Einiges über den Krieg[20]

Ich habe einen Freund, der sich durch sehr paradoxe Anschauungen

auszeichnet. Ich kenne ihn schon lange. Es ist ein ganz unbekannter

Mensch und ein höchst sonderbarer Charakter: er ist nämlich ein

_Denker_. Ich werde unbedingt noch ausführlicher von ihm sprechen – doch

später einmal. Jetzt ist mir nur zufällig eingefallen, wie er einmal, es

ist schon etliche Jahre her, mit mir über den Krieg stritt. Er

verteidigte den Krieg als solchen und vielleicht einzig um mit Paradoxen

zu spielen. Ich bemerke hier noch, daß er nicht etwa Offizier ist,

sondern der friedliebendste und gutmütigste Mensch, den es in der Welt

und bei uns in Petersburg überhaupt geben kann.

„Toller Gedanke,“ sagte er unter anderem, „daß der Krieg eine Geißel für

die Menschheit sei! Im Gegenteil, er ist das Nützlichste, was man sich

überhaupt denken kann! Nur eine einzige Art Krieg ist verabscheuenswert

und wirklich verderblich: das ist der innere, der Bürgerkrieg. Er lähmt

und zerreißt den Staat, dauert immer viel zu lang und vertiert das Volk

auf ganze Jahrhunderte. Der politische Krieg aber, der zwischen

verschiedenen Völkern ausgekämpft wird, bringt einzig und allein Nutzen

– in jeder Beziehung. Und dann ist er auch vollkommen unentbehrlich.“

„Aber hören Sie mal! Ein Volk geht aufs andere los, Menschen schlagen

sich gegenseitig tot – was ist hier unentbehrlich?“

„Alles, und zwar im höchsten Grade. Doch erstens ist es nicht wahr, daß

die Menschen in den Krieg gehen, um sich gegenseitig totzuschlagen. Das

ist nie der Beweggrund gewesen, sondern sie gehen, um ihr eigenes Leben

zu opfern, – das aber ist denn doch etwas ganz anderes. Es gibt keine

höhere Idee als die, sein eigenes Leben zu opfern, indem man seine

Brüder und sein Vaterland beschützt oder einfach, indem man die

Interessen seines Vaterlandes verteidigt. Die Menschheit kann nicht ohne

hochherzige Ideen leben, und ich vermute sogar, daß die Menschheit

gerade deswegen den Krieg liebt, weil sie sich an einer hochherzigen

Idee beteiligen will. Es ist ein Bedürfnis.“

„Ja, liebt denn die Menschheit den Krieg?“

„Ja, zweifeln Sie denn daran? Wer ist zurzeit eines Krieges noch

kopfhängerisch? Alle sind sofort munter und ermutigt, und von der

gewöhnlichen Schlaffheit und Langeweile der Friedenszeiten ist nichts

mehr zu sehen und zu hören. Und nachher, wenn der Krieg beendet ist, mit

welcher Hingabe denken sie an ihn zurück, selbst wenn sie geschlagen

worden sind! Glauben Sie den Leuten nicht, wenn sie sich beim ersten

Wiedersehen nach der Kriegserklärung kopfschüttelnd sagen: ‚Ach, welch

ein Unglück! Ach, daß wir das noch erleben mußten!‘ sie tun es ja nur

aus Wohlerzogenheit. Glauben Sie mir, jeder hat dann hohen Feiertag im

Herzen. Wissen Sie, es ist furchtbar schwer, sich zu gewissen Ideen zu

bekennen: gleich ist das Geschrei groß. – Tier! Barbar! schreien sie

sofort und sind zum Verurteilen bereit. Das aber fürchtet man, und so

zieht man vor, den Krieg lieber nicht zu loben.“

„Aber Sie sprechen von hochherzigen Ideen, von Menschlicherwerden.

