Zahme Elefanten

Der gezähmte Elefant im Stalle ist dagegen im normalen Zustande, das

heißt, wenn er nicht krank oder in Aufregung ist, das ruhigste und

friedlichste Tier, das man sich denken kann. Die den Elefantenwärtern,

den „Mahout“, zugeteilten Jungen treiben die ganze Elefantenherde der

Stallungen mühelos auf die Weide, wo sie die Tiere meistens sich selbst

überlassen und ihre Zeit mit Spielen und Schlafen verbringen, bis die

Herde abends wieder zurück in die Ställe muß.

Die Elefanten, die große Liebhaber von Zuckerrohr sind, beobachten die

ganze Zeit über verstohlen ihre jugendlichen Hüter, um sich, sobald

sie glauben, dies unbemerkt tun zu können, einer nach dem anderen

vorsichtig „seitwärts in die Zuckerrohrbüsche“ zu schlagen. Sie sind

aber viel zu klug, um dort zu bleiben, sondern fassen mit dem Rüssel

nur so viel Zuckerrohrpflanzen, wie sie erraffen können, und beeilen

sich, wieder mit der unschuldigsten Miene auf die Weide zurückzukehren.

Wenn einer der Jungen den Elefanten auf seinem verbotenen Ausflug

abfaßt, so läuft er mit viel Geschrei hinter ihm her, ruft ihm aus der

in den indischen Sprachen so ausgebildeten Schimpfwörtersammlung die

schönsten zu und schwingt weiter nichts als eine kleine Gerte, deren

Hieb das Tier überhaupt nicht fühlen würde. Schuldbewußt macht der

riesige Dickhäuter kehrt und eilt, seinen Platz auf der Weide wieder

einzunehmen, von dem neben ihm winzigen Hütejungen angetrieben, den er,

wenn er wollte, wie ein Insekt zertreten könnte.

Wenn nun auch der zahme Elefant im allgemeinen das gutmütigste und

folgsamste Tier ist, so wird er unter gewissen Umständen doch zur

rachsüchtigsten und gefährlichsten Bestie der Welt. Auch den in zu

hohem Alter eingefangenen Elefanten ist nicht immer zu trauen, und es

gibt selbst nach jahrelanger Abrichtung und Eingewöhnung bösartige

und faule unter ihnen. Manche haben auch auf der Jagd eine unheilbare

Verletzung erlitten, die sie dauernd in einer hochgradigen Reizbarkeit

hält und zu jeder Beschäftigung unbrauchbar macht. Ich hatte im

Staatsstall zu Baroda einen Elefanten, dem ein Tiger auf der Jagd

das Ende des Rüssels abgebissen hatte. Seitdem war er nicht mehr zu

benutzen. Jahraus, jahrein blieb er angekettet. Das Futter wurde ihm an

einer langen Stange ins Maul geschoben, sonst wäre er verhungert. Doch

trotz seiner Verstümmelung war er stets zum Kämpfen bereit und war an

Gestalt und Kraft eins der stärksten Tiere des Stalles, das zu meiner

Zeit kein Gegner in den Zweikämpfen bezwingen konnte, die an indischen

Höfen zwischen Elefanten veranstaltet werden.

Dem gesunden Tiere kommt die Lust zum Kampfe nur in der Paarungszeit,

die nicht vor dem vierzigsten Jahre eintritt. Man erkennt das

Herannahen dieses Zustandes an einer wässerigen Flüssigkeit, die aus

einem kleinen Riß zwischen Ohr und Auge zu sickern beginnt. Sobald

dies bemerkt wird, muß der Elefant aus dem Stalle entfernt, muß in

„Schutzhaft“ genommen werden, denn es überkommt ihn dann eine Art von

Raserei, die man bei dem sonst so klugen und ruhigen Tiere fast als

temporären Irrsinn ansprechen könnte. Der Elefant erkennt dann seinen

eigenen Wärter nicht mehr. Zur Verhütung von Unfällen muß er fest

angeschlossen werden, und sein Futter wird ihm auf einer langen Gabel

gereicht. Von selbst nimmt er nichts zu sich.

