Die Rani Umedi

Da der Grundzug der Regierung des neuen Vizekönigs von Indien, Lord

Minto, Liberalität und Entgegenkommen, besonders den einheimischen

Fürsten gegenüber, war, so machte es 1906 keine Schwierigkeiten, die

notwendige Reiseerlaubnis zu erhalten, um zum fünften Male Europa

aufzusuchen.

Doch die Ausgaben für die Palastbauten in Mussoorie und in Kapurthala,

sowie die Kosten der Erziehung seiner Söhne erforderten große Summen.

Daher sollte diesmal das Gefolge auf das Notwendigste beschränkt

werden. Die sich ständig wiederholenden „Anfälle“ der Rani Kanari

bestimmten ihn, von ihrer Begleitung abzusehen und dafür zwei andere

seiner Zenanafrauen, die Maharani -- die erste der Zenanafrauen -- und

die Rani Barbotti, deren Söhne sich in einer Schule bei Paris befanden,

mitzunehmen.

Mit den Jahren und wohl auch infolge des Beispieles der Rani Kanari

hatten sich ihre starren Kastenvorurteile etwas gemildert, und sie

waren bereit, auf den Wunsch des Maharadscha, ihn zu begleiten,

einzugehen. Dschagatdschit Singh hoffte, daß sie, fern der Heimat und

der ständigen Überwachung ihrer indischen Umgebung entrückt, auch von

ihren Skrupeln etwas aufgeben würden. Doch das Gegenteil trat ein.

Sie legten es scheinbar darauf an, die Vorschriften ihrer Religion

noch strenger als gewöhnlich zu beachten, schon weil sie durch ihre

Reise über das „Kali Pani“, das Schwarze Meer, sich verunreinigt

glaubten. Unermüdlich bestürmten sie den Maharadscha mit ihren Klagen

über verletzte Kastengesetze, so daß er sich zum Schluß nicht anders

zu helfen wußte, als sie möglichst weit von seinem eigenen Hotel

unterzubringen.

Sicherlich kennt man in Indien weder Eifersucht noch wahre Liebe, und

die Seele ist für den Inder nur eine Erfindung Europas. Der Maharadscha

versorgte seine Frauen mit allen Bequemlichkeiten, erfüllte ihre

tausend kindlichen Wünsche und ließ es ihnen an nichts fehlen. Wohl

erhoben sie manchmal ein großes Jammern über seine Seitensprünge, doch

zum Schlusse jammerten sie in der gleichen Weise über alles Mögliche,

was sie zufälligerweise und vorübergehend unangenehm berührte.

Die Untreue des Maharadscha entsprang vor allem seiner Erziehung,

seiner Sehnsucht nach dem -- doch immer unerreichbaren -- Ideal

einer europäischen Lebensführung, dem Suchen nach einer europäisch

verstehenden Gefährtin, dem die unglückliche Rani Kanari immer noch am

nächsten gekommen war, bis er sich auch von ihr enttäuscht sah.

Um soviel wie möglich den ständigen Szenen, die ihm von seinen

Zenanafrauen aus allen möglichen und unmöglichen Gründen gemacht

wurden, zu entgehen, und um seiner Eitelkeit einen neuen Rahmen zu

geben, benutzte er die Hochzeitsfeierlichkeiten des Königs Alfons XIII.

von Spanien und begab sich nach Madrid. Er war zwar nicht eingeladen,

hoffte aber, es eher zu werden, wenn er am Platze sei. Doch bei dem

unvermeidlichen Ordensregen, der aus dem spanischen Hochzeitshimmel auf

die teilnehmenden Gäste herabregnen würde, mußte auch der Maharadscha

als Hochzeitsgast mit einem der stolzen spanischen Ehrenzeichen bedacht

werden. Nun aber sieht es die indische Regierung nicht gern, wenn der

Glanz ihrer eigenen Auszeichnungen auf der Brust der Träger durch die

Pracht fremder Sterne und Kreuze überstrahlt wird. Daher unternahm

die englische Botschaft in Madrid die notwendigen Schritte, um die

Einladung zu hintertreiben.

Dafür wurde Madrid selbst um so gründlicher in Augenschein genommen.

Kein Theater, kein Kasino, keine Stierkampf-Arena wurde ausgelassen.

Im Verfolge dieser anstrengenden Beschäftigung landeten wir so eines

Abends in dem „Kursaal-Varieté“, einer Bühne recht sehr zweiten Ranges.

Die Darbietungen waren so mittelmäßig, daß wir schon im Begriff

standen, wieder aufzubrechen, als zwei spanische Tänzerinnen, zwei

Gitanas, erschienen, die etwa 16 und 17 Jahre alt sein mochten. Sie

hatten kaum einige Schritte getanzt, als der Maharadscha mit allen

Zeichen der höchsten Spannung die Bühne ins Auge faßte. Und in der

Tat, die beiden Mädchen waren von ganz auffallender Schönheit. Kaum

daß der Tanz beendet war, als Dschagatdschit Singh sich mit dem ganzen

Selbstbewußtsein eines indischen Herrschers mir zuwendete und sagte:

„Dies ist die Erfüllung des Wunsches meiner Träume! Sie ist für mich

geschaffen!“

Welche der beiden tanzenden Gitanas für ihn geschaffen sein sollte, war

mir nicht klar. Und noch weniger konnte ich damals ahnen, daß nicht

nur das Leben des Maharadscha, sondern auch mein eigenes, ja das aller

Bewohner des ganzen Palastes im fernen Kapurthala Indiens von diesem

Augenblick an den seltsamsten Veränderungen entgegengehen sollte.

Auf Wunsch des Maharadscha wurden die beiden Tänzerinnen zum Souper

eingeladen, wobei die Mädchen in Begleitung ihrer Eltern, eines

Servierkellners des Theaters als Vater und einer Logenschließerin

als Mutter, erschienen. Da niemand von der Familie etwas anderes als

Spanisch sprach, was weder der Maharadscha noch ich beherrschten, mußte

unser Fremdenführer, ein Schweizer, dolmetschen.

Und die Schönheit der Mädchen verlor auch bei näherer Bekanntschaft

nichts von ihrer Wirkung. Die für den Maharadscha „Geschaffene“ war

die ältere und hieß Anita; der Name der jüngeren war Vittoria, und die

Familie nannte sich Delgado.

So europäisch Dschagatdschit Singh sich auch in seinem Auftreten und

in seinen Idealen zu geben bemühte, im Innern waren ihm europäische

Anschauungen doch vollständig fremd. Als er mir daher mitteilte, daß

er, genau wie er die Rani Kanari auf dem Sibi-Markte bei Simla gekauft

habe, nun auch Anita kaufen wolle, und daß ich diesen Handel sofort in

die Wege leiten und durchführen sollte, war ich weniger erstaunt als

entsetzt.

Ich hatte noch vor der Abreise besondere Andeutungen seitens der

anglo-indischen Regierung erhalten, nach jeder Richtung hin über das

Verhalten des Maharadscha zu wachen, insoweit es seine Stellung und

sein Ansehen in seinem Staate berührte. Was aber konnte in dieser

Richtung gefährlicher wirken als eine weiße Rani, die nicht nur von der

Meinung seiner Untertanen verworfen würde, sondern die auch in jeder

Weise alle Anschauungen der Regierung selbst gegen sich haben mußte?

