_Escheberg_, 2. Octob. 1821.
Es hat zwar etwas Rührendes, mein lieber theurer Freund, daß Sie meine
Bitte, mir nicht zu schreiben, eh’ ich zum zweitenmal geschrieben,
so gewissenhaft erfüllen, aber es hat auch etwas Trauriges, weil ich
darüber so ganz nichts von Ihnen höre. Es ist als wäre Ihr Geburtstag
der Todestag unsers Briefwechsels gewesen, der ein so rüstiger Bursche
zu werden versprach, und wenn ich ihm selbst durch meine Albernheit
den Hals umgedreht haben sollte, so kann ich mir nicht Vorwürfe genug
machen. So lang es Sommer war, obgleich ein so kalter widerspenstiger
Sommer, fühlte ich mich, der ich nie geistig bey Ihnen zu seyn
aufgehört habe, ganz ruhig, ich sah Sie vergnügt, munter, jeden
Sonnenschein benutzend, um sich darin zu ergehen und durchbähen zu
lassen, jetzt aber, wo die grünen Blätter abfallen, heut vollends,
wo das erste Stubenfeuer in meinem Ofen flackert, fühlen sich meine
Herzblätter zu mächtig nach Ihnen hinbewegt und das Liebesfeuer treibt
mich, einige Papier- aber nicht papierne Blätter zu Ihnen hinwehen zu
lassen. Wie geht es Ihnen, Sie Lieber, Guter, Herrlicher, von dem ich
nicht weiß, ob ich ihn lieber liebe oder bewundere, von dem geliebt
zu seyn mir aber eine Seligkeit ist? Die Gicht quält Sie doch nicht,
die Hand ist doch nicht dick, die liebe Hand, die nur von all dem
Trefflichen geschwollen seyn sollte, auf das wir Heißhungrigen noch
warten? Der Gedanke quält und peinigt mich auf einmal recht, daß Sie
nicht wohl seyn könnten, und ich beschwöre Sie, behandeln Sie diesen
Brief wie einen Wechsel auf Sicht, den Sie in drey Tagen auszahlen
müßten, und antworten Sie mir mit umgehender Post, oder wenn Sie nicht
selbst schreiben können, tragen Sie es jemandem zu schreiben auf, daß
und wie gut es Ihnen geht? Diese Nacht, wo ich nicht schlafen konnte,
weil die Aequinoctialstürme sich um unser Haus balgten und sich
verschiedene alte unbefestigte Schaltern an die Köpfe warfen, war ich
sehr lebhaft bey Ihnen und eine so unbezwingliche Sehnsucht trieb mich
zu wissen, wie es so ganz eigentlich mit Ihnen stehe und aussehe, daß
ich mich wenig gewundert hätte, wenn ich auf einmal durch die Luft zu
Ihnen geschritten wäre, mich jetzt vielmehr darüber wundere, daß ich
Ihnen nur dies Blatt als Beglaubigungsschein überschicken kann, das
Sie aber gewiß als ein Creditiv meines Herzens an das Ihrige aufnehmen
werden. Glauben Sie aber nicht, daß es wieder etwa ein begütigender
Vorläufer meiner eigenen Person seyn solle, wie Sie dafür (aber völlig
mit Unrecht) meinen vorjährigen Brief immer ausgaben; vielmehr hat mich
der Gedanke schon geängstigt, daß ich diese Tücke wieder werde erfahren
müssen, so sehr, daß ich darüber bald gar nicht geschrieben hätte. Im
Gegentheil, bilden Sie sich nur recht fest ein, daß ich gewiß noch
vier Wochen ausbleibe und daß also darin noch Raum für manchen Hin-
und Her-Gruß liegt, wiewohl ich die traurige Bemerkung machen muß, daß
meine Briefe mehrentheils so unleidlich und unbegreiflich lang reisen,
eine Bemerkung, die mich auch heut ganz niederschlagen würde, wenn mich
die Hoffnung, ein günstiger Wind werde in die Segel dieses Schiffchens
blasen, nicht aufrecht erhielte. Suchen Sie nur ja nicht in jener
Bemerkung einen Vorwand, mein heißes Verlangen ungesäumt und rasch von
Ihnen zu erfahren, unbefriedigt zu lassen, denn die Briefe von Dresden
sind regelmäßig den vierten oder fünften Tag bey mir, und wie gesagt,
vier Wochen dauert es gewiß noch mit meinem Hierseyn. Erst muß Graf
Bose kommen, dann muß ich mit den Hauptsachen hier in Ordnung seyn,
dann nimmt auch der Abschied in Cassel immer seine Zeit hinweg. Dann
aber und bestimmt sehen wir uns wieder.
Ich habe in den vergangenen Wochen nicht nur mit Ihnen gelebt, sondern
Sie selbst mitgelebt, als ich den reichen Seelengarten Ihrer Liebe
nicht durchwanderte, sondern mich in seinen Rosengebüschen hier ruhte,
dort aus seinen Quellen trank, unter seinen Nachtigallentönen schwelgte
und träumte. Dies sind nicht Redensarten, Sie Geliebter, in denen ich
mir etwa selbst gefalle, sie sind wahrhaft was ich empfunden habe,
und was man bey einem Dichter, wie Sie sind, soll, und wenn ich mit
innerer Herzenslust an den wohlbekannten Gebüschen und Blumen flatterte
und sog, so gelangte ich gewiß immer mit entzückter Überraschung
an die mir neuen anmuthigen, von ewiger Liebes- und Frühlingssonne
durchleuchteten Plätze. So haben die Sonette an Anna den zugleich
tiefsten, sehnsüchtigsten und lieblichsten Eindruck auf mich gemacht,
den ich mir seit langer Zeit erinnere, und ich sterbe sowohl vor Zorn,
daß Sie sie mir nicht früher mitgetheilt hatten, als vor Verlangen,
das Lieben selbst kennen zu lernen, das alle Töne, die in der Liebe
zusammen klingen, auf eine nahmenlos wonnige Weise umfassen muß. Lassen
Sie dieses ja einen der ersten Gegenstände Ihrer Beschenkung unsers
kleinen Liederkreises seyn, den hoffentlich der Winter eben so wieder
verbinden soll, wie ihn der Sommer auseinanderflattern ließ. Für mein
Theil werde ich übrigens mit der tiefsten Beschämung der Armseligkeit
darin auftreten, und ich bitte mir zum Voraus die Erlaubniß zu geben,
den ganzen Winter nur als zuhörender Singvogel figuriren zu dürfen, den
erst der Gesang der Übrigen wieder belebt, oder als welke Pflanze, die
durch den Thau, der von den benachbarten Blumen abträuft, neue Belebung
erhält. Es wird an sich viel Zeit brauchen, eh’ ich den ganzen Schwall
von Prosa, den ich wie ein Schwamm in mich gesogen habe und durch den
ich auch ganz unbildlich so kalt und schwer wie ein Schwamm geworden
bin, der seine leeren Fächer sämmtlich mit Wasser erfüllt sieht, unter
Ihren Händen wieder ausgerungen fühle. Sie werden ja nicht mit Wein
und Geist karg seyn dürfen, um dann die leeren Schwammkammern und
Höhlen wieder so auszustaffiren, daß auch einmal ein Frühlingsgeruch
oder ein Tropfen, der wie Thau und Perle aussieht, ihm entquellen
könne. Diese bleyerne und unabgesetzte Beschäftigungsweise hält zwar
meine Thätigkeit selbst in Thätigkeit, zuweilen lähmt sie mir aber
alle Fittige, und dann denke ich, ob es nicht gar besser wäre, ich
würfe alles hin und würde wieder wie sonst durch Armuth reicher, wenn
nicht Eigen- und Bruderliebe und die Aussicht wieder ruhen zu können,
sobald ich mich aus dem Vorgestrüpp herausgewunden, mich zurückhielte.
Meine einzige, aber auch große und wahrhafte Erquickung besteht in dem
Wohlwollen, das ich in dem Herzen meines Bruders immer fester begründe,
in der Aufheiterung, die mir öfters durch die Anwesenheit meiner lieben
und trefflichen Freundin Calenberg wird, und in den Stunden, die
ich dem Lesen guter oder gescheiter Bücher widmen kann. Im letztern
Betracht gereicht es mir jedoch zum wahren Verdruß, daß ich noch immer
nicht Ihren Kleist habe erlangen können, indem Krieger sein herkömmlich
einziges Exemplar sofort abgesetzt und noch ein neues nicht geschafft
hat. Nun weiß ich zwar, daß Sie mir das Buch, sobald ich nach Dresden
komme, schenken, es fällt mir aber unmöglich, so lang zu warten, eh’
ich die gewiß herrliche Vorrede kennen lerne. Wäre es möglicherweise
erlaubt, nach einer Vorrede von Ihnen eine von mir auch nur zu nennen,
so würde ich Ihnen vertrauen, daß die zum 4ten Calderon das Einzige
ist, was ich hier von allem Vorgesetzten habe durchwinden können, und
demnach fürchte ich auch ernstlich, daß ausser einigen Episoden von
Schütz und Kalkreuth nicht viel daran ist. Es ist etwas Widerwärtiges
und muß mit meiner Natur und meinem Nahmen zusammenhängen, daß alles
unter meinen Fingern dicker und ernsthafter hervorgeht, als ich es
will; dabey ist Brockhaus auf dem Wege, Vorgedachtes dem ersten
Aushängebogen nach auch durch Druckfehler vollends albern zu machen,
wovon ich Ihnen nur _Graciose_ statt _Gracioso_ angeben
will. Ich habe ihn beschworen umzudrucken, zu cartoniren und sonst
alle Verlagsgriffe anzuwenden, um mein gepreßtes Herz durch die Presse
zu beruhigen. Ohnehin bin ich noch zwiefach wüthend auf ihn, einmal,
daß er in der Urania statt einiges dummen Zeuges nicht alles, was Sie
ihm geben wollten, mit vollen Händen ergriffen, dann, daß er auch mein
Montemayor-Novellchen nicht hineingenommen hat, auf das ich mich in
der That freute, und mit dem mir nun ein Pandin[7] (~pantin~)
mit einer Versudelung durch die dritte Hand, nach Malaspina, halb
und halb zuvorgekommen ist. Ihr Bild in der Urania befriedigt mich
auch ganz und gar nicht, und facht nur meine Sehnsucht, ein Bild von
Ihnen zu besitzen, neu und stärker an; dennoch gestehe ich, daß ihm
die Entfernung einigen Werth giebt, und daß ich öfters mit wahrer
Lust diesen oder jenen Zug, diesen oder jenen Blick von Ihnen daraus
hervorspinne.
Ich bin begierig, Ihre Urtheile über die verschiedenen Wanderjahre
zu hören. Die ächten, worin gerade nur die fatalen Personen
aus den Lehrjahren vorkommen, gefallen mir mit ihrem kuriosen
Entsagungs-Einfall, ihren Erziehungs-Anstalten und drey Ehrfurchten
&c. gar nicht und doch ist in einer der darin verstreuten niedlichen
Novellchen wieder mehr Geist und Poesie, als in dem Doppelgänger;
dieser scheint mir dagegen Wahrheit für sich zu haben, wenn auch nicht
als Muse und zuweilen eben so einseitig als im Umgekehrten Schubart
das Luftbild, das er als Wahrheit angezogen hat, und ich finde den
Einfall, seine Polemik gerade so einzukleiden, eben so gescheit als
boshaft, weshalb es mich für den doch auch etwas empfindlichen alten
Herrn in der Seele dauert, daß er dies noch bey seinem Leben erfahren
muß. Er könnte darüber hinsehen in jeder Hinsicht, aber er hat es
sich dadurch schwerer gemacht, daß es den unstreitig noch schwächeren
Schubart präconisirte. Am mattherzigsten scheint es übrigens bey dem
Unbekannten mit der Kritik bestellt zu seyn; seine Urtheile über diesen
und jenen sind kaum zu lesen, er scheint zu den zusammenraffenden
Milden zu gehören, die ich überall nicht leiden kann. Fräul. Calenberg
glaubt, Jakobs habe das Buch geschrieben, wissen Sie nichts davon?
-- Mit viel größerem Gefallen habe ich übrigens den Schweinichen
gelesen, mit minderm lese ich jetzt den Nikolaus Marggraf, bey dem ich
fortgesetzt sagen muß, daß der alte Jean Paul nicht mehr der alte ist.
Gries Semiramis gefällt mir so zu lesen sehr gut, vergleichen konnte
ich nicht, weil mir das Original fehlt, aber ich wollte wetten, daß die
Übersetzung viel besser ist als die mislungene des Tetrarchen.
Doch, mein vielgeliebter Freund, Liebe und Vertrauen arten in
Geschwätzigkeit aus, das merke ich an diesem Briefe, und höre es an
den Seufzern, die Sie über seine Länge ausstoßen. Lassen sie mich nur
noch einmal sagen, wie meine Gedanken Sie tausendmal umarmen, wie
ich mich darauf freue, Sie wiederzusehen, wieder zu hören, Worte,
Scherze, Gefühle, Betrachtungen und Ansichten wieder mit Ihnen
auszutauschen. Ja auch handeln, jüdeln müssen wir wieder; es ist noch
so manches unter Ihren Büchern, was ich haben muß, und ich werde alle
Belagerungs-Maschinen gegen Ihren Geiz in Bewegung setzen. Könnte ich
darunter nur auch Einiges mitbringen, aber es will mir hier nichts
recht dazu passen.
Aber noch einmal bitte ich Sie, daß Sie mir das Wörtchen Ihrer
Gegenfreude nicht vorenthalten, daß Sie mir hier in Escheberg noch
sagen, wie es Ihnen lieb im Herzen ist, daß wir bald wieder unsern
Shakspeare zusammen lesen. Sagen Sie mir dann auch, ob Sie den doch
so herzlich lieben Edmund und die Schalksnovelle vom April fertig,
ob Sie an den Leonhard, den Sternbald und das Werk über Shakspeare
fortschreitend gedacht haben. Ich lasse ein Haus bauen und darin eine
nette Buchstube; wehe Ihnen, wenn ich Sie einmal vollständig und
persönlich im Zimmer habe und nicht complett in den Schränken! --
Leben Sie wohl! wenn nur Loeben auch recht gesund wieder nach Dresden
kommt! ich freue mich auch gar innig auf Kalkreuth und Schütz. Fräulein
Calenberg will Ihnen herzlichst empfohlen seyn. Leben Sie wohl und
gesund, lieben Sie mich, aber sagen Sie es auch