Lassen sich denn hochherzige Ideen nicht auch ohne Krieg finden? Ich

glaube vielmehr, daß sie sich in Friedenszeiten noch leichter entwickeln

können.“

„Ganz im Gegenteil, vollkommen umgekehrt! Die Hochherzigkeit verkommt in

der Zeit eines langen Friedens, und an ihre Stelle treten Zynismus,

Gleichgültigkeit, Langeweile und viel, viel boshafter Spott, und das

noch dazu nur zur leeren Zerstreuung und nicht mal um einer Sache

willen. Man kann geradezu behaupten, daß ein langer Friede die Menschen

gefühllos macht. Das soziale Übergewicht geht dann immer auf die Seite

alles dessen über, was in der Menschheit schlecht und roh ist –

hauptsächlich zum Reichtum, zum Kapital. Ehre, Nächstenliebe,

Selbstverleugnung werden in der ersten Zeit nach dem Kriege noch

geachtet, sie stehen noch hoch im Preis, doch je länger der Friede

dauert – desto mehr sieht man diese schönen und großen Tugenden

verbleichen, einschlafen, absterben, und den Reichtum, die Sucht nach

Erwerb alles ergreifen. Schließlich bleibt nur noch Heuchelei übrig –

geheuchelte Ehre, geheuchelte Selbstverleugnung um der Pflicht willen.

Und wenn man trotz des ganzen Zynismus auch noch fortfährt, diese großen

Begriffe zu achten, so geschieht es dann doch nur in schönen Worten und

bloß zum Anschein, aus Form. Die wirkliche Ehre ist nicht mehr, es

bleiben nur Formeln übrig. Formeln der Ehre aber – die sind der Tod der

Ehre. Ein langer Friede bringt Gleichgültigkeit hervor, niedrige

Gedanken, bringt Sittenverderbnis und Abstumpfung der Gefühle. Die

Vergnügungen werden nicht feiner, sondern wüster. Der plumpe Reichtum

kann sich nicht an Idealen erquicken und verlangt nach anspruchsloseren,

mehr ‚auf die Sache‘ gehenden Genüssen, d. h. nach unmittelbarster

Befriedigung des Fleisches. Die Vergnügungen werden rein sinnlich.

