VII.

1858-1862

Die ersten Münchner Jahre in der stillen Augustenstraße waren

verhältnismäßig ruhig vorüber gegangen, aber es kam allmählich anders.

Als Abgeordneter stand Brater nicht mehr, wie früher, allein. Eine

kleine Gruppe national gesinnter Männer fand sich in der Kammer zusammen

und bald bildete sich zwischen diesen ein Freundschaftsverhältnis, das

auch häuslichen Verkehr mit sich brachte. Oft war das Haus Brater der

Mittelpunkt, in dem sich die kleine Truppe zusammen fand, die es

unternahm, gegen den altbayrischen Fanatismus anzukämpfen und für den

deutschen Bundesstaat unter Preußens Führung einzutreten.

Die erste praktische Folge der Beratungen dieser kleinen Partei war die

Gründung einer Wochenschrift, deren Redaktion Brater übernahm. Einer der

vorzüglichsten Mitarbeiter derselben war Professor Baumgarten, ein

Braunschweiger, der damals mit seiner Familie in München lebte und mit

dessen Frau sich auch Pauline bald herzlich befreundete, standen doch

ihre Männer im gleichen Kampf, an dem beide Frauen mit ganzem Herzen

Anteil nahmen. Bald zeigte sich's, daß eine Wochenschrift nicht genüge,

und es trat an Brater die Lebensfrage heran, ob er die Redaktion einer

großen politischen Tageszeitung übernehmen wolle. Professor Baumgarten

hat diese Überlegungen in einem Aufsatz der Preußischen Jahrbücher[5]

geschildert und wir teilen sie in seinen Worten mit:

[Fußnote 5: Band #XXIV#.]

»Die schwache Stimme einer Wochenschrift konnte in dem Lärm jener Tage

nicht weit dringen. Wir erkannten bald, daß, wenn der überaus rührigen

Agitation im Süden, welche soeben um ein Haar Deutschland in einen

verderblichen Krieg gestürzt hätte, wirksam entgegen gearbeitet werden

sollte, eine tägliche Zeitung nicht entbehrt werden könnte. Nach langen

Verhandlungen, vielen Mühen wurde es möglich, die Begründung eines

solchen Blattes ernstlich ins Auge zu fassen. Und zwar in München, in

dem eigentlichen Hauptquartier der Gegner. An die Ausführung eines so

verwegenen Planes ließ sich aber nur denken, wenn ein Mann von

hervorragender Fähigkeit, von bedeutender Autorität in dem Lande und von

unantastbarem Charakter die Leitung übernahm. Denn daß das Auftreten

einer gegen Preußen gerechten, der nationalen Sache aufrichtig ergebenen

Zeitung in München mit den größten Schwierigkeiten verknüpft sein werde,

deren nur ganz ungewöhnliche Leistungen Herr zu werden hoffen dürften,

darüber konnte sich niemand täuschen. Alles hing daran, ob Brater sich

entschließen mochte, der Redaktion seine Kraft, vielleicht seine

Existenz zu widmen.

Ich erinnere mich genau der eingehenden Gespräche welche wir im Sommer

über die Sache hatten. Wie immer erwog er alle Momente der Frage mit der

Objektivität eines durch keine Umstände beeinflußten Richters; die hohe

politische Wichtigkeit, ja Notwendigkeit des Unternehmens erkannte er

vollkommen an, aber über seine Mißlichkeit, über die fast

unübersteiglichen Hindernisse, denen er begegnen werde, täuschte er sich

ebensowenig. Namentlich war ihm klar, daß für ihn persönlich ein fast zu

großes Opfer damit verbunden sei. Nach langer, mühseliger,

entbehrungsvoller Arbeit war er endlich dahin gelangt, sich in Bayern

eine bedeutende Stellung zu erringen. Hielt er sich im Kreise der

bayerischen Politik, so konnte ihm eine höchst befriedigende, d. h. für

das öffentliche Interesse fruchtbare und seinen bescheidenen

persönlichen Ansprüchen gerecht werdende Zukunft nicht entgehen. Betrat

er dagegen den Boden der deutschen Politik mit einer in Bayern bei

Regierung und Volk gleich verhaßten Richtung, so durfte er für die

Zukunft noch viel schwereren Kämpfen entgegensehen, als ihm die

Vergangenheit gebracht hatte.

