Die Gaekwar von Baroda

Baroda, zu dessen Fürstenhofe ich damals gehörte, ist unter den fast

fünfhundert Vasallenstaaten des britisch-indischen Kaiserreiches einer

der größten und wichtigsten. Es liegt an der Westküste Indiens, in

der Provinz Gutscherat und wird von den Gaekwari, die zu den in der

indischen Geschichte berühmten Maharattenfürsten gehören, beherrscht.

Gaekwar bedeutet „Hüter der Kuh“, und schon der Name weist auf das

große Ansehen der Familie hin. Ist doch die Kuh dem Hindu das heiligste

aller Tiere, denn von ihrer Milch können Säuglinge genährt werden.

Wie schon erwähnt, steht auf das Töten einer Kuh die Todesstrafe. Ihr

Fleisch darf kein Hindu anrühren. Sogar Schuhe aus Rindleder darf kein

Hindu wissentlich tragen. So sind die „Hüter der Kuh“ die vor allen

anderen von den Göttern Auserlesenen. Als besonderer Stamm sind sie

über das ganze Land verstreut. Ihrem ehrenvollen Namen entsprechend

sind sie fast ausschließlich Viehzüchter und landbesitzende Bauern und

Krieger.

[Illustration: Baroda: Raj Mahal Palast (Luxmi Vilas)

(Original-Photographie: Eigentum des Museums für Völkerkunde in

Leipzig)]

[Illustration: Baroda: Der Damenpalast Makupura]

Die Maharattendynastie, der die Gaekwari von Baroda angehören, wurde

von dem Fürsten Sewagi gegründet, der ein Abkömmling des Radscha

von Tschittore war, der ältesten Herrscherfamilie im Westen von

Indien. Er legte als Radscha von Satarah den Grundstein des großen

Maharattenreiches, das sich unter ihm von Ahmedabad bis nach dem heute

portugiesischen Goa, die Westküste Vorderindiens entlang, erstreckte

und im Innern an die Reiche der Fürsten von Mysore, von Haiderabad und

an die Gebiete des Großmogul grenzte.

Der erste Minister Sewagis war ein Brahmine, der den Rang eines

obersten Magistrats bekleidete und als solcher den Titel „Peischwa“

führte. Rang und Titel sind noch heute in vielen indischen Staaten

erblich.

Dieser erste Peischwa erhob sich nach Sewagis Tode gegen dessen

Sohn, den er im Stammschloß seines Vaters, in Satarah, als

Gefangenen hielt und von allen Regierungsgeschäften ausschloß. In

der Folge blieb die Herrschaft der Familie der Peischwa als eine Art

Brahminen-Priesterherrschaft bis zum Niedergang der Maharatten-Dynastie

im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ungestört bestehen.

Einer dieser Peischwa, genannt Bajett Rao, war sogar in dem grausamen

Indien durch seine Grausamkeit berüchtigt. Die von ihm am liebsten

verhängte Todesstrafe war die „am Bambus“. Es wird dazu eine mit

sehr schnell wachsenden, nadelscharfen Sprossen versehene Bambusart

gebraucht, auf die der zum Tode Verurteilte so befestigt ist, daß die

in einer Nacht um über Fingerlänge treibenden, eisenharten Spitzen der

Zweige in qualvoller Langsamkeit, aber unaufhaltsam, seinen Körper

durchbohren.

Auch der berühmte Nana Sahib, der Führer des Sipahi-Aufstandes von

1857, entstammte der Peischwa-Familie, unter die alle Fürsten der

Maharatten sich beugten, wie der Maharadscha Holkar von Indore,

Scindia von Gwalior im Inneren Indiens, der Gaekwar von Baroda, und

kleinere, wie der Radscha von Kolapur und einige der Radschputfürsten

in der Provinz Kathiawar. Heute sind sie alle Vasallen des

britisch-indischen Kaiserreiches, das die Eingeborenen mit „Sirkar“

bezeichnen.

Als 1802 die Ostindische Kompagnie, die „John-Kompagnie“, unter der

Leitung des Generals Wellesley, des späteren Herzogs von Wellington,

ihre Besitzungen von Kalkutta aus weiter nach Westen auszudehnen

suchte, gelang es ihr, in dem damaligen Gaekwar von Baroda einen

kräftigen, in den Eigenschaften der Falschheit, Treulosigkeit und

Selbstsucht nicht zu übertreffenden Bundesgenossen zu finden.

