Idealisten oder Zyniker

Erinnert sich vielleicht noch jemand der Abhandlung über die

Orientfrage, die der unvergeßliche Professor und unvergleichliche Russe

Timofei Nikolajewitsch Granowski – wenn es wahr ist – im Jahre 1855

geschrieben hat, also gerade zur Zeit unseres Krieges mit Europa, zu

Beginn der Belagerung von Sebastopol? Ich habe sie jetzt[40] in

Anbetracht der wieder akut gewordenen Orientfrage nach langen Jahren

nochmals durchgelesen: und dieses alte ehrwürdige Schriftstück

interessierte mich diesmal weit mehr als damals, da ich es zum erstenmal

las und mit ihm vollkommen übereinstimmte. Es fiel mir jetzt besonders

zweierlei auf: erstens – die Anschauung eines damaligen Westlers über

unser Volk; und zweitens, und hauptsächlich – die, sagen wir,

psychologische Bedeutung des Artikels. Ich kann es nicht unterlassen,

meine Eindrücke hier mitzuteilen.

Granowski war ein beispiellos reiner, edler, guter Mensch: Idealist der

vierziger Jahre, dabei zweifellos eine ganz eigene, sonderbare und

äußerst originelle Erscheinung in der Reihe unserer damaligen

bekannteren führenden Geister. Er war unser ehrlichster Stepan

Trophimowitsch Werchowenski (in meinem Roman „Die Dämonen“ der Typ des

Idealisten der vierziger Jahre; ich liebe diesen Stepan Trophimowitsch

und achte ihn sehr), und vielleicht hatte Granowski nicht einmal den

geringsten komischen Zug, der doch sonst diesem Typ gewöhnlich anhaftet.

Übrigens sagte ich, daß mich die _psychologische_ Bedeutung dieses

Aufsatzes frappierte; und diese Bedeutung erschien mir sogar sehr

ergötzlich. Ich weiß nicht, ob man mir zugeben wird, daß unser

russischer Idealist, der sogenannte „patentierte“ Priester des „Schönen

und Erhabenen“, wenn er plötzlich bei irgendeiner Gelegenheit das

Bedürfnis empfindet, seine Meinung über eine Sache kundzutun – nicht

etwa über ein Gedicht, o nein, sondern über eine praktische, wichtige

und ernste Sache, sagen wir: über eine politische oder soziale

Angelegenheit, und wenn er sie nicht nur nebenbei bemerken, sondern ein

entscheidendes und richtendes Wort über diese Frage sagen und noch

obendrein mit diesem Worte einen Einfluß ausüben will –, sich plötzlich

wie durch ein Wunder nicht nur in einen fanatischen Realisten und

Prosaiker verwandelt, sondern sogar in einen Zyniker. Ja, und nicht nur

das: gerade auf diesen Zynismus, auf diese Prosaik ist er dann noch ganz

besonders stolz. Die Ideale läßt er dann ganz beiseite: Ideale sind

Unsinn, sind Poesie, sind Gedichte; an ihre Stelle aber setzt er die

„reale Wahrheit“. Doch aus ebendieser Wahrheit wird dann immer gleich

Zynismus: im Zynismus sucht er sie, im Zynismus allein scheint sie ihm

enthalten zu sein. Je gröber, je trockener, je herzloser – desto

„realer“ ist es seiner Meinung nach. Warum? Nun, weil unser Idealist im

gegebenen Falle sich seines Idealismus schämt. Außerdem fürchtet er, man

könnte ihm sagen: „Ach, Sie Idealist, was verstehen Sie denn von solchen

Dingen! Predigen Sie doch das Schöne, wenn’s Ihnen Spaß macht, uns aber

überlassen Sie die Geschäfte.“ Sogar Puschkin hatte diesen Zug: der

große Dichter schämte sich mehr als einmal, daß er „_nur_ Dichter“ war.

Vielleicht gibt es diese Charaktereigenschaft auch bei Dichtern anderer

Völker, doch ist es kaum anzunehmen, – wenigstens werden sie sie nicht

in dem Maße haben wie wir Russen. In Europa haben sich die Menschen dank

der uralten Gewöhnung aller und eines jeden an die Arbeit in den vielen

Jahrhunderten schon klassifizieren können, je nach ihrer Beschäftigung

und Stellung, und fast ein jeder von ihnen kennt, versteht und achtet

sich – wie in seiner Tätigkeit so auch in seiner Bedeutung. Bei uns aber

ist es nach zweihundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit etwas

