NEUNTES KAPITEL.

Körperbeschaffenheit und Sitten der Chaymas. -- Ihre Sprachen.

Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich

keine allgemeinen Betrachtungen über die Stämme der Eingeborenen, welche

Neu-Andalusien bewohnen, über ihre Sitten, ihre Sprache und ihren

gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von

dem wir ausgegangen, möchte ich alles dieß, das für die Geschichte des

Menschengeschlechts von so großer Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt

zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen,

desto mehr wird uns das Interesse für diese Gegenstände, den Erscheinungen

der physischen Natur gegenüber, in Anspruch nehmen. Der nordöstliche Theil

des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen

hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Völkerschaften, die sie bewohnen,

den Thälern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem nördlichen Ende

Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Mündung des Lena

hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht,

ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck ursprünglicher völliger

Culturlosigkeit, als vielmehr die Folge langer Versunkenheit. Die meisten

der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Völkern, die

einst auf bedeutend höherer Culturstufe standen, und wie soll man ein

Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches überhaupt

vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem

Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein

grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben? Wenn Alles, was

sich auf die ursprünglichen Zustände des Menschen und auf die älteste

Bevölkerung eines Festlandes bezieht, an und für sich der Geschichte

angehörte, so würden wir uns auf die indischen Sagen berufen, auf die

Ansicht, die in den Gesetzen Menus und im Ramajan so oft ausgesprochen

wird, nach der die Wilden aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßene,

in die Wälder getriebene Stämme sind. Das Wort _‘Barbar’_, das wir von

Griechen und Römern angenommen, ist vielleicht nur der Name einer solchen

versunkenen Horde.

Zu Anfang der Eroberung Amerikas bestanden große gesellschaftliche Vereine

unter den Eingeborenen nur auf dem Rücken der Cordilleren und auf den

Asien gegenüber liegenden Küsten. Auf den mit Wald bedeckten, von Flüssen

durchschnittenen Ebenen, auf den endlosen Savanen, die sich ostwärts

ausbreiten und den Horizont begrenzen, traf man nur umherziehende

Völkerschaften, getrennt durch Verschiedenheit der Sprache und der Sitten,

zerstreut gleich den Trümmern eines Schiffbruchs. Wir wollen versuchen, ob

uns in Ermangelung aller andern Denkmale die Verwandtschaft der Sprachen

und die Beobachtung der Körperbildung dazu dienen können, die

verschiedenen Stämme zu gruppiren, die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu

verfolgen und ein paar jener Familienzüge aufzufinden, durch die sich die

ursprüngliche Einheit unseres Geschlechtes verräth.

Die Eingeborenen oder Ureinwohner bilden in den Ländern, deren Gebirge wir

vor Kurzem durchwandert, in den beiden Provinzen Cumana und Nueva

Barcelona, beinahe noch die Hälfte der schwachen Bevölkerung. Ihre

Kopfzahl läßt sich auf 60,000 schätzen, wovon 24,000 auf Neu-Andalusien

kommen. Diese Zahl ist bedeutend gegenüber der Stärke der Jägervölker in

Nordamerika; sie erscheint klein, wenn man die Theile von Neuspanien

dagegen hält, wo seit mehr als acht Jahrhunderten der Ackerbau besteht,

z. B. die Intendanz Oaxaca, in der die Mixteca und Tzapoteca des alten

mexicanischen Reiches liegen. Diese Intendanz ist um ein Drittheil kleiner

als die zwei Provinzen Cumana und Barcelona zusammen, zählt aber über

400,000 Einwohner von der reinen kupferfarbigen Race. Die Indianer in

Cumana leben nicht alle in den Missionsdörfern; man findet sie zerstreut

in der Umgegend der Städte, auf den Küsten, wohin sie des Fischfangs wegen

ziehen, selbst auf den kleinen Höfen in den Llanos oder Savanen. In den

Missionen der aragonesischen Kapuziner, die wir besucht, leben allein

15,000 Indianer, die fast sämmtlich dem Chaymasstamm angehören. Indessen

sind die Dörfer dort nicht so stark bevölkert, wie in der Provinz

Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur fünf- bis sechshundert, während

man weiter nach Westen in den Missionen der Franciskaner von Piritu

indianische Dörfer mit zwei- bis dreitausend Einwohnern trifft. Wenn ich

die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60,000

schätzte, so meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die

Guaiqueries auf der Insel Margarita und die große Masse der Guaraunos, die

auf den Inseln im Delta des Orinoco ihre Unabhängigkeit behauptet haben.

Diese schätzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; dieß scheint mir aber zu

viel. Außer den Guaraunos-Familien, die sich hie und da auf den

sumpfigten, mit Morichepalmen bewachsenen Landstrichen (zwischen dem Caño

Manamo und dem Rio Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken

lassen, gibt es seit dreißig Jahren in Neu-Andalusien keine wilden

Indianer mehr.

Ungern brauche ich das Wort _‘wild’_, weil es zwischen dem

*unterworfenen*, in den Missionen lebenden, und dem freien oder

unabhängigen Indianer einen Unterschied in der Cultur voraussetzt, dem die

Erfahrung häufig widerspricht. In den Wäldern Südamerikas gibt es Stämme

Eingeborener, die unter Häuptlingen friedlich in Dörfern leben, auf

ziemlich ausgedehntem Gebiet Pisang, Manioc und Baumwolle bauen und aus

letzterer ihre Hängematten weben. Sie sind um nichts barbarischer als die

nackten Indianer in den Missionen, die man das Kreuz hat schlagen lehren.

Die irrige Meinung, als wären sämmtliche nicht unterworfene Eingeborene

umherziehende Jägervölker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In Terra

Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europäer; er besteht noch

jetzt zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom in den Lichtungen der

Wälder, wohin nie ein Missionär den Fuß gesetzt hat. Das verdankt man

allerdings dem Regiment der Missionen, daß der Eingeborene Anhänglichkeit

an Grund und Boden bekommt, sich an festen Wohnsitz gewöhnt und ein

ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortschritt in

dieser Beziehung ist langsam, oft unmerklich, weil man die Indianer völlig

von allem Verkehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche

Vorstellungen vom gegenwärtigen Zustand der Völker in Südamerika, wenn man

einerseits *christlich*, *unterworfen* und *civilisirt*, andererseits

*heidnisch*, *wild* und *unabhängig* für gleichbedeutend hält. Der

unterworfene Indianer ist häufig so wenig ein Christ als der unabhängige

Götzendiener; beide sind völlig vom augenblicklichen Bedürfnis in Anspruch

genommen, und bei beiden zeigt sich in gleichem Maße vollkommene

Gleichgültigkeit gegen christliche Vorstellungen und der geheime Hang, die

Natur und ihre Kräfte göttlich zu verehren. Ein solcher Gottesdienst

gehört dem Kindesalter der Völker an; er kennt noch keine Götzen und keine

heiligen Orte außer Höhlen, Schluchten und Forsten.

Wenn die unabhängigen Indianer nördlich vom Orinoco und Apure, d. h. von

den Schneebergen von Merida bis zum Vorgebirge Paria, seit einem

Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so darf man daraus nicht

schließen, daß es jetzt in diesen Ländern weniger Eingeborene gibt, als

zur Zeit des Bischofs von Chiapa, Bartholomäus Las Casas. In meinem Werke

über Mexico habe ich dargethan, wie sehr man irrt, wenn man die Ausrottung

der Indianer oder auch nur die Abnahme ihrer Volkszahl in den spanischen

Colonien als eine allgemeine Thatsache hinstellt. Die kupferfarbige Race

ist auf beiden Festländern Amerikas noch über sechs Millionen stark, und

obgleich unzählige Stämme und Sprachen ausgestorben sind oder sich

verschmolzen haben, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß zwischen den

Wendekreisen, in dem Theile der neuen Welt, in den die Cultur erst seit

Christoph Columbus eingedrungen ist, die Zahl der Eingeborenen bedeutend

zugenommen hat. Zwei caraibische Dörfer in den Missionen von Piritu oder

am Carony zählen mehr Familien als vier oder fünf Völkerschaften am

Orinoco. Die gesellschaftlichen Zustände der unabhängig gebliebenen

Caraiben an den Quellen des Esquibo und südlich von den Bergen von

Pacaraimo thun zur Genüge dar, wie sehr auch bei diesem schönen

Menschenschlag die Bevölkerung der Missionen die Masse der unabhängigen

und verbündeten Caraiben übersteigt. Uebrigens verhält es sich mit den

Wilden im heißen Erdstrich ganz anders als mit denen am Missouri. Diese

bedürfen eines weiten Gebiets, weil sie nur von der Jagd leben; die

Indianer in spanisch Guyana dagegen bauen Manioc und Bananen, und ein

kleines Stück Land reicht zu ihrem Unterhalt hin. Sie scheuen nicht die

Berührung mit den Weißen, wie die Wilden in den Vereinigten Staaten, die,

nach einander hinter die Aleghanis, hinter Ohio und Mississippi

zurückgedrängt, sich den Lebensunterhalt in dem Maaße abgeschnitten sehen,

in dem man ihr Gebiet beschränkt. In der gemäßigten Zone, in den

_provincias internas_ von Mexico so gut wie in Kentucky ist die Berührung

mit den europäischen Ansiedlern den Eingeborenen verderblich geworden,

weil die Berührung dort eine unmittelbare ist.

Im größten Theil von Südamerika fallen diese Ursachen weg. Unter den

Tropen bedarf der Ackerbau keiner weiten Landstrecken, und die Weißen

breiten sich langsam aus. Die Mönchsorden haben ihre Niederlassungen

zwischen den Besitzungen der Colonisten und dem Gebiet der freien Indianer

gegründet. Die Missionen sind als Zwischenstaaten zu betrachten; sie haben

allerdings die Freiheit der Eingeborenen beschränkt, aber fast aller Orten

ist durch sie eine Zunahme der Bevölkerung herbeigeführt worden, wie sie

beim Nomadenleben der unabhängigen Indianer nicht möglich ist. Im Maaß als

die Ordensgeistlichen gegen die Wälder vorrücken und den Eingeborenen Land

abgewinnen, suchen ihrerseits die weißen Ansiedler von der andern Seite

her das Gebiet der Missionen in Besitz zu bekommen. Dabei sucht der

weltliche Arm fortwährend die unterworfenen Indianer dem Mönchsregiment zu

entziehen. Nach einem ungleichen Kampfe treten allmählich Pfarrer an die

Stelle der Missionäre. Weiße und Mischlinge lassen sich, begünstigt von

den Corregidoren, unter den Indianern nieder. Die Missionen werden zu

spanischen Dörfern und die Eingeborenen wissen bald gar nicht mehr, daß

sie eine Volkssprache gehabt haben. So rückt die Cultur von der Küste ins

Binnenland vor, langsam, durch menschliche Leidenschaften aufgehalten,

aber sichern, gleichmäßigen Schrittes.

Die Provinzen Neu-Andalusien und Barcelona, die man unter dem Namen

_Govierno de Cumana_ begreift, zählen in ihrer gegenwärtigen Bevölkerung

mehr als vierzehn Völkerschaften: es sind in Neu-Andalusien die Chaymas,

Guaiqueries, Pariagotos, Quaquas, Aruacas, Caraiben und Guaraunos; in der

Provinz Barcelona die Cumanagotos, Palenques, Caraiben, Piritus, Tomuzas,

Topocuares, Chacopotas und Guarives. Neun oder zehn unter diesen vierzehn

Völkerschaften glauben selbst, daß sie ganz verschiedener Abstammung sind.

Man weiß nicht genau, wie viele Guaraunos es gibt, die ihre Hütten an der

Mündung des Orinoco auf Bäumen bauen; der Guaiqueries in der Vorstadt von

Cumana und auf der Halbinsel Araja sind es 2000 Köpfe. Unter den übrigen

Völkerschaften sind die Chaymas in den Bergen von Caripe, die Caraiben auf

den südlichen Savanen von Neu-Barcelona und die Cumanagotos in den

Missionen von Piritu die zahlreichsten. Einige Familien Guaraunos sind auf

dem linken Ufer des Orinoco, da wo das Delta beginnt, der Missionszucht

unterworfen worden. Die Sprachen der Guaraunos, Caraiben, Cumanagotos und

Chaymas sind die verbreitetsten. Wir werden bald sehen, daß sie demselben

Sprachstamm anzugehören scheinen und in ihren grammatischen Formen so nahe

verwandt sind, wie, um bekanntere Sprachen zur Vergleichung

herbeizuziehen, das Griechische, Deutsche, Persische und Sanskrit.

Trotz dieser Verwandtschaft sind die Chaymas, Guaraunos, Caraiben,

Quaquas, Aruacas und Cumanagotos als verschiedene Völker zu betrachten.

