[Illustration]
Novembernebel lag dicht und schwer auf der Erde; droben auf der rauhen
Alb war es. Kaum daß man zwei, drei Schritte vor sich sah. »’s könnt’
Schnee kommen, Herr Pfarrer,« sagte der Ulmer Bote, der neben seinem
schwergeladenen Wagen herging und prüfend in die Luft guckte. »Aber
freilich, nichts Gewisses weiß man nicht.«
Der Pfarrer hatte einen Gast abgeholt, einen jüngeren Freund und
Bundesbruder. Er selber war alt geworden im Amt, er war schon viele
Jahre hier und mochte auch nicht mehr ans Wandern denken; er war
verwachsen mit dem rauhen Stück Erde da oben und mit den Menschen, die
auf ihm emporwuchsen.
»Ich hätte dir gern die Gegend in sonnigerem Lichte gezeigt,« sagte er
zu dem Jüngeren. »Gestern noch wäre es schön gewesen, da hatten wir
blauen Himmel und Sonne, die Wälder sind noch vielfarbig bunt, nun
müssen wir uns im Hause einspinnen.« Dann saßen sie einander gegenüber
in der großen Wohnstube. Ein gutes Feuer brannte in dem mächtigen
eisernen Ofen, der von der Küche aus geheizt wurde. Draußen hantierte
die alte Magd, die Pfarrfrau war verreist. »Großmutterpflichten,«
sagte der Pfarrer lächelnd, »es ist das sechste Enkelkind, drunten im
Unterland, wir werden immer reicher.«
Drüben auf dem Turm fing eine Glocke an zu läuten. Ernst und schwer
drangen die Töne durch den Nebel; oder schien es dem Gast nur so? »Ich
muß dich nachher eine halbe Stunde lang allein lassen, du magst dich so
lang an meinen Bücherschränken umsehen, die sind dir doch schon längst
im Sinne. Es ist eine Beerdigung – und sonderbar genug ist der Fall,
ich erzähle dir nachher davon, da du doch auf Geschichten erpicht bist.
Nein, nein, laß nur, das wissen wir noch von früher her. Und im Grunde,
was ist uns auch näher, als der andern Menschen Geschichte, Lust und
Leid, Arbeit, Liebe und Tod?«
Der Gast nickte. So war der Pfarrer immer gewesen; unter allen
Interessen waren ihm die, die des Menschen Schicksale betrafen, am
nächsten gestanden. So war er warmen Herzens ein Vater seiner Gemeinde
geworden, ihn konnte man wohl so nennen, es war keine Phrase.
Nun läuteten die Glocken zusammen. Draußen der Nebel war dicht und
dichter geworden. Der Gast stand am Fenster, das auf den Kirchhof ging
und sah, wie sich die Schulkinder mit dem Lehrer um einen aufgeworfenen
Hügel versammelten, und wie ein kleiner Leichenzug zu dem unteren Tor
herein kam, wie sich der Pfarrer zu ihm gesellte und wie der Sarg, auf
dem ein einziger Kranz lag, niedergestellt wurde. Ein Mann mit einem
kleinen Bübchen auf dem Arm stand zunächst des Sarges; das mußte der
Hauptleidtragende sein. Das alles sah der Gast nur in schattenhaften
Umrissen, es war alles dicht eingehüllt in den Nebel, und aus dem
Nebel heraus drangen auch dünn und wie verschwommen die Stimmen der
singenden Kinder, dann die tiefe Stimme des Pfarrers. In der Stube war
es heimelich warm und die Bücherschränke übten ihre Anziehungskraft
aus; bald saß der Gast mit einer seltenen Ausgabe der Aeneide im Sofa,
aus deren altertümlichen Kupfern er erst den Blick wieder erhob, als
der alte Pfarrer vor ihm stand.
Der kurze Novembertag ging schon stark zur Neige, und, als müßte es
so sein, fielen nun weich und lautlos die Schneeflocken vom Himmel
und legten sich auf das neue Grab da draußen, in dem ein unruhiges
Menschenherz war zur Ruhe gelegt worden.
»Nein, kein Licht, Ursel,« sagte der Pfarrer, als die alte Magd mit
der Lampe erschien, »wir wollen im Dämmer sitzen und uns Geschichten
erzählen.« Dann, als die Pfeifen brannten, fing er an: »Es war so
ein Tag wie heut, das ist nun drei Jahre her. Ich weiß es wohl noch.
Wir hatten die beiden ältesten Enkelkinder da, die spielten um den
Tisch herum und jauchzten laut, daß es meiner Frau und mir zumute war,
als kämen die alten Zeiten noch einmal herauf, wo unsere Eigenen so
herumtollten.
Über dem ging die Tür auf; wir hatten ein leises Klopfen überhört, und
in dem Rahmen stand ein junges Zigeunerweib. Ursel war an den Brunnen
gegangen und hatte die Haustür solange offen gelassen, so war die
Fremde unberufen bis in die Wohnstube gekommen. Die Kinder verstummten
in ihrem Jubel und hingen sich meiner Frau an das Kleid. Ich habe schon
viele aus diesem fahrenden Volke gesehen, Siegfried, es hat immer mein
Herz bewegt, daß sie sind wie die Wanderschwalben, immer mit dem Trieb
in die Ferne, und doch mit der Sehnsucht nach einer Heimat. Aber die
hier stand und bittend die Hand ausreckte, die war so das Urbild eines
Mädchens aus der Fremde, ein blütenjunges Weib, dem in dem bräunlichen
Gesicht Lippen und Wangen in einem matten Rot leuchteten und dem aus
dem bläulichen Weiß die Augensterne in einem feuchten, goldenen Braun
hervorglänzten, die noch schlanke, junge Gestalt in ärmliche, doch
etwas phantastische Gewänder gehüllt. Ich weiß das noch so genau, denn
dieses junge Weib ist hernachmals noch oft in meinen Weg getreten und
immer sah ich an ihr das Fremdartige, das sich in die Ferne sehnte und
doch aus der Ferne wieder zurückstrebte, das Rätsel der Menschenseele,
die ein Zuhause sucht durch alle Welt hindurch.
Für jetzt bat sie nur in fremdartig klingender Sprache um etwas alte
Leinwand und Bettzeug, da in dem Wagen draußen vor dem Dorf, da,
wo es hart an den Wald anstößt, ein Kind zur Welt geboren sei, und
nichts vorhanden, es einzuwickeln. Meine Frau ging, unter mütterlichem
Schelten über den Leichtsinn, solch ein junges Wesen in die Tür zu
dieser Welt treten zu lassen, eh’ ihm ein Bett bereitet sei, um
einiges, was ihr das Herz eingab, zusammenzusuchen. Da, während
ich diese und jene Frage an die Wandernde stellte, beugte sie sich
plötzlich, wie von einem unwiderstehlichen Trieb geheißen, zu dem
kleinen Mädchen nieder, das sie mit großen Augen ansah, und strich
ihm mit einer sachten, weichen Bewegung über das Blondhaar, irgend
etwas Zärtliches in fremder Sprache murmelnd. Und sonderbar, das
Kind, das sonst scheu sich vor Unbekannten zurückzieht, faßte von dem
Augenblick an eine Zuneigung, eine fast leidenschaftliche Liebe zu der
Fremden. Das ist nachher – doch ich greife voraus – noch andern so
gegangen. Es war ein paar Tage später. Da brachte unsere Ursel eine
fast unbegreifliche Kunde mit ins Haus, die im Dorf die Zungen und
die Gemüter stark in Bewegung brachte und die auch uns, ich muß es
gestehen, nicht ohne einige Aufregung ließ.
Draußen, am südlichen Ende des Dorfes – du hast vielleicht beim
Hereinfahren das stattliche Giebelhaus mit dem gebräunten Balkenwerk
gesehen – wohnte damals ein Junggeselle, von dem man allmählich die
Meinung gewonnen hatte, daß er es bleiben würde, ein begüterter Bauer,
der sich den Vierzigern näherte, und, seit ihm seine alte Mutter
gestorben war, allein mit einer halbtauben Magd in seinem großen
Anwesen hauste. Der sollte, so ging nun die Sage, mit der schönen
Zigeunerin versprochen sein und sie zur Bäurin machen wollen. Ich
konnte es nicht glauben, aus allerlei Gründen nicht. Aber am selben
Abend noch, als ich schon in meiner Studierstube bei der Lampe saß,
klopfte es an meiner Tür und der Bauer erschien, den weichen Filz etwas
verlegen in den Händen drehend, und doch die sonst etwas trockenen Züge
des hartgeschnittenen Gesichts von einem inwendigen Licht überglänzt.
Ich habe dieses Licht schon je zuweilen auf Menschengesichtern leuchten
sehen, und wenn ich es sah, ist es mir immer schwer gefallen, etwas
dagegen zu sagen und es hat auch nie viel geholfen. Denn was ist die
menschliche Vernunft gegen die geheimnisvolle Macht, die über alles
hinüber die Menschen zueinander zieht? Nun, es war richtig so, wie die
Ursel es ins Haus getragen hatte. Der Bauer saß mir gegenüber, und als
er dann Worte gefunden hatte, da kam die Geschichte zutage. Du weißt,
wir stehen gut miteinander, meine Pfarrkinder und ich, sie sind nicht
scheu gegen mich.
Er hat es vielleicht nicht mit den gleichen Worten gesagt, aber so
ungefähr war es doch: als er an jenem düsteren Nebelabend hinausging,
die schweren Holzläden an den Wohnstubenfenstern vorzulegen, da stand,
wie aus der Erde gewachsen, die Fremde vor ihm. Sie bat um etwas Milch
für die Wöchnerin; man konnte von dort aus das flackernde Feuer, über
dem der Kessel hing, vor dem Wagen der fahrenden Leute, durch den Nebel
sehen. Der Bauer, er heißt Markus Lohrmann, hieß sie ins Haus kommen
und führte sie unter das Licht der hängenden Ampel in der großen Stube,
wo in einer Ecke die alte Burge saß und spann. Er war von jeher so
ein wenig anders, als die meisten Leute im Ort, er gab sich auch mit
Bücherlesen ab und hat schon manchen Band von mir geliehen, hat auch
eine stattliche Bücherreihe auf dem Brett über dem Sofa stehen. Die
alte Burge sah wohl etwas unwillig drein: die Zigeunerin hätt’ auch
draußen warten können, was wollte sie hier in der Stube? Aber sie stand
doch auf und ging in die Milchkammer, die hinter der Küche lag, um
nach einer Weile mit dem gefüllten Gefäß des Mädchens wiederzukommen.
