wird und muß. Bis jetzt erschien ihnen selbst das außer ihrer nächsten

Umgebung Liegende wie eine fremde Welt -- daß man ohne Klöppeln existiren

konnte begriffen sie nicht -- selbst die Einzelnen, die es tollkühn

versucht hatten, in das »Ausland«, nach Leipzig, Dresden, ja selbst

Chemnitz zu gehen, kamen fast sämmtlich wieder zurück und kauerten lieber

an ihrem Klöppelkissen -- da hatten sie den Beweis -- es ging draußen

für sie nicht an -- sie gehörten nicht da hinaus und mit ängstlicher

verderblicher Scheu hielten sie selbst ihre Kinder davon zurück. Dann aber

wäre die Bahn gebrochen -- Tausende sind plötzlich über tausend Meilen

weit, über das Meer sogar, nach einem fremden Lande gezogen -- der Gebirger

hat auf das Aeußerste gespannt -- in Angst und Sorge um die Tollkühnen,

einer Nachricht von ihnen gelauscht -- da plötzlich treffen Briefe auf

Briefe ein -- in alle Theile des Gebirges zweigen sie aus -- solche

Schreiben laufen von Hand zu Hand, jede Familie drängt sich herzu, wenn der

Vater oder Schullehrer die ersehnte Kunde meldet, und eine neue Welt geht

plötzlich vor ihren Augen auf, als sie das Jubelgeschrei der Ihren aus der

Ferne hören -- als sie mit Staunen und Verwunderung hören, daß Jene nicht

mehr zu hungern und zu frieren brauchen, daß sie mit mäßiger Arbeit einen

Ueberfluß von Nahrung und Kleidung verdienen können und jetzt zum ersten

Male steigt der _freiwillige_ und durch nichts anderes geweckte Wunsch in

ihrer Brust auf -- »könntest Du dorthin.«

Mit dem Wunsche aber denkt der Gebirger auch schon an die Möglichkeit der

Ausführung, und jetzt, jetzt ist die Zeit gekommen, seinen verkümmerten

Geist mit allen Waffen der gesunden Vernunft anzugreifen und aus seinem

Traume mit aufrütteln zu helfen. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo dem im

alten Schlamme noch Versunkenen der Fortschritt der Welt gezeigt und

er selbst zum thätigen Mitwirken daran aufgefordert werden muß. Aeußere

Umstände kommen dann noch dazu, die Einwirkung zu vermehren; bis dahin wird

das Klöppeln durch die sich immer mehr verbessernden englischen Spitzen

fast ganz vernichtet und zu Grunde gerichtet sein; der Gebirger, aus seinem

Stumpfsinn erwacht, sieht auf der einen Seite seinen alten Erwerbszweig,

an den er wie an ein Evangelium geglaubt, zerstört, auf der anderen dagegen

Sachen möglich gemacht, die er bis dahin nur für tolle Märchen gehalten,

und er wird dann, wenn der alte Zauber erst einmal gebrochen, auch nicht

allein ein Mensch werden, sondern was noch viel wichtiger und für ihn

nothwendiger sein muß, _fühlen_, daß er wirklich ein Mensch _ist_.

Der dortigen fürchterlichen Noth kann auf keine andere Art möglicher Weise

abgeholfen werden -- eine Auswanderung ist meiner Meinung nach das Einzige.

Mag aber da der Staat nicht durch eine scheinbare Verantwortlichkeit

zurückschrecken, eine Verantwortlichkeit, die nur in der Idee existirt.

Bei einer Auswanderung werden wohl Manche sterben, Manche dort, statt der

gehofften Heimath, ein _Grab_ finden; hier aber gehen die Leute _gewiß_,

und wie die Aussicht jetzt ist, alle zu Grunde. Jenes sind dann auch nicht

Folgen der Auswanderung, nein, es sind noch die Folgen des fürchterlichen

Elends, das hier ihren Körper aufgerieben und vergiftet -- der Keim des

Todes ist es, der hier schon durch widernatürliche Nahrungsmittel und

Lebensart gepflanzt und gepflegt wurde. Und was für ein Unterschied

zwischen dem Tode eines Vaters _dort_ und _hier_. Dort weiß er die Seinigen

versorgt, oder die Hoffnung versüßt wenigstens seine letzten Stunden -- ein

gemeinsames Unternehmen hat sie in seinen Schutz genommen, er fühlt, daß

sie nicht hülflos untergehen werden -- und hier? -- wenn er hier stirbt

-- wenn er noch einmal auf die bleichen elenden Gestalten sieht, die sein

hartes Lager umstehn -- wenn er weiß, _wie_ er sein ganzes Leben verbracht

hat, weiß, daß all die Seinen auch nur Aehnliches, vielleicht jetzt noch

größeres Elend erwartet -- muß ein solcher Augenblick nicht alle Qualen der

Hölle in sich schließen, und kann da noch von einer Verantwortlichkeit

die Rede sein? Nein, wahrlich nicht, die alte Generation wird freilich

aussterben, ohne viel Heil und Segen von der Uebersiedelung gehabt, ohne

die Vortheile alle genossen zu haben, die man für sie beabsichtigte; aber

die Kinder, die hier nur dem sicheren Elend entgegen gingen, sind gerettet.