Von den Guaiqueries, Pariagotos, Piritus, Tomuzas und Chacopatas wage ich

nicht das Gleiche zu behaupten. Die Guaiqueries geben selbst zu, daß ihre

Sprache und die der Guaraunos einander nahe stehen. Beide sind

Küstenvölker, wie die Malaien in der alten Welt. Was die Stämme betrifft,

die gegenwärtig die Mundarten der Cumanagotos, Caraiben und Chaymas haben,

so läßt sich über ihre ursprüngliche Abstammung und ihr Verhältniß zu

andern, ehemals mächtigeren Völkern schwer etwas aussagen. Die

Geschichtschreiber der Eroberung, wie die Geistlichen, welche die

Entwicklung der Missionen beschrieben haben, verwechseln, nach der Weise

der Alten, immer geographische Bezeichnungen mit Stammnamen. Sie sprechen

von Indianern von Cumana und von der Küste von Paria, als ob die

Nachbarschaft der Wohnsitze gleiche Abstammung bewiese. Meist benennen sie

sogar die Stämme nach ihren Häuptlingen, nach dem Berg oder dem Thal, die

sie bewohnen. Dadurch häuft sich die Zahl der Völkerschaften ins

Unendliche und werden alle Angaben der Missionäre über die ungleichartigen

Elemente in der Bevölkerung ihrer Missionen in hohem Grade schwankend. Wie

will man jetzt ausmachen, ob der Tomuza und der Piritu verschiedener

Abstammung sind, da beide cumanagotisch sprechen, was im westlichen Theil

des Govierno de Cumana die herrschende Sprache ist, wie die der Caraiben

und der Chaymas im südlichen und östlichen? Durch die große

Uebereinstimmung in der Körperbildung werden Untersuchungen der Art sehr

schwierig. Die beiden Continente verhalten sich in dieser Beziehung völlig

verschieden; auf dem neuen findet man eine erstaunliche Mannigfaltigkeit

von Sprachen bei Völkern desselben Ursprungs, die der Reisende nach ihrer

Körperlichkeit kaum zu unterscheiden vermag; in der alten Welt dagegen

sprechen körperlich ungemein verschiedene Völker, Lappen, Finnen und

Esthen, die germanischen Völker und die Hindus, die Perser und die Kurden

Sprachen, die im Bau und in den Wurzeln die größte Aehnlichkeit mit

einander haben.

Die Indianer in den Missionen treiben sämmtlich Ackerbau, und mit Ausnahme

derer, die in den hohen Gebirgen leben, bauen alle dieselben Gewächse;

ihre Hütten stehen am einen Orte in Reihen wie am andern; die Eintheilung

ihres Tagewerks, ihre Arbeit im Gemeindeconuco, ihr Verhältniß zu den

Missionären und den aus ihrer Mitte gewählten Beamten, Alles ist nach

Vorschriften geordnet, die überall gelten. Und dennoch -- und dieß ist

eine höchst merkwürdige Beobachtung in der Geschichte der Völker -- war

diese große Gleichförmigkeit der Lebensweise nicht im Stande, die

individuellen Züge, die Schattirungen, durch welche sich die

amerikanischen Völkerschaften unterscheiden, zu verwischen. Der Mensch mit

kupferfarbiger Haut zeigt eine geistige Starrheit, ein zähes Festhalten an

den bei jedem Stamm wieder anders gefärbten Sitten und Gebräuchen, das der

ganzen Race recht eigentlich den Stempel aufdrückt. Diesen Charakterzügen

begegnet man unter allen Himmelsstrichen vom Aequator bis zur Hudsonsbai

und bis zur Magellanschen Meerenge; sie sind bedingt durch die physische

Organisation der Eingeborenen, aber die mönchische Zucht leistet ihnen

wesentlich Vorschub.

Es gibt in den Missionen nur wenige Dörfer, wo die Familien verschiedenen

Völkerschaften angehören und nicht dieselbe Sprache reden. Aus so

verschiedenartigen Elementen bestehende Gemeinheiten sind schwer zu

regieren. Meist haben die Mönche ganze Nationen, oder doch bedeutende

Stücke derselben Nation in nahe bei einander gelegenen Dörfern

untergebracht. Die Eingeborenen sehen nur Leute ihres eigenen Stammes;

denn Hemmung des Verkehrs, Vereinzelung, das ist ein Hauptartikel in der

Staatskunst der Missionare. Bei den unterworfenen Chaymas, Caraiben,

Tamanacas erhalten sich die nationalen Eigenthümlichkeiten um so mehr, da

sie auch noch ihre Sprachen besitzen. Wenn sich die Individualität des

Menschen in den Mundarten gleichsam abspiegelt, so wirken diese wieder auf

Gedanken und Empfindung zurück. Durch diesen innigen Verband zwischen

Sprache, Volkscharakter und Körperbildung erhalten sich die Völker

einander gegenüber in ihrer Verschiedenheit und Eigenthümlichkeit, und

dieß ist eine unerschöpfliche Quelle von Bewegung und Leben in der

geistigen Welt.

Die Missionäre konnten den Indianern gewisse alte Gebräuche bei der Geburt

eines Kindes, beim Mannbarwerden, bei der Bestattung der Todten verbieten;

sie konnten es dahin bringen, daß sie sich nicht mehr die Haut bemalten

oder in Kinn, Nase und Wangen Einschnitte machten; sie konnten beim großen

Haufen die abergläubischen Vorstellungen ausrotten, die in manchen

Familien im Geheimen forterben; aber es war leichter Gebräuche abzustellen

und Erinnerungen zu verwischen, als die alten Vorstellungen durch neue zu

ersetzen. In den Missionen ist dem Indianer sein Lebensunterhalt

gesicherter als zuvor. Er liegt nicht mehr in beständigem Kampfe mit

feindlichen Gewalten, mit Menschen und Elementen, und führt so dem wilden,

unabhängigen Indianer gegenüber ein einförmigeres, unthätigeres, der

Entwicklung der Geistes- und Gemüthskraft weniger günstiges Leben. Wenn er

gutmüthig ist, so kommt dieß nur daher, weil er die Ruhe liebt, nicht weil

er gefühlvoll ist und gemüthlich. Wo er außer Verkehr mit den Weißen auch

all den Gegenständen ferne geblieben ist, welche die Cultur der neuen Welt

zugebracht, hat sich der Kreis seiner Vorstellungen nicht erweitert. Alle

seine Handlungen scheinen nur durch das augenblickliche Bedürfniß bestimmt

zu werden. Er ist schweigsam, verdrossen, in sich gekehrt, seine Miene ist

ernst, geheimnißvoll. Wer nicht lange in den Missionen gelebt hat und an

das Aussehen der Eingeborenen nicht gewöhnt ist, hält ihre Trägheit und

geistige Starrheit leicht für den Ausdruck der Schwermuth und des

Tiefsinns.

Ich habe die Charakterzüge des Indianers und die Veränderungen, die sein

Wesen unter der Zucht der Missionare erleidet, so scharf hervorgehoben, um

den einzelnen Beobachtungen, die den Inhalt dieses Abschnittes bilden

sollen, mehr Interesse zu geben. Ich beginne mit der Nation der Chaymas,

deren über 15,000 in den oben beschriebenen Missionen leben. Diese nicht

sehr kriegerische Nation, welche Pater Francisco de Pamplona um die Mitte

des siebzehnten Jahrhunderts in Zucht zu nehmen anfing, hat gegen West die

Cumanagotos, gegen Ost die Guaraunos, gegen Süd die Caraiben zu Nachbarn.

Sie wohnt entlang dem hohen Gebirge des Cocollar und Guacharo an den Ufern

des Guarapiche, des Rio Colorado, des Areo und des Caño de Caripe. Nach

der genauen statistischen Aufnahme des Paters Präfekten zählte man im.Jahr

1792 in den Missionen der aragonesischen Kapuziner in Cumana neunzehn

*Missions*dörfer; das älteste ist von 1728, und sie zählten 6433 Einwohner

in 1465 Haushaltungen; sechzehn Dörfer _de doctrina_; das älteste ist von

1660, und sie hatten 8170 Einwohner in 1766 Familien.

Diese Missionen hatten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 viel zu leiden;

die damals noch unabhängigen Caraiben machten Einfälle und brannten ganze

Dörfer nieder. Zwischen den Jahren 1730 und 1736 ging die Bevölkerung

zurück in Folge der Verheerungen durch die Blattern, die der

kupferfarbigen Race immer verderblicher sind als den Weißen. Viele

Guaraunos, die bereits angesiedelt waren, entliefen wieder in ihre Sümpfe.

Vierzehn alte Missionen blieben wüste liegen oder wurden nicht wieder

aufgebaut.

Die Chaymas sind meist von kleinem Wuchs; dieß fällt namentlich auf, wenn

man sie nicht mit ihren Nachbarn, den Caraiben, oder den Payaguas und

Guayquilit in Paraguay, die sich alle durch hohen Wuchs auszeichnen,

sondern nur mit den Eingeborenen Amerikas im Durchschnitt vergleicht. Die

Mittelgröße eines Chaymas beträgt 1 Meter 57 Centimeter oder 4 Fuß 10

Zoll. Ihr Körper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit,

die Brust flach, alle Glieder rund und fleischigt. Ihre Hautfarbe ist die

der ganzen amerikanischen Race von den kalten Hochebenen Quitos und

Neugrenadas bis herab zu den heißen Tiefländern am Amazonenstrom. Die

climatischen Unterschiede äußern keinen Einfluß mehr auf dieselbe; sie ist

durch organische Verhältnisse bedingt, die sich seit Jahrhunderten

unabänderlich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Gegen Nord wird

die gleichförmige Hautfarbe röther, dem Kupfer ähnlicher; bei den Chaymas

dagegen ist sie dunkelbraun und nähert sich dem Lohfarbigen. Der Ausdruck

»kupferfarbige Menschen« zur Bezeichnung der Eingeborenen wäre im

tropischen Amerika niemals aufgekommen.

Der Gesichtsausdruck der Chaymas ist nicht eben hart und wild, hat aber

doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirne ist klein, wenig gewölbt; daher

heißt es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrich von einem schönen

Weibe, »sie sey fett und habe eine schmale Stirne.« Die Augen der Chaymas

sind schwarz, tiefliegend und stark in die Länge gezogen; sie sind weder

so schief gestellt noch so klein wie bei den Völkern mongolischer Race,

von denen Jornandes sagt, sie haben »vielmehr Punkte als Augen,« _magis

puncta quam lumina_. Indessen ist der Augenwinkel den Schläfen zu dennoch

merklich in die Höhe gezogen; die Augbraunen sind schwarz oder

dunkelbraun, dünn, wenig geschweift; die Augenlieder haben sehr lange

Wimpern, und die Gewohnheit, sie wie schläfrig niederzuschlagen, gibt dem

Blick der Weiber etwas Sanftes und läßt das verschleierte Auge kleiner

erscheinen, als es wirklich ist. Wenn die Chaymas, wie überhaupt alle

Eingeborenen Südamerikas und Neuspaniens, durch die Form der Augen, die

vorspringenden Backenknochen, das straffe, glatte Haar, den fast gänzlich

mangelnden Bart sich der mongolischen Race nähern, so unterscheiden sie

sich von derselben auffallend durch die Form der Nase, die ziemlich lang

ist, der ganzen Länge nach vorspringt und bei den Naslöchern dicker wird,

welch letztere nach unten gerichtet sind, wie bei den Völkern caucasischer

Race. Der große Mund mit breiten, aber nicht dicken Lippen hat häufig

einen gutmüthigen Ausdruck. Zwischen Nase und Mund laufen bei beiden

Geschlechtern zwei Furchen von den Naslöchern gegen die Mundwinkel. Das

Kinn ist sehr kurz und rund; die Kinnladen sind auffallend stark und

breit.

Die Zähne sind bei den Chaymas schön und weiß, wie bei allen Menschen von

einfacher Lebensweise, aber lange nicht so stark wie bei den Negern. Den

ersten Reisenden war der Brauch aufgefallen, mit gewissen Pflanzensäften

und Aetzkalk die Zähne schwarz zu färben; gegenwärtig weiß man nichts mehr

davon. Die Völkerstämme in diesem Landstrich sind, namentlich seit den

Einfällen der Spanier, welche Sklavenhandel trieben, so hin und her

geschoben worden, daß die Einwohner von Paria, die Christoph Columbus und

Ojeda gesehen, ohne Zweifel nicht vom selben Stamme waren wie die Chaymas.

Ich bezweifle sehr, daß der Brauch des Schwärzens der Zähne, wie Gomara

behauptet, mit seltsamen Schönheitsbegriffen zusammenhängt(1), oder daß es

ein Mittel gegen Zahnschmerzen seyn sollte. Von diesem Uebel wissen die

Indianer so gut wie nichts; auch die Weißen in den spanischen Colonien,

wenigstens in den heißen Landstrichen, wo die Temperatur so gleichförmig

ist, leiden selten daran. Auf dem Rücken der Cordilleren, in Santa-Fe und

Popayan sind sie demselben mehr ausgesetzt.

Die Chaymas haben, wie fast alle eingeborenen Völker, die ich gesehen,

kleine, schmale Hände. Ihre Füße aber sind groß und die Zehen bleiben

beweglicher als gewöhnlich. Alle Chaymas sehen einander ähnlich wie nahe

Verwandte, und diese gleichförmige Bildung, die von den Reisenden so oft

hervorgehoben worden ist, wird desto auffallender, als sich bei ihnen

zwischen dem zwanzigsten und fünfzigsten Jahr das Alter nicht durch

Hautrunzeln, durch graues Haar oder Hinfälligkeit des Körpers verräth.