Er zählte damals vierzig Jahre; er war ohne Vermögen; nur angestrengte

Tätigkeit und eine seltene Einfachheit des Lebens machte ihm möglich,

mit der Feder zu erwerben, was die Bedürfnisse seiner Familie

erforderten. Unter allen diesen Verhältnissen würden sehr wenige sich

entschlossen haben, auf das Wagnis einzugehen. Brater unternahm es

dennoch kraft jener Mischung geistiger Eigenschaften, der man in dieser

Weise nur sehr selten begegnen wird. Er war ganz klare, scharfe Kritik

und zugleich hingebende Begeisterung. Er besaß ganz die Nüchternheit des

Verstandes, welche meistens zu klugem Egoismus führt und verband damit

einen enthusiastischen Patriotismus, wie er meist nur in unklaren Köpfen

wohnt ....

[Illustration: Karl Brater]

... Brater hatte sich nicht getäuscht. Als er am 1. Oktober 1859 die

erste Nummer der »Süddeutschen Zeitung« herausgab, tobte es förmlich von

allen Seiten gegen ihn. Man fand es geradezu unerträglich, daß sich in

München ein »preußisches Blatt« ans Licht wage. Jede Verdächtigung in

der kleinen Schmutzpresse der Stadt, jede persönliche Schikane wurde in

Bewegung gesetzt, um Brater die Existenz in München unmöglich zu machen.

