_Escheberg_, 8. August 1824.
Eine geraume Zeit ist verstrichen, mein theurer geliebter Freund,
und ich habe Ihnen noch nicht geschrieben, auch Ihre liebe Stimme
noch nicht anders vernommen, als tief in meinem Herzen, und da leider
gewaltig zürnend und scheltend. Aber ich versichere Sie, ich bin doch,
bey allem Anschein, so übel nicht und Sie würden ein Paket erhalten,
das alle Postmeister entsetzte, wenn ich Ihnen die tausend Gedanken
aufschriebe, die ich an Sie gerichtet habe, seit Sie mir so lieblich
aus dem dritten Fenster am Altmarkt Lebewohl zuriefen.
Inzwischen ist es sonderbar: wenn sonst Angst und Unruhe meine
Gemächlichkeit quälend zu einem Briefe spornten, so habe ich jetzt
die behaglichste Empfindung, wenn ich meine ganze Seele zu Ihnen hin
transportire (Sie wissen ja: ~translate~) und statt wie sonst
von Katarrh und Gicht zermartert, am Migränentage mit weißem Überrock
und schwarzen Käppchen im Sorgenstuhl kauernd, oder gar noch viel
kränker und schmerzhafter, umseufzt und umweint, kann ich Sie mir
jetzt nur höchst annehmlich und bequemlich, innerlich und äußerlich
rein gewaschen, sehr freundlich faul und nach Morgen-, Mittags- und
Nachtschlaf sehr munter, gescheut und witzig vorstellen. Zu diesem
erquicklichen Gestaltchen rede ich denn jetzt in Liebe und leidlichem
Aberwitz, und weiß doch, daß Sie mit kleiner inwendiger Freude
holdselig dazu zu schmunzeln geruhen. In Töplitz muß Sie dieser Brief
durchaus noch vorfinden, sonst verrückt sich der ganze Standpunkt,
aus dem ich ihn schreibe, denn das ist doch entschieden, daß man zu
demselben Menschen nicht dasselbe Ding in zwey verschiedenen Stuben
sagen würde, geschweige an zwei verschiedene Orte schreiben. Nun denn,
Sie lieber herrlicher Mann! sind Sie denn recht gebadet vergnügt, nun
noch eingewohnter in Töplitz, in Luft und Wasser den zweyten Theil des
himmlischen _Dichterlebens_ saugend, wie ich Sie Tag und Nacht
vor mir sehen muß? sollte mir der Blüthengeist der Gesundheit, aus
dem mir das Ende der Cevennen und des Tischlers und der Anfang des
Shakespearewerkes &c. entgegenstrahlt, nur ein Phantom gewesen seyn?
gewiß nicht.
Es ist so lange her geworden mit meiner Reise, daß ich sie fast
vergessen habe, und Ihnen nicht ein Zehntel der Dinge zu sagen weiß,
die Ihnen zu ihrer Zeit Gemüth und Phantasie zu sagen gedachten. In
Weimar empfieng Goethe mich und mein Buch, ja selbst meinen kleinen,
mich ihn mitzunehmen peinigenden Neffen sehr holdselig und väterlich;
ich fand den alten Herrn schöner und größer (an Leibesstatur) als vor
zwey Jahren, keine Spur von Krankheit, warme und schalkhafte Augen. Er
sprach schön über Sie, über Shakspeare, über Calderon, und ich verließ
ihn nach einer Stunde viel zufriedener über ihn als über mich, denn
ich weiß nicht, was für ein Dämon in mich gefahren war, ihm tausend
Dinge sagen, ich glaube gar ihm gefallen zu wollen, worüber ich, bald
dies bald jenes vergessend, bald manches im bewegten Gespräch nicht
anbringen könnend, mir in holdem Wechsel bald ein zerstreutes bald
ein albernes Aussehen anfühlte. Und wie ich fort war, glaubte ich gar
meine Hauptsachen ausgelassen (d. h. sie nicht ausgelassen), manches
was er sagte, nicht gehörig aufgefaßt, dagegen fast nie benutzt, oder
aufs Dümmste beantwortet zu haben. Gestehen Sie nur, großer Mann,
daß Ihnen meine Physiognomie recht oft in einem ähnlichen Spiegel
gegenüber gesessen hat, als hier in meiner Selbstbespiegelung,
besonders im Anfang unsrer Bekanntschaft; ich habe gewiß mehr als
Jemand Unbefangenheit und Breite (der Zeit) nöthig, um nicht horribel
zu erscheinen. Glücklicher lief ich (bin ich nicht mit meinem kühnen
Ichgeschreibe etwas wie Kuhn?) bey der Schopenhauer ab (die Arnim nennt
sie Hopfenschauer). Thee, Morgenfahrt nach Belvedere, Mittags-Essen,
wieder Thee und Abschied, bezeichnen die Hauptpunkte meines Lebens
in ihrem Hause. Bey der Frau und ihrer ganzen Art empfand ich wieder
dieselbe Gattung von Anmuth wie das erstemal, gleichsam ein kühlwarmes
und durchsichtiges Gemüthsbad ohne Schwüle und Tiefe; ihre sehr
verbindliche Freundlichkeit tanzte wie eine angenehme Libelle um die
verschiedenen Brunnquellchen meiner dankbaren und diplomatischen Seele.