Tritt man in eine Hütte, so kann man oft unter den Erwachsenen kaum den

Vater vom Sohn, die eine Generation von der andern unterscheiden. Nach

meiner Ansicht beruht dieser Familienzug auf zwei sehr verschiedenen

Momenten, auf den örtlichen Verhältnissen der indianischen Völkerschaften

und auf der niedrigen Stufe ihrer geistigen Entwicklung. Die wilden Völker

zerfallen in eine Unzahl von Stämmen, die sich tödtlich hassen und niemals

Ehen unter einander schließen, selbst wenn ihre Mundarten demselben

Sprachstamme angehören und nur ein kleiner Flußarm oder eine Hügelkette

ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Stämme sind, desto mehr

muß sich, wenn sich Jahrhunderte lang dieselben Familien mit einander

verbinden, eine gewisse gleichförmige Bildung, ein organischer, recht

eigentlich nationaler Typus festsetzen.(2) Dieser Typus erhält sich unter

der Zucht der Missionen, die nur Eine Völkerschaft unter der Obhut haben.

Die Vereinzelung ist so stark wie früher; Ehen werden nur unter

Angehörigen derselben Dorfschaft geschlossen. Für diese

Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Völkerschaft ein

Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren

sind oder erst nach ihrer Aufnahme aus den Wäldern spanisch gelernt haben,

einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme

gehören, sagen sie _mis parientes_, meine Verwandten.

Zu diesen Ursachen, die sich nur auf die Vereinzelung beziehen, deren

Einfluß sich ja auch bei den europäischen Juden, bei den indischen Kasten

und allen Gebirgsvölkern bemerklich macht, kommen nun noch andere, bisher

weniger beachtete. Ich habe schon früher bemerkt, daß es vorzüglich die

Geistesbildung ist, was Menschengesichter von einander verschieden macht.

Barbarische Nationen haben vielmehr eine Stamm- oder Hordenphysiognomie

als eine, die diesem oder jenem Individuum zukäme. Der wilde Mensch

verhält sich hierin dem gebildeten gegenüber wie die Thiere einer und

derselben Art, die zum Theil in der Wildnis leben, während die andern in

der Umgebung des Menschen gleichsam an den Segnungen und den Uebeln der

Cultur Theil nehmen. Abweichungen in Körperbau und Farbe kommen nur bei

den Hausthieren häufig vor. Welcher Abstand, was Beweglichkeit der Züge

und mannigfaltigen physiognomischen Ausdruck betrifft, zwischen den

Hunden, die in der neuen Welt wieder verwildert sind, und den Hunden in

einem wohlhabenden Hause, deren geringste Launen man befriedigt! Beim

Menschen und bei den Thieren spiegeln sich die Regungen der Seele in den

Zügen ab, und die Züge werden desto beweglicher, je häufiger,

mannigfaltiger und andauernder die Empfindungen sind. Aber der Indianer in

den Missionen, von aller Cultur abgeschnitten, wird allein vom physischen

Bedürfniß bestimmt, und da er dieses im herrlichen Klima fast mühelos

befriedigt, führt er ein träges, einförmiges Leben. Unter den

Gemeindegliedern herrscht die vollkommenste Gleichheit, und diese

Einförmigkeit, diese Starrheit der Verhältnisse drückt sich auch in den

Gesichtszügen der Indianer aus.

Unter der Zucht der Mönche wandeln heftige Leidenschaften, wie Groll und

Zorn, den Eingeborenen ungleich seltener an, als wenn er in den Wäldern

lebt. Wenn der wilde Mensch sich raschen, heftigen Gemüthsbewegungen

überläßt, so wird sein bis dahin ruhiges, starres Gesicht auf einmal

krampfhaft verzerrt; aber seine Aufregung geht um so rascher vorüber, je

stärker sie ist. Beim Indianer in den Missionen dagegen ist, wie ich am

Orinoco oft beobachten konnte, der Zorn nicht so heftig, nicht so offen,

aber er hält länger an. Uebrigens ist es auf allen Stufen menschlicher

Entwicklung nicht die Stärke oder die augenblickliche Entfesselung der

Leidenschaften, was den Zügen den eigentlichen Ausdruck gibt, sondern

vielmehr jene Reizbarkeit der Seele, die uns in beständiger Berührung mit

der Außenwelt erhält, Zahl und Maaß unserer Schmerzen und unserer Freuden

steigert und auf Physiognomie, Sitten und Sprache zugleich zurückwirkt.

Wenn Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit der Züge das belebte Naturreich

verschönern, so ist auch nicht zu läugnen, daß beide zwar nicht allein

Produkte der Cultur sind, wohl aber mit ihr sich steigern. In der großen

Völkerfamilie kommen diese Vorzüge keiner Race in höherem Maaße zu als der

caucasischen oder europäischen. Nur beim weißen Menschen tritt das Blut

plötzlich in das Gewebe der Haut und tritt damit jener leise Wechsel der

Gesichtsfarbe ein, der den Ausdruck der Gemüthsbewegungen so bedeutend

verstärkt. »Wie soll man Menschen trauen, die nicht roth werden können?«

sagt der Europäer in seinem eingewurzelten Hasse gegen den Neger und den

Indianer. Man muß übrigens zugeben, daß diese Starrheit der Züge nicht

allen Racen mit sehr dunkel gefärbter Haut zukommt; sie ist beim Afrikaner

lange nicht so bedeutend, wie bei den eingeborenen Amerikanern.

Dieser physischen Schilderung der Chaymas lassen wir einige allgemeine

Bemerkungen über ihre Lebensweise und ihre Sitten folgen. Da ich die

Sprache des Volks nicht verstehe, kann ich keinen Anspruch darauf machen,

während meines nicht sehr langen Aufenthalts in den Missionen ihren

Charakter durchgängig kennen gelernt zu haben. So oft im Folgenden von den

Indianern die Rede ist, stelle ich das, was wir von den Missionären

erfahren, neben das Wenige, was wir selbst beobachten konnten.

Die Chaymas haben, wie alle halbwilden Völker in sehr heißen Ländern, eine

entschiedene Abneigung gegen Kleider. Von mittelalterlichen

Schriftstellern hören wir, daß im nördlichen Europa die Hemden und

Beinkleider, welche die Missionäre austheilten, nicht wenig zur Bekehrung

der Heiden beigetragen haben. In der heißen Zone dagegen schämen sich die

Eingeborenen, wie sie sagen, daß sie Kleider tragen sollen, und sie laufen

in die Wälder, wenn man sie zu frühe nöthigt, ihr Nacktgehen aufzugeben.

Bei den Chaymas bleiben, trotz des Eiferns der Mönche, Männer und Weiber

im Innern der Häuser nackt. Wenn sie durch das Dorf gehen, tragen sie eine

Art Hemd aus Baumwollenzeug, das kaum bis zum Knie reicht. Bei den Männern

hat dasselbe Aermel, bei den Weibern und den Jungen bis zum zehnten,

zwölften Jahr bleiben Arme, Schultern und der obere Theil der Brust frei.

Das Hemd ist so geschnitten, daß Vorderstück und Rückenstück durch zwei

schmale Bänder auf der Schulter zusammenhängen. Es kam vor, daß wir

Eingeborenen außerhalb der Mission begegneten, die, namentlich bei

Regenwetter, ihr Hemd ausgezogen hatten und es aufgerollt unter dem Arm

trugen. Sie wollten sich lieber auf den bloßen Leib regnen, als ihre

Kleider naß werden lassen. Die ältesten Weiber versteckten sich dabei

hinter die Bäume und schlugen ein lautes Gelächter auf, wenn wir an ihnen

vorüber kamen. Die Missionäre klagen meist, daß Schaam und Gefühl für das

Anständige bei den jungen Mädchen nicht viel entwickelter seyen als bei

den Männern. Schon Ferdinand Columbus erzählt, sein Vater habe im Jahr

1498 auf der Insel Trinidad völlig nackte Weiber angetroffen, während die

Männer den _‘Guayuco’_ trugen, der vielmehr eine schmale Binde ist als

eine Schürze. Zur selben Zeit unterschieden sich auf der Küste von Paria

die Mädchen von den verheiratheten Weibern dadurch, daß sie, wie Cardinal

Bembo behauptet, ganz nackt gingen, oder, nach Gomara, dadurch, daß sie

einen anders gefärbten Guayuco trugen. Diese Binde, die wir noch bei den

Chaymas und allen nackten Völkerschaften am Orinoco angetroffen, ist nur

zwei bis drei Zoll breit und wird mit beiden Enden an einer Schnur

befestigt, die mitten um den Leib gebunden ist. Die Mädchen heirathen

häufig mit zwölf Jahren; bis zum neunten gestatten ihnen die Missionäre,

nackt, das heißt ohne Hemd, zur Kirche zu kommen. Ich brauche hier nicht

daran zu erinnern, daß bei den Chaymas, wie in allen spanischen Missionen

und indianischen Dörfern, die ich besucht, Beinkleider, Schuhe und Hut

Luxusartikel sind, von denen die Eingeborenen nichts wissen. Ein Diener,

der uns auf der Reise nach Charipe und an den Orinoco begleitet und den

ich mit nach Frankreich gebracht, konnte sich, nachdem wir ans Land

gestiegen, nicht genug verwundern, als er einen Bauern mit dem Hut auf dem

Kopf ackern sah, und er glaubte »in einem armseligen Lande zu seyn, wo

sogar die Edelleute (_los mismos caballeros_) hinter dem Pfluge gehen.«

Die Weiber der Chaymas sind nach unsern Schönheitsbegriffen nicht hübsch;

indessen haben die jungen Mädchen etwas Sanftes und Wehmüthiges im Blick,

das von dem ein wenig harten und wilden Ausdruck des Mundes angenehm

absticht. Die Haare tragen sie in zwei lange Zöpfe geflochten. Die Haut

bemalen sie sich nicht und kennen in ihrer Armuth keinen andern Schmuck

als Hals- und Armbänder aus Muscheln, Vögelknochen und Fruchtkernen.

Männer und Weiber sind sehr musculös, aber der Körper ist fleischigt mit

runden Formen. Ich brauche kaum zu sagen, daß mir nie ein Individuum mit

einer natürlichen Mißbildung aufgestoßen ist; dasselbe gilt von den vielen

tausend Caraiben, Muyscas, Mexicanern und Peruanern, die wir in fünf

Jahren gesehen. Dergleichen Mißbildungen sind bei gewissen Racen ungemein

selten, besonders aber bei Völkern, deren Hautgewebe stark gefärbt ist.

Ich kann nicht glauben, daß sie allein Folgen höherer Cultur, einer

weichlicheren Lebensweise und der Sittenverderbniß sind. In Europa

heirathet ein buckligtes oder sehr häßliches Mädchen, wenn sie Vermögen

hat, und die Kinder erben häufig die Mißbildung der Mutter. Im wilden

Zustand, in dem zugleich vollkommene Gleichheit herrscht, kann nichts

einen Mann vermögen, eine Mißbildete oder sehr Kränkliche zum Weibe zu

nehmen. Hat eine solche das seltene Glück, daß sie das Alter der Reife

erreicht, so stirbt sie sicher kinderlos. Man möchte glauben, die Wilden

seyen alle so wohlgebildet und so kräftig, weil die schwächlichen Kinder

aus Verwahrlosung frühe wegsterben und nur die kräftigen am Leben bleiben;

aber dieß kann nicht von den Indianern in den Missionen gelten, welche die

Sitten unserer Bauern haben, noch auch von den Mexicanern in Cholula und

Tlascala, die in einem Wohlstand leben, den sie von civilisirteren

Vorfahren ererbt. Wenn die kupferfarbige Race auf allen Culturstufen

dieselbe Starrheit zeigt, dieselbe Unfähigkeit, vom ursprünglichen Typus

abzuweichen, so müssen wir darin doch wohl großentheils angeborene Anlage

erblicken, das, worin eben der eigenthümliche Racencharakter besteht. Ich

sage absichtlich: großentheils, weil ich den Einfluß der Cultur nicht ganz

ausschließen möchte. Beim kupferfarbigen Menschen, wie beim Weißen, wird

der Körper durch Luxus und Weichlichkeit geschwächt, und aus diesem Grunde

waren früher Mißbildungen in Couzco und Tenochtitlan häufiger; aber unter

den heutigen Mexicanern, die alle Landbauern sind und in der größten

Sitteneinfalt leben, hätte Montezuma nimmermehr die Zwerge und Bucklichten

aufgetriehen, die Bernal Diaz bei seiner Mahlzeit erscheinen sah.

Die Sitte des frühzeitigen Heirathens ist, wie die Ordensgeistlichen

bezeugen, der Zunahme der Bevölkerung durchaus nicht nachtheilig. Diese

frühe Mannbarkeit ist Racencharakter und keineswegs Folge des heißen

Klimas; sie kommt ja auch auf der Nordwestküste von Amerika, bei den

Eskimos vor, so wie in Asien bei den Kamtschadalen und Koriäken, wo häufig

zehnjährige Mädchen Mütter sind. Man kann sich nur wundern, daß die

Tragezeit, die Dauer der Schwangerschaft sich im gesunden Zustande bei

keiner Race und in keinem Klima verändert.