Was derweil drinnen in der Stube geschehen war, wußte wohl keines
von allen dreien zu sagen; aber es war doch so, daß aus den jungen,
seltsam-schönen Augen der Fremden und aus ihrem ganzen Gesicht und
Wesen der rätselhafte, zündende Funke auf den Mann übergesprungen war,
der seither von den Mädchen im Dorf für einen hagebüchenen Einspänner
hatte gehalten werden müssen. Burge mußte sich fast zu Tode wundern,
daß nach dem Abendessen der Bauer, der sonst um diese Zeit sich über
eines seiner nachdenklichen Bücher zu beugen pflegte, noch einmal seine
Kappe aufsetzte und in den dicken Nebel hinausging. Sie blieb, als sie
mit den Abendgeschäften fertig war, hinter dem Spinnrad sitzen und mag
da wohl über dem Warten eingenickt sein, denn sie fuhr erschrocken
empor, als ihr mit einemmal der Bauer die Hand auf die Achsel legte:
»Warum gehst du nicht ins Bett, Burge? Es hat elf Uhr geschlagen, du
solltest längst drinnen sein.«
Ihm selber hingen im Haar und in dem dunkelblonden, dünnen Schnurrbart
die feuchten Nebel, die sich zu kleinen Tropfen sammelten. Er war
stundenlang umher gelaufen, um eine Unruhe los zu werden, die er selber
nicht an sich kannte, aber sie war nur größer geworden. Freilich, er
hatte sie auch im Umkreis des flackernden Feuers herumgetragen, anstatt
weit hinaus zu laufen über die Felder hin oder ins Dorf hinein. Aus
dem Wagen war Zitherklang gekommen und Gesang einer Frauenstimme; eine
fremdartig-sehnsüchtige Melodie kam zu ihm herüber, die Worte konnte
er nicht verstehen. Dann, als eine Weile alles still war, glaubte er
das Weinen eines Kindes, ein dünnes, hohes Stimmlein zu hören. Aber
es wurde durch Männerstimmen und dann wieder durch ein Hundegekläff
abgelöst. Am andern Morgen erschien das Mädchen wieder mit dem
Milchgefäß, gerade zu der Zeit, als Burge im Stall auf dem Melkstuhl
saß und der Bauer die beiden Taglöhner, die bei ihm schafften, anwies,
ihm nur voraus auf den Rübenacker zu gehen.
Und da geschah das Merkwürdige, daß der große schottische Schäferhund
des Bauern, der in der Stube auf einer alten Strohdecke lag, winselnd
zu der Zigeunerin herrutschte und ihr seine eiternde Vorderpfote
zeigte, wie ein Kind, das fragt: Kannst du mir nicht helfen? Sie aber
beugte sich, wie sie es bei unserem Enkelkind getan hatte, nun zu dem
Tier herunter, das sie mit großen, ausdrucksvollen Augen ansah, strich
ihm sachte und lind über das Fell mehrere Male und fing dann an, die
kranke Pfote zu bestreichen. Das alles tat sie nur mit einigen leisen,
halbsingenden Tönen, – su su – sie schien den Bauer dabei vergessen zu
haben. Und, nun magst du darüber sagen, was du willst, aber der Hund,
der schon seit Wochen auf dem Stroh gelegen, der stand doch, als das
Mädchen gegangen war, auf, und kratzte bellend an der Tür; er wollte
ihr nach, und seinem Herrn erging es nicht anders. Die Pfote soll auch
noch denselbigen Tag geheilt sein. – Der Pfarrer blies nachdenklich
einige leichte Wölkchen aus seiner Pfeife, als wollte er in den krausen
Gebilden, die sich im Dämmerschein ergaben, eine Lösung suchen für das
Rätselhafte, das mitunter in unser Leben tritt in allerlei Gestalten.
– Dann fuhr er fort: früher hat man Hexen verbrannt, heute nennt man
es Sympathie. Aber wir wollen nicht zu den Alleswissern gehören,
Siegfried. Es ist so viel Wunderbares rings um uns herum, was hilft
es uns, daß wir ein Wort dafür suchen? Es liegt doch hinter unserem
Horizont, wenigstens jetzt noch. –
Aber ich habe ja nur zu berichten, nicht zu erklären, sagte er
lächelnd. Markus Lohrmann war es, als habe dieselbe leichte Hand, die
vor seinen Augen den Hund gestreichelt hatte, auch ihm selber Stirn
und Augen berührt und dort allerlei weggetan, was ihm bisher das
Leben verhüllt hatte: er sah, daß die alte Burge doch bei all’ ihrer
grämlichen Treue nicht das für ihn sei, was er zum Leben brauche;
daß seine Stube öd sei und sein Tagwerken niemand nütze. Und er fing
an, sich zu wundern, daß nie eine von den Dorfmädchen so in seinen
Augenkreis getreten sei, daß er sich, wie bei der Wandernden, immerfort
herzklopfend nach ihr hatte hinwenden müssen. Wie oft hatte man ihm
früher das Heiraten vergeblich vorgestellt; aber dies hier war doch ein
anderes Ding.
Und daß ich’s kurz mache; nachdem er sich den einen und andern Tag
umsonst damit herumgequält hatte, die schöne Fremde aus seinem Denken
und Fühlen auszuschließen, ging er ihr nach, als sie dort am Waldrand
dürres Holz aufzusammeln beschäftigt war und fragte in stockenden
Worten, ob sie denn nicht bei ihm bleiben könne, nun die andern, die im
Wagen dort, weiterzögen. »Als deine Magd?« fragte sie und richtete sich
auf. Es sei ein seltsames Glänzen dabei in ihren Augen gelegen, – doch
das lag ja eigentlich allezeit darin – so als wenn die Königstöchter in
den Märchen für eine Zeitlang in Lumpen gehen müssen, weil ihnen ein
Zauberer das angetan hat, und nun doch ein Eckchen des goldenen Kleides
darunter hervorguckt.
Da faßte sich der Bauer ein Herz; er mag wohl in den wenigen Sekunden,
die es dauerte, seine ehrsame Verwandtschaft im Dorf überflogen haben
und die Gesichter, die sie machen würden, wenn er ihnen die Zigeunerin
zuführte, und das Gesicht der Burge, wenn sie die neue Bäuerin sähe.
Aber das konnte alles nichts helfen, denn wenn er dachte, daß Mirza
wieder aus seinem Leben entschwinden würde und er sie nie mehr sähe,
dann tat ihm etwas im Innersten weh, wie noch nichts in seinem Leben.
Also atmete er tief auf und sagte: »nein, als mein Weib, denn –« da
wußte er nicht mehr weiter und sah sie nur hilflos an; aber als sie wie
in ausbrechender Freude das gesammelte Holz aus der Schürze fallen ließ
und die Arme hoch in die Luft hob, da wagte ers und legte zaghaft den
einen Arm und dann auch den andern um sie.
Sie hatte sich immer, wenn sie durch die Städte und Dörfer kamen, nach
einer Heimat gesehnt, nach einem Dach, unter dem man wohnen und bleiben
konnte; ob auch nach einem Herzen, das ihr allein gehöre, das weiß ich
nicht.
»Der Jarno ist gestorben,« sagte sie; »er hat mich gewollt und ich
hätte ihn auch nehmen müssen. Aber er war so wild und ich kann das
nicht leiden.« Sie sah ihn aufmerksam an, als müsse ihr aus dem
minutenlangen Sehen ein Wissen um des Freiers ganzes Wesen erwachsen.
»Du bist gut,« sagte sie dann kopfnickend, »ich habe es gleich gesehen,
daß du gut bist. Nun kommt der Winter und es wird kalt; ja, ich will
bei dir bleiben.« Das alles sagte sie wie aus Träumen heraus; sie ließ
es aber geschehen, daß er sie fester an sich zog. Mehr hat er mir nicht
davon erzählen wollen; ich mußte es aus seinem freudig aufgewachten
Wesen lesen, daß für ihn mit Mirza, – denn wir nannten sie bald alle so
– wirklich die Zeit angebrochen war, da man aus dem Alleinsein für sich
in das Alleinsein zu Zweien übergegangen ist.«
»Aber,« der Gast rückte etwas unruhig in seiner Sofaecke hin und her, –
»du als Pfarrer, ich meine, es hätte da doch« –
Sein freundlicher Wirt unterbrach ihn. »Kommt schon, Siegfried,
ich weiß, du meinst, ich hätte da nachsehen müssen, wie es mit dem
Katechismus und mit der Moral und dem Vorleben bestellt gewesen sei.
Das haben andere mich auch gefragt; ich weiß, ich bin dazu bestellt,
daß alles ordentlich und recht zugehe in meiner Herde.
Aber siehst du, manche Menschen haben es auf dem Gesicht geschrieben,
was sie sind. Da haben Gott oder die Natur oder wie du es nennen
willst, etwas gemacht, das für sich selber redet. – Wir hatten in
meinem väterlichen Garten ganz hinten in der Ecke einen Schutthaufen,
auf den alles Abgängige geworfen wurde. Es wuchsen Nesseln darauf,
auch manchmal ein Stechapfel oder eine Distel. Aber eines Tages
standen weiße Lilien darauf. Weiße Lilien, hoch und schlank und
mit den goldenen Staubfäden in dem Grunde der weißen Kelche. Und
wir versammelten uns alle darum und staunten, und mein Vetter, der
Apotheker, sagte, daß das eigentlich gar keine richtigen Lilien sein
könnten, denn die wüchsen nur, wenn man sie pflanze und pflege. Aber da
lachten Alle, denn es waren unzweifelhaft weiße Lilien und man wußte
nur nicht, wie der Samen, oder eine Zwiebel davon unter die Komposterde
gekommen sei; sonst war da keine Frage. – Nun,« er unterbrach sich,
»ich wollte nicht sagen, daß Mirza eine weiße Lilie gewesen sei. Nur,
etwas Besonderes unter ihresgleichen, das war sie schon. Und das andere
fand sich auch noch. Markus Lohrmann hatte sie zu einer Base gebracht
drüben im Filialdorf. Das war die einzige aus seiner Verwandtschaft,
die er um solche Güte ansprechen konnte, wie es die war, eine
Zigeunerin ins Haus zu nehmen. Sie war arm, und es war so mancher Sack
mit Kartoffeln und mancher Brotlaib schon in ihr Häuslein gewandert im
Lauf der Jahre.
Er hatte ihr Geld gegeben, daß sie die Fremde in landesübliche Gewänder
kleide und sie hatte das auch getan. »Aber,« flüsterte sie dem Vetter
zu, als er darauf kam, die Braut zu besuchen, »sie sieht trotzdem nicht
aus, wie eine Bäurin, da magst du machen, was du willst.«
Nein, so sah sie ja freilich nicht aus. Als er in die niedrige
Stube trat, erhob sich von der Bank, wo sie nähend gesessen hatte,
eine Gestalt, die ihm vertraut und doch fremd war, in dem weiten,
gefältelten Rock, der die Füße in blauen Strümpfen und niederen
Lederschuhen freiließ, der breiten Bundschürze und dem Leibchen aus rot
und blau gewürfeltem Zeug, aus dem die weißen Hemdärmel hervorkamen.