Mein süßer Gerstenfreund setzte sich mit seinem Malzgenossen (ein
Tröpfchen Wasser auf Ihre Mühle und für Ihr Biergedicht) in chemisch
äugelnde Wahlverwandtschaft, aber mit entsetzlichem Geistesgepolter
rasselte und stolzirte die Tochter, alle Schellen und Orgelzüge ihres
Genius aufgezogen, durch und umher. Diese Bekanntschaft war mir neu,
und ich gestehe, im Anfang entsetzlich, fast lächerlich, dann in
Momenten wieder recht leidlich, so daß ich zwischen Schrecken und
Verwunderung, manchmal auch tragischem Mitleid und Angezogenheit auf-
und abschwankte. Es ist etwas Sonderbares mit solchen Geistreichen; man
wird sehr häufig von Erstaunen angefallen, wie bey einem kunstreichen
Uhrwerke auf einem Marktthurme, aber auf einmal, und da, wo man sich
bewandert glaubt, erscheinen sie Einem ganz unwissend oder einfältig,
und so gieng es mir recht oft bey dieser berühmten Adele. Jeder Ort hat
seinen Heiligen; wie man in Dresden bey Ihnen schwört (in Cassel bei
Arnim), so in Weimar bey Goethe, aber wie es Ihnen dort geht, so auch
diesem großen Manne hier; man rafft Fäserchen auf, zaselt sie umher
und schmückt sich damit, aber das Ganze, das eigentliche, innerste
Wesen wird nicht verstanden, oder neben aller Bewunderung her noch gar
misdeutet. Dabey wird in Weimar der Einfluß der Goetheschen Kritik,
über deren Schwäche wir oft gesprochen haben, besonders empfindlich,
und ich hätte nur gewünscht, daß Sie bey manchem Aberwitze, der auf
diesem Instrumente gespielt wurde, gegenwärtig gewesen wären, oder mir
etwas von den Waffen Ihrer wunderbaren Geistesgegenwart, höflichen Ruhe
und ironischen Beweglichkeit dagegen hätten herleihen wollen. Denken
Sie sich u. a., daß man da über Ihre Theaterkritiken höchst verstimmt
ist; im herrlichen Aufsatze über Wallenstein finden sie ein modiges
Herabsetzen Schillers, auch Goethe würde es mit dem Shakspeare zu arg,
und sey er ganz ärgerlich darüber, und dergl. Plattituden mehr. Wie
selten wird doch ein Geist verstanden!
Zu Neuhausen verlebte ich zwey angenehme Tage und wohl zweyhundertmal
klang Ihr Nahme über vier bis sechs Lippen. Zu Cassel wurde ich zwey
Wochen aufgehalten, ehe ich nach Escheberg kommen konnte, und seitdem
bin ich hier in der sogenannten ländlichen Ruhe. Mein Bruder, Fräul.
