Aufenthalt in Caracas. -- Berge um die Stadt. -- Besteigung des
Gipfels der Silla.
Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich wohnten in einem
großen, fast ganz frei stehenden Hause im höchsten Theil der Stadt. Auf
einer Galerie übersahen wir mit Einem Blick den Gipfel der Silla, den
gezackten Kamm des Galipano und das lachende Guayrethal, dessen üppiger
Anbau von den finstern Bergwänden umher absticht. Es war in der trockenen
Jahreszeit. Um die Weide zu verbessern, zündet man die Savanen und den
Rasen an, der die steilsten Felsen bedeckt. Diese großen Brände bringen,
von weitem gesehen, die überraschendsten Lichteffekte hervor. Ueberall wo
die Savanen längs der aus- und einspringenden Felsgehänge die von den
Bergwassern eingerissenen Schluchten ausfüllen, nehmen sich die brennenden
Bodenstreifen bei dunkler Nacht wie Lavaströme aus, die über dem Thale
hängen. Ihr starkes, aber ruhiges Licht färbt sich röthlich, wenn der
Wind, der von der Silla herunter kommt, Wolkenzüge ins Thal niedertreibt.
Andere male, und dann ist der Anblick am großartigsten, sind die
Lichtstreifen in dickes Gewölk gehüllt und kommen nur da und dort durch
Risse zum Vorschein, und wenn dann die Wolken steigen, zeigen sich ihre
Ränder glänzend beleuchtet. Diese mannigfaltigen Erscheinungen, wie sie
unter den Tropen häufig vorkommen, werden noch anziehender durch die Form
der Berge, durch die Stellung der Abhänge und die Höhe der mit
Alpenkräutern bewachsenen Savanen. Den Tag über jagt der Wind von Petare
von Osten her den Rauch über die Stadt und macht die Luft weniger
durchsichtig.
Hatten wir Ursache, mit der Lage unserer Wohnung zufrieden zu seyn, so
waren wir es noch viel mehr mit der Aufnahme, die uns von den Einwohnern
aller Stände zu Theil wurde. Ich habe die Verpflichtung, der edlen
Gastfreundschaft zu gedenken, die wir bei dem damaligen Generalcapitän der
Provinzen von Venezuela, Herrn von Guevara Vasconzelos, genossen. Es ward
mir das Glück zu Theil, das nur wenige Spanier mit mir theilen, hinter
einander Caracas, Havana, Santa Fe de Bogota, Quito, Lima und Mexico zu
besuchen, und in diesen sechs Hauptstädten des spanischen Amerika brachten
mich meine Verhältnisse mit Leuten aller Stände in Verbindung; dennoch
erlaube ich mir nicht, mich über die verschiedenen Stufen der Cultur
auszusprechen, welche die Gesellschaft in jeder Colonie bereits erstiegen.
Es ist leichter, die Schattirungen der Nationalcultur und die vorzugsweise
Richtung der geistigen Entwicklung anzugeben, als zu vergleichen und zu
classificiren, was sich nicht unter Einen Gesichtspunkt bringen läßt. In
Mexico und Santa Fe de Bogota schien mir die Neigung zu ernsten
wissenschaftlichen Studien vorherrschend, in Quito und Lima fand ich mehr
Sinn für schöne Literatur und Alles, was eine lebendige, feurige
Einbildungskraft anspricht, in der Havana und in Caracas größere Bildung
hinsichtlich der allgemeinen politischen Verhältnisse, umfassendere
Ansichten über die Zustände der Colonien und der Mutterländer. Der starke
Handelsverkehr mit Europa und das Meer der Antillen, das wir oben als ein
Mittelmeer mit mehreren Ausgängen beschrieben, haben auf die
gesellschaftliche Entwicklung auf Cuba und in den schönen Provinzen von
Venezuela gewaltigen Einfluß geäußert. Nirgends sonst im spanischen
Amerika hat die Civilisation eine so europäische Färbung angenommen. Die
Menge Ackerbau treibender Indianer in Mexico und im Innern von Neu-Grenada
gibt diesen großen Ländern einen eigenthümlichen, man könnte sagen
exotischeren Charakter. Trotz der Zunahme der schwarzen Bevölkerung glaubt
man sich in der Havana und in Caracas näher bei Cadix und den Vereinigten
Staaten als in irgend einem Theil der neuen Welt.
Da Caracas auf dem Festland liegt und die Bevölkerung nicht so beweglich
ist als auf den Inseln, haben sich die volksthümlichen Gebräuche mehr
erhalten als in der Havana. Sehr geräuschvolle und sehr mannigfaltige
Zerstreuungen bietet die Gesellschaft nicht, aber im Kreise der Familien
empfindet man das Behagen, das munteres Wesen und Herzlichkeit im Verein
mit seiner Sitte in uns erzeugen. Es gibt in Caracas, wie überall, wo eine
große Umwälzung in den Vorstellungen bevorsteht, zwei Menschenklassen, man
könnte sagen zwei streng geschiedene Generationen. Die eine, nicht mehr
sehr zahlreiche, hält fest an den alten Bräuchen und hat die alte
Sitteneinfalt und Mäßigung in Wünschen und Begierden bewahrt. Sie lebt nur
in der Vorzeit; in ihrer Vorstellung ist Amerika Eigenthum ihrer
Voreltern, die es erobert haben. Sie verabscheut die sogenannte Aufklärung
des Jahrhunderts und hegt sorgfältig, wie einen Theil ihres Erbguts, die
überlieferten Vorurtheile. Die andere lebt weniger in der Gegenwart als in
der Zukunft und hat eine nicht selten leichtfertige Vorliebe für neue
Sitten und Ideen. Kommt zu dieser Neigung der Trieb, sich gründlich zu
bilden, wird sie von einem kräftigen, hellblickenden Geiste gezügelt und
gelenkt, so wird sie in ihren Wirkungen der Gesellschaft ersprießlich. Ich
habe in Caracas mehrere durch wissenschaftlichen Sinn, angenehme Sitten
und großartige Gesinnung gleich ausgezeichnete Männer kennen gelernt, die
dieser zweiten Generation angehörten; aber auch andere, die auf alles
Schöne und Achtungswürdige im spanischen Charakter, in der Literatur und
Kunst dieses Volks herabsahen und damit ihre eigene Nationalität
einbüßten, ohne im Verkehr mit den Fremden richtige Begriffe über die
wahren Grundlagen des öffentlichen Wohls und der gesellschaftlichen
Ordnung einzutauschen. Da seit der Regierung Karls V. der
Corporationsgeist und der Municipalhaß aus dem Mutterland in die Colonien
übergegangen sind, so findet man in Cumana und andern Handelsstädten von
Terra Firma Gefallen daran, die Adelsansprüche der vornehmsten Familien in
Caracas, der sogenannten _‘Mantuanos’_, mit Uebertreibung zu schildern.
Wie sich diese Ansprüche früher geäußert, weiß ich nicht; es schien mir
aber, als ob die fortschreitende Bildung und die in den Sitten sich
vollziehende Umwandlung nach und nach und fast durchgängig den
gesellschaftlichen Unterschieden im Verkehr unter Weißen alles Verletzende
benommen hätten. In allen Colonien gibt es zweierlei Adel. Der eine
besteht aus Creolen, deren Vorfahren in jüngster Zeit bedeutende Aemter in
Amerika bekleidet haben; er gründet seine Vorrechte zum Theil auf das
Ansehen, in dem er im Mutterlande steht; er glaubt sie auch über dem Meere
festhalten zu können, gleichviel zu welcher Zeit er sich in den Colonien
niedergelassen; Der andere Adel haftet mehr am amerikanischen Boden; seine
Glieder sind Nachkommen der *Conquistadoren*, das heißt der Spanier, die
bei der ersten Eroberung im Heere gedient. Mehrere dieser Krieger, der
Waffengenossen der Cortez, Losada und Pizarro, gehörten den vornehmsten
Familien der pyrenäischen Halbinsel an; andere aus den untern Volksklassen
haben ihre Namen durch die ritterliche Tapferkeit, die ein bezeichnender
Zug des frühen sechzehnten Jahrhunderts ist, zu Ehren gebracht. Ich habe
oben daran erinnert,(30) daß in der Geschichte dieser Zeit der religiösen
und kriegerischen Begeisterung im Gefolge der großen Anführer mehrere
redliche, schlichte, großmüthige Männer auftraten. Sie eiferten wider die
Grausamkeiten, welche die Ehre des spanischen Namens befleckten; aber sie
verschwanden in der Menge und konnten der allgemeinen Aechtung nicht
entgehen. Der Name »Conquistadores« ist desto verhaßter geblieben, als die
wenigsten, nachdem sie. friedliche Völker mißhandelt und im Schooße des
Ueberflusses geschwelgt, dafür am Ende ihrer Laufbahn mit jenem schweren
Umschlag des Glücks gebüßt haben, der den Haß der Menschen sänftigt und
nicht selten das harte Urtheil der Geschichte mildert.
Aber nicht allein der Fortschritt der Cultur und der Conflikt zwischen
zwei Adelsklassen von verschiedenem Ursprung nöthigt die privilegirten
Stände ihre Ansprüche aufzugeben oder doch aus Klugheit nicht merken zu
lassen. Die Aristokratie findet in den spanischen Colonien noch ein
anderes Gegengewicht, das sich von Tag zu Tag mehr geltend macht. Unter
den Weißen hat sich das Gefühl der Gleichheit aller Gemüther bemächtigt.