Gegen das Versprechen der Engländer, ihn als selbständigen Herrscher

über die Gebiete, die er für die Peischwa-Familie verwaltete,

anzuerkennen, verriet er ihnen seine Maharattenbundesfürsten, den

Scindia von Gwalior, den Holkar von Indore und den Radscha von Berar,

wodurch der Sturz auch der Brahminenfamilie der Peischwa unvermeidlich

wurde. Dieses Abkommen hat England stets auf das genaueste gehalten.

Auch heute noch genießt der Staat Baroda viele Privilegien. Er braucht

keinen Tribut zu entrichten und kein Truppenkontingent zum Dienste in

die anglo-indische Armee zu stellen.

Baroda beteiligte sich auch nicht an dem Aufstande der Sipahi. Es

wurde zu jener Zeit von dem charaktervollen, strengen und gerechten

Maharadscha Khanda Rao Gaekwar regiert, der als tapfer im Kriege

und unerschrocken auf der Jagd bekannt war. Von ihm wird erzählt,

daß er den gefährlichen Leoparden und den wilden Eber zu Pferde zu

jagen gewöhnt war und vom Sattel aus beide mit dem „Tulwar“, dem

krummen Maharattenschwert, zu erlegen vermochte. Nur wer weiß, welche

Fertigkeit und Übung dazu gehört, diese Tiere beritten mit der Lanze

anzugehen, kann ermessen, wie gewandt und kräftig dieser Gaekwar von

Baroda gewesen sein muß.

Als er starb, ohne Kinder zu hinterlassen, folgte ihm sein Neffe,

Malar Rao. Grausam, despotisch, habsüchtig, begann er seine Regierung

damit, den eigenen Bruder als Staatsgefangenen in einen eisernen Käfig

zu sperren, der mitten in der Stadt an einem Wachtturm angebracht

wurde. Der Sold der Soldaten wurde einbehalten. Die Gehälter der

Beamten wurden nicht ausgezahlt. Dafür stand es beiden Klassen frei,

sich durch Bedrückung, durch Raub und Erpressung der Einwohner schadlos

zu halten. Wer es wagte, sich bei dem Maharadscha zu beklagen, dem ließ

er nicht viel Zeit, diesen voreiligen Schritt zu bereuen.

Selbstverständlich kamen diese Tatsachen sehr schnell auch zu den

Ohren des englischen Residenten, der als Vertreter des Vizekönigs

jedem bedeutenderen indischen Fürsten zwecks Vermittlung zwischen dem

Vasallenstaat und der britisch-indischen Regierung beigegeben wird.

Es ist natürlich seine geheime Aufgabe, die Loyalität der Fürsten und

ihrer Minister zu überwachen, sowie stets daran zu erinnern, daß der

britisch-indischen Regierung das Wohlergehen des ganzen Landes am

Herzen liege, und daß sie nicht tatenlos zusehen könne, wenn durch die

Schuld der heimischen Verwaltung die Bevölkerung Schaden leide.

Die Stellung eines Residenten ist nicht nur wegen der damit verbundenen

Machtfülle unter den englischen Beamten und Offizieren sehr begehrt.

Alle diese Posten beziehen ein sehr hohes Einkommen, und stets

steht ein fürstlich ausgestattetes, oft schloßartiges Landhaus

als Dienstwohnung zu ihrer Verfügung. Die Hauptarbeit liegt im

„Augen-offen-halten“. Die einzige Anstrengung ist Sport. Dazu kommt das

Ansehen als Vertreter des „Bara-Lord-Sahib“ von Indien, des Vizekönigs,

dem die Fähigkeit, bei allen Gelegenheiten eindrucksvoll und überlegen,

unerschütterlich und erhaben aufzutreten, Rechnung tragen muß.

Jedoch, ein Resident wird umso besser sein, desto geräuschloser und

selbstverständlicher er den Fürsten und ihren Ministern stets und

immer die absolute Allmacht des britischen Radsch -- des britischen

Kaiserreiches -- einprägen und vor Augen halten kann.

In vielen Angelegenheiten nun braucht aber jeder indische Fürst

die Zustimmung des Vizekönigs, die oft wieder von der Ansicht des

Residenten bestimmt wird. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die

Fürsten sich oft bemühen, ihn durch Geschenke für sich zu gewinnen.

Dies erfordert aber einen ganzen Apparat. Zunächst muß ein besonders

beredsamer und geschickter Vertrauter, von denen die indischen Fürsten

sich meistens mehrere halten und die den Titel „Wakil“ führen, mit

dem Haushalte des Residenten Berührung suchen, um dort jemanden zu

gewinnen, der, auch wenn er nicht das Ohr des Residenten besitzt, doch

in der Lage ist, mit seiner Frau in Verbindung zu treten.