Doch trotz langer Auseinandersetzungen blieb der Maharadscha auf seinem

mehr Befehl als Wunsch bestehen: Anita Delgado sollte gekauft werden!

Umsonst wies ich ihn darauf hin, daß in Europa der Frauenkauf nicht

möglich sei. Mit einer Handbewegung, wie sie der Sohn Massinissas,

Jugurtha, der Numidier, gehabt haben mag, als er Rom mit dem Ausrufe

verließ: „~O Roma venerabilis, si emptorem invenerit!~“, wiederholte er

dem Sinne nach dieselben Worte: „Hier ist alles käuflich!“

Wie sollte ich ihm das, europäischem Denken so stark Zuwiderlaufende

seiner Absicht klarmachen? Er verstand mich nicht, konnte mich aus

seinen Anschauungen heraus auch nicht verstehen, -- und wie die

Entwicklung später zeigte, hatte +er+ recht, nicht ich. Sowohl die

Eltern Delgado, wie auch die Töchter waren ohne weiteres bereit, auf

den Handel einzugehen.

Schweren Herzens entschloß ich mich zum Schluß, die Aufgabe in die

Hand zu nehmen, denn ich wußte, daß er sonst ohne mich Mittel und Wege

finden würde, die Angelegenheit durchzuführen, war er doch ebenso

eigensinnig wie gutmütig, wenn es sich um etwas handelte, an das er

sein Herz gehängt hatte. Und fremde Unterhändler würden sicher nicht

verfehlt haben, das Ganze so oder so zu einem ungeheueren Skandal

auszugestalten, was unter allen Umständen vermieden werden mußte. Das

ewige Lavieren zwischen dem starrköpfigen Maharadscha und der nicht

weniger dickköpfigen Regierung in Kalkutta erforderte oftmals mehr als

Geduld und kluge Biegsamkeit.

Ich eröffnete also an einem der nächsten Tage die Verhandlungen mit

den Eltern. Der Schweizer Fremdenführer hatte anscheinend schon

vorgearbeitet und den guten Leuten den Reichtum des Maharadscha als

unermeßlich, unfaßbar geschildert.

Ich war daher innerlich hocherfreut, als Papa Delgado mit fester Stimme

als Grundlage jeder Verhandlung die für ihn sicherlich unvorstellbare

Summe von zweimal hunderttausend Pesetas verlangte. Mama Delgado

stimmte stürmisch zu, und die beiden Mädchen starrten mit glänzenden

und erwartungsvollen Augen mir auf den Mund.

„Zweihunderttausend Pesetas! ~Docientas mil pesetas!~“ wiederholten die

Eltern, sich gegenseitig anfeuernd.

Nun war es bei der Finanzlage des Maharadscha und bei den großen

Auslagen, die er zurzeit hatte und noch längere Zeit hindurch haben

würde, ganz ausgeschlossen, daß diese Summe gezahlt werden konnte.

Daher meine Freude. Mit aller Diplomatie suchte ich zwar „den Preis zu

drücken“, wobei ich aber vorsichtig war, nicht zu weit zu gehen, denn

mir lag gerade daran, daß die Leute hartnäckig bei ihrer Forderung

blieben. Darin unterstützte sie der Schweizer Fremdenführer auf das

eifrigste und ein dritter Mann, Carlo, der sich als Bräutigam Anitas

einführte und plötzlich auf der Bildfläche erschien, komplizierte die

Sache noch mehr, indem er mit rachedrohenden, feurigen Blicken dem

Maharadscha Schrecken einjagte. Diese Verhandlungen nämlich zogen

sich lange hin, wurden an den unmöglichsten Orten, im Kaffeehaus, im

Kursaal-Varieté, im Restaurant geführt. Stets war Anita zugegen, und

ihr Anblick stachelte immer aufs neue die Leidenschaft Dschagatdschit

Singhs an. Ihre Blicke verrieten nur zu deutlich, wie gern sie „die

Lieblingsfrau des Maharadscha“ geworden wäre.

Doch, ~docientas mil pesetas~! Unmöglich!

Unter dem Zwange dieses Unmöglich und auch etwas infolge der drohenden

Blicke des heißblütigen Carlo wurden endlich zu meiner großen

Erleichterung die Verhandlungen abgebrochen, und wir kehrten nach Paris

zurück.

Doch Anitas Bild verließ Dschagatdschit Singh nicht. Nichts als „sie,

die Einzige“, sie, die die Wünsche seiner Träume oder die Träume seiner

Wünsche erfüllte, wie er ständig wiederholte, gab es noch auf dieser

Erde!

Umsonst kam ich immer wieder auf meine Darlegungen der politischen

Seite der Angelegenheit zurück; umsonst wies ich auf die mißliche Lage

der Finanzen hin; umsonst auf die Unmöglichkeit, sich mit einer nur

spanisch sprechenden Tänzerin zu verständigen, -- nichts half. Anita

mußte gekauft werden, aber wie? von was? woher die ~docientas mil

pesetas~ nehmen?! Selbst zur Beschaffung der Hälfte der Summe mußte ich

einige Geschäfte durchführen, an die ich nur mit dem größten Unwillen

herangehen mochte. Und ich wußte auch, wie die Regierung dachte.

Entweder konnte ich einige Liegenschaften auf britischem Gebiet

verkaufen, oder einen Teil der alten Staatsjuwelen der „Toscha Kana“.

Für die letzteren lag schon ein Angebot der Firma Hamilton & Co.

in Kalkutta vor, die mir mitgeteilt hatte, daß sie eine ziemlich

bedeutende Summe zu zahlen bereit sei. Ob sie dabei ein gutes Geschäft

machen würde, war ihre Sache. Die „Toscha Kana“ von Kapurthala war

nicht die von Baroda, und ich wußte, daß unter den Gegenständen, die

die Schatzkammer füllten, manches Unechte und Minderwertige sich

befand, und daß selbst von den großen Smaragden nur sehr wenige

fehlerfrei waren. Doch immerhin, das Geld war gut und konnte den

finanziellen Horizont etwas klären.

Bei den Liegenschaften handelte es sich in erster Linie um zwei Gebäude

von historischer Bedeutung. Das eine war ein Haus in Lucknow, das schon

mehr Schloß genannt zu werden verdiente. Es war früher ein Gartenpalast

der Könige von Oudh gewesen und hieß „Luxmi Bagh“, Garten des Glückes.

Um dieses Gebäude hatte der Kampf der englischen Truppen mit den

Aufständischen 1857/58 am heftigsten getobt. Als die Generale Havelock

und Cutram zum Entsatz von Lucknow herbeieilten, war es ihr erstes

gewesen, diesen starken Stützpunkt zu stürmen. Hierbei hatte sich der

Großvater Dschagatdschit Singhs, der Radscha Ranghir Singh, mit seinem

Truppenkontingent besonders hervorgetan, wofür ihm die anglo-indische

Regierung das Schloß schenkte.