Ueberall, wo die Farbigen entweder als Sklaven oder als Freigelassene
angesehen werden, ist die angestammte Freiheit, das Bewußtseyn, daß man
nur Freie zu Ahnen hat, der eigentliche Adel. In den Colonien ist die
Hautfarbe das wahre äußere Abzeichen desselben. In Mexico wie in Peru, in
Caracas wie auf Cuba kann man alle Tage einen Menschen, der barfuß geht,
sagen hören: »Will der reiche weiße Mann weißer seyn als ich?« Da Europa
so große Menschenmengen an Amerika abgeben kann, so ist begreiflich, daß
der Satz: jeder Weiße ist Ritter, _todo blanco es caballero_ den
altadeligen europäischen Familien mit ihren Ansprüchen sehr unbequem ist.
Noch mehr: dieser selbe Satz ist in Spanien bei einem wegen seiner
Biederkeit, seines Fleißes und seines Nationalgeistes mit Recht geachteten
Volksstamm längst anerkannt: jeder Biscayer nennt sich adelig, und da es
in Amerika und auf den Philippinen mehr Biscayer gibt als zu Hause auf der
Halbinsel, so haben die Weißen von diesem Volksstamm nicht wenig dazu
beigetragen, den Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen, deren Blut
nicht mit afrikanischem Blut vermischt ist, in den Colonien zur Geltung zu
bringen.
Zudem sind die Länder, wo man, auch ohne Repräsentativregierung und ohne
Pairschaft, auf Stammbäume und Geburtsvorzüge so sehr viel hält,
keineswegs immer die, wo die Familienaristokratie am verletzendsten
auftritt. Vergebens sucht man bei den Völkern spanischen Ursprungs das
kalte, anspruchsvolle Wesen, das durch den Charakter der modernen Bildung
im übrigen Europa nur noch allgemeiner zu werden scheint. In den Colonien
wie im Mutterlande knüpfen Herzlichkeit, Unbefangenheit und große
Anspruchslosigkeit des Benehmens ein Band zwischen allen Ständen. Ja, man
kann sagen, Eitelkeit und Selbstsucht verletzen um so weniger, da sie sich
mit einer gewissen Offenheit und Naivität aussprechen.
Ich fand in Caracas in mehreren Familien Sinn für Bildung; man kennt die
Hauptwerke der französischen und italienischen Literatur, man liebt die
Musik, man treibt sie mit Erfolg, und sie verknüpft, wie die Pflege aller
schönen Kunst, die verschiedenen Stufen der Gesellschaft. Für
Naturwissenschaften und zeichnende Künste bestehen hier keine großen
Anstalten, wie Mexico und Santa Fe sie der Freigebigkeit der Regierung und
dem patriotischen Eifer der spanischen Bevölkerung verdanken. In einer so
wundervollen, überschwenglich reichen Natur gab sich kein Mensch an dieser
Küste mit Botanik oder Mineralogie ab. Nur in einem Franciscanerkloster
fand ich einen ehrwürdigen Alten, der für alle Provinzen von Venezuela den
Kalender berechnete und vom gegenwärtigen Stand der Astronomie einige
richtige Begriffe hatte. Unsere Instrumente waren ihm höchst merkwürdig,
und eines Morgens kamen uns sämmtliche Franciscaner ins Haus und
verlangten zu unserer großen Ueberraschung einen Inclinationscompaß zu
sehen. In Ländern, die vom vulkanischen Feuer unterhöhlt sind, und in
einem Himmelsstrich, wo die Natur so großartig und dabei so geheimnißvoll
unruhig ist, steigert sich von selbst die Aufmerksamkeit auf physikalische
Erscheinungen, und damit die Neubegier.
Wenn man daran denkt, daß in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in
kleinen Städten von 3000 Einwohnern Zeitungen erscheinen, so wundert man
sich, wenn man hört, daß Caracas mit einer Bevölkerung von 40--50,000
Seelen bis zum Jahr 1806 keine Druckerei hatte; denn so kann man doch
nicht wohl Pressen nennen, auf denen man Jahr um Jahr einen Kalender von
ein paar Seiten oder ein bischöfliches Ausschreiben zu Stande bringt. Der
Personen, denen Lesen ein Bedürfniß ist, sind nicht sehr viele, selbst in
denjenigen spanischen Colonien, wo die Cultur am weitesten fortgeschritten
ist; es wäre aber unbillig, den Colonisten zur Last zu legen, was das Werk
einer argwöhnischen Staatskunst ist. Ein Franzose, Delpeche, der durch
Heirath einer der geachtetsten Familien des Landes angehört, hat sich
durch die Errichtung der ersten guten Druckerei in Caracas verdient
gemacht. Es ist in unserer Zeit gewiß eine auffallende Erscheinung, daß
das kräftigste Mittel des Gedankenaustausches nicht vor einer politischen
Umwälzung eingeführt wird, sondern erst nachher.
In einem Land mit so reizenden Fernsichten, zu einer Zeit, wo trotz der
Aufstandsversuche die große Mehrzahl der Einwohner nur an materielle
Interessen dachte, an die Fruchtbarkeit des Jahres, an die lange Dürre, an
den Kampf zwischen den Winden von Petare und Catia, glaubte ich viele
Leute zu finden, welche mit den hohen Bergen in der Umgegend genau bekannt
wären; wir konnten aber in Caracas auch nicht Einen Menschen auftreiben,
der je auf dem Gipfel der Silla gewesen wäre. Die Jäger kommen in den
Bergen nicht bis oben hinauf, und in diesen Ländern geht kein Mensch
hinaus, um Alpenpflanzen zu sammeln, um Gebirgsarten zu untersuchen und
ein Barometer auf hohe Punkte zu bringen. Man ist an ein einförmiges Leben
zwischen seinen vier Wänden gewöhnt, man scheut die Anstrengung und die
raschen Witterungswechsel, und es ist, als lebe man nicht, um des Lebens
zu genießen, sondern eben nur, um fortzuleben.
Wir kamen auf unsern Spaziergängen häufig auf zwei Kaffeepflanzungen,
deren Eigenthümer angenehme Gesellschafter waren. Die Pflanzungen liegen
der Silla von Caracas gegenüber. Wir betrachteten mit dem Fernrohr die
schroffen Abhänge des Berges und seine beiden Spitzen, und konnten so zum
voraus ermessen, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben würden,
um auf den Gipfel zu gelangen. Nach den Höhenwinkeln, die ich auf unserem
Platze Trinidad aufgenommen, schien mir dieser Gipfel nicht so hoch über
dem Meere zu liegen, als der große Platz in der Stadt Quito. Diese
Schätzung stimmte aber schlecht mit den Vorstellungen der Bewohner des
Thals. Die Berge, welche über großen Städten liegen, erhalten eben dadurch
in beiden Continenten einen ungemeinen Ruf. Lange bevor man sie genau
gemessen hat, schreiben ihnen die Lokalgelehrten eine Höhe zu, die man
nicht in Zweifel ziehen kann, ohne gegen ein Nationalvorurtheil zu
verstoßen.
Der Generalcapitän Guevara verschaffte uns Führer durch den *Teniente* von
Chacao. Es waren Schwarze, denen der Weg, der über den Bergkamm an der
westlichen Spitze der Silla vorbei zur Küste führt, etwas bekannt war.
Dieser Weg wird von den Schleichhändlern begangen; aber weder unsere
Führer, noch die erfahrensten Leute in der Miliz, welche die
Schleichhändler in diesen Wildnissen verfolgen, waren je auf der östlichen
Spitze, dem eigentlichen Gipfel der Silla gewesen. Während des ganzen
Decembers war der Berg, dessen Höhenwinkel mich das Spiel der irdischen
Refraction beobachten ließen, nur fünfmal unumwölkt gewesen. Da in dieser
Jahreszeit selten zwei heitere Tage auf einander folgen, hatte man uns
gerathen, nicht bei hellem Wetter aufzubrechen, sondern zu einer Zeit, wo
die Wolken nicht hoch stehen und man hoffen darf, über der ersten
gleichförmig verbreiteten Dunstschicht in trockene, helle Luft zu
gelangen. Wir brachten die Nacht des 2. Januars in der *Estancia* de
Gallegos zu, einer Kaffeepflanzung, bei der in einer schattigen Schlucht
der Bach Chacaito, der vom Gebirge herab kommt, schöne Fälle bildet. Die
Nacht war ziemlich hell, und obgleich wir. am Vorabend eines
beschwerlichen Marsches gern einiger Ruhe genossen hätten, harrten wir,
Bonpland und ich, die ganze Nacht auf drei Bedeckungen der
Jupiterstrabanten. Ich hatte die Zeitpunkte der Beobachtungen zum voraus
bestimmt und doch verfehlten wir alle, weil sich in die _Conaissance de
temps_ Rechnungsfehler eingeschlichen hatten. Ein böser Stern waltete über
den Angaben hinsichtlich der Bedeckungen für December und Januar: man
hatte mittlere und wahre Zeit verwechselt.