Der Erzgebirger, der den Anwuchs seiner Familie bis dahin nur als einen

Fluch betrachtete und betrachten _mußte_, sieht plötzlich, daß er ihm dort,

in den freien Wäldern einer neuen Welt zum _Segen_ wird. Die erzgebirgische

Mutter, die bei dem Tode eines Kindes wohlhabender Eltern mit stierem

Blicke sagte: »_Mir stirbt keins!_« findet Brod für die Kleinen, und die

natürliche Liebe, die durch Noth und Elend gewaltsam erstickt worden, wacht

wieder auf in ihrem fast erkalteten Herzen.

Auch _der_ Einwand kann keine Geltung finden, daß die Armen zu schwach und

entkräftet wären und die schweren Arbeiten des dortigen Ackerbaues nicht

aushalten würden. Die Erzgebirger, wenigstens ein großer Theil derselben,

arbeiten hier auch in Wald und Feld und würden mit Freuden noch mehr

arbeiten, wenn sich ihnen nur die Gelegenheit böte. Ist er aber auch

schwach und entkräftet, so sind das nur ganz natürliche Folgen seines

elenden Lebens, die sich mit einer Aenderung desselben ebenfalls ändern

werden. Und gehört denn nicht wirklich eine Riesennatur dazu, eine solche

Noth so lange Jahre hindurch zu _ertragen_? Ueberdies sollen solche

Uebersiedelten im Anfang, und ehe sie sich ganz erholt und gekräftigt

hätten, aber auch gar keine so übermäßig anstrengenden Arbeiten verrichten,

-- sie sollen in den ersten Jahren nur so viel bauen, als sie zum

einfachsten Leben, aber an gesunder nahrhafter Kost brauchen, und

Gott weiß, sie brauchen wenig genug. Mit der Zeit mögen sie dann an

Verbesserungen, an den Absatz ihrer Producte und an die Zukunft denken,

dann werden sie auch im Stande sein, derartige Pläne nicht allein

auszuführen, sondern auch _fassen_ zu können -- früher, wo ihnen die Kraft

und Fähigkeit sowohl zum Einen wie zum Andern fehlt, haben sie das gar

nicht nöthig.

Schafft sie nur erst hinüber, die Unglücklichen, gebt ihnen nur erst

die Gelegenheit, sich emporzuraffen, wählt nur das rechte Mittel, sie zu

_Menschen_ zu machen, und sie werden Euch beweisen, was sie vermögen. --

Heil und Segen wird dem Unternehmen folgen, aber mit Ernst muß es auch

angegriffen werden, mit Lust und Liebe zur schönen That, und starke Opfer

dürfen nicht gescheut werden, dann aber läßt sich auch wirkliche Hülfe,

nicht eine bloße Galgenfrist bleichen Hungertodes erwarten, und der alte

Krebsschaden, der jetzt an unserm schönen Sachsenlande zehrt und nagt, wird

endlich einmal, so bald die kranken Theile herausgeschnitten sind, heilen

und gesunden.

Mir war von all dem Elend so weh geworden, daß ich kaum weiß, wie ich diese

Hütte verließ, und doch fand ich in vielen andern, die ich an diesem Morgen

noch besuchte, immer nur dasselbe Leid, denselben Jammer, der wie ein

düsteres Trauertuch das ganze Land bedeckte. Und doch _leben_ diese

Menschen noch -- wo nur noch eine Aussicht auf Existenz blieb, da schien

auch die Hoffnung nicht ganz erstorben zu sein -- sie kannten den Umfang

ihres Elendes selbst zu wenig, und eine _Voraussicht_ auf die Zukunft haben

diese Menschen nicht, sie sind wie unmündige Kinder und müssen auch wie

solche geführt werden. -- An den meisten Orten war aber der Jammer doch

schon so groß und nachhaltig gewesen, daß sie auf meine Fragen, ob sie

denn die Gebirge verlassen würden, wenn sich ihnen eine Aussicht böte, mit

thränenden Augen und wie schon früher antworteten:

»Ja -- ach Gott, ja -- nur nicht verhungern!«

Und auch ich rufe das: -- Fort mit den Unglücklichen -- fort mit ihnen nach

einem Orte, wo sie _nicht verhungern_. -- Was nützen die Palliativmittel,

mit denen wir uns vorlügen, wir hätten eine Noth gelindert, einen Schmerz

gestillt? Der flüchtige Moment war es, den wir beschwichtigten, und der

nicht einmal, denn in dem nämlichen Athemzug erwacht auch schon die Angst

für die nächste Stunde. Ernste, durchgreifende That muß hier reifen

und schnell reifen, wenn nicht die nächsten Jahre schon auf ein Elend

herabsehen sollen, wie es uns aus den Bergen Oberschlesiens in scheußlichem

Hohn entgegengrinste -- mit dem Angstgeschrei der Sterbenden mischt sich

dann ihr Fluch und _die_ Verantwortung dann wäre fürchterlich.

Doch genug von all diesem entsetzlichen Jammer -- mir schnürte er die Brust

zusammen, und ich floh, so schnell ich konnte, zurück in's flache Land. --

Die Otter-Jagd.