Drüben auf dem Bett, dessen Vorhänge zurückgeschoben waren, lagen
noch die weiteren Stücke der Ausrüstung, der tuchene Spenser und das
breitbebänderte Spitzhäubchen der Älblerinnen. Also das war seine
Bäurin, seine. Sie sah nicht aus wie die andern, sie war auch jetzt
nur in einer Vermummung, wie sie es zuvor in den zusammengeschenkten
Bettlerkleidern gewesen war. Aber sie sah ihn lächelnd an, mit
freudigen Blicken, sie hatte sich das dunkle, weiche Haar gescheitelt
und in zwei Zöpfe geflochten. Draußen sauste der Wind vorbei, die
Fenster des Stübchens klirrten. Da erschauerte sie leise und barg sich
bei ihm. »Ich habe nun Heimat und Haus und dich,« sagte sie, »wo aber
mögen die andern sein?« Ihm aber war es recht, daß sie nichts von »den
andern« wußte, er wollte nur sie allein und bei aller Liebe, mit der
er sie umfaßte, die übrige Gesellschaft wußte er doch am liebsten in
möglichst weiter Ferne. Sie hatte auch keine nahen Verwandten unter
ihnen, ihre eigenen Leute waren gestorben.
Bald darauf kamen sie einmal miteinander zu mir; es war in der
Abenddämmerung. Markus Lohrmann wollte so schnell als möglich Hochzeit
machen und, da es doch einmal sein sollte, war es auch besser so, schon
damit das Geschrei und Gezeter im Dorf aufhöre; denn das hatte er nicht
mit Unrecht vorausgesehen, es war ihm nichts davon geschenkt worden.
Nun hatte ich mit ihnen zu reden, wie sie es mit dem Hausstand und
mit der Trauung halten wollten. Denn er war evangelisch; Mirza aber
gehörte, wenn man davon überhaupt reden konnte, der katholischen Kirche
an. Freilich, sie wußte nicht viel von deren Lehren, nur einige stark
abergläubisch vermischte Formeln, wie sie unter den fahrenden Leuten
von Mund zu Mund gingen.
Ich hatte einiges gefragt und es war still in der Stube. Da sah sie mit
hingebenden Augen ihren Verlobten an: »Du bist gut und ich will bei dir
daheim sein – ja, ich will sein, wie du bist.«
Das war vielleicht ein mangelhafter Grund, auf dem die neue
Gotteserkenntnis aufgebaut werden sollte. Aber ist nicht beim Besten in
uns immer wieder das Verlangen nach einer Gemeinschaft, ist nicht die
Liebe immer wieder die treibende Kraft gewesen?
Nun kamen manche Tage, da das fremde Mädchen, freilich jetzt in
Bauerntracht und mit hängenden Zöpfen, mir gegenüber saß. Es war bald
nicht mehr der Wunsch allein, so zu sein wie Markus Lohrmann, es war,
als sprängen in dieser jungen Seele lauter Quellen auf, die bisher
geschlafen hatten. Mitunter öffnete sie die Lippen, wie durstig, einen
frischen Trunk einzuschlürfen, wenn ich sie an der Hand nahm, um sie
aus dem dämmernden Halbdunkel, in dem Dämonen, Amulette, Alräunchen und
allenfalls die fernen Heiligen regierten, unter den freien Himmelsdom
zu führen, in dessen tiefem Blau eine Sonne über allen schien, und, wie
wir in Ehrfurcht und Herzensmüssen glauben, ein Herz für alle war.
Ich habe nicht von mir zu reden. Sonst, Siegfried, es ist auch nicht
nichts für unsereinen; wenn man Sonntag für Sonntag seine Bauern vor
sich sitzen hat – nun, ich habe die meinigen gern – aber man weiß nicht
sicher, denken sie nun an Korn und Haber und Viehhandel, oder an ihre
Krauthäfen daheim die Weiber, oder hören sie, was du sagst.
Es ist auch nicht nichts, wenn so ein paar durstige braune Augen so
dringlich fragen: »Hast du sonst noch etwas? gib mir alles, was du
hast.«
In diesen Stunden stahl sich wohl mein Enkeltöchterchen leise zu uns
herein und schlüpfte, die Augen auf mich gerichtet, ob ich es nicht
verjagen werde, zur Mirza hin. Die faßte die kleine, warme Kinderhand,
ohne sich im übrigen zu rühren, und das Kind saß glücklich dabei, wie
ein Vögelein unter Flügeln sitzt.
Auch das nahm sein Ende. Eines Tags im Dezember standen die beiden,
Markus Lohrmann und Mirza, vor dem Altar. Draußen wehte es stark, ein
scharfer Nordostwind fegte durch die Gassen und über unsere Hochfläche
hin, und ich, als mir bei den wenigen Schritten vom Hause bis zur
Sakristei der Kirchenrock flatternd um die Beine schlug, mußte es
nachsprechen, was ein anderer vor mir gesagt hat: »weh’ dem, der keine
Heimat hat.«
Nun, die beiden, die sich in dieser Stunde die Hände gaben, die hatten
ja nicht nur ein Dach über sich, sondern, was erst recht die Heimat
macht, ein Herz, um darin daheim zu sein, ein jedes im andern. Zwar
daß bei ihm die Leidenschaft stärker und tiefer war, als bei ihr,
das hatte ich schon gesehen. Aber sie hatte sich doch hingebend und
nicht ohne eine stille Innigkeit in ihn gefunden und wollte ihm allein
gehören; das mußte genug sein. Seltsam, daß so die Rollen vertauscht
waren: unsere Albbauern haben es sonst nicht so stark mit den Gefühlen,
sie sind mehr aufs Nüchterne, Praktische gerichtet, und das fremde,
dunkeläugige Volk der Zigeuner, das gilt bei uns eher für heißblütig
und leicht hingerissen. Das war aber nun, wie es war.
Mir kamen die beiden nun für eine Zeitlang mehr aus den Augen; es war
Winter und es gab allerlei Kranke am Ort, die ich zu besuchen hatte.
Doch hörten wir ab und zu, daß dort draußen in dem Hause mit den
braunen Balken alles gut gehe, den Schwarzsehern und Unglücksraben,
die alles Böse hatten prophezeien wollen, zum Trotz. Selbst die alte
Burge, die anfangs gemeint hatte, daß nun der Himmel einstürzen müsse,
ließ sich, als gegen den Frühling hin eine böse Grippe ins Dorf kam,
gern von den leichten und geschickten Händen des jungen Weibes pflegen,
und mir war, als ich sie besuchte, als ob ihre grämlichen, harten Züge
einen sanfteren Ausdruck gewonnen hätten.
Da kam ich einmal, als die Märzstürme mit aller Macht bliesen und
auf den höhergelegenen Flächen den Schnee wegfegten, gegen Abend
vom Nachbarort her. Es war eine frische, reine Luft, es lag etwas
frühlinghaftes trotz der Schärfe darin und ich blieb stehen, um – den
Hut hatte ich abgenommen – ein paar tiefe Züge davon einzuatmen und
mir auch den alten Kopf ein wenig durchwehen zu lassen. – »Du weißt,
ich bin hart gewöhnt worden da oben,« unterbrach sich der Erzähler
lächelnd, »ihr Jungen hättet euch vielleicht dabei einen Schnupfen
geholt.«
Da sah ich auf dem kleinen Hügel, den eine einzelne alte Eiche
bekrönt, eine Frauengestalt unbeweglich stehen. Sie wandte mir den
Rücken, sie sah in den sinkenden Abend hinein. Dort, im Westen, hingen
einige leuchtende Wolken, denen die schon entschwundene Sonne schmale
Purpursäume gewoben hatte. Ich sah es nun auch, sie veränderten ihre
Form in rascher Folge, ballten sich zusammen und flossen auseinander,
eine reichere Phantasie als die meinige hätte wohl allerlei Wesenheiten
aus ihnen geschaffen. Mir will so etwas nie gelingen. Das aber sah
ich, daß die Frau da oben wie in einer starken Bewegung die Arme
ausbreitete und so eine kleine Weile regungslos verharrte. Dann, als
rasch nacheinander die Purpurfarben am Horizont verlöschten und es
dort grau und trübe wurde, wandte sie sich langsam um und ging mit
zögernden Schritten den schmalen Weg, der zu der Landstraße führt,
herunter. Und ich sah, daß es Mirza sei. Wäre es eine Fremde gewesen,
ich wäre weitergegangen. So blieb ich noch eine Weile stehen, um sie
herankommen zu lassen. Sie sah mich erst, als sie fast vor mir stand.
Ich aber sah, daß ihr Gesicht tiefernst war, und daß ihre Augen immer
noch in die Ferne gingen, wie in einer großen Sehnsucht. Als sie mich
gewahr wurde, schrak sie zusammen, wie jemand, der in Träumen gegangen
ist und den man angerufen hat. Dann färbte sich ihr Gesicht langsam mit
einer dunklen Röte, aber sie faßte sich schnell und streckte mir die
bräunliche Hand hin: »Guten Abend, Herr Pfarrer.« Ich wollte sie nicht
fragen, was sie da draußen zu suchen gehabt habe bei sinkendem Tag; ich
fragte nach ihrem Haus und ihrem Mann, nach Burge, die wieder gesund
war und sagte scherzweis: »Und im Pfarrhaus, da lässest du dich gar
nicht mehr sehen, seit du die Lohrmannsbäurin geworden bist, – oder ist
es, seit das Agathlein nicht mehr da ist?« Das Agathlein, du weißt es,
ist das Enkelkind, das sich so schnell in die Fremde verguckt hatte.
