III.

_Stuttg._, d. 6ten Aug. 1829.

_Verehrtester Herr Hofrath!_

Ist es mir erlaubt, bescheiden bey Ihnen anzuklopfen und mich Ihrem

gütigen Andenken zu empfehlen, indem ich Ihnen schüchtern mein

neues poetisches Product überreiche? Da Sie mein letztes Schreiben

unbeantwortet gelassen und auch unsern Wünschen in Betreff des Morgen-

und Literatur-Blattes nicht entsprochen haben, muß ich fürchten, Ihnen

als ein lästiger Mahner zu erscheinen. Allein so schmerzlich mir auch

Ihr Stillschweigen gewesen ist, unterstehe ich mich doch, was Ihnen

gefällt, nicht einmal zu glossiren, geschweige übel zu nehmen. Die

Liebe und Ehrfurcht, die ich für Sie hege, würden sehr verdunkelt

werden, wenn sie Ihnen im mindesten lästig fielen.

Ich setze daher auch voraus, daß Sie nur in dem Falle meinen Brief

beantworten werden, wenn Ihnen das dramatische Mährchen, das er

begleitet, einer Berücksichtigung würdig scheint. In diesem Falle bitte

ich Sie, mir Ihre Meinung darüber zu sagen und mir einen Wink zu geben,

der auf meine künftigen poetischen Bestrebungen wohlthätigen Einfluß

üben kann. Im entgegengesetzten Fall werde ich in Ihrem Stillschweigen

die Verurtheilung meines poetischen Talentes lesen und mich nicht

darüber beklagen, da ich es selbst schon seit geraumer Zeit verurtheilt

hatte, und eigentlich nicht weiß, wie ich auf den Einfall gerathen bin,

dieses Mährchen zu schreiben.

Ich bitte mich der Frau Gräfin und Fräulein Dorotheen angelegentlichst

zu empfehlen und bleibe mit unwandelbarer Liebe und Verehrung

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 337 / 358 题