Wer freilich die Blätter der jungen Zeitung las, der wurde von all

diesen jede Stunde des Herausgebers verbitternden Widerwärtigkeiten

nichts gewahr. ..... Der Grundgedanke, Deutschlands Führung durch

Preußen, wurde den widerwilligen Gemütern der Süddeutschen mit nie

aussetzender Konsequenz, aber zugleich mit jener schonenden Milde

gepredigt, welche am besten geeignet ist, dauernde Überzeugungen zu

begründen. Der deutsche Beruf Preußens hat niemals im Süden einen

wirksamern Vorkämpfer gehabt als Braters Süddeutsche Zeitung. Anfangs

mit einmütigem Haß empfangen, wurde sie in kurzer Zeit das

Lieblingsblatt des gebildeten München.«

Daß eine solche Berufsergreifung auch das Familienleben stark

beeinflußte, ist selbstverständlich. Sofort ergab sich das Bedürfnis, in

den Mittelpunkt der Stadt zu ziehen. Frau Brater schreibt darüber an

ihre Freundin Emilie von Breuls, geb. Kopp: »Ich bin eigentlich eine

halbe Strohwitwe geworden; Du hast vollkommen Recht, wenn Du meinst, die

Zeitung werde meinem Mann viel Arbeit machen, es ist mir fast zu arg,

dazu muß er seine Geschäfte in der Nähe der Druckerei und Post

vornehmen, so daß er sich mit seinen Redakteuren in der Stadt ein paar

Zimmer mieten mußte, wo er nun den ganzen Tag ist und ich ihn nur

mittags ganz kurz sehe, im April ziehen wir nun ganz hinein und so sehr

ich's bedauere, unsere schöne, freie sonnige Wohnung mit einer

Stadtwohnung vertauschen zu müssen, so kann ich's nun doch kaum

erwarten, bis der unbehagliche Zustand des Hin- und Herrennens auf einem

halbstündigen Weg ein Ende nimmt; daß Du die Süddeutsche Zeitung liest,

freut mich sehr; Du kennst nun dadurch unser ganzes Leben, denn ihr

Inhalt und überhaupt was sich jetzt in der Welt zuträgt beschäftigt

meinen Mann ausschließlich und somit auch mich, ich bin ganz und gar

eine Politikerin geworden und von meiner Zeitung eingenommen wie von

meinen Kindern.«

Im Frühjahr machte sich Frau Brater daran, eine für die veränderten

Umstände passende Wohnung zu suchen, und mietete eine solche. Aber nach

kurzer Zeit benachrichtigte sie der Vermieter, daß er sein Wort

zurücknehmen müsse, -- er hatte inzwischen erfahren, um wen es sich

handle, und wagte es nicht, sich mit einem so staatsgefährlichen

Mietsmann einzulassen. So mußte Frau Brater ihre Wanderung aufs neue

antreten und fand endlich eine entsprechende Wohnung in der Dienersgasse

Nr. 23. Freilich war es ein altes, dunkles Haus, mitten im Lärm der

Straßen und ihre geliebten Sterne waren ihr durch das gegenüberliegende

Regierungsgebäude verdeckt. Auch das ganze Hauswesen bekam plötzlich

einen anderen Anstrich. Das größte Zimmer wurde für die Redaktion

eingeräumt, der eine oder andere Mitarbeiter wohnte auch im Stockwerk,

geschäftig ging es den ganzen Tag aus und ein und ein Laufbursche mußte

angestellt werden. Dies alles gab einen gehörigen Zuwachs von Arbeit und

das Familienleben gewann nicht an Gemütlichkeit durch diese Änderung,

auch war es für Frau Brater peinlich mit anzusehen, daß ihr Mann eine

allzugroße Arbeitslast übernommen hatte. Sie schreibt darüber an ihre

Schwiegermutter:

»... Daß Ihr die Zeitung lest, ist eine herrliche Verbindung, Ihr seht

ja daraus immer, was uns beschäftigt; an Neujahr soll sie nun etwas

größer werden, freilich auch teuerer und wir sind nun begierig, ob die

Maßregel nicht etwa ungünstig auf die Abonnentenzahl wirkt, die ohnedies

langsam zunimmt. Bis dahin hoffen wir endlich auch einen brauchbaren

Gehilfen für den einen unbrauchbaren gefunden zu haben und ebenso einen

Referenten für den Landtag; Du wirst gesehen haben, daß der Landtag im

Januar zusammentritt, ein großer achtmonatlicher Landtag! Wenn diese

Zeit schon überstanden wäre! Karl hat nun alle seine übrigen Arbeiten

abgegeben und wenn derselbige Referent tüchtig ist, so wird es eher

leichter werden, aber die Einnahmen werden sich nicht splendid stellen.«

Daß sich tüchtige Hilfskräfte für solch eine Zeitung schwer fanden, ist

selbstverständlich, und manche merkwürdige Figur tauchte im

»Redaktionszimmer« auf, um bald wieder zu verschwinden. Doch fanden sich

auch bedeutende Männer zu dieser politischen Arbeit ein, Leuthold, der

Dichter, Vecchioni, der nachherige Leiter der Münchener Neuesten

Nachrichten, und vor allem Adolf Wilbrandt, der spätere Schriftsteller

und Direktor des Wiener Burgtheaters, damals ein schöner, geistig

anregender junger Mann, nichts weniger als trockener Politiker. In

seinen Artikeln für die Süddeutsche Zeitung zeigte sich schon seine hohe

literarische Begabung. Er wohnte im Haus Brater und wurde

hochgeschätzter Freund der Familie. Wilbrandt verkehrte viel in dem

geselligen Kreise, dessen Mittelpunkt Paul Heyse war und in dem sich

die Familien Bluntschli, Hecker und zuweilen auch Brater trafen. So sehr

Frau Brater die große Geselligkeit mied, die sie meist mit Kopfweh büßen

mußte, auf die auch ihr bescheidener Haushalt nicht eingerichtet war,

ganz konnte sie sich derselben doch nicht entziehen. So gab Bluntschlis

Übersiedelung nach Heidelberg Anlaß zu einer großen Abschiedsgesellschaft,

über die sie an Ernst Rohmer berichtet:

