Davon, daß wir gute Menschen sind.
Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft mit dem Marschall
Mac-Mahon[17]
Ja, in der Tat: sind wir nicht alle gute Menschen, – nun, versteht sich,
ausgenommen die schlechten? Ich füge sogar noch hinzu: es gibt bei uns
überhaupt keine schlechten Menschen, sondern nur untaugliche. An die
wirklich Schlechten reichen wir gar nicht hinan! Denken Sie nach, lachen
Sie nicht über mich: aus Mangel an schlechten Menschen waren wir
seinerzeit sehr bereit, verschiedene wirklich schlechte Menschen
hochzuschätzen, wie es gewisse Typen unserer Literatur beweisen, die
größtenteils der ausländischen entlehnt worden sind. Oh, nicht genug
damit, daß wir sie schätzten, nein, sklavisch versuchten wir, sie im
wirklichen Leben zu kopieren. Beinahe waren wir schon nicht mehr wir
selbst, nicht mehr Russen! Erinnern Sie sich nur dieser vielen
Petschorins, die es bei uns gab, die angeregt durch die Lektüre von
Lermontoffs „Helden unserer Zeit“ in Wirklichkeit Schlechtigkeiten
vollführten. Der Ahnherr all dieser schlechten Menschlein in unserer
Literatur ist wohl der Typ Silvio, den unser herrlicher Puschkin dem
Engländer Byron entlehnt hatte.
Wenn wir diese schlechten Menschen so achteten, so geschah es nur
deshalb, weil diese Menschen eines andauernden Hasses fähig waren, im
Gegensatz zu uns Russen, die wir nun einmal nicht richtig hassen können
und uns darum damals nicht wenig selbst verachteten. Der russische
Mensch ist in der Tat nicht imstande, ernstlich und lange zu hassen,
weder Menschen noch Laster, weder Unwissenheit noch Despotismus, noch
tiefsten Obskurantismus. Bei uns ist man sofort bereit, sich zu
versöhnen, gleich bei der ersten Gelegenheit sogar. Oder ist das nicht
wahr? In der Tat, warum sollte einer den anderen hassen? Wegen
schlechter Handlungen etwa? Nun, lassen wir dieses Thema lieber, es ist
zu zweischneidig. Und der Haß der Überzeugung? An _den_ Haß glaube ich
schon gar nicht bei uns. Früher einmal, gewiß, gab es bei uns Slawophile
und Westler, und die haßten sich sehr – aber dann, als es mit der
Aufhebung der Leibeigenschaft auch mit der Reform Peters des Großen zu
Ende ging, und ein allgemeines „_sauve qui peut_“ eintrat, da waren
Slawophile und Westler einig in demselben Gedanken, daß man jetzt alles
vom Volke selbst erwarten müsse, daß es auferstehen werde, und daß nur
das Volk allein uns in allem das letzte Wort sagen könne. Darüber hätten
sich die Slawophilen und Westler ja nun versöhnen können, aber das ging
auch wieder nicht an, denn die Slawophilen glauben an das Volk, weil sie
das Eigene und Eigenartige seiner Anlagen anerkennen. Die Westler
dagegen lassen sich nur unter der Bedingung herbei, an das Volk zu
glauben, daß man ihm alles Eigene und Eigenartige nimmt. Und siehe da,
der Kampf dauert fort. Doch an diesen Haß: Kampf gegen Kampf und Haß
gegen Haß, an den glaube ich, wie gesagt, _nicht_. Warum können sich die
Streitenden nicht auch zu gleicher Zeit liebhaben? Das geschieht bei uns
nur zu oft in den Fällen, in denen sich gute, allzu gute Menschen
streiten. Und warum sollten wir nicht gute Menschen sein? Auch streiten
wir uns doch hauptsächlich nur, weil jetzt eine Zeit angebrochen ist,
die von uns nicht mehr Theorien und Kritik, sondern Taten und praktische
Entschlüsse verlangt. Plötzlich hatte man bei uns das Bedürfnis nach
grundlegenden Worten über Pädagogik, Eisenbahnen, Semstwo, Hygiene und
hundert andere Themata. Und alles wollte man _sofort_ wissen, möglichst
schnell, um nicht die Arbeit aufzuhalten. Da wir aber alle, nach
hundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit, sogar von der
kleinsten, uns als dazu unfähig erwiesen, so war es nur natürlich, daß
wir uns gegenseitig in die Haare gerieten – und zwar stritt im
allgemeinen derjenige am meisten, der sich zu ihr am allerunfähigsten
erwies. Was ist dabei Schlechtes, frage ich Sie? Das ist doch bloß
rührend und weiter nichts. Sehen Sie die Kinder an: die streiten sich
nur dann, wenn sie noch nicht gelernt haben, ihre Gedanken auszudrücken:
genau so machen wir es. Und es ist auch gar nichts Unerfreuliches dabei,
im Gegenteil, es zeugt ja nur von unserer Frische und Unberührtheit und
Jugend. In unserer Literatur beispielsweise beschimpft man sich aus
Mangel an Gedanken buchstäblich mit allen Schimpfwörtern auf einmal: ein
äußerst naives Verfahren, das man sonst nur bei den Urvölkern findet.