Die Zeiten, die schönen Zeiten sind vorüber, wo der Mann noch auf männliche

Art sein Vergnügen suchte; wo er mit Speer und Messer, mit Wurfgeschoß oder

Büchse den Wald durchstreifte, den Bär im eigenen Lager angriff, und dem

Eber auf schäumendem Rappen durch Dickicht und Unterholz folgte.

Die schönen Zeiten der edlen, männlichen Jagd sind vorbei; jetzt höchstens

gehn die jungen Herren mit Jagdfrack nach neuestem Schnitt, und sauberen,

eng anschließenden Kamaschen, die Hände in einem Muff, den Hals dicht und

warm in wollene Shawls eingeschlagen, hinaus und stellen sich an (und Gott

weiß es, _wie_ sie sich manchmal dazu anstellen). Die Bauern müssen ihnen

dann das arme, unglückliche, verrathene und verkaufte Wild herbeitreiben,

und wenn kein Unglück passirt, das heißt, wenn der Hahn wirklich

aufgezogen, oder die Sicherheit nicht vorgeschoben, oder die Flinte nicht

verladen, oder das Zündhütchen nicht »schändlicher Weise« herabgefallen,

oder die Brille verloren ist, der Gewehrriemen nicht »gerade als man zielen

will« über dem Lauf liegt, oder der Schuß nicht nachbrennt, als man das

Wild »so herrlich auf dem Korn hatte«, oder der Hase zu weit oder zu

schnell läuft, oder wenn tausend andere Oder und unvorhergesehene Zufälle

nicht dazwischen kommen und besonders das Haupt-Oder -- ihnen keinen Strich

durch die Rechnung macht, wenn sie nämlich nicht effectiv fehlen -- dann

schießen sie wohl ihr Häschen oder ihre unglückliche Ricke, die sie in

der Eile, »weil sie nicht aus den Büschen heraus _wollte_«, für einen Bock

angesehen haben.

Das nennen sie nachher Jagd.

Die Otterjagd ist vielleicht die einzige, der, in England wenigstens, bis

auf unsre Tage viel Eigenthümliches und Kräftiges geblieben.

Noch halten sich manche Edelleute ihre Ottermeuten und verfolgen Tage

lang mit einer, unsren Jägern gewiß unbegreiflichen Mißachtung jeder

Feuchtigkeit das flüchtige Thier durch Bäche und kleine flache Ströme; ihre

Blüthenzeit ist aber auch vorüber, und wirklich interessante Jagden werden

mit jedem Jahre seltener.

Der Pomp und die Umständlichkeit der alten Jagden gaben an sich schon dem

Ganzen einen eigenthümlichen Reiz, und die Otterjäger hatten nicht allein

ihre verschiedenen Sitten und Gebräuche, sondern auch eine ganz besondere

Tracht. Ihre kurzschößigen Jacken waren grün, mit Scharlach, ihre

Pelzmützen mit Goldbändern besetzt, und mit Straußenfedern geziert.

Stiefeln, ziemlich nach Art unsrer jetzigen hohen Wasserstiefeln, reichten

bis zu ihren Hüften hinauf, und trugen oben goldene oder silberne Franzen.

Ihre Speere zeichneten sich ebenfalls durch ihre reichen Verzierungen

und ihre geschnitzte Arbeit aus, und der Anblick eines Zuges vollständig

ausgerüsteter Otterjäger war zu gleicher Zeit so pittoresk als imposant.

Mit der Verringerung der Ottern hat aber auch zu gleicher Zeit ihre Jagd

sich vereinfacht, doch war selbst noch zu Ende des letzten Jahrhunderts

die Otterjagd in England eine der betriebensten und volksthümlichsten.

Regelmäßige Ottermeuten wurden gehalten, und die Landleute schienen

damals von ihren Otterspeeren so unzertrennlich, wie jetzt von ihren

Spazierstöcken.

Zu eben dieser Zeit war übrigens der Otterspeer einfacher als er jetzt

ist, und er bestand nur aus einer gewöhnlichen, geraden Eschenstange mit

einfachen oder doppelten Harpunen oder Pfeilspitzen. Jetzt hat eine

neuere und wohl auch zweckmäßigere Erfindung den gewöhnlichen Widerhaken

verdrängt, und die Stahlspitze ist so gearbeitet, daß sie erst dann,

wenn in den Körper des Thieres getrieben, zwei Haken ausläßt, die es dem

verwundeten Otter unmöglich machen, sich von der tödtlichen Waffe wieder zu

befreien.

Ich will dem Leser eine solche Otterjagd beschreiben.

Es hatte sich eine Gesellschaft von sieben Jägern zusammengefunden, um in

einem kleinen Flusse, Namens Tiesie, eine am vorigen Abend durch den Squire

selbst aufgefundene Otterfährte zu verfolgen und wo möglich den schlauen

Fischdieb zu erlegen. Der Tiesie läuft eine lange Strecke durch flaches,

etwas sumpfiges Land, dort aber, wo er zuerst seinen Lauf in wenn auch

niedere, aber dennoch seine Ufer steil begrenzende Hügel lenkte, hatte Mr.

