Unter den vielen europäischen Reisenden, die Indien seither besucht
haben, hatten nur wenige Auserwählte Gelegenheit, in nähere Berührung
mit den indischen Fürstenhöfen zu kommen. Diese Wenigen haben meist
auch nur die Lebensgewohnheiten der orientalischen Herrscher in dem
prunkhaften Glanze der Empfänge und Lustbarkeiten zu beobachten
Gelegenheit gehabt. Otto Mayer hingegen, der Aufzeichner des
vorliegenden Werkes, wurde durch eine seltene Verkettung von Umständen
dazu ausersehen, zwanzig Jahre lang an den Höfen zu Baroda und
Kapurthala als Palast-Vorsteher und Berater eine seltene, für einen
Deutschen außerordentliche Stellung einzunehmen. Daß er bei dieser
Gelegenheit vieles beobachten konnte, was andere Reisende nicht sehen
und erleben und daß er Fürsten und Volk, dank seines jahrzehntelangen
Wirkens in Indien, auch von der menschlichen und allzumenschlichen
Seite kennen lernte, liegt auf der Hand. So bilden denn seine
Memoiren einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Kenntnis der
indischen Psychologie, des indischen Lebens und Landes, von dem man im
allgemeinen nur zu sehr geneigt ist, sich eine ganz falsche, meistens
stark idealistisch gefärbte Vorstellung zu machen. Durch langjährige
und ausgedehnte Reisen in allen Teilen Asiens auch mit indischen
Verhältnissen vertraut, habe ich die seltsamen Erlebnisse Otto Mayers
in die Form gebracht, in der sie im Nachstehenden dem Leser vorgelegt
werden.
+F. R. Nord.+
[Illustration: Hochzeitszeremonie eines indischen Maharadscha
Der Bräutigam ist 18, die Braut 10 Jahre alt. Der Hohepriester steht
vor der rechten Säule des Pavillons, seine beiden Gefährten sitzen am
Boden neben den Gaben von Früchten, Körnern, Zucker und Milch. Links
vom Pavillon sitzen die Verwandten am Boden, alle dahinterstehenden
Männer sind Diener. Die sitzende Gruppe im Vordergrund schließt die
höchsten Beamten des Staates ein.]
[Illustration: Tänzerinnen vor einem indischen Maharadscha, nach der
Hochzeitszeremonie tanzend
Die Musiker begleiten sie mit ihren Instrumenten, indem sie vor- und
rückwärts tänzeln. Der ganze Pavillon ist für die Hochzeitszeremonie
hergerichtet]
[Illustration]