Doch auch darin liegt beinahe etwas Rührendes, diese Unerfahrenheit,
dieses kindliche Unvermögen sogar – sich tüchtig auszuschimpfen. Ich
scherze durchaus nicht, und ich spotte über niemanden. Es ist aber bei
uns allerorten ein ehrliches Wünschen und Erwarten des Guten. Das ist
gewiß wahr. Der Wunsch nach allgemeiner Arbeit und allgemeinem
Wohlergehen steht über jeglichem Egoismus. Die naivsten Wünsche werden
wach, und alles ist voller Glauben bei uns. Es gibt bei uns keinen
Kastengeist, oder höchstens nur in ganz kleinen und seltenen
Erscheinungen, die kaum bemerkt werden. Das ist sehr wichtig! Doch genug
davon. Weshalb sollte also noch von einem wirklichen Haß die Rede sein?
Die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Gesellschaft unterliegt nicht
nur keinem Zweifel, sondern fällt geradezu auf. Beobachten Sie doch nur,
und Sie werden bemerken, daß der Glaube an die Idee, an das Ideal allem
persönlichen, materiellen Wohlergehen vorangeht. Oh, natürlich, den
schlechten Menschen gelingt es auch bei uns, ihre Geschäftchen
abzuwickeln, Geschäftchen gerade im eigennützigsten Sinne, und in
unserer Zeit, scheint es, mehr denn je. Doch dafür beherrschen diese
nichtsnutzigen Menschen niemals die Meinung, gehen nie der Gesellschaft
irgendwie voran, sondern sind selbst dann, wenn sie auf der sogenannten
Höhe des Lebens stehen, überhäuft mit allen Ehren – selbst dann sind sie
noch genötigt, sich dem Tone der Idealisten, der Jungen und Abstrakten,
diesen in ihren Augen nur lächerlichen Menschen, irgendwie anzupassen.
In diesem Sinne gleicht unsere Gesellschaft durchaus unserem einfachen
Volke, darin liegt der Hauptpunkt seiner Einheit mit dem Volke, das auch
seinen Glauben und seine Ideale höher schätzt als alles Materielle und
Vergängliche. Der Idealismus ist ihm lieb, hier wie dort: ist der
Idealismus _verloren_, so kann man ihn mit keinem Gelde zurückkaufen.
Wenn unser Volk auch von seinen Lastern geknechtet wird, jetzt
vielleicht mehr denn je, und wenn es auch noch in einer richtigen
Anarchie lebt, so hat doch selbst der letzte Schurke bei uns noch
niemals gesagt: „So wie ich es mache, ist es richtig.“ Im Gegenteil,
immer weiß er und seufzt selbst darüber, daß er schlecht ist, und daß es
ein Gutes in der Welt gibt, das besser ist als er und alles, was er tut.
Der Glaube an die Ideale ist in unserem Volke unerschütterlich.
Verbessert seine Lage, verringert die Lasterhaftigkeit, und das
Volk wird sich aufrichten! Die Ideale aber stehen dann noch
unerschütterlicher und heiliger da als je vorher. Unsere Jugend sucht
große Taten und bringt ihren Ideen alles zum Opfer. Unser
zeitgenössischer russischer Jüngling, von dem so viel in verschiedenem
Sinne gesprochen wird, vergöttert oft das allersimpelste Paradox und
weiht ihm sein Leben und sein Schicksal, nur, weil er das Paradox für
eine Wahrheit hält. Es fehlt ihm nur noch an Aufklärung, aber das Licht
wird sich schon verbreiten, und andere Anschauungen werden dann ganz von
selbst auftauchen, und die Paradoxe werden verschwinden. Die Reinheit
seines Herzens jedoch bleibt und damit auch der Durst in ihm nach Taten
und Opfer: das aber ist das Gute. Nichtsdestoweniger gibt es eine Frage,
die bei uns bis jetzt noch nicht beantwortet ist. Alle nämlich, die wir
das Wohl aller und die Besserung der allgemeinen Lage in unserem Lande
und unserem Volke wünschen – worin sehen wir nun die Mittel zu diesem
Wohl und zu dieser Besserung? Man muß leider gestehen, daß bei uns in
dieser Hinsicht noch wenig geschehen ist, und daß unsere Gesellschaft in
diesem Sinne – dem Marschall Mac-Mahon sehr ähnlich sieht. Auf einer
seiner Reisen durch Frankreich erklärte der ehrenwerte Marschall
unlängst in einer feierlichen Rede, als Antwort auf eine Ansprache
irgendeines Maires – die Franzosen sind ja solche Liebhaber von
feierlichen Reden und Ansprachen –, daß nach seiner Meinung die ganze
Politik in dem einen Worte enthalten sei: „Die Liebe zum Vaterlande“.
