Baroda, das östlich des Golfes von Cambay an der von Bombay nach
Norden, nach Ahmedabad, und weiter durch die Radschputana-Bezirke,
nach Delhi führenden Bahn liegt, ist in einer weiten fruchtbaren Ebene
eingebettet. Bei seiner Thronbesteigung hatte der junge Gaekwar, der
Maharadscha Siyadschi Rao sogleich nach der Sitte indischer Fürsten mit
dem Bau eines mächtigen Palastes begonnen, der sicher eines der größten
und schönsten, wenn nicht das schönste neuere Bauwerk dieser Art in dem
an prachtvollen Gebäuden reichen Indien ist.
In einem von dichten Bäumen bestandenen Park gelegen, erhebt es seine
weißglänzenden Mauern aus prächtigen Gartenanlagen, die wie ein
dunkelgrüner, mit dem hellen Gelb der verschlungenen Wege gemusterter
Teppich vor ihm ausgebreitet liegen. Tausende von Fenstern, deren
Bögen und Säulen in überall wechselnder Verschiedenheit doch zu einem
harmonischen Ganzen verschmelzen, erhellen hunderte und aberhunderte
von kostbar ausgestatteten Gemächern.
Die herrlich gegliederte Vorderseite mit ihren säulengetragenen
Vorbauten, Türöffnungen, Türen und Fenstern wirkt durch ihre Ausdehnung
mehr wie ein aus dem Grün seiner Gärten emporwachsendes Märchen, denn
als die Wohnung nur zu sehr erdengebundener Menschen. Überragt von
einem schlanken, hohen Turm, mit schön durchbrochener Kuppellaterne
gekrönt, scheinen die vielen, verschieden geformten Dachtürme nur wie
Blumen, die den Stamm einer Rose umgeben.
Dieser Palast, das „Schloß des Glückes“, ‚Luxmi Vilas‘ geheißen,
wurde mir bei meinem Dienstantritt in Baroda zur Ordnung der
Innenräume überwiesen. Als ich ankam, waren die Zimmer mit aller
Art der wertvollsten Möbel ohne jeden Gedanken einer sinngemäßen
Zusammengehörigkeit vollgestellt. Goldstrotzende französische
Saloneinrichtungen standen kunterbunt mit schweren englischen
Eßzimmermöbeln zusammen. Lederne Klubsessel machten es sich neben
breiten Messing-Bettstellen bequem. Flügel aus Palisanderholz standen
neben kleinen niedrigen Sesseln einheimischer Arbeit. Auf mit seidenen
Teppichen aus Buchara verhangenen Wänden hatte man riesige Spiegel
in breiten Goldrahmen angebracht, und mitten im Zimmer prangte ein
marmorner Waschtisch, den kupfergetriebene Kandelaber altindischer
Kunst erstaunt und verlegen betrachteten.
Große Bücherschränke ohne Bücher, aber mit den sonderbarsten
Gegenständen Pariser Läden gefüllt, standen auf den kühlen
Treppenabsätzen, und in einer der riesigen Hallen befanden sich rings
an den Wänden eine Menge zierlicher Damenschreibtische. In all dieses
Wirrwarr sollte ich nun etwas wie Ordnung bringen, wozu mir ein ebenso
großes wie faules Heer von Dienern zur Verfügung gestellt wurde.
Doch der Gaekwar von Baroda war in Europa gewesen. Die Sitten dieses
gelobten Landes gedachte er auch seinen teuren Untertanen, wenn
nicht aufzupfropfen, so doch in angenehm eingehender Form vor Augen
zu führen. Nach vermutlich langem Nachdenken beschloß er den Anfang
damit zu machen, daß er die Herren der Hofgesellschaft zunächst an
die Gerichte der europäischen Küche und, damit verbunden, an die
Eßgepflogenheiten der so außerordentlich zivilisierten Länder des
Westens, die die Weltherrschaft unter sich teilen, gewöhnen wollte.
Mit Suppe und Braten, mit Fisch und Geflügel, mit Eis und Früchten
sollte begonnen werden; doch mehr als Belohnung für die schwere Arbeit
des Lernens, Messer und Löffel von Gabeln zu unterscheiden, Eis
möglichst wenig durch Fischmesser zu zerlegen und Geflügelpasteten
nicht nur mit Kaffeelöffeln und Messerbänkchen zu Leibe zu gehen.
Erfreut über seinen Gedanken ließ er mich kommen. Gründlich wie
alle Inder wollte er aber am Anfang aller Gelage beginnen, nämlich
in der Küche. Damit seine Hofgesellschaft sich an den Gebrauch von
Mundtüchern gewöhne, war es vor allen Dingen erforderlich, eine
vollständig ausgestattete europäische Kücheneinrichtung für das „Schloß
des Glückes“ zu beschaffen, mit Herd und kupfernen Kasserolen, mit
Wasserbad und Tellervorwärmer und all den Künsten einer kulinarischen
Technik, wie sie sich in Europa entwickelt hat.