Dieses Mißgeschick machte mir großen Verdruß, und nachdem ich vor
Sonnenaufgang die Intensität der magnetischen Kraft am Fuße des Berges
beobachtet, brachen wir um fünf Uhr Morgens mit den Sklaven, die unsere
Instrumente trugen, auf. Wir waren unser achtzehn Personen und gingen auf
schmalem Fußpfad in einer Reihe hinter einander. Dieser Pfad läuft über
einen steilen, mit Rasen bedeckten Abhang. Man sucht zuerst den Gipfel
eines Hügels zu erreichen, der gegen Südwest hin eine Art Vorgebirge der
Silla bildet. Derselbe hängt mit der Masse des Berges selbst durch einen
schmalen Damm zusammen, den die Hirten sehr bezeichnend »die Pforte«,
_Puerta de la Silla_ nennen. Wir erreichten ihn gegen sieben Uhr. Der
Morgen war schön und kühl, und der Himmel schien bis jetzt unser Vorhaben
zu begünstigen. Der Thermometer stand ein wenig unter 14° (11°,2 R.). Nach
dem Barometer waren wir bereits 685 Toisen über dem Meer, das heißt gegen
80 Toisen höher als die Venta, wo man die prächtige Aussicht auf die Küste
hat. Unsere Führer meinten, wir werden bis auf den Gipfel noch sechs
Stunden brauchen.
Wir gingen auf einem schmalen, mit Rasen bedeckten Felsdamm, und dieser
führte uns vom Vorgebirge der Puerta auf den Gipfel des großen Berges. Man
blickt zu beiden Seiten in zwei Thäler nieder, die vielmehr dicht
bewachsene Spalten sind. Zur Rechten sieht man die Schlucht, die zwischen
beiden Gipfeln gegen den Hof Munnoz herabläuft; links hat man unter sich
die Spalte des Chacaito, deren reiche Gewässer am Hofe Gallego
vorbeifließen. Man hört die Wasserfälle rauschen, ohne den Bach zu sehen,
der im dichten Schatten der _Erythrina_, _Clusia_ und der indischen
Feigenbäume [_Ficus nymphaeifolia_, _Erythrina mitis_] fließt. Nichts
malerischer in einem Erdstrich, wo so viele Gewächse große, glänzende,
lederartige Blätter haben, als tief unter sich die Baumwipfel von den fast
senkrechten Sonnenstrahlen beleuchtet zu sehen.
Von der Puerta an wird der Berg immer steiler. Man mußte sich stark
vorüber beugen, um vorwärts zu kommen. Der Winkel beträgt häufig 30--32
Grad. Der Rasen ist dicht und er war durch die lange Trockenheit sehr
glatt geworden. Gerne hätten wir Fußeisen oder mit Eisen beschlagene
Stöcke gehabt. Das kurze Gras bedeckt die Gneißfelsen und man kann sich
weder am Grase halten, noch Stufen einschneiden, wie auf weicherem Boden.
Dieses mehr mühsame als gefährliche Ansteigen wurde den Leuten aus der
Stadt, die uns begleitet hatten und das Bergsteigen nicht gewöhnt waren,
bald zu viel. Wir verloren viele Zeit, um auf sie zu warten, und wir
entschlossen uns erst, unsern Weg allein fortzusetzen, als wir alle den
Berg wieder hinabgehen, statt weiter heraufkommen sahen. Der Himmel fing
an sich zu bedecken. Bereits stieg aus dem feuchten Buschwald, der über
uns die Region der Alpensavanen begrenzte, der Nebel wie Rauch in dünnen,
geraden Streifen auf. Es war, als wäre an mehreren Punkten des Waldes
zugleich Feuer ausgebrochen. Nach und nach ballten sich diese
Dunststreifen zusammen, lösten sich vom Boden ab und streiften, vom
Morgenwind gejagt, als leichtes Gewölk um den runden Gipfel des Gebirgs.
Dieß war für Bonpland und mich ein untrügliches Zeichen, daß wir bald in
dichten Nebel gehüllt seyn würden. Da wir besorgten, unsere Führer möchten
sich diesen Umstand zu Nutze machen, um uns im Stiche zu lassen, ließen
wir diejenigen, welche die unentbehrlichsten Instrumente trugen, vor uns
hergehen. Fortwährend ging es am Abhang, gegen die Spalte des Chacaito zu,
aufwärts. Das vertrauliche Geschwätz der schwarzen Creolen stach
merkwürdig ab vom schweigsamen Ernst der Indianer, die in den Missionen
von Charipe unsere beständigen Begleiter gewesen waren. Sie machten sich
über die Leute lustig, die ein Unternehmen, zu dem sie sich lange
gerüstet, so schnell aufgegeben hatten; am schlimmsten kam ein junger
Kapuziner weg, ein Professor der Mathematik, der immer wieder darauf kam,
daß die europäischen Spanier aller Stände an Körperkraft und Muth den
Hispano-Amerikanern denn doch weit überlegen sehen. Er hatte sich mit
weißen Papierstreifen versehen, die in der Savane zerschnitten und
ausgeworfen werden sollten, um den Nachzüglern die einzuschlagende
Richtung anzugeben. Der Professor hatte sogar seinen Ordensbrüdern
versprochen, er wolle in der Nacht ein paar Raketen steigen lassen, um
ganz Caracas zu verkünden, daß ein Unternehmen glücklich zu Ende geführt
worden, das ihm, und ich muß sagen, nur ihm, vom höchsten Belang schien.
Er hatte nicht bedacht, daß seine lange, schwere Kleidung ihm beim
Bergsteigen hinderlich werden müsse. Er hatte lange vor den Creolen den
Muth verloren, und so blieb er den Tag vollends in einer nahen Pflanzung
und sah uns durch ein auf die Silla gerichtetes Fernrohr den Berg
hinaufklettern. Zu unserem Unstern hatte der Ordensmann, dem es nicht an
physikalischen Kenntnissen fehlte, und der wenige Jahre darauf von den
wilden Indianern am Apure ermordet wurde, die Besorgung des bei einer
Bergfahrt unentbehrlichen Wassers und der Mundvorräthe übernommen. Die
Sklaven, die zu uns stoßen sollten, wurden von ihm so lange aufgehalten,
daß sie erst sehr spät anlangten und wir zehn Stunden ohne Wasser und Brod
zubrachten.
Von den zwei abgerundeten Spitzen, die den Gipfel des Berges bilden, ist
die östliche die höchste, und auf diese sollten wir mit unsern
Instrumenten hinaufkommen. Von der Einsenkung zwischen beiden Gipfeln hat
der ganze Berg den spanischen Namen _Silla_*, Sattel*. Eine Schlucht,
deren wir bereits erwähnt, läuft von dieser Einsenkung ins Thal von
Caracas hinab; bei ihrem Anfang oder am obern Ende nähert sie sich der
westlichen Spitze. Man kann dem östlichen Gipfel nur so beikommen, daß man
zuerst westlich von der Schlucht über das Vorgebirge der Puerta gerade auf
den niedrigeren Gipfel zugeht und sich erst nach Ost wendet, wenn man den
Kamm oder die *Einsattelung* zwischen beiden Gipfeln beinahe erreicht hat.
Schon ein Blick auf den Berg zeigt diesen Weg als den von selbst
gegebenen, denn die Felsen östlich von der Schlucht sind so steil, daß es
schwer halten dürfte, auf den Gipfel der Silla zu gelangen, wenn man statt
über die Puerta gerade auf den östlichen Gipfel zuginge.
Vom Fuße des Falls des Chacaito bis in 1000 Toisen Höhe fanden wir nur
Savanen. Nur zwei kleine Liliengewächse mit gelben Blüthen erheben sich
über den Gräsern, mit denen das Gestein bewachsen ist. Hie und da
erinnerte ein Himbeerbusch [_Rubus jamaicensis_] an die europäischen
Pflanzenformen. Vergebens sahen wir uns auf diesen Bergen von Caracas, wie
später auf dem Rücken der Anden, neben den Himbeerbüschen nach einem
Rosenstrauche um. In ganz Südamerika haben wir keine einheimische Rosenart
gefunden, so nahe sich auch das Klima auf den hohen Bergen der heißen Zone
und das unseres gemäßigten Erdstrichs stehen. Ja dieser liebliche Strauch
scheint der ganzen südlichen Halbkugel diesseits und jenseits des
Wendekreises zu fehlen. Erst auf den Bergen von Mexico waren wir so
glücklich, unter dem 19. Grad der Breite einen amerikanischen Rosenstrauch
zu entdecken.
Von Zeit zu Zeit wurden wir in Nebel gehüllt und fanden uns dann über die
Richtung unseres Weges nur schwer zurecht, denn in dieser Höhe besteht
kein gebahnter Pfad mehr. Man hilft mit den Händen nach, wenn einen auf
dem steilen, glitschigen Abhang die Beine im Stiche lassen. Ein drei Fuß
mächtiger Gang mit Porzellanerde erregte unsere Aufmerksamkeit. Diese
schneeweiße Erde ist ohne Zweifel zersetzter Feldspath. Ich übergab dem
Intendanten der Provinz ansehnliche Proben davon. In einem Lande, wo es
nicht an Brennmaterial fehlt, läßt sich durch Beimischung feuerbeständiger
Erden das Töpfergeschirr, selbst die Backsteine, verbessern. So oft die
Wolken uns umgaben, fiel der Thermometer auf 12° (9°,6 R.), bei hellem
Himmel stieg er auf 21°. Diese Beobachtungen wurden im Schatten gemacht;
aber auf so steilen, mit vertrocknetem, gelbem, glattem Rasen bedeckten
Abhängen fällt es schwer, den Einfluß der strahlenden Wärme
auszuschließen. Wir waren in 940 Toisen Höhe und dennoch sahen wir in
gleicher Höhe ostwärts in einer Schlucht nicht ein paar einzelne Palmen,
sondern ein ganzes Palmenwäldchen. Es war die _Palma real_ vielleicht zur
Gattung _Oreodoxa_ gehörig. Diese Gruppe von Palmen in so bedeutender Höhe
war eine seltsame Erscheinung gegenüber den Weiden [Wildenows _Salix
Humboldtiana_], die im gemäßigteren Thalgrunde von Caracas hin und wieder
wachsen; so sieht man hier Gewächse mit europäischem Typus tiefer als
solche der heißen Zone vorkommen.
