_Berlin_, den 12. Dezember 1844.
_Hochzuverehrender Herr Geheimrath!_
Die freundliche Aufnahme, die Sie mir vorgestern angedeihen ließen, hat
mich auf die erfreulichste Weise überzeugt, daß Sie mich nach Ihrer
Trennung von Sachsen nicht vergessen haben. Wie Sie meine Wünsche
liebevoll angehört, so darf ich auch mit Zuversicht hoffen, daß Ihnen
deren Erfüllung wahrhaft am Herzen liegt. Daher beeile ich mich, Ihnen
die Vorlagen zu machen, die Sie für nöthig halten, um meine Sache
bei dem Könige praktisch und mit Erfolg zu führen. Erstens sende ich
Ihnen ein unterthänigstes Schreiben an Sr. Majestät, worin ich meine
persönliche Lage und meine literarischen Zielpunkte auseinandergesetzt,
und zweitens die Stücke von Sophokles und Aeschylos, so gut ich sie in
der Eile hier gebunden erhalten konnte. Bei der Überreichung derselben
bleibt es Ihrer wohlwollenden Gesinnung anheimgestellt, was Sie zu
meinen Gunsten mündlich hinzufügen wollen, und ich zweifle nicht, daß
Ihre Verwendung, da Sie das Ohr Friedrich Wilhelms des Vierten haben,
einen glücklichen Ausgang verbürgen werden. Ein Monarch, der, wie die
öffentlichen Blätter auch aus England melden, so eben im Begriffe
steht, seinem Volke das edelste Geschenk zu geben, welches er ihm geben
kann, wird auf Ihr Andringen kein Bedenken tragen, die Laufbahn eines
einzelnen Gelehrten sicher zu stellen, die seither von so widerwärtigen
Stürmen begleitet gewesen ist. Sie erinnern sich ja Ihres eigenen
Schicksales in Sachsen! Sie wissen, daß es in diesem kleinen Lande
an Männern fehlt, die den ernstlichen Willen haben human zu wirken,
während Überfluß an Leuten ist, die aus niedriger Denkart stets bereit
sind, jedem wackeren Streben Luft und Sonne zu beschneiden.
Vom Aeschylos erwarte ich täglich die drei letzten Stücke aus der
Stuttgarter Presse. Sobald sie, nach meiner Rückkehr, in Leipzig
eintreffen, werde ich um so weniger zaudern, auch diese Ihnen
nachträglich zu senden, als ich hierdurch die beste Gelegenheit
erhalte mein Gesuch in Ihrem Gedächtniß aufzufrischen. Aus den heute
Ihnen vorgelegten Arbeiten werden Sie unterdessen erkennen, daß ich
und Baudissin nicht so sehr im Unrecht waren, wenn wir bedauerten,
daß Sie die Donner’sche Übersetzung der Antigone zur Aufführung
gewählt hatten. Dem Sophokles von Donner fehlt die Hauptsache:
die Poesie und der eigenthümliche Charakter des Urbildes, der in
dieser scheinbaren Glätte verloren gegangen ist. Eine Unzahl feiner
Tinten sind von ihm verwischt, eine Menge Sätze falsch oder schief
wiedergegeben, die Chöre vollständig zur Prosa herabgedrückt. Dazu
kommt, daß bei ihm die logische Gedankenfolge durchaus nicht so
scharf und klar vorgelegt worden ist, wie sie im griechischen Urbilde
dasteht, dessen anmuthige und sonnige Darstellung einst die Hellenen
entzückt hat. Zu einem eigentlich _deutschen_ Gepräge mangelt der
Donner’schen Sprachweise sehr Vieles, zu einem wahrhaft dramatischen
Style Alles. Denn wie die rhythmische Darstellung richtig auf die
Füße zu stellen sei, das ist ihm unbekannt. Ich wundere mich daher
keineswegs, daß unsere guten Freunde, die „jungen Deutschen,“ von
dieser Diktion abgeschreckt, die ganze Antigone mit Stumpf und Stiel
als ein veraltetes Gewächs aus der Kindheit der dramatischen Poesie
verdammen. Noch weniger wundert es mich, daß man fortfährt, gegen
die Anwendung der sechsfüßigen Jambenform zu eifern, als sei sie für
unsere Sprache eine unnatürliche, häßliche und ungelenke. Freilich
bedarf sie einen Meister, der die Zügel sicher und geübt zu handhaben
versteht, nicht blos einen Versifer oder einen jener goethisirenden und
schillerisirenden Nachäffer, die zugleich kein Organ für den Ton des
Trimeters im Kopfe haben.