Das andere Haus lag in Lahaur. Sein Garten umschloß das Grabdenkmal

des französischen Generals Lacroix, der die Sikh-Armee, die unter

dem berühmten Maharadscha Radschit Singh, dem „Löwen des Pundschab“,

kämpfte, ausgebildet hat. Es war dem Urgroßvater Dschagatdschit Singhs,

dem Sirdar Nehal Singh, von dem damaligen König des Pundschab geschenkt

worden und hieß „Kuschi Bagh“, Garten der Zufriedenheit.

Käufer für diese verschiedenen Häuser zu finden, wäre nicht schwer

gewesen, doch der britische Sirkar hätte dabei erwartet, als Ausdruck

der Ergebenheit des Maharadscha ebenfalls mit einem Gebäude, das als

Kaserne, als Krankenhaus oder als Beamtenwohnung dienen konnte, bedacht

zu werden. Sehr wahrscheinlich aber hätte die Regierung diese Häuser

nicht aus dem Auge und der Hand gelassen, so daß nicht viel mehr

herausgesprungen wäre, als die Zuerkennung von einer erhöhten Zahl

Kanonenschüsse im Salut, die den indischen Fürsten je nach ihrem Range

zustehen und die der Zahl nach von dem britischen Vizekönig verliehen

werden.

Alle diese Dinge waren auch dem Maharadscha bekannt. Doch seine

Sehnsucht nach Anita verzehrte ihn zu heftig, als daß er meinen

Bedenken Gehör geschenkt hätte. Dann kam ein französisch abgefaßter

Brief der Gitana. Sie teilte darin mit: der Maharadscha solle sich

nicht um die Äußerungen des Vaters Delgado kümmern. Sie werde mit ihm,

ebenso wie mit Carlo, der kein Recht habe, sich ihren Bräutigam zu

nennen, fertig werden. Nur solle der Schweizer Fremdenführer aufhören,

ihren Eltern den Kopf zu verdrehen. Wenn Seine Hoheit sich ihrer

annehmen wolle, so möge er am besten den europäischen „~capitano~“

senden, der sicher der Mann sei, die Angelegenheit zu einem guten Ende

zu führen. Mit dem „~capitano~“ meinte sie mich.

Nun gab es für den Maharadscha kein Halten mehr. Kein Hinweis, keine

Bitten, keine Drohung mit der Mißgunst der Regierung halfen. Ohne seine

„Lotosblume“ könne er nicht weiter leben, und ich mußte mich von neuem

auf den Weg nach Madrid machen, die schöne Gitana zu „erwerben“.

Mit heller Freude wurde ich von den Schwestern und der Mutter begrüßt,

als ich sie in ihrer Wohnung in einem der abgelegenen Viertel der Stadt

aufsuchte. Der Vater war nicht anwesend. Nur Carlo warf mir wütende

Blicke zu.

Der Maharadscha hatte mir bis zu hunderttausend Pesetas freie Hand

gelassen. Doch auch das war mir viel zu viel. Wir brauchten das Geld

nötiger für andere Zwecke. Ich hörte die Klagen der Mutter, die

stürmischen Bitten der Schwestern und die schon jetzt auf Entschädigung

zielenden Äußerungen Carlos geduldig mit an und bot am vierten Tage --

fünfundzwanzigtausend Pesetas, die überwiesen werden sollten, sobald

Anita in Paris eingetroffen sei.

Ich hatte auf eine glatte Ablehnung gehofft. Doch der Sturm der Klagen

und Bitten verstummte. Mama Delgado war einverstanden. Sie machte nur

zwei Bedingungen: erstens müsse Vittoria ihre Schwester begleiten

und zweitens müsse man sie selbst mit nach Paris nehmen. Denn als

liebende Mutter der teuren Töchter wolle sie sich überzeugen, wie sie

untergebracht würden.

Auf meine Mitteilung dieses „Abschlusses“ gab der Maharadscha, der

in den Tagen der Verhandlungen Anita mit Telegrammen bestürmt hatte,

umgehend und telegraphisch seine Zustimmung, und ich reiste, begleitet

von den drei Damen, nicht ohne sie vorher noch in entsprechende

Gewandung gesteckt zu haben, mit dem Süd-Expreß nach Paris.

Hätte ich damals gewußt, wie Anita sich entwickeln und welch guten

Einfluß sie auf den Maharadscha ausüben werde, mir wären viele Sorgen

und manche schlaflose Nacht erspart geblieben!

Auf dem Orleans-Bahnhof in der französischen Hauptstadt empfing uns

der persönliche Adjutant des Maharadscha, Leutnant Tschatterdschie,

allein, ohne Dschagatdschit Singh! Anita tobte vor Entrüstung. Kaum

konnte ich sie zum Verlassen des Bahnsteiges überreden. In einem

Hotel dritten Ranges waren Zimmer für die Damen Delgado genommen.

Dies steigerte den Zorn der schönen Gitana ins Maßlose. Sie brach in

Tränen aus, verwünschte sich, mich, den Maharadscha und die ganze Welt

und erklärte, lieber ginge sie zu Fuß nach Madrid zurück als hier zu

bleiben.

Der Grund der Abwesenheit des Maharadscha bei der Ankunft war ein

Fest, das der Prinz de Broglie ihm zu Ehren gab und wo er nicht

gut durch Abwesenheit glänzen konnte. Doch damals war Anita das

Triftige dieser Abhaltung noch ganz unverständlich. Ihre Entrüstung

und ihre Verzweiflung waren so ernst, daß ich dem Maharadscha sofort

Nachricht zukommen ließ, der, eine plötzliche Erkrankung der Maharani

vorschützend, umgehend das Fest verließ und nach dem Hotel Ritz, wo er

wohnte, zurückkehrte. Dort möge, ließ er mir mitteilen, Anita ihn im

Salon erwarten. Nur mit Schwierigkeit gelang es endlich der Mutter,

die um ihre 25000 Pesetas besorgt war, Anita zu bewegen, mir in das

Hotel Ritz zu folgen. Der Maharadscha erwartete sie, angetan mit allen

seinen Orden, vom Kapurthala-Hausorden bis zum Stern von Indien, und

am Turban ein großes Diamanten-Diadem, um Anita von seiner Würde zu

überzeugen.

Doch auf die schöne Gitana machte das alles keinen Eindruck. Stolz,

hochmütig warf sie dem Maharadscha einen vernichtenden Blick zu und

begann dann, sich auf das heftigste über die Rücksichtslosigkeit und

Nachlässigkeit des Empfanges zu beklagen. In seiner Verlegenheit zog

der Maharadscha einen Diamantring vom Finger und überreichte ihn

ihr. Ohne ein Wort des Dankes steckte sie ihn an und setzte sich dem

Maharadscha gegenüber.

Mit den wenigen Brocken Spanisch, die ich mir angeeignet hatte, und den

noch geringeren französischen Kenntnissen Anitas war es schwer, eine

Unterhaltung in Gang zu bringen. Am nächsten Tage sollte sie in das

Ritzhotel übersiedeln, und ihrer Mutter sollte der übereingekommene

Kaufpreis ausgezahlt werden.