Nach vierstündigem Marsch über die Savanen kamen wir in ein Buschwerk aus
Sträuchern und niedrigen Bäumen, _‘el Pejual’_ genannt, wahrscheinlich
wegen des vielen Pejoa (_Gaultheria odorata_), eines Gewächses mit
wohlriechenden Blättern [s. Bd. I. Seite 335]. Der Abhang des Berges wurde
sanfter und mit unsäglicher Lust untersuchten wir die Gewächse dieser
Region. Vielleicht nirgends findet man auf so beschränktem Raum so schöne
und für die Pflanzengeographie bedeutsame Pflanzen beisammen. In tausend
Toisen Meereshöhe stoßen die hohen Savanen der Silla an eine Zone von
Sträuchern, die durch den Habitus, die gekrümmten Aeste, die harten
Blätter, die großen schönen Purpurblüthen an die Vegetation der *Paramos*
oder *Punas*(31) erinnern, wie man in der Cordillere der Anden sie nennt.
Hier treten auf: die Familie der Alprosen, die Thibaudien, die Andromeden,
die Vaccinien (Heidelbeerarten) und die Befarien mit harzigen Blättern,
die wir schon öfters mit dem Rhododendrum der europäischen Alpen
verglichen haben.
Wenn auch die Natur in ähnlichen Klimaten, sey es nun in Niederungen aus
isothermen Parallelen (von gleicher Wärme), sey es auf Hochebenen, deren
Temperatur mit der Temperatur weiter gegen die Pole gelegener Länder
übereinkommt, nicht dieselben Pflanzenarten hervorbringt, so zeigt doch
die Vegetation noch so weit entlegener Landstriche im ganzen Habitus die
auffallendste Aehnlichkeit. Diese Erscheinung ist eine der merkwürdigsten
in der Geschichte der organischen Bildungen; ich sage in der Geschichte,
denn wenn auch die Vernunft dem Menschen sagt, wie eitel Hypothesen über
den Ursprung der Dinge sind, das unlösbare Problem, wie sich die
Organismen über die Erde verbreitet, läßt uns dennoch keine Ruhe. Eine
schweizerische Grasart(32) wächst auf den Granitfelsen der Magellanschen
Meerenge. Neuholland hat über vierzig europäische phanerogame
Pflanzenarten aufzuweisen, und die meisten Gewächse, die den gemäßigten
Zonen beider Halbkugeln gemein sind, fehlen gänzlich in dem dazwischen
liegenden Landstrich, das heißt in der äquinoctialen Zone, sowohl auf den
Ebenen als auf dem Rücken der Gebirge. Eine Veilchenart mit behaarten
Blättern, mit der die Zone der Phanerogamen am Vulkan von Teneriffa
gleichsam abschließt, und von der man lange glaubte, sie gehöre der Insel
eigenthümlich an,(33) kommt dreihundert Meilen weiter nordwärts am
beschneiten Gipfel der Pyrenäen vor. Gräser und Riedgräser, die in
Deutschland, in Arabien und am Senegal wachsen, wurden unter den Pflanzen
gefunden, die Bonpland und ich auf den kalten mexicanischen Hochebenen, an
den heißen Ufern des Orinoco und in der südlichen Halbkugel auf dem Rücken
der Anden von Quito gesammelt. Wie will man begreiflich machen, daß
Gewächse über Striche mit ganz verschiedenem Klima, und die gegenwärtig
vom Meere bedeckt sind, gewandert seyn sollen? Oder wie kommt es, daß die
Keime von Organismen, die sich im Habitus und selbst im innern Bau
gleichen, sich in ungleichen Abständen von den Polen und von der
Meeresfläche überall entwickeln, wo so weit entlegene Orte in der
Temperatur einigermaßen überein kommen? Trotz des Einflusses des
Luftdrucks und der stärkeren oder geringeren Schwächung des Lichts auf die
Lebensthätigkeit der Gewächse ist doch die ungleiche Vertheilung der Wärme
unter die verschiedenen Jahreszeiten als die Haupttriebkraft der
Vegetation anzusehen.
Der Arten, welche auf beiden Continenten und in beiden Halbkugeln
gleichmäßig vorkommen, sind lange nicht so viele, als man nach den Angaben
der ältesten Reisenden geglaubt hatte. Auf den hohen Gebirgen des
tropischen Amerika kommen allerdings Wegeriche, Baldriane, Sandkräuter,
Ranunkeln, Mispeln, Eichen und Fichten vor, die man nach ihrer
Physiognomie mit den europäischen verwechseln könnte; sie sind aber alle
specifisch von letzteren verschieden. Bringt aber auch die Natur nicht
dieselben Arten hervor, so wiederholt sie doch die Gattungen. Nahe
verwandte Arten kommen oft in ungeheuern Entfernungen von einander vor, in
den Niederungen des gemäßigten Erdstrichs die einen, in den Alpenregionen
unter dem Aequator die andern. Andere male (und die Silla von Caracas
bietet ein auffallendes Beispiel hiefür) sind nicht Arten europäischer
Gattungen wie Colonisten auf die Berge der heißen Zone herübergekommen, es
treten vielmehr hier wie dort Gattungen derselben Zunft auf, die nach dem
Habitus nicht leicht zu unterscheiden sind und unter verschiedenen Breiten
einander ersetzen.
Von den Bergen von Neu-Grenada, welche die Hochebene von Bogota umgeben,
bis zu den Bergen von Caracas sind es über zweihundert Meilen, und doch
zeigt die Silla, der einzige hohe Gipfel einer ziemlich niedrigen
Bergkette, dieselbe merkwürdige Zusammenstellung von Befarien mit
purpurrothen Blüthen, Andromeden, Gaultherien, Myrtillen, _Uvas
camaronas_, Nertera und Aralien mit wolligten Blättern, wie sie für die
Vegetation der *Paramos* auf den hohen Cordilleren von Santa Fe
charakteristisch ist. Wir fanden dieselbe _Thibaudia glandulosa_ am
Eingang der Hochebene von Bogota und im *Pejual* auf der Silla. Die
Küstenkette von Caracas hängt unzweifelhaft (über den Torito, die
Palomera, Tocuyo, die Paramos de las Rosas, Bocono und Niquitao) mit den
hohen Cordilleren von Merida, Pamplona und Santa Fe zusammen; aber von der
Silla bis zum Tocuyo, siebzig Meilen weit, sind die Berge von Caracas so
niedrig, daß für die oben erwähnten Sträucher aus der Familie der
Ericineen das Klima nicht kühl genug ist. Und wenn auch, wie
wahrscheinlich ist, die Thibaudia und die Alpenrose der Anden oder die
Befaria im Paramo von Niquitao und in der mit ewigem Schnee bedeckten
Sierra de Merida vorkommen, so ist doch auf eine weite Strecke kein
Felskamm, der hoch genug wäre, daß diese Gewächse auf ihm nach der Silla
von Caracas hätten wandern können.
Je mehr man die Vertheilung der organischen Bildungen auf der
Erdoberfläche kennen lernt, desto geneigter wird man, wenn auch nicht
diese Vorstellungen von einer Wanderung aufzugeben, doch darin keinen
ausreichenden Erklärungsgrund mehr zu erblicken. Die Kette der Anden
theilt der Länge nach ganz Südamerika in zwei ungleiche Stücke. Am Fuße
dieser Kette, ostwärts und westwärts, fanden wir in großer Anzahl
dieselben Pflanzenarten. All die verschiedenen Uebergänge der Cordilleren
sind aber der Art, daß nirgends Gewächse der heißen Zone von den Küsten
der Südsee an die Ufer des Amazonenstroms gelangt seyn können. Wenn, sey
es nun im Tiefland oder in ganz niedrigen Bergen, sey es inmitten eines
Archipels von durch unterirdisches Feuer emporgehobenen Inseln, ein
Berggipfel zu einer großen Höhe ansteigt, so ist sein Gipfel mit
Alpenkräutern bewachsen, die zum Theil in ungeheuren Entfernungen auf
andern Bergen mit ähnlichem Klima gleichfalls vorkommen. In dieser Weise
zeigen sich im Allgemeinen die Gewächse vertheilt und man kann den
Forschern die genauere Ermittlung dieser Verhältnisse nicht dringend genug
empfehlen. Wenn ich hier gegen voreilige Hypothesen spreche, so nehme ich
es keineswegs über mich, befriedigendere dafür aufzustellen. Ich halte
vielmehr die Probleme, von denen es sich hier handelt, für unlösbar, und
nach meiner Anschauung hat die Erfahrung geleistet, was sie kann, wenn sie
die Gesetze ermittelt, nach denen die Natur die Pflanzengebilde vertheilt
hat.