Halway die Spuren entdeckt, und als am nächsten Morgen die Gesellschaft

mit ihren Speeren und einer tüchtigen Meute Hunde den Platz erreichte,

bezeugten mehrere frische Gräten, die an der linken Uferbank unter einer

kleinen Lindengruppe lagen, seine Nähe.

Die Hunde wurden, kaum den Platz erreicht, schon unruhig, und Nell und

Boney, ein Paar ausgezeichnete Otterfänger, schienen es besonders auf

ein kleines Schilfdickicht abgesehen zu haben, das sich der Lindengruppe

gegenüber befand.

Halway stimmte dafür, daß ein Theil der Jäger hinüber an's andere Ufer

waten, und dort die Hunde unterstützen solle, es war aber noch beim Beginn

der Jagd und Alles -- _trocken_, und da meinten denn Mehrere: »der Otter

sei wahrscheinlich an dieser Seite«, wo ja auch die Gräten alle lagen und

die meisten Spuren waren; der gegenüberliegende Platz blieb also von den

Jägern unbesetzt, und am hohen Flußrande hingehend munterten sie durch

Zurufe und den fröhlichen Jagdschrei die immer hitziger und eifriger

werdenden Hunde auf, den Feind zu finden, damit sie ihn mit ihren Speeren

verfolgen und erlegen könnten.

»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson, einer von Halway's Nachbarn, »daß

sich der Otter nicht ein Paar hundert Schritte weiter oben aufhält, der

kleine See dort würde alle unsre weiteren Versuche, seiner habhaft zu

werden, unnütz gemacht haben, denn der Grund ist so schlammig, daß es

wahrhaftig mit Lebensgefahr verknüpft ist, sich nur bis an die Knie

hineinzuwagen.«

»Hahaha« lachte Merville, »davon weiß Dickson eine Geschichte zu erzählen.

Als wir das letzte Mal hier waren, stak er in dem Sumpfe drinnen und unsrer

Sechse haben mit Stricken und Seilen wohl eine Viertelstunde lang gezogen,

bis wir ihn wieder heraus und auf's Trockene brachten.«

»Ha -- was hat Nell dort?« rief Blower -- ein anderer Gutsbesitzer aus der

Gegend -- »Wahrhaftig, Halway, ich glaube, Ihr habt Recht, der Otter sitzt

da drüben, ich werde hinüber waten.«

Er war im Begriff, seinen Entschluß augenblicklich in's Werk zu setzen,

aber zu spät. Der Otter hatte wirklich in jenem Schilfdickicht gelegen

und wahrscheinlich die um ihn herumsuchenden Hunde vorbeilassen, und dann

zurück zu dem schützenden See schwimmen wollen, wo jede weitere Verfolgung

vergeblich gewesen wäre, das wurde aber durch die Aufmerksamkeit Boney's,

der durch derartige Kunstgriffe schon mehrere Male getäuscht worden und

nicht gesonnen schien, sich auf's Neue anführen zu lassen, vereitelt,

denn er und Nell hielten sich fortwährend ziemlich hoch im Schilfe, und

überließen es den anderen Hunden, den schlauen Feind aufzustöbern und

flüchtig zu machen.

Dieser sah auch kaum, wie jeder Versuch, das tiefe Wasser zu erreichen,

vergeblich war, als er das dichte Schilf verließ und, über den hier mehrere

hundert Schritt breiten Wasserspiegel hinwegschwimmend, erst entschlossen

schien, den Fluß mit aller nur möglichen Schnelle stromab zu gehen, dann

aber wieder links einbog und in einem rechten Winkel eine seichte Stelle

erreichte, wo das Wasser etwa drei Fuß tief, den Hunden nicht erlaubte

Grund zu fassen, und der Otter selbst, unter dem dichten Wurzelwerk und

Rohr verborgen, vor ihnen geschützt blieb und auch dann und wann, ohne

fürchten zu müssen entdeckt zu werden, an die Oberfläche kommen und Luft

schöpfen konnte.

»Hier hilft kein Zaudern mehr« schrie aber Halway jetzt, selbst bis unter

die Arme in das Wasser springend -- »von dort heraus bringen ihn die Hunde

nicht, und wenn wir nicht mit unsren Speeren die Bestie heraustreiben, so

können wir die Jagd nur aufgeben.«

Merville sprang dicht hinter ihm her, und auch Blower folgte, Dickson aber,

als er die drei der Stelle zu waten sah, während die Hunde einen Heidenlärm

vollführten und bellend und winselnd ihren Herren nachplätscherten, dachte

bei sich, daß zum Vortreiben vollkommen genug Menschen im Wasser säßen,

suchte sich daher eine seichte, kaum wenige Zoll tiefe Stelle aus, und

schritt an das andere Ufer hinüber, wo er auf einem vorragenden, steilen

Felsblock die Jagd übersehen und auch augenblicklich stromab das niedere

Ufer wieder erreichen konnte, wenn das verfolgte Thier, wie es fast nicht

anders konnte, die Flucht durch die weiter unterhalb liegende Stromschnelle

und über einen kleinen Fall, versuchen sollte.