Die Chaymas haben beinahe keinen Bart am Kinn, wie die Tongusen und andere

Völker mongolischer Race. Die wenigen Haare, die sprossen, reißen sie aus;

aber im Allgemeinen ist es unrichtig, wenn man behauptet, sie haben nur

deßhalb keinen Bart, weil sie denselben ausraufen. Auch ohne diesen Brauch

wären die Indianer größtentheils ziemlich bartlos. Ich sage größtentheils,

denn es gibt Völkerschaften, die in dieser Beziehung ganz vereinzelt neben

den andern stehen und deßhalb um so mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hieher

gehören in Nordamerika die Chepewyans, die Mackenzie besucht hat, und die

Yabipais bei den toltekischen Ruinen von Moqui, beide mit dichtem Bart, in

Südamerika die Patagonen und Guaranys. Unter, letzteren sieht man Einzelne

sogar mit behaarter Brust. Wenn die Chaymas, statt sich den dünnen

Kinnbart auszuraufen, sich häufig rasiren, so wächst der Bart stärker.

Solches sah ich mit Erfolg junge Indianer thun, die als Meßdiener lebhaft

wünschten den Väter Kapuzinern, ihren Missionären und Meistern zu

gleichen. Beim Volk im Ganzen aber ist und bleibt der Bart in dem Maße

verhaßt, in dem er bei den Orientalen in Ehren steht. Dieser Widerwille

fließt aus derselben Quelle wie die Vorliebe für abgeflachte Stirnen, die

an den Bildnissen aztekischer Gottheiten und Helden in so seltsamer Weise

zu Tage kommt. Den Völkern gilt immer für schön, was ihre eigene

Körperbildung, ihre Nationalphysiognomie besonders auszeichnet.(3) Da

ihnen nun die Natur sehr wenig Bart, eine schmale Stirne und eine

rothbraune Haut gegeben hat, so hält sich jeder für desto schöner, je

weniger sein Körper behaart, je flacher sein Kopf, je lebhafter seine Haut

mit _‘Roucou’_, _‘Chica’_ oder irgend einer kupferrothen Farbe bemalt ist.

Die Lebensweise der Chaymas ist höchst einförmig. Sie legen sich

regelmäßig um sieben Uhr Abends nieder und stehen lange vor Tag, um halb

fünf Uhr Morgens auf. Jeder Indianer hat ein Feuer bei seiner Hängematte.

Die Weiber sind so frostig, daß ich sie in der Kirche vor Kälte zittern

sah, wenn der hunderttheilige Thermometer noch auf 18 Grad stand. Im

Innern sind die Hütten der Indianer äußerst sauber. Ihr Bettzeug, ihre

Schilfmatten, ihre Töpfe mit Manioc oder gegohrenem Mais, ihre Bogen und

Pfeile, Alles befindet sich in der schönsten Ordnung. Männer und Weiber

baden täglich, und da sie fast immer nackt gehen, so kann bei ihnen die

Unreinlichkeit nicht aufkommen, die beim gemeinen Volk in kalten Ländern

vorzugsweise von den Kleidern herrührt. Außer dem Haus im Dorfe haben sie

meist auf ihren _‘Conucos’_, an einer Quelle oder am Eingang einer recht

einsamen Schlucht, eine mit Palm- und Bananenblättern gedeckte Hütte von

geringem Umfang. Obgleich sie auf dem Conuco weniger bequem leben, halten

sie sich doch dort auf, so oft sie nur können. Schon oben gedachten wir

ihres unwiderstehlichen Triebs, die Gesellschaft zu fliehen und zum Leben

in der Wildniß zurückzukehren. Die kleinsten Kinder entlaufen nicht selten

ihren Eltern und ziehen vier, fünf Tage in den Wäldern herum, von

Früchten, von Palmkohl und Wurzeln sich nährend. Wenn man in den Missionen

reist, sieht man häufig die Dörfer fast ganz leer stehen, weil die

Einwohner in ihren Gärten sind oder auf der Jagd, _al monte_. Bei den

civilisirten Völkern fließt wohl die Jagdlust zum Theil aus denselben

moralischen Quellen, aus dem Reiz der Einsamkeit, dem angebotenen

Unabhängigkeitstrieb, dem tiefen Eindruck, den die Natur überall auf den

Menschen macht, wo er sich ihr allein gegenüber sieht.

Entbehrung und Leiden sind auch bei den Chaymas, wie bei allen

halbbarbarischen Völkern, das Loos der Weiber. Die schwerste Arbeit fällt

ihnen zu. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihrem Garten heimkommen sahen,

trug der Mann nichts als das Messer (_machette_), mit dem er sich einen

Weg durch das Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer

gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm, und zwei andere

saßen nicht selten oben auf dem Bündel. Trotz dieser gesellschaftlichen

Unterordnung schienen mir die Weiber der südamerikanischen Indianer

glücklicher als die der Wilden im Norden. Zwischen den Aleghanis und dem

Mississippi werden überall, wo die Eingeborenen nicht größtentheils von

der Jagd leben, Mais, Bohnen und Kürbisse nur von den Weibern gebaut; der

Mann gibt sich mit dem Ackerbau gar nicht ab. In der heißen Zone gibt es

nur sehr wenige Jägervölker, und in den Missionen arbeiten die Männer im

Felde so gut wie die Weiber.

Man macht sich keinen Begriff davon, wie schwer die Indianer spanisch

lernen. Sie haben einen Abscheu davor, so lange sie mit den Weißen nicht

in Berührung kommen und ihnen der Ehrgeiz fremd bleibt, civilisirte

Indianer zu heißen, oder, wie man sich in den Missionen ausdrückt,

_‘latinisirte’_ Indianer, _Indios muy latinos_. Was mir aber nicht allein

bei den Chaymas, sondern in allen sehr entlegenen Missionen, die ich

später besucht, am meisten auffiel, das ist, daß es den Indianern so

ungemein schwer wird, die einfachsten Gedanken zusammenzubringen und auf

spanisch auszudrücken, selbst wenn sie die Bedeutung der Worte und den

Satzbau ganz gut kennen. Man sollte sie für noch einfältiger halten als

Kinder, wenn ein Weißer sie über Gegenstände befragt, mit denen sie von

Kindesbeinen an vertraut sind. Die Missionäre versichern, dieses Stocken

sey nicht Folge der Schüchternheit; bei den Indianern, die täglich ins

Haus des Missionärs kommen und bei der öffentlichen Arbeit die Aussicht

führen, sey es keineswegs natürliche Beschränktheit, sondern nur

Unvermögen, den Mechanismus einer von ihren Landessprachen abweichenden

Sprache zu handhaben. Je uncultivirter der Mensch ist, desto mehr

moralische Starrheit und Unbiegsamkeit kommt ihm zu. Es ist also nicht zu

verwundern, wenn der Indianer, der vereinsamt in den Missionen lebt,

Hemmnissen begegnet, von denen diejenigen nichts wissen, die mit Mestizen,

Mulatten und Weißen in der Nähe der Städte in Pfarrdörfern wohnen. Ich war

oft erstaunt, mit welcher Geläufigkeit in Caripe der _‘Alcalde’_, der

_‘Governador’_, der _‘Sargento mayor’_ stundenlang zu den vor der Kirche

versammelten Indianern sprachen; sie vertheilten die Arbeiten für die

Woche, schalten die Trägen, drohten den Unanstelligen. Diese Häuptlinge,

die selbst Chaymas sind und die Befehle des Missionärs der Gemeinde zur

Kenntniß bringen, sprechen dabei alle auf einmal, mit lauter Stimme, mit

starker Betonung, fast ohne Geberdenspiel. Ihre Züge bleiben dabei

unbeweglich, ihr Blick ist ernst, gebieterisch.

Dieselben Menschen, die so viel Geisteslebendigkeit verriethen und

ziemlich gut spanisch verstanden, konnten ihre Gedanken nicht mehr

zusammenbringen, wenn sie uns auf unsern Ausflügen in der Nähe des

Klosters begleiteten und wir durch die Mönche Fragen an sie richten

ließen. Man konnte sie Ja oder Nein sagen lassen, je nachdem man die Frage

stellte; und ihre Trägheit und nebenbei auch jene schlaue Höflichkeit, die

auch dem rohesten Indianer nicht ganz fremd ist, ließ sie nicht selten

ihren Antworten die Wendung geben, auf die unsere Fragen zu deuten

schienen. Wenn sich Reisende auf die Aussagen von Eingeborenen berufen

wollen, können sie vor diesem gefälligen Jasagen sich nicht genug in Acht

nehmen. Ich wollte einmal einen indianischen Alcalden auf die Probe

stellen und fragte ihn, ob er nicht meine, der Bach Caripe, der aus der

Höhle des Guacharo herauskommt, laufe aus der andern Seite den Berg heraus

und durch eine unbekannte Oeffnung herein. Er schien sich eine Weile zu

besinnen und sagte dann zur Unterstützung meiner Annahme: »Freilich, wie

wäre auch sonst vorne in der Höhle immer Wasser im Bett?«

Alle Zahlenverhältnisse fassen die Chaymas außerordentlich schwer. Ich

habe nicht Einen gesehen, den man nicht sagen lassen konnte, er sey

achtzehn oder aber sechzig Jahre alt. Marsden hat dieselbe Beobachtung an

den Malaien auf Sumatra gemacht, die doch seit mehr als fünfhundert Jahren

civilisirt sind. Die Chaymassprache hat Worte, die ziemlich große Zahlen

ausdrücken, aber wenige Indianer wissen damit umzugehen, und da sie im

Verkehr mit den Missionären dazu genöthigt sind, so zählen die fähigsten

spanisch, aber so, daß man ihnen die geistige Anstrengung ansieht, bis auf

30 oder 50. In der Chaymassprache zählen dieselben Menschen nicht über 5

oder 6. Es ist natürlich, daß sie sich vorzugsweise der Worte einer

Sprache bedienen, in der sie die Reihen der Einer und der Zehner kennen

gelernt haben. Seit die europäischen Gelehrten es der Mühe werth halten,

den Bau der amerikanischen Sprachen zu studiren, wie man den Bau der

semitischen Sprachen, des Griechischen und des Lateinischen studirt,

schreibt man nicht mehr der Mangelhaftigkeit der Sprachen zu, was nur aus

Rechnung der Rohheit der Völker kommt. Man erkennt an, daß fast überall

die Mundarten reicher sind und feinere Wendungen aufzuweisen haben, als

man nach der Culturlosigkeit der Völker, die sie sprechen, vermuthen

sollte. Ich bin weit entfernt, die Sprachen der neuen Welt den schönsten

Sprachen Asiens und Europas gleichstellen zu wollen; aber keine von diesen

hat ein klareres, regelmäßigeres und einfacheres Zahlsystem als das

Oquichua und das Aztekische, die in den großen Reichen Couzco und Anahuac

gesprochen wurden. Dürfte man nun sagen, in diesen Sprachen zähle man

nicht über vier, weil es in den Dörfern, wo sich dieselben unter den armen

Bauern von peruanischem oder mexicanischem Stamm erhalten haben, Menschen

gibt, die nicht weiter zählen können? Die seltsame Ansicht, nach der so

viele Völker Amerikas nur bis zu fünf, zehn oder zwanzig sollen zählen

können, ist durch Reisende aufgekommen, die nicht wußten, daß die

Menschen, je nach dem Geist der verschiedenen Mundarten, in allen

Himmelsstrichen nach 5, 10 oder 20 Einheiten (das heißt nach den Fingern

Einer Hand, beider Hände, der Hände und Füße zusammen) einen Abschnitt

machen, und daß 6, 13 oder 20 auf verschiedene Weise durch fünf eins, zehn

drei und »Fuß zehn« ausgedrückt werden. Kann man sagen, die Zahlen der

Europäer gehen nicht über zehen, weil wir Halt machen, wenn eine Gruppe

von zehn Einheiten beisammen ist?

Die amerikanischen Sprachen sind so ganz anders gebaut, als die

Töchtersprachen des Lateinischen, daß die Jesuiten, welche Alles, was ihre

Anstalten fördern konnte, aufs Sorgfältigste in Betracht zogen, bei den

Neubekehrten statt des Spanischen einige indianische sehr reiche, sehr

regelmäßige und weit verbreitete Sprachen, namentlich das Oquichua und das

Guarani, einführten. Sie suchten durch diese Sprachen die ärmeren,

plumperen, im Satzbau nicht so regelmäßigen Mundarten zu verdrängen. Und

der Tausch gelang ohne alle Schwierigkeit; die Indianer verschiedener

Stämme ließen sich ganz gelehrig dazu herbei, und so wurden diese

verallgemeinerten amerikanischen Sprachen zu einem bequemen Verkehrsmittel

zwischen den Missionären und den Neubekehrten. Mit Unrecht würde man

glauben, der Sprache der Incas sey nur darum der Vorzug vor dem Spanischen

gegeben worden, um die Missionen zu isoliren und sie dem Einfluß zweier

auf einander eifersüchtiger Gewalten, der Bischöfe und der Statthalter, zu

entziehen; abgesehen von ihrer Politik hatten die Jesuiten noch andere

Gründe, wenn sie gewisse indianische Sprachen zu verbreiten suchten. Diese

Sprachen boten ihnen ein bequemes Mittel, um ein Band um zahlreiche Horden

zu schlingen, die bis jetzt vereinzelt, einander feindlich gesinnt, durch

die Sprachverschiedenheit geschieden waren; denn in uncultivirten Ländern

bekommen die Dialekte nach mehreren Jahrhunderten nicht selten die Form

oder doch das Aussehen von Ursprachen.