Man sagt, ein Berg sey so hoch, daß er die Grenze des Rhododendrum und der
Befaria erreiche, wie man schon lange sagt, ein Berg erreiche die Grenze
des ewigen Schnees. Mit diesem Ausdruck setzt man stillschweigend voraus,
daß unter dem Einflusse gewisser Wärmegrade sich nothwendig gewisse
vegetabilische Formen entwickeln müssen. Streng genommen ist nun diese
Voraussetzung allerdings nicht richtig. Die Fichten Mexico’s fehlen auf
den Cordilleren von Peru; auf der Silla von Caracas wachsen nicht die
Eichen, die man in Neu-Grenada in derselben Höhe findet. Die
Uebereinstimmung in den Bildungen deutet auf analoges Klima; aber in
analogen Klimaten können die Arten bedeutend von einander abweichen.
Die herrliche Alpenrose der Anden, die Befaria, wurde zuerst von Mutis
beschrieben, der sie bei Pamplona und Santa Fe de Bogota unter dem
4--7. Grad nördlicher Breite gefunden. Sie war vor unserer Besteigung der
Silla so wenig bekannt, daß sie sich fast in keinem Herbarium in Europa
fand. Wie die Alpenrosen Lapplands, des Caucasus und der Alpen(34) von
einander abweichen, so sind auch die beiden Befariaarten, die wir von der
Silla mitgebracht,(35) von denen bei Santa Fe de Bogota(36) specifisch
verschieden. In der Nähe des Aequators bedecken die Alpenrosen der Anden
die Berge bis in die höchsten Paramos hinauf, in 16--1700 Toisen
Meereshöhe. Weiter gegen Norden, auf der Silla von Caracas, findet man sie
weit tiefer, in etwas über 1000 Toisen Höhe; die kürzlich in Florida unter
dem 30. Grad der Breite entdeckte Befaria wächst sogar auf niedrigen
Hügeln. So rücken denn auf einer Strecke von 600 Meilen der Breite diese
Sträucher immer weiter gegen das Tiefland herab, je weiter vom Aequator
sie vorkommen. Ebenso wächst die lappländische Alpenrose 8--900 Toisen
tiefer als die der Alpen oder Pyrenäen. Wir wunderten uns, daß wir in den
Gebirgen von Mexico, zwischen den Alpenrosen von Santa Fe und Caracas
einerseits und denen von Florida andererseits, keine Befariaart fanden.
Im kleinen Buschwald auf der Silla ist die _Befaria ledifolia_ nur drei
bis vier Fuß hoch. Der Stamm theilt sich gleich am Boden in viele
zerbrechliche, fast quirlförmig gestellte Aeste. Die Blätter sind
eiförmig, zugespitzt, an der Unterfläche graugrün und an den Rändern
aufgerollt. Die ganze Pflanze ist mit langen, klebrigen Haaren bedeckt und
hat einen sehr angenehmen Harzgeruch. Die Bienen besuchen ihre schönen,
purpurrothen Blüthen, die, wie bei allen Alpenpflanzen, ungemein zahlreich
und ganz entwickelt oft gegen einen Zoll breit sind.
Das Rhododendrum der Schweiz wächst, in 800--1100 Toisen Meereshöhe, in
einem Klima mit einer mittleren Temperatur von +2° und -1°, also ähnlich
dem Klima der Ebenen Lapplands. In dieser Zone haben die kältesten Monate
+4° und -10°, die wärmsten Monate +12° und 7°. Nach thermometrischen
Beobachtungen in denselben Höhen und unter denselben Parallelen beträgt im
Pejual auf der Silla die mittlere Temperatur der Luft sehr wahrscheinlich
noch 17--18° und steht der Thermometer in der kühlsten Jahreszeit bei Tag
zwischen 15 und 20°, bei Nacht zwischen 10 und 12°. Beim
St. Gotthardshospiz, nahe der obern Grenze der helvetischen Alpenrose, ist
die größte Wärme im August um Mittag (im Schatten) gewöhnlich 12--13°;
Nachts kühlt sich in derselben Jahreszeit die Luft in Folge der
Wärmestrahlung des Bodens auf +1 oder -1°,5 ab. Unter demselben
barometrischen Druck, also in derselben Meereshöhe, aber um dreißig
Breitegrade näher beim Aequator ist die Befaria auf der Silla um Mittag
häufig einer Temperatur von 23--24 Grad ausgesetzt und bei Nacht fällt
dieselbe wahrscheinlich niemals unter 8 Grad. Wir haben hier genau die
Klimate verglichen, unter denen zwei derselben Familie angehörende
Pflanzengruppen unter verschiedenen Breiten in gleicher Meereshöhe
wachsen; das Ergebniß wäre ein ganz anderes, wenn wir Zonen verglichen
hätten, die gleich weit vom ewigen Schnee oder von der isothermen Linie
liegen.
Im Pejual wachsen neben der Befaria mit purpurrothen Blüthen eine
_Hedyotis_ mit Heidekrautblättern, die acht Fuß hoch wird, die _Caparosa_
ein großes baumartiges Johanniskraut, ein _Lepidium_, das mit dem
virginischen identisch scheint, endlich Bärlappenpflanzen und Moose,
welche Felsen und Baumwurzeln überziehen. Am berühmtesten ist aber dieses
Buschwerk im Lande wegen eines 10--15 Fuß hohen Strauches aus der Familie
der Corymbiferen. Die Creolen nennen denselben _Inciensoz_*, Weihrauch*.
Seine lederartigen, gekerbten Blätter und die Spitzen der Zweige sind mit
einer weißen Wolle bedeckt. Es ist eine neue, sehr harzreiche Trixisart;
die Blüthen riechen angenehm nach Borax, ganz anders als die der _Trixis
therebintinacea_ in den Bergen von Jamaica, die denen von Caracas
gegenüberliegen. Man mengt zuweilen den »Weihrauch« von der Silla mit den
Blüthen der _Pevetera_ gleichfalls einer Pflanze mit zusammengesetzter
Blüthe, deren Geruch dem des peruanischen Heliotrops ähnelt. Die
_Pevetera_ geht aber in den Bergen nicht bis zur Zone der Alprosen hinauf,
sie kommt im Thale von Chacao vor und die Damen von Caracas verfertigen
ein sehr angenehmes Riechwasser daraus.
Wir hielten uns im Pejual mit der Untersuchung der schönen harzigten und
wohlriechenden Pflanzen lange auf. Der Himmel wurde immer finsterer, der
Thermometer sank unter 11°. Es ist dieß eine Temperatur, bei der man in
diesem Himmelsstrich zu frieren anfängt. Tritt man aus dem Gebüsch von
Alpsträuchern, so ist man wieder in einer Savane. Wir stiegen ein Stück am
westlichen Gipfel hinauf, um darauf in die Einsattelung, in das Thal
zwischen beiden Gipfeln der Silla hinabzugelangen. Hier war wegen des
üppigen Pflanzenwuchses schwer durchzukommen. Ein Botaniker riethe nicht
leicht darauf, daß das dichte Buschwerk, das diesen Grund bedeckt, von
einem Gewächs aus der Familie der Musaceen [Scitamineen oder
Bananengewächse] gebildet wird. Es ist wahrscheinlich eine _Macantha_ oder
_Heliconia_; die Blätter sind breit, glänzend; sie wird 14--15 Fuß hoch
und die saftigen Stengel stehen dicht beisammen, wie das Schilfrohr auf
feuchten Gründen im östlichen Europa. Durch diesen Wald von Musaceen
mußten wir uns einen Weg bahnen. Die Neger gingen mit ihren Messern oder
Machettes vor uns her. Das Volk wirft diese Alpenbanane und die
baumartigen Gräser unter dem Namen *Carice* zusammen; wir sahen weder
Blüthe noch Frucht des Gewächses. Man ist überrascht, in 1100 Toisen Höhe,
weit über den Andromeden, Thibaudien und der Alpenrose der Cordilleren,
einer Monocotyledonenfamilie zu begegnen, von der man meint, sie gehöre
ausschließlich den heißen Niederungen unter den Tropen an. In einer ebenso
hohen und noch nördlicheren Gebirgskette, in den blauen Bergen auf
Jamaica, wachsen die *Papageien-Heliconia* und der *Vichai*, auch
vorzugsweise an alpinischen schattigen Orten.
Wir arbeiteten uns durch das Dickicht von Musaceen oder baumartigen
Kräutern immer dem östlichen Gipfel zu, den wir ersteigen wollten. Von
Zeit zu Zeit war er durch einen Wolkenriß zu sehen; auf einmal aber waren
wir in dicken Nebel gehüllt und wir konnten uns nur nach dem Compaß
richten; gingen wir aber weiter nordwärts, so liefen wir bei jedem Schritt
Gefahr, an den Rand der ungeheuren Felswand zu gelangen, die fast
senkrecht 6000 Fuß hoch zum Meer abfällt. Wir mußten Halt machen; und wie
so die Wolken um uns her über den Boden wegzogen, fingen wir an zu
zweifeln, ob wir vor Einbruch der Nacht auf die östliche Spitze gelangen
könnten. Glücklicherweise waren inzwischen die Neger, die das Wasser und
den Mundvorrath trugen, eingetroffen, und wir beschlossen, etwas zu uns zu
nehmen; aber unsere Mahlzeit dauerte nicht lang. Sey es nun, daß der Pater
Kapuziner nicht an unsere vielen Begleiter gedacht, oder daß die Sklaven
sich über den Vorrath hergemacht hatten, wir fanden nichts als Oliven und
fast kein Brod. Das Mahl, dessen Lob Horaz in seinem Tibur singt,(37) war
nicht leichter und frugaler; an Oliven mochte sich aber immerhin ein
stillsitzender, studirender Poet sättigen, für Bergsteiger waren sie eine
kärgliche Kost. Wir hatten die vergangene Nacht fast ganz durchwacht, und
waren jetzt seit neun Stunden auf den Beinen, ohne Wasser angetroffen zu
haben. Unsere Führer hatten den Muth verloren, sie wollten durchaus
umkehren, und Bonpland und ich hielten sie nur mit Mühe zurück.