An allen indischen Fürstenhöfen ist es Brauch, der Gemahlin des

Residenten tagtäglich durch einen „Jamadar Mali“, einen Obersten der

fürstlichen Gärten, mehrere Körbe mit Früchten, Gemüse und Blumen zu

übersenden, was als Ausdruck der Ergebenheit des Herrschers gelten soll.

Wenn ein Maharadscha wünscht, die Gattin des Residenten durch ein

„Nusser“, ein Geschenk, dazu zu bestimmen, sich zugunsten eines seiner

Wünsche bei ihrem Gemahl zu verwenden, so wird zwischen den Früchten

des einen Korbes ein Geschenk versteckt, und der zungenfertige Wakil

des Fürsten erscheint zur gleichen Zeit wie die Sendung auf der

Bildfläche. Mit Hilfe eines Dieners aus dem Haushalte des Residenten,

dessen er sich vorher versichert hat, wird dann der betreffende Korb

als besonders schön unter großem Wortschwall der Gattin des Residenten

gebracht, die nicht so ahnungslos ist, nicht zu wissen, worum es sich

handelt. Untersucht sie den Korb in ihrem Zimmer, so findet sie, sei es

ein Schmuckstück, sei es einen Leinenbeutel mit Goldmohuren zwischen

den Blumen und Früchten.

Sollte der Wakil des Maharadscha zur Rede gestellt werden, so gibt

er unverlegen den Zweck des Geschenkes zu und stellt weitere in

Aussicht, wenn es nur möglich sei, die Bitte seines Herrn mit einer

kleinen Fürsprache bei dem Residenten zu unterstützen. Sonst muß die

von dem Wakil gewonnene Vertrauensperson im Hause des Residenten die

nötigen Aufklärungen geben, sollte die Herrin nicht selbst schon, wie

gewöhnlich, wissen, worum es sich handelt.

Das Versprechen einer Fürsprache verpflichtet einem „~damned nigger~“,

einem „dreckigen Neger“, gegenüber doch zu nichts, und der Erfolg der

Fürsprache ist zum Schluß auch nicht die Sache der Geschenkempfängerin,

die sich so ohne Gewissensbisse auf Kosten des Fürsten bereichert.

Dieses Spiel versuchte nun auch Malar Rao, als der Resident zu Baroda

ihn auf die Folgen der Mißwirtschaft hinwies, die seine Minister sich

erlaubten. Eine Beeinflussung des betreffenden Residenten erwies sich

aber nicht als durchführbar, schon weil die maßlosen Bedrückungen, die

der Maharadscha sich zuschulden kommen ließ, überall bekannt waren,

also auch dem Vizekönig zu Ohren kommen mußten. Malar Rao beschwerte

sich daher kurzer Hand selbst bei dem Vizekönig und verlangte die

Absetzung des Residenten, was die Klugheit der Regierung ohne weiteres

bewilligte. Bei seinem Nachfolger wiederholte sich dasselbe Spiel.

Wiederum beschwerte sich der Maharadscha und wiederum beeilte sich die

anglo-indische Regierung, den Residenten abzurufen, um diesmal einen

Offizier, Oberst Phayre mit Namen, an dessen Stelle zu entsenden.

Dieser machte den Maharadscha darauf aufmerksam, daß er entweder

zu geordneten Zuständen zurückkehren müsse, oder aber der „Sirkar“

werde die Zügel der Regierung selbst in die Hand nehmen. Auf die

erneuten Proteste des Fürsten blieb die Regierung zunächst stumm.

Endlich traf eine Mitteilung des Vizekönigs ein, in der dieser den

Maharadscha darauf aufmerksam machte, daß der Resident sein vollstes

Vertrauen besitze und besonderen Auftrag habe, genaue Berichte über die

Verhältnisse in Baroda zu senden.

Dies versetzte Malar Rao in maßlose Wut, die er zuerst an seinen

Untertanen ausließ, bis er beschloß, den Residenten zu vergiften. Zu

seiner Beseitigung sollte ihm mit seinem Morgentrunk fein geriebener

Diamantenstaub gegeben werden. Es ist dies ein absolut sicheres

Tötungsmittel; nicht nur kann es nicht geschmeckt werden; es ist auch

völlig geruchlos und ist selbst in klarem Wasser nicht erkennbar. Im

Innern des Körpers verursacht es unheilbare Entzündungen, die langsam

aber sicher zum Tode führen. Ein Diener des Residenten wurde bestochen,

den Anschlag auszuführen. Herr Phayre war jedoch nicht umsonst

schon lange in Indien gewesen und wußte sehr wohl, welche Gefahren

ihn am Hofe des Maharadscha von Baroda umgaben. So genügte eine

Unvorsichtigkeit in den Vorbereitungen, die Verschwörung aufzudecken.