Calenberg, der englische Vater mit den Söhnen aus Dresden und Brüssel
sind die nahen Umgebungen, die ferneren wechseln wie das Wetter und
dies ist ja in diesem Sommer meist schlimm. So hat Carl jetzt zwey
Familien aufgegabelt, leidliche Männer mit unleidlichen Frauen,
worunter Eine eine standeserhöhte Bäckerstochter mit einem gespreitzten
greulich singenden oder vielmehr schnalzenden Töchterchen. Während
ich mich möglichst zurückziehe und der Scheidestunde mit Verlangen
entgegensehe, wird der gute Carl nicht müde, sie zum Bleiben zu
nöthigen, und er ist so unruhig und bewegsam, daß ich nicht einmal
die Zeit finde ihm zuzuwinken: lasse sie ziehen. Im Übrigen ist
Escheberg hübsch. Eine neue Felsenpartie, zu der Carl die Basalte
von der Malsburg fahren läßt, überraschte mich; zur Nachfeyer meines
Geburtstages ließ mich der gute Junge mit klingendem Spiel in mein
bekränztes neues Haus einziehen, dessen Anblick mich wahrhaft erquickt
hat, indem es manche innere Unruhe durch das Harmonische seines
Eindrucks beschwichtigte. Daneben haben sich mir manche Geschäfte
gehäuft; der Morgen geht sie abhaspelnd hin, die übrige Zeit in
heiterer Unterhaltung, von manchen Rührungen und Erinnerungen wie von
einem bald dunkeln bald schimmernden Saume umdrängt. Wären Sie nur
einmal hier! ich denke mir immer, wie Ihnen dieses gefallen, jenes Sie
entsetzen würde -- aber schön wäre es doch, Sie, wenn auch in Ihren
Gewitterstündchen, zu haben. Daß ich Carl wegen des Weinverrathes
weidlichst abgescholten habe, können Sie denken; noch behauptet er, die
zwölf Apostel für Sie aufbewahrt zu haben und damit die verscherzte
Gunst wieder zu erringen. Er küßt und liebt Sie zärtlich, Ihr Ruhm
stirbt nicht auf seinen Lippen.
Von unserm Loeben habe ich ein silbernes Lorbeerzweiglein zum
Geburtstag und einen schönen lieben Brief erhalten, der von Gesundheit
nicht spricht, aber Lebenslust und Vergnüglichkeit athmet. Albrecht hat
meinen Bruder hier besucht.
Die Dualität meiner Lebenserscheinungen führte mir in Cassel zwey
geniale Weibsleute vorbey. Primo die Helwig, die auf die Gallerie lief,
um kein einzig Bild anzusehen, sondern über ihre eigenen zu schwatzen,
und sich einen Abend durch bey Fräul. Calenberg mit untermischten
Klagen über ihre Halsschwindsucht absprach; secundo die Arnim, die
einen andern Abend bey meiner Cousine so unablässig schraubelte, daß
sie von einem plötzlichen Halskrampfe ergriffen wurde. Die Grimms und
Andere saßen ihr bewundernd und beyfallachend gegenüber und es ist
wahr, daß mitten unter dem Tollen, Rohen und Groben, das ihre Zunge
drosch, auch wohl dann und wann ein Mutterwitzkorn emporflog. Diesmal
fand ich, daß die vormalige Verliebtheit in Sie einer ziemlichen
Ungezogenheit Platz gemacht hatte; doch ist freylich nicht zu läugnen,
daß Sie auf einen solchen ~dépit amoureux~ reichlich pränumerirt
haben.
Auf dringendste Selbstempfehlung der Helwig haben wir ihre Helene von
Tournon hier gelesen. Die arme Person wird ohnmächtig, weil sie der
Amant nicht auf die richtige Art ansieht, und stirbt, weil er sie nicht
auf die richtige Art anredet; das ist die ganze Geschichte auf 165
Seiten. Am Schlusse sieht man wohl, wo die würdige Vf. hinausgewollt
hat und daß so etwas vielleicht einmal hätte poetisch passiren können,
aber der gespreitzte, geschnörkelte Stylus, der in ellenlangen,
heckerlingartig geschnitzelten Perioden tausend Abgeschmacktes zu
Markte trägt, macht das Büchelchen gewaltig widerwärtig. Jetzt habe
ich ein Buch angefangen, das Goethe dreymal gelesen hat, vier dicke
Bände ~Don Alonso ou l’Espagne~, deren erste 52 Seiten allerdings
einen eigenthümlichen Karakter zu haben scheinen. Wissen Sie denn auch,
daß das erbärmliche Buch W. Meisters Meisterjahre wieder von einem
Pseudo-Pustkuchen ist? Schade, denn der Kuchen ist um nichts besser als
die Hefe.