Ich erhielt also Befehl, alle diese Dinge kommen zu lassen und die
Aufstellung zu überwachen. An Köchen und Küchenjungen, an Spülmädchen
und Waschfrauen war kein Mangel. Sie gingen und kamen und wunderten
sich. Hin und wieder ließ sich eins oder das andere dieser Mitglieder
des Kochheeres herab, einen Handgriff zu tun. Da aber das Heer so groß
war, konnte die Arbeit des einzelnen entsprechend klein sein, solange
nur genug zu essen vorhanden blieb. Und daran mangelte es in der Küche
des Gaekwar von Baroda nie.
Nun sollte ich, der erste und einzige Europäer, der jemals am Hofe
des Gaekwar gewesen war, auch die Zubereitung!, die Zubereitung der
europäischen Speisen! auf europäische Art -- der Fürst legte, wie
schon gesagt, Wert auf Gründlichkeit, und daß jedes Ding von Anfang an
auch richtig angefaßt werde -- überwachen.
Ich war schon dabei, mir zu überlegen, wie ich, um ganz
gründlich zu verfahren, mir ein authentisches, europäisches
Oberkoch-Küchenchef-Gewand beschaffen könne, als meine damals noch
recht geringen Kenntnisse der indischen Sitten und Gebräuche und vor
allem der komplizierten Kastenvorurteile schnell und eindringlich
bereichert wurden.
So sehr der Gaekwar auch bereit war, Europäisches einzuführen, so war
er trotz allem doch gezwungen, die Meinung seiner Religionsgenossen zu
berücksichtigen. Dazu stand er stark unter dem Einfluß seiner Gemahlin,
der Maharani, die wiederum ganz dem Drucke der gewissenlosen und
hinterlistigen Brahminenpriester verfallen war.
Selbstverständlich beabsichtigten diese auf ihren Einfluß
eifersüchtigen Brahminen von allem Anfang an ihr Möglichstes zu tun,
um mir, dem ersten Weißen, der in die inneren Kreise des streng
abgeschlossenen indischen Fürstenhofes Zutritt erlangt hatte, zu
schaden.
Für sie war der Befehl des Gaekwar, ich solle die Zubereitung der
Speisen für seine Europäisierungsgelage überwachen, anscheinend eine
Ungeheuerlichkeit, gegen die der Untergang der Welt als nebensächliches
Ereignis verblassen würde.
Als ich der erhaltenen Anordnung nachkommen wollte, trat mir
der Oberhofmarschall an der Spitze sämtlicher Maharatten und
Brahminen-Oberköche entgegen und bedeutete mir, unter allen Zeichen
der tiefsten Erregung, daß ich die so schöne europäische Küche
nicht betreten dürfe, denn dies würde gegen die Kasten-Skrupeln des
Maharadscha und seiner Angehörigen, sowie der Gäste verstoßen. Die
Speisen zu berühren oder zu kosten wäre gleichfalls ein Sakrilegium
schlimmster Art und würde sie einfach ungenießbar machen.
Also die Küche, die ich leiten sollte, durfte ich nicht betreten, denn
in Punkten des religiösen Zeremoniells war der Gaekwar ebenso machtlos
wie etwa ich selbst.
Doch ich wollte versuchen, wenigstens im Speisesaal nach dem --
europäisch -- Rechten zu sehen, und mich, nachdem die Gäste von den
Speisen gegessen hätten, durch Kosten von der richtigen Zubereitung
überzeugen, um gegebenenfalls beim nächsten Male Übelstände abstellen
zu können. Doch auch dies erwies sich als undurchführbar, da ich auch
den Speisesaal nicht betreten durfte, ehe nicht alles abgedeckt war.
Folglich hatten meine Bemühungen, den Plänen des Gaekwar
entgegenzukommen, wenig Aussicht auf Erfolg. Und ich sah auch sehr
bald, daß den Herren der Hofgesellschaft der Gedanke ihres Gebieters
keine rechte Freude bereitete.
Die ganze „Esserei“, um nicht von „Vielfresserei“ zu sprechen, hatte
mit Europa kaum die Namen der Speisen gemein. Sie wurde am Anfang
zweimal wöchentlich abgehalten. Doch keiner der Gäste fühlte sich
glücklich, Messer und Gabel zu handhaben. Weiße wurden nie dazu
eingeladen. Erst wenn der neue Gang, das unvermeidliche Nationalgericht
„Curry mit Reis“, auf den Tisch kam, begannen die Gesichter der
Geladenen aufzuleuchten. Jetzt konnten sie doch wenigstens sich mit
Suppenlöffeln ordentliche Mengen zuführen, was ihrer Gewohnheit, sich
den Mund mit den Fingern vollzustopfen, doch etwas näher kam, als die
mühevolle Arbeit mit Messer und Gabel!
Doch schon das Zusammenessen an sich der verschiedenen Herren dieses
Hofes bereitete die größten Schwierigkeiten. Mit dem Gaekwar zusammen
saßen nur die Maharatten und Radschputen, Angehörige der Kriegerkaste.
