Don Quijote

Als Don Quijote, der allbekannte Ritter von der traurigen Gestalt, der

hochherzigste aller Edlen, die je in der Welt gelebt, sich einst mit

seinem treuen Waffenträger Sancho auf der Jagd nach Abenteuern

herumtrieb, ward er plötzlich von einem Zweifel angefochten, der ihn

zwang, lange und tief nachzudenken.[47] Es kam ihm plötzlich in den

Sinn, daß schon seit _Adam de la Halle_ die alten Ritter, deren

Lebensgeschichten in den wahrheitsgetreuesten Büchern bis auf den

heutigen Tag erhalten sind – in den sogenannten Ritterromanen, zu deren

Erwerb Don Quijote sich nicht scheute, einige der besten Landstücke

seines sowieso nicht großen Besitztums zu verkaufen –, daß häufig diese

Ritter während ihrer ruhmreichen und aller Welt Nutzen bringenden

Streifzüge plötzlich ganze Heere von nicht weniger als hunderttausend

Kriegern antrafen! Diese furchtbaren Heere wurden ihnen gewöhnlich von

irgendeiner feindlichen Macht auf den Hals geschickt, oder auch von

bösen, neidischen Zauberern, die alles mögliche ersannen, um sie zu

verhindern, ihr großes Ziel zu erreichen und dann endlich zu ihren

holden Damen heimkehren zu können. Gewöhnlich geschah es dann, daß der

Ritter, wenn er so einem ungeheuerlichen feindlichen Heere begegnete,

sein Schwert zog, noch schnell zu seinem Schutz den Namen seiner Dame

anrief, sich darauf allein, wie er war, auf die hunderttausend Feinde

stürzte und sie natürlich alle bis auf den letzten niederhieb. Man

sollte meinen, daß diese Tatsache keinem Zweifel unterliegt. Doch Don

Quijote verfiel darob plötzlich in tiefes Nachdenken. Und worüber denn

eigentlich? Ja, es schien ihm mit einem Male unmöglich, daß ein einziger

Ritter, wie stark er auch sei, und selbst wenn er mit einem

siegbringenden Schwerte vierundzwanzig Stunden lang ohne jegliche

Ermüdung um sich schlüge, hunderttausend Feinde töten könnte, und zwar –

in einer einzigen Schlacht! Um _einen_ Menschen zu töten, braucht man

immerhin etwas Zeit; um _hunderttausend_ Menschen zu töten, braucht man

ungeheuer viel Zeit, und wie man da auch mit dem Schwerte fuchteln

wollte, – in irgendwelchen fünf, sechs Stunden und ohne jede Ruhepause

könnte das ein einzelner denn doch nicht fertigbringen, meinte weise Don

Quijote. Nun aber steht es in diesen wahrheitsgetreuesten Büchern

ausdrücklich, daß die Sache gerade in einer _einzigen_ Schlacht geschah.

Wie war das möglich?

„Ich habe dieses Rätsel gelöst, mein Freund Sancho,“ sagte endlich Don

Quijote. „Da alle diese Riesen, alle diese bösen Zauberer unreine Mächte

waren, so waren ihre Heere gleichfalls von dieser unreinen Art. Ich

nehme an, daß sie nicht aus ganz solchen Menschen wie wir zum Beispiel

bestanden. Jene Menschen wurden durch Zauberei hervorgerufen, also waren

aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre Leiber nicht den unsrigen

ähnlich, sondern eher denen der ... sagen wir, Mollusken, Weichtiere,

Würmer, Spinnen. Auf diese Weise konnte ein festes, scharfes Schwert,

von mächtiger Ritterhand geführt, alle diese Leiber in einem Augenblick

durchschlagen, fast ohne Widerstand zu finden, – es ging wie durch die

Luft! So konnte es denn tatsächlich mit einem Hieb durch drei oder vier

Leiber gehen, ja sogar durch zehn, wenn sie eng beieinander standen.