Wenn es heißt, ein Däne lerne leichter Deutsch, ein Spanier leichter

Italienisch oder Lateinisch als jede andere Sprache, so meint man

zunächst, dieß rühre daher, daß alle germanischen Sprachen oder alle

Sprachen des lateinischen Europas eine Menge Wurzeln mit einander gemein

haben; man vergißt, daß es neben dieser Aehnlichkeit der Laute eine andere

gibt, die Völker von gemeinsamem Ursprung noch ungleich tiefer anregt. Die

Sprache ist keineswegs ein Ergebniß willkührlicher Uebereinkunft; der

Mechanismus der Flexionen, die grammatischen Formen, die Möglichkeit der

Inversionen, Alles ist ein Ausfluß unseres Innern, unserer eigenthümlichen

Organisation. Im Menschen lebt ein unbewußt thätiges und ordnendes

Princip, das bei Völkern von verschiedener Race auch verschieden angelegt

ist. Das mehr oder weniger rauhe Klima, der Aufenthalt im Hochgebirg oder

am Meeresufer, die ganze Lebensweise mögen die Laute umwandeln, die

Gemeinsamkeit der Wurzeln unkenntlich machen und ihrer neue erzeugen; aber

alle diese Ursachen lassen den Bau und das innere Getriebe der Sprachen

unberührt. Die Einflüsse des Klimas und aller äußern Verhältnisse sind ein

verschwindendes Moment dem gegenüber, was der Racencharakter wirkt, die

Gesammtheit der dem Menschen eigenthümlichen, sich vererbenden Anlagen.

In Amerika nun -- und dieses Ergebniß der neuesten Forschungen ist für die

Geschichte unserer Gattung von der höchsten Bedeutung -- in Amerika haben

vom Lande der Eskimos bis zum Orinoco, und von den heißen Ufern dieses

Flusses bis zum Eis der Magellanschen Meerenge den Wurzeln nach ganz

verschiedene Stammsprachen so zu sagen dieselbe Physiognomie. Nicht allein

ausgebildete Sprachen, wie die der Incas, das Aymare, Guarany, Cora und

das Mexicanische, sondern auch sehr rohe Sprachen zeigen in ihrem

grammatischen Bau die überraschendsten Aehnlichkeiten. Idiome, deren

Wurzeln einander um nichts ähnlicher sind als die Wurzeln des Slavischen

und des Baskischen, gleichen einander im inneren Mechanismus wie Sanskrit,

Persisch, Griechisch und die germanischen Sprachen. So findet man fast

überall in der neuen Welt, daß die Zeitwörter eine ganze Menge Formen und

Tempora haben, ein künstliches, sehr verwickeltes Verfahren, um entweder

durch Flexion der persönlichen Fürwörter, welche die Wortendungen bilden,

oder durch Einschieben eines Suffixes zum voraus Wesen und Verhältnisse

des Subjekts zu bezeichnen, um anzugeben, ob dasselbe lebendig ist oder

leblos, männlichen oder weiblichen Geschlechts, einfach oder in vielfacher

Zahl. Eben wegen dieser allgemeinen Aehnlichkeit im Bau, und weil

amerikanische Sprachen, die auch nicht ein Wort mit einander gemein haben

(z. B. das Mexicanische und das Oquichua), in ihrer inneren Gliederung

übereinkommen und von den Töchtersprachen des Lateinischen durchaus

abweichen, lernt der Indianer in den Missionen viel leichter eine

amerikanische Sprache als die des europäischen Mutterlandes. In den

Wäldern am Orinoco habe ich die rohesten Indianer zwei, drei Sprachen

sprechen hören. Häufig verkehren Wilde verschiedener Nationen in einem

andern als ihrem eigenen Idiom mit einander.

Hätte man das System der Jesuiten befolgt, so wären bereits weit

verbreitete Sprachen fast allgemein geworden. Auf Terra Firma und am

Orinoco spräche man jetzt nur Caraibisch oder Tamanakisch, im Süden und

Südwesten Oquichua, Guarani, Omagua und Araucanisch. Die Missionäre

könnten sich diese Sprachen zu eigen machen, deren grammatische Formen

höchst regelmäßig und fast so fest sind wie im Griechischen und Sanskrit,

und würden so den Eingeborenen, über die sie herrschen, weit näher kommen.

Die zahllosen Schwierigkeiten in der Verwaltung von Missionen, die aus

einem Dutzend Völkerschaften bestehen, verschwänden mit der

Sprachverwirrung. Die wenig verbreiteten Mundarten würden todte Sprachen;

aber der Indianer behielte mit einer amerikanischen Sprache auch seine

Individualität und seine nationale Physiognomie. Man erreichte so auf

friedlichem Wege, was die allzu sehr gepriesenen Incas, die den Fanatismus

in die neue Welt eingeführt, mit Waffengewalt durchzuführen begonnen.

Wie mag man sich auch wundern, daß die Chaymas, die Caraiben, die Saliven

oder Otomaken im Spanischen so geringe Fortschritte machen, wenn man

bedenkt, daß fünf-, sechshundert Indianern Ein Weißer, Ein Missionär

gegenübersteht, und daß dieser alle Mühe hat, einen Governador, Alcalden

oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! Könnte man statt der Zucht der

Missionäre die Indianer auf anderem Wege civilisiren, oder vielmehr ihre

Sitten sänftigen (denn der unterworfene Indianer hat weniger rohe Sitten,

ohne deßhalb gebildeter zu seyn), könnte man die Weißen, statt sie ferne

zu halten, in neu gebildeten Gemeinden unter den Eingeborenen leben

lassen, so wären die amerikanischen Sprachen bald von den europäischen

verdrängt, und die Eingeborenen überkämen mit den letzteren die gewaltige

Masse neuer Vorstellungen, welche die Früchte der Cultur sind. Dann

brauchte man allerdings keine allgemeinen Sprachen, wie die der Incas oder

das Guarany, einzuführen. Aber nachdem ich mich in den Missionen des

südlichen Amerikas so lange aufgehalten, nachdem ich die Vorzüge und die

Mißbräuche des Regiments der Missionare kennen gelernt, darf ich wohl die

Ansicht aussprechen, daß dieses Regiment nicht so leicht abzuschaffen seyn

wird, ein System, das sich gar wohl bedeutend verbessern läßt und das als

Vorbereitung und Uebergang zu einem unsern Begriffen von bürgerlicher

Freiheit entsprechenderen erscheint. Man wird mir einwenden, die Römer

haben in Gallien, in Bätica, in der Provinz Afrika mit ihrer Herrschaft

schnell auch ihre Sprache eingeführt; aber die eingeborenen Völker dieser

Länder waren keine Wilde. Sie wohnten in Städten, sie kannten den Gebrauch

des Geldes, sie hatten bürgerliche Einrichtungen, die eine ziemlich hohe

Stufe der Cultur voraussetzen. Durch die Lockungen des Waarentausches und

den langen Aufenthalt der Legionen waren sie mit den Eroberern in

unmittelbare Berührung gekommen. Dagegen sehen wir der Einführung der

Sprachen der Mutterländer überall fast unüberwindliche Hindernisse

entgegentreten, wo carthaginensische, griechische oder römische Colonien

auf wirklich barbarischen Küsten angelegt wurden. Zu allen Zeiten und

unter allen Himmelsstrichen ist Flucht der erste Gedanke des Wilden dem

civilisirten Menschen gegenüber.

Die Sprache der Chaymas schien mir nicht so wohlklingend wie das

Caraibische, das Salivische und andere Orinocosprachen: Namentlich hat sie

weniger in accentuirten Vocalen ausklingende Endungen. Sylben wie _guaz_,

_ez_, _puic_, _pur_ kommen auffallend oft vor. Wir werden bald sehen, daß

diese Endungen zum Theil Flexionen des Zeitworts *seyn* sind, oder aber

Postpositionen, die nach dem Wesen der amerikanischen Sprachen den Worten

selbst einverleibt sind. Mit Unrecht würde man diese Rauheit des

Sprachtons dem Leben der Chaymas im Gebirge zuschreiben, denn sie sind

ursprünglich diesem gemäßigten Klima fremd. Sie sind erst durch die

Missionäre dorthin versetzt worden, und bekanntlich war den Chaymas, wie

allen Bewohnern heißer Landstriche, die Kälte in Caripe, wie sie es

nennen, Anfangs sehr zuwider. Während unseres Aufenthalts im

Kapuzinerkloster haben Bonpland und ich ein kleines Verzeichniß von

Chaymasworten angelegt. Ich weiß wohl, daß der Bau und die grammatischen

Formen für die Sprachen weit bezeichnender sind als die Analogie der Laute

und der Wurzeln, und daß diese Analogie der Laute nicht selten in

verschiedenen Dialekten derselben Sprache völlig unkenntlich wird; denn

die Stämme, in welche eine Nation zerfällt, haben häufig für dieselben

Gegenstände völlig verschiedene Benennungen. So kommt es, daß man sehr

leicht irre geht, wenn man, die Flexionen außer Augen lassend, nur nach

den Wurzeln, z. B. nach den Worten für Mond, Himmel, Wasser, Erde, zwei

Idiome allein wegen der Unähnlichkeit der Laute für völlig verschieden

erklärt. Trotz dieser Quelle des Irrthums thun, denke ich, die Reisenden

gut, wenn sie immer alles Matterial sammeln, das ihnen zugänglich ist.

Machen sie auch nicht mit der inneren Gliederung und dem allgemeinen Plane

des Baus bekannt, so lehren sie doch wichtige Theile desselben für sich

kennen. Die Wörterverzeichnisse sind nicht zu vernachläßigen; sie geben

sogar über den wesentlichen Charakter einer Sprache einigen Ausschluß,

wenn der Reisende Sätze sammelt, aus denen man ersieht, wie das Zeitwort

flektirt wird und, was in den verschiedenen Sprachen in so abweichender

Weise geschieht, die persönlichen und possessiven Fürwörter bezeichnet

werden.

Die drei verbreitetsten Sprachen in den Provinzen Cumana und Barcelona

sind gegenwärtig die der Chaymas, das Cumanagotische und das Caraibische.

Sie haben im Lande von jeher als verschiedene Idiome gegolten; jede hat

ihr Wörterbuch, zum Gebrauch der Missionen verfaßt von den Patres Tauste,

Ruiz-Blanco und Breton. Das _Vocabulario y arte de la lengua de los Indios

Chaymas_ ist sehr selten geworden. Die wenigen Exemplare der meist im

siebzehnten Jahrhundert gedruckten amerikanischen Sprachlehren sind in die

Missionen gekommen und in den Wäldern zu Grunde gegangen. Wegen der großen

Feuchtigkeit und der Gefräßigkeit der Insekten lassen sich in diesen

heißen Ländern Bücher fast gar nicht aufbewahren. Trotz aller

Vorsichtsmaßregeln sind sie in kurzer Zeit gänzlich verdorben. Nur mit

großer Mühe konnte ich in den Missionen und Klöstern die Grammatiken

amerikanischer Sprachen zusammenbringen, die ich gleich nach meiner

Rückkehr nach Europa dem Professor und Bibliothekar Severin Vater zu

Königsberg übermacht habe; sie lieferten ihm gutes Material zu seinem

schönen großen Werk über die Sprachen der neuen Welt. Ich hatte damals

versäumt meine Notizen über die Chaymassprache aus meinem Tagebuch

abzuschreiben und diesem Gelehrten mitzutheilen. Da weder Pater Gili, noch

der Abt Hervas dieser Sprache erwähnen, gebe ich hier kurz das Ergebniß

meiner Untersuchungen.

Auf dem rechten Ufer des Orinoco, südöstlich von der Mission Encaramada,

über hundert Meilen von den Chaymas, wohnen die Tamanacu, deren Sprache in

mehrere Dialekte zerfällt. Diese einst sehr mächtige Nation ist auf wenige

Köpfe zusammengeschmolzen; sie ist von den Bergen von Caripe durch den

Orinoco, durch die großen Steppen von Caracas und Cumana, und durch eine

noch schwerer zu übersteigende Schranke, durch Völker von caraibischem

Stämme getrennt. Trotz dieser Entfernung und der vielfachen örtlichen

Hindernisse erkennt man in der Sprache der Chaymas einen Zweig der

Tamanacusprache. Die ältesten Missionare in Caripe wissen nichts von

dieser interessanten Beobachtung, weil die aragonesischen Kapuziner fast

nie an das südliche Ufer des Orinoco kommen und von der Existenz der

Tamanacu so gut wie nichts wissen. Die Verwandtschaft zwischen der Sprache

dieses Volks und der der Chaymas habe ich erst lange nach meiner Rückkehr

nach Europa aufgefunden, als ich meine gesammelten Notizen mit einer

Grammatik verglich, die ein alter Missionär am Orinoco in Italien drucken

lassen. Ohne die Sprache der Chaymas zu kennen, hatte schon der Abt Gili

vermuthet, daß die Sprache der Einwohner von Paria mit dem Tamanacu

verwandt seyn müsse.