Die Parsi und die Mohamedaner saßen getrennt für sich an besonderen
Tischen, die aber nicht auf demselben Teppich stehen durften. Wurden
einheimische Christen eingeladen (Goanesische Staatsbeamte), so mußte
auch für diese ein besonderer Tisch aufgestellt werden. Doch alle
diese Letzteren durften nicht in dem gleichen Raume mit dem Gaekwar
sitzen. Dies war nur den Angehörigen höherer Kasten, sowie Brahminen
gestattet, die aber, auf ihre Würde bedacht, es mit allen Zeichen des
Abscheus ablehnten, auf diese Weise zu speisen.
Mancher von ihnen jedoch, der mich in meinem Hause besuchte, nahm dort
keinen Anstoß, in derselben Weise mit mir zu Tisch zu sitzen, die er im
„Schloß des Glückes“ entsetzt ablehnte!
Während des Essens wurde gegessen. Dies war der augenscheinliche und
nächstliegende Zweck. Zum Unterhalten hatte man noch immer Zeit. Und
die nützliche Beschäftigung des Speisenverschlingens wurde nur durch
die unangenehme Mühe behindert, die ein Jeder aufwenden mußte, um die
anderen in der Handhabung der Bestecke zu beobachten, denn in Gegenwart
des Gaekwar wollte sich keiner eines Verstoßes gegen die von dem
Herrscher so hochgeachteten Gebräuche des fernen Europa zu schulden
kommen lassen. Auch entschädigte ja die gute und reichliche Mahlzeit,
die er ihnen als freigebiger Erzieher vorsetzen ließ, für seine sonst
ziemlich unverständliche Eigentümlichkeit.
Daher lag über diesen halbwöchentlichen Erziehungsschmausereien eine
sachgemäße Stille. Nur das Grunzen oder Rülpsen der Zufriedenheit des
einen oder des anderen der Höflinge, der damit die baldigen Grenzen
der Leistungsfähigkeit seines inneren Menschen andeuten wollte,
unterbrach das laute, eintönige Schmatzen, mit dem die Minister,
die hohen Staatsbeamten und Offiziere des Gaekwar von Baroda ihren
vertilgerischen Lernpflichten nachkamen.
Getränke wurden bei diesen Mahlzeiten nicht gereicht, nicht einmal
Wasser. Erst nach Tisch begaben sich die Gäste in den Hof des Palastes,
wo die „Bisti“ -- Wasserträger -- ihnen am Brunnen Gelegenheit boten,
sich den Mund zu spülen, was unter ohrenbetäubendem Lärm vor sich ging.
Nach einiger Zeit sah denn auch der damals noch junge Maharadscha
ein, daß seine Bemühungen, durch Vermittlung seiner Hofgesellschaft
europäische Begriffe unter seinen Untertanen zu verbreiten, nur zu
einer Verbreiterung des Leibesumfanges der einzelnen führte, ihren
Geist aber nicht zu erleuchten geeignet war. Daher stellte er diese
kostspieligen Lehrfütterungen ein und setzte sich nur im Kreise
vertrauter Freunde in europäischer Weise zu Tisch.
Mir machte er keine Vorwürfe, denn er begriff, daß ich ebensowenig
wie er selbst etwas gegen die Macht der Brahminen ausrichten konnte.
Ich hatte auch genug mit der Einrichtung von „Luxmi Vilas“ und der
Unterbringung und Verpflegung der zahlreichen Staatsgäste, die sich in
Baroda in ständiger Folge ablösten, zu tun.
Dadurch wurde mir aber Gelegenheit geboten, mich in umfassender
Weise sportlich zu betätigen. Nicht nur nahm ich stets an den oft
großartigen Jagden teil, deren Anordnung und Beaufsichtigung mit zu
meinen Pflichten gehörte, sondern als Mitglied des ‚Baroda Polo Team‘,
der einer der besten im westlichen Indien war, gelangte ich in diesem
ebenso aufregenden wie höchstes Reitgeschick erfordernden Spiele bald
zu großer Fertigkeit.
Doch dies waren nur die ersten oberflächlichen Eindrücke eines
Neulings am Hofe des Maharadscha Siyadschi Rao von Baroda. Einige der
Erfahrungen, die ich in den fünf Jahren meines dortigen Aufenthaltes
sammeln konnte, werde ich in den folgenden Kapiteln erzählen. Heiteres,
Ernstes, Trauriges, Verheißungsvolles und Trübes wird sich in knappen
Bildern entrollen; alles aber auf dem Boden ruhiger objektiver
Beobachtung, geschärft vielleicht und deutsch beleuchtet von dem sich
durch immer wachsende Erfahrung allmählich an das harte, grelle Licht
der indischen Sonne gewöhnenden Blicke eines Deutschen.
Zum Verständnis aber der Verhältnisse sollen die folgenden Seiten
zunächst auch einen Überblick über die sonderbaren Geschicke der beiden
Fürsten selbst geben, mit denen die Laune des Zufalls mich während so
langer Jahre in enge Berührung brachte: dem feinsinnigen, stolzen,
gewissenhaften Gaekwar von Baroda, Maharadscha Siyadschi Rao, und der
phantastischen Gestalt des starrköpfigen, sehr menschlichen Menschen,
Dschagatdschit Singh, Maharadscha von Kapurthala.
[Illustration]