Was die Form anbelangt, in welcher die „ewigen“ Attischen Poeten
verdeutscht werden müssen, so haben wir uns über dieselbe schon im
Jahre 1835 verständigt, als Sie mir die Wohlthat erzeigten, meine
Antigone in einem zahlreichen Kreise Ihres gastfreundlichen Hauses am
Dresdener Altmarkte vorzulesen. Den modernen Reim für die Chorgesänge
wiesen wir einmüthig ab: er ist und bleibt für die griechische Poesie
ein heterogenes Element. Es handelt sich für den nachdichtenden
Übersetzer nicht darum, antike Stoffe aufs Neue zu bearbeiten und in
einer Weise auszuspinnen, als ob die Dichter nicht schon ihre Gedanken
in die rechte Form gebracht hätten; in diesem Falle würde der begabte
Übersetzer besser thun, freigewählte Stoffe selbstständig nach seinem
eigenen Genius auszuführen, wie etwa der Schöpfer der Aeneïde mit dem
Homer verfahren ist. Was soll aber der mit poetischen Meisterstücken
schon so reichgesegneten modernen Welt an einer derartigen Verarbeitung
antiker Stoffe liegen, die unserer Anschauungsweise, bei vorgerückter
Kulturepoche, mehr oder wenig fremd sind? Es handelt sich vielmehr um
eine getreue und strenge Darlegung der Urbilder selbst, nicht blos
nach dem Gehalt, sondern auch nach der eigenthümlichen Form, so weit
diese Form für uns erreichbar ist: um eine ähnliche Darlegung, wie sie
Luther und seine Zeitgenossen in der Bibelübersetzung geboten haben.
Wir wollen in unserer Sprache lesen, was ein Sophokles, ein Aeschylos,
ein Euripides und Aristophanes gedacht, empfunden und gesagt haben,
nicht was wir etwa denken, empfinden und sagen würden: wir wollen ganz
besonders auch wissen, _wie_ die Alten selbst ihre Gedanken und
Empfindungen entfaltet haben. Daran allein kann uns heutzutag liegen,
uns, die wir in den Alten unsere Muster sehen wollen.
Aus diesem Grunde verwarfen Sie mit mir ebenfalls den Gebrauch der
fünf- und fünfeinhalbfüßigen Jamben: aus richtiger Erkenntniß des
höheren Tones, welcher das antike Drama vor dem heutigen auszeichnet.
Von Lessing ist die uns jetzt gewohnte Weise der Jambenreihen
ausgegangen: hätte dieser Mann im Nathan die sechsfüßigen Reihen
angewandt, welchen unendlichen Einfluß würde dieß auf die rechtzeitige
Gestaltung unsers Rhythmus ausgeübt haben! Wir dürfen nicht glauben,
daß durch Goethe und Schiller die eigentliche Höhe erstiegen worden
ist, welche dem deutschen Drama, bei der herrlichen Beschaffenheit
unsers Sprachmaterials, vorgezeichnet scheint. Es werden in künftigen
Zeiten noch ganz andere, viel vollendetere Harmonieen auf dem deutschen
Parnaß ertönen: dafür bürgt uns schon der Anlauf, welchen Schiller in
der Braut von Messina genommen hat.
Mein Ziel war es, im Sophokles und Aeschylos den antiken Trimeter,
durch angemessene Umgestaltung desselben, in unserer Sprache
einzubürgern und einen neuen Styl für das deutsche Drama vorzubereiten,
einen höheren, reicheren und mannichfaltigeren. Sehen Sie zu, ob mir
dieß gelungen ist, mein verehrter Meister! Schwer und voll klingt
mein dramatischer Vers: das ist sicher; so leicht und locker wie der
Donner’sche tritt er nicht auf, aber ich behaupte demungeachtet,
_deutscher_ und die Poesie erschöpfender. Vergebens werden unsere
Hinkjambenschreiber mich im deutschen Gepräge zu übertreffen suchen:
sie kommen nicht einmal über Christian von Stolberg im Sophokles
hinaus. Auf den ersten Blick mag zwar meine Darstellung etwas
fremdartiger erscheinen, aber hat nicht jeder originelle Autor anfangs
etwas Fremdartiges für uns, und muß man sich nicht erst in die Neuheit
(wenn ich so sagen darf) hineinlesen? Hat die Bibel nicht auch die
Fremdartigkeit beibehalten, die von den Autoren selbst herrührt und die
um dieser Autoren willen nicht übertuscht werden darf: und erachtet die
Bibel Jemand für undeutsch? Ein Mode-Deutsch hat sie freilich nicht.