Was lesen, was treiben, was schreiben Sie denn? wie geht es der lieben
Gräfin und Amalien? sind die Kinder von der Hochzeit zurück? haben Sie
mein Buch abgegeben? hat es Freude gemacht? haben Sie mir etwas in der
Auction gekauft? was macht unser armer Kalkreuth? hat er Sie in T.
besucht? glauben Sie mir es, daß ich Sie auch in diesem Sommer gern
besucht hätte, und nicht nach Prag gelaufen wäre? Sehen Sie, das sind
tausend Fragen, ach und nicht Eine werden Sie mir beantworten, fauler,
hartherziger Freund! Und doch waren Ihre Briefe vor drey Jahren so
schön! und vor zwey Jahren schrieben Sie mir gar nicht! Die winzige
Beylage, nach welcher der Postbote bereits die Hand ausstreckt, wird
auch nichts helfen, denn ich sehe schon das höhnische Kind, wie es
sagt: was will mir das? mit Speck fängt man die Mäuse! und so werde ich
nichts von Ihnen erfahren, bis ich wiederkomme, und das ist doch noch
recht lange. Dieser Gedanke macht mich wahrhaft melankolisch, deshalb
sage ich Ihnen ein trauriges, halb empfindliches Lebewohl, wie denn nie
Jemand das Talent gehabt hat, meine Empfindlichkeit so schmerzlich zu
reitzen, aber freylich auch ihr so wohl zu thun, als eben Sie. Leben
Sie wohl, lieber herrlicher Mann! umarmen Sie die Ihrigen, wie ich
Sie und Alle von meinem Bruder und Frl. C. begrüßen und umarmen soll,
und lassen Sie Ihre Gedanken jeden Kuß zurückgeben Ihrem Sie zärtlich
liebenden Freunde
_Ernst Malsburg_.
Maltitz, Apollonius, Freiherr von.
Geb. 1796, Kais. russischer wirklicher Staatsrath, in
diplomatischen Sendungen an verschiedensten Höfen, zuletzt
Geschäftsträger am Weimarischen. Weder zu verwechseln mit seinem
Bruder, welcher ebenfalls Diplomat und ebenfalls Schriftsteller
gewesen; noch weniger mit dem in Dresden verstorbenen Herrn von
Maltitz, der mit Bezug auf eine (unter ähnlichem Titel verfaßte)
epigrammatische Broschüre „der Pfefferkörner-Maltitz“ genannt wurde.
Apollonius hat u. A. drucken lassen: Gedichte (1817). --
Geständnisse eines Rappen (1826). -- Neuere Gedichte, 2 Bde.
(1838). -- Dramatische Einfälle, 2 Bde. (1838-43). -- Drei Fähnlein
Sinngedichte (1844). -- Lucas Cranach, Roman, 3 B. (1860). -- Der
Herzog von der Leine, Roman, 4 Bde. (1861) &c.
Das hier mitgetheilte Schreiben gilt jener früh verstorbenen
Freundin des Tieck’schen Hauses, Adelh. Reinbold, der wir später
noch begegnen.
_München_, am 22sten Februar 1839.
Ich stehe mit Ihnen, verehrter, gütiger Freund, an einem Grabe,
welches, ich darf es sagen, Niemand mehr angehört, als Ihnen
und mir und _so_ wage ich es Ihnen, dem ich nur Namen der
Bewunderung geben sollte, den des Freundes zu geben. Ich habe im
vollsten Frühlingsglanze diese Adelheid gesehen, die Sie als Leiche
haben sehen müssen -- ich habe sie _so_ lächeln gesehen, wie
ihr _ursprüngliches_ Schicksal ihr gelächelt haben mag, ehe
andre _Fügungen_ dazwischen traten; _Fügungen_, um nicht
_Menschen_ zu nennen. Denn der Glaube an ein _unbeugsames_
Verhängniß bewahrt uns, wie kein anderer, vor _Menschenhaß_.