Ein sehr sinniger Ausspruch, meine ich, in einem Augenblicke, da ganz
Frankreich gespannt darauf wartet, was er sagen wird. Eine wichtige
Behauptung, unbestreitbar lobenswert, aber – sonderbar unbestimmt. Der
Maire hätte seiner Exzellenz antworten können, daß man mit derselben
Liebe auch das Vaterland zugrunde richten könnte. Aber der Maire
erwiderte nichts, vielleicht aus Angst, die Antwort zu erhalten: „_J’y
suis et j’y reste_“, eine Phrase, über die der ehrenwerte Marschall nun
einmal nicht hinauskommt. Nun, und gerade so steht es mit unserer
Gesellschaft: wir alle verstehen uns in der Liebe zum Vaterlande oder
zur „allgemeinen Sache“ – Worte tun’s nicht! Worin bestehen aber die
Mittel, und nicht nur die Mittel, sondern worin besteht die allgemeine
Sache selbst? Darüber herrscht bei uns, meines Erachtens, gerade solch
eine Unklarheit, wie bei dem Marschall Mac-Mahon.
Von der Liebe zum Volke.
Der unumgänglich notwendige Vertrag der Gesellschaft mit dem
Volke
Vor kurzem schrieb ich, daß unser Volk noch roh und unwissend sei und
dem Laster ergeben: „ein Barbar, der das Licht erwartet,“ wie ich mich
ausdrückte! Bald darauf habe ich in der „Hilfe“ einen Artikel Konstantin
Akssakoffs, unseres unvergeßlichen und allen Russen teuren Verstorbenen,
gelesen, nach welchem unser russisches Volk schon lange aufgeklärt und
gebildet sein soll. Ist nun dieser augenscheinliche Gegensatz meiner
Meinung und derjenigen Konstantin Akssakoffs ein Widerspruch? Nicht im
geringsten: ich teile seine Ansicht vollständig und fühle ihre Wahrheit
schon lange. Trotzdem aber bleibt doch der Widerspruch? Gewiß – darin
besteht gerade mein Geheimnis: während nach der Meinung anderer diese
beiden Behauptungen unvereinbar scheinen, behaupte ich das Gegenteil. In
dem russischen Menschen, in dem Volke muß man eben die Schönheit dieser
Barbarei zu sehen verstehen. Der ganzen russischen Geschichte nach war
unser Volk so dem Laster ergeben und dermaßen verdorben, verirrt und
ständig gequält und gepeinigt, daß es wunderbar ist, wie es überhaupt
noch sein menschliches Aussehen hat bewahren können, und nicht nur das
allein, sondern auch noch seine volkliche Schönheit. Die aber hat es
sich wirklich bewahrt! Wer ein aufrichtiger Freund des Volkes ist, wem
das Herz nur einmal für die Leiden des Volkes geschlagen hat, der
versteht es und wird auch den Schmutz entschuldigen, in den unser Volk
gesunken ist, und die Perlen trotzdem zu finden wissen. Ich wiederhole
es: Richtet nicht das russische Volk nach seinen Fehlern und Lastern,
sondern beurteilt es nach seinen großen und heiligen Idealen, nach denen
es in seinem Schmutze lechzt. Und es gibt in unserem Volke nicht nur
Schurken und Verbrecher, sondern auch Heilige, die uns voranleuchten und
unser Dunkel erhellen! Und ich glaube tief und fest, daß es bei uns
keinen Schurken gibt, der nicht wüßte, daß er schlecht und gemein ist.