Lies’t man ein Werk von Ihnen, verehrter Freund, oder eins von Goethe,
Schiller, Jean Paul: versteht man da Alles gleich auf den ersten Blick
und muß man nicht lesen und wiederlesen und nicht nachdenken, um den
Geist, der plötzlich vor uns tritt, aufzufassen und sich mit ihm zu
befreunden?
So waren meine Betrachtungen, als ich über Sophokles und Aeschylos
arbeitete; Werke, die mich sieben volle Jugendjahre, nach einem genauen
Überschlage der Zeit, in welcher ich geradezu Tag und Nacht brütete,
gekostet haben. Glauben Sie aber nicht, daß Ihre Wahl der Antigone von
Donner mir ärgerlich ist. Ich besitze keinen Ehrgeiz, nur Liebe zur
Sache; und wenn man die Verse von Donner lobt, rechne ich im Stillen
mit um so größerer Zuversicht darauf, daß man die meinigen dermaleinst
in ihrer Vollendung erst recht erkennen wird. Sie, verehrter Herr
Hofrath, wirken auf praktischem Wege für den Fortschritt und die Hebung
unsers Theaters, indem Sie jene unvergänglichen Meisterskizzen der
Attiker vor das Auge öffentlich hinstellen: ich meinerseits betheilige
mich an Ihren Bestrebungen dadurch, daß ich für dieses Ziel einen neuen
Styl schaffen helfe.
Leben Sie wohl und bleiben meiner in Liebe eingedenk! Noch fällt mir
bei, Ihnen zu sagen, daß unser beiderseitiger Freund, der Freiherr
Friedrich von Rumohr, denselben Schritt für mich thun wollte, von
welchem ich im Eingange meines Briefs zu Ihnen gesprochen. Im Mai
vorigen Jahres versprach er es mir freiwillig, aber schon im August
raffte ihn zu Dresden der Tod dahin.
Der Ihrige.
~Dr.~ _Johannes Minckwitz_.
Während eines kürzeren Aufenthaltes in Berlin geschrieben.
Mnioch, Johann Jacob.
Geb. zu Elbing den 13. Oktober 1765; gestorben in Warschau am 22.
Febr. 1804, als Direktionsrath der preuß. Lotterie-Verwaltung.
Lyriker, vorzüglich in launigen Dichtungen und geselligen Liedern.
Sämmtliche auserlesene Werke, 3 Bde. (1798) -- Analekten, 2 Bde.
(1804).
Sein Schwiegersohn war _Wilhelm Neumann_, der innige Freund
Hitzig’s, Chamisso’s, Varnhagen’s, mit welchem letzteren er
in jüngeren Jahren den parodischen Roman: Karls Versuche und
Hindernisse schrieb.
_Warschau_, d. 10. Febr. 1801.
Eben hatte ich einen Brief an Fichte geschlossen, worin ich mich
mit ihm über Sie und für Sie (ich hab’ ihn ersucht, Ihnen den Brief
mitzutheilen) unterhalte, als mir Ihr liebes und werthes Schreiben
(vom 1. Febr.) gebracht wird. Sie sind meinen Wünschen und meiner
stillen Absicht bey Schreibung jenes Briefes auf die erfreulichste
Art zuvorgekommen. Wir lieben und verehren Sie lange in Ihren Werken,
und freuen uns über das herrliche Aufleben der Poesie sowohl in ihrer
unbefangenen Kindlichkeit als im heroischen Ankämpfen gegen die
Befangenheit. Auch in mir ist ein alter Funke, den die Kritik einer
anmaßlich-geschlossnen Grammatik mit Asche bestreut hatte, wieder
geweckt worden. Er wird nun zwar bald verglimmen, aber er verglimmt
dann doch im Freyen, und erstickt nicht. -- Ihre Gedanken über den
Reim gehn aus Ihrem Reim hervor. Ehe man über das Leben im Lebendigen
sprechen kann, muß ein Lebendiges daseyn und man muß es inne werden.