Halway hatte übrigens Recht gehabt, die Hunde vermochten nichts gegen

ihren listigen Feind auszurichten, der nur dann und wann, in irgend einem

ungangbaren Gebüsch, die bärtige Schnautze über die Oberfläche des Wassers

hob, um die nöthige Luft zu schöpfen, und dann schnell und geräuschlos

wieder untertauchte in sein sicheres Versteck.

Die drei Jäger fanden bald, daß auch sie hier ihre Hilfe leihen mußten,

langsam also, und in gleicher Linie das schmale und kaum hundert achtzig

Schritt lange Schilfdickicht durchwatend, stießen sie höchst aufmerksam in

alle die Stellen mit den umgekehrten Speeren hinein, unter denen möglicher

Weise der Fischdieb verborgen liegen konnte. Schon näherten sie sich

indessen dem Ende des seichten Platzes und die Hunde fingen an wieder

zurückzusuchen, während Halway selbst zu glauben begann sie hätten ihre

Beute übergangen, als diese plötzlich, höchst unverhofft zum Vorschein kam.

Merville hatte nämlich eben mit der Stange in ein besonders dichtes Gewirr

von Wurzelwerk und Wasserpflanzen hineingefühlt, als Nell, der seinen

Standpunkt überhalb des Schilfbruches noch immer nicht verlassen, die

Nase prüfend in die Höhe hob und im nächsten Augenblick auch schon, eifrig

schnaubend auf die Stelle zuschwamm, wo Merville noch immer stand, und

den Hund beobachtete. Da tauchten, nur wenige Schritte von ihm entfernt,

einzelne kleine Luftblasen in die Höhe, und er wußte, dort müßte der Otter

sein. Die Tiefe des Wassers, in dem er sich selbst befand, also schnell

berechnend, schwang er den Speer hoch empor, und stieß ihn mit rascher,

sicherer Hand nieder auf den Grund des Flusses, wo sich der listige

Flüchtling verborgen hielt.

Aber wehe! in allem Eifer hatte er vergessen, den Speer, den er noch

verkehrt in der Hand trug, umzudrehen, und als der mit ausgezeichneter

Geschicklichkeit geführte Stoß, denn Merville war ein guter Otterjäger,

niederfuhr, kam er in höchst unsanfte Berührung mit dem wirklich dort

lauernden Thier, brachte aber demselben leider keinen weiteren Schaden, als

daß er es bedeutend erschreckte, aus seiner bisherigen Sicherheit auf und

zu dem höchst unbesonnenen Entschluß trieb, die Rettung in offener Flucht

zu suchen.

Instinctmäßig wandte sich der Otter nun zwar stromauf, der sicheren Bahn

zu, hier aber begegnete er den beiden offenen Rachen von Nell und Boney,

die gierig nach ihm schnappend, ihre Beute schon gefaßt wähnten. So leicht

sollte ihnen aber der Sieg nicht werden.

Jener, die Seichtheit des Wassers fürchtend, in welchem er, wenigstens an

dieser Stelle, nicht wagen durfte zu tauchen, schien schnell entschlossen

das andere Ufer des Flusses zu erreichen, und ehe Merville, der jetzt

natürlich seine Waffe schnell genug wandte, wieder festen Fuß fassen, und

sich von seinem Schreck erholen konnte, strich er schon wie ein Aal, die

ganze Länge des Körpers außer dem Wasser zeigend, von der Schilfinsel fort,

und schräg über den Fluß hinüber dem steilen Vorsprung zu, auf welchem

Dickson, an seine Waffe gelehnt, dem Kampfe bis jetzt behaglich zugeschaut

hatte.

Kaum merkte dieser aber, wie sich der Schauplatz der Hetze auf seine Seite

verlegen würde, als er, so schnell ihn seine Füße trugen, von der Höhe

heruntersprang, und das Ufer gerade in demselben Augenblicke erreichte,

in welchem der Verfolgte das feste Land betreten und, argbedrängt von

den Hunden, wahrscheinlich über die in den Fluß hinauslaufende Landspitze

hinweg schlüpfen und das auf der unteren Seite befindliche ruhige

und tiefere Wasser erreichen wollte. Durch den unvorsichtig auf ihn

Einstürmenden aber geängstigt, änderte er seinen Plan und wandte sich

wieder; da schallte ein Triumphruf von der gegenüber liegenden Seite und

selbst Dickson hielt ihn für verloren, denn dicht, dicht hinter ihm, kaum

wenige Zoll von seiner bärtigen Schnauze entfernt, schnappte Boney, schon

im Vorgenuß der ihn erwartenden Seligkeit, gierig mit den Fängen und

öffnete den weiten Rachen.

»Hurrah!« schrie Halway vom anderen Ufer aus -- »Hurrah Hunde -- faßt ihn

-- faßt ihn!«

Boney hörte den Zuruf seines Herrn und fuhr, schwerlich noch einer

Anreizung bedürfend, mit wildem Biß nach dem Nacken des Thieres, doch

war es nichts als Wasser, was ihm, im wahren Sinne des Wortes, im Maule

zusammenlief, der Otter tauchte in demselben Moment, als ihn Dickson schon

zwischen den Fängen des Hundes glaubte, blitzschnell nieder, glitt unter

dem Bauche seines Feindes fort, und schoß nun, wieder zur Oberfläche

emporkommend, mit aller ihm nur zu Gebote stehenden Schnelle stromab.