Sie gab mir auf alles Red’ und Antwort, aber doch wie eine, die nur mit
Mühe dabei ist und neben dem, was es aussprach, schien ihr Mund immer
noch etwas zu hüten, was er verschweigen mußte. So kamen wir selbzweit
bis an das Haus, unter dessen Tür der Ehemann stand und nach seinem
Weibe Ausschau hielt. Er sah heiter aus und bot mir die Hand. »Ja,
nicht wahr, Herr Pfarrer,« sagte er, »mein Weib, das fürchtet sich
nicht vor Wind und Wetter.« Und, als er sah, daß Mirza zusammenzuckte,
sagte er mit einem guten Lächeln: »Ich weiß es wohl, sie ist das
Stubensitzen nicht gewohnt, sie muß sich hie und da verlüften. Aber
wart nur, sei’s um kurze Zeit, so fängt draußen das Ackern an, da
kannst du frische Luft haben, und Bewegung, grad genug. Und man hat
einen weiten Umblick bei uns da oben.« Er lachte ein frohes Lachen:
»Das ist dann doch anders, so im Eigenen, mit der Sonne hinaus und mit
der Sonne heim.« Das Weib stand still daneben. Dann, als zwinge sie
etwas hinunter, atmete sie auf. »Du bist gut,« sagte sie und drängte
sich an ihn. Immer wieder: »Du bist gut.« Da gingen sie miteinander ins
Haus und ich dachte: »Um die zwei brauchst du keine Sorge zu haben,
die wachsen schon zusammen,« aber ich konnte es doch nicht ändern, daß
mir hie und da wieder das sehnliche Gesicht vor die Seele trat, das
ich da außen gesehen hatte. Da, es war schon gegen Ende April – auch
bei uns, zu denen der Frühling erst spät kommt, knospeten die Hecken
und standen die Veilchen im Grase – kam die Bötin aus dem Nachbarort
bei uns vorbei; sie hatte meiner Frau etwas aus der Stadt mitgebracht.
»Ja, ja,« sagte sie, als sie in der Küche saß und eine große Schüssel
mit heißem Kaffee vor sich auf dem Tisch stehen hatte, »ja, ja, so
geht’s, wenn man etwas anderes will, als Seinesgleichen. Die Marie vom
Adlerwirt, die wär ihm nicht davongelaufen, und ist auch eine saubere,
postierte Person; es hätt’ nicht gerad eine schwarze Zigeunerin sein
müssen; aber wer nicht hören will.« Ich kam gerade an der Küche vorbei
und hörte ihr Reden. »Was sagt sie da, Bötin?« fragte ich. »O nichts,
als daß der Lohrmann ja jetzt das Nachsehen hat, er hat sie ja nun den
Winter über durchgefüttert.«
Ich wollte nichts mehr hören, es durchfuhr mich doch in jähem Schreck.
Und, obgleich es Samstag war und meine Predigt noch nicht fertig, nahm
ich Stock und Hut und ging ans Ende des Dorfes, um zu sehen, was es mit
der Sache auf sich habe.
Der Bauer war in der Scheuer, er machte sich allerlei zu tun, aber
ich sah doch auf den ersten Blick, daß seine Gedanken nicht beim
Futterschneiden seien. Als er mich gewahrte, sah er mit einem eigenen,
stillen Blick auf, darin nichts von der Frohheit der letzten Zeit lag,
aber etwas anderes doch, das mir für ihn wohl tat, etwas Unentwegtes.
Er führte mich wortlos in die Stube; dann erst, als er die Tür hinter
sich geschlossen und mir einen Stuhl angeboten hatte, sagte er: »Ich
weiß wohl, warum Sie kommen, Herr Pfarrer; ich dank’s Ihnen. Aber
wenn’s nach mir gegangen wäre, ich hätt’s keinem Menschen gesagt. Sie
können’s nur immer nicht schnell genug ausschnüffeln, die Leut’, wenn
irgendwo etwas nicht im Gleis ist. Die Burge hätt’ nichts gesagt, die
auch nicht. Aber der Fuhrknecht vom Lammwirt, der hat sie gestern
in der grauen Morgenfrühe gesehen, wie sie mit einem ganz kleinen
Bündelein in der Hand Blaubeuren zugegangen ist. Und, Herr Pfarrer,
sie hat das rote Tuch um Kopf und Schultern gehabt, in dem sie einst
hierher gekommen ist. Im Lamm hat er’s erzählt, sie sei gegangen, wie
auf Federn, so leicht, und leis vor sich hingesungen habe sie. Jetzt
wissen sie’s im ganzen Dorf und das ist mir leid um sie. Denn sie kommt
wieder, o Herr Pfarrer, sie kommt wieder, sie kann es gar nicht anders.
Es ist nur das Frühjahr, ich seh’s gut, ich seh’ in sie hinein wie in
einen Spiegel.«
Und damit stieg ihm wieder etwas von der Freude in die Augen, als ob er
sein Weib schon vor sich sähe, wie sie zur Tür herein käme: da hast du
mich wieder.
»Und dann, wenn sie kommt?« ich fragte es eigentlich ohne Not; denn ich
sah es ja, wie er sie aufnehmen würde.
Da brach es aus seinen blauen Augen wie ein heller Strahl. »Dann?«
Er ballte gewaltsam die Hände zu Fäusten und preßte die Lippen
aufeinander, daß sie es nicht hinausschrieen, was dann sei; die Augen
mußten es ganz allein sagen mit ihrem Leuchten. Und ich sagte und
wandte mich wieder zum Gehen, denn der hier wurde allein fertig: »ja,
ja, Markus, die Liebe muß immer das letzte Wort behalten. Gott geb’s,
daß sie es auch bei euch tue.«
»Es ist mir nur um sie. Sie hat so wie so keine Freunde im Dorf; sie
werden arg über sie herfallen. Aber was tut’s am Ende? Daheim ist sie
doch nur bei mir.« Damit gab mir Markus Lohrmann das Geleite bis vor
die Tür und schon als ich ein kleines Stück weit vom Hause entfernt
war, hörte ich wieder das Klappern der Futterschneidemaschine.
Am andern Tag, als wir unseren Sonntagsspaziergang machten in den
Frühlingswald hinaus, meine Frau und ich, kommen wir an Lohrmanns Haus
vorbei: da saß im Sonnenscheine die alte Burge am offenen Fenster.
Sie hatte die Brille auf der Nase und das Gesangbuch auf dem Schoß,
aber ihre Augen gingen ins Weite, und als sie uns herbeikommen sah,
winkte sie mächtig mit dem Kopf: »ich bin allein im Haus, der Bauer ist
mit seinem Weib hinaus, sie wollen ein bißchen nach der Saat sehen.«
Und, als wir beide uns in freudigem Schrecken nach ihr hinwandten;
fuhr sie fort: »ja, ja, das Böse kommt immer schneller herum, als das
Gute, aber heut in aller Gottesfrühe, es waren noch die übernächtigen
Sterne am Himmel, da höre ich doch trotz meiner dicken Ohren, daß etwas
draußen am Laden herumtastet. Und da schlägt auch schon der Hund an
und reißt an der Kette, wie toll, aber eh’ ich meine Röcke überwerfen
kann, geht schon die Haustür und der Bauer tritt über die Schwelle.
Geschlafen hat er nicht die zwei Nächte, das weiß ich wohl. »Ich muß
bei der Hand sein, wenn sie kommt,« hat er gesagt. Und als ich meinen
Laden aufstoße, da steht sie richtig draußen und guckt ihn so an, als
ob sie heulen und lachen möchte an einem Stück, und er nimmt sie nur
so an beiden Händen und sagt: »komm, komm;« es hat ihm ganz die Stimme
verschlagen. Und er zieht sie so an den Händen ins Haus herein und läßt
die Türe wieder ins Schloß fallen. Da müssen sie lang gestanden sein,
denn erst nach einer Viertelstunde hab ich ihre Kammertür gehen hören.
Ich bin wieder ins Bett gestiegen, ich bin ein alter Mensch und die
Nächte sind kalt. Und es war mir auch, ein drittes sei zu viel dabei:
Aber wie ich dann hinauskomme ein paar Stunden später, da hantierte
die Frau schon in der Küche, und der Bauer steht dabei und guckt ihr
zu, wie sie die Milch seiht, und der Hund, Gott verzeih’ mir’s, wenn’s
eine Sünd’ ist, aber der steht daneben und frißt sie fast mit den
Augen, ganz gleich wie der Bauer. Und wie ich sag: »so, so, auch wieder
da?« und daß wir in der Angst gewesen sind, – da hat sie die Augen voll
Tränen und lacht dazu und sagt: »Burge, Burge, ihr hättet mich sollen
nicht ins Haus nehmen, so einen Wandervogel. Ich hab hinaus müssen,
ich wär gestorben sonst. Aber, – und dann guckt sie den Bauern an, daß
es mir altem Weib ganz siedheiß wird unter dem Kittel – haben müßt ihr
mich jetzt doch, denn ich muß hier daheim sein, das kann man nicht
mehr ändern. Es ist eine Not.« Und dann schlüpft sie an ihn hin, wie
ein Kind, wenn es Angst hat, und, Herr Pfarrer, ich mag’s kaum sagen,
aber der Bauer trägt sie ja richtig auf seinen Armen in die Stube und
sagt: »mit einem siebenfachen Seil bind’ ich dich an, daß du mir nicht
entlaufen kannst«, und sie sagt immer nur: ja, ja, bind mich an, aber
mir ist angst, ich komme dir doch noch hinaus.«
Die alte Burge schüttelte den Kopf.
»Was soll ein alter Mensch, wie ich bin, dazu sagen? Ich habe in meinem
ganzen Leben noch nichts solches gesehen, es ist nicht der Brauch bei
uns. Aber so eigentlich bös sein, das kann man ihnen beiden nicht.« Und
damit nahm das runzelige, trockene Gesicht einen Ausdruck an, den es
noch nie gehabt hatte vorher; sie liebte Mirza, wider ihren Willen.
»Sagen, Burge? wir wollen gar nichts sagen.« Meine Frau war in
mütterlicher Wallung für die beiden Menschen. »Gott behüt uns alle, wir
haben’s alle nötig.«
Und damit setzten wir unseren Weg fort, und als wir von Weitem ein
Menschenpaar Hand in Hand durch die hellgrünen Saatfelder gehen sahen,
bogen wir auf ein Seitenweglein ab. Denn wir hatten nichts dabei zu tun.
Wir haben es später erfahren, daß Mirza auf den Blaubeurer Felsen
herumgestiegen sei und auch, unter einen überhangenden Stein geduckt,
frierend dort genächtigt habe. Und daß sie, hin- und hergerissen
von ausbrechender Wandersehnsucht und von dankbarer Liebe zu dem
Mann, der sich selbst und sein Haus zu ihrer Heimat gemacht hatte,
umhergewandert sei, bis sie im Talgrund unten einen Wagen mit Leuten
ihres Volkes gesehen habe. Da sei es ihr in heißem Schreck ins Herz
gefahren, daß sie zu ihnen nicht gehöre, und sie sei atemlos gelaufen
bis vor die Schwelle »seines« Hauses. Und sie hat ja nicht vergeblich
dort geklopft, da die Liebe wach war und auf sie wartete.« – Der alte
Pfarrer stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Der
Gast wußte, daß er nun eine innere Bewegung und vielleicht auch die
Versuchung, eine Nutzanwendung zu dem Gesagten zu machen, in sich
unterdrückte; so saß er schweigend und wartete. Der Feuerschein aus
dem Ofen fiel durch das geöffnete Türchen auf den weißen Stubenboden;
draußen war es dunkel. Ursel steckte den Kopf zur Tür herein.