»... Auch wir hatten diese Woche eine große Soiree wo es an Humor und

sogar an Tränen nicht fehlte, es war eine stolze Gesellschaft beisammen,

unsere Abgeordneten, Bluntschlis, Jollys, Heckers, die Redaktion, und

ich wollte nur, Du hättest die Toaste mit anhören können, es überbot

immer einer den andern, um ein Uhr ging man auseinander im Gefühl einer

großen Freundschaft und Innigkeit.«

Pauline stellte bei solchen Gelegenheiten ihre Kinder zur Hilfe an, die

nun als größere Schulmädchen wohl zu brauchen waren und fremder

Bedienung vorzuziehen. Das Münchener Bier spielte keine kleine Rolle bei

manchen der Geladenen; es wurde in großen Krügen geholt und die Kinder

gingen von einem Gaste zum andern, um leere Gläser aufzufüllen. Am

leistungsfähigsten war in diesem Stück der allgemein bekannte und

beliebte Abgeordnete Völk, der urwüchsige, kräftige Mann vom Algäu, ein

Volksredner von prächtigen Gaben; diesen empfahl der Vater den kleinen

Kellnerinnen zur besonderen Beachtung und mit Lust schenkten sie ihm

immer wieder aufs neue ein, denn er wußte auch schon dieses _kleine_

Volk zu begeistern. Der Patriotismus, der ohnedies in diesen Räumen zu

Haus war, schlug dann in hellen Flammen auf in den empfänglichen

Kinderherzen. Der Hausfrau kam bei solchen Gelegenheiten ihr praktisches

Talent zu statten, sie kochte vorzüglich und war die Mahlzeit

aufgetragen, so kam noch als beste Würze ihr guter Humor in der

Unterhaltung.

Das waren inhaltsreiche Jahre für die Frau, die an allem, was den Mann

beschäftigte, ihren Anteil hatte. Wie oft kam er aus seinem

Arbeitszimmer herüber, um ihr das Manuskript eines Artikels vorzulesen,

ehe er ihn in die Druckerei schickte. »Du bist mein Publikum,« sagte er,

»ich muß sehen, welchen Eindruck der Artikel auf die Leute machen wird.«

Ihre gesunde Empfindung befähigte sie zu einem Urteil, das ihm viel wert

war. Die Verschiedenheit der Temperamente machte sich zwar auch hier

geltend. Wenn er die Zeitung nicht dazu benützen wollte, um die

Verleumdungen zu widerlegen, die andere Blätter gegen ihn brachten, dann

setzte sie ihm zu, wollte, daß er die Grobheiten gehörig heimgebe, und

hätte ihm solche am liebsten in kräftigen Worten in die Feder diktiert.

Aber er ließ sich nicht beirren: »Um die Sache handelt es sich, nicht um

meine _Person_,« erklärte er ihr immer wieder; »warum von dem kostbaren

Raum der Zeitung etwas auf Widerlegung persönlicher Angriffe verwenden,

laß sie nur schimpfen, viel besser ist's, wir bleiben bei der Sache.« Im

Grund ihres Herzens war sie dann doch stolz auf diese vornehme

Kampfesweise und die heftigen Angriffe verstummten allmählich auch ohne

Widerlegung. Oft half sie in dieser Zeit selbst mit, wenn es an

Hilfskräften fehlte und sie dem mit Arbeit überladenen Manne

Schreibereien abnehmen konnte. Auch die Kinder mußten, wenn der

Laufbursche nicht zur Stelle war oder seine Sonntagsruhe genoß, oft

genug Besorgungen für die Redaktion machen. Dazu war Anna zu gebrauchen,

die, von Haus aus flink, noch ganz besonders zu rennen verstand, wenn

ihr Patriotismus aufgerufen wurde. Gar oft lief über Mittag eine

Depesche ein, wurde sie augenblicklich in die Druckerei gebracht, so kam

sie eben noch recht für die im Druck befindliche Nummer. Dann ergriff

Anna das Telegramm, rannte in der Schürze, ohne Hut, über den glühend

heißen Odeonsplatz und die Drucker wußten schon, wenn sie so atemlos

hereingeflogen kam: was dieser Eilbote brachte, das _mußte_ noch in die

heutige Nummer. Heimwärts nahm sich das Kind dann wohl vor, nie mehr

ohne Hut über den heißen Platz zu laufen, trat aber wieder derselbe Fall

ein, so ging ihr doch wieder die Süddeutsche Zeitung über alle

persönlichen Rücksichten.