In einem so großen Stalle, wie dem zu Baroda, tritt es öfter ein, daß

mehrere Tiere zu gleicher Zeit „~mousty~“ werden, wie der Inder diesen

Zustand nennt. Um sie für das Schauspiel eines Elefantenzweikampfes zur

Hand zu haben, werden sie an einen der großen Bamiabäume, die überall

gepflegt werden, in der Nähe der für diese Schaustellungen bestimmten

Arena gefesselt.

Soll ein solcher Zweikampf zwischen den Tieren stattfinden, so werden

sie mit gelockerten Ketten, die es ihnen gestatten, mit Vorder- und

Hinterfüßen kurze Schritte zu machen, in die Arena getrieben, wobei der

Wärter in respektvoller Entfernung von dem Rüssel bleibt. Die hölzernen

Riegel der Tore werden vorgeschoben und, an die Mauer gelehnt, stehen

sich die Gegner auf etwa 200 Schritt gegenüber. Schmale Öffnungen in

der aus starken Holzplanken bestehenden Umzäunung, durch die ein Mann

gerade noch schlüpfen kann, gestatten, sie von den letzten Fesseln

zu befreien. Sobald die Tiere dies fühlen, stürzen sie zum Angriff.

Mit lautem Krachen prallt Stirn gegen Stirn. Und schon ist über die

Kräfteverteilung entschieden. Der Besiegte sinkt halbbetäubt in die

Vorderknie. Kurze Zeit liegt er so unbeweglich, während der Sieger sich

bemüht, ihm die Stoßzähne in die Seite zu bohren. Schwer verletzen kann

er ihn nicht, denn die Spitzen der Zähne sind abgesägt.

Und ehe er in seiner blinden Kampfwut wirklichen Schaden anrichten

kann, springen die Wärter mit ihren Gehilfen -- jeder Elefant hat einen

Mahout und etwa acht bis zwölf Diener -- auf das Kampfpaar zu, schießen

an lange Bambusstöcke befestigte Raketen vor ihren Köpfen ab und

trennen so den Sieger von seinem unterlegenen Gegner. Die behendesten

schlüpfen ihm zwischen die Beine und lähmen seine Bewegungen durch

das Anlegen von breiten Ringen, die innen mit scharfen Eisenspitzen

versehen sind, bis es gelingt, die Hinterfüße in Ketten zu legen.

Damit ist der Kampf beendet und meistens auch der „~mousty~“-Zustand

des Tieres. Kurze Zeit darauf zeigt der Elefant wieder sein

gewöhnliches Gebaren, ist wieder ruhig, phlegmatisch und fügsam, so daß

nichts mehr an ihm an den wilden Berserker der Kampfarena erinnert.

In Baroda ereignete es sich, daß einmal ein Elefant, wohl in der

Erinnerung an die bitteren Erfahrungen einer früheren Niederlage,

sich weigerte, den Kampf aufzunehmen. Ohne den Angriff seines Gegners

abzuwarten, stürzte er furchterfaßt auf die mit schweren Balken

verschlossene Toröffnung zu und sprang mit den Vorderfüßen auf den

obersten Riegel. Da erreichte ihn der andere. Im wuchtigen Anprall

versetzte er ihm einen solchen Stoß, daß er mitsamt den geborstenen

Balken ins Freie flog. Nun konnte nichts mehr die beiden wutentbrannten

Tiere halten, die, blind vor Erregung, der Stadt zustürmten. In den

engen Straßen entstand eine unbeschreibliche Verwirrung, als die beiden

gewaltigen Tiere durch die dichte Menge der Menschen rasten, hier einen

Hindu mit dem Rüssel in die Höhe warfen und dort andere mit den Füßen

zerstampften. Trümmer, Fetzen und formlose, zu einer unkenntlichen

Masse zertretene Körper bezeichneten den Weg der beiden Ausgebrochenen.