Sinnlichkeit ruft Wollust hervor, und Wollust immer Grausamkeit. Alles

das werden Sie unmöglich leugnen, denn Sie können die erste Tatsache

nicht verneinen: daß das soziale Übergewicht in der Zeit eines langen

Friedens sich zum Schluß immer auf die Seite des Reichtums neigt.“

„Aber die Wissenschaft, die Kunst – können die sich denn während des

Krieges entwickeln? Und das sind doch wirklich große und hochherzige

Ideen!“

„Warten Sie, gerade hiermit fange ich Sie! Die Wissenschaft und die

Kunst entwickeln sich immer und gerade in der ersten Periode nach dem

Kriege. Der Krieg erneut sie, erfrischt sie, ruft sie hervor, stärkt die

Gedanken und gibt ihnen gewissermaßen einen Stoß. In einem langen

Frieden dagegen verkommt auch die Wissenschaft. Zweifellos fordert die

Beschäftigung mit der Wissenschaft Mut und sogar Selbstaufopferung. Doch

wie viele Gelehrte widerstehen denn der Pest des Friedens? Die

geheuchelte Ehre, Selbstsucht und oberflächliche tierische

Vergnügungslust erfassen auch sie. Versuchen Sie es nur einmal, mit

solch einer Leidenschaft fertig zu werden, wie es beispielsweise der

Neid ist: er ist roh und gemein, aber er wird trotzdem auch in die

edelste Gelehrtenseele eindringen. Auch der Gelehrte will schließlich an

dem allgemeinen Prunk und Glanz teilhaben. Was bedeutet vor dem Triumph

des Reichtums der Triumph irgendeiner wissenschaftlichen Entdeckung,

wenn sie nicht gerade so effektvoll ist wie die Entdeckung etwa eines

neuen Planeten! Was meinen Sie wohl, ob unter solchen Umständen noch

viel wirkliche Arbeitssklaven für das Allgemeinwohl übrigbleiben? Im

Gegenteil, man sucht den Ruhm, und so kommt es dann zu Scharlatanerie,

zur Jagd nach dem Effekt und, vor allen Dingen, zum Utilitarismus – denn

man will doch zu gleicher Zeit auch reich werden! In der Kunst ist es

genau so wie in der Wissenschaft: dieselbe Jagd nach dem Effekt, nach

irgendeiner Verfeinerung. Einfache, klare, hochherzige und gesunde Ideen

sind dann schon viel zu unmodern, man braucht etwas viel Verboteneres,

Ungesünderes: die Künstlichkeit der Leidenschaften will man. Allmählich

verliert sich dann das Gefühl für das Maß und die Harmonie, und man

bekommt dafür die Entstellung der Gefühle und Leidenschaften, die

sogenannte ‚Differenzierung‘ der Gefühle, die in Wirklichkeit nur ihre

Verrohung ist. Sehen Sie, zu all dem entartet die Kunst in einem langen

Frieden. Wenn es in der Welt keinen Krieg gäbe, so würde die Kunst

einfach verkommen und verderben. Alle guten Ideen der Kunst ja ihre

besten, sind vom Kriege, vom Kampf geschaffen worden. Lesen Sie eine

Tragödie, sehen Sie sich die Statuen an, da haben Sie Horaz, und da

haben Sie den Apollo von Belvedere, der selbst einen Wilden in Erstaunen

setzen müßte ...“

„Aber die Madonnen, das Christentum?“

„Das Christentum erkennt das Faktum des Krieges vollkommen an und

weissagt bekanntlich, daß das Schwert nicht vergehen werde, solange die

Welt steht: das ist sehr bemerkenswert und sollte viele stutzig machen.

Oh, natürlich im höheren, im moralischen Sinne verwirft es den Krieg und

verlangt Nächstenliebe. Ich werde selbst der erste sein, der sich freut,

wenn man die Schwerter in Pflugscharen umschmiedet. Doch fragt es sich:

wann wird das möglich sein? Und lohnte es sich überhaupt, die Schwerter

jetzt in Pflüge zu verwandeln? Der jetzige Friede ist immer und überall

schlimmer als der Krieg, so unvergleichlich viel schlimmer, daß es zum

Schluß geradezu unmoralisch wird, ihn noch aufrechtzuerhalten. Es gibt

nichts mehr, was man schützen möchte, überhaupt nichts mehr, was wert

wäre, erhalten zu bleiben, es ist beinahe gewissenlos und eine Schande,

irgend etwas noch zu erhalten! Der Reichtum und die Roheit der

Vergnügungen gebären Faulheit, und die Faulheit gebiert Sklaven. Um die

Sklaven in der Sklaverei zu erhalten, muß man ihnen den freien Willen

und die Möglichkeit der Aufklärung nehmen. Wer Sie auch sein mögen, mein

Lieber, selbst wenn Sie der humanste Mensch sind: einen Sklaven werden

auch Sie immer nur als Sklaven behandeln können – nicht wahr? Ich

bemerke noch, daß in der Periode des Friedens Feigheit und Unehrlichkeit

gute Wurzeln schlagen. Der Mensch ist naturgemäß stark zu Feigheit und

Unehrlichkeit geneigt, und das weiß er selbst ganz genau. Deshalb

vielleicht sehnt er sich auch so nach dem Kriege, und darum liebt er ihn

so sehr: er ahnt in ihm das Heilmittel. Der Krieg entwickelt in ihm die

Nächstenliebe und nähert und befreundet die Völker.“

„Wieso, befreundet?“

„Indem er sie lehrt, einander zu achten. Der Krieg erfrischt die

Menschen. Die Menschenliebe entwickelt sich am meisten und fast

ausschließlich auf dem Schlachtfelde. Es ist eine scheinbar sonderbare

Tatsache, daß der Krieg weniger erbittert und aufreizt als der Friede.

Irgendeine politische Beleidigung in der Friedenszeit, irgendeine

herausfordernde Konvention, ein politischer Druck, anmaßende Forderungen

– in der Art etwa, wie Europa sie uns 1863 stellte – erbittern viel mehr

als ein offener Kampf. Erinnern Sie sich: haßten Sie etwa die Franzosen

oder Engländer zur Zeit des Krimkrieges? Im Gegenteil, man kam sich

näher, trat geradezu in Freundschaft miteinander. Wir interessierten uns

für unsere Feinde und pflegten unsere Gefangenen. Unsere Soldaten und

Offiziere gingen während des Waffenstillstands zu den feindlichen

Vorposten, verbrüderten sich fast mit ihnen, tranken Wodka zusammen, und

ganz Rußland las es schmunzelnd in den Zeitungen – was jedoch nicht

hinderte, daß man sich prächtig schlug. Es entwickelte sich der Geist

der Ritterlichkeit ... Und über die materiellen Schäden des Krieges

lohnt es sich nicht einmal zu sprechen: wer kennt nicht die alte

Erfahrung, daß nach einem Kriege alles wie mit neuen Kräften aufersteht?

Die ökonomischen Kräfte des Landes treten zehnmal mehr hervor, ganz als

ob eine Gewitterwolke Regen auf trockenen Boden niedergesandt hätte.