Ihre Schwester Vittoria hatte sie begleitet. Als ich nach einer

von Anitas Seite noch immer recht kühlen Verabschiedung von dem

Maharadscha mit den beiden Mädchen das Hotel verlassen wollte, trafen

wir zufälligerweise mit dem amerikanischen Multimillionär Thaw und

seinem Freunde Wynands zusammen. Von der Schönheit der beiden Gitanas

überrascht, traten sie auf mich, der ich sie oberflächlich kannte, zu,

und baten vorgestellt zu werden.

Am nächsten Morgen erschien Mama Delgado in Begleitung ihrer beiden

Töchter, von mir abgeholt, im Hotel. Der Maharadscha saß in seiner

ganzen Würde in einem Klubsessel und hielt einen dicken Briefumschlag

mit den 25000 Pesetas, gleich 20700 Franken, in der Rechten. Der

Adjutant hatte, der indischen Sitte gemäß, ein Dokument aufgesetzt, das

in der Übersetzung besagte:

„Ich bestätige, von Seiner Hoheit dem Maharadscha von Kapurthala die

Summe von 20700 Franken erhalten zu haben und erkläre gleichzeitig,

daß ich keine weiteren Ansprüche irgendwelcher Art mehr stellen werde.

Cardelassia Bajosse,

Señora Delgado.

Paris, am 16. Juni 1906.

Während der Zeit, daß meine Tochter Anita bei Seiner Hoheit bleibt,

wird sie monatlich 2000 Pesetas für ihre persönlichen Ausgaben

erhalten.“

Mach tränenvollem Abschied verschwanden die Señora Delgado und Señorita

Vittoria, die eine, um mit dem Kaufgeld nach Madrid zurückzukehren,

die andere, um ihre Laufbahn als Tänzerin in Paris zu beginnen,

wo ich ihr auf einer bekannten Bühne durch deren mir befreundeten

Direktor eine Stellung verschafft hatte. Dort traf sie der ihr von mir

vorgestellte Amerikaner Wynands, der nichts Eiligeres zu tun hatte,

als sie zu heiraten. Zwar enterbte ihn promptest sein millionenreicher

Vater in Baltimore. Doch ein Oheim des jungen Mannes in London nahm

sich seiner an. In der Folgezeit gelang es auch dem bescheidenen und

liebenswürdigen Wesen der jungen Frau, das Herz ihres Schwiegervaters

zu gewinnen und so die in Hast und Zorn getroffene Enterbung rückgängig

zu machen.

Anita bezog ihre Wohnung im Ritzhotel, die an unsere Zimmer stieß.

Die nächsten Tage vergingen mit Einkäufen. Trotz aller Mahnung zur

Sparsamkeit überhäufte Dschagatdschit Singh sie, seine „Lotosblume“,

mit Geschenken. Sie selbst aber war und blieb vorsichtig und äußerst

zurückhaltend. Noch am Tage des Kaufabschlusses suchte sie einen

Juwelier auf, um sich überzeugen zu lassen, daß der ihr am Abend vorher

geschenkte Ring auch echt sei, trotzdem ich ihr versichert hatte, er

sei wenigstens fünftausend Franken wert.

Bald nach dem Ende der Pariser Saison mußte der Maharadscha nach

London, um dort seine Staatsbesuche zu machen. Die Maharani und

die Rani Barbotti sollten zunächst über die Existenz Anitas nichts

erfahren, was natürlich nicht durchführbar war, denn die Söhne kamen

ständig von ihren Schulen zu kurzen Besuchen nach Paris und liebten es,

ihren Vater zu überraschen. Dabei traf denn auch eines Tages der junge

Tika Sahib, der Sohn der Maharani und Thronfolger, mit Anita zusammen,

wodurch die ganze Angelegenheit an den Tag kam.

Nach kurzem Aufenthalt in London siedelte der Haushalt des Maharadscha

nach Puys in der Nähe von Dieppe über, während Dschagatdschit Singh mit

Anita in Dieppe selbst Wohnung nahm. Trotz allen Sträubens der Maharani

und der Rani Barbotti ruhte der Maharadscha nicht, bis er Anita ihnen

vorstellen konnte. Mit Tika Sahib wurde sie bald gut Freund. Ihr Besuch

bei den beiden Damen der Zenana war für Anita mit ganz bestimmten

Absichten verbunden, wie sie denn nichts ohne reifliche Überlegung tat

und ohne sicher zu sein, daß ein jeder solcher Schritt auch für ihre

Zukunft von Bedeutung war.

Noch vor der Abreise nach Kapurthala konnte sie dem Maharadscha

mitteilen, daß sie ihm ein Kind schenken werde. Sie war stolz und

glücklich, die Mutter eines „Prinzen“ zu werden, und er glücklich und

stolz, einen „weißen“ Sohn erhoffen zu dürfen. Natürlich war jetzt

nicht mehr daran zu denken, daß sie Dschagatdschit Singh in diesem

Jahre nach Kapurthala begleiten könne.

Nach einem schönen, in Baden-Baden verlebten Herbste wurde Anita bei

dem Pariser Agenten des Maharadscha einquartiert, und Dschagatdschit

Singh trat schweren Herzens die Heimreise nach Indien an.

In Kapurthala war die ganze Angelegenheit schon bei unserer Ankunft

Bazargespräch. Durch ihren Sohn, der in Rouen zur Schule ging, war die

Rani Kanari auf das Genaueste unterrichtet. Alle Zenanadamen schlossen

sich zu einer Intriguenfront zusammen, um die Weiße zu verdrängen. Doch

nichts konnte den Maharadscha seiner geliebten Lotosblume abtrünnig

machen. Selbst wenn es ihm Rang und Titel kosten sollte, von ihr würde

er sich niemals trennen!, erklärte er mir bestimmt.

Und der Einfluß Anitas, der schon in Dieppe und in Baden-Baden sein

äußeres Benehmen europäischer gemacht hatte, was sich besonders in

seinen Tischmanieren zeigte, die früher noch recht indisch gewesen

waren, hielt sogar in Kapurthala vor. Die herrlichen Wintermonate

gingen ohne die sonst üblichen rauschenden Festlichkeiten vorüber. Kaum

daß er hin und wieder einige Einladungen versandte. Und von der früher

so hochgeschätzten Aristokratie mochte in Bombay landen, wer wollte; er

trug kein Verlangen, sich in seinem Schloß Kapurthala stören zu lassen.

Seine einzige Sorge war der pünktliche Eingang der wöchentlichen Post

aus Europa und die Nachrichten, die er über Anitas Befinden erhielt.

Endlich kam die Mitteilung, daß ihn ein -- wohl nahezu weißer -- Sohn

in Paris erwarte -- und sofort war er von neuem nach dort unterwegs.

Diesmal stellte er sogar mich zur Disposition. Ich erhielt sechs Monate

Urlaub, in dessen Verlauf ich ihn in Paris besuchte. Anita empfing mich

so freudestrahlend, daß der Maharadscha sich zurückgesetzt fühlte und

bemerkte, sie scheine sich mehr zu freuen, mich wiederzusehen, als ihn

selbst. Auch zu dem Jungen konnte ich beide nur beglückwünschen, denn

er war wirklich von einer auffallend hellen Hautfarbe.

