Erster Auftritt
(Saal im Schlosse.)
Gräfin. Hofrat.
Gräfin.
Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach,
wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre große
Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen
gewiss ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache
scheiden können. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man
unrecht hatte und im Besitz war: Je nun, dacht' ich, es geht ja
wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber
bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so
leicht aufhäuft, wie großmütige Handlungen meistenteils nur persönlich
sind, und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit
Augen gesehen habe, dass die menschliche Natur auf einen unglaublichen
Grad gedrückt und erniedrigt, aber nicht unterdrückt und vernichtet
werden kann: So habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung,
die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den
Meinigen, in Gesellschaft, bei Hofe, in der Stadt über solche
Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit
will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem großen Scheine
ertragen, und wenn ich auch unter dem verhassten Namen einer
Demokratin verschrien werden sollte.
Hofrat.
Es ist schön, gnädige Gräfin, und ich freue mich, Sie wieder zu finden,
wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie
waren eine Schülerin der großen Männer, die uns durch ihre Schriften
in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zögling
der großen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von
allem, was der wohl denkende Staatsbürger wünschen und verabscheuen
muss. Es ziemt Ihnen, Ihrem eigenen Stande Widerpart zu halten. Ein
jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel
heraufwärts oder hinabwärts ist mit Nebenbegriffen und Kleinigkeiten
vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber
ebendeswegen, weil ich ein Bürger bin, der es zu bleiben denkt, der
das große Gewicht des höheren Standes im Staate anerkennt und zu
schätzen Ursache hat, bin ich auch unversöhnlich gegen die kleinlichen
neidischen Neckereien, gegen den blinden Hass, der nur aus eigner
Selbstigkeit erzeugt wird, prätentios Prätentionen bekämpft, sich über
Formalitäten formalisiert und, ohne selbst Realität zu haben, da nur
Schein sieht, wo er Glück und Folge sehen könnte. Wahrlich! Wenn
alle Vorzüge gelten sollen, Gesundheit, Schönheit, Jugend, Reichtum,
Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine
Art von Gültigkeit haben, dass ich von einer Reihe tapferer, bekannter,
ehrenvoller Väter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich
eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhassten Namen eines
Aristokraten zueignete.
(Hier findet sich eine Lücke, welche wir durch Erzählung ausfüllen.
Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, dass der Hofrat
seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine
Hand zu geben. Ihre frühern Verhältnisse, vor dem Umsturz, den
Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen
Bemühungen des vorzüglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine
Existenz zu verschaffen.
Eine Szene zwischen der Gräfin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit,
drei schöne Charaktere näher kennen zu lernen und uns für das, was
wir in den nächsten Auftritten erdulden sollen, vorläufig einigermaßen
zu entschädigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise
einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stücks, so dass
zuletzt auch die Bauern eingeführt werden. Da man sich nun nicht
enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher
Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag,
sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum
Präsidenten erwählt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie
schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Gräfin, das
Söhnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fürstin vor,
deren Ansehen geschmälert werden soll und die aus eigenen liberalen
Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verständig und
gemäßigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemühen, das jeden
Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns,
der von seinem Stande abfällt und zum Volke übergeht. Durch seine
schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes
hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins
spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten
Sachen zu sagen, die sie zu ihren schönsten Gunsten auslegen kann. An
der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des gräflichen Hauses
verteidigt, lässt sich eine stille, unbewusste Neigung zu der jungen
Gräfin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die
Erschütterung des häuslichen Glücks, dem sie sich so nahe glaubt, und
wenn die Bauern mitunter schwerfällig werden, so erheitert Bremenfeld
die Szene durch seinen Dünkel, durch Geschichtchen und guten Humor.
Der Magister, wie wir ihn schon kennen, überschreitet vollkommen die
Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, läuft es endlich auf
Persönlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des
Erbgrafen als unbedeutend, ja lächerlich behandelt wird, so bricht die
Gräfin los, und die Sache kommt so weit, dass dem Magister
aufgekündigt wird. Der Baron verschlimmert das Übel, und er bedient
sich, da der Lärm immer stärker wird, der Gelegenheit, mehr in
Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft für die
Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Gräfin
entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnäckig auf ihren
besitz, welche Härte jedoch durch ein unbefangenes, rein natürliches
und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur
Leibenswürdigkeit gemildert wird. Und so lässt sich einsehen, dass
der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche
Gegenstand erlaubt, für das Gefühl nicht ganz unerträglich geendigt
wird. Vielleicht bedauert man, dass der Verfasser die Schwierigkeiten
einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu überwinden bemüht war.)