Meine verstorbne Gattin hat in Gesprächen, die ich erst jetzt besser
verstehe, Manches geahnet, auch wohl traummäßig gebildet, was jetzt
im Wachen erkannt und _unaussprechlich-ausgesprochen wird, d. h.
poetisch_. Unsre Reimspiele gehn nicht tief. Das zweite Stück von
den eingesandten ist nehmlich von meiner verst. Frau, und war schon
vor 5 Jahren geschrieben. Das größere und letzte ist von mir; und
schwerlich würd’ ich das erste zum Druck angeboten, noch das zweite im
vorigen Frühjahr selbst versucht haben, wenn ich nicht vorher Ihren
Zerbino gelesen hätte, dieses harmonische Chaos, worüber ich noch
manches zu schreiben gedenke und bereits geschrieben habe. Dieser
Zerbino hat in Bezug, nicht auf mein _Innewerden_ der Poesie,
sondern auf mein _verständliches Denken_ und _Sprechen_
darüber, ein wahres Pfingst-Wunder an mir verübt, an _mir_,
sag ich, d. i. eben an keinem Apostel, sondern vielleicht an einem
von denen, die im 2. Kapitel der Apost. Gesch. vom 9. bis 11. Vers
~inclus.~ genannt werden, vielleicht einem _Kretenser_.
(Den ganzen Epistolischen Kirchen-Text dieses Kapitels vom 1. bis 13.
Vers ~inc.~ sollte man ausführen als Geschichte des jetzigen
Erwachens der Poesie; auch der Schlußvers ist deutungsreich, wenn
vorher nehmlich die Volksnamen in Schulen-Namen verwandelt wären, und
darunter auch _Nikolaiten_ vorkämen.) -- Nochmahls (denn ich
bin vom Wege abgekommen) unsre Reimspiele gehen nicht tief, woher
auch größtentheils Reim auf Reim folgt, ohne künstliche Verschlingung
und große Partieen im Korrespondiren und Zusammenstimmen der Verse.
Die italiänische Stanze ist mir das Bild eines schönes Hausstandes.
Ein Paar Wörtlein darüber stehn im Briefe an Fichte. Nur mit den
Schlußterzetts der Sonette kann ich mich nicht immer vertragen. In den
beiden Anfangs-Quartetts ist ein so erfreuliches Grüßen und Küssen der
Reime, ein so inniges Umarmen der Verse, daraus kömmt mir der Abschied
so kalt, frostig und höflich vor. Ich will einmahl Sonettförmig
ausdrücken, was ich meyne.
Ein Sonett
über das Sonett.
Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen,
Ob ich Dich schon mit meinem Arm umschlinge,
Mit meinem Herzen an das Deine dringe:
Bey jedem Blick bist Du mir erst gekommen!
Ich habe Dich noch nicht in Arm genommen;
Verlange nicht, daß ich mich bald bezwinge,
Und frage nicht nach einem fremden Dinge!
Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen!
„Erlauben Sie, ich bin im Reise-Kleide,
Das Sopha leidet und die blanke Diele,
Der Weg hieher hat einen feuchten Sand!“
„Verzeihen Sie, auch mir fehlt Festgeschmeide.
Nachläß’ger Anzug läßigt Fein-Gefühle;
Doch vor der Hand -- zum Kuß hier meine Hand!“ --
Ich weiß es, wehe mir, wenn Sie nach Lesung dieses wunderlichen Stücks,
im fortgestzten Prinzen Zerbino meiner gedenken. Aber ich rede hier
nicht mit dem Verfasser des Zerbino, sondern mit dem freundlichen
Mann, der mich über meine Meynung im Vertraun gefragt hat. Wenn
die Schlußreime _so_ stehn, wie oben; so _sieht_ mir ein
Sonett _aus_, wie ein schön gewirktes Band, das aber am Ende
locker geworden, und die Fäden auseinander gegeben hat; -- oder so
_klingt_ mir ein Sonett wie ein schönes Glockengeläute mit dem
Apendix einzelner Nachschläge, wenn der Klöpel nicht gleich angehalten
wird. Freylich, soll eben eine Empfindung ausgedrückt werden, deren
Gedankentext auf eine ähnliche Art verdämmert, oder soll auch das laute
Gefühl allmählig in ein Verstummen des stillen und innigern Beschauns
übergehn; so hab’ ich nichts gegen das Lyrische dieser Form. Sonst
aber scheint sie mir besser zu einem komischen Kontraste zu dienen.