Immerhin, ich kürzte meinen Besuch soviel wie möglich ab und traf

auch an den anderen Orten, wo sie sich späterhin aufhielten, nur

vorübergehend ein.

Dabei fiel mir auf, daß der Maharadscha Anita als Rani von Kapurthala

betitelte, und ich begann zu fürchten, daß er die Absicht habe, sie

tatsächlich nach Indien mitzunehmen. Mit dem Aufwande meiner ganzen

Beredsamkeit suchte ich ihn davon abzubringen, denn die möglichen

Folgen erschienen mir zu unheimlich. Ganz abgesehen von der Haltung

der Regierung gegenüber einem solchen Schritte, würde die Bevölkerung

ihn ebenfalls nicht mit Freude begrüßt haben, und wenn auch nicht ihm,

dem Maharadscha, so doch Anita Unannehmlichkeiten bereiten. Außerdem

war, wie ich wohl wußte, die Haltung der anderen Zenanadamen so

feindselig wie nur möglich, und ich fürchtete, der Haß der indischen

Frauen gegen die Weiße möchte sich zu Taten hinreißen lassen, die nicht

wieder gutzumachen sein würden. Im Dunkel der zahllosen Gänge und

Gemächer der weitläufigen Paläste ist ein Fall mit tödlichem Ausgang

leicht geschehen. Gift, schnelles und schleichendes, ist nicht so

schwer zu beschaffen und noch leichter beizubringen; in den weiten

Gärten sind Unfälle keine Unmöglichkeit -- kurz, all die Tatsachen und

die Gewißheit, daß absolut keine, außer rein äußerliche, Gründe die

Familienfeindinnen Anitas davon abhalten würden, gegen sie vorzugehen,

ließen mich nur mit den schwersten Bedenken den Gedanken einer

Überführung der Gitana nach Indien überhaupt in Erwägung ziehen.

Doch selbst wenn aus irgendwelchen Gründen diese letzten Mittel nicht

ergriffen werden sollten, so gab es an einem indischen Hofe noch

tausend andere Möglichkeiten der Intrigen und geheimen Nachstellungen

von so unglaublich schmutziger Art, daß ihnen ein soeben aus Europa

eintreffendes weibliches Wesen unmöglich zu begegnen wissen konnte.

Anscheinend fügte sich schließlich der Maharadscha auch meinen

Einwendungen, und es wurde bestimmt, daß Anita unter der Obhut meiner

eigenen Frau in Europa bleiben solle. Wir reisten zurück nach Indien,

und außer den Berichten meiner Frau und den Nachrichten, die der

Maharadscha mir hin und wieder gab, hörte ich nichts über die Gitana,

bis eines Tages Dschagatdschit Singh mir mitteilte, Anita werde in

Begleitung meiner Frau mit dem Dampfer „Nera“ in einigen Tagen in

Bombay eintreffen. Ich möge mich doch bereit halten, die Damen dort

abzuholen!

Ich war regelrecht überrumpelt worden!

Als ich meinem Erstaunen und meinem Unwillen Ausdruck gab,

beschwichtigte der Maharadscha meine Bedenken mit dem Hinweis, daß

er vor der Stadt in der Villa „Buena Vista“ mit Anita wohnen werde.

Auch sollten einige indische, in der Eingeborenensprache erscheinende

Zeitungen gekauft werden, um in der Bevölkerung für Anita Stimmung

zu machen. Mit der anglo-indischen Regierung würde sich schon ein

~modus vivendi~ finden lassen, wenn erst einmal die schöne Spanierin

in Berührung mit den anglo-indischen Kreisen gekommen wäre. Ich solle,

angeblich zum Ankauf von Pferden, nach Bombay reisen und die Damen dann

nach Kapurthala bringen. Hinter meinem Rücken war also schon alles

geplant und abgemacht worden! Und im übrigen: niemand könne diese

schwierige Sache besser als ich durchführen, er rechne auf mich und so

weiter, schloß der Maharadscha seine Beschwörung.

Doch was würden die Zenanadamen dazu sagen? Was würden sie tun?

Besonders die Rani Kanari?! --

„Nichts, denn wir werden in der Villa wohnen“, antwortete der

Maharadscha auf alle Einwendungen, als ob das irgendein Hemmnis für die

möglichen Anschläge gewesen wäre.

Nein, ich fürchtete die unausbleiblichen Folgen, die schlimmsten

Überraschungen, und bat den Maharadscha um meine Entlassung. Den

Intrigen, die jetzt sicher einsetzen würden, sah ich mich nicht

gewachsen. In Europa würde ich gern jederzeit zu seiner Verfügung

stehen. Doch auf alles, was ich vorbrachte, antwortete er nur, daß,

solange er regiere, an meinen Abschied nicht zu denken sei.

Das nahm mir meine Sorgen nicht, und mit sehr gemischten Gefühlen ging

ich daran, meinen Auftrag auszuführen.

Ich fuhr nach Bombay und nahm Anita, von meiner Frau begleitet, in

Empfang. Als die Damen wieder festen Boden unter den Füßen fühlten,

waren sie sehr zufrieden. Doch das dauerte nicht lange. Ich hatte, um

Aufsehen zu vermeiden, Zimmer im Apollo-Hotel genommen. Das erste Hotel

in Bombay aber ist das Tadsch-Mahal-Hotel. Das war sofort ein Grund zu

Klagen. Für Anita gab es kein größeres Vergehen, als ihre Schönheit zu

verdecken, um so mehr als sie sich jetzt schon als Prinzessin fühlte.

Die Tage des Aufenthalts in Bombay wurden mit der Besichtigung

der großen Kaufläden ausgefüllt, und trotz der langen, ständig

eintreffenden Telegramme des Maharadscha ließ sich Anita nicht bewegen,

eher abzureisen, als bis sie alles besichtigt hatte, was Bombay an

Damenausstattungsgeschäften besitzt. Endlich reiste man ab. Nicht im

Kapurthala-Staats-Salonwagen -- aus guten Gründen --, sondern einfach

in einem Spezial-Salonwagen erster Klasse. Zweite Entrüstung!

Das Gesicht, mit dem sie den zum Bahnhof Kapurthalas, Kartapur, ihr

entgegengeeilten Maharadscha empfing, war auch danach. Sie begann

sofort, ihm alles vorzuwerfen, was sie auf der Reise erduldet hatte.

Nachdem sie den begleitenden Adjutanten Lala Schiv Narain sehr scharf

gemustert hatte, nahm sie in dem Kraftwagen Platz, der sie nach der

Villa „Buena Vista“ brachte.

