VII.

_Escheberg_, d. 9ten Julius 1822.

_Mein lieber trefflicher Freund!_

Es geht schon in die vierte Woche, daß ich den Abschieds-Kuß auf Ihre

Lippen drückte, und noch habe ich die Finger nicht krümmen können,

um Ihnen zu schreiben, zu danken und zu sagen, wie unendlich lieb

ich Sie habe. Wenn ich Ihnen alle die Anregungen erzählen wollte,

die ich ausser meiner Liebe hatte, an Sie zu denken, mein Brief

würde länger werden als Ihre Langmuth; ganz Berlin kam mir wie ein

Boden vor, der nur dadurch so öde, langweilig und sandig geworden

sey, weil Sie ihn verlassen hatten, aber Ihr Nahme, Ihre Erinnerung

schwebte und hallte überall um mich her und das setzte die Flügel

meiner Seele in hinlängliche Bewegung, um den faustdicken Staub

abzuschütteln, der dort auf alle Blüthen fällt. Ich hätte so gern

Ihren prächtigen Bruder besucht, aber ich lebte wie ein Gefangener in

steter Erwartung der befreyenden Audienz und an dem Morgen, wo mich

das gute Henselchen, das täglich bey mir war, hinführen wollte, stand

ich schon in Luthers erbärmlicher und finstrer Stube zu Wittenberg

und statt heiterer Marmorbilder sahen mich zwey hässliche Konterfeye

von Luther und Melanchthon (nicht Wellington -- nach Casselischer

Pfeifenkopf-Nomenclatur --) an, die von zwey sentimentalen

Superintendenten-Mamsellen mit moderig duftenden Eichenkränzen umhangen

waren. Wahrscheinlich wissen Sie schon, daß ich die Freude hatte, die

Mutter der lieben Solger kennen zu lernen und einen Abend bey ihr

zu seyn, das wissen Sie aber gewiß nicht, daß sie mir Ähnlichkeit

mit Ihnen fand, und daß ich darüber eben so hochmüthig aufschwoll,

als ich in diesem Augenblicke Sie dieses Lesenden gedemüthigt

zusammenschrumpfen sehe. Frau v. Bardeleben fand ich noch so gut und

verständig wie sonst, für Sie noch eben so liebevoll, als Sie es nicht

verdienen, im Übrigen fast zu ätherisch mager; der Geyer des Leidens

frißt der armen Frau den Leib ab, aber das Herz bleibt dasselbe, wenn

es nicht gar noch wächst. Leid war es mir sehr, meine alten Bekannten

Savigny und Bettina nicht einmal aufsuchen zu können, das diplomatische

Handwerk verschlang das poetische (so daß mir gar Hoffmann unter den

Händen gestorben ist) und Hensel hatte ich mir völlig umstellt und

eingefangen wie einen edeln Hirsch, als er von Madame Neumanns runden

Armen umstrickt (ich meyne das blos phantastisch) aus dem Theater kam.

Ich warf ihn dann gleich gewaltsam in meinen Wagen und führte ihn zu

Frau Rosalie, die ich so glücklich war in Berlin anzutreffen. War es

nicht schön, daß mich am ersten Mittag, als ich bey Leboeuf eintrat,

Herr v. Knobelsdorf mit schallender Überraschungsfreude empfieng und

noch schöner, daß er von demselben Champagner kommen ließ, der Sie

in Dresden beynahe von der Eulenböckischen Ungerechtigkeit geheilt

hätte, und auf Ihre Gesundheit mit mir anklang? Derselbe Wollmarkt,

der alle Juden und Edelleute der Sandmark so in den Wirthshäusern von

Berlin zusammengedrängt hatte, daß ich in Gefahr stand, meinen Wagen

mitten auf der Straße einer haus- und speisereichen Stadt zu meinem

Nachtquartier und Hungerthurm erwählen zu müssen, derselbe Wollmarkt

(sage ich) hatte auch den guten Alten hereingeführt. Eine Zuflucht

(wenn Sie diesem meine vorige Periode überspringenden Umstande noch

einige Theilnahme schenken) fand ich zuletzt in einer Art Kneipe, die

ich eher türkisches als deutsches Ham nennen möchte, und woraus ich

am andern Morgen durch meinen Collegen Wilkens erlöst wurde, der mich

unter sein amtsbrüderliches Obdach nahm. Von nun an gieng auch alles

glücklich und am 20ten Junius, Nachmittags 7 Uhr wären meine Pferde

am Reisewagen gewesen, denn nachdem ich beym König in Charlottenburg

gespeist hatte, schien mir der Zweck meines Berliner Ephemerirens

erfüllt, wenn mich nicht Graf Brühl für seinen Freyschützen förmlich

eingegarnt hätte, so daß ich erst um 10 Uhr anschirren ließ. Um 10

Uhr kam aber mein verspäteter Oheim mit seiner Frau aus Oranienburg

an, um halb eilf eine schöne Brillanten-Dose von Seiner Majestät und

ich empfand nun, daß Graf Brühls Freyschuß (nicht Freybillett) mich

gehindert hatte, einige Böcke zu schießen; ich fuhr nun Nachts um

11 Uhr ab. Nie bin ich schneller, stolzer, freudiger und zugleich

erbärmlicher gereist; Brillianten in der Wagentasche, aber nichts als

Butterbrot und rothen Wein im Magen, Müdigkeit in allen Gliedern,

aber keinen Schlaf in den Augen; so kam ich nach einer gerade

sechszigstündigen Fahrt am 23ten Junius Mittags um 11 Uhr zu Cassel an.