»Hinüber -- hinüber noch Einer von Euch!« schrie Halway jetzt erregt --

»die Bestie will über den Fall hinunter und in die tiefe Stelle, kaum

hundert Schritte unterhalb. Fünf Ottern haben wir schon bis zu dem Platz

verfolgt, und dann regelmäßig aufgeben müssen. Jetzt nur hinunter an die

Fälle, so schnell wir können.«

Hawkins leistete dem Rufe Folge und watete schnell zu Dickson hinüber, die

Uebrigen jedoch glaubten auf der Seite, auf welcher sie sich befanden, am

Ersten zum Wurf kommen zu können und eilten Halway nach, der, so schnell es

ihm der weiche, schlammige Boden gestattete, unter der Felswand fortlief,

die hier das Flußthal überhing und sein Bestes versuchte, einen kleinen mit

hohem Schilfgras bewachsenen Vorsprung zu erreichen, der sich, von mehreren

Fichten überschattet, gerade über dem Fall befand, so daß der Otter, wollte

er hier durch, dicht an ihm vorbeidefiliren mußte.

»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?« rief er diesem zu, als er

ihn eben eingeholt hatte -- »er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«

»O zum Teufel -- ich hielt den Speer verkehrt.«

»Unsinn« lachte Halway, »ein so alter Otterjäger, wie Ihr, wird mit dem

verkehrten Speer stoßen.«

»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte Merville im vollen Laufen,

um neben dem schnellfüßigern Halway zu bleiben, der ihn schon zurücklassen

wollte -- »ich fürchtete mit dem Widerhaken im Schilfe hängen zu bleiben

und --«

»Dort ist er,« schrie Halway, und überflog mit einem Satze eine schmale

sich hier hineindrängende Bucht, arbeitete sich mit verzweifelter

Anstrengung durch das hohe Rohr, und stand im nächsten Augenblick auf der

ersehnten Stelle. Es war aber auch die höchste Zeit, denn der Otter, durch

das viele Tauchen ermüdet, hatte es aufgegeben, im Dickicht augenblickliche

Zuflucht zu finden, und wußte nun, das in dem tiefen Wasser seine alleinige

Rettung lag; den Fall also einmal passirt, trug ihn schon die Strömung

des Flusses in wenigen Secunden dorthin, und eine am rechten Ufer liegende

Schilfgrasecke nun dazu benutzend, die dicht folgenden Hunde irre zu führen

oder aufzuhalten, schnitt er wieder hinüber, und näherte sich reißend

schnell dem niedern Wassersturz.

Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit ihres Feindes wohl

bekannt, sahen kaum, wie dieser in offener Flucht und den mit Speeren

bewaffneten Jägern so weit voraus, sein Heil suchte, als sie auch schon,

wie verabredet, dem ihnen am nächsten liegenden linken Ufer zuschwammen,

dieses erreichten, und nun schnellen, flüchtigen Laufes darauf hinstürmten,

dem Schwimmenden den Weg abzuschneiden. Dicht über dem Fall aber, von

Dickson's wüthendem Schreien zum Aeußersten getrieben, sprangen sie wieder,

jetzt dicht hinter dem Otter, in's Wasser, während die Anderen der Meute

ebenfalls in nur wenigen Schritten Entfernung kleffend und winselnd

folgten.

Wo der Otter zum letzten Male in's Schilf gekrochen war, hatte er mehrere

junge Hunde verleitet, ihn immer noch dort zu glauben, und eifrig nach

ihm das dichte Gestrüpp zu durchwühlen, was, Einem besonders, fast sehr

schlecht bekommen wäre, da Hawkins, der im ersten Augenblick, als er sich

Etwas bewegen sah, glaubte, es sei der Otter, schon zum tödtlichen Stoße

ausholte, seinen Irrthum aber noch glücklicher Weise zeitig genug einsah.

Schlimmer erging es Dickson, der, jetzt Nässe und Feuchtigkeit verachtend,

in das seichte Wasser sprang und mit der Linken den Hut um den Kopf

schwenkte, die Meute durch immer grellere und ohrenzerreißendere Töne zu

fast wahnsinniger Wuth antrieb, während er selbst der Jagd nachzukommen

versuchte. Aber wehe -- der nächste Schritt, den er that, brachte ihn

mit dem Fuß in ein tiefes Senkloch -- er verlor das Gleichgewicht,

und verschwand im nächsten Moment unter der über ihn wieder friedlich

zusammenschießenden Fluth, wenig von den Jägern, und noch weniger von den

Hunden beachtet, die wild und theilnahmlos vorbeistürmten.

Jetzt hatte aber auch der Otter den Fall erreicht, und glitt mit

Blitzesschnelle darüber hin -- doch kaum zehn Schritt von ihm entfernt,

stand Halway, den Speer hoch erhoben und ruhig und kaltblütig den Zeitpunkt

abwartend, der ihm einen sichern Wurf gestatten würde, denn kaum durfte er

hoffen, seine Waffe in diesem Augenblick mit Erfolg schleudern zu können.