anderes. Die heimliche, tiefinnerliche Nichtachtung seiner selbst finden

wir sogar bei so großen Menschen wie Puschkin und Granowski. Da

letzterer, dieser unschuldige, aufrichtige Mensch, es plötzlich für

durchaus nötig fand, sich aus einem Professor der Geschichte in einen

Diplomaten zu verwandeln, verstieg er sich in seinen Urteilen sofort bis

zu den sonderbarsten Behauptungen – z. B., daß wir von Österreich für

die Hilfe, die wir ihm während seines Kampfes mit den Ungarn gebracht,

überhaupt keine Dankbarkeit erwarten dürften, und das nicht etwa, weil

Österreich undankbar und falsch wäre – keineswegs! Nein, er sieht in der

Haltung Österreichs nichts Schlechtes und behauptet sogar, daß es so,

wie es gehandelt hat, habe handeln _müssen_, und daß unsere Hoffnung auf

seine Dankbarkeit ein unverzeihlicher und lächerlicher Fehler unserer

Politik gewesen sei. Ein Privatmann, sagt er, ist einer für sich, ein

Staat aber – ist etwas anderes; ein Staat muß seine höheren Ziele, seine

eigenen Vorteile im Auge behalten; und daher wäre Dankbarkeit verlangen,

und zwar eine, die sogar bis zur Zurücksetzung der eigenen Interessen

ginge, – einfach lächerlich. „Bei uns ist die Undankbarkeit und

Falschheit Österreichs schon zu einem Gemeinplatz geworden,“ sagt

Granowski, „doch ist in politischen Dingen von Dankbarkeit oder

Undankbarkeit reden – nur ein Beweis der eigenen Naivität in der

Politik. Der Staat ist keine Privatperson; er kann nicht aus Dankbarkeit

seine Interessen opfern, um so weniger, als in politischen Dingen selbst

die Großmut _niemals uneigennützig zu sein pflegt_.“ Dem Sinne nach

heißt das etwa, daß sie es auch nicht sein soll. Mit einem Wort, der

ehrenwerte Idealist behauptet sehr viel Vernünftiges und, was die

Hauptsache ist, nur _Reales_: nicht immer also schreiben wir Gedichte!

... Seine Anschauung ist sehr klug, gewiß, sehr klug, – um so mehr, als

sie nichts Neues ist, sondern etwas, das so lange schon existiert, wie

es Diplomaten gibt. Doch trotzdem: die Haltung Österreichs mit solch

einem Feuer zu verteidigen, ja, nicht nur zu verteidigen, sondern sogar

zu behaupten, daß es so hat handeln _müssen_ ... Nun, man kann ja

niemandem das Wort verbieten; doch es ist dabei etwas, was man nicht

zugeben kann, und das einem verbietet, ihm recht zu geben, trotz der

außergewöhnlichen praktischen Klugheit, die unser Historiker, Dichter

und Priester des Schönen so unerwartet kundtut. Mit dieser Anerkennung

der Heiligkeit des jeweiligen Vorteils, des unmittelbaren und sofortigen

Gewinnes, mit dieser Anerkennung, daß es recht und billig sei, auf Ehre

und Gewissen zu spucken, wenn man einen Bissen an sich reißen will –

allerdings: damit kann man es sehr weit bringen! Damit kann man ja auch

die Politik Metternichs durch „höhere _reale_ Ziele des Staates“

rechtfertigen! Aber machen denn nur die praktischen Vorteile, der

sofortige Gewinn den wirklichen Vorteil der Nation und ihre „höhere“

Politik aus, im Gegensatz zum „Schillertum“ der Gefühle und Ideale? Das

ist doch noch die Frage! Ist nicht im Gegenteil gerade die Politik der

Ehre, Großmut und Gerechtigkeit, wenn auch scheinbar zum Nachteil der

eigenen Interessen, – in Wahrheit aber nie zum Nachteil – die

vorteilhaftere Politik für eine _große_ Nation? Sollte unser Historiker

wirklich nicht gewußt haben, daß es nur diese großen und ehrlichen Ideen

sind – nicht aber die kleinlichen der zeitweiligen Vorteile –, die zum

Schluß in den Völkern und Nationen triumphieren, trotz der ganzen, wie

es scheint, lächerlichen „Unvernünftigkeit“ dieser Ideen und ihres

ganzen Idealismus, der in den Augen der Diplomaten und Metterniche so

erniedrigend ist? Und daß diese Politik der Ehrlichkeit und

Uneigennützigkeit für eine große Nation nicht nur die „höhere“, sondern

vielleicht auch die „vorteilhaftere“ ist, eben weil sie großzügig ist?