Der Kurfürst war zu Wilhelmshöhe, aber unser theurer lieber Loeben war

Tags zuvor in meine Casselischen Hallen eingezogen und mein Tisch mit

Ihren und der Ihrigen Liebesgaben bedeckt. Wie soll ich Ihnen nun mit

der neugenommenen schwachen Feder genug danken, Sie Alle liebe liebe

Männer und Frauen, für die schönen Geschenke und die allzulieben Worte,

womit Sie dieselben begleitet hatten? Zuerst rührte es mich tief, daß

Sie aus der süßen Gewohnheit, mir an meinem Geburtstage nichts zu

schenken, diesesmal herausgetreten waren, dann rührte mich im Detail

das zarte Opfer des Kaisers Oktavianus, der nun zum zweytenmal seinen

Thron von Sammetblättern in mein Bücherherz baut, dann füllte mich ein

innerer Freudenton, wie er von Krystall und Silber nicht anders zu

erwarten war. Ihr Silberstift, mein vortreffliches Männchen, liegt nun

vor mir und ich sehe es als ein Sinnbild unsrer Liebe an, daß der ewige

Kalender auf demselben keinen Anfang und kein Ende hat. Ich fuhr mit

unserm Freunde nach Wilhelmshöhe, der Kurfürst war schon an Tafel, um

5 Uhr bekam ich Audienz, um 8 Uhr Abends standen wir an der Grundmauer

meines neuen Hauses und sahen von dieser Höhe ganz Escheberg, wie Sie

es auf der ersten Tasse haben, aber phantastisch und architektonisch

erleuchtet und von fröhlichen Bauern durchschwärmt. Die Freude, als

wir kamen, war sehr groß, die Trauung zwar eine Stunde vorher gewesen,

aber das meinem verhungerten materiellen Menschen in diesem Augenblicke

fast wichtigere Abendessen im laubverzierten Glashause empfieng uns mit

lachenden Augen und durch eine seltsame Vermischung und Verwischung

in meiner Phantasie schienen mir die dampfenden Gerichte eben so viel

hülfreiche Wesen zu seyn, die meine etwas erschöpfte Natur wieder

aufzurichten kamen. Ich hatte seit dem 20ten nicht gegessen. Nun war

ich aber auch stark genug, ein Feuerwerk am See zu bewundern, einen

mir von einem heranschwimmenden Amor (sonst in die Form einer dicken

kleinen Pächterstochter gebannt) überreichten Pfeil, trotz der mich

umgebenden weiblichen Schönheiten von allem Kaliber, ohne Gefahr in

Gnaden hinzunehmen, und zuletzt sogar bis an den hellen Morgen in

Suwarow-Stiefeln zu tanzen. Einige Tage nachher reisten wir Alle nach

Cassel und hatten die Freude, da Fräulein Calenberg eintreffen zu sehen

und mit uns hierher zu nehmen, wo wir nun ein gottselig fröhliches

Leben führen, abgesehen von viel tausend trockenen und mechanischen

Verdrießlichkeiten, die auf mein Theil und meinen Beutel fallen.

Heinrich hat es besser; er kann schreiben und dichten, während ich

rechne und trachte, und er benutzt auch die Freyheit redlich, indem

er sich nur dann blicken läßt, wann Natur, Musik, Scherz und Nahrung

uns zusammenführt. Meine Schwägerin ist ein sehr gutes, sanftes und

liebliches Wesen, der ich mir nur Einhalt thun muß zu gut zu werden;

ihre Mutter und Schwester thun mir die Liebe, mich ein wenig zu

verziehen, mein Bruder liebt mich wie immer, es fehlt also nichts zu

meiner Zufriedenheit als vielleicht die Zufriedenheit, doch wo ist

denn die so eigentlich zu Hause? Ein Zuwachs anderer Art ist mein

Vetter aus England mit einem muntern Söhnchen von 13 Jahren; ein

schöner, sanfter und liebevoller Mann, der Gottlob von den Engländern

nur die guten Seiten hat, und ungeachtet er nichts als englisch und

gallikanisch-welsch oder Galimathias spricht, sehr bequem im Umgange

ist und Aller Liebe erwirbt.

Der erste Brief eines Reisenden pflegt äußerst faktisch zu seyn,

mein geliebter Freund. Gott gebe, daß die folgenden mehr Gedanken

und Empfindungen enthalten. Ich habe leider die Einrichtung treffen

müssen, Ihren feind- und freundlichen Genossinnen erst das Nächstemal

zu schreiben, weil der Post-Adler schon seine Fange geöffnet hält, aber

gr/k}üssen müssen Sie sie vorläufig viel tausendmal. Auch Kalkreuth

bereiten Sie umarmend auf einen Briefkuß vor, sagen Sie Schütz, der

Solgerin, Allen die mich lieben Liebes, und lassen Sie sich selbst

tausend tausendmal an ein Herz drücken, das ewig für Sie glüht und

schlägt.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 312 / 358 题