Mitten im Nebel machte ich den Versuch mit dem Volta’schen Elektrometer.
Obgleich ich ganz nahe an den dicht gedrängten Heliconien stand, erhielt
ich deutliche Spuren von Luftelektricität. Sie wechselte oft zwischen
negativ und positiv und ihre Intensität war jeden Augenblick anders. Diese
Schwankungen und mehrere kleine entgegengesetzte Luftströmungen, die den
Nebel zertheilten und zu scharf begrenzten Wolken ballten, schienen mir
untrügliche Zeichen, daß das Wetter sich ändern wollte. Es war erst zwei
Uhr nach Mittag. Wir hofften immer noch vor Sonnenuntergang auf die
östliche Spitze der Silla gelangen und wieder in das Thal zwischen beiden
Gipfeln herabkommen zu können. Hier wollten wir von den Negern aus den
breiten dünnen Blättern der Heliconia eine Hütte bauen lassen, ein großes
Feuer anzünden und die Nacht zubringen. Wir schickten die Hälfte unserer
Leute fort, mit der Weisung, uns am andern Morgen nicht mit Oliven,
sondern mit gesalzenem Fleisch entgegenzukommen.
Kaum hatten wir solches angeordnet, so fing der Wind an stark von der See
her zu blasen und der Thermometer stieg auf 12°,5. Es war ohne Zweifel ein
aufsteigender Luftstrom, der die Temperatur erhöhte und damit die Dünste
auflöste. Kaum zwei Minuten, so verschwanden die Wolken und die beiden
Gipfel der Silla lagen ganz auffallend nahe vor uns. Wir öffneten den
Barometer am tiefsten Punkt der Einsenkung zwischen den Gipfeln bei einer
kleinen Lache schlammigten Wassers. Hier wie auf den Antillen findet man
sumpfigte Stellen in bedeutenden Höhen, nicht weil das bewaldete Gebirge
die Wolken anzieht, sondern weil durch die Abkühlung bei Nacht, in Folge
der Wärmestrahlung des Bodens und des Parenchyms der Gewächse, der
Wasserdunst verdichtet wird. Das Quecksilber stand auf 21 Zoll 5,7 Linien.
Wir gingen jetzt gerade auf den östlichen Gipfel zu. Der Pflanzenwuchs
hielt uns nachgerade weniger auf; zwar mußte man immer noch Heliconien
umhauen, aber diese baumartigen Kräuter waren jetzt nicht mehr hoch und
standen nicht mehr so dicht. Die Gipfel der Silla selbst, wie schon öfter
erwähnt, sind nur mit Gras und kleinen Befariasträuchern bewachsen. Aber
nicht wegen ihrer Höhe sind sie so kahl; die Baumgrenze liegt in dieser
Zone noch um 400 Toisen höher; denn nach andern Gebirgen zu schließen,
befände sich diese Grenze hier erst in 1800 Toisen Höhe. Große Bäume
scheinen auf den beiden Felsgipfeln der Silla nur deßhalb zu fehlen, weil
der Boden so dürr und der Seewind so heftig ist, und die Oberfläche, wie
auf allen Bergen unter den Tropen, sooft abbrennt.
Um auf den höchsten, östlichen Gipfel zu kommen, muß man so nahe als
möglich an dem ungeheuern Absturz Caravalleda und der Küste zu hingehen.
Der Gneiß hatte bisher sein blätteriges Gefüge und seine ursprüngliche
Streichung behalten; jetzt, da wir am Gipfel hinaufstiegen, ging er in
Granit über. Wir brauchten drei Viertelstunden bis auf die Spitze der
Pyramide. Dieses Stück des Wegs ist keineswegs gefährlich, wenn man nur
prüft, ob die Felsstücke, auf die man den Fuß setzt, fest liegen. Der dem
Gneiß aufgelagerte Granit ist nicht regelmäßig geschichtet, sondern durch
Spalten getheilt, die sich oft unter rechten Winkeln scheiden.
Prismatische, einen Fuß breite, zwölf Fuß lange Blöcke ragen schief aus
dem Boden hervor, und am Rande des Absturzes sieht es aus, als ob
ungeheure Balken über dem Abgrund hingen.
Auf dem Gipfel hatten wir, freilich nur einige Minuten, ganz klaren
Himmel. Wir genoßen einer ungemein weiten Aussicht; wir sahen zugleich
nach Norden über die See weg, nach Süden in das fruchtbare Thal von
Caracas hinab. Der Barometer stand auf 20 Zoll 7,6 Linien, die Temperatur
der Luft war 13°,7. Wir waren in 1350 Toisen Meereshöhe. Man überblickt
eine Meeresstrecke von 36 Meilen Halbmesser. Wem beim Blick in große
Tiefen schwindligt wird, muß mitten auf dem kleinen Plateau bleiben. Durch
seine Höhe ist der Berg eben nicht ausgezeichnet; ist er doch gegen 100
Toisen niedriger als der Canigou in den Pyrenäen; aber er unterscheidet
sich von allen Bergen, die ich bereist, durch den ungeheuren Absturz gegen
die See zu. Die Küste bildet nur einen schmalen Saum, und blickt man von
der Spitze der Pyramide auf die Häuser von Caravalleda hinab, so meint
man, in Folge einer öfter erwähnten optischen Täuschung, die Felswand sey
beinahe senkrecht. Nach einer genauen Berechnung schien mir der
Neigungswinkel 53°,28′; am Pic von Teneriffa beträgt die Neigung im
Durchschnitt kaum 12° 30′. Ein 6--7000 Fuß hoher Absturz wie an der Silla
von Caracas ist eine weit seltenere Erscheinung, als man glaubt, wenn man
in den Bergen reist, ohne ihre Höhen, ihre Massen und ihre Abhänge zu
messen. Seit man sich in mehreren Ländern Europas von Neuem mit Versuchen
über den Fall der Körper und ihre Abweichung gegen Südost beschäftigt, hat
man in den Schweizer Alpen sich überall vergeblich nach einer senkrechten,
250 Toisen hohen Felswand umgesehen. Der Neigungswinkel des Montblanc
gegen die _allée blanche_ beträgt keine 45 Grad, obgleich man in den
meisten geologischen Werken liest, der Montblanc falle gegen Süd senkrecht
ab.
Auf der Silla von Caracas ist der ungeheure nördliche Abhang, trotz seiner
großen Steilheit, zum Theil bewachsen. Befaria- und Andromedabüsche hängen
an der Felswand. Das kleine südwärts gelegene Thal zwischen den Gipfeln
zieht sich der Meeresküste zu fort; die Alppflanzen füllen diese
Einsenkung aus, ragen über den Kamm des Berges empor und folgen den
Krümmungen der Schlucht. Man meint unter diesen frischen Schatten müsse
Wasser fließen, und die Vertheilung der Gewächse, die Gruppirung so vieler
unbeweglicher Gegenstände bringt Leben und Bewegung in die Landschaft.
Es war jetzt sieben Monate, daß wir auf dem Gipfel des Vulkans von
Teneriffa gestanden hatten, wo man eine Erdfläche überblickt, so groß als
ein Viertheil von Frankreich. Der scheinbare Meereshorizont liegt dort
sechs Meilen weiter ab als auf der Silla, und doch sahen wir dort den
Horizont, wenigstens eine Zeitlang, sehr deutlich. Er war scharf begrenzt
und verschwamm nicht mit den anstoßenden Luftschichten. Auf der Silla, die
um 550 Toisen niedriger ist als der Pic von Teneriffa, konnten wir den
näher gerückten Horizont gegen Nord und Nord-Nord-Ost nicht sehen.
Blickten wir über die Meeresfläche weg, die einem Spiegel glich, so fiel
uns auf, wie das reflektirte Licht in steigendem Verhältniß abnahm. Wo die
Gesichtslinie die äußerste Grenze der Fläche streift, verschwamm das
Wasser mit den darüber gelagerten Luftschichten. Dieser Anblick hat etwas
sehr Auffallendes. Man erwartet den Horizont im Niveau des Auges zu sehen,
und statt daß man in dieser Höhe eine scharfe Grenze zwischen den beiden
Elementen bemerkte, schienen die fernsten Wasserschichten sich in Dunst
aufzulösen und mit dem Luftocean zu mischen. Dasselbe beobachtete ich,
nicht an einem einzigen Stück des Horizonts, sondern auf einer Strecke von
mehr als 160 Grad, am Ufer der Südsee, als ich zum erstenmal auf dem
spitzen Fels über dem Krater des Pichincha stand, eines Vulkans, der höher
ist als der Montblanc. Ob ein sehr ferner Horizont sichtbar ist oder
nicht, das hängt von zwei verschiedenen Momenten ab, von der Lichtmenge,
welche der Theil des Oceans empfängt, auf den die Gesichtslinie zuläuft,
und von der Schwächung, die das reflektirte Licht bei seinem Durchgang
durch die dazwischen liegenden Luftschichten erleidet. Trotz des heitern
Himmels und der durchsichtigen Luft kann die See in der Entfernung von
35--40 Meilen schwach beleuchtet seyn, oder die Luftschichten zunächst der
Oberfläche können das Licht bedeutend schwächen, indem sie die
durchgehenden Strahlen absorbiren.