Jetzt erst wird es einem klar, wie sich die Sache für den Ritter so

ungemein vereinfachte, daß er wirklich in wenigen Stunden ganze Heere

dieser bösen Araber und anderer Ungeheuer vernichten konnte ...“

Hiemit hat der große Dichter und Menschenkenner eine der tiefsten,

geheimnisvollsten Saiten des Menschenherzens berührt. Oh, das ist ein

großes Buch: es gehört zu den ewigen, zu denen, die der Menschheit nur

in langen Abständen geschenkt werden. Und solche Beobachtungen des

Tiefsten in unserer menschlichen Natur findet man in diesem Buch auf

jeder Seite. Schon der eine Umstand, daß dieser Sancho, diese

Verkörperung der gesunden Vernunft, der Schlauheit und der goldenen

Mitte, des allerwahnsinnigsten Menschen Freund und Reisegefährte wurde,

gerade er und kein anderer! Die ganze Zeit über betrügt er ihn wie ein

kleines Kind, und doch ist er unerschütterlich von seines Herrn großem

Verstande überzeugt, ist er bis zur Rührung von dessen Herzensgröße

bezaubert, glaubt er felsenfest an alle phantastischen Träume des

Ritters, und kein einziges Mal bezweifelt er, daß dieser ihm endlich

doch noch eine Insel erobern werde! Wie wünschenswert wäre es, daß

unsere Jugend dieses große Werk kennen lernte. Ich weiß zwar nicht, was

man jetzt in den Schulen von der Literatur durchnimmt; doch weiß ich,

daß dieses größte und traurigste aller Bücher, die vom Genie des

Menschen geschaffen worden sind, die Seele gar manches Jünglings durch

einen großen Gedanken erhöhen würde, in sein Herz die Keime großer

Fragen säen und seinen Geist von der ewigen Anbetung des dummen Idols

der Mittelmäßigkeit, der selbstzufriedenen Eigenliebe und der gemeinen

„Lebensweisheit“ ablenken könnte.

Dieses _traurigste_ der Bücher wird der Mensch nicht vergessen, zum

letzten Gericht Gottes mit sich zu nehmen. Er wird auf das im Buche

enthaltene tiefste, unheilvollste Geheimnis des Menschen und der

Menschheit hinweisen: daß die größte Schönheit des Menschen, seine

höchste Reinheit, Keuschheit, Treuherzigkeit, sein ganzer Mut und

endlich sein größter Verstand – leider nur zu oft ohne Nutzen für die

Menschheit vergehen und sich sogar in einen Gegenstand des Spottes

verwandeln, nur weil dem Menschen, dem diese reichen Gaben so häufig

zuteil werden, bloß die eine letzte Gabe fehlt: das _Genie_, den

Reichtum und die Macht dieser Gaben zu beherrschen, zu lenken und sie –

das ist das Wichtigste – nicht auf den phantastischen, wahnsinnigen,

sondern auf den _richtigen_ Weg zu leiten, sie zum Heile der Menschheit

zu gebrauchen. Doch leider wird den Rassen und Völkern so wenig, so

selten Genie geschenkt, daß wir häufig das Schauspiel dieser

Schicksalsironie sehen müssen: wie die Tätigkeit der edelsten und

glühendsten Menschheitsfreunde – dem Spottgelächter und der Steinigung

preisgegeben wird, weil sie es in der Schicksalsstunde nicht verstehen,

in den wahren Sinn der Dinge einzudringen und ihr _neues Wort_ zu

finden. Dieses Schauspiel aber des zwecklosen Unterganges so großer,

edler Kräfte kann in der Tat gar manchen Menschenfreund zur Verzweiflung

bringen, in ihm nicht mehr Gelächter, wohl aber heiße Tränen

hervorrufen, und sein bis dahin gläubiges Herz auf ewig mit Zweifeln

vergiften ...

Übrigens habe ich ja nur auf einen einzigen Charakterzug Don Quijotes

hinweisen wollen, auf eine der unzähligen tiefen Beobachtungen, die

Cervantes am Menschenherzen gemacht und so meisterhaft dargestellt hat.