»Bring ein Krüglein Wein, Ursel. Nein, nicht vom Neuen, von dem kleinen
Fäßchen im Eck, alten roten. Und dann auch die Lampe.«
Nun kam der Hausherr wieder in Zug.
»Es ist nicht bei dem einenmal geblieben,« fuhr er fort. »Sie ist noch
hie und da, dem dunklen Trieb in die Ferne gehorchend, auf einen oder
zwei Tage aus ihres Mannes Haus verschwunden und immer wieder beim
Sternenschein oder beim ersten Hahnenschrei zurückgekehrt. Er hat sie
jedesmal mit der steten Treue seines Wesens aufgenommen, und sie barg
sich dann, wie in wachsender Angst vor sich selber, in seinen Armen.
Ich sah aber doch hie und da, daß ein Zug von stiller Schwermut auf
dem Gesicht des Mannes lag, bis er eines Tags wie übersonnt vor Freude
in mein Haus trat. »Er ist da,« sagte er, »der Bub, wir haben einen
Buben.« Ich mußte mich mit ihm freuen. »Das ist ja gut,« sagte ich und
gab ihm die Hand, »nun wird ja auch die Mutter noch fester bei euch
einwurzeln, als sie es bisher getan hat, nun, da sie die Wiege neben
dem Bett hat.« »Das wird sie, so Gott will,« sagte der Bauer und wieder
brach ein freudiger Strahl aus seinen Augen, »wir zwei, wir binden sie
an auf immer, der Bub und ich.«
Meine Frau konnte dem Drang ihres mütterlichen Herzens nicht lange
widerstehen. Sie wußte es wohl, das fremde junge Weib hatte keine
Freundinnen unter den Dorfweibern. Und wenn auch die alte Burge da
draußen herumhantierte, – kurz, sie mußte hin und nach dem Rechten
sehen.
Es war ein sonniger Märztag, als sie den Gang machte. Und als sie an
den niedrigen Fenstern vorbeiging, die halbgeöffnet waren, da drang
ein leiser, lieblicher Gesang an ihr Ohr. Das war Mirza, die ihrem
Kindlein ein Wiegenlied sang, eine fremdartig süße Weise, wie deren
die wandernden Leute so viele haben. Drinnen soll es lieblich genug
ausgesehen haben. Die junge Mutter hatte das Büblein an der Brust und
der Vater stand, ein Schnitzmesser in der Hand, unter der Tür, die nach
dem Stadel hinausführte und konnte sich nicht ersättigen am Anblick der
beiden dunkelhaarigen Köpfe, die da so traut beieinander auf den Kissen
lagen. Denn das Kindlein hatte einen Wald von schwarzem Kraushaar und
die großen, glänzenden Augen der Mutter mit in die Welt hereingebracht.
»So ist er jetzt immer,« sagte Burge, »hundertmal läuft er von allem
Geschäft weg und guckt die zwei an, als ob sie ihm könnten gestohlen
werden.«
Aber sie selber machte es nicht viel anders, das konnte man deutlich
sehen. Sie versorgte Mirza und wickelte das Kind und besorgte den
Hausstand. Es war, als ob sie Räder an ihre alten Füße bekommen hätte
und ein junges Gesicht dazu. Das machte alles die Freude.
»Viel zu gut habe ich’s,« sagte Mirza. »Die Frauen meines Volkes – wenn
ich denke, wie sie hinter einer Hecke oder auf einem Heuhaufen –,« sie
brach ab, als der Mann mit einer hastigen Bewegung auf sie zukam: »Dein
Volk ist jetzt hier, Mirza, bei uns, bei mir, sonst nirgends mehr.«
Und sie preßte das Köpflein des Kindes an sich und sagte: »ja, ja,
das ist es. Aber ich kann’s nicht ändern, ich muß auch an die andern
denken.« Und leiser, das rote Fäustchen und das sattgetrunkene Mäulchen
küssend, fuhr sie fort: »er hat’s gut, mein Kleiner. Er ist da geboren,
wo er hingehört. Ihn wird es nicht in der Welt herumwerfen – und nicht
hinausziehen mit aller Gewalt.«
»Ja, und du bleibst nun auch da, Mirza, nun bleiben wir alle
beieinander,« sagte der Mann, und es sei eine leise Angst und eine
rührende Bitte in seinem Ton gelegen, sagte meine Frau.
Nun ging ein Jahr hin, – mehr als ein Jahr – ein Sommer und ein Winter
und wieder ein Sommer, das war für Markus Lohrmann eine gute Zeit.
Ich weiß noch einen Sommertag vom vorigen Jahr; es war im Heuet;
draußen an der großen Wiesenbreite gegen die Elchinger Markung hin
gingen wir beide, das Agathlein, das zum Besuch gekommen war, und
ich, selbander spazieren. Das heißt, das Agathlein hüpfte mir voraus,
immer drei Schritte vor und einen zurück, und machte einen Strauß aus
Heckenrosen und gelbem Ginster und solchem Blumengezeug an den Rainen,
das nicht unter der Sense gefallen war. Und dazwischen hinein sah es
sich um, ob der Großvater auch nicht verloren gehe. Aber auf einmal, an
einer Wegbiegung, – es stand eine Gruppe von Schlehdorngebüsch davor,
tat das Kind einen Schrei aus seinem freudigen Herzlein heraus und
rannte gradeaus über die Wiese hin, bis wo unter einem Vogelbeerbaum
ein Häuflein Menschen saß, offenbar beim Vesper. Ich stieg langsamer
hintendrein, bei unsereinem pressiert’s nicht mehr so stark; da fand
ich das Agathlein schon neben seiner Freundin Mirza auf dem moosigen
Mäuerlein sitzen, das dort die Wiese abschließt, und es hatte auch
wie die andern ein Stück Käsbrot in der Hand, von dem es fröhlich
herunterbiß.
Das schwarzhaarige Büblein, das für seine viereinhalb Monate schon
prächtig herangediehen war, das lag mit weitoffenen Guckaugen auf
seiner Mutter Schoß und krabbelte mit den Händlein an ihrer Brust
herum, als ob es wisse, daß es jetzt dann an die Reihe komme mit
der Mahlzeit. Mirza war, wie Burge und wie der Mann und die beiden
Taglöhner, in Hemdsärmeln. Sie unterschied sich durch nichts als durch
ihre fremdartige, dunkle Schönheit von einer echten Albbäurin. Aber das
Sehnsüchtige, Rätselhafte in ihren Augen und um ihren Mund, das war
jetzt ausgelöscht oder doch zugedeckt durch eine weiche, mütterliche
Freude an dem jungen Leben, das sie in ihrem Schoße hielt, und als sie
aufsah und mir die Hand hinstreckte, tat sie es mit einem Lächeln, wie
es nur ein Mensch hat, dem es im Herzen wohl ist. Ich bin damals eine
gute Vesperviertelstunde lang mit unter dem Eschenbaum gesessen und auf
dem Heimweg war mir’s warm, nicht von der Sonne allein, auch nicht von
dem Glas Bratbirnenmost, das ich nicht hatte ausschlagen wollen; so
ein Stück reifen, guten Sommerglückes, das man Menschen, die man gern
hat, genießen sieht, das wärmt einen im Innersten. Das Agathlein, –
das muß ich noch sagen – blieb auf der Wiese zurück. »Ich muß den Marx
hüten, die Mirza muß wieder schaffen,« rief sie mir nach. Und als ich
mich einmal umwandte, da sah ich Markus Lohrmanns Weib, wie sie rüstig
neben ihm mit dem Rechen hantierte; er aber konnte es nicht lassen,
zwischenhinein seine Augen nach ihr hinzuschicken. Ja, da hatte er gute
Zeit.
Wenn man sie gegen ein langes Leben hinhält, war sie kurz.
Aber wie viele gehen über die Erde hin, die nie ein ganzes, volles
Leuchten in sich gehabt haben, so eins, das durch dunkle Tage und Jahre
hinscheint wie ein Licht: damals bin ich glücklich gewesen. Zu denen
gehört Markus Lohrmann nicht. Wenn er nun mit seinem Büblein in seinem
Haus da draußen sitzt und es kommt ihm so leer vor, und das Kind wächst
daher und sollte eine Mutter haben, – ich weiß, dann nimmt er es auf
den Schoß und erzählt ihm, noch eh’ es den Verstand dazu hat, daß einen
Sommer und einen Winter und wieder einen Sommer lang sich dunkle Augen
in den seinigen gespiegelt haben. Daß eine zärtliche Stimme schöne,
seltsame Weisen über seinen ersten Kinderschlaf hingesungen hat, daß
sein schwarzes, lockiges Köpfchen im Schoß einer lieben Frau geruht
hat, die seine Mutter war.
Und wenn er dann auch in vergeblicher Sehnsucht die Arme nach dem
fernen Bild ausstrecken wird, es ist doch sein eigen gewesen. Und
er wird sein Büblein an der Hand nehmen und« – »Du wirst ja ganz
poetisch,« sagte der Gast dazwischen, und dann räusperte er sich und
nahm einen Schluck Wein.
Der Pfarrer nahm auch einen. »Na ja,« sagte er, »das ist sonst meine
Art nicht. Aber es ist mich so angekommen.
Im vergangenen Sommer, – der kleine Marx zog schon sein hölzernes
Gäulchen an einer Schnur hinter sich her und wackelte auf seinen
anderthalbjährigen Füßen ums Haus herum – sah ich Mirza eines Tags
gegen ihre sonstige Gewohnheit an einem sonnenheißen Tag unter der
großen Linde, die nahe bei ihrem Haus steht, auf der Steinbank sitzen.
Sie hatte ein altes, rotes Tuch um die Schultern gelegt und zog es an
sich, als ob sie friere. Und ihre Augen sahen müd und traurig aus.
»Was ist dir, Mirza?« fragte ich und setzte mich neben sie. »Du siehst
nicht gut aus. Bist du krank?«
Nein, das sei sie nicht, sagte sie, nur müde, es sei unbegreiflich,
und doch auch wieder nicht. Es kam und ging eine dunkle Röte auf ihrem
Gesicht. Sie kämpfte augenscheinlich damit, mir etwas zu sagen, tat
aber dann ein paar lange Atemzüge und strich sich mit der Hand übers
Gesicht, wie um dort etwas wegzuwischen. »Wenn dich etwas drückt,
Mirza, und du möchtest’s mir gern sagen, – das weißt du wohl, daß
ichs gern hören will,« sagte ich. »Aber freilich, wenn man so einen
guten Mann hat, wie du, dann hat man den Beichtvater bei sich im Haus
und braucht den Pfarrer nicht dazu.« Ich versuchte zu scherzen, aber
eigentlich war es mir nicht recht um Spaß zu tun. Denn die Augen des
Weibes neben mir sahen wie in eine dunkle Tiefe oder in eine große,
weite Ferne.