Die Politik, die sich nach dem zeitweilig Praktischeren richtet, das

ununterbrochene Hin und Her der Jagd nach dem nächsten Vorteil, führt

die Nation ins Kleinliche und schließlich zur inneren Kraftlosigkeit des

Staates. Der diplomatische Geist, der Geist des „Praktischen“ und

Nächsten, des Tagesvorteils, hat sich stets als geringer denn Wahrheit,

Ehre und Anstand erwiesen, und Wahrheit, Ehre und Anstand haben zum

Schluß immer gesiegt; oder wenn sie noch nicht immer gesiegt _haben_, so

_werden_ sie siegen, denn also wollen es die Menschen. Als der

Negerhandel aufgehoben wurde, gab es da nicht hunderttausend

schwerwiegende Einwände, wie z. B., daß diese Aufhebung äußerst

unpraktisch sei und sogar den Interessen aller Völker schaden werde? Man

verstieg sich sogar bis zu der Behauptung, der Negerhandel sei moralisch

durchaus notwendig, und rechtfertigte diese Notwendigkeit dann noch mit

dem Rassenunterschied und schließlich mit der Folgerung, daß der Neger

eigentlich überhaupt kein Mensch sei ... Als die nordamerikanischen

Kolonien sich zum Kampf gegen England erhoben, schrie man da nicht im

praktischen England, daß die Befreiung der Kolonien von der Herrschaft

Englands der Untergang der englischen Interessen, eine Erschütterung,

ein Unglück sein werde? Und erhoben sich nicht auch bei uns solche

Stimmen, als unser leibeigener Bauer befreit werden sollte? Sagten da

nicht alle praktischen Geister, daß der Staat einen schlechten,

unbekannten, gefährlichen Weg einschlage, zum Unglück des ganzen Volkes,

und daß nicht darin die höhere Politik bestünde; daß der Staat vielmehr

reale Interessen verfolgen müsse, nicht aber Interessen, die bloß auf

modernen ökonomischen Erwägungen oder auf noch nicht erprobten Theorien

begründet sind, kurz, daß der Staat die Führung niemals dem „Sentiment“

überlassen dürfte!? Doch wozu so weit zurückgreifen! Vor uns steht jetzt

die Slawenfrage: – rät man uns etwa nicht, sie auf immer auszuschalten!?

Zwar behauptet Granowski, daß wir uns durch die Balkanslawen nur

bereichern und im Westen befestigen wollen, doch glaube ich, daß er sich

auch hierin täuscht; denn welch einen Vorteil könnte uns der Besitz der

Balkanslawen einbringen (selbst in der Zukunft), und wodurch würden wir

uns denn bereichern? Durch das Mittelländische Meer etwa, oder gar durch

Konstantinopel, „das man uns nie und nimmer geben wird“? Das ist doch

nur ein schöner Vogel, der in den Wolken herumfliegt und uns, wenn wir

ihn fangen wollten, lediglich Ärger und Mühe bereiten würde – auf

tausend Jahre womöglich. Wäre das nun ein praktischer Vorteil? Die

Slawen werden uns nur Sorgen und viel Mühe bereiten; besonders jetzt, da

sie noch nicht zu uns gehören. Ihretwegen sieht Europa schon hundert

Jahre lang eifersüchtig auf uns Russen, und ihretwegen ist es auch jetzt

noch bereit, das Schwert zu ziehen und seine Kanonen auf uns zu richten.

Da ist es doch das Beste, die Slawen einfach Slawen bleiben zu lassen,

um Europa endlich zu beruhigen. Würden wir aber selbst dann das

Gewünschte erreichen? Europa würde uns doch bestimmt nicht mehr glauben,

daß wir auf den Besitz der Balkanslawen verzichten wollten; also würden

wir das Gegenteil erst zu beweisen haben: würden uns selbst auf die

Slawen stürzen, sie brüderlichst erwürgen und die Türkei gegen sie

unterstützen müssen. „Ja, ja, liebe Brüder, der Staat ist keine

Privatperson: er kann doch nicht aus Großmut seine Interessen opfern!

Wußtet ihr das wirklich noch nicht?“ Und wieviel praktische Vorteile –

reale, nicht nur erträumte – hätte dann Rußland mit einem Schlage! Die

Orientfrage würde sofort aufhören zu existieren, Europa würde uns, wenn

auch nur auf kurze Zeit, sein Vertrauen schenken, unser Kriegsbudget

würde entlastet werden, unser Kredit und der Wert unseres Rubels würden

wieder steigen – was will man mehr! Und überdies würde ja der Vogel

immer noch über unserem Haupte bleiben ... Aber die Frage muß doch

einmal beantwortet werden! Und da sollen wir nun Finten machen und

abwarten –: „Der Staat ist keine Privatperson, er darf nicht aus Großmut

seine Interessen opfern, – doch mit der Zeit ... wenn es den Slawen nun

einmal beschieden ist, ohne uns nicht auszukommen, so werden sie sich

uns von selbst anschließen. Nun, und dann werden wir uns wieder mit

unserer Liebe und Brüderlichkeit an sie heranschlängeln können.“

Übrigens findet Granowski, daß unsere Politik das ganze letzte

Jahrhundert hindurch geradeso gehandelt habe (nämlich die Slawen

unterdrückt und sie den Türken ausgeliefert), daß unsere Balkanpolitik

immer eine Eroberungspolitik gewesen sei und anders überhaupt nicht

hätte sein können, – also nach seiner Meinung so hätte sein „_müssen_“.

Rechtfertigt er doch bei anderen Nationen dieselbe Politik, warum

verteidigt er sie dann nicht auch bei uns, wenn wir, wie er sagt,

dieselbe Politik treiben –?

Wie ist es nur möglich, daß unsere Politik in der Slawenfrage noch immer

nicht allen klar geworden ist!?

Sämtliche Werke 13 · 第 62 / 86 题