Bei den anderen Völkern ist es anders: wenn dort jemand eine Gemeinheit
vollführt, so stellt er sie zum Prinzip auf, bejaht sie, behauptet, daß
in ihr die Ordnung und das Licht der Zivilisation läge – und der
Unglückliche kommt schließlich so weit, daß er daran blind und sogar
ehrlich glaubt. Nein, beurteilen Sie unser Volk nicht danach, wie es
ist, sondern danach, wie es sein möchte. Seine Ideale sind stark und
heilig, und sie retteten das Volk in all diesen Jahrhunderten vor dem
Elend und dem völligen Untergang. Sie wuchsen mit seiner Seele zusammen
und gaben ihr bis in alle Ewigkeit Einfachheit, Gutmütigkeit und
Aufrichtigkeit und einen weiten, offenen Verstand – und alles das in
einer anziehenden, zusammenklingenden, einer schönen Vereinigung. Und
wenn trotzdem so viel Schmutz in dem russischen Menschen ist, so leidet
er darunter selbst am meisten: er glaubt und hofft, daß das nur zeitlich
und eine teuflische Versuchung sei, daß die Dunkelheit, die ihn umgibt,
einmal aufhören und das ewige Licht dann auch auf ihn herniederscheinen
werde. Ich will noch nicht einmal von seinen historischen Idealgestalten
reden, von Feodossij Petscherski[18] oder Tichon Sadonski.[19] Übrigens:
wie viele von uns kennen denn überhaupt einen Tichon Sadonski? Warum
liest man nie etwas von ihm? Glauben Sie mir, Sie würden zu Ihrem
Erstaunen wunderbare Sachen erfahren. Und abgesehen von diesen
Volksheiligen: wie steht es mit unserer Literatur? Alles, was in ihr
wahrhaft schön ist, das ist aus dem Volke genommen. Der Typ Belkin von
Puschkin zum Beispiel! Bei uns ist alles von Puschkin. Seine Umkehr zum
Volke, schon in der frühesten Zeit seiner Tätigkeit, ist so beispiellos
und Erstaunen erregend und bedeutete einen für die damalige Zeit so
unerwarteten und neuen Schritt, daß sie sich, wenn nicht durch ein
Wunder, dann eben nur durch seine geniale Größe erklären läßt, die wir
nur, füge ich hinzu, bis jetzt noch nicht die Kraft hatten, richtig zu
werten. Erinnern Sie sich der „Oblomoffs“ von Gontscharoff, der „Väter
und Söhne“ von Turgenjeff. In denen ist freilich nicht vom Volke die
Rede, aber alles, was in den Typen Turgenjeffs und Gontscharoffs Ewiges
und Schönes ist, das liegt dort, wo sie sich mit dem Volke kreuzen. Nur
die Berührung mit dem Volke gibt ihnen diese ungewöhnliche Kraft. Diese
Typen haben seine Gutmütigkeit, Reinheit und Bescheidenheit, die Weite
seines Verstandes und seiner Güte, im Gegensatz zu allem Unnatürlichen
und Falschem angenommen. Wundern Sie sich bitte nicht, daß ich plötzlich
von unserer Literatur spreche; aber ihr gebührt das Verdienst, daß sie
in ihren besten Vertretern und früher als unsere ganze Intelligenz,
bemerken Sie das wohl, sich vor der Wahrheit des Volkes gebeugt und die
Ideale des Volkes als die wahrhaft schönen anerkannt hat. Es ist wahr,
daß unsere Dichter zum Teil dazu genötigt waren und es wohl mehr aus
künstlerischem Instinkt, als aus gutem vaterländischem Willen taten.
Doch genug von der Literatur – sprach ich von ihr doch nur im großen
Zusammenhange mit dem Volke und mit der allgemeinen Frage der russischen
Volklichkeit!
Diese Frage und das richtige Verständnis derselben ist für uns jetzt das
Wichtigste: von ihr hängt unsere ganze, auch die praktische Zukunft ab.
Aber das Volk ist für uns alle noch immer Theorie und ein Rätsel. Wir
alle, wir Freunde des Volkes, sehen auf das Volk wie auf eine Theorie,
und niemand liebt daher dasselbe so, wie es in der Tat ist, sondern so,
wie er es sich vorstellt. Wenn das russische Volk in der Folge sich
nicht als dasjenige erweisen sollte, als das ein jeder von uns es sich
vorstellt, so würden wir, ungeachtet unserer vermeintlichen Liebe zu
ihm, uns sofort und ohne jegliches Bedauern von ihm abwenden. Ich
behaupte das von allen, die Slawophilen nicht ausgenommen: ja, die
würden es vielleicht sogar noch früher tun als alle anderen. Was mich
anbelangt, so verhehle ich nicht meine Überzeugung, und um
Mißverständnissen vorzubeugen, weise ich geradezu auf sie hin. Ich
glaube nämlich, daß wir Intellektuellen kaum so gut und vortrefflich
sind, um uns als Ideal vor das Volk hinstellen und von ihm ohne weiteres
verlangen zu können, daß es gerade so werde, wie wir sind. Wundern Sie
sich nicht über die Frage (man ist ihr noch nie bei uns begegnet): „Wer
ist besser – wir oder das Volk? Sollen wir uns nach dem Volke richten
oder das Volk sich nach uns?“ Das ist die Frage, die uns jetzt alle
beschäftigt, wenigstens diejenigen unter uns, die nicht aller Gedanken
bar sind und die Sache des russischen Volkes in ihrem Herzen tragen.
Denen kann ich auch aufrichtig antworten: daß wir uns vor dem Volke
beugen müssen und von ihm alles zu erwarten haben, unsere Gedanken und
Vorstellungen, daß wir uns vor der Wahrheit des Volkes beugen und sie
als _unsere_ Wahrheit anerkennen müssen, selbst in dem Falle, wenn sie
zum Teil aus dem Leben der Volksheiligen käme. Mit einem Wort, wir sind
die verirrten Kinder, die zweihundert Jahre nicht zu Hause waren, aber
doch als Russen zurückkehrten, – was unser einziges Verdienst ist. Aber
wir können uns nur unter einer Bedingung vor dem Volke beugen und das
_sine qua non_: daß das Volk auch das von _uns_ annimmt, was wir ihm
Gutes mitgebracht haben. Ganz vernichten und aufgeben können wir uns
doch nicht, selbst vor einerlei welcher Wahrheit des Volkes nicht; sonst
behalten wir lieber das Unserige für uns, und müßten wir auch im
äußersten Falle auf das Glück einer Vereinigung mit dem Volke
verzichten. Dann mögen wir eben beide untergehen. Aber zu diesem
Äußersten wird es nie kommen. Ich bin überzeugt, daß auch das Unserige,
das wir mitbringen, in der Tat etwas ist: nicht ein Hirngespinst etwa,
sondern daß es Bild, Form und Gewicht hat. Nichtsdestoweniger bleibt vor
uns das Rätsel bestehen, das uns auf seine Lösung warten läßt – und es
ist angstvoll, zu warten. Zweifel an der Zivilisation tauchen auf. Man
behauptet, daß die Zivilisation das Volk verderbe. Der Gang der Dinge
wäre danach der, daß neben der Erlösung und dem Lichte auch viel
Falsches und Unwahres und eine große Unruhe heraufzöge. Nur den
zukünftigen Geschlechtern würde ihr guter Samen aufgehen, aber uns und
unseren Kindern drohe Verderben. Ist das auch Eure Meinung, die Ihr
dieses lest? Ist es unserem Volke bestimmt, noch eine neue Phase von
Lüge und Verderbnis durchzumachen, wie wir sie mit dem europäischen
Pfropfreis von Zivilisation schon durchgemacht haben? Ich glaube,
niemand wird es bestreiten, daß bei uns die Zivilisation zunächst mit
der Sittenverderbnis anfing. Doch ich glaube auch, daß unser Volk von
einer so ungeheuren Größe und Tiefe ist, daß alle neuen trüben und
unreinen Ströme, die es aufnimmt, in ihm verschwinden werden, und es nur
reine und klare wiederausströmen wird. Lassen Sie uns zusammenwirken,
reichen Sie mir dazu die Hand, auf daß ein jeder mit seiner kleinen
Arbeit das Seine beisteuere, auf daß die Dinge sich gerade und immer
fehlerloser entwickeln! Wir selbst verstehen davon wenig: wir „lieben
nur unser Vaterland“. In den Mitteln, ihm zu helfen, stimmen wir nicht
überein und werden nicht aufhören, uns darüber zu streiten: aber nun ist
doch wenigstens schon einmal ausgemacht, daß wir gute Menschen sind, und
schließlich muß doch alles zu einer Ordnung kommen. Daran glaube ich,
und ich wiederhole es, daß es nur die zweihundertjährige Entwöhnung von
jeglicher Arbeit ist und weiter nichts. So, wie es jetzt ist, schließen
wir unsere „Kulturperiode“ damit ab, daß wir allgemein aufhören, uns
gegenseitig zu verstehen. Ich spreche nur von den aufrichtigen und
ernsten Menschen – nur sie allein wollen sich nicht mehr verstehen.
Spekulanten sind eine andere Sache: die haben sich bei uns immer und zu
jeder Zeit verstanden.