Ich thue diese Verwandtschaft auf dem doppelten Wege dar, aus dem man die

Analogie der Sprachen erkennt, durch den grammatischen Bau und durch die

Uebereinstimmung der Worte oder Wurzeln. -- Hier sind zuerst die

persönlichen Fürwörter der Chaymas, die zugleich Possessiva sind: _u-re_,

ich, _cu-re_, du, _tiu-re_, er. Im Tamanacu: _u-re_, ich, _amare_ oder

_an-ja_, du, _iteu-ja_, er. Die Wurzel der ersten und der dritten Person

ist im Chaymas _u_ und _teu_ dieselben Wurzeln finden sich im Tamanacu.

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| Chaymas | Tamanacu |

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|_Ure_, ich. | _ure._ |

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|_Tuna_, Wasser. | _Tuna._ |

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|_Conopo_, Regen. | _Canepo._ |

+---------------------+-----------------+

|_Poturu_, Wissen. | _Puturo._ |

+---------------------+-----------------+

|_Apoto_, Feuer. | _U-apto._ |

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|_Nunu_, Mond, Monat. | _Nuna._ |

+---------------------+-----------------+

|_Je_, Baum. | _Jeje._ |

+---------------------+-----------------+

|_Ata_, Haus. | _Aute._ |

+---------------------+-----------------+

|_Euya_, dir. | _Auya._ |

+---------------------+-----------------+

|_Toya_, ihm. | _Iteuya._ |

+---------------------+-----------------+

|_Guane_, Honig. | _Uane._ |

+---------------------+-----------------+

|_Nacaramayre_, er | _Nacaramai._ |

|hat’s gesagt. | |

+---------------------+-----------------+

|_Piache_, Zauberer, | _Psiache._ |

|Arzt. | |

+---------------------+-----------------+

|_Tibin_, eins. | _Obin._ |

+---------------------+-----------------+

|_Aco_, zwei. | _Oco._ |

+---------------------+-----------------+

|_Oroa_, drei. | _Orua._ |

+---------------------+-----------------+

|_Pun_, Fleisch. | _Punu._ |

+---------------------+-----------------+

|_Pra_, nicht. | _Pra._ |

+---------------------+-----------------+

*Seyn* heißt im Chaymas _az_; setzt man vor das Zeitwort das persönliche

Fürwort *ich* (_u_ von _u-re_), so läßt man des Wohlklangs wegen vor dem

_u_ ein _g_ hören, also _guaz_, *ich bin*, eigentlich _g-u-az_. Wie die

erste Person durch ein _u_ so wird die zweite durch ein _m_, die dritte

durch ein _i_ bezeichnet: du bist, _maz_; »_muerepuec araquapemaz,_«, »

warum bist du traurig?« wörtlich: »das für traurig du seyn?« »_punpuec

topuchemaz,_« »du bist fett von Körper;« wörtlich: »Fleisch (_pun_) für

(_puec_) fett (_topuche_) du seyn (_maz_).« Die zueignenden Fürwörter

kommen vor das Hauptwort zu stehen: »_upatay,_« »in meinem Hause;«

wörtlich: »ich Haus in.« Alle Präpositionen wie die Negation _pra_ werden

nachgesetzt, wie im Tamanacu. Man sagt im Chaymas: »_ipuec,_ mit ihm,«

wörtlich »er mit;« »_euya,_ zu dir, oder dir zu;« »_epuec charpe guaz_«

»ich bin lustig mit dir;« wörtlich: »du mit lustig ich seyn;« »_ucarepra,_

nicht wie ich;« wörtlich: »ich wie nicht;« »_quenpotupra quoguaz_ ich

kenne ihn nicht;« wörtlich: »ihn kennend nicht ich bin;« »_quenepra

quoguaz,_ ich habe ihn nicht gesehen,« wörtlich: »ihn sehend nicht ich

bin.« Im Tamanacu sagt man: »_acurivane,_ schön,« und »_acurivanepra,_

häßlich, nicht schön;« »_uotopra,_ es gibt keinen Fisch,« wörtlich: »Fisch

nicht;« »_uteripipra,_ ich will nicht gehen;« wörtlich: »ich gehen wollen

nicht;« und dieß ist zusammengesetzt aus _iteri_ gehen, _ipiri_ wollen,

und _pra_, nicht. Bei den Caraiben, deren Sprache auch Aehnlichkeit mit

dem Tamanacu hat, obgleich weit weniger als das Chaymas, wird die

Verneinung durch ein _m_ vor dem Zeitwort ausgedrückt: »_amoyenlenganti,_

es ist sehr kalt;« »_mamoyenlenganti,_ es ist nicht sehr kalt.« In

ähnlicher Weise gibt im Tamanacu die Partikel _mna,_ dem Zeitwort nicht

angehängt, sondern eingeschoben, demselben einen verneinenden Sinn, z. B.

_taro,_ sagen, _taromnar,_ nicht sagen.

Das Hauptzeitwort *seyn*, das in allen Sprachen sehr unregelmäßig ist,

lautet im Chaymas _az_ oder _ats,_ im Tamanacu _nochiri_ (in den

Zusammensetzungen _uac, uatscha_). Es dient nicht bloß zur Bildung des

Passivs, sondern wird offenbar auch, wie durch Agglutination, in vielen

Tempora der Wurzel der attributiven Zeitwörter angehängt. Diese

Agglutinationen erinnern an den Gebrauch der Hülfszeitwörter _as_ und

_bhu_ im Sanskrit, des _fu_ oder _fuo_ im Lateinischen,(4) das _izan,

ucan_ und _eguin_ im Baskischen. Es gibt gewisse Punkte, in denen die

einander unähnlichsten Sprachen zusammentreffen; das Gemeinsame in der

geistigen Organisation des Menschen spiegelt sich ab im allgemeinen Bau

der Sprachen, und in jedem Idiom, auch dem scheinbar barbarischsten,

offenbart sich ein regelndes Princip, das es geschaffen.

Die Mehrzahl hat im Tamanacu siebenerlei Formen je nach der Endung des

Substantiv, oder je nachdem es etwas Lebendes oder etwas Lebloses

bedeutet.(5) Im Chaymas wird die Mehrzahl, wie im Caraibischen, durch _on_

bezeichnet: »_teure,_ er selbst,« »_teurecon,_ sie selbst;« »_taronocon,_

die hier;« »_montaonocon,_ die dort,« wenn der Sprechende einen Ort meint,

an dem er sich selbst befand; »_miyonocon,_ die dort,« wenn er von einem

Ort spricht, an dem er nicht war. Die Chaymas haben auch die spanischen

Adverbe _aqui_ und _alà (allà),_ deren Sinn sich in den Sprachen von

germanischer und lateinischer Abstammung nur mittelst Umschreibung

wiedergeben läßt.

Manche Indianer, die spanisch verstanden, versicherten uns, _zis_ bedeute

nicht nur Sonne, sondern auch Gottheit. Dieß schien mir um so

auffallender, da man bei allen andern amerikanischen Völkern besondere

Worte für Gott und für Sonne findet. Der Caraibe wirft »_tamoussicabo,_

den Alten des Himmels,« und »_veyou,_ die Sonne,« nicht zusammen. Sogar

der Peruaner, der die Sonne anbetet, erhebt sich zur Vorstellung eines

Wesens, das den Lauf der Sterne lenkt. In der Sprache der Incas heißt die

Sonne, fast wie im Sanskrit, _Inti_,(6) während Gott _Vinay Huayna_, der

ewig Junge, genannt wird.

Die Satzbildung ist im Chaymas wie bei allen Sprachen beider Continente,

die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben. Das Negierte kommt vor

das Zeitwort zu stehen, das Zeitwort vor das persönliche Fürwort. Der

Gegenstand, auf den der Hauptnachdruck fällt, geht Allem voran, was sonst

ausgesagt wird. Der Amerikaner würde sagen: »Freiheit völlige lieben wir,«

statt: wir lieben völlige Freiheit; »dir nicht glücklich bin ich,« statt:

mit dir bin ich glücklich. Diese Sätze haben eine gewisse Unmittelbarkeit,

Bestimmtheit, Bündigkeit, und sie erscheinen desto naiver, da der Artikel

fehlt. Ob wohl diese Völker, bei fortschreitender Cultur und sich selbst

überlassen, mit der Zeit von dieser Satzbildung abgegangen wären? Man

könnte es vermuthen, wenn man bedenkt, wie stark die Syntax der Römer in

ihren bestimmten, klaren, aber etwas schüchternen Töchtersprachen

umgewandelt worden ist.

Im Chaymas, wie im Tamanacu und den meisten amerikanischen Sprachen,

fehlen gewisse Buchstaben ganz, so namentlich das _f,_ _b_ und _d_. Kein

Wort beginnt mit einem _l_. Dasselbe gilt von der mexicanischen Sprache,

in der doch die Sylben _tli,_ _tla_ und _itl_ als Endungen oder mitten in

den Worten so häufig vorkommen. Der Chaymas-Indianer spricht _r_ statt _l_

weil er dieses nicht aussprechen kann, was ja in allen Himmelsstrichen

vorkommt. Auf diese Weise wurden aus den *Caribes* am Orinoco im

französischen Guyana *Galibi*; an die Stelle des _r_ trat _l_ und das _c_

erweichte sich. Aus dem spanischen Wort _soldado_ hat das Tamanacu

_choraro (solalo)_ gemacht. Wenn _f_ und _b_ in so vielen amerikanischen

Mundarten fehlen, so kommt dieß vom innigen Verwandtschaftsverhältniß

zwischen gewissen Lauten, wie es sich in allen Sprachen gleicher

Abstammung offenbart. Die Buchstaben _f_ und _v_, _b_ und _p_ werden

verwechselt; z. B. Persisch: _peder_, _pater_, _father_, Vater; _burader_,

_frater_, Bruder; _behar_, ver; Griechisch: _phorton_ (forton), Bürde,

_pous_, Fuß. Gerade so wird bei den Amerikanern _f_ und _b_ zu _p_, und

aus _d_ wird _t_. Der Chaymas-Indianer spricht _patre, Tios, Atani,

aracapucha_ statt _padre, Dios, Adan, arcabuz_ (Büchse).

Trotz der erwähnten Aehnlichkeiten glauben wir nicht, daß das Chaymas als

ein Dialekt des Tamanacu zu betrachten ist, wie die drei Dialekte Maitano,

Cuchivero und Crataima. Der Abweichungen sind viele und wesentliche, und

die beiden Sprachen scheinen mir höchstens in dem Grade verwandt, wie das

Deutsche, Schwedische und Englische. Sie gehören derselben Unterabtheilung

der großen Familie der tamanakischen, caraibischen und arouakischen

Sprachen an. Da es für die Sprachverwandtschaft kein absolutes Maaß gibt,

so lassen sich dergleichen Verwandtschaftsgrade nur durch von bekannten

Sprachen hergenommene Beispiele bezeichnen. Wir rechnen zur selben Familie

Sprachen, die einander so nahe stehen, wie Griechisch, Deutsch, Persisch

und Sanskrit.

Die sprachvergleichende Wissenschaft glaubte gefunden zu haben, daß alle

Sprachen in zwei große Classen zerfallen, indem die einen, mit

vollkommenerem Bau, freier, rascher in der Bewegung, eine innere

Entwicklung durch *Flexion* bezeichnen, während die andern, plumperen,

weniger bildungsfähigen, nur kleine *Formen* oder agglutinirte Partikeln

roh neben einander stellen, die alle, wenn man sie für sich braucht, ihre

eigenthümliche Physiognomie beibehalten. Diese höchst geistreiche

Auffassung wäre unrichtia, wenn man annähme, es gebe vielsylbige Sprachen

ohne alle Flexion, oder aber diejenigen, die sich wie von innen heraus

organisch entwickeln, kennen gar keinen äußerlichen Zuwachs durch

*Suffixe* und *Affixe*, welchen Zuwachs wir schon öfters als Agglutination

oder Incorporation bezeichnet haben. Viele Formen, die wir jetzt für

Flexionen der Wurzel halten, waren vielleicht ursprünglich Affixe, von

denen nur ein oder zwei Consonanten übrig geblieben sind. Es ist mit den

Sprachen wie mit allem Organischen in der Natur; nichts steht ganz für

sich, nichts ist dem Andern völlig unähnlich. Je weiter man in ihren

innern Bau eindringt, desto mehr schwinden die Contraste, die auffallenden

Eigenthümlichkeiten. »Es ist damit wie mit den Wolken, die nur von weitem

scharf umrissen scheinen.« [Wilhelm v. Humboldt]

Lassen wir aber auch für die Sprachen keinen durchgreifenden

Eintheilungsgrund gelten, so ist doch vollkommen zuzugeben, daß im

gegenwärtigen Zustand die einen mehr Neigung haben zur Flexion, die andern

zur äußerlichen Aggregation. Zu den ersteren gehören bekanntlich die

Sprachen des indischen, pelasgischen und germanischen Sprachstammes, zu

den letzteren die amerikanischen Sprachen, das Koptische oder

Altegyptische und in gewissem Grade die semitischen Sprachen und das

Baskische. Schon das Wenige, das wir vom Idiom der Chaymas oben

mitgetheilt, zeigt deutlich die durchgehende Neigung zur Incorporation

oder Aggregation gewisser Formen, die sich abtrennen lassen, wobei aber

ein ziemlich entwickeltes Gefühl für Wohllaut ein paar Buchstaben wegwirft

oder aber zusetzt. Durch diese Affixe im Auslaut der Worte werden die

mannigfaltigsten Zahl-, Zeit- und Raumverhältnisse bezeichnet.