Er sollte auch nicht lange harren -- in der nächsten Secunde verschwand der

Otter in den schäumenden Sprudelwellen, die hier seit Jahrtausenden gegen

den Fall ankämpften, und gleich darauf stieg er korkähnlich wieder daraus

hervor.

Dies war aber das einzige Moment, in dem Halway hoffen durfte, seinen Wurf

anzubringen; und er wußte das. -- Schnell zuckte noch einmal der schon

gehobene Arm zu kräftigerem Schwunge zurück, und dann, von der starken Hand

gesandt, zischte er nieder in die schäumende Fluth, aus welcher eben das

bärtige Gesicht des armen, gehetzten Thiers aufgetaucht war.

Wie mit Zauberschnelle verschwand Otter und Harpune unter Wasser, jetzt

aber glitten auch, kühn und unerschrocken, die beiden Hunde über den Fall,

und als der zum Tode Getroffene zuckend und sich sträubend wieder an die

Oberfläche kam, erfaßten ihn die treuen Rüden, und zerrten ihn, winselnd

und mit den Schwänzen wedelnd an's Ufer.

Dickson war indessen ebenfalls seinem nassen Bade entstiegen, und Merville,

der jetzt, freilich etwas spät, auf dem Kampfplatz erschien, half die

Beute auf's Trockene ziehen und wehrte die übrige Meute ab, die kleffend

herbeistürmte und ihre Freude wenigstens durch einige wohlangebrachte Bisse

kund zu thun wünschte.

Nach und nach versammelte sich nun die ganze Jägerschaar um das glücklich

erlegte Thier, und nachdem es gemessen war -- es maß vier Fuß fünf Zoll

vom Kopf bis zum Schwanzende -- zog sie jubelnd dem nicht weit entfernten

Farmhof Halway's zu, um sich dort bei Speise und Trank von den gehabten

Anstrengungen zu erholen.

Dickson aber und Merville waren an diesem Tage die beiden unglücklichen

Schlachtopfer aller Jägerscherze.

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription

werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=

hervorgehoben.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,

einschließlich absichtlich fehlender Satzzeichen in den beiden

"Bomaier"-Auswandererbriefen, sowie uneinheitlicher Schreibweisen wie

beispielsweise "Arkansas" -- "Arkansus", "Barkeeber" -- "Barkeeper",

"dausend" -- "tausend", "dies" -- "dieß", "Riviere -- "Rivière",

mit folgenden Ausnahmen,

im Inhaltsverzeichnis:

"224" geändert in "229"

(Civilisation und Wildniß      229)

Seite 6:

"Gabrieln" geändert in "Gabrielen"

(denn Gabrielen behandelte sie nicht wie eine Dienerin)

Seite 8:

"«" und "»" eingefügt

(um aller Heiligen willen,« bat Gabriele, »so hab ich Dich)

Seite 16:

"«" eingefügt

(habe ich Schutz und Hülfe gefunden.«)

Seite 22:

"Schade" geändert in "schade"

(verdammt schade, daß man rothes Fell)

Seite 23:

"mistrauischen" geändert in "mißtrauischen"

(seinem Gefährten einen schnellen, mißtrauischen Seitenblick)

Seite 32:

"Gariele" geändert in "Gabriele"

(»Gabriele!« rief aber der Vater)

Seite 37:

"einem" geändert in "einen"

(wie die Gesetze einen Overseer)

Seite 37:

"Mishandlung" geändert in "Mißhandlung"

(für die Mißhandlung dieser Unglücklichen)

Seite 42:

"«" hinter "Duxon." entfernt und hinter "Cent," eingefügt

(keine funfzig Cent,« höhnte Duxon.)

Seite 45:

"machmal" geändert in "manchmal"

(lügen Ihnen manchmal das Blaue vom Himmel)

Seite 45:

"Gescheideste" geändert in "Gescheidteste"

(Das Gescheidteste wäre)

Seite 68:

"aufgetrocknet" geändert in "ausgetrocknet"

(noch nicht ganz wieder ausgetrocknet war)

Seite 69:

"«" hinter "St. Clyde," entfernt und hinter "Gott!" eingefügt

(»Großer Gott!« stöhnte St. Clyde, erschüttert auf die)

Seite 75:

"Cocktaws" geändert in "Chocktaws"

(Es sind Chocktaws -- ich muß fort)

Seite 87:

"los ließ" geändert in "losließ"

(dieser sie halbbetäubt losließ)

Seite 90:

"den" geändert in "denn"

(ein Ende machte, denn er hielt plötzlich sein Pferd an)

Seite 93:

"Überirdische" geändert in "Ueberirdische"

(glaubt nicht mehr an das Ueberirdische)

Seite 93:

"»" vor "oder" entfernt und "«" hinter "geträumt," eingefügt

(mit wachenden Augen geträumt,« oder die lieblose)

Seite 98:

"laß" geändert in "las"

(nöthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel)

Seite 108:

"ewigens" geändert in "ewigen"

(in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins)

Seite 110:

"ganzem" geändert in "ganzen"