Als Malar Rao das Mißlingen seines Anschlages erfuhr, glaubte er, daß

auch dem Residenten Geiz und Habsucht das Höchste seien, und sandte

ihm drei Ochsenkarren mit Säcken von Rupien, um ihn zum Verschweigen

des „unliebsamen Vorfalls“ zu bestimmen. Der Resident aber behielt die

Karren, so wie er sie erhalten hatte, als Beweisstück für die Schuld

des Maharadscha an dem Verbrechen.

Auf Befehl des Sirkar mußte der Fürst sich nun zunächst auf sein

Sommerschloß Makapura zurückziehen, wo er unter strenger Bewachung

stand, bis der gegen ihn anhängig gemachte Prozeß entschieden war.

Bei dem noch nie dagewesenen Ereignis verfuhr die englische Regierung

mit einer mehr als bedenklichen Loyalität und Gerechtigkeit gegen

den Maharadscha Malar Rao, um in ihrer diplomatischen Art jeder

unangenehmen Rückwirkung der Behandlung des vornehmen Gaekwar von

Baroda auf die anderen Vasallen vorzubeugen. Drei der angesehensten

Fürsten, der Maharadscha von Dschaipur, ein Radschput, der von Indore

und der von Gwalior, die beide Maharatten waren, wurden vom Vizekönig

gebeten, dem Urteil als Schiedsrichter beizuwohnen. Die Verteidigung

des Gaekwar wurde den besten Anwälten Indiens und Englands anvertraut,

darunter auch dem damals wohl berühmtesten Londoner Rechtsanwalt

Sergeant Ballantine.

Der Mordversuch gegen den Residenten wurde in den Verhandlungen

überhaupt nicht erwähnt. Im Urteil wurde Malar Rao der Regierung

unfähig befunden, abgesetzt und nach der Provinz Madras verbannt,

wo ihm in Arkonum ein Palast und ein bedeutendes Einkommen aus den

Steuererträgnissen des Staates Baroda zugebilligt wurden. Seine

Minister dagegen wurden nach der Sträflingskolonie auf den abgelegenen

Andamaninseln deportiert.

Bemerkenswert ist an dieser Episode die hervorragende Einfühlung der

indischen Regierung in die Anschauungen der Vasallenfürsten, die

jeden Eingriff in den Rest ihres Scheinkönigtums auf das bitterste

empfinden. Um sie nicht zu verletzen, gab die englische Regierung

trotz der offensichtlichen Mißwirtschaft in Baroda zweimal dem

Ansuchen auf Abberufung ihres Residenten nach. Auch die vollständige

Vernachlässigung des Mordanschlages auf Herrn Phayre beruhte auf

ähnlichen Erwägungen, da bei einem Verfahren in dieser Angelegenheit

der Urteilsspruch nur auf „Tod durch den Strang“ hätte lauten können,

dessen Ausführung oder Nichtausführung gleich schwierige Fragen

aufgerollt haben würde.

Die Verbannung der Minister nach den Andamaninseln dagegen war für sie

eine härtere Strafe als selbst der Tod, ist doch der Inder mit allen

Fasern seines Wesens mit dem Lande seiner Geburt verbunden.

Die Frage der Nachfolge des abgesetzten Maharadscha schien zunächst

äußerst schwierig, denn Malar Rao hatte weder Kinder noch Verwandte,

die man auf seinen Thron hätte setzen können. Trotzdem sah die

anglo-indische Regierung klugerweise davon ab, den Staat Baroda den

unmittelbaren britischen Besitzungen in Indien einzuverleiben, obgleich

die Privilegien Barodas von Malar Rao schamlos zum Nachteile der

Landesregierung ausgenutzt worden waren.

Doch die Witwe des verstorbenen Maharadscha Khandao-Rao, die Maharani

Dschamnabai, war noch am Leben.

Zu ihr begab sich der englische Resident von Baroda, um im Namen des

Vizekönigs ihren Rat in dieser Frage der Nachfolgerschaft zu hören.

Die Unterredung fand in einem Zimmer statt, das durch einen Vorhang

in zwei Teile geteilt war, von denen die Maharani den einen benutzte,

während der andere für den Residenten bestimmt war. Beide konnten

sich so verständigen, doch ohne daß die Maharani sich den Blicken des

kastenlosen Europäers auszusetzen brauchte, was sie verunreinigt haben

würde.