Was die Arme gelitten, ist gewiß längst in Ihrer edlen Menschen- und
Dichterbrust niedergelegt, denn Sie waren der _Wohlthäter_ ihres
Herzens und jeder ihrer schönen Gaben. Sie fühlte es tief, daß Ihre
Stelle bei Ihnen war und bei unserm letzten Wiedersehen bestätigte
ich sie, mit aller Wärme meines Antheils an ihrem Schicksal, in
_diesem_ Glauben. Könnte ich vor Ihnen die Blätter aufschlagen,
die Sie mir über das Meer sandte! -- nein, könnte ich Ihnen mit
lebenden Worten schildern, _wie_ ich sie einst unter Neid,
Mißgunst und unverdienter Verachtung welken und vergehen sah, ehe sie
in Ihre Nähe gelangte! Bald einem tröstenden Glauben an sie, bald einem
Heere von verhaßten Zweifeln und Wahrscheinlichkeiten hingegeben,
die Verworfenheit und Leichtsinn immer zu nähren wissen, wenn ein
_schönes_ Wesen _erniedrigt_ werden soll -- konnte ich nur
in _einer_ Empfindung für sie mit mir selbst einig werden, in
einem ungeheuern Schmerz um sie. Wie wohl wurde mir, als ich nun die
Verfolgte in eine Nähe, wie die _Ihre_ -- hingeflüchtet fand! Sie
hatte dort den Frieden und die Ruhe gefunden, die ihr die Welt noch
geben konnte. Aber wenige Frühlinge sind so gemordet worden! Sie wird
mir nie als ein Schatte vorschweben, sondern immer in jener blühenden
Gestalt, deren Namen, wie noch zum ersten Male, in mein Ohr tönt! Man
hat viel von meinem Herzen mit ihr hinabgesenkt -- und selbst mit
höherer Beredsamkeit, als mir verliehen ist, möchte ich sie nicht
_mit mehr_ Worten rühmen, als mit diesen: Sie war eine zarte,
_große Seele_. Möge es mir vergönnt seyn, ihr in Gesprächen mit
ihrem erhabnern Freunde eine Todtenfeyer halten zu können! Sie waren
ihr mehr, unendlich mehr, als ich -- nur war es mir vergönnt, unter so
vielen Verfolgern ihr wenigstens den Blick des Wohlwollens zu zeigen.
In einem andern Welttheil, wo die Erinnerungen unserer meisten Freunde
so oft vom Ozeane hinweggespült scheinen, erklang mir auf ein Mal
Adelheids liebe Stimme -- ich muß nun wissen, daß ihr Mund auf immer
verstummt ist! -- Bis über die Meere hatte sie Treue an mir geübt --
wie leicht hüte ich sie ihrem Grabe! --
Sie haben, mein hoher Freund, eine Tochter verloren -- der Schmerz
in einer Seele wie die Ihre, kann nicht ganz der bodenlosen Wehmuth
gleichen, mit der ich der theuern Vollendeten nachblicke, aber erlauben
Sie mir, mich Ihrem Herzen jetzt sehr nahe zu glauben.
Mit Bewunderung und Verehrung:
_A. Maltitz_.
Marbach, Gotthard Oswald.
Geb. zu Jauer in Schlesien, wo er dem dort verstorbenen Senior K.
C. H. M. am 13. April 1810 geboren wurde. Unter Franke in Liegnitz
gediehen seine ersten poetischen Versuche. In Halle gerieth er aus
der Theologie in die Philosophie, und diese führte ihn auf Spinoza,
den er 1831 in einer Gedächtnißrede gefeiert. Nachdem er als Doktor
promovirt hatte, zog er nach Leipzig, wo er sich an der Universität
habilitirte, sich mühsam aber energisch durchkämpfte, und sowohl
wissenschaftlich wie kritisch anerkennende Achtung erwarb. Er ist
mit Rosalie Wagner (siehe Ad. Wagners Briefe in dieser Sammlung)
verheirathet gewesen; und die Verbindung mit dieser liebenswerthen,
sanften Künstlerin (die der Tod ihm nach kurzer, beglückender
Ehe raubte) hat ihn, den Gelehrten, wohl auch zur Theilnahme an
belletristischen Unternehmungen bewogen. Neben philosophischen,
philologischen, physikalischen Werken trat er mit litterarischen
Abhandlungen, ja mit Poesieen verschiedener Gattung hervor. Er lebt
jetzt (so viel uns bekannt) als Gymnasial-Professor in Leipzig, und
ist Sächs. Hofrath.