Der phantastischste Mensch, der bis zum Wahnsinn von der

phantastischsten Illusion, die man sich nur denken kann, überzeugt ist,

wird plötzlich von Zweifeln befallen, die seinen ganzen Glauben zu

erschüttern drohen. Und merkwürdig ist, was diese Zweifel hervorruft:

nicht die Ungereimtheit seines anfänglichen Wahnes, noch die Schilderung

jener zum Wohle der Menschheit abenteuernden Ritter, noch der Unsinn der

Zauberwunder, von denen die „wahrheitsgetreuesten“ Bücher erzählen;

nein, es ist ein gänzlich nebensächlicher Umstand, der plötzlich Zweifel

in ihm erweckt. Der phantastische Mensch wird plötzlich von der

_Sehnsucht nach dem Realismus_ erfaßt! Nicht die Tatsache, daß plötzlich

Heere hervorgezaubert werden, verwirrt ihn: oh, das ist nicht dem

geringsten Zweifel unterworfen! Wie hätten denn sonst diese prächtigen

Ritter ihren Heldenmut beweisen können, wenn ihnen nicht solche

Prüfungen geschickt worden wären, wenn es nicht neidische Riesen und

böse Zauberer gegeben hätte? Das Ideal des fahrenden Ritters ist so

hoch, so schön und nützlich und hat das Herz des edlen Don Quijote so

bezaubert, daß der Verzicht auf den bedingungslosen Glauben an dasselbe

für ihn bereits unmöglich geworden ist, ja dem Verrat der Pflicht, dem

Verrat der Liebe zu Dulcinea und zur Menschheit gleichgekommen wäre.

(Als er aber auf alles verzichtet hatte, als er von seinem Wahn geheilt

und „_klüger_“ geworden war, – nach der Rückkehr von seiner zweiten

Ausfahrt, auf der er von dem Barbier Carasco, dem Verneiner und

Satiriker mit der „gesunden Vernunft“, geschlagen worden war – da starb

er alsbald, still und mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen, indem

er noch den weinenden Sancho tröstete, die ganze Welt liebte mit der

großen Kraft jener Liebe, die in seinem heiligen Herzen eingeschlossen

war, und doch noch einsah, daß er auf dieser Welt nichts mehr zu tun

hatte.) Nein, es verwirrte ihn nur – eine durchaus richtige, vollkommen

mathematische Erwägung: daß es, wie sehr der mächtige Ritter auch mit

dem Schwerte um sich schlagen und wie stark er auch sein mag, immerhin

unmöglich ist, ein Heer von hunderttausend Mann in wenigen Stunden, oder

sagen wir, selbst in einem Tage, zu besiegen, und zwar: bis auf den

letzten Mann! So aber steht es in den wahrheitsgetreuesten Büchern.

Folglich steht dort ein Lüge? Ist aber schon eines Lüge, dann ist auch

alles andere Lüge. Wie nun die _Wahrheit_ retten? Und siehe, da denkt er

sich denn zur Rettung der Wahrheit eine andere Illusion aus, eine, die

zweimal, dreimal phantastischer, einfältiger und unsinniger ist als die

erste, denkt sich hunderttausend hervorgezauberte Menschen mit

Molluskenleibern aus, durch die aber dafür das scharfe Schwert des

Ritters zehnmal leichter und schneller hindurchgehen kann als durch die

gewöhnlichen Menschenleiber! Der _Realismus_ ist also befriedigt, die

_Wahrheit gerettet_, und an die erste Hauptillusion kann er nun ruhig

weiterglauben; und das wiederum einzig dank der zweiten, viel

unsinnigeren Illusion, die er sich bloß zur Rettung des _Realismus_ der

ersten ausgedacht hat.

Man gehe doch in sich und prüfe sich: ist nicht mit jedem von uns ganz

dasselbe schon hundertmal im Leben geschehen? Nehmen wir an, ihr habt

einen eurer Träume liebgewonnen, eine Illusion, eine Idee, eine

Überzeugung oder irgendeine äußere Tatsache, die euch erschüttert, oder

schließlich ein Weib, das euch bezaubert hat. Mit eurer ganzen Seele

gebt ihr euch dem Gegenstande eurer Liebe hin. Doch – seid ihr auch noch

so verblendet, noch so von eurem Herzen bestochen: ist in diesem

Gegenstand eurer Liebe eine Lüge, irgend etwas, das ihr selbst durch

eure Leidenschaft entstellt habt, das ihr in dem ersten Drang und

Aufschwung eurer Seele nicht sehen gewollt – nur um aus diesem

Gegenstande euer Idol machen und es dann anbeten zu können, – so wird

doch schon der Zweifel an euch herankriechen. Nur im geheimen natürlich,

nur im tiefsten Innersten werdet ihr es fühlen, werdet ihr es bangend

fühlen, wie der Zweifel an euch herankriecht, euch benagt, euren

Verstand zerrt, sich durch eure Seele windet und euch ewig hindert, mit

eurem liebgewonnenen Traume in Frieden zu leben. Nun, erinnert ihr euch

vielleicht, womit ihr euch dann beruhigt habt? Habt ihr euch dann nicht

einen neuen Traum ausgedacht, eine neue Lüge, vielleicht sogar eine

furchtbar unvollkommene, grobe Lüge, an die aber zu glauben ihr euch in

Liebe beeiltet, nur weil sie euch von eurem ersten Zweifel befreite?