Betrachtet man den eigenthümlichen Bau der amerikanischen Sprachen näher,

so glaubt man zu errathen, woher die alte, in allen Missionen verbreitete

Ansicht rührt, daß die amerikanischen Sprachen Aehnlichkeit mit dem

Hebräischen und dem Baskischen haben. Ueberall, im Kloster Caripe wie am

Orinoco, in Peru, wie in Mexico, hörte ich diesen Gedanken äußern,

besonders Geistliche, die vom Hebräischen und Baskischen einige

oberflächliche Kenntniß hatten. Liegen etwa religiöse Rücksichten einer so

seltsamen Annahme zu Grunde? In Nordamerika, bei den Chactas und Chicasas,

haben etwas leichtgläubige Reisende das Hallelujah der Hebräer singen

hören, wie, den Pandits zufolge, die drei heiligen Worte der eleusinischen

Mysterien (_konx om pax_) noch heutzutage in Indien ertönen. Ich will

nicht glauben, daß die Völker des lateinischen Europa Alles hebräisch oder

baskisch nennen, was ein fremdartiges Aussehen hat, wie man lange Alles,

was nicht im griechischen oder römischen Styl gehalten war, egyptische

Denkmäler nannte. Ich glaube vielmehr, daß das grammatische System der

amerikanischen Sprachen die Missionäre des sechzehnten Jahrhunderts in

ihrer Annahme von der asiatischen Herkunft der Völker der neuen Welt

bestärkt hat. Einen Beweis hiefür liefert die langweilige Compilation des

Paters GARCIA: »_Tratad del origen de los indios._« Daß die possessiven

und persönlichen Fürwörter hinter Substantiven und Zeitwörtern stehen, und

daß letztere so viele Tempora haben, das sind Eigenthümlichkeiten des

Hebräischen und der andern semitischen Sprachen. Manche Missionare fanden

es nun sehr merkwürdig, daß die amerikanischen Sprachen dieselben Formen

aufzuweisen haben. Sie wußten nicht, daß die Uebereinstimmung in

verschiedenen einzelnen Zügen für die gemeinsame Abstammung der Sprachen

nichts beweist.

Weniger zu verwundern ist, wenn Leute, die nur zwei von einander sehr

verschiedene Sprachen, spanisch und baskisch, verstehen, an letzterer eine

Familienähnlichkeit mit den amerikanischen Sprachen fanden. Die

Wortbildung, die Leichtigkeit, mit der sich die einzelnen Elemente

auffinden lassen, die Formen des Zeitworts und die mannigfaltigen

Gestalten, die es je nach dem Wesen des regierten Worts annimmt, alles

dieß konnte die Täuschung erzeugen und unterhalten. Aber, wir wiederholen

es, mit der gleichen Neigung zur Aggregation und Incorporation ist noch

keineswegs gleiche Abstammung gegeben. Ich gebe einige Beispiele dieser

physiognomischen Verwandtschaft zwischen den amerikanischen Sprachen und

dem Baskischen, die in den Wurzeln durchgängig von einander abweichen.

*Chaymas*: _quenpotupra guoguaz_ ich kenne nicht, wörtlich: wissend nicht

ich bin. *Tamanacu*: _jarer-uacure_, tragend bin ich, ich trage; _anarepna

aichi_, er wird nicht tragen, wörtlich: tragend nicht wird seyn;

_patcurbe_ gut, _patcutari_, sich gut machen; _Tamanacu_, ein Tamanacu;

_Tamanacutari_, sich zum Tamanacu machen; _Pongheme_, Spanier;

_ponghemtari_, sich hispanisiren; _tenectschi_, ich werde sehen;

_teneicre_, ich werde wiedersehen; _tecscha_, ich gehe; _tecschare_, ich

kehre zurück; _Maypur butkè_, ein kleiner Maypure-Indianer; _aicabutkè_,

ein kleines Weib;(7) _maypuritaje_, ein böser Maypure-Indianer; _aicataje_

ein böses Weib.

*Baskisch*: _maitetutendot_, ich liebe ihn, wörtlich: ich liebend ihn bin;

_beguia_, Auge, und _beguitsa_, sehen; _aitagana_, zum Vater; durch den

Zusatz von _tu_ entsteht das Wort _aitaganatu_, zum Vater gehen;

_ume-tasuna_, sanftes, kindlich offenes Benehmen; _ume-queria_ widriges

kindisches Benehmen.(8)

Diesen Beispielen mögen einige beschreibende Composita folgen, die an die

Kindheit des Menschengeschlechts mahnen und in den amerikanischen Sprachen

wie im Baskischen durch eine gewisse Naivetät des Ausdrucks überraschen.

*Tamanacu*: Wespe, _uane-imu_, wörtlich: Vater (_im-de_) des Honigs

(_uane_); die Zehen, _ptari-mucuru_, wörtlich: die Söhne des Fußes; die

Finger, _amgna-mucuru_, die Söhne der Hand; die Schwämme, _jeje-panari_,

wörtlich: die Ohren des Baums; die Adern der Hand, _amgna-mitti_,

wörtlich: verästete Wurzeln; die Blätter, _prutpe-jareri_, wörtlich: die

Haare des Baumwipfels; _puirene-veju_, wörtlich: gerade oder senkrechte

Sonne; Blitz, _kinemeru-uaptori_, wörtlich: das Feuer des Donners oder des

Gewitters. *Baskisch*: _becoquia_, Stirne, wörtlich: was zum Auge gehört;

_odotsa_, Getöse der Wolke, der Donner; _arribicia_, das Echo, wörtlich:

der lebendige Stein.

Im Chaymas und Tamanacu haben die Zeitwörter eine Unzahl Tempora, ein

doppeltes Präsens, vier Präterita, drei Futura. Diese Häufung ist selbst

den rohesten amerikanischen Sprachen eigen. In der Grammatik des

Baskischen zählt Astarloa gleichfalls zweihundert sechs Formen des

Zeitworts auf. Die Sprachen, welche vorherrschende Neigung zur Flexion

haben, reizen die gemeine Neugier weniger als solche, die durch bloße

Nebeneinanderstellung von Elementen gebildet erscheinen. In den ersteren

sind die Elemente, aus denen die Worte zusammengesetzt sind und die meist

aus wenigen Buchstaben bestehen, nicht mehr kenntlich. Für sich geben

diese Bestandtheile keinen Sinn; alles ist verschlungen und verschmolzen.

Die amerikanischen Sprachen dagegen gleichen einem verwickelten

Mechanismus mit offen zu Tage liegendem Räderwerk. Man erkennt die

Künstlichkeit, man kann sagen den ausgearbeiteten Mechanismus des Baus. Es

ist, als bildeten sie sich erst unter unsern Augen, und man könnte sie für

sehr neuen Ursprungs halten, wenn man nicht bedächte, daß der menschliche

Geist unverrückt einem einmal erhaltenen Anstoß folgt, daß die Völker nach

einem ursprünglich angelegten Plan den grammatischen Bau ihrer Sprachen

erweitern, vervollkommnen oder ausbessern, und daß es Länder gibt, wo

Sprache, Verfassung, Sitten und Künste seit vielen Jahrhunderten wie

festgebannt sind.

Die höchste geistige Entwicklung hat bis jetzt bei den Völkern

stattgefunden, welche dem indischen und pelasgischen Stamm angehören. Die

hauptsächlich durch Aggregation gebildeten Sprachen erscheinen als ein

natürliches Hinderniß der Culturentwicklung; es geht ihnen großentheils

die rasche Bewegung ab, das innerliche Leben, die die Flexion der Wurzeln

mit sich bringt und die den Werken der Einbildungskraft den Hauptreiz

geben. Wir dürfen indessen nicht vergessen, daß ein schon im hohen

Alterthum hochberühmtes Volk, dem selbst die Griechen einen Theil ihrer

Bildung entlehnten, vielleicht eine Sprache hatte, die in ihrem Bau

unwillkürlich an die amerikanischen Sprachen erinnert. Welche Masse ein-

oder zweisylbiger Partikeln werden im Coptischen dem Zeitwort oder

Hauptwort angehängt! Das Chaymas und Tamanacu, halb barbarische Sprachen,

haben ziemlich kurze abstrakte Benennungen für Größe, Neid, Leichtsinn,

_cheictivate_, _uoite_, _uonde_; aber im Coptischen ist das Wort Bosheit,

_metrepherpeton_, aus fünf leicht zu unterscheidenden Elementen

zusammengesetzt, und bedeutet: die Eigenschaft (_met_) eines Subjektes

(_reph_), das thut (_er_) das Ding (_pet_), (das ist) böse (_on_). Und

dennoch hatte die coptische Sprache ihre Literatur, so gut wie die

chinesische, in der die Wurzeln nicht einmal aggregirt, sondern kaum an

einander gerückt sind und sich gar nicht unmittelbar berühren. So viel ist

gewiß, sind einmal die Völker aus ihrem Schlummer aufgerüttelt und auf die

Bahn der Cultur geworfen, so bietet ihnen die seltsamste Sprache das

Werkzeug, um Gedanken bestimmt auszudrücken und Seelenregungen zu

schildern. Ein achtungswerther Mann, der in der blutigen Revolution von

Quito das Leben verloren, Don Juan de la Rea, hat ein paar Idyllen

Theokrits in die Sprache der Incas einfach und zierlich übertragen, und

man hat mich versichert, mit Ausnahme naturwissenschaftlicher und

philosophischer Werke, lasse sich so ziemlich jedes neuere

Literaturprodukt ins Peruanische übersetzen.

Der starke Verkehr zwischen den Eingeborenen und den Spaniern seit der

Eroberung hat zur natürlichen Folge gehabt, daß nicht wenige amerikanische

Worte in die spanische Sprache übergegangen sind. Manche dieser Worte

bezeichnen meist Dinge, die vor der Entdeckung der neuen Welt unbekannt

waren, und wir denken jetzt kaum mehr an ihren barbarischen Ursprung

(z. B. Savane, Canibale). Fast alle gehören der Sprache der großen

Antillen au, die früher die Sprache von Haiti, Quizqueja oder Itis hieß.

Ich nenne nur die Worte Mais, Tabak, Canoe, Batata, Cazike, Balsa, Conuco

u. s. w. Als die Spanier mit dem Jahr 1498 anfingen Terra Firma zu

besuchen, hatten sie bereits Worte für die nutzbarsten Gewächse, die auf

den Antillen, wie auf den Küsten von Cumana und Paria vorkommen. Sie

behielten nicht nur diese von den Haitiern entlehnten Benennungen bei,

durch sie wurden dieselben über ganz Amerika verbreitet, zu einer Zeit, wo

die Sprache von Haiti bereits eine todte Sprache war, und bei Völkern, die

von der Existenz der Antillen gar nichts wußten. Manchen Worten, die in

den spanischen Colonien in täglichem Gebrauche sind, schreibt man indessen

mit Unrecht haitischen Ursprung zu. _Banana_ ist aus der Chacosprache,

_Arepa_ (Maniocbrod von _Jatropha Maniot_) und _guayuco_ (Schürze,

_perizoma_) sind caraibisch, _Curiaca_ (sehr langes Canoe) ist

tamanakisch, _Chinchorro_ (Hängematte) und _Tutuma_ (die Frucht der

_Crescentia Cujete_, oder ein Gefäß für Flüssigkeiten) sind Chaymaswörter.

Ich habe lange bei Betrachtungen über die amerikanischen Sprachen

verweilt; ich glaubte, wenn ich sie zum erstenmal in diesem Werke

bespräche, anschaulich zu machen, von welcher Bedeutung Untersuchungen der

Art sind. Es verhält sich damit wie mit der Bedeutung, die den Denkmälern

halb barbarischer Völker zukommt. Man beschäftigt sich mit ihnen nicht,

weil sie für sich auf den Rang von Kunstwerken Anspruch machen können,

sondern weil die Untersuchung für die Geschichte unseres Geschlechts und

den Entwicklungsgang unserer Geisteskräfte nicht ohne Belang ist.

Ehe Cortes nach der Landung an der Küste von Mexico seine Schiffe

verbrannte, ehe er im Jahr 1521 in die Hauptstadt Montezumas einzog, war

Europa auf die Länder, die wir bisher durchzogen, aufmerksam geworden. Mit

der Beschreibung der Sitten der Einwohner von Cumana und Paria glaubte man

die Sitten aller Eingeborenen der neuen Welt zu schildern. Dieß fällt

alsbald auf, wenn man die Geschichtschreiber der Eroberung liest,

namentlich die Briefe Peter Martyrs von Anghiera, die er am Hofe

Ferdinands des Katholischen geschrieben, die reich sind an geistreichen

Bemerkungen über Christoph Columbus, Leo X. und Luther, und aus denen edle

Begeisterung für die großen Entdeckungen eines an außerordentlichen

Ereignissen so reichen Jahrhunderts spricht. Eine nähere Beschreibung der

Sitten der Völker, die man lange unter der Gesammtbenennung Cumanier

(_cumaneses_) zusammengeworfen hat, liegt nicht in meiner Absicht; dagegen

scheint es mir von Belang, einen Punkt aufzuklären, den ich im spanischen

Amerika häufig habe besprechen hören.

