III.

_Escheberg_, d. 7ten Junius 1821.

_Mein hochgeliebter Freund_.

Wie viel tausendmal habe ich Sie im Geist über mich schmälen hören,

daß ich so lang säumen konnte, Ihnen für Ihre unaussprechlich

lieben Briefe zu danken, aber wenn Sie mich auch im Geiste gesehen

hätten, Sie würden Mitleid mit mir gehabt haben. Es war für den May

eine Familien-Conferenz bestimmt, wobey, wie ich wußte, in Allem was

Geschäftssachen betraf, vorzüglich auf mich gerechnet wurde. Denken Sie

sich nun, daß ich früher in all diesen Dingen unbewandert, ein halbes

Archiv durchlesen mußte, um nur nicht meinen hohen Ruf zu schmälern und

ganz einfältig zu erscheinen, oder gar mich und meinen Bruder, der an

Sitz- und Papierscheu leidet, von den Häusern Malsburg und Elmarshausen

übervortheilen zu lassen. Diese Studien lagen mir mit ihrer Angst

und Langenweile schwer und drückend auf dem Herzen, und je mehr ich

bald hier bald dort hinausschob, desto mehr wuchs dieser Druck, und

ich hätte in Angst und Faulheit vergehen können, wenn ich mich nicht

endlich durchgearbeitet und zuletzt in den trockensten Dingen einen

sonderbaren und pedantischen Genuß gefunden hätte. Zum Glück verschob

sich diese Zusammenkunft durch Krankheit eines jungen und Tod eines

alten Verwandten von Zeit zu Zeit und gewann ich dadurch Raum, bald

dies bald jenes, was mir immer das Allernothwendigste schien, noch zu

erschöpfen. Das Gefühl, daß ich allen meinen lieben fernen Freunden

so stumpf und undankbar scheinen mußte, war mir dabey nicht das

mindeste Trübe und nur die Hoffnung, daß Sie allem was ich sage einen

unbeschränkten Glauben beymessen, daß Sie meine Unschuld empfinden

und mich nicht entgelten lassen werden, kann mich trösten. Fräulein

Calenberg, die sich Ihnen herzlichst empfiehlt, und einige andre Damen

waren abwechselnd hier; hätte ich doch von diesen ein schriftliches

Zeugniß gefordert, daß ich nach dem Frühstück bis zu Tisch, nach

Tisch bis zum Abend beständig in den Acten saß und Galanterie und

Unterhaltung vollkommen im Stich lassen mußte; es war eine rechte

Noth, in den wenigen Momenten des Luftschnappens gehörig lustig und

anständig zu bleiben. Noch jetzt, wo Vettern und Alles fort ist, und

ich für einen Moment ganz einsam bin, fühle ich eine solche Ausdörrung,

daß ich kaum zu schreiben weiß, und nichts thun, als Sie umarmen und

weinen möchte, damit Sie mir Unschuldigen wieder gut würden. Ich kann

Ihnen nur sagen, daß ich Sie ganz unendlich lieb habe, daß Ihre Briefe

wie Lichtstrahlen in meine Finsterniß gefallen sind und daß ich Sie

seitdem noch lieber habe. Ihr Vermissen hat mich gefreut, Ihr Leiden

betrübt, Ihr Arbeiten entzückt. O Sie lieber, herrlicher Freund, welche

frohe, genußreiche Stunden werden Sie dadurch Ihren Freunden und der

Welt bereiten! Arbeiten Sie, arbeiten Sie fort, so wie Sie arbeiten

ja doch niemand wieder. Ihre Attrappe mit der Aprilsnovelle hat mich

gar nicht geärgert, wenn Sie nur thätig sind, bey Ihrer ungeheuern

Schnelligkeit wird doch alles fertig, und hinter dieser Schalksnovelle

sehe ich schon den Shakspeare hervorlauschen.

Ihre Gedichte habe ich erst in der Hamburger Zeitung gelesen, ich

hoffe, Hilscher schickt sie mir bald; und wie vergnügt werden Sie

seyn, daß der Kleist fertig ist, schenken Sie mir ihn nur je eher je

lieber und geben Sie ihn an Hilscher zum Mitschicken. Ums Himmelswillen

schreiben Sie mir nun auf ein Zettelchen, was alles noch fertig ist

und fertig wird, wenn Sie mir auch sonst böse sind und nichts mehr mit

mir zu thun haben wollen. Mit dem Edmund geht es mir ja auch, wie mit

Manchen, wenn sie fern sind; was mich verdrossen hat, sehe ich nicht

mehr, und mich rührt nur, was ich liebte, zur innigern Theilnahme und

Liebe. Jetzt mag er Camisard seyn und wüthen wie er will, ich liebe ihn

doch, ja ich glaube ihn und Sie mit nun erst zu begreifen, seit er ein

Camisard geworden ist, denn nun bleibt er es nicht und wird noch viel

lieber als zuvor. Habe ich Recht? schmunzeln Sie? --

Daß ich an dem schönen 31ten May weder selbst gekommen bin, noch ein

Briefchen, noch ein Liedchen geschickt habe, werden Sie ganz erbärmlich

gefunden haben, wenn Sie gleich ohne Zweifel mit einiger Angst aus

Ihrer Bibliothek getreten sind, ich möchte Sie wieder aus den Blumen

herauserschrecken. Sie können denken, wie es mir gieng, da meine kleine

Gabe längst vorbereitet und eingepackt war, auch schon längst abgereist

ist, und Fräul. Winkell in Schrecken und Ungewißheit gesetzt haben

wird, und ich doch nicht dazu kommen konnte, Ihnen aufs Neue meine

Liebe und meine Wünsche zu sagen. Sehen Sie die kleine Gabe an, weil

ich in dem gelben unter Bäumen versteckten Häuschen wohne und Ihnen

jetzt schreibe, und oben zu dem Dachfenster nach Ihnen hinausschaue.

Der lange Weg im Garten ist recht für Sie zum Gehen gemacht, und denken

Sie! auf die Seite des Wassers nach Ihnen zu, baue ich mir jetzt ein

eigenes Häuschen, weil das alte für zwey Haushaltungen zu klein ist.

Wie hübsch und behaglich will ich alles einrichten und auf Ihr Stübchen

soll besonders gedacht werden, daß weder Thür noch Fenster darin und

aller Zug unmöglich sey; ich habe dann die Aussicht, die Sie auf die

Tasse haben. In der Schale ist das Grabmal meiner seligen Tante, einer

schönen und lieben Frau, aber was da herausströmt, ist kein Fluß,

sondern ein Weg.

Ich danke Ihnen tausendmal für die Einkäufe auf der Auction; ich habe

das Geld auf Fräul. Winkell, die noch andere Auslagen für mich hatte,

angewiesen, ein Begriff, was eigentlich die Nummern in sich verbergen,

fehlt mir gänzlich. Könnten Sie mir vielleicht ein Listchen darüber

schicken? Ist denn das ~theatr. Europaeum~ vollständig? Den Burnet

hat man freylich zu arg getrieben, aber was ist denn das wohlfeile

Fischchen, das Sie mir weggefangen haben? wenn es fett und schimmernd

ist, müssen Sie mir es durchaus wieder herausgeben, oder etwas anderes

Erkleckliches aus Ihren Büchern dafür, z. B. die mir fehlenden Bände

des Gozzi, oder den Montengor, oder sonst etwas. Meine ererbte

Bibliothek ist nicht sehr groß, aber ausgezeichnet hübsch gebunden und

lacht mich aus zierlichen weißen Wandglasschränken rings um mich her

an, in der Mitte des holden Zimmers steht ein platter Schreibtisch

mit Verzierungen und schönen Gefächern, alles von Ebenholz, und an

diesem schreibe ich Ihnen. Das Wichtigste sind weitläuftige historische

und geographische Werke, meist französisch, unter denen auch Burnet

französisch mit schönen Kupfern. Auch habe ich meine Freude an einer

Kupferbibel in 3 Bänden von Scheuchzer (was ist sie wohl werth?) und

an einigen prächtigen ~Atlas historiques~. Über Theater ist

wenig da, aber die ~délices des Pays bas~, die mir so oft in

der Auction entgingen. Eine Menge mathematischer medicinischer und

militärischer Bücher habe ich nebst einer franz. Clarissa Harlowa mit

Chodowieckyschen Kupfern zum Verkaufen zurückgestellt; die Letztere

wäre für Sie vielleicht ein herrlicher Austauschgegenstand.

Jetzt, da ich nun wieder Athem zu schöpfen anfange, denke ich auch

etwas an meine lieberen Beschäftigungen kommen zu können. Vor allen

Dingen quält mich die Vorrede zum 4ten Thl. Calderon, Brockhaus

schreibt, er erwarte sie unverzüglich, und es ist auch nicht eine Zeile

daran geschrieben. Der Brockhaus!! daß er nicht die ganze Urania mit

Ihnen füllt und alles andere herauswirft, ja meine Sachen mit, die

Sie noch etwas verändert finden werden! Ihr Bild kommt doch hinein?

Es ist nicht anders möglich, er muß gefürchtet haben, Sie ließen ihn

sitzen. Wie ist es denn mit dem spanischen Theaterbuch? ~Escribais,

escribais!~ --

Sagen Sie Ihren lieben Damen alles Schöne, was nur zu sagen ist, denn

wenn Sie mir auch schon jetzt wieder gut sind, wie schwer wird es

seyn, diese göttlichen Gemüther zu versöhnen, -- wie oft werde ich sie

noch schmälen hören müssen. Meine erste Absicht war, Ihnen das runde

Schächtelchen durch die liebe Gräfin überreichen zu lassen, ich wollte

ihr dabey schreiben, den 31ten May sollte alles schon dort seyn! Weh,

weh!

Danken Sie Ihrem trefflichen Kinde für das liebe Briefchen aufs

Innigste, das sie in Gefahr ähnlicher Versuche bringt. Grüßen Sie auch

Schütz, wenn er wieder kommt; ich habe seinen Brief erhalten, und

erwarte ihn nun mit oder ohne meinen lieben armen Loeben bestimmt,