Selbst vorausgesetzt, die Refraktion äußere gar keinen Einfluß, sollte man
auf dem Gipfel der Silla bei schönem Wetter die Inseln Tortuga, Orchila,
Roques und Aves sehen, von denen die nächsten 25 Meilen entfernt sind. Wir
sahen keine derselben, sey es nun wegen des Zustandes der Luft, oder weil
die Zeit, die wir bei heiterem Himmel dazu verwenden konnten, die Inseln
zu suchen, nicht lang genug war. Ein unterrichteter Seemann, der den Berg
mit uns hatte besteigen wollen, Don Miguel Areche, versicherte uns, die
Silla bei den Salzklippen an der Rocca de Fuera, unter 12° 1′ der Breite
gesehen zu haben [Die Silla liegt unter 10° 31′ 5″ der Breite.]. Wenn die
umgebenden Gipfel die Aussicht nicht beschränkten, müßte man von der Silla
die Küste ostwärts bis zum Morro de Piritu, westwärts bis zur Punta del
Soldado, 10 Meilen unter dem Wind von Portobello, sehen. Südwärts, dem
innern Lande zu, begrenzt die Bergkette, welche Yare und die Savane von
Ocumare vom Thale von Caracas trennt, den Horizont wie ein Wall, der in
der Richtung eines Parallelkreises hinläuft. Hätte dieser Wall eine
Oeffnung, eine Lücke, dergleichen in den hohen Bergen des Salzburger
Landes und der Schweiz häufig vorkommen, so genöße man hier des
merkwürdigsten Schauspiels. Man sähe durch die Lücke die Llanos, die
weiten Steppen von Calabozo, und da diese Steppen in gleiche Höhe mit dem
Auge des Beobachters aufstiegen, so übersähe man vom selben Punkte zwei
gleichartige Horizonte, einen Wasser- und einen Landhorizont.
Die westliche abgerundete Spitze der Silla entzog uns die Aussicht auf die
Stadt Caracas; deutlich aber sahen wir die ihr zunächstliegenden Häuser,
die Dörfer Chacao und Petare, die Kaffeepflanzungen und den Lauf des
Guayre, einen silberglänzenden Wasserfaden. Der schmale Streif bebauten
Landes stach angenehm ab vom düstern, wilden Aussehen der umliegenden
Gebirge.
Uebersieht man so mit Einem Blick diese reiche Landschaft, so bedauert man
kaum, daß kein Bild vergangener Zeiten den Einöden der neuen Welt höheren
Reiz gibt. Ueberall wo in der heißen Zone der von Gebirgen starrende, mit
dichtem Pflanzenwuchs bedeckte Boden sein ursprüngliches Gepräge behalten
hat, erscheint der Mensch nicht mehr als Mittelpunkt der Schöpfung. Weit
entfernt, die Elemente zu bändigen, hat er vollauf zu thun, sich ihrer
Herrschaft zu entziehen. Die Umwandlungen, welche die Erdoberfläche seit
Jahrhunderten durch die Hand der Wilden erlitten, verschwinden zu nichts
gegen das, was das unterirdische Feuer, die austretenden gewaltigen
Ströme, die tobenden Stürme in wenigen Stunden leisten. Der Kampf der
Elemente unter sich ist das eigentlich Charakteristische der Naturscenerie
in der neuen Welt. Ein unbewohntes Land kommt dem Reisenden aus dem
cultivirten Europa wie eine Stadt vor, aus der die Einwohnerschaft
ausgezogen. Hat man einmal in Amerika ein paar Jahre in den Wäldern der
Niederungen oder auf dem Rücken der Cordilleren gelebt, hat man in Ländern
so groß wie Frankreich nur eine Handvoll zerstreuter Hütten stehen sehen;
so hat eine weite Einöde nichts Schreckendes mehr für die
Einbildungskraft. Man wird vertraut mit der Vorstellung einer Welt, in der
nur Pflanzen und Thiere leben, wo niemals der Mensch seinen Jubelschrei
oder die Klagelaute seines Schmerzes hören ließ.
Wir konnten die günstige Lage der Silla, die alle Gipfel umher überragt,
nicht lange für unsere Zwecke nützen. Während wir mit dem Fernrohr den
Seestrich, wo der Horizont scharf begrenzt war, und die Bergkette von
Ocumare betrachteten, hinter der die unbekannte Welt des Orinoco und des
Amazonenstroms beginnt, zog ein dicker Nebel aus der Niederung zu den
Höhen herauf. Zuerst füllte er den Thalgrund von Caracas. Der von oben
beleuchtete Wasserdunst war gleichförmig milchweiß gefärbt. Es sah aus,
als stände das Thal unter Wasser, als bildeten die Berge umher die
schroffen Ufer eines Meeresarms. Lange warteten wir vergeblich auf den
Sklaven, der den großen Ramsdenschen Sextanten trug; ich mußte den Zustand
des Himmels benutzen und entschloß mich, einige Sonnenhöhen mit einem
Troughtonschen Sextanten von zwei Zoll Halbmesser aufzunehmen. Die
Sonnenscheibe war von Nebel halb verschleiert. Der Längenunterschied
zwischen dem Quartier Trinidad in Caracas und dem östlichen Gipfel der
Silla scheint kaum größer als 0° 3′ 22″.
Während ich, auf dem Gestein sitzend, die Inclination der Magnetnadel
beobachtete, sah ich, daß sich eine Menge haarigter Bienen, etwas kleiner
als die Honigbiene des nördlichen Europa, auf meine Hände gesetzt hatten.
Diese Bienen nisten im Boden. Sie fliegen selten aus, und nach ihren
trägen Bewegungen konnte man glauben, sie seyen auf dem Berg starr vor
Kälte. Man nennt sie hier zu Lande _Angelitos_, Engelchen, weil sie nur
sehr selten stechen. Trotz der Behauptung mehrerer Reisenden, ist es nicht
wahr, daß diese dem neuen Continent eigenthümlichen Bienen gar keine
Angriffswaffe haben. Ihr Stachel ist nur schwächer und sie brauchen
denselben seltener. So lange man von der Harmlosigkeit dieser Angelitos
nicht vollkommen überzeugt ist, kann man sich einiger Besorgniß nicht
erwehren. Ich gestehe, daß ich oft während astronomischer Beobachtungen
beinahe die Instrumente hätte fallengelassen, wenn ich spürte, dass mir
Gesicht und Hände voll dieser haarigten Bienen saßen. Unsere Führer
versicherten, sie setzen sich nur zur Wehr, wenn man sie durch Anfassen
der Füße reize. Ich fühlte mich nicht aufgelegt, den Versuch an mir selbst
zu machen.
Die Lufttemperatur auf der Silla schwankte zwischen 11 und 14 Grad, je
nachdem die Luft still war oder der Wind blies. Bekanntlich ist es sehr
schwer, auf Berggipfeln die Temperatur zu bestimmen, nach der man die
Barometerhöhe zu berechnen hat. Der Wind kam aus Ost, und dieß scheint zu
beweisen, daß der Seewind oder die Passatwinde in dieser Breite weit über
1500 Toisen hinaufreichen. Leopold von Buch hat die Beobachtung gemacht,
daß auf dem Pic von Teneriffa, nahe an der nördlichen Grenze der
Passatwinde, in 1900 Toisen Meereshöhe, meist ein Gegenwind (_vent de
remou_), der Westwind herrscht. Die Pariser Academie der Wissenschaften
hatte die Physiker, welche den unglücklichen La Peyrouse begleiteten,
aufgefordert zur See unter den Tropen mittelst kleiner Luftballons zu
beobachten, wie weit die Passate hinaufreichen. Dergleichen Untersuchungen
sind sehr schwierig, wenn der Beobachter an der Erdoberfläche bleibt. Die
kleinen Ballons steigen meist nicht so hoch als die Silla, und das leichte
Gewölk, das sich zuweilen in 3--4000 Toisen Höhe zeigt, wie z. B. die
sogenannten *Schäfchen*, stehen still oder rücken so langsam fort, daß
sich ihre Richtung nicht bestimmen lässt.