Mollusken, die man für Menschen hält.

Was ist für uns vorteilhafter: wenn man über uns die Wahrheit

weiß, oder wenn man über uns Unsinn schwätzt?

Heutzutage hat sich Europa in die Türken verliebt, natürlich – mehr oder

weniger. Früher, zum Beispiel vor einem Jahr, da wußte man im Westen

wenigstens, daß es nur aus Haß gegen Rußland geschah, wenn man sich

bemühte, in den Türken irgendeine große nationale Kraft zu entdecken.

Wie hätten die klugen Europäer es auch nicht einsehen sollen, daß in der

Türkei die Kräfte eines regelrechten gesunden Nationalorganismus weder

sind noch sein können, ja, daß ein Organismus vielleicht überhaupt nicht

mehr vorhanden ist (dermaßen faul und zerfressen ist er), und daß die

Türken nur eine asiatische Horde, nicht aber einen regelrechten Staat

bilden. Jetzt jedoch, seit der Zeit, da die Türkei gegen Rußland Krieg

führt, hat sich allmählich an bestimmten Stätten Europas die tatsächlich

ernste Überzeugung festgesetzt, daß diese Nation nicht nur überhaupt

einen Organismus ausmache, sondern außerdem noch ein sehr starker

Organismus sei, sogar einer, dem man große Entwicklung und große

Fortschritte prophezeien könne. Dieser Gedanke bezaubert gar viele

europäische Geister immer mehr, und schließlich ist er auch zu uns

herübergekommen: auch hier in Rußland spricht man schon von Kräften, die

die Türkei plötzlich bewiesen haben soll. In Europa hat sich diese

Auffassung wiederum nur aus Haß gegen Rußland verbreitet, bei uns aber –

aus Kleinmut und der ungeheuren Eilfertigkeit zu pessimistischen

Schlüssen, die nun einmal eine charakteristische Eigenschaft der

intelligenten Klassen unserer Gesellschaft ist; eine Eigenschaft, die

sich immer wieder kundtut, sobald irgendwo unsere „Mißerfolge“ beginnen!