War nun in diesem geschäftigen Betriebe die Hausfrau fast unentbehrlich,

vergaß sie auch alle persönlichen Bedürfnisse über der großen Sache, der

sie mit diente, so kam doch ein Ereignis, durch das sie sich plötzlich

abrufen ließ aus ihrem Familienkreis, es kam die Nachricht von der

schweren Erkrankung ihrer Mutter. Frau Pfaff war zu ihrer Tochter Luise

Sartorius gereist, die in Bayreuth, ihrer damaligen Heimat, erkrankt

war, und als Pflegerin der kranken Tochter hatte sie selbst sich eine

Lungenentzündung zugezogen. Ihr Sohn Fritz war auf diese Nachricht nach

Bayreuth gereist und er war es auch, der Pauline von der bedenklichen

Erkrankung Mitteilung machte. Noch am selben Tage verließ sie München

und reiste mit bangem Herzen zu der Mutter. Wie sie die Kranke fand,

schildert sie selbst ihrem Manne:

»Ich habe Dir seit gestern schon oft und immer wieder mein Leid geklagt

und wenn ich dies jetzt wirklich schreibe, so wird mir's doch nicht

leichter ums Herz. Wenn ich so bei meiner guten Mutter sitze, so kann

ich es nicht begreifen, daß dieses das Wiedersehen sein soll, auf das

ich mich schon so lang freute, und daß es das letzte sein soll; wenn ich

nur recht so wie ich möchte bei ihr bleiben und weinen dürfte, aber um

Luisens willen und um meiner Augen willen muß ich so viel als eben

möglich an mich halten. Ich will Dir erzählen, wie es ging: Auf meiner

Herreise, nachdem ich mir immer und immer wiederholte, was im Brief und

der Depesche von Fritz gestanden war, ward ich nach und nach beruhigt

und glaubte zuversichtlich das Gute; als ich hier ankam, sah ich Fritz

schon von weitem und sah auch gleich, daß ich mich getäuscht hatte, er

hatte keine Hoffnung mehr und ich konnte es nicht glauben, nicht eher

als bis ich wirklich die letzten Atemzüge gehört hatte.... Als ich ankam

und sie begrüßte, konnte sie mir's nur dadurch erwidern, daß sie mich

ansah, ebenso schlug sie die Augen auf, als ich ihr einen Gruß von den

Kindern sagte. Ihr Anblick schmerzte mich, daß ich's nie vergessen

werde, ich kannte sie kaum, so waren die Züge von Schmerz und

Anstrengung entstellt....

Um zwei Uhr nachmittags zeigten sich die ersten Spuren des herannahenden

Todes, sie lag regungslos und atmete in immer größeren Zwischenräumen,

um halb fünf Uhr standen wir beide, Fritz hielt sie im Arm und horchten

noch lange, ob es wirklich der letzte Atemzug gewesen sei; es war vorbei

und der ruhige, friedliche Ausdruck, dem sogleich die Schmerzensmiene

weichen mußte, ist jetzt unser einziger Trost. Morgen um halb vier Uhr

nachmittags wird sie begraben, das treueste, liebevollste Herz, das es

auf dieser Welt nur geben kann.

Luise hat diesen Schlag weniger empfunden, als wir fürchteten, sie ist

wohl noch zu sehr von ihrem eigenen Leiden (Typhus) hingenommen. Ihr

Zustand ist bedenklich, sie ist jetzt nach neun Wochen noch nicht so

weit, daß sie sich selber im Bett bewegen kann.... Daß die Mutter auf

diese Weise sterben mußte, darüber kann ich mich nicht leicht beruhigen,

die Krankheit wurde selbst verschuldet.«

Über diesen Punkt sucht ihr Mann sie zu trösten und schreibt: »Sie ist

in der Aufopferung für andere, der ihr ganzes _Leben_ gewidmet war, auch

_gestorben_. Darüber darfst Du nicht klagen, sie ist wirklich in ihrem

Beruf gestorben, dem sie sich von niemand gewaltsam hätte entziehen

lassen.«

Wenige Wochen nach der Mutter erlag auch die Tochter Luise der schweren

Krankheit, ein harter Schlag für den Mann und die fünf Kinder, deren

ältestes noch kaum erwachsen war, ein tiefschmerzlicher Verlust auch für

Pauline, die der Schwester innig nahe gestanden war. An den verwitweten

Schwager Sartorius schreibt sie:

»Ich lese Deine Briefe immer wieder sowie auch die Deiner Kinder und bin

mit meinen Gedanken immer bei Euch; in solcher Zeit fühlt man die

Trennung von denen, die die gleiche Trauer haben, sehr schwer, man

möchte immer nur von den geliebten Heimgegangenen sprechen, da der

Gedanke an sie das ganze Herz ausfüllt; hier fühle ich mich mit meiner

Betrübnis ziemlich einsam, nicht als ob mein Mann nicht vollkommene

Teilnahme mir erwiese, hat er doch beide sehr geliebt und erkannt,

allein soll ich ihm, dem Vielgeplagten, immer meine Betrübnis zeigen,

ihn in den kurzen Erholungsstunden immer in meine Trauer hereinziehen?

Ich kann das nicht.«

In treuem, stillem Herzen bewegte sie das Schicksal der mutterlosen

Kinder und in späteren Briefen finden wir einmal den Vorschlag, »den

kleinen Hansel« zu sich zu nehmen, dann wieder die Tochter Elise mit den

eigenen Töchtern zu erziehen. Es kam aber nicht dazu, hingegen erlebte

Pauline in späteren Jahren die Freude, daß die mutterlose Schar aufs

neue eine treue Mutter bekam. Lina Rohmer war es, ihre bewährte

Freundin, die durch die Verheiratung mit Sartorius ihre Schwägerin und

durch dieses doppelte Band besonders lieb und vertraut wurde.

Im Sommer 1861 gönnte sich Brater mit seiner Familie eine kleine

Erholungszeit in Ammerland am Starnberger See. Das war ein köstliches

Ausruhen nach anstrengender Arbeit in der Kammer und ihren Ausschüssen,

nach dem aufreibenden Getriebe in der Redaktion, es war auch für Pauline

eine wohltuende Freude nach den schmerzlichen Trauerfällen, und eine

Wonne für die Schulkinder. In einem Fischerhäuschen wohnten sie, bei

freundlichen Leuten, brachten die Tage in dem nahen Wald und auf dem See

zu, sich der schönen Natur, der Ruhe und vor allem des ungestörten

Beisammenseins freuend. Gab es das ganze Jahr hindurch kaum eine andere

Freude als die _eine_, allerdings tief beglückende, das Tagewerk gut

vollbracht zu haben, so wurde nun der Naturgenuß, die freie Muße mit

wohligem Behagen empfunden. Für drei Tage machten die Eltern allein

einen Ausflug weiter hinein ins Gebirge und genossen das Glück, sich

wieder einmal ganz anzugehören. Mit großem Vertrauen und beneidenswerter

Sorglosigkeit ließen sie das zehn- und elfjährige Schwesternpaar im

Fischerhäuschen zurück, wo die Kinder sich mit großem Stolze Frühstück

und Abendbrot besorgten und mittags harmlos im Wirtsgarten aßen.

Ein längerer Landaufenthalt war freilich nicht möglich, denn die Arbeit

drängte. Als Mitbegründer des deutschen Nationalvereins hatte Brater

überdies viele Reisen zu machen, Besprechungen in Frankfurt, Eisenach,

Koburg, Gotha nahmen seine Zeit und Kraft in Anspruch und immer schien

solche Tätigkeit fürs Vaterland zu wichtig, um sie aus Rücksicht auf die

eigene Person zu unterlassen, aber endlich versagte die Kraft.