Mit welcher Sorge sah ich der Zukunft entgegen! Und doch, wie hatte ich

mich getäuscht! Zwanzig Jahre Indien, zwanzig Jahre, die ständig in dem

Ränkespiel eines indischen Hinduhofes verbracht worden waren, hatten

meinen Blick für die gleichen Eigenschaften einer spanischen Gitana

getrübt. Für mich war sie die Vertreterin europäischer Grundbegriffe,

europäischer Moral, europäischer Ethik, welche gegen die Hinterlist,

Tücke und die Skrupellosigkeit, wie sie in den verborgenen Gemächern

der Zenana in höchster Vollendung sich auslebt, waffenlos war. Ich

hatte eins übersehen: daß Anita als Gitana, als Zigeunerin, trotz

ihres Geburtsortes Malaga, indische Instinkte besitzen mochte, stammen

doch die Zigeuner aus dem Lande des Ganges. Sie zeigte sich ihren

Widersachern mehr als gewachsen und verlor keine Sekunde, zum Angriff

überzugehen.

[Illustration: Palastgarten zu Kapurthala]

[Illustration: Die Rani Umedi mit Kaufurkunde]

Sie hatte es verstanden, sich vor ihrer Ankunft auf das Genaueste mit

den Verhältnissen in Kapurthala vertraut zu machen. So war ihr auch

mitgeteilt worden, daß die Rani Kanari in den Armen eines Adjutanten

des Maharadscha Trost für die Vernachlässigung seitens ihres Herrn und

Gebieters suche. Dieser Adjutant war ihr nach Gesicht und Ansehen genau

beschrieben worden, und in Lala Schiv Narain, der mit Dschagatdschit

Singh zu ihrem Empfang auf dem Bahnhof erschienen war, erkannte sie

sofort den angeblichen Liebhaber der Rani Kanari. Während der Fahrt

nach der Villa machte sie daher schon dem Maharadscha die heftigsten

Vorwürfe, daß er gewagt habe, sie in Begleitung des Geliebten seiner

Frau zu empfangen, und verlangte kategorisch, daß er sich vollständig

von der Rani Kanari zurückzöge, was der im Besitz seiner „Lotosblume“

froh erregte Dschagatdschit Singh ohne weiteres zusagte.

Um nun ihre Stellung der Außenwelt gegenüber so fest wie möglich zu

machen, kam dem Maharadscha der Gedanke, Anita zu überreden, zum

Hinduglauben überzutreten.

Er hatte erwartet, großen Widerstand zu finden. Aber Anita übersah

blitzschnell die Lage und die Vorteile, die ihr dies hinsichtlich der

Zenanadamen bot. Ohne Besinnen willigte sie ein.

An und für sich ist ein Übertritt vom Christentum zum Heidentum des

Hinduismus nicht möglich. Doch Dschagatdschit Singh als Maharadscha und

unbeschränkter Gebieter konnte in einem so außergewöhnlichen Falle die

Zeremonien von einem willfährigen Priester durchführen lassen.

Das Verhalten Anitas war mir ein Rätsel. Wo hinaus konnten ihre Pläne

zielen? Welche Absichten verfolgte sie? Daß sie viel verschlagener war,

als ich früher angenommen hatte, schien mir sicher. Ihr Entschluß, als

spanische Katholikin zum Heidentum überzutreten, veranlaßte selbst

meine Frau, die soweit stets zu ihr gehalten hatte und streng der

allein seligmachenden Kirche anhing, sich von ihr zu lösen, wozu auch

der Druck beitrug, den die anderen Zenanafrauen auf sie ausübten, und

die von ihr eine Entscheidung forderten, entweder zu ihnen zu halten

oder bei der Fremden zu bleiben und die Folgen zu tragen.

Die Vorbereitungen zu dem Übertritt, der hochoffiziell und mit einem

Fest verbunden vor sich gehen sollte, wurden in die Wege geleitet.

Doch Anita war auf ihrer Hut und unterließ nichts, ihre Stellung zu

festigen. So gelang es ihr sogar, den erst als Liebhaber der Rani

Kanari verdächtigten Lala Schiv Narain auf ihre Seite zu ziehen und ihn

zum willfährigen Sklaven ihrer Befehle zu machen.

Um auch bei den englischen Besuchern Eindruck zu erwecken, nannte

sie sich mit Zustimmung des Maharadscha „geb. Baronin Anita Del Gado

de Malaga“ und gab vor, von einer Familie zu stammen, die in den

Kreuzzügen und Maurenkriegen ihre Besitztümer verloren hatte. Der

Kursaal von Madrid war ihrem Gedächtnis ganz entschwunden. Nur eins

vergaß sie nicht: daß nämlich außer dem Maharadscha auch ich von den

näheren Umständen Kenntnis hatte, die sie mit Dschagatdschit Singh

zusammengebracht hatten. Dies mußte auch der Grund sein, weshalb

sie mir immer schärfer entgegentrat. Ich verhielt mich trotzdem

vollständig zurückhaltend, ohne aber zu verfehlen, ihr in jeder Weise,

auch in den kleinen Dingen, zu Diensten zu sein, ihr stets tadellose

Pferde, beflissene Diener zu stellen und all die Angelegenheiten in

ihrem Interesse zu ordnen, in die an einem indischen Hofe so viel

Möglichkeiten zu Verdruß, zu Ärger, ja zu persönlichen Gefahren

von einer geschickten Hand gemischt werden können. Doch all dies

schien ihr zu entgehen. Ich beschloß daher, mich auf das äußerste

zusammenzunehmen. Hier in Indien haben nicht nur die Wände und Türen,

sondern die Luft und jeder, selbst der harmloseste Gegenstand, Augen

und Ohren.

Immer näher kam der Tag des Übertritts. Immer augenfälliger wurde Lala

Schiv Narain ihr ergebener Diener, und selbst Tschatterdschie, der

bengalische Leutnant, der den Kaufvertrag mit ihrer Mutter aufgesetzt

hatte, begann ganz auf ihrer Seite zu stehen.

Die Rani Kanari schloß sich in ihre Gemächer ein und brütete über

Racheplänen. Doch ein Werkzeug nach dem anderen schien ihr zu

entgleiten, um sich der Nebenbuhlerin gegenüber behaupten zu können.

Sicherlich wollte sie Anita verderben, durch Gift oder Unfall

beseitigen. Aber ihr Sturz nahm ihr alle Freunde und muß sie so

einsam gemacht haben, daß sie rein praktisch den Racheakt nicht mehr

auszuführen vermochte. Vielleicht hatte ihre Trunksucht auch ihren

Willen so geschwächt, daß sie über dem Ersinnen ihrer Vernichtungspläne

nicht mehr die Kraft zur Durchführung aufbrachte. Immer mehr und zum

Schluß ganz schrankenlos ergab das unglückliche Wesen sich dem Kognak,

so daß ihr einst so schöner Körper die verbitterte, vereinsamte,

verzweifelte Seele nicht mehr zu halten vermochte. Nach kurzen Monaten

erlöste sie der Tod, und ihre Asche wurde den schmutzigen Wellen des

heiligen Ganges übergeben.

Mit den kostbarsten Saris -- Seidenschals -- und anderen

Bekleidungsstücken aus der Garderobe der damals noch lebenden

Rani Kanari wurde, ohne Rücksicht auf die Gefühle der einstigen

Lieblingsfrau, Anita zur Feier ihres Übertrittes zum Heidentum

bekleidet.

Zahlloses Publikum, Neugierige, Bekannte und eingeladene Freunde waren

herzugeeilt. Ein ähnliches Ereignis hatte das Kaiserreich Indien noch

nicht gesehen.