So ist denn jetzt in Europa dasselbe vor sich gegangen, was einstmals im

armen Geiste Don Quijotes vor sich ging, nur in umgekehrter Form, doch

das Wesen der Sache ist hier wie dort dasselbe: jener dachte sich, um

die _Wahrheit_ zu retten, Menschen mit Molluskenleibern aus, die

Europäer dagegen haben jetzt, um ihre Illusion von der Nichtigkeit und

Schwäche Rußlands, die sie so wohlig beruhigt, zu retten, – eine echte

Molluske für einen Menschenorganismus erklärt und ihn mit Fleisch und

Blut, mit Kraft und Gesundheit ausgestattet. Über Rußland aber

verbreitet man jetzt selbst in den gebildetsten Staaten den größten

Unsinn. Auch früher kannte man uns in Europa wenig, sogar so wenig, daß

man sich immer nur wundern mußte, wie dermaßen aufgeklärte Völker so

wenig bestrebt sein konnten, jenes Volk kennen zu lernen, das sie doch

alle von jeher hassen und fürchten. Diese Unkenntnis unseres Wesens in

Europa und sogar die gewisse Unfähigkeit Europas, uns in manchen

Beziehungen zu verstehen, ist ja für uns Russen teilweise auch

vorteilhaft gewesen, und so wird sie uns schließlich auch fernerhin

nicht schaden. Mögen sie nur schwatzen von Rußlands „schmachvoller

Rückständigkeit als Militärmacht“, ungeachtet der Zeugnisse ihrer

eigenen Kriegsberichterstatter, die über die militärische Begabung, die

Festigkeit und Ausdauer und die Disziplin des russischen Soldaten wie

Offiziers erstaunt sind; mögen sie selbst die bedeutendsten Fehler des

russischen Generalstabes zu Anfang des Krieges nicht nur für

unverbesserlich halten, sondern auf organische Mängel unseres Heeres

zurückführen, – wobei sie natürlich vergessen, wie oft wir sie in diesen

letzten zwei Jahrhunderten geschlagen haben. Mögen schließlich die

_ernstesten_ ihrer politischen Blätter der Welt als wahr melden, daß es

bei uns zu einer riesigen Volksverschwörung auf der Wyborger Seite in

Petersburg gekommen sei, und daß die Regierung zwei Regimenter aus

Dünaburg zur Rettung Petersburgs herbeigerufen habe, – schön, mögen sie

das in ihrer blinden Wut von uns sagen! Ich wiederhole: für uns ist es

sogar vorteilhaft; denn sie ahnen ja nicht einmal, was sie anstiften!

Sie würden doch so gern in allen ihren Völkern Haß gegen uns erwecken,

gegen die „gefährlichen Gegner unserer europäischen Zivilisation“. Und

doch sind sie es dann selbst, die uns wiederum als verloren hinstellen,

uns in einer „bis zur Schmach lächerlichen Schwäche als Militärmacht und

Staatsorganismus“ schildern. Wer aber wirklich so schwach und nichtig

ist, der bringt doch wahrlich nicht in dieser Weise ganze Koalitionen

gegen sich zusammen!

Man stelle sich nur vor, Europa sollte genaue Kenntnis von dieser Kraft

unseres Geistes, unseres Gefühls haben, von dem unerschütterlichen

Glauben unseres Volkes an die Gerechtigkeit der großen Tat, für die sein

Zar jetzt das Schwert gezogen hat, und an den unfehlbaren Sieg dieser

Idee, wenn auch nicht sofort, dann doch in der Zukunft! Man stelle sich

nur vor, Europa könnte endlich begreifen, was dieser im höchsten Grade

nationale Krieg für Rußland bedeutet, und daß unser Volk keineswegs eine

tote, seelenlose Masse ist, wie sie es sich dort immer vorstellen,

sondern ein mächtiger und sich seiner Macht bewußter Organismus, der als

Ganzes wie ein einziger Mann fest zusammengefügt dasteht und eines

Herzens und eines Willens mit seinem Heere ist. Welch einen Schreck und

welch eine Aufregung würde dieses Wissen dort überall hervorrufen! Und

das würde natürlich schon eher zu einer offenen Koalition Europas gegen

uns führen, als die so gern gelesenen Berichte über unsere

Kraftlosigkeit und Dekadenz. Nein, da ist es denn doch besser, wenn wir

sie ruhig an die „Volksverschwörung in der Wyborger Vorstadt“ glauben

lassen – ihnen zum Troste und uns zur Erheiterung.

Daß man in Europa jetzt an die Türken glaubt, ist ja schließlich ganz

begreiflich; wir wissen doch, warum man es dort tut. Wie aber kann man

bei uns sich deswegen aufregen und sogar an irgendwelche neue, plötzlich

aufgetauchte Lebenskräfte der türkischen Nation glauben? Wodurch hat die

Türkei diese Kräfte bewiesen? Durch den Fanatismus? „Fanatismus ist

nicht Kraft“, haben bei uns schon hundertmal diese selben Leute

verkündet, die jetzt plötzlich an die türkischen Kräfte glauben. Man

spricht von den türkischen Siegen. Die Türken haben nur ein- oder

zweimal unsere Angriffe zurückgeworfen, und das sind, wie man weiß, nur

negative, nicht positive Siege. Als wir aber in Sebastopol einen Angriff

der Franzosen und Engländer mit furchtbaren Verlusten der letzteren

zurückschlugen, da sprach Europa kein Wort von einem russischen „Siege“.