Im Laufe der durch den Vorhang hindurch geführten Unterhaltung

erklärte nun die Maharani dem englischen Residenten, daß sich in

Baroda kein geeigneter Anwärter auf den Thron des Gaekwar befinde.

Auf ihrer letzten Pilgerfahrt jedoch, nach Dabkar am Flusse Narbuda,

habe sie ihr Lager eines Tages in der Nähe einer Semindarfamilie,

einer Bauernfamilie, aufgeschlagen, die ebenfalls dem Stamme der

Gaekwar angehöre. Von den drei Söhnen dieser Familie habe sie einen

zu adoptieren versprochen. Wenn man diese Kinder nach Baroda bringen

wolle, so würde sie den auswählen, der Nachfolger des abgesetzten

Maharadscha werden solle.

Dieser Ausweg kam der englisch-indischen Regierung sehr gelegen, die

auf diese Weise die Möglichkeit erhielt, die Erziehung des Knaben nach

ihren Plänen zu gestalten. Daher wurde der Rat der Maharani sogleich

angenommen. Noch am selben Tage erhielt der Polizeihauptmann des

Distriktes, John Pollen, den Auftrag, die drei Kinder herbeizuschaffen,

die er in der Nähe von Dabkar, gemäß ihrem Stande als Gaekwar, als

Hütejungen auf der Viehweide fand.

Nach Baroda gebracht und der Maharani vorgeführt, bestimmte sie den

mittleren der Knaben zum Nachfolger des Maharadscha Malar Rao. Das Kind

war damals etwa 9 Jahre alt; genaue Altersangaben sind in Indien nur

sehr selten möglich, da keine Register geführt werden und den einzelnen

der Zeitbegriff fehlt. Dieses damals von der Maharani Dschamnabai

ausgewählte Kind ist der heutige Gaekwar von Baroda, der Maharadscha

Siyadschi Rao, nach dem Nisam von Haiderabad der vornehmste Fürst

Indiens.

Sobald die Maharani ihre Wahl getroffen hatte, schritt man dazu, die

Ankunft des jungen Maharadscha mit allem Pomp zu feiern. In reiche

Gewandung gehüllt, mit Gold und Juwelen geschmückt, hielt Seine Hoheit

der junge Gaekwar von Baroda in einer kostbaren „Howdah“ auf dem Rücken

des mächtigsten Elefanten der fürstlichen Ställe seinen prunkvollen

Einzug in die Hauptstadt seines Landes. Aus dem einfachen Kuhhirten,

der noch vor drei Tagen auf der Weide seines Dorfes spielte, war über

Nacht einer der reichsten Fürsten des britischen Kaiserreiches Indien

geworden.

Und die Maharani hatte klug gewählt. Siyadschi Rao erwies sich als ein

eifriger und aufgeweckter Knabe. Er ist heute an Wissen und Bildung

einer der höchststehenden Fürsten Indiens, der sein Land zu großem

Ansehen gebracht hat. Dem britischen „Sirkar“ ist er wenig zugetan, und

die Streitigkeiten nehmen kein Ende, was auch damit zusammenhängen mag,

daß viele seiner Besitzungen als Enklaven im britischen Gebiet liegen.

Unter ihm hat Baroda eine erstklassige Universität und viele Schulen

erhalten, besonders Gewerbeschulen, wo vor dem Kriege, sehr zum

Leidwesen der Engländer, deutsche Lehrer wirkten. Als einziger Fürst

Indiens hat er in Baroda den Schulzwang eingeführt. Das Straßen- und

Bewässerungswesen ist ausgebaut und eine Eisenbahn angelegt worden. Die

Mittel hierzu, ebenso wie die zum Bau des prächtigen „Luxmi Vilas“ fand

er bei seiner Thronbesteigung vor. Sir Madava Rao und der englische

Resident, die den Staat während seiner Minderjährigkeit geleitet und

die Staatseinkünfte verwaltet hatten, waren beide besorgt gewesen, ihm

eine gefüllte Schatzkammer zu hinterlassen.

Siyadschi Rao ist sogar gegen die abträglichen Seiten der Landessitten

eingeschritten; so ist er gegen die Kinderheiraten vorgegangen und hat

die Ausartungen des höheren Kastenwesens bekämpft, obgleich er ein

orthodoxer Hindu geblieben ist. Seine Reisen nach Europa und Amerika

haben stets seiner Ausbildung und damit seinem Lande gedient. Auch ist

er einer der wenigen Fürsten Indiens, der nur eine einzige Gemahlin

besitzt und keine Nebenfrauen hält.

Seinen jüngeren Bruder machte er zum „Diwan“, Minister, von Baroda, und

der ältere wurde „Senepati“ oder Oberbefehlshaber der Armee.