Die eigentliche Zeremonie fand in einem kleinen Zeltlager statt, das

nahe der Villa aufgeschlagen worden war. Der Maharadscha erschien in

seiner Nationaltracht, um dem Fest den höchsten Glanz der Würde zu

verleihen. Anita war in Schals und Schleier gehüllt, die die graziösen

Bewegungen ihrer Figur nur noch eindrucksvoller, gefälliger machten.

Der Altar des amtierenden Priesters war in der Schamiana, einem

viereckigen Zelt mit flachem Dach, errichtet und war nicht mehr als ein

kleines niederes Pult, hinter das ein großes, weißes Kissen für den

Pandit Guru, den hohen Sikhpriester, der die Handlung vornahm, gelegt

war. Zwei andere Kissen für den Maharadscha und Anita befanden sich

ebenfalls dort. Den ganzen Boden bedeckte ein völlig weißer Teppich.

Als Dschagatdschit Sing und die Gitana mit untergeschlagenen Beinen

vor dem Altar Platz genommen hatten, murmelte der Priester, von einem

anderen assistiert, einige Sprüche. Sodann schlug er aufs Geratewohl

ein etwa faustdickes Buch, die Guru-Bibel, auf und verkündete aus ihr

den Sikhnamen: „Umedi“, den Anita fernerhin tragen sollte. Aufstehend

tauchte er den Zeigefinger in eine Schale mit rötlicher Flüssigkeit und

malte ihr ein Zeichen auf die Stirn, wobei er laut ausrief, daß sie nun

der unvergleichlichen Kaste der Kahlsa Sikh angehöre.

Anita zeigte keine Spur von irgendwelcher Erregung. Sie schien niemals

etwas anderes erwartet zu haben. Mich aber bedrückte die Frage, weshalb

sie wohl auf diese ganze Komödie eingegangen sei?

Nachdem der Guru sich wieder auf sein Kissen niedergelassen hatte,

schlug er eine neue Seite des Buches auf und fand, was notwendig war,

um die Rani Umedi auch nach Sikhrecht zur Gemahlin des Maharadscha

zu machen. Gefolgt von seinem Assistenten, umwand er beide mit einem

langen Jasminblütenband, worauf der zweite Priester sie von dieser

leichten Fessel wieder befreite, was die Erreichung der höchsten Gnade

der Hindugötter andeuten sollte.

Damit war die Feier vorüber, und der Maharadscha mit der neuen

Hindu-Rani Umedi verließ mit den Gästen das Zelt. Ein paar Reden,

einige Glückwünsche, und der offizielle Teil der Feier war beendet.

Als ich mich am nächsten Tage meiner Gewohnheit gemäß zum Maharadscha

begab, fand ich ihn mit Anita beim Frühstück. Beide außergewöhnlich

verstimmt. In verbissener Schweigsamkeit saßen sie sich gegenüber.

Als die Rani Umedi mich gewahr wurde, stand sie auf und verließ das

Zimmer, die Türe hinter sich ins Schloß werfend. Fragend sah ich den

Maharadscha an. Er bat mich in sein Arbeitszimmer. Gespannt auf das,

was ich hören würde, und was mir vielleicht den Schlüssel zu Anitas

eigentümlichem Verhalten mir gegenüber geben konnte, folgte ich ihm.

Kaum eingetreten, schloß der Maharadscha die Tür und erzählte mir mit

allen Zeichen der heftigsten Erregung, daß die Rani Umedi geradezu

Unmögliches verlange.

Sie habe ihm erklärt, daß, da sie jetzt auch nach den Lehren der Hindu

und den Kastenvorschriften der Sikh seine rechtmäßige Gattin sei, sie

darauf bestände, sofort in den Palast zu Kapurthala überzusiedeln. Aber

allein wünsche sie dort zu sein! Die Maharani und die anderen Rani

wären umgehend zu entfernen. Ganz besonders schnell die Rani Kanari.

Von jetzt ab gäbe es nur eine gesetzmäßige Gemahlin und Königin von

Kapurthala, und das sei sie selbst!

Als er ihr klarzumachen versucht habe, daß ihr Verlangen Unmögliches

fordere, habe sie zu immer heftigeren Ausdrücken gegriffen, so daß

zuletzt ein Wortwechsel entstanden sei, der seinen Zorn so weit

gesteigert habe, daß er ihr vorwarf: sie habe wohl die Erinnerung

an ihre Herkunft vergessen!; ob sie nicht mehr wisse, für welch

lächerliche Summe er sie von ihrer Mutter erstanden habe? Obgleich der

„~capitano~“ freie Hand bis zu hunderttausend Pesetas gehabt habe,

seien ihre Eltern froh gewesen, sie für 25000 loszuwerden.

Dieses dem Maharadscha entschlüpfte Geheimnis, daß ich nur den vierten

Teil für Anita bezahlt hatte, den er auszulegen bereit gewesen wäre,

und dies nicht zu meinem eigenen, sondern zum Vorteil Dschagatdschit

Singhs, mußte, das wurde mir sofort klar, den äußersten Haß der

Gitana herausfordern. Schon war ich ihr ein Dorn im Auge wegen meiner

Kenntnis ihrer Herkunft überhaupt. Jetzt noch zu wissen, daß ich das

Interesse der Börse des Fürsten ihrem eigenen vorangestellt hatte und

dies gegebenenfalls auch verraten könne, würde sie zu den gewagtesten

Schritten verleiten, um mich zu entfernen. Wenn ich so auf der einen

Seite mit der unversöhnlichen Feindschaft der Rani Umedi zu rechnen

hatte, so standen auf der anderen auch alle Zenanadamen geschlossen

gegen mich. Die Lage war unhaltbar.

Sofort wies ich den Maharadscha darauf hin. Er war es gewesen, der

in so törichter Weise nicht wieder zurückzunehmende Vorwürfe gemacht

habe. Er müsse mich entlassen. Doch wiederum ging er nicht auf meinen

Vorschlag ein. Alles dies, sagte er, sei nichts als ein Ränkespiel. Er

werde schon mit den Rädelsführern fertig werden. Die ganze Sache fing

an, ihm auf die Nerven zu fallen. Ich solle unbesorgt sein, er werde

schon alles in Ordnung bringen. Ohne mich usw., usw.

Ich konnte dem Maharadscha meine Entlassung nicht abzwingen. Aber

ich vertraute ihm wenig. Stand er doch ganz unter dem Einfluß der

Rani Umedi! Lag doch unweit von uns die unglückselige Rani Kanari, an

deren langsamem Untergang er so große Schuld trug, allein, verlassen,

verhöhnt und ohnmächtig, auf ihren schlimmsten Feind, den Alkohol, als

einzigen Tröster angewiesen! Und daß die Rani Umedi ihre Macht und

ihre Verschlagenheit rücksichtslos gegen mich ausspielen werde, konnte

keinem Zweifel unterliegen.

