Dritter Aufzug

Erster Auftritt

(Saal im Schlosse.)

Gräfin. Hofrat.

Gräfin.

Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach,

wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre große

Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen

gewiss ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache

scheiden können. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man

unrecht hatte und im Besitz war: Je nun, dacht' ich, es geht ja

wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber

bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so

leicht aufhäuft, wie großmütige Handlungen meistenteils nur persönlich

sind, und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit

Augen gesehen habe, dass die menschliche Natur auf einen unglaublichen

Grad gedrückt und erniedrigt, aber nicht unterdrückt und vernichtet

werden kann: So habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung,

die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den

Meinigen, in Gesellschaft, bei Hofe, in der Stadt über solche

Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit

will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem großen Scheine

ertragen, und wenn ich auch unter dem verhassten Namen einer

Demokratin verschrien werden sollte.

Hofrat.

Es ist schön, gnädige Gräfin, und ich freue mich, Sie wieder zu finden,

wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie

waren eine Schülerin der großen Männer, die uns durch ihre Schriften

in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zögling

der großen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von

allem, was der wohl denkende Staatsbürger wünschen und verabscheuen

muss. Es ziemt Ihnen, Ihrem eigenen Stande Widerpart zu halten. Ein

jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel

heraufwärts oder hinabwärts ist mit Nebenbegriffen und Kleinigkeiten

vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber

ebendeswegen, weil ich ein Bürger bin, der es zu bleiben denkt, der

das große Gewicht des höheren Standes im Staate anerkennt und zu

schätzen Ursache hat, bin ich auch unversöhnlich gegen die kleinlichen

neidischen Neckereien, gegen den blinden Hass, der nur aus eigner

Selbstigkeit erzeugt wird, prätentios Prätentionen bekämpft, sich über

Formalitäten formalisiert und, ohne selbst Realität zu haben, da nur

Schein sieht, wo er Glück und Folge sehen könnte. Wahrlich! Wenn

alle Vorzüge gelten sollen, Gesundheit, Schönheit, Jugend, Reichtum,

Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine

Art von Gültigkeit haben, dass ich von einer Reihe tapferer, bekannter,

ehrenvoller Väter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich

eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhassten Namen eines

Aristokraten zueignete.

(Hier findet sich eine Lücke, welche wir durch Erzählung ausfüllen.

Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, dass der Hofrat

seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine

Hand zu geben. Ihre frühern Verhältnisse, vor dem Umsturz, den

Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen

Bemühungen des vorzüglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine

Existenz zu verschaffen.

Eine Szene zwischen der Gräfin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit,

drei schöne Charaktere näher kennen zu lernen und uns für das, was

wir in den nächsten Auftritten erdulden sollen, vorläufig einigermaßen

zu entschädigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise

einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stücks, so dass

zuletzt auch die Bauern eingeführt werden. Da man sich nun nicht

enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher

Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag,

sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum

Präsidenten erwählt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie

schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Gräfin, das

Söhnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fürstin vor,

deren Ansehen geschmälert werden soll und die aus eigenen liberalen

Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verständig und

gemäßigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemühen, das jeden

Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns,

der von seinem Stande abfällt und zum Volke übergeht. Durch seine

schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes

hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins

spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten

Sachen zu sagen, die sie zu ihren schönsten Gunsten auslegen kann. An

der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des gräflichen Hauses

verteidigt, lässt sich eine stille, unbewusste Neigung zu der jungen

Gräfin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die

Erschütterung des häuslichen Glücks, dem sie sich so nahe glaubt, und

wenn die Bauern mitunter schwerfällig werden, so erheitert Bremenfeld

die Szene durch seinen Dünkel, durch Geschichtchen und guten Humor.

Der Magister, wie wir ihn schon kennen, überschreitet vollkommen die

Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, läuft es endlich auf

Persönlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des

Erbgrafen als unbedeutend, ja lächerlich behandelt wird, so bricht die

Gräfin los, und die Sache kommt so weit, dass dem Magister

aufgekündigt wird. Der Baron verschlimmert das Übel, und er bedient

sich, da der Lärm immer stärker wird, der Gelegenheit, mehr in

Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft für die

Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Gräfin

entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnäckig auf ihren

besitz, welche Härte jedoch durch ein unbefangenes, rein natürliches

und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur

Leibenswürdigkeit gemildert wird. Und so lässt sich einsehen, dass

der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche

Gegenstand erlaubt, für das Gefühl nicht ganz unerträglich geendigt

wird. Vielleicht bedauert man, dass der Verfasser die Schwierigkeiten

einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu überwinden bemüht war.)

Die Aufgeregten · 第 7 / 8 题