Erst nach Tagen gelang es, sie mit Hilfe anderer Elefanten wie in einer

Jagd auf wilde wieder einzufangen.

Doch nicht nur eine Jagd +auf+ Elefanten, auch eine Jagd +mit+

Elefanten bietet Aufregung genug. In Kapurthala war mir gemeldet

worden, daß sich ein Panther in die Nähe der Stadt verirrt habe. Sofort

ließ ich vier der standhaftesten Jagdelefanten satteln, und lud zwei

Freunde zur Jagd auf dieses doch immerhin seltene Raubtier ein.

Der Panther war in einem von ziemlich hohem Getreide bestandenen

Felde aufgespürt worden. Als wir den Rand des Feldes erreicht hatten,

erblickte ich von meinem hohen Sitz auf dem Rücken „Luxmis“, des

weiblichen Elefanten, den ich ritt, die Schultern des Panthers in der

Mitte des Getreidefeldes. Er glich an Größe einem Tiger. Die Entfernung

war etwa 50 Meter. Ich legte sofort an und feuerte aus meiner .450

Expreßbüchse, dem Mahout bedeutend, auf die Stelle, wo der Panther

liegen mußte, zuzuhalten.

Doch ehe ich meine Worte noch zu Ende gesprochen hatte, sprang der

Panther vor uns auf und erreichte in gewaltigem Satz den Kopf meines

Elefanten, beide Vorderpranken tief in die Ohren „Luxmis“ verkrallend.

Entsetzt fiel der Mahout von seinem Sitz. Der Elefant war ohne

Führer. Hundert andere Elefanten hätten sofort kehrt gemacht, und

wären davongestürmt. Doch ich kannte „Luxmi“ und sie mich. Ich rief

ihren Namen, um sie zu beruhigen, und spornte sie mit „Samalo“[8]

und „Karero“[9] zur Tapferkeit an. Ihre Haltung war prachtvoll.

Kein erschrecktes Zittern durchlief ihren schweren Körper. Mit

aller Heftigkeit ihren Kopf schüttelnd, gelang es ihr, den Panther

abzuwerfen, trotz der Risse, die die Krallen des Raubtieres dabei ihren

Ohren zufügten. Kaum lag der Panther am Boden, als ich erneut zum Schuß

kam und ihn durch eine Kugel in den Hals tot niederstreckte.

Abgestiegen, sah ich mir die Beute an und fand, daß mein erster Schuß

fehlgegangen war. Ganz gegen jede Erfahrung hatte der Panther darauf

uns angegriffen, denn Tiger sowohl wie Panther, die freies Feld zum

Entweichen haben, ziehen fast stets vor, zu fliehen, sobald sie sich

entdeckt sehen.

Luxmi, die sich bei dem fürchterlichen und überraschenden Angriff

der gewaltigen Katze so überaus tapfer gehalten hatte, sah voller

Genugtuung auf den toten Feind herab. Mit schrillem Trompetenton

verkündete sie ihren Triumph, und es kostete Mühe, ihren Vorderfuß

davon abzuhalten, den toten Panther zu zerstampfen. Trotz ihrer

blutenden und in Fetzen gerissenen Ohren richtete sie sich zufrieden

auf, als die erlegte Beute auf ihren Rücken gelegt wurde, und zog,

den Panther allen sichtbar tragend, stolz durch die Straßen der Stadt

Kapurthala, mit hocherhobenem Kopfe und sieghaften Schritten jedermann

auf ihre Heldentat aufmerksam machend.

Glücklicherweise gelang es, ihre Verwundungen schnell und gründlich

zu reinigen. Denn da sich zwischen den Krallen der großen Katze oft

faulende Fleischreste eines früheren Opfers und andere Verunreinigungen

finden, sind auch leichte Wunden, die sie verursachen, nicht

ungefährlich. In dem heißen Klima Indiens ist eine Infektion des Blutes

von besonders schweren Folgen und führt fast stets zum Tode.

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen · 第 46 / 85 题