Wohl war ich die Vorsicht selbst. Jede Speise ließ ich vorkosten. Ich

bestieg kein Pferd, ohne Gurte und Schnallen genau nachzusehen. Ich

trat durch keine Türe, ohne jemanden vorauszusenden, ritt unter keinem

Balkon, auf dem Gefahren lauern konnten, legte mich nie schlafen, ohne

Bett und Zimmer vorsorglich und gründlich abgesucht zu haben.

Und der ahnungslose Maharadscha äußerte immer wieder vor den Ohren

Anitas, daß mein Scheiden von seinem Hofe eine Unmöglichkeit sei!

Als die Rani Kanari gestorben war, ließ auch die Liebenswürdigkeit

Anitas gegen Lala Schiv Narain sofort nach und nahm sehr bald ganz

andere Formen an, die den Armen so mit Furcht erfüllten, daß er um sein

Leben sorgte. Nach ganz kurzer Zeit kam er um seine Entlassung ein

und eilte, sich in den Bergen seiner Heimat Kaschmir in Sicherheit zu

bringen.

Und Anita siegte. Sie bezog als alleinige Herrscherin das Schloß zu

Kapurthala. Die Damen der Zenana mußten das Feld räumen und wurden

in der Villa zu Mussoorie untergebracht. Als der Bezirks-Gouverneur

dem Maharadscha seinen offiziellen Besuch machte, und die Rani

Umedi den Damen der höheren englischen Gesellschaft vorgestellt

wurde, gab es nur eine Stimme des Lobes. Ihrem würdigen Benehmen und

ihrer distinguierten Haltung nach schien sie für die Stellung einer

Prinzessin geboren. Und wenn deshalb der Maharadscha in den Augen

seiner englischen Gäste auch weiter nur der „dreckige Neger“ blieb, so

erfüllte ihn die Bewunderung, die der Rani Umedi gezollt wurde, doch

mit der höchsten Genugtuung, worauf die verschlagene Gitana sicher

gerechnet hatte.

Jedoch mich schien unerklärliches Unglück zu verfolgen. Bald

hintereinander gingen zwei Rennpferde ein, auf die ich große Hoffnungen

gesetzt hatte. Mehrere meiner Lieblingshunde verendeten. Nur Gift

konnte die Ursache sein. Nie aber konnte ich entdecken, wessen Hand

dabei im Spiele gewesen war. Dann brannten große Heuschober ab, und

kurz darauf brach in der Futterkammer des Marstalls Feuer aus.

Alles dies gehörte zu meinem besonderen und Lieblings-Machtbereich.

Denn außer der Aufsicht über die Paläste, unterstand mir das Gestüt,

der Rennstall, die Jagd und die Elefanten und alles Getier, das zur

Jagd in Indien gebraucht wird. Ich verdoppelte meine Wachsamkeit,

trotzdem ich wußte, daß ich gegen die Ränke der Rani Umedi, gegen ihre

Hindu-Helfershelfer nichts ausrichten konnte.

Erst wenn ich mundtot gemacht, beseitigt war, brauchte sie nicht mehr

zu befürchten, daß das Geheimnis ihrer Herkunft und die Einzelheiten

ihrer Erwerbung für den Maharadscha bekannt werden könnten.

Und der Maharadscha, der immer wieder darauf hinwies, daß ich ihm in

Kapurthala unentbehrlich sei!

Von meinem Morgenritt zurückkommend, der mich über die Rennbahn nach

den Gestüten und durch den Marstall führte, war es meine Gewohnheit,

ein Glas eisgekühlten, schwarzen Kaffee zu trinken, das stets auf der

Veranda meines Bungalow gegen meine Rückkehr bereitstand. Eines Morgens

bemerkte ich einen etwas bitteren Geschmack, nachdem ich das Glas

durstig in einem Zuge geleert hatte. Der Diener, der mein Reitpferd

zu den Ställen führte, verschwand eben um die Hausecke. Ich will zur

Schelle gehen, um meinen Kammerdiener zu rufen. Doch ehe ich noch

einen Schritt tun kann, finde ich mich hilflos auf dem Boden liegen,

vollständig gelähmt, doch ebenso vollständig bei Besinnung.

Ich wußte sofort, daß ich vergiftet worden sei, doch womit? Welche

Wirkungen würde das Gift noch auslösen? Würde ich sterben oder nur

gelähmt bleiben? Was war schlimmer? Welche Schmerzen standen mir noch

bevor? Vor der Hand spürte ich nur immer stärker werdende Krämpfe

im Leibe. Doch ich vermochte mich weder zu rühren noch einen Laut

hervorzubringen. Wie ein Klotz lag ich auf dem Boden, inmitten der

Stühle und Tische, ebenso leblos wie sie. Aber in meinem Gehirn jagten

sich die Gedanken.

Endlich kommt mein Kammerdiener, der zum Umkleiden auf mich gewartet

hatte und über mein Ausbleiben erstaunt war. Man bringt mich zu Bett

und flößt mir sofort eine halbe Flasche Kognak ein, was die Schmerzen

linderte und mir einen betäubten Schlaf verschaffte. Endlich erscheint

der Staats-Doktor von Kapurthala. Er diagnosierte sehr vorsichtig,

daß wohl manches auf eine Vergiftung hindeute, aber ebensowenig sei

eine Nierenerkrankung ausgeschlossen, da mein Fall gewisse, dem

Schwarzwasserfieber ähnliche Erscheinungen zeigte. Die Brechmittel, die

er trotzdem verschrieb, blieben ohne Wirkung.

Doch ich kam mit dem Schrecken davon. Meine außerordentlich kräftige

Natur, der Kognak und -- die übergroße Vorsicht meiner Feinde retteten

mir das Leben.

Wie sich später herausstellte, mußte man mich mit Dastura[6] vergiftet,

aber die Dosis so stark gewählt haben, daß sie als Gegengift zu wirken

begann. Zehn Tage lag ich zwischen Tod und Leben. Der Maharadscha

erkundigte sich täglich sehr bewegt um mein Befinden. Doch die Rani

Umedi ließ sich nicht blicken, noch auch etwas von sich hören.

Als ich besser war, war meine Geduld zu Ende. Ich zögerte nicht länger

und gab Dschagatdschit Singh die Erklärung der Unglücksfälle und des

Anschlages auf mich. Obgleich er jetzt ganz in der Hand der Gitana

war, mußte er mir doch recht geben, daß ich unmöglich länger in seinen

Diensten bleiben könne. Er bewilligte meine Entlassung und setzte mir

eine Pension aus seiner Privatschatulle aus.

Ich aber beeilte mich, Indien zu verlassen, wo ich zwanzig Jahre

meines Lebens in engster Berührung mit zwei der bedeutendsten Fürsten

dieses Landes verbracht hatte: der eine arbeitsam, wissensdurstig,

allem Geistigen zugetan, der andere gutmütig, schwach allem

Sinnlichen erliegend -- und keiner von beiden Sproß eines alten

Fürstengeschlechts, sondern Kind des niederen Volkes, hervorgegangen

aus den wimmelnden Millionen Indiens --, durch eine sonderbare Laune

des Schicksals über ihresgleichen zu ungeheurem Reichtum und fast

unbeschränkter Macht emporgehoben.

[Illustration]

[Illustration]

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen · 第 32 / 85 题