Die heutigen Pariagotes oder Parias sind rothbraun, wie die Caraiben, die

Chaymas und fast alle Eingeborenen der neuen Welt. Wie kommt es nun, daß

die Geschichtschreiber des sechzehnten Jahrhunderts behaupten, die ersten

Besucher haben am Vorgebirge Paria weiße Menschen mit blonden Haaren

gesehen? Waren dieß Indianer mit weniger dunkler Haut, wie Bonpland und

ich in Esmeralda an den Quellen des Orinoco gesehen? Aber diese Indianer

hatten so schwarzes Haar wie die Otomacas und andere Stämme mit dunklerer

Hautfarbe. Waren es Albinos, dergleichen man früher auf der Landenge von

Panama gefunden? Aber Fälle dieser Mißbildung sind bei der kupferfarbigen

Race ungemein selten, und Anghiera, wie auch Gomara sprachen von den

Einwohnern von Paria überhaupt, nicht von einzelnen Individuen. Beide(9)

beschreiben sie wie Völker germanischen Stammes: sie seyen weiß mit

blonden Haaren. Ferner sollen sie ähnlich wie Türken gekleidet gewesen

seyn.(10) Gomara und Anghiera schreiben nach mündlichen Berichten, die sie

gesammelt.

Diese Wunderdinge verschwinden, wenn wir den Bericht, den Ferdinand

Columbus den Papieren seines Vaters entnommen, näher ansehen. Da heißt es

bloß, »der Admiral habe zu seiner Ueberraschung die Einwohner von Paria

und der Insel Trinidad wohlgebildeter, cultivirter (_de buena

conversacion_) und weißer gefunden als die Eingeborenen, die er bis dahin

gesehen.« Damit ist doch wohl nicht gesagt, daß die Pariagotos weiß

gewesen. In der helleren Haut der Eingeborenen und in den sehr kühlen

Morgen sah der große Mann eine Bestätigung seiner seltsamen Hypothese von

der unregelmäßigen Krümmung der Erde und der hohen Lage der Ebenen in

diesem Erdstrich in Folge einer gewaltigen Anschwellung der Erdkugel in

der Richtung der Parallelen. Amerigo Vespucci (wenn man sich auf seine

angebliche *erste* Reise berufen darf, die vielleicht nach den Berichten

anderer Reisenden zusammengetragen ist) vergleicht die Eingeborenen mit

den *tartarischen* Völkern, nicht wegen der Hautfarbe, sondern wegen des

breiten Gesichts und wegen des ganzen Ausdrucks desselben.

Gab es aber zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts auf den Küsten von Cumana

so wenig als jetzt Menschen mit weißlichter Haut, so darf man daraus

deßhalb nicht schließen, daß bei den Eingeborenen der neuen Welt das

Hautsystem durchgängig gleichförmig organisirt sey. Wenn man sagt, sie

seyen alle kupferfarbig, so ist dieß so unrichtig, als wenn man behauptet,

sie wären nicht so dunkel gefärbt, wenn sie sich nicht der Sonnengluth

aussetzten oder nicht von der Luft gebräunt würden. Man kann die

Eingeborenen in zwei, der Zahl nach sehr ungleiche Gruppen theilen. Zur

einen gehören die Eskimos in Grönland, in Labrador und auf der Nordküste

der Hudsonsbai, die Bewohner der Behringsstraße, der Halbinsel Alaska und

des Prinz-Williams-Sunds. Der östliche und der westliche Zweig dieser

Polarrace, die Eskimos und die Tschugasen, sind trotz der ungeheuern

Strecke von 800 Meilen, die zwischen ihnen liegt, durch sehr nahe

Sprachverwandtschaft eng verbunden. Diese Verwandtschaft erstreckt sich

sogar, wie in neuerer Zeit außer Zweifel gesetzt worden ist, noch weiter,

zu den Bewohnern des nordöstlichen Asiens; denn die Mundart der

Tschuktschen an der Mündung des Anadyr hat dieselben Wurzeln wie die

Sprache der Eskimos auf der Europa gegenüberliegenden Küste von Amerika.

Die Tschuktschen sind die asiatischen Eskimos. Gleich den Malayen wohnt

diese hyperboräische Race nur am Meeresufer. Sie nähren sich von Fischen,

sind fast durchgängig von kleinerer Statur als die andern Amerikaner, sind

lebhaft, beweglich, geschwätzig. Ihre Haare sind schlicht, glatt und

schwarz; aber (und dieß zeichnet die Race, die ich die

Eskimo-Tschugasische nennen will, ganz besonders aus) ihre Haut ist

ursprünglich weißlicht. Es ist gewiß, daß die Kinder der Grönländer weiß

zur Welt kommen; bei manchen erhält sich diese Farbe, und auch bei den

dunkelsten (den von der Luft am meisten gebräunten) sieht man nicht selten

das Blut auf den Wangen roth durchschimmern.

Die zweite Gruppe der Eingeborenen Amerikas umfaßt alle Völler außer den

Eskimo-Tschugasen, vom Cooksfluß bis zur Magellanschen Meerenge, von den

Ugaljachmusen und Kinais am St. Eliasberg bis zu den Puelchen und

Tehuelhets in der südlichen Halbkugel. Die Völker dieses zweiten Zweiges

sind größer, stärker, kriegerischer und schweigsamer. Auch sie weichen

hinsichtlich der Hautfarbe auffallend von einander ab. In Mexico, in Peru,

in Neugrenada, in Quito, an den Ufern des Orinoco und des Amazonenstroms,

im ganzen Strich von Südamerika, den ich gesehen, im Tiefland wie auf den

sehr kalten Hochebenen, sind die indianischen Kinder im Alter von zwei,

drei Monaten ebenso broncefarbig als die Erwachsenen. Daß die Eingeborenen

nur von Luft und Sonne gebräunte Weiße seyn möchten, ist einem Spanier in

Quito oder an den Ufern des Orinoco nie in den Sinn gekommen. Im

nordwestlichen Amerika dagegen gibt es Stämme, bei denen die Kinder weiß

sind und erst mit der Mannbarkeit so broncefarbig werden wie die

Eingeborenen von Peru und Mexico. Bei dem Häuptling der Miamis

Michikinakua waren die Arme und die der Sonne nicht ausgesetzten

Körpertheile fast weiß. Dieser Unterschied in der Farbe der bedeckten und

nicht bedeckten Theile wird bei den Eingeborenen von Peru und Mexico

niemals beobachtet, selbst nicht bei sehr wohlhabenden Familien, die sich

fast beständig in ihren Häusern aufhalten. Westwärts von den Miamis, auf

der gegenüberliegenden asiatischen Küste, bei den Koluschen und

Tschinkitanen in der Norfolkbai, erscheinen die erwachsenen Mädchen, wenn

sie angehalten werden sich zu waschen, so weiß wie Europäer. Diese weiße

Hautfarbe soll, nach einigen Reiseberichten, auch den Gebirgsvölkern in

Chili zukommen.(11)

Dieß sind sehr bemerkenswerthe Thatsachen, die der nur zu sehr

verbreiteten Ansicht von der außerordentlichen Gleichförmigkeit der

Körperbildung bei den Eingeborenen Amerikas widersprechen. Wenn wir

dieselben in *Eskimos* und *Nicht-Eskimos* theilen, so geben wir gerne zu,

daß die Eintheilung um nichts philosophischer ist, als wenn die Alten in

der ganzen bewohnten Welt nur Celten und Scythen, Griechen und Barbaren

sahen. Handelt es sich indessen davon, zahllose Volksstämme zu gruppiren,

so gewinnt man immer doch etwas, wenn man ausschließend zu Werke geht. Wir

wollten hier darthun, daß, wenn man die Eskimo-Tschugasen ausscheidet,

mitten unter den kupferbraunen Amerikanern Stämme vorkommen, bei denen die

Kinder weiß zur Welt kommen, ohne daß sich, bis zur Zeit der Eroberung

zurück, darthun ließe, daß sie sich mit Europäern vermischt hätten. Dieser

Umstand verdient genauere Untersuchung durch Reisende, die bei

physiologischen Kenntnissen Gelegenheit finden, die braunen Kinder der

Mexicaner und die weißen der Miamis im Alter von zwei Jahren zu

beobachten, sowie die Horden am Orinoco, die im heißesten Erdstrich ihr

Leben lang und bei voller Kraft die weißlichte Hautfarbe der Mestizen

behalten. Der geringe Verkehr, der bis jetzt zwischen Nordamerika und den

spanischen Colonien stattfindet, hat alle derartigen Untersuchungen

unmöglich gemacht.

Beim Menschen betreffen die Abweichungen vom ganzen gemeinsamen Racentypus

mehr den Wuchs, den Gesichtsausdruck, den Körperbau, als die Farbe. Bei

den Thieren ist es anders; bei diesen sind Spielarten nach der Farbe

häufiger als solche nach dem Körperbau. Das Haar der Säugethiere, die

Federn der Vögel, selbst die Schuppen der Fische wechseln die Farbe je

nach dem vorherrschenden Einflusse von Licht oder von Dunkelheit, je nach

den Hitze- und Kältegraden. Beim Menschen scheint sich der Farbstoff im

Hautsystem durch die Haarwurzeln oder Zwiebeln abzulagern, und aus allen

guten Beobachtungen geht hervor, daß sich die Hautfarbe wohl beim

Einzelnen in Folge von Hautreizen, aber nicht erblich bei einer ganzen

Race ändert. Die Eskimos in Grönland und die Lappen sind gebräunt durch

den Einfluß der Luft, aber ihre Kinder kommen weiß zur Welt. Ob und welche

Veränderungen die Natur in Zeiträumen hervorbringen mag, gegen welche alle

geschichtliche Ueberlieferung verschwindet, darüber haben wir nichts zu

sagen. Bei Untersuchungen der Art macht der forschende Gedanke Halt,

sobald er Erfahrung und Analogie nicht mehr zu Führern hat.

Die Völker mit weißer Haut beginnen ihre Cosmogonie mit weißen Menschen;

nach ihnen sind die Neger und alle dunkelfarbigen Völker durch die

übermäßige Sonnengluth geschwärzt oder gebräunt worden. Diese Ansicht, die

schon bei den Griechen herrschte,(12) wenn auch nicht ohne Widerspruch,

hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Buffon wiederholt in Prosa, was

Theodectes zweitausend Jahre früher poetisch ausgesprochen: »die Nationen

tragen die Livree der Erdstriche, die sie bewohnen.« Wäre die Geschichte

von schwarzen Völkern geschrieben worden, sie hätten behauptet, was

neuerdings sogar von Europäern angenommen worden ist, der Mensch sey

ursprünglich schwarz oder doch sehr dunkelfarbig, und in Folge der

Civilisation und fortschreitenden Verweichlichung haben sich manche Racen

gebleicht, wie ja auch bei den Thieren im zahmen Zustand die dunkle

Färbung in eine hellere übergeht. Bei Pflanzen und Thieren sind

Spielarten, die sich durch Zufall unter unsern Augen gebildet, beständig

geworden und haben sich unverändert fortgepflanzt; aber nichts weist

darauf hin, daß, unter den gegenwärtigen Verhältnissen der menschlichen

Organisation, die verschiedenen Menschenracen, die schwarze, gelbe,

kupferfarbige und weiße, so lange sie sich unvermischt erhalten, durch den

Einfluß des Klimas, der Nahrung und anderer äußerer Umstände vom

ursprünglichen Typus bedeutend abweichen.

Ich werde Gelegenheit haben auf diese allgemeinen Betrachtungen

zurückzukommen, wenn wir die weiten Hochebenen der Cordilleren besteigen,

die vier- und fünfmal höher liegen als das Thal von Caripe. Ich berufe

mich hier vorläufig nur auf das Zeugniß ULLOAs.(13) Dieser Gelehrte sah

die Indianer in Chili, auf den Anden von Peru, an den heißen Küsten von

Panama, und wiederum in Louisiana, im nördlichen gemäßigten Erdstrich. Er

hatte den Vortheil, daß er in einer Zeit lebte, wo der Ansichten noch

nicht so vielerlei waren, und es fiel ihm auf, wie mir, daß der

Eingeborene unter der Linie im kalten Klima der Cordilleren so

broncefarbig, so braun ist als auf den Ebenen. Bemerkt man Abweichungen in

der Farbe, so sind es feste Stammunterschiede. Wir werden bald an den

heißen Ufern des Orinoco Indianern mit weißlichter Haut begegnen: _est

durans originis vis._

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1 Die Völker, welche die Spanier auf der Küste von Paria antrafen,

hatten wahrscheinlich den Gebrauch, die Geschmacksorgane mit

Aetzkalk zu reizen, wozu andere Tabak, Chimo, Coccablätter oder

Betel brauchen. Diese Sitte herrscht noch jetzt auf derselben Küste,

nur weiter ostwärts, bei den Guajiros an der Mündung des Rio la

Hacha. Diese Indianer, die wild geblieben sind, führen das Pulver

von kleinen calcinirten Muschelschaalen in einer Frucht, die als

Kapsel dient, am Gürtel. Dieses Pulver der Guajiros ist ein

Handelsartikel, wie früher, nach Gomara, das der Indianer in Paria.

In Europa werden die Zähne vom übermäßigen Tabakrauchen gleichfalls

gelb und schwarz. Wäre der Schluß richtig, man rauche bei uns, weil

man gelbe Zähne schöner finde als weiße?

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2. · 第 4 / 37 题