Während der kurzen Zeit, wo der Himmel im Zenith klar war, fand ich das
Blau der Luft um ein Bedeutendes dunkler als an der Küste. Es war gleich
26°,5 des Saussure’schen Cyanometers. In Caracas zeigte dasselbe
Instrument bei hellem, trockenem Wetter meist nur 18 Grad. Wahrscheinlich
ist in den Monaten Juli und August der Unterschied in dieser Beziehung
zwischen der Küste und dem Gipfel der Silla noch viel bedeutender. Was
aber unter allen meteorologischen Erscheinungen in der Stunde, die wir auf
dem Berge zubrachten, Bonpland und mich am meisten überraschte, war die
anscheinende Trockenheit der Luft, die mit der Entwicklung des Nebels noch
zuzunehmen schien. Als ich den (Deluc’schen) Fischbeinhygrometer aus dem
Kasten nahm, um damit zu experimentiren, zeigte er 52 Grad (87° nach
Saussure). Der Himmel war hell; aber Dunststreifen mit deutlichen Umrissen
zogen von Zeit zu Zeit zwischen uns durch am Boden weg. Der Deluc’sche
Hygrometer ging auf 49 Grad (85° nach Saussure) zurück. Eine halbe Stunde
später hüllte eine dicke Wolke uns ein; wir konnten die nächsten
Gegenstände nicht mehr erkennen und sahen mit Erstaunen, daß das
Instrument fortwährend dem Trockenpunkt zuging, bis 47 Grad (84°
Saussure). Die Lufttemperatur war dabei 12--13°. Obgleich beim
Fischbeinhygrometer der Sättigungspunkt in der Luft nicht bei 100 Grad
ist, sondern bei 84°,5 (99° S.), so schien mir doch dieser Einfluß einer
Wolke auf den Gang des Instrumentes im höchsten Grade auffallend. Der
Nebel dauerte lang genug, daß der Fischbeinstreifen durch Anziehung der
Wassertheilchen sich hätte verlängern können. Unsere Kleider wurden nicht
feucht. Ein in dergleichen Beobachtungen geübter Reisender versicherte
mich kürzlich, er habe auf der _Montagne pelée_ auf Martinique eine Wolke
ähnlich auf den Haarhygrometer wirken sehen. Der Physiker hat die
Verpflichtung, die Erscheinungen zu berichten, wie die Natur sie bietet,
zumal wenn er nichts versäumt hat, um Fehler in der Beobachtung zu
vermeiden. Saussure sah während eines heftigen Regengusses, wobei sein
Hygrometer nicht naß wurde, denselben (fast wie auf der Silla in der
Wolke) auf 84°,7 (48°,6 Deluc) stehen bleiben; man begreift aber leichter,
daß die Luft zwischen den Regentropfen nicht vollständig gesättigt wird,
als daß der Wasserdunst, der den hygroscopischen Körper unmittelbar
berührt, denselben nicht dem Sättigungspunkt zutreibt. In welchem Zustand
befindet sich Wasserdunst, der nicht naß macht und doch sichtbar ist? Man
muß, glaube ich, annehmen, daß sich eine trockenere Luft mit der, in der
sich die Wolke gebildet, gemischt hat, und daß die Dunstbläschen, die ein
weit geringeres Volumen haben als die dazwischen befindliche Luft, die
glatte Fläche des Fischbeinstreisens nicht naß gemacht haben. Die
durchsichtige Luft vor einer Wolke kann zuweilen feuchter seyn als der
Luftstrom, der mit der Wolke zu uns gelangt.
Es wäre unvorsichtig gewesen, in diesem dichten Nebel am Rande eines
7--8000 Fuß hohen Abhangs länger zu verweilen. Wir gingen wieder vom
Ostgipfel der Silla herunter und nahmen dabei eine Grasart auf, die nicht
nur eine neue, sehr interessante Gattung bildet, sondern die wir auch, zu
unserer großen Ueberraschung, später auf dem Gipfel des Vulkans Pichincha
in der südlichen Halbkugel, 400 Meilen von der Silla, wieder fanden
[_Aegopogon cenchroides_.]. _Lichen floridus_ der im nördlichen Europa
überall vorkommt, bedeckte die Zweige der Befaria und der _Gaultheria
odorata_ und hing bis zur Wurzel der Gesträuche nieder. Während ich die
Moose untersuchte, welche den Gneiß im Grunde zwischen beiden Gipfeln
überziehen, fand ich zu meiner Ueberraschung ächte Geschiebe, gerollte
Quarzstücke. Man sieht leicht ein, daß das Thal von Caracas einmal ein
Landsee seyn kann, ehe der Guayrefluß gegen Ost bei Caurimare, am Fuß des
Hügels Auyamas durchbrach, und ehe die Tijeschlucht sich nach West gegen
Catia und Cabo Blanco zu geöffnet hatte; aber wie könnte das Wasser je bis
zum Fuß des Sillagipfels gestiegen seyn, da die diesem Gipfel gegenüber
liegenden Berge von Ocumare so niedrig sind, daß das Wasser über sie in
die Llanos hätte abfließen müssen? Die Geschiebe können nicht von höheren
Punkten hergeschwemmt seyn, weil keine Höhe ringsum die Silla überragt.
Soll man annehmen, daß sie mit der ganzen Bergkette. längs des Meeresufers
emporgehoben worden sind?
Es war vier ein halb Uhr Abends, als wir mit unsern Beobachtungen fertig
waren. In der Freude über den glücklichen Erfolg unserer Reise dachten wir
nicht daran, daß der Weg abwärts im Finstern über steile, mit kurzem
glattem Rasen bedeckte Abhänge gefährlich seyn könnte. Wegen des Nebels
konnten wir nicht in das Thal hinunter sehen; wir sahen aber deutlich den
Doppelhügel der Puerta, und derselbe erschien, wie immer die Gegenstände,
die fast senkrecht unter einem liegen, ganz auffallend nahe gerückt. Wir
gaben den Gedanken auf, zwischen den beiden Gipfeln der Silla zu
übernachten, und nachdem wir den Weg wieder gefunden, den wir uns im
Heraufsteigen durch den dichten Heliconienhusch gebahnt, kamen wir in den
Pejual, in die Region der wohlriechenden und harzigen Sträucher. Die
herrlichen Befarien, ihre mit großen Purpurblüthen bedeckten Zweige nahmen
uns wieder ganz in Anspruch. Wenn man in diesen Erdstrichen Pflanzen für
Herbarien sammelt, ist man um so wählerischer, je üppiger die Vegetation
ist. Man wirft Zweige, die man eben abgeschnitten, wieder weg, weil sie
einem nicht so schön vorkommen als Zweige, die man nicht erreichen konnte.
Wendet man endlich mit Pflanzen beladen dem Buschwerk den Rücken, so will
es einen fast reuen, daß man nicht noch mehr mitgenommen. Wir hielten uns
so lange im Pejual auf, daß die Nacht uns überraschte, als wir in 900
Toisen Höhe die Savane betraten.
Da es zwischen den Wendekreisen fast keine Dämmerung gibt, sieht man sich
auf einmal aus dem hellsten Tageslicht in Finsterniß versetzt. Der Mond
stand über dem Horizont; seine Scheibe ward zuweilen durch dicke Wolken
bedeckt, die ein heftiger kalter Wind über den Himmel jagte. Die steilen,
mit gelbem trockenem Gras bewachsenen Abhänge lagen bald im Schatten, bald
wurden sie auf einmal wieder beleuchtet und erschienen dann als Abgründe,
in deren Tiefe man niedersah. Wir gingen in einer Reihe hinter einander;
man suchte sich mit den Händen zu halten, um nicht zu fallen und den Berg
hinab zu rollen. Von den Führern, welche unsere Instrumente trugen, fiel
einer um den andern ab, um auf dem Berg zu übernachten. Unter denen, die
bei uns blieben, war ein Congoneger, dessen Gewandtheit ich bewunderte: er
trug einen großen Inclinationscompaß auf dem Kopf und hielt die Last trotz
der ungemeinen Steilheit des Abhangs beständig im Gleichgewicht. Der Nebel
im Thal war nach und nach verschwunden. Die zerstreuten Lichter, die wir
tief unter uns sahen, täuschten uns in doppelter Beziehung; einmal schien
der Abhang noch gefährlicher, als er wirklich war, und dann meinten wir in
den sechs Stunden, in denen wir beständig abwärts gingen, den Höfen am
Fuße der Silla immer gleich nahe zu seyn. Wir hörten ganz deutlich
Menschenstimmen und die schrillen Töne der Guitarren. Der Schall pflanzt
sich von unten nach oben meist so gut fort, daß man in einem Luftballon
bisweilen in 3000 Toisen Höhe die Hunde bellen hört.(38) Erst um zehn Uhr
Abends kamen wir äußerst ermüdet und durstig im Thale an. Wir waren
fünfzehn Stunden lang fast beständig auf den Beinen gewesen; der rauhe
Felsboden und die dürren harten Grasstoppeln hatten uns die Fußsohlen
zerrissen, denn wir hatten die Stiefeln ausziehen müssen, weil die Sohlen
zu glatt geworden waren. An Abhängen, wo weder Sträucher, noch holzige
Kräuter wachsen, an denen man sich mit den Händen halten kann, kommt man
barfuß sicherer herab. Um Weg abzuschneiden, führte man uns von der Puerta
zum Hofe Gallegos über einen Fußpfad, der zu einem Wasserstück, el Tanque
genannt, führt. Man verfehlte den Fußpfad, und auf diesem letzten
Wegstück, wo es am allersteilsten abwärts ging, kamen wir in die Nähe der
Schlucht Chacaito. Durch den Donner der Wasserfälle erhielt das nächtliche
Bild einen wilden, großartigen Charakter.
Wir übernachteten am Fuße der Silla; unsere Freunde in Caracas hatten uns
durch Fernröhren auf dem östlichen Berggipfel sehen können. Mit Theilnahme
hörte man unsere beschwerliche Bergfahrt beschreiben, aber mit einer
Messung, nach der die Silla nicht einmal so hoch seyn sollte als der
höchste Pyrenäengipfel(39) war man sehr schlecht zufrieden. Wer möchte
sich über eine nationale Vorliebe aufhalten, die sich in einem Lande, wo
von Denkmälern der Kunst keine Rede ist, an Naturdenkmale hängt? Kann man
sich wundern, wenn die Einwohner von Quito und Riobamba, deren Stolz seit
Jahrhunderten die Höhe ihres Chimborazo ist, von Messungen nichts wissen
wollen, nach denen das Himalayagebirge in Indien alle Colosse der
Cordilleren überragt?
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