»Es gibt Sachen, Herr Pfarrer,« sagte sie tiefernst, »mit denen muß der
Mensch ganz allein ins reine kommen, da hilft das Reden nichts,« und
ich spürte, daß es bei ihr so sei.
So machte ich mir nur noch ein wenig mit dem Bübchen zu schaffen und
freute mich, daß, als ich weiterging, der kleine Bursch vor seiner
Mutter auf dem Boden saß und sein eifriges Gesichtlein zu ihr erhob,
die seine stammelnde Sprache allein bis jetzt verstand.
Einige Tage später hörten wir von der alten Burge, die in letzter
Zeit wegen zunehmender Kurzatmigkeit einer jungen Magd Platz gemacht
hatte, aber gleichwohl noch dort draußen aus- und einging, wie ein
Eigenes, daß dem kleinen Marx ein Geschwisterlein sollte geboren
werden, vielleicht so gegen den Wintersanfang hin. »Die Mirza ist
nicht recht zuweg,« sagte sie, »auch vergnügt ist sie nicht. Es nimmt
mich wunder; sie können ja gut mehr Kinder verhalten, darum braucht
sie sich keine Sorgen zu machen. Aber freilich, ich kenn mich nicht
aus bei ihr, es ist wohl nicht ums tägliche Brot, daß sie so unter dem
Druck herumläuft. Sie hustet auch so viel, ich mein’ immer, der Mann
solle den Doktor holen. Nur, wenn ich das sage, dann schüttelt die
Mirza stumm mit dem Kopf und guckt ihn so flehentlich an mit ihren
großen Augen, als ob sie sagen wollte: das, was mich krank macht, das
ist nichts für den Doktor. Und er – er tut ja, was sie will, da kann
unsereins nichts machen.« Meine Frau tröstete an der treuen Seele herum.
Das sei oft so in diesen Zeiten bei den Frauen, da müsse man nur warten
und Geduld haben, mit dem neuen, jungen Leben werde auch der neue
Lebensmut geboren und was man so zu sagen pflegt. Aber es war doch auch
uns beiden nicht recht wohl ums Herz, als wir in einer der nächsten
Wochen bei einem Abendspaziergang das junge Weib dort draußen auf dem
kleinen Hügel trafen, auf dem ich sie schon einmal hatte stehen sehen,
damals im Vorfrühling. Heute sah sie krank aus, mit übergroßen, dunklen
Augen, die wie in einer sehnlichen Glut brannten; das schöne Gesicht
war hager geworden und um die Mundwinkel lag ein fremdes, trauriges
Lächeln. Sie wollte sich zwingen, heiter zu sein, als sie, sich dichter
in das alte, rote Zigeunertuch hüllend, sagte: »die Schwalben sammeln
sich schon wieder zum Fortgehen. Ich hab ihnen zugesehen, man sieht
so weit hinaus da oben.« Aber es war, als ob eine gefangene Seele die
beschnittenen Flügel höbe: warum kann nicht auch ich hinausziehen in
die große, uferlose Weite? Ich wollte nun doch auch einmal mit Markus
Lohrmann reden, das nahm ich mir vor; denn ich wußte wohl, daß er in
Sorge und Liebe jetzt seine Tage hinbringe, und es war mir auch, als
ständen wir alle vor einem tiefen Rätsel, zu dessen Lösung wir uns die
Hände reichen müßten.
Aber eh’ ich noch, durch allerlei Amtsgeschäfte abgehalten, dazu kam,
ihn aufzusuchen, geschah, was geschehen mußte, so wie das Leben nun
einmal ist.
Es war ein Tag im Herbstanfang, so, wie es bei uns da oben viele gibt,
blau, sonnig und von einer durchsichtigen Klarheit. Das Agathlein war
wieder einmal bei uns. Es stand, als ich von einem Krankenbesuch im
Filial heimkam, am Gartenzaun und streckte sein Näschen zwischen den
Latten durch. »Großvater,« sagte es, als ich herankam, »sei einmal
ganz still, ich höre Musik, feine, schöne.« Und ich stellte mich
neben das Kind, das den Finger vor den Mund gelegt hatte und sich
horchend vornüberneigte und horchte mit ihm in die blaue Luft hinein.
Da hörte ich es denn auch, es kam näher und näher: Klarinetten und
eine Geige, und dazwischen die klagenden Töne des Dudelsacks. Es war
eine Zigeunermusik; die halbe Dorfjugend und, so viele ihrer sich
ein Gewerbe auf der Straße machen konnten, auch von den Alten, zogen
hinter einigen schwarzhaarigen, bräunlichen Gesellen in malerischen,
aber vertragenen Gewändern drein. Und bald ging es von Mund zu Mund:
heute Abend sollte große Tanzmusik droben im Ochsen sein. Draußen vor
dem Dorf, in der gleichen Bodensenkung stand nun auch der Wagen der
fahrenden Leute wie einst der, der Mirza gebracht hatte. Ein paar
Weiber gingen vor die Türen, allerhand heischend, was es so bei den
Bauern gibt; mir war Angst im Herzen um Mirza, an die ich heut immer
denken mußte, als ob ihr Schlimmes bevorstände. Aber, wie so oft schon,
ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß sie ja in einer treuen Liebe
geborgen sei; die würde auch heute um sie wachen. Als ich jedoch am
späten Abend von einer Krankenkommunion heimkehrend an Markus Lohrmanns
Haus vorüberging, sah ich nur die dunklen Fenster ringsherum und bei
näherer Betrachtung den alten Knecht auf dem Bänklein vor dem Hause,
wie er mißmutig in seiner Pfeife herumstocherte. Der Bauer sei für drei
Tage ins Unterland gegangen, er wollte Vieh kaufen und Wein. Und die
Frau? Die sei seit einer Stunde fort, wohin, das wisse kein Mensch, und
ganz richtig sei es nicht mit ihr und es gehe auch nicht gut, das sage
er.
Wo nun der kleine Marx sei? fragte ich. Da erhellten sich die Züge
des Knechts. Ei, der liege in seinem Bettlein und schlafe. Die Frau
habe ihn hineingetan und habe bei ihm gesungen, als er schon lang
geschlafen habe; es sei gewesen, wie geweint, ihm, dem Zuhörer da
außen, habe sich alles um und um gedreht im Innern. Er verstehe nichts
von so Sachen, aber es sei wahrhaftig gewesen, wie wenn eine arme Seele
ums Lösgeld bitte. Und dann sei sie zur hinteren Haustür hinausgegangen
und in ihrem alten, roten Tuch übers Feld hinauf in den sinkenden
Abend hineingelaufen. »Sie ist halt anders, als alle dazuland,« schloß
der Knecht, »aber unrecht, das ist sie nicht, bloß anders.« Mir kam
die Angst aufs neue, die ich bei Tag verscheucht hatte. Denn dieses
Menschenkind, das hast du schon gesehen, lag mir am Herzen.
Ob wohl ihre fahrenden Stammesgenossen bei ihr gewesen waren? Ob sie
die Musik der dunklen Gesellen gehört hatte? Und der Mann war nicht
da, bei dem sich Mirza sonst wohl in der Not, auch vor sich selbst,
geborgen hatte.
Es hatte sich ein starker Wind aufgemacht, einer von den Herbststürmen,
wie sie bei uns da oben so manche Nacht ihr wildes Lied singen.
Nach dem schönen, sonnigen Tage war es verwunderlich; das Wetter
mußte rasch umgesprungen sein. Nun trieben schwere Wolken in großen
Heerhaufen am Himmel dahin. Wenn sie den Mond, der hinter ihnen stand,
auf Augenblicke freigaben, so warf der sein blasses Gesicht auf ihre
zerrissenen, zerklüfteten Gestalten, die seltsam rasch über ihn
dahinflogen. Der Wind rauschte in den Bäumen, es war eine andere Musik,
als die sie da oben machten im Ochsen. Die klang mir nun auch in die
Ohren, je mehr ich mich meinem Hause näherte, um so stärker. Ich gönne
meinen Burschen und Mädchen wohl ein Vergnügen; ich habe selber auch
schon zugesehen, wenn sie sich im Reigen drehten, und ich wußte, so,
wie heute, bekamen sie nicht oft aufgespielt. Du kennst das kleine
Liedchen, wir haben es schon miteinander gelesen:
»Eine braune Geige schluchzt,
Und daneben juchajuchzt
Eine tolle Flöte.«
Das fiel mir ein, als ich eine Weile horchend stehen blieb; denn,
anstatt in mein Haus zu gehen, ließ ich mich von den Tönen noch ein
Stück näher gegen den Ochsen hinziehen. Es war mir, als müsse ich sie
diesmal still sein heißen; als müsse ich sagen, es sei ein Krankes
um den Weg, das Stille brauche. Als ob die schluchzende Geige, der
klagende Dudelsack Mirzas Seele seien, die sich zur Ruhe singen wolle
und nicht könne. Aber die Instrumente sangen weiter, ein jedes seinen
Ton, und nun hörte ich auch das Stampfen der Stiefel auf dem Saalboden
des Ochsenwirts und sah an den hellerleuchteten Fenstern des Oberstocks
die Gestalten der Tanzenden vorübergleiten.
Ich wollte wieder umkehren, ich hatte ja eigentlich nichts da oben zu
suchen; und dennoch, fast von selber, gingen meine Augen durch die
Dunkelheit in allen Winkeln umher; sie suchten dennoch etwas. Da, als
ich mich schon zum Gehen wandte, riß eben der Wind, der da oben noch
ganz anders hausen mochte, die Wolkendecke wieder einmal auseinander.
Und in dem unsteten Licht, das sich aus dem Wolkenspalt heraus ergoß,
sah ich, hart an die Wand des gegenüberliegenden Hauses gedrückt, eine
Frauengestalt in einem roten Tuch, und ein blasses Gesicht, aus dem die
Augen, groß nach dem hellen Lichtschein aus dem Tanzsaal gerichtet,
fast herausspringen wollten wie in Hunger und vergeblicher Sehnsucht.