Wohl besteht die Armee nur aus wenigen Truppenteilen, da der

Maharadscha genau weiß, daß er doch nie Krieg wird führen können. Sie

ist daher mehr ein Repräsentationsinstrument, für das Siyadschi Rao

nicht gern viel Geld ausgibt, da ihm produktive, kulturelle Aufgaben

näher am Herzen liegen.

Die berittenen Truppen, genannt „Dschawug Sowar“, dienen vornehmlich zu

Eskorten der alten Maharani und der hohen Staatswürdenträger, die alle

ständig auf der Straße je nach ihrem Range von einer bestimmten Anzahl

solcher Reiter umgeben sind.

Wenn die Maharani, umringt von vierzig, fünfzig dieser Krieger,

angefahren kommt, so ist das wirkliches, von Europa unberührtes, altes

Indien. Wohl vor tausend Jahren mögen die gleichen Waffen, die gleiche

Kleidung von Reitern getragen worden sein, die in gleichen Sätteln

in derselben Weise die Wagen der Maharani jener Tage in wilder Jagd

umschwärmten. Vorn der „Killadaur“, der Oberst, dem ein Paukenschläger

folgt, der seinen „Nagara“ mit hageldichten Schlägen das lauteste an

Tönen entlockt, was menschliche Ohren noch ertragen können, und daneben

ein Trompeter, der aus einer Art Waldhorn ein Geräusch hervorzaubert,

das jenseits aller Möglichkeiten europäischer Musikbegriffe liegt. Und

neben dem Wagen reitet ein Herold, der mit gewaltiger Stimme die Pauken

und die Trompete zu überbieten sucht, um all und jedem den Namen und

die Tugenden der Insassin der Karosse zu verkünden. --

Die Artillerie Siyadschi Raos ist ein Teil der „Toscha Kana“, der

Schatzkammer, denn sie besteht nur aus zwei massiv goldenen und

zwei ebensolchen silbernen Kanonen, die als prunkvolle Erbstücke den

Stolz der ganzen Einwohnerschaft bilden, wie überhaupt jede indische

Bevölkerung den Glanz und die Prachtentfaltung ihres Herrschers mit

Genugtuung als ihre eigene Ehre und Würde erhöhend empfindet und in

dem Maharadscha den sichtbaren Ausdruck ihrer eigenen Macht erblickt.

Eine wundervolle Sammlung von Smaragden und Diamanten, von denen der

berühmte „Südstern“ nur bei großen Staatshandlungen von dem Gaekwar

angelegt wird, bildet wie an allen indischen Fürstenhöfen auch in der

Schatzkammer zu Baroda den Kern der Kostbarkeiten, unter denen hier

aber als ein wohl auf Erden einzigartiges Schmuckstück ein Vorhang

hervorgehoben zu werden verdient, der zwei Meter hoch und anderthalb

Meter breit vollständig aus dichtaufgereihten Perlen besteht.

So ist der Maharadscha Siyadschi Rao, Gaekwar von Baroda, wohl einer

der mächtigsten Vasallen des indischen Kaiserreiches -- doch eben nur

Vasall, Höriger einer höheren Gewalt, der er nichts als seinen Stolz

und sein Selbstbewußtsein entgegenzusetzen vermag. Immerhin, auch

die Macht der anglo-indischen Regierung muß mit den Verhältnissen

rechnen, so wie sie dies bei Malar Raos Missetaten tat, mit der Meinung

von vielen Millionen Menschen, eingeteilt in hunderte von kleineren

und größeren Staaten, mit den Anschauungen der vielen verschiedenen

Religionsgemeinschaften, die in der Zahl ihrer Anhänger und deren fast

bedingungslosem Gehorsam jederzeit zu einer Gefahr werden können, der

nur durch kostspielige Veranstaltungen politischer und militärischer

Art zu begegnen ist. Und Indien soll doch nichts kosten, sondern vor

allen Dingen Geld in den englischen Beutel bringen!

Für beide Tatsachen, die Hörigkeit der Vasallen und die Zurückhaltung

der anglo-indischen Regierung, sind die folgenden Tatsachen bezeichnend:

Als der spätere Zar Nikolaus II., derselbe, der mit seiner ganzen

Familie in Jekaterinburg durch die Bolschewisten ermordet worden ist,

als Thronfolger, zusammen mit dem späteren König von Griechenland, auf

seiner Weltreise Indien besuchte, wurde auch der Gaekwar von Baroda

zur Ehre, ihn bewirten zu dürfen, befohlen. Doch die anglo-indische

Regierung war eifrig bemüht, den russischen Thronfolger von jeder

Berührung mit den einheimischen Fürsten fern zu halten. Folglich

legte man auch dem Maharadscha Siyadschi Rao nahe, daß er wohl die

Kosten des Besuches tragen dürfe, aber davon Abstand nehmen möge,

Seine Kaiserliche Hoheit zu sehen. Der Gaekwar fügte sich und wurde

rechtzeitig krank.