Der Winter 62 auf 63 brachte noch besonders viel Arbeit, da die nötigen

Hilfskräfte fehlten. In einem Neujahrsbrief an Lina Rohmer schreibt

Pauline: »Diesem Jahr sehe ich mit Grausen entgegen; unser neuer

Mitredakteur ist sehr kränklich und es fragt sich, wie lange er

aushalten wird, er hat schon selbst seine Befürchtungen ausgesprochen

und hätte sich gar nicht auf dieses Geschäft einlassen sollen« und eine

Nachschrift dieses Briefes teilt mit: »Unser Redakteur liegt heute

bereits im Bett, hat heute Nacht einen Blutsturz bekommen, doch sei es

nicht gefährlich. -- Ich bin in Verzweiflung.«

Selbstverständlich mußte bei solch plötzlichem Versagen der Hilfskräfte

immer Brater seine eigene schon aufs äußerste angespannte Kraft

einsetzen, denn die Zeitung verlangte unerbittlich ihre tägliche Nahrung

und wenn Frau Brater mit »Grausen« das neue Jahr angetreten hatte, wenn

sie, so wenig ängstlich von Natur, sich Sorgen machte, so war das

Unheil nahe im Anzug, ja es war schon da.

Gegen Ende des Winters schreibt sie an Ernst Rohmer: »Meinem Mann hat

der fatale Winter schließlich doch auch noch einen recht hartnäckigen

Husten angehängt, der mir oft Sorge macht, besonders da er ihn schon

vorigen Herbst mehrere Monate lang nicht los brachte; vor einigen Tagen

bekam er nun ganz plötzlich einen ziemlich starken Anfall von

Beklemmungen auf der Brust und Atmungsbeschwerden, die noch nicht ganz

vorüber sind, doch erklärte Lindwurm nach genauer Untersuchung, daß es

nur rheumatisch und katarrhalisch sei, die Lunge sei ganz gesund. Daß er

ihn nach Berlin reisen läßt, wundert mich trotzdem und ich würde es

gewiß nicht gutwillig geschehen lassen, wenn ich nicht andererseits in

der Unterbrechung seiner gewöhnlichen Anstrengung auch einen Vorteil

sähe; wenn es nur ein mäßiges Wetter wird, ich bin eben doch in großer

Sorge.«

Sechs Wochen später -- und die beiden Ärzte Professor Lindwurm und der

befreundete Professor #Dr.# Hecker vereinigen sich in dem Ausspruch,

Brater müsse das überanstrengende Geschäft der Redaktion abgeben, müsse

das rauhe Münchner Klima verlassen und müsse noch, ehe dies alles

geordnet und ein dauernder Aufenthalt bestimmt sei, so bald wie möglich

fort in mildere Gegend.

Schwer trafen diese drei harten »Muß« den Mann, der wohl wußte, daß die

Süddeutsche Zeitung von seiner Persönlichkeit abhing, und seiner Frau

war es zumute, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte. In der Tat,

war nicht alles erschüttert und bedroht? Die Heimat, die Lebensstellung,

das Leben ihres Mannes und somit ihr Glück?

Noch ehe Brater einen Entschluß wegen der Zeitung fassen konnte, mußte

er München verlassen, um den rauhen Frühlingsstürmen zu entgehen. Das

war eine Trennung so bitter und schmerzlich wie keine vorher. Aber

freundlich bot sich dem Erkrankten eine Stätte zur Erholung. Der

Abgeordnete Buhl, ein treuer Gesinnungsgenosse und Freund, der in

Deidesheim in der Pfalz einen herrlichen Wohnsitz hatte, lud ihn

herzlich zu sich ein und so bald die nötigste Vertretung gefunden war,

reiste er dorthin. Die Sorge für die Zeitung begleitete ihn. In

Versammlungen national Gesinnter wurde beraten über die Fortführung der

Zeitung. »Wir sahen«, schreibt Baumgarten, »wie die Zeitung jeden Tag

mehr Herr des wichtigen Terrains wurde; noch eine kurze Frist und sie

hätte alles dominiert. Aber auch jetzt noch war keine Kraft da, welche

für Brater hätte eintreten können. Ohne ihn war das Blatt noch immer in

München unmöglich.«

So blieb denn keine andere Möglichkeit als entweder die Süddeutsche

Zeitung ganz eingehen zu lassen oder sie an einen Ort zu verlegen, an

dem ihre Redaktion nicht mit so ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden

war wie in München und sich demnach leichter ein Redakteur finden ließe.