Ich trat zu ihr hin und fühlte, als ich ihr die Hand bot, wie sie
heftig zusammenschrak. »Guten Abend, Mirza,« sagte ich, aber es wollte
mir jetzt kein heiterer Ton gelingen. Mir war nur, als müsse ich
mich still neben das arme Weib hinstellen, das die Zähne zusammenbiß
und zitterte, wie in körperlichem Schmerz. Wir schwiegen eine Weile
miteinander, dann sagte ich: »Komm, Mirza, ich begleite dich an dein
Haus, heim, du mußt nicht so im Sturm draußen sein, ich meine, du seist
nicht wohl die Zeit daher. – Ums Zusehen beim Tanzen wird dir’s ja
nicht sein,« versuchte ich nun doch zu scherzen. Sie schüttelte nur
stumm den Kopf, es war nicht der Mühe wert, darauf zu antworten, es lag
so weit ab. Ich wußte es auch wohl, es war nur die Musik, die von der
weiten Ferne redete, von dem Lied, das der Herbstwind in den Bäumen
spielt, von allem Glück und Elend, das im Wandern liegt, – ach, mehr
als das, von allem Hinausdrängen und Heimbegehren der Menschenseele.
Ich sah es wohl, sie trank das alles in sich hinein, – und verging fast
daran.
Ein wenig zögerte sie noch, dann ging sie still neben mir her. Ihre
Schritte waren schwer, das mochte wohl ihr körperlicher Zustand machen,
aber nicht er allein. Sie ging wie eine, die eine Last trägt und weiß:
ich kann sie nicht ablegen, eh’ ich mich selbst ablege.
Vor ihrer Haustür bot sie mir mit einer seltsam heftigen Gebärde die
Hand. »Nicht bös sein, Herr Pfarrer, gut an mich denken,« sagte sie und
ich sah trotz der Dunkelheit ihre Augen flehentlich auf mich gerichtet.
»Gut an dich denken? Das tu’ ich immer, Mirza,« sagte ich. »Komm doch
in diesen Tagen, so lang dein Mann fort ist, einmal auf ein Stündlein
zu meiner Frau hinauf. Du weißt, sie freut sich darüber. Das Agathlein
ist auch da, du mußt dein Bübchen mitbringen.«
Sie sagte nichts darauf, sondern machte sich mit dem Hausschlüssel
zu schaffen, und ich dachte, der Friede ihres Hauses werde über sie
kommen, wenn sie drinnen in der Kammer das Atmen ihres Kindes höre und
ließ sie allein und sagte zuversichtlich beim Gehen: »Gott behüt dich,
Mirza. Wir müssen alle durch schwere Zeiten hindurch, aber sie vergehen
wieder und es wird wieder hell.«
So ist es mit uns Menschen. Wir ahnen einer des andern Not und gehen
ein Stück neben ihm her und glauben ihn zu kennen. Aber sie brennt uns
nicht auf der Seele, wie ihn, und wenn er lautlos neben uns stöhnt in
Qual, dann sagen wir zuversichtlich: es wird schon besser werden – und
meinen wunder, was wir Gutes wissen. Ach ja, wir Menschenhüter! Es
ist uns doch immer wieder ein großes Müssen, an eine Hand zu glauben,
die in alle Tiefen reicht und in die hinein sich die Verirrten und
Verwirrten bergen können.
Am andern Tag, das heißt, als es schon in die tiefe Dämmerung
überging, kam Markus Lohrmann zu mir in den Garten, wo ich nach meiner
Gewohnheit noch ein wenig zwischen den Beeten auf und ab ging. Er hatte
den kleinen Marx auf dem Arm und sah fahl und verstört aus. »Schon
zurück, Markus?« fragte ich noch, da brach ein Ton so schmerzlichen
Jammers aus seiner Brust hervor, daß ich im tiefsten Grund erschrak.
»Was ist – mit Mirza?« fragte ich. Da bot er mir ein Blatt, das mit
den etwas mühsamen, ungelenken Schriftzügen, die ich während des
Religionsunterrichts bei Mirza kennen gelernt hatte, bedeckt war.
»Ich muß gehen,« stand darauf. »Ich weiß nicht, wohin, daß Gott erbarm.
Markus, du bist gut, ich wäre auch gern gewesen, wie du bist. Aber ich
bin doch anders. Es treibt mich hinaus unter die Bäume und unter den
freien Himmel, ich meine, ich müsse ersticken schon lange Zeit. Und ich
meine, ich müsse weit, weit fort. Die Musik heut abend; ich hätte nicht
zuhören sollen; ich kann nicht mehr ins Haus hinein.
Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, – daß Gott erbarm –« da brachen
die Schriftzüge ab. Das Blatt war unter der Haustür gelegen, als der
Knecht in der Morgenfrühe öffnete. Er hatte es grimmig auf den Tisch in
der Wohnstube gelegt. Von dort hatten es wohl die Spatzen vertragen;
denn im Dorf ging es wieder einmal von Mund zu Mund: sie ist mit den
Musikern fort. Art läßt nicht von Art – und dergleichen mehr, was die
Leute so sagen.
»Ach, Markus, sie kommt wieder,« sagte ich, als ich das Blatt gelesen
hatte. Aber ich glaubte es selbst nicht recht, ich fühlte wohl, das
Glück kam nicht mehr für die beiden.
Er schüttelte auch den Kopf und drückte das Kind an sich. »Jetzt hab’
ich nur noch dich,« sagte er zu dem Bübchen. »Jetzt sind wir zwei
allein miteinander,« und wieder kam das kurze Stöhnen.
Dann faßte er sich äußerlich zusammen. »Ich bin erst seit einer Stunde
da,« erzählte er. »Ich bin schon heut gekommen, anstatt morgen, weil es
mir keine rechte Ruhe mehr ließ. Das Weib ist so sonderbar gewesen die
Zeit daher. Sie hat auch im Schlaf geredet, da hab’ ich gemerkt, daß
sie krank ist nach der Ferne. Sie ist gewesen wie ein Vogel im Käfig,
und doch hat sie mich lieb gehabt – und das Kind auch.« Er schüttelte
den Kopf. »Es ist ein Jammer. Ich weiß nicht, was tun. Ich habe
gedacht, ich wolle Ihnen das Kind aufzuheben bringen, Herr Pfarrer, und
fortgehen, sie zu suchen. Aber ich glaube, ich muß sie lassen, wie sie
muß und will. Ich darf sie nicht zu mir zwingen.«
Er wußte nicht, wie vornehm und wie lauterer Güte voll er mir
erscheinen mußte; er redete und tat alles aus seinem einfachen,
liebenden Herzen heraus. Ich wußte, er verging nach ihr; er hätte sie
auch gefunden, wenn er sie ernstlich gesucht hätte. Aber er wollte sie
nicht im Käfig halten. »Ach, Markus,« sagte ich, »Gott helf’ uns allen.«
Er nickte nur, ernst und schwer; er wußte auch keinen andern Trost.
Dann ging er wieder; er drückte das Kinderköpflein an seine Wange
und ich hörte ihn zärtliche Worte sagen, als er den Gartenweg
hinunterschritt.
In den paar Wochen, die nun folgten, bin ich oft eine Dämmerstunde
lang oder auch beim Licht der Ampel draußen in Markus Lohrmanns Stube
gesessen. Ich wußte, er sei so allein und er habe niemand, der so recht
mit ihm fühle. Da saßen wir einander gegenüber, oft mit einer Pfeife
Tabak, oft auch ohne das. – Was? Du meinst, ich sei verbauert da oben?
Anderswo wäre das unmöglich? Ja, ja, das kann schon sein. Aber weißt
du, so eine gemeinsame Pfeife, – und dann, – viel reden, das ist nicht
meine Sache, – da spürt so ein Mensch doch, daß jemand da ist. Ach was
– nun will ich weiter erzählen.
Da kam eines Tages ein Brief an mich. Er war von einem Amtsbruder im
Schwarzwald. Warte, du kannst ihn lesen, ich habe ihn da bei der Hand.«
Der Pfarrer kramte unter seinen Papieren, dann brachte er ein Blatt zum
Vorschein.
Der Gast las es. »Geehrter Herr Amtsbruder! Es liegt in einer Kammer
des hiesigen Armenhauses ein Weib, offenbar eine geborene Zigeunerin,
die aber in älblerischen Bauernkleidern hierher kam und behauptet, in
Ihre Gemeinde zu gehören. Besagtes Weib ist in einer Waldhüterhütte
eines toten Siebenmonatkindleins genesen, und, da sie dort aufgefunden
wurde, als eine Schwerkranke zu uns heruntergeschafft worden, bis
sie ihr wanderndes Leben wieder fortsetzen könne. Ich glaube aber,
sie wird nicht viel irdische Fahrt mehr vor sich haben, denn ihre
Kraft schwindet hin, wie ein Licht verbrennt. Es ist eine wunderliche
Geschichte, die mir, da ich als Seelsorger nach der neuen Insassin
sehen wollte, das Weib erzählt hat. Und kaum zu glauben wäre sie mir,
sowohl um des einen willen, daß ein seßhafter Bauer sollte eine aus
dem fahrenden Volke zu seiner Ehefrau gemacht haben, als auch um des
andern, daß solche dann wieder aus aller bürgerlichen Ordnung und
reichlicher Versorgung weg ins Elend hinaus gelaufen wäre, wenn nicht
das Menschenherz zuweilen wunderliche Wege ginge, daß auch ein alter
Praktikant den Kopf schütteln und sich des Verständnisses begeben
muß. Es ist nämlich, wie ich sagen muß, Gesicht und Sprache, auch das
ganze Gehaben des Weibes nicht das einer Verdorbenen oder Lügnerin,
sondern nur einer Verirrten, die sich nun im Angesicht des Todes wieder
dahin zurücksehnt, von wo sie ausgegangen ist. Freilich sagt sie –
und ich habe ihr solches auch reichlich bestätigt, – daß sie wie eine
Undankbare gehandelt habe, die so großer Liebe ihres Mannes nicht wert
gewesen sei, da sie ihn und auch ihr unmündiges Kind verlassen habe.
Aber ob auch ihre Augen ernst und traurig dreinsehen und beim Reden
bittere Tränen daraus hervorgeflossen sind, so sagt sie dennoch: Gott
weiß, ich habe nicht anders können, er ist stärker gewesen als ich.
Da ich sie nun gestern ermahnt habe, Gottes Verzeihung zu suchen, so
schüttelte sie den Kopf und sagte: »mir tut not, daß mir mein Mann
verzeiht, Gott wird es wohl tun.«
Damit nun diese Seele sich vom Irdischen ab- und dem Ewigen zuwenden
könne, so ersuche ich Sie, Herr Amtsbruder, um Ihre Vermittlung,
daß der Mann, der Markus Lohrmann heißen soll, nicht achtend seiner
erlittenen Kränkung, der Sterbenden, denn das wird sie bald sein, ein
Wort der Verzeihung schicke, wie wir denn vergeben sollen, damit auch
uns vergeben werde.«
Darauf folgte die Unterschrift.
»Und?« Der Gast fragte es mit einem Lächeln, das schon vieles zu wissen
schien.
Da tat der Pfarrer einen tiefen Atemzug und bekam leuchtende Augen
hinter seiner Brille.