Trotzdem aber führte man den russischen Thronfolger nicht in die Stadt,

sondern auf die vorbereitete Jagd. Ich hatte das große Empfangszelt aus

der „Faraschkana“, der Jagdkammer, in aller Eile aufstellen lassen,

wozu hunderte von Dienern notwendig waren.

Etwas ängstlich erschien endlich der Zarewitsch mit seinem russischen

und englischen Gefolge und nahm ohne besondere Begeisterung an der

Jagd, einem Lanzenreiten gegen Wildschweine, „~pigsticking~“, teil.

Nach etwa einer Stunde wünschte er zurückzukehren, und ich, der ich

die Verantwortung für die ganze Vorführung trug, ritt allein mit ihm

nach dem Empfangszelt, ohne daß die englischen Beamten, darunter Oberst

Cyrill Rhodes, der Bruder des Rhodesiers, Cecil Rhodes, dies bemerkten.

Froh, der ihm wenig zusagenden Jagd entronnen zu sein, saß der

Zarewitsch mit mir im Zelte und trank Moselwein mit Apollinaris. Zuerst

unterhielt er sich mit mir auf englisch, fuhr dann französisch fort, um

zum Schluß fließend deutsch zu sprechen.

Als die englischen Herren mich bei ihrer Rückkehr in vertraulichem

Gespräch mit dem gefährlichen Besucher sahen, machten sie entgeisterte

Gesichter und bestürmten mich mit bestürzten Fragen, was denn zwischen

uns besprochen worden sei? Ihr ganzes Benehmen gegen den harmlosen

Prinzen war einfach lächerlich, taten sie doch, als ob dieser

unschuldigste und unwissendste unter allen Fürstlichkeiten, mit denen

ich jemals zusammengekommen bin, sich auf einem Raubzuge gegen das

britisch-indische Kaiserreich befände!

Nur +die+ Vasallen wurden ihm vorgestellt, deren Loyalität außer allem

Zweifel stand, und von ihnen auch nur die, welche der englischen

Sprache nicht mächtig waren. Die Nordwest-Provinzen -- am oberen Ganges

und Indus bis nach Kaschmir -- ließ man ihn überhaupt nicht betreten,

und, wie erwähnt, sein Gastgeber in Baroda, der Maharadscha Siyadschi

Rao, mußte während seines Besuches sich krank stellen.

Wie sehr dieser Zwang des Gehorchens, unter dem der Gaekwar trotz aller

Selbständigkeit im Innern seines Staates gegenüber der anglo-indischen

Regierung lebt, seinen Stolz bedrückt und verletzt, zeigte er in einer

Unterhaltung mit dem Maharadscha von Kapurthala, der ich beiwohnte.

Es war im Frühjahr 1905, und ich befand mich mit dem letztgenannten

Fürsten, dessen Privatsekretär ich in der Zwischenzeit geworden war,

in Paris, wo wir im Hotel Jena mit Siyadschi Rao zusammentrafen.

In jenem Jahre sollte der Prinz von Wales, der spätere König Georg

IV., Indien besuchen. Als die Unterhaltung hierauf kam, sprach der

Gaekwar von Baroda ganz offen aus, daß er, um nicht mit diesem Herrn

zusammentreffen zu müssen, bis nach dem Besuche des englischen

Prinzen in Indien in Europa bleiben würde, denn er habe keine Lust,

Staatsgelder auszugeben, um die Ehre zu haben, sich vor dem zukünftigen

englischen Herrscher zu verbeugen. Da man ihn als Gastgeber des

russischen Thronfolgers, der seinen Gast nicht einmal sehen durfte,

lächerlich gemacht habe, werde er es jetzt ablehnen, den britischen

Thronfolger bei sich zu empfangen.