Wir haben während der ganzen zwei letzten Monate bedeutend weniger

Truppen gehabt, als die Türken: warum haben sie das nicht ausgenutzt?

warum uns nicht über den Balkan zurückgedrängt, warum nicht über die

Donau zurückgeworfen? Dagegen haben wir überall unsere wichtigsten

Stellungen behauptet und überall die Türken zurückgeschlagen. Zuweilen

haben sieben oder acht unserer Bataillone zwanzig der ihrigen

geschlagen, wie z. B. noch vor kurzem bei Zerkownjä. Die von der Kraft

der Türken überzeugten Pessimisten weisen auf das Gewehr und die

Artillerie der Türken hin, die, wie es heißt, besser sein sollen, als

unser Gewehr und unsere Artillerie. Trotzdem wollen sie nicht zugeben,

daß wir im Grunde genommen nicht nur mit den Türken, sondern mit den

europäischen Mächten kämpfen, da unzählige fremde Offiziere im

türkischen Heere dienen und letzteres mit europäischem Gelde ausgerüstet

ist, da die europäische Diplomatie seit dem Ausbruch des Krieges uns

überall Stangen in die Räder schiebt, wie z. B., wenn sie uns der Hilfe

unserer natürlichen Verbündeten beraubt und uns sogar das Recht

entzieht, auf dem einzigen direkten Wege in die Türkei einzudringen.

Außerdem hat Europa durch seinen Haß auf uns zweifellos den Fanatismus

der Türken angefacht. (In Europa wurde ja noch kürzlich eine

Verschwörung ganzer Horden aufgedeckt, die, organisiert und mit Geld und

Gewehren versehen, uns plötzlich in den Rücken fallen sollten.) Und zum

Überfluß hat Europa den Türken auch noch eine riesige Anleihe gewährt –

zum großen Nachteil für den eigenen Beutel. Und all dieses Unmögliche

ist doch nur möglich gewesen, weil man in Europa die Illusion, daß die

Türkei kein Molluskenreich sei, sondern ein Organismus von Fleisch und

Blut wie alle anderen europäischen Reiche, so liebgewonnen hat! Dabei

geschah dies zu derselben Zeit, als in mehreren Provinzen der Türkei das

Blut in Strömen floß, als unter den Machthabern der Türkei eine

regelrechte Verschwörung aufgedeckt wurde, die die Bulgaren bis auf den

letzten Mann ausrotten wollte! Jetzt aber erhalten die Türken ihr Heer

in den bulgarischen Provinzen mit solchen Requisitionen von

Lebensmitteln, Pferden und Vieh, daß sie sicher sein können, ihr Ziel zu

erreichen, nämlich: ihre reichste Provinz von Grund aus zu verwüsten.

Und diesen Zerstörern des eigenen Landes leihen die gebildeten,

zivilisierten Engländer noch Geld und glauben sogar an die türkische

Zahlungsfähigkeit! Doch schön, schön, mag das alles in Europa geglaubt

werden, dort ist das doch immerhin verständlich. Aber bei uns, wie kann

man nur bei uns die Türken für eine Kraft halten!? Die Zerstörung ihres

eigenen Landes und die Ausrottung der ganzen christlichen Bevölkerung –

ist denn das eine Kraft? Die wird ja nicht einmal bis zum Ende des

Krieges ausreichen. Die erste Wendung zu unseren Gunsten: und dieses

ganze phantastische Gebäude ihrer Militärmacht und Nationalkraft wird im

Augenblick zusammenstürzen und zergehen, wie eine richtige Schimäre, –

sogar samt ihrem Fanatismus, der wie stickiger Rauch durch eine

geöffnete Tür entfliehen wird.

Viele klugen Leute verwünschen jetzt einfach diese ganze Orientfrage.

„Wer hat uns eigentlich,“ fragen sie, „diese Slawen und dieses

Hirngespinst von einer Vereinigung aller blutsverwandten Stämme auf den

Hals geladen? und wozu überhaupt? Zu ewigem Streit mit Europa, zu ewigem

Mißtrauen uns gegenüber, damit nur ja der Haß des Westens auf uns nicht

abnehme! Daß sie der Teufel hole, diese Slawophilen!“ usw., usw. Diese

klugen Leute haben jedoch, wie es scheint, vollkommen falsche

Vorstellungen wie von den Slawophilen so auch von der Orientfrage. Ja,

wie sollte es auch anders sein! Haben sich doch viele von ihnen bis zur

jüngsten Zeit überhaupt nicht für diese Sache interessiert. Deshalb kann

man mit ihnen auch nicht streiten. Sie wissen es ja tatsächlich nicht,

daß diese Orientfrage – und mit ihr die Slawenfrage – keineswegs von den

Slawophilen heraufbeschworen oder ausgedacht worden ist (so etwas kann

man sich doch nicht ausdenken), sondern, daß diese Frage von selbst

entstanden ist, und das schon vor sehr langer Zeit: längst vor den

Slawophilen, längst vor uns, ja sogar vor Peter dem Großen und dem

russischen Staat. Entstanden ist sie mit der ersten Kristallisierung der

großrussischen Rasse zu einem einzigen russischen Reich, das heißt also,

zusammen mit dem Zarentum Moskau.