»Jetzt horch, Siegfried, denn jetzt bekommst du etwas zu hören, das ist
wie ein Fest, ist lauter Hochzeit, Sieg, Liebe und Leben, obgleich es
aussieht wie Elend, Not und Tod.
Es war am späten Abend, als ich Markus Lohrmann den Brief brachte. Er
tat gerade sein Bübchen ins Bett und entschuldigte sich, daß es spät
geschehe: »Es wird so bald dunkel und die Abende sind schon so lang. Da
hab ich das Kind so gern bei mir. Ich weiß, es gehört ins Bett. Aber,
Herr Pfarrer, draußen stürmt’s und die Nächt’ sind schon so kalt, und
ich muß dann immer hinausdenken, ob sie herumirrt und kein Haus hat.
Und oft ist mir’s, sie rufe nach mir.«
»Sie ruft auch, Markus,« sagte ich und gab ihm den Brief.
Er las ihn und blieb ganz still. Nur daran, daß das Blatt in seiner
Hand zitterte und daß sich seine Brust stark hob und senkte, so als
ob er sein Leben mühsam in sich berge, sah ich, was ich schon vorher
wußte, daß sein ganzes Wesen erschüttert sei. Ein paarmal lächelte
er beim Lesen und ich verstand warum; es schnitt mir ins Herz und
machte mich auch stolz auf ihn. Nach einer Weile fing er an zu reden.
Es geschah zu dem Kind. »So, so, Marxle,« sagte er, »jetzt mußt du
hinliegen und schlafen. Der Vater muß fort, der muß zu deiner Mutter,
die wartet und kann sonst nicht einschlafen.« Dann versagte ihm
die Stimme und er machte sich an dem Bettchen zu schaffen. Als er
ringsherum das Deckbett um den kleinen Kerl fest gemacht hatte, hob er
das Gesicht zu mir. »Ja also, Herr Pfarrer, wie ist da die Reise?«
fragte er. »Ich muß mich noch ein wenig anziehen, dann kann ich gleich
gehen. Ich hol’ sie, ich bring’ sie noch heim. Da ist keine Red’ davon,
daß sie in dem Armenhaus dort stirbt, das hat sie nicht nötig. Kann
sein, sie wird wieder gesund, sie haben scheint’s dort keinen Doktor.«
Wir machten den Reiseplan miteinander. Er mußte sich noch gedulden
bis gegen Morgen. Dann, es war noch tiefdunkel, schritt er durch die
nächtlichen Gassen. Ich hörte seinen festen Schritt und hörte ihn mit
dem Stock aufstoßen. Denn sein Weg führte nah am Pfarrhaus vorbei.
Ich lag wach und sah den Morgenstern hoch am Himmel stehen und hätte
dem Wanderer gern ein gutes Wort nachgerufen; aber ich besann mich
anders. Der hat in sich, was er braucht, dachte ich, der bedarf eines
Wortes nicht. Er war mir lieb so.
Das war der Morgen des ersten Novembers.
Am Abend des dritten kamen die beiden miteinander heim.
Wir wußten es von der alten Burge, die es sich nicht hatte nehmen
lassen, den kleinen Marx zu versorgen, und die Weisung erhalten hatte,
das Wägelein mit dem Braunen an die Bahn zu schicken.
Im Dorf war viel Gerede und viel Schelten. »Er hätte sollen froh sein,
daß er sie los hat. Auch noch nachlaufen, einer solchen, – aber er
ist rein nicht gescheit. Jetzt, wo unser Herrgott ein Einsehen gehabt
hat; sie hätt’ dort hinten im Schwarzwald sterben können, dann hätt’
er seine Ruh’ gehabt.« Aber die zwei, die auf dem Wägelein saßen, das
spät am Abend in sachtem Tritt durch die Gassen fuhr, die horchten
nicht nach dem Gerede hin. Sie hatten, das sah ich, als ich sie am
übernächsten Tag besuchte, auch die Meinung, daß unser Herrgott ein
Einsehen gehabt habe, es war aber doch anders, als die Dorfgenossen es
meinten.
Sie wußten es wohl, daß sie nicht beisammen bleiben konnten, ich
brauchte da nichts einzureden. Aber sie hatten noch ein paar Sommertage
vor sich, eh’ es Nacht wurde, das war ihre hohe Zeit. Mirza atmete
mühsam und schwer, denn ihr Herz war schwach und das Fieber brannte
in ihr mit hoher Glut. Aber sie hatte leuchtende Augen, die waren bis
zum Rande gefüllt mit Liebe und mit Heimatgefühl und nichts mehr von
vergeblichen Kämpfen und von ausbrechender Sehnsucht stand in ihren
Zügen. Und Markus Lohrmann, der eben den Doktor hinausbegleitet hatte
und von ihm wußte, wie es stehe, der stützte sie, daß sie leichter
atmen konnte, und streichelte ihre heiße Hand, und sie waren eins im
andern daheim, wie ich es noch nie gesehen hatte.
Das machte, daß ihnen die Angst vor sich selber, vor allem Bitteren
und Bösen, das sie einander hätten antun können, und vor aller Qual
der vergeblichen Wanderwege nun abgenommen war, wie man Kindern ein
gefährliches Spielzeug sacht aus den Händen nimmt und sagt: so, nun
laßt das, nun kommet her zu mir, ich will euch etwas Schönes erzählen.
Und darauf horchten sie nun und sagten eins dem andern, was es im
Herzen erhorchte.
»Ich hab’ dich anbinden wollen,« sagte der Mann, »weißt du noch? mit
einem siebenfachen Seil, daß du mir nicht hinauskommest. Aber das
Anbinden, das hilft nichts; hätt’ ich’s nicht tun sollen, Mirza?«
»Doch, du hast müssen, Markus,« sagte sie. »Und ich hab’ auch so tun
müssen, wie ich getan habe. Wir können nicht anders, wir sind arme
Leut, wir Menschen. Ich hab’ oft gedacht, wie ich so herumirrte und
doch nicht heimkonnte: wenn ich der Gott wär’, ich hätt’ so ein großes
Mitleiden mit allen, daß ich vom Himmel herunterlangen müßte um zu
helfen.« –
Ich war lang still dagesessen, mehr im Hintergrund. Sie taten sich vor
mir keinen Zwang an, ich war ihnen nie ein Fremder gewesen. Der Abend
brach stark herein und wir schwiegen alle eine Weile. Dann mußte ich
aber doch sagen: »Das tut er ja auch, Mirza. Dir ist die Welt und dein
Ich zu eng gewesen; jetzt gehst du wohl in eine Weite, da wirst du
nicht anstoßen und auch nicht fremd sein.«
Dann schwiegen wir wieder. Es ging so vieles durch mich durch. Es ist
ein so großes Heimbegehren in uns Menschen allen. Der alte Claudius
fiel mir ein: »Es muß irgendwo ein Ozean für uns sein.« Das und noch
vieles. Aber ich konnte jetzt nicht davon reden. Wenn Markus Lohrmann
diesen Winter mir hie und da gegenüber sitzen wird, – und das wird er,
ich weiß es – dann werden wir wohl von diesen Dingen reden. Damals –
ich habe selber mit horchen müssen und mit nach der Hand greifen, die
Mirza wollte vom Himmel herunterlangen sehen, um uns allen zu helfen.«
»Und dann?« fragte der Gast, als der Pfarrer eine Zeitlang schwieg.
»Und dann ist auch diese Zeit zu Ende gegangen, wie alle unsere Zeiten,
die hohen und die tiefen. Ich denke, es sei so recht geworden, daß wir
das, was des Wanderns müde war, begruben, und daß das, was nach der
uferlosen Weite begehrte, ›laut jubelnd wieder in die Flut gegangen
ist.‹«
Drunten am Haus schellte es.
Ursel machte auf und man hörte sie reden. »Und der Marxle ist noch auf
und noch draußen?« sagte sie. »Arm’s Büble, du g’hörst ins Bett jetzt,
so Männer haben doch keinen Verstand für die Kinder.« Dann ging die Tür
auf und der Mann, von dem sie so viel gesprochen hatten, kam herein. Er
trug sein Bübchen auf dem Arm, das war in ein großes Tuch gewickelt und
hatte warme, rote Bäckchen und legte sein schwarzhaariges Köpflein an
das blasse, ernste Gesicht des Vaters.
Der sah den Gast nicht, der im Schatten saß.
»Drum hab’ ich nur noch wollen einen Dank sagen,« hob er an. »Ich –
ich wär’ sonst am Grab so allein gewesen, – aber was der Herr Pfarrer
gesagt hat, das –«.
»Red’ nicht so daher, Markus,« sagte der Pfarrer, »du hast noch ein
»gut’ Nacht« holen wollen, das ist recht. Morgen komm’ ich und seh’
nach dir. Was danken. Ich hab’ sie auch lieb gehabt, da dankt man
nicht.« Der Mann setzte noch ein paarmal an, aber dann schien es ihm
auch, als ob sonst nichts zu sagen sei. Ja, ja, liebhaben, da ist
nichts zu bedanken, das geschieht umsonst. Da ging er wieder.
Der Gast saß still in seiner Sofaecke. Der Pfarrer sah ihn in seiner
Brieftasche blättern, und dann ein gelbes, zerlesenes Blättchen
herausholen.
»Lies,« sagte der Gast und hielt es seinem Freunde hin. »Ich meine, es
werde nicht viel anders sein.«
Der Pfarrer las halblaut:
Es kam eine arme Seele im Himmelreich an:
Tut mir auf, tut mir auf, daß ich eingehen kann!
Und als sie nun stand am himmlischen Tor,
da kamen die Englein mit Haufen hervor:
»Arme Seele, was hast du zerrissene Schuh!«
Bin immer gewandert, fand nirgendwo Ruh.
»Verblichen, zerrissen dein altes Gewand!«
Das trug ich in Regen und Sonnenbrand.
»Arme Seele, was gehst du so krumm und gebückt?«
Mich haben die Lasten des Lebens gedrückt.
»Arme Seele, was suchst du im himmlischen Haus?«
Gott Vater, den sucht’ ich weltein und weltaus.
Dem leg ich zu Füßen die Kleider und Schuh,
die Last und mein sehnendes Herze dazu.
Da traten die Englein zusammen in Reihn
und führten die arme Seele hinein.
Da ward sie beschienen vom himmlischen Glast,
da war sie genesen der sehnenden Last.
– Die seligen Engel im ewigen Licht,
_so_ selig waren die Engel nicht. –
Er reichte ihm das Blatt still wieder hin.
»Ja, ja,« sagte er. »Es wird gut werden, irgendwie gut, ganz gut. Wir
wollen still sein und warten.«
Sie sahen eine Weile schweigend ins Lampenlicht. Dann redeten sie von
andern Dingen.