Von Deidesheim aus schreibt darüber Brater an seine Frau: »Gestern sind

Bluntschli und Baumgarten hier gewesen, die inzwischen in Heidelberg ...

verhandelt haben. Das Resultat wäre, daß vom 1. Juli an die Süddeutsche

Zeitung, herausgegeben von Brater und Lammers, in _Frankfurt_ erscheint.

Die Redaktion würde mich nichts angehen, es handelt sich meinerseits

(unter Fortdauer der bisherigen finanziellen Verhältnisse) nur um

Leitartikel und zeitweilige Konferenzen mit der Redaktion. In einer

politischen Versammlung (Mitte Mai in Frankfurt) soll die Sache auch

noch öffentlich zur Sprache gebracht und sanktioniert werden. Ich

glaube, daß wir mit diesem Schritt das Zweckmäßigste tun, was unter den

obwaltenden Umständen geschehen kann und daß auch Du damit einverstanden

sein wirst. Bis auf weiteres darf davon _durchaus nichts verlauten_, die

Redaktion darf die Sache nur durch mich erfahren, was in etwa acht Tagen

geschehen wird.«

Zugleich mit diesem Plane, der auch zur Ausführung kam, wurde die Frage

über den künftigen Aufenthalt der Familie beraten. Am Sitz der Redaktion

selbst sollte Brater nicht wohnen, um nicht aufs neue zu sehr in das

Getriebe hineingezogen zu werden, doch allzuweit sollte er auch nicht

davon entfernt sein, eine Stadt in der Nähe von Frankfurt schien am

günstigsten. Viele Briefe gingen zwischen Deidesheim und München hin und

her, bis einer derselben den energischen Vorschlag brachte, Pauline

solle zu ihrem Manne kommen, mündlich ließe sich das alles viel leichter

beraten. Zur Beaufsichtigung der Kinder und des Haushaltes war die

Schwester Julie Brater bereit und so folgte Pauline dem Ruf und reiste

über Württemberg nach der Pfalz. Es waren schon einige Wochen seit

Braters Abreise verflossen, seine Nachrichten hatten jedesmal über

fortgesetzte, wenn auch langsame Besserung berichtet, mit unendlicher

Sehnsucht sah sie der Wiedervereinigung entgegen und wurde aufs

liebevollste in dem gastlichen Hause Buhl aufgenommen. Aber die Wochen

der Trennung mochten die Ursache sein, daß sie ihren Mann objektiver

betrachtete und nun sah, wie krank er war. Wir lesen es zwischen den

Zeilen in einem Brief an ihre Schwägerin Julie in München, wo es nach

der Beschreibung der Reise heißt: »Was nun die Hauptsache ist, so

konnte ich mich im ersten Augenblick des Wiedersehens kaum recht fassen

ob meiner getäuschten Erwartungen, vielleicht hatte ich mir bei den

fortwährenden Besserungsberichten zu viel Hoffnung gemacht.... So war

ich gestern in recht trauriger Stimmung, die ich kaum zu verbergen

wußte, Karl ist sehr heiter, und heute habe ich mich nun auch gefaßt und

schiebe alle eingehenden Gedanken auf die Seite. Es gibt so viel zu

beraten und zu überlegen, daß wir noch gar nicht angefangen haben, was

kann man auch am Ende für Entschließungen fassen, wo doch alles von

Karls Besserung abhängt? Möchte es Gottes Wille sein, daß uns diese

Bitte erhört wird!... Hier ist alles herrlich, die Natur und das Haus,

aber trotzdem will Karl die Gastfreundschaft nicht zu lang in Anspruch

nehmen und möchte eben gern bei den Seinen sein.«

Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau · 第 16 / 31 题