Um in dieser Hinsicht den Engländern möglichst gleichzukommen und
sie, oder wenigstens doch seine Standesgenossen, zu übertreffen, war
dem Maharadscha von Kapurthala nichts zu teuer. Teilweise aus diesem
Grund und dann auch, um dem Kaisar-i-Hind zu beweisen, wie sehr er der
britischen Regierung ergeben sei, sandte er mich einige Monate vor den
Krönungsfeierlichkeiten des Königs Eduard VII. nach Paris, um dort eine
dem Ansehen seiner Würde entsprechende Staatskarosse zu erstehen, die
während der Abhaltung des Krönungs-Durbar alle anderen an Glanz und
Pracht übertreffen sollte. Er gab mir den Auftrag, besonders darauf zu
achten, daß mit dem Anbringen des fürstlichen Wappens, das oben eine
siebenzackige Krone hatte, nicht gespart würde. Dieses Wappen sollte,
in besonders großen Schildern, an allen dazu geeigneten Plätzen an
dem Wagen wie am Geschirr angebracht werden. Ich ließ diesen Wagen
in Paris bei der Firma Rothschild bauen, und das Gefährt fiel zur
vollsten Zufriedenheit aus. Es übertraf in der Tat alle anderen Wagen
durch seine elegante und geschmackvolle Ausstattung. Nebenbei hatte
mir der Maharadscha noch einen Auftrag erteilt. Mit Hilfe eines ihm
befreundeten Marquis, der zur Zeit als Vize-Präsident dem Concours
hippique vorstand, sollte ich vier oder sechs Pferde zur Bespannung
der neuen Staatskarosse kaufen. Diese Pferde sollten ebenfalls etwas
ganz Außergewöhnliches sein, etwas, was man in Indien vorher noch nie
gesehen habe.
Nun hätte ich auf Grund meiner langjährigen Praxis in Pferdesachen sehr
wohl meinen eigenen Erfahrungen in der Auswahl von geeigneten Pferden,
die dem verräterischen Klima Indiens zu widerstehen vermochten,
vertrauen dürfen, um das richtige Material auch ohne Hilfe ausfindig
zu machen. Seine Hoheit der Maharadscha glaubte aber, daß seine
Beziehungen zu der französischen Aristokratie so intim und herzlich
seien, daß er dabei in ganz freundschaftlicher und uneigennütziger
Weise beraten werden würde. Ich fand aber bald heraus, daß der
französische Marquis in Sachen Pferdehandel auch nicht besser war, als
die verschiedenen englischen Lords, die sich mit derartigen Geschäften
abgeben. In seinem Klub am Place de la Concorde gab er mir zu
verstehen, daß man dort, wo Pferde in Betracht kämen, weder den eigenen
Vater noch die eigene Mutter, noch die Geschwister schonen dürfe, um
wieviel mehr wäre es daher selbstverständlich, daß ein so reicher Mann
wie der Maharadscha daran glauben müsse! Folglich müßten wir unbedingt
an dem Geschäft 50% als Provision verdienen, das heißt, diese Summe auf
den wirklichen Kaufpreis aufschlagen. Da ich Befehl hatte, die von dem
Maharadscha gewünschten Pferde unbedingt mit diesem Herrn zusammen zu
kaufen, und keinen Grund sah, den Moralisten zu spielen, ging ich auf
seinen Vorschlag ein, war aber fest entschlossen, dem Maharadscha von
dem Überpreis nach meiner Rückkehr Kenntnis zu geben. Der Kauf kam denn
auch zustande, und sechs gewaltige Apfelschimmel der Percheron-Rasse,
die in Indien noch nie eingeführt worden war, kamen zur Verschiffung.
Mit dem edlen Marquis teilte ich die Provision, die für jeden
dreitausend Franken ausmachte.
Als ich, in Kapurthala angekommen, dem Maharadscha Bericht über den
abgeschlossenen Pferdekauf erstattete und ihm die 3.000,-- Franken,
die mir in Paris ausbezahlt worden waren, auf den Tisch legte, war
er aufs Tiefste entrüstet,; nicht über die Gaunerei seines Freundes,
sondern, daß ich mir erlaubte, über einen so hochstehenden Herrn ihm
etwas Derartiges mitzuteilen. Wahrscheinlich, äußerte er, wäre ich als
Deutscher gegen die so außerordentlich ritterliche und hochstehende
Nation der Franzosen gehässig gesinnt und habe deshalb versucht,
seinen aristokratischen Freund in dieser Weise bei ihm in Mißkredit zu
bringen. Seine Entrüstung ging so weit, daß er sich absolut weigerte,
die fraglichen 3.000,- Franken zurückzunehmen, und ich hatte unter
solchen Umständen keinen Grund, sie nicht zu behalten.
Der Galawagen, die Pferde und das Geschirr landeten wohlbehalten in
Kapurthala. Da die Pferde die lange Überfahrt gut ausgehalten hatten
-- denn 4 bis 5 Wochen auf dem Dampfer in enge Boxen eingepfercht,
verlangen eine wirkliche „Pferdenatur“ --, hatte ich schon Hoffnung,
daß die Tiere sich doch vielleicht an das ungesunde indische Klima
gewöhnen möchten. Jedoch war dies leider nicht der Fall; trotz aller
Pflege und Vorsicht waren alle sechs nach zwei Jahren eingegangen.
Der Wagen und das Gespann indessen bereiteten beim Krönungs-Durbar
in Delhi dem Maharadscha sehr große Freude. Sein Wagen wurde ganz
allgemein als der schönste und eleganteste des ganzen Zuges anerkannt.
Doch die Freude war nicht von langer Dauer. Der allmächtige britische
Sirkar führte sich in vieler Hinsicht dem indischen Fürsten gegenüber
oft recht kleinlich, ja sogar kindisch auf. Der geringste Verstoß
gegen eine der bestehenden Verordnungen, oder eine Überschreitung der
den Vasallenfürsten zustehenden Rechte, wird von einem engherzigen
Vizekönig oft als ein Staatsverbrechen angesehen, und der „Schuldige“
wie ein dummer Junge bestraft.
Nun war in diesem Falle die Führung einer siebenzackigen Krone am
Wagen, am Geschirr und auf den Uniformen der reitenden Kutscher und
der hintenauf stehenden Diener ein Verstoß gegen die vizeköniglichen
Vorschriften. Sie gaben Anlaß zu langwierigen Beratungen im
vizeköniglichen Staatsrat. Schon nach der ersten Galaausfahrt des
Maharadscha in seiner prunkvollen Staatskarosse traf tags darauf eine
Mahnung vom Gouverneur der Provinz Pundschab ein, in der mitgeteilt
wurde, daß ihm „nur fünf Zacken“ an der Krone zuständen und er daher
in Zukunft davon abzusehen habe, den am Tage vorher benutzten Wagen
nochmals auf britischem Gebiet in Gebrauch zu nehmen. Dschagatdschit
Singh, der sich diesen Wagen besonders hatte machen lassen, um
den britischen Machthabern seine unfehlbare Ergebenheit durch
Glanz und Pracht bei den Krönungsfeierlichkeiten zu beweisen, war
trostlos, in einer so schroffen Art und Weise abgefertigt zu werden.
Selbstverständlich war es unmöglich, ohne den Wagen und das Geschirr
gänzlich zu ruinieren, die Ärgernis erregenden überzähligen Zacken an
den Kronen zu entfernen. So war er denn gezwungen, von seiner alten
Staatskalesche Gebrauch zu machen und die neue nur in den Grenzen
seines eigenen Landes zu besteigen.