(er sie in seinem ganzen Leben noch nicht)

Seite 113:

"Fahrboote" geändert in "Fährboote"

(schnelle Fährboote, mit kleinen rasch puffenden Maschinen)

Seite 113:

"Frucht" geändert in "Fracht"

(eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen)

Seite 124:

"das" geändert in "daß"

(und der Gedanke auch, daß sie ihren Verwandten)

Seite 127:

"Umständen" geändert in "Umstände"

(siegten die äußeren, keineswegs günstigen Umstände)

Seite 130:

"ihn" geändert in "ihm"

(ihm für die treue Wahrung seines Kindes dankte)

Seite 135:

"." eingefügt

(an der Dampfbootlandung hin und her. -- Sollte er)

Seite 136:

"abhing" geändert in "anhing"

(mit aller Liebe einer wirklichen Tochter anhing)

Seite 139:

"so gar" geändert in "sogar"

(mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben)

Seite 143:

"das" geändert in "daß"

(ahnen zu lassen, daß dort, wohin man)

Seite 150:

"des" geändert in "das"

(habe unten an der Landung das Sternwheelboot)

Seite 152:

"fur" geändert in "für"

(in Mainstreet soll dann ein Wagen für Euch stehn)

Seite 152:

"«" eingefügt

(dafür will ich auch schon Sorge tragen.«)

Seite 157:

"halbschlauen" geändert in "halb schlauen"

(die halb schlauen, halb ängstlichen Seitenblicke)

Seite 166:

"den" geändert in "gen"

(Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon)

Seite 171:

"körperlichen" geändert in "körperlichem"

(was er zu körperlichem Wohlbefinden gebrauchte)

Seite 172:

"erungenen" geändert in "errungenen"

(er entsagte ja nur einem errungenen Vortheil)

Seite 176:

"-" eingefügt

(kürzlich eingetroffenen Mail- oder Postboot)

Seite 176:

"," eingefügt

(»=Eagle of the West=«, ein rasches wackeres Dampfboot)

Seite 187:

"unermüdlichen" geändert in "unermüdlichem"

(der mit unermüdlichem Eifer daran ging)

Seite 190:

"halten" geändert in "haltend"

(an jeder Station ewig lange haltend, und zuletzt gar)

Seite 203:

"«" hinter "Lippen." entfernt

(und biß sich auf die Lippen.)

Seite 217:

"wiederstand" geändert in "widerstand"

(sie widerstand allen meinen Bemühungen)

Seite 230:

"-" eingefügt

(das Meeting- oder Bethaus)

Seite 242:

"»" eingefügt

(»hahahaha! weißer Mann -- mehr)

Seite 251:

"«" hinter "gewesen;" entfernt und hinter "aber," eingefügt

(an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu)

Seite 258:

"«" hinter "lesen," entfernt und hinter "Mutter?" eingefügt

(»Soll ich weiter lesen, Mutter?«)

Seite 259:

"«" eingefügt

(keinen Sohn -- keinen Freund ....«)

Seite 263:

"»" vor "denn" und "«" hinter "beziehen." entfernt

(denn auf diesen mußte sie doch natürlich das Gesagte beziehen.)

Seite 263:

"Sich" geändert in "sich"

(was Sie sich hätten denken können)

Seite 264:

"»" vor "fuhr" entfernt und "«" hinter "sein," eingefügt

(muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche)

Seite 264:

"Sich" geändert in "sich"

(Denken Sie sich, Miß Baywood)

Seite 267:

"demselbem" geändert in "demselben"

(ihr Auge begegnete in demselben Moment)

Seite 268:

"hieher" geändert in "hierher"

(hierher nach Boonville zu holen)

Seite 279:

"ihn" geändert in "ihm"

(Hütte bei Hütte durchforschte er nach ihm)

Seite 302:

"Drathpuppen" geändert in "Drahtpuppen"

(Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen)

Seite 332:

"den" geändert in "der"

(Heizer auf einem der Mississippi-Dampfboote)

Seite 376:

"großen" geändert in "großem"

(von vielem und großem Einfluß sein)

Seite 366:

"Papierkabseln" geändert in "Papierkapseln"

(die gewöhnlichen Streichhölzchen in Papierkapseln)

Seite 379:

"freundlich" geändert in "freundliche"

(fand ich eine freundliche Familie beisammen)

Seite 410:

"Scherck" geändert in "Schreck"

(sich von seinem Schreck erholen konnte)

Seite 411:

"»" eingefügt

(vom anderen Ufer aus -- »Hurrah Hunde -- faßt ihn)

Seite 412:

"«" eingefügt

(»Wie kam's, daß Ihr den Otter fehltet, Merville?«)

Seite 412:

"»" eingefügt

(»er lag Euch doch dicht vor den Füßen.«)

Seite 413:

"»Nell und Boney«" geändert in "Nell und Boney,"

(Nell und Boney, mit der größeren Schwimmfertigkeit)

sowie jeweils "«," geändert in ",«"

auf Seite 405:

(»S'ist nur ein Glück,« meinte Dickson)

und Seite 412:

(»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« betheuerte Merville)]

Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band. Gesammelte Erzählungen · 第 21 / 21 题