Denen, die durch den Krieg gelitten haben, wird sofort und von allen

Seiten geholfen, während in Friedenszeiten ganze Distrikte eher Hungers

sterben können, bevor wir uns zur Hilfe rühren oder drei Rubel spenden.“

„Ja, leidet denn das Volk nicht am meisten unter dem Kriege, muß es

nicht Verheerungen und Bürden ertragen, die unvergleichlich größer sind

als die der höheren Gesellschaftsschichten?“

„Vielleicht; – doch immer nur zeitweilig, dafür aber gewinnt das Volk

weit mehr, als es verliert. Gerade für das Volk hat der Krieg die besten

und schönsten Folgen. Selbst wenn Sie der humanste Mensch sind, werden

Sie sich doch für mehr als den Bauer halten. Wer mißt in unserer Zeit

noch Seele mit Seele – mit dem christlichen Maß? Man mißt mit dem

Geldbeutel, der Macht, der Kraft, – und der einfache Mann, der weiß das

nur zu genau. Nicht daß hierbei Neid wäre, – aber es entsteht das

unerträgliche Gefühl einer moralischen Ungleichheit, die viel

verletzender für ihn ist, als wir es ahnen. Wie Sie die Menschen auch

befreien oder welche Gesetze Sie ihnen auch geben mögen, diese

Ungleichheit der Menschen wird in der jetzigen Gesellschaft doch nicht

aufgehoben werden. Das einzige Heilmittel dagegen ist – der Krieg. Ein

Palliativmittel vielleicht, doch ein tröstendes für das Volk. Der Krieg

hebt den Geist des Volkes und die Erkenntnis des eigenen Wertes. Der

Krieg macht in der Stunde des Kampfes alle gleich und versöhnt den Herrn

mit dem Knecht in der allerhöchsten Erscheinung der menschlichen Würde,

– im Opfer des Lebens für die gemeinsame Sache, für alle, für das

Vaterland! Glauben Sie denn wirklich, daß die Masse, selbst die ganz

unwissende Masse der Bauern und Bettler, nicht auch der _aktiven_

Offenbarung hochherziger Gefühle bedarf? Worin kann nun die Masse im

Frieden ihre Hochherzigkeit und ihre menschliche Würde beweisen? Auf die

einzelnen Durchbrüche derselben sehen wir, wenn wir sie überhaupt zu

beachten geruhen, mit verwundertem Lächeln, ja selbst mit ungläubigem

Lachen, und zuweilen sogar mit unverhülltem Mißtrauen. Glauben wir aber

einmal dem Heroismus eines einzelnen, so schlagen wir darob solch einen

Lärm, als ob es etwas schier Unmögliches wäre; und was kommt dabei

heraus? Unsere Verwunderung und unser Lob gleichen beinahe der

Verachtung. In Kriegszeiten verschwindet all das ganz von selbst und die

volle Gleichheit des Heroismus tritt an seine Stelle. Vergossenes Blut

ist eine wichtige Sache. Die gemeinsame Heldentat erzeugt die stärkste

Verbindung zwischen den verschiedenen Ständen. Der Gutsbesitzer und der

Muschik standen sich im Jahre 1812, als sie gemeinsam fürs Vaterland

kämpften, näher als in Friedenszeiten zu Haus auf dem Gute. Der Krieg

ist der Masse ein Anlaß, sich zu achten, und darum liebt das Volk den

Krieg: es dichtet über ihn Lieder und kann sich nicht satt hören an den

Geschichten und Erzählungen aus dem Kriege ... Noch einmal: Vergossenes

Blut ist eine wichtige Sache! Nein, der Krieg ist _in unserer Zeit_

unentbehrlich; ohne Krieg würde die Welt untergehen oder wenigstens sich

in einen schmutzigen Schlamm verwandeln, in irgendeinen gemeinen Schmutz

mit faulenden Wunden ...“

Ich widersprach ihm natürlich nicht weiter. Mit Denkern kann man nicht

streiten. Aber es ist doch eine höchst sonderbare Tatsache: man fängt

jetzt an über Dinge nachzudenken und zu streiten, die, wie man doch

meinen sollte, schon längst allen klar und ins allgemeine Archiv des

Abgetanen gestapelt worden sind. Jetzt wird das alles wieder ausgegraben

... Das auffallendste aber ist, wie mir scheint, daß dieses heutzutage

überall geschieht.

Sämtliche Werke 13 · 第 38 / 86 题