Doch nicht nur im sicheren Paris machte Siyadschi Rao kein Hehl aus

seiner Abneigung gegen die Engländer. Auch in Indien selbst ließ

er keine Gelegenheit vorübergehen, den englischen Beamten seine

Bildung, besonders in allen Fragen der Staatsverwaltung, fühlen zu

lassen. Von seiner Erziehung unter guten englischen Lehrern hatte er

eifrig Gebrauch gemacht, und auf der so erworbenen Grundlage war er

nach Erreichung seiner Volljährigkeit mit Erfolg weitergeschritten,

so daß er über eine erstaunliche, rein wissenschaftliche Bildung

verfügte. Daher konnte es nicht ausbleiben, daß er sehr schnell das

oft recht minderwertige und unvollständige Wissen auch der hohen

anglo-indischen Beamten durchschaute. Seine Achtung vor dem britischen

Löwen wurde dadurch nicht gesteigert, und als Lord Curzon zur Zeit der

Thronbesteigung des Königs Eduard VII. diesen in Delhi vertrat und

zu Ehren des Ereignisses ein großes Fest gab, weigerte er sich, zu

erscheinen, indem er Krankheit vorschützte.

Dies war ihm jedoch nicht möglich, als nach dem Tode Eduards VII. Georg

IV. in höchsteigener Person nach Indien kam, um dort sich und seine

Gemahlin zu Kaiser und Kaiserin von „Hind“ -- von Indien -- krönen zu

lassen.

Angetan mit allen Zeichen der Macht, umringt von sämtlichen

Würdenträgern des britischen Hofes, hatten Georg IV. und seine Gemahlin

auf dem kaiserlichen „Gadi“ -- Thron --, zu dem eine Reihe Stufen

hinaufführten, Platz genommen. In dem mit echt indisch-englischer

Pracht ausgestatteten Raum war Jeder und Jede der Anwesenden auf

das reichste gekleidet. Gold, Diamanten, die seltensten Edelsteine

blitzten und funkelten auf allen Seiten. Die Uniformen der Offiziere

und Höflinge bildeten einen leuchtenden Rahmen, in dem der Glanz aller

indischen Fürstenhöfe nur um so eindrucksvoller strahlte.

Inmitten dieser prunkvollen Versammlung nun sollte die Huldigung der

Vasallenfürsten mit allem Zeremoniell des Westens und des Ostens vor

sich gehen. Es war vorgeschrieben, daß die Fürsten im Schmucke ihrer

Staatsgewänder sich über die freie Mitte des Raumes den Stufen des

kaiserlichen Thrones nahen sollten. Zur Plattform vor den Sesseln

des Kaiserpaares hinaufsteigend, würden sie sich dann als Ausdruck

der Ergebenheit verbeugen, um, rückwärts schreitend, die Thronstufen

hinabzugehen, wo ein Adjutant des Königs ihnen das Zeichen zum Umwenden

und Weitergehen zu geben hatte.

Als Erster erschien der im Range am höchsten stehende Nisam von

Haiderabad, ein mohamedanischer Fürst, der die übereingekommene

Huldigungsform mit der ganzen Würde des Moslem erfüllte. Ihm folgte

sofort der Gaekwar von Baroda, der Maharadscha Siyadschi Rao.

Ein Murmeln des Entsetzens lief bei seinem Erscheinen durch die

erlauchte Versammlung. Eiligen Schrittes, einen Spazierstock nachlässig

in der Hand schwingend, kam er auf die Stufen des Thrones zu, sprang

sie schnell hinauf, nickte dem Kaiser und König des britischen

Weltreiches kaum merklich zu, und, ihm sofort den Rücken kehrend,

ging er hastig und wie mit ganz anderen Gedanken beschäftigt die

teppichbelegten Stufen wieder hinab, an dem starr und ratlos stehenden

königlichen Adjutanten vorbei, und verließ den Raum.

Daß ihm diese öffentliche, beabsichtigte Brüskierung Seiner Majestät

des Kaisers von Indien und Königs von Großbritannien und Irland seinen

Thron kosten konnte, wußte der Sohn des Bauern von Dabkar sehr wohl.

Doch der britische Sirkar übersah die dem Kaiser und König angetane

Schmach. Die Zeit war zu nahe, wo man Indien nötig brauchen würde, wo

man keinen Mann würde entbehren können, um den dreihundert Millionen

seiner Bewohner die Macht des britischen Reiches besonders vor Augen zu

führen! Ist doch der Weltkrieg, nach englischer Darstellung, einzig und

allein vom frevelhaften Übermut des bösen deutschen Kaisers plötzlich

und grundlos dem armen unschuldigen England und der ebenso ahnungslosen

übrigen Welt aufgezwungen worden!

Dem Maharadscha Siyadschi Rao, Gaekwar von Baroda, ist daher aus seinem

wenig höflichen Benehmen auf dem Durbar zu Delhi 1912 kein irgendwie

bemerkenswerter Schaden erwachsen[1]. Sofort nach Verlassen des

Krönungsraumes war er in sein Land zurückgefahren.

[Illustration]

Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen · 第 25 / 85 题