Die Lösung des Orientproblems ist eine Aufgabe, die das moskowitische

Zarentum fast schon am Tage seiner Entstehung auf sich nahm, und die

Peter der Große durchaus anerkannte und deshalb auch, als er Moskau

verließ, keineswegs abschüttelte, sondern mit sich nach Petersburg

hinübernahm. Peter begriff die organische Verbindung dieser Idee mit dem

Russischen Reiche und der russischen Seele. Darum ist sie auch in

Petersburg nicht nur nicht untergegangen, sondern von allen Nachfolgern

Peters geradezu als _russische Bestimmung_ angesehen worden. Darum

können wir sie auch jetzt nicht aufgeben – das wäre ein Verrat an uns

selbst. Die slawische Idee nicht mehr tragen und das Problem einer

Schicksalsentscheidung des östlichen Christentums – das Wesen der

Orientfrage – ungelöst aufgeben, wäre dasselbe, wie ganz Rußland

zerbrechen, in Splitter zerhauen und an seiner Stelle sich irgend etwas

Anderes und Neues ausdenken, was dann aber nichts mehr mit Rußland zu

tun hätte. Das wäre sogar nicht einmal Revolution, sondern einfach

Vernichtung, und darum ganz undenkbar: denn wie sollte man solch ein

Ganzes vernichten und es in einen von Grund auf neuen Organismus

umgebären können? So sind es denn auch nur noch die auf beiden Augen

blinden russischen „Europäer“, die diese Idee nicht einsehen können

und sie daher verleugnen, und mit ihnen höchstens noch die

Börsenspekulanten, – so nenne ich nun einmal grundsätzlich alle Russen,

die keine andere Sorge haben als die um ihren Geldbeutel, und die

infolgedessen auf Rußland nur vom Standpunkt ihrer Tasche aus sehen.

Jetzt klagen sie alle im Chor über die Stockung des Handels, über die

Börsenkrisis und das Sinken des Rubels. Wären aber diese

Börsenspekulanten nur so weit aufgeklärt, daß sie irgend etwas auch

außerhalb ihrer Sphäre verstünden, dann würde ihnen wohl aufgehen, daß

sie weit schlimmer daran wären, wenn Rußland diesen Krieg nicht begonnen

hätte. Damit es ein „Steigen“ gibt – selbst ein Steigen des Rubels an

der Börse –, muß die Nation auch wirklich leben, muß sie ein lebendiges

Leben führen und ihre natürliche Bestimmung erfüllen, nicht aber wie

eine galvanisierte Leiche in den Händen der Juden und Börsenjobber

liegen. Wenn wir nach allen zynischen, beleidigenden Herausforderungen

unserer Feinde diesen Krieg nicht begonnen hätten und den erschöpften

Märtyrern nicht zu Hilfe gekommen wären, so würden wir uns jetzt selbst

verachten müssen. Selbstverachtung aber, moralisches Sinken, und nach

ihm Zynismus, – sind sogar für die Geschäfte der Börsenjobber nicht

günstig. Die Nationen leben durch große Gefühle, durch große, alle

vereinende und alles erhellende Gedanken, und endlich durch die Einheit

des ganzen Volkes, die dann entsteht, wenn das Volk unwillkürlich seine

führende Intelligenz als mit ihm übereinstimmend anerkennt, woraus dann

die stärkste Nationalkraft strömt. Das ist es, wodurch die Nationen

leben, nicht aber durch Börsenspekulationen und die Sorge um den Wert

des Rubels! Je geistig reicher eine Nation ist, desto materiell reicher

wird sie sein ... Übrigens, was sind das doch wieder für alte Worte, die

ich da rede!

Sämtliche Werke 13 · 第 76 / 86 题