Sollt’ es nicht eine verständige Umkehrung dieser Form geben, die einen
sehr großen und bedeutenden lyrischen Karakter hätte? -- Sie hören,
ich spreche kein vollständiges Wort. Ich zweifle, ich frage. Fragende
Zweifel bitten um belehrende Antwort.
Nun aber ganz ernsthaft über Ihren Scherz und Ernst. Wozu Sie mich mit
Gewalt machen wollen, das bin ich lange, der verehrende Freund Ihres
Geistes und Herzens. Und wenn Sie mir, falls ich zu einem wörtlichen
Bunde nicht geneigt wäre, mit einem zweiten Zerbino drohen, so sind
das Strafgesetze auf die Unterlassung eines Dinges, das man gern thut.
Aber daß Sie gleich nach dieser Androhung alles Vorhergesagte dadurch
zum Scherz machen, daß Sie fortfahren: „Aber ernsthaft, u. s. w.“ das
thut mir leid, denn nun besorg’ ich, nicht bloß Ihre Drohung, sondern
auch Ihre Forderung, auf die ich einen so hohen Werth setze, solle als
Scherz genommen werden. -- --??
Ihr Antrag wegen des Hymnus ehrt mich, und die gütige Offenheit Ihres
Urtheils über die Einleitungen und den Schluß erfreuet mich: Mein
voriger Zweifel ist gelöst, denn Ihrem Freundschafts-Antrage ist
dadurch zugleich eine erste Freundschafts-Probe angeschlossen. Sie
haben ganz recht, beide Anhänge (denn sowohl Anfang als Ende sind
angehängt worden) gehören nicht zum Gesang der Vermählung. Aus dem
Brief an Fichte werden Sie indeß erfahren haben, daß leider jener
Hymnus sowohl, als eine damit verbundne Romanze der Entbindung, nebst
einigen Erläuterungen über Idee und Organisation, zum Druck gesandt
sind. Den Abdruck der Gedichte, der bereits vollendet seyn muß, erwart’
ich mit jedem Posttage. Die Erläuterungen werden später folgen, obwohl
sie auch schon unter der Presse seyn müssen. Die erste Einleitung
ist jedoch beynahe ganz gestrichen. -- Sobald ich ein vollständiges
Exemplar habe, werd’ ich so frey seyn es Ihnen vorzulegen, und erst
wenn Sie die Güte gehabt haben, mir über die weitere Ausführung meiner
Absicht Ihre Meinung mitzutheilen, werd’ ich fortfahren. Der jetzt
gemachte besondre Abdruck der ersten beiden Stücke wird vielleicht in
Jahr und Tag abgesetzt, wenn auch größern Theils an die Lüsternheit,
die sich betrogen finden wird. Bey der Vollendung des Ganzen, was ich
im Sinne habe, kann ich also Ihr offnes Urtheil noch benutzen. Meines
herzlichsten Danks seyn Sie gewiß! -- Eine Anzeige dieser Blättchen
wünscht’ ich wohl im Athenäum. Vielleicht haben Sie Gelegenheit dies zu
bewirken.
Mit welchem Sinn wir Ihre heilige Genoveva feyern, werden Sie theils
im Briefe an Fichte, theils in dem an Schütz angedeutet finden. Nur
ein Paar Köpfe wollen die Varietät der äußern Formen darin unnatürlich
finden. Ich habe diesen aber zu bedenken gegeben, daß die Wahrheit und
Natur in dieser Mannigfaltigkeit nach dem, was dem Ausdruck zum Grunde
liegt und was er will, nicht nach dem Ausdruck an sich beurtheilt
werden muß. Die Poesie will den Menschen lebendig aussprechen, sie will
den Gesang unsers Innern als Gesang hören lassen, ihn nicht bloß in
Noten zum philosophischen Lesen aufschreiben. Wo es nun Reime, Sonette,
Stanzen u. s. w. in unserm Innern giebt, da kehrt sie sich an keine so
genannte Gleichheit des Styls, sondern giebt selbst Reime, Sonette,
Stanzen. Noch immer bleiben wir auch bey dieser Freiheit im Ausdruck
befangen; aber wer mehr befangen bleiben will, als nothwendig ist, der
hat keine Ahnung von dem, was Poesie ist, und wornach sie trachtet.
Mit einem Wort: die Wahrheit und Natur aller Poesie ist nicht, daß
der Mensch im Leben sich so ausspricht, aber wohl, daß er sich so
aussprechen _möchte_, daß er innerlich darnach ringt, seine
Seele also darzustellen. -- Die Kraft und Regung des innern geistigen
Lebens macht dem Menschen die Brust beklommen, es will hinausdringen
und sich im Materiällen verkünden. Da stellen sich nun die Künste um
ihn, und bieten ihm freundlich, Ton und Wort und Farbe und Masse, als
Instrumente des Verkündens dar. So, verehrter Freund, seh’ ich die
höhern Künste an.
Vieles möcht’ ich noch schreiben, besonders darüber, daß, nach Ihnen,
der Karakter romantischer Poesie im großen modernen Reim liege; aber
dies bleibe einer helleren Stunde vorbehalten.
Lassen Sie uns Freunde seyn! Geben Sie meiner dargebotenen Hand die
ihrige; ich glaube inne zu werden, was Sie inne werden, und darum
lassen Sie es hingehn, wenn auch mein Ausdruck dem ihren nicht immer
zusagen sollte. Ein Paar Zeilen, daß Sie diesen Brief erhalten haben,
werden mich erfreun.
Ganz der Ihrige.
_Mnioch_.
N. S. Unter meinen Freunden empfiehlt sich namentlich ein Leut. v.
Loewenstern. Mit einer kräftigern und jüngern Sehnsucht als Moses,
als er vom Berge in die Thäler des gelobten Landes sah, schaut dieser
feurige _Jüngling_ von 29 Jahren in das gelobte Land der Poesie
und Mahlerey, wie Sie es uns darstellen. Er zeichnet mit kräftiger
Hand, hat aber nicht Lust zum Ausmahlen, dafür mahlt er desto mehr in
seinen poetischen Versuchen. In wenig Jahren hat er eine Kompagnie und
er ist blutarm; dennoch will er Urlaub nehmen, und Ein Jahr auf der
Akademie studiren. Wie glücklich-unglücklich Ihre Schriften diesen Mann
gemacht haben, kann ich nicht beschreiben. _Göthe_ und _Sie_
betet er an. -- Nächstens werden Sie etwas von ihm lesen. Wär’ ich doch
noch so jung und kräftig wie dieser! -- Aber 36 Jahre sind gerade 7
mehr, als 29. --
Mörike, Eduard.
Geb. den 8. Sept. 1804 zu Ludwigsburg, seit 1834 Pfarrer in
Clever-Sulzbach bei Weinsberg.
Maler Nolten, Roman (1838). -- Iris, Novellen und Märchen (1839).
-- Idylle vom Bodensee (1846). -- Das Stuttgarter Hutzelmännlein,
Märchen (1853). -- Mozart auf der Reise nach Prag, Novelle (1856).
-- Die sanfte, liebewarme Empfindung dieses Dichters klingt mild
und innig aus den wenigen Zeilen, welche sich von ihm in Tieck’s
Nachlasse vorfanden.
_Ochsenrang_ bei _Kirchheim_ unter Teck
im Königr. Wirtemberg,
d. 20. Febr. 1833.
_Hochverehrter Herr!_
Eine poetische Arbeit direkte und ohne alle äußere Veranlassung Ihnen
vorzulegen, habe ich inzwischen billig Anstand genommen; und selbst da
nun verlauten will, daß Dieselben aus Gelegenheit eines Gesprächs mit
einem meiner wirtembergischen Freunde Sich dieser Lektüre im Voraus
nicht ganz abgeneigt erwiesen hätten, gebe ich der Versuchung, mich
Ihnen darzustellen, nicht ohne Zaudern nach.
Denke ich aber, mit welcher unbedingten Hingebung und immer neuen
Bewunderung ich mich seit so viel Jahren an Ihren Werken erfreut, an
Ihrem Genius mich aufgerichtet habe, wie ich mich überall zuerst an
die Reisenden drängte, welche zu Dresden und bei Tieck gewesen waren,
so finde ich mich nun aufs wunderbarste durch die Vorstellung gerührt,
daß Sie, doch wenigstens so lange jene Blätter Sie festhalten können,
Sich noch mit meinem Wesen berühren sollen! Schon dieß Bewußtseyn, kann
ich wohl sagen, ist an uns für sich selbst hinreichend, mich glücklich
zu machen. Dürft ich aber vollends hoffen, daß es für Sie keine
unangenehme, ja vielleicht für mich eine fruchtbare Berührung werden
könnte, so wäre meine Freude desto größer, je geringer in Wahrheit die
Ansprüche waren, womit ich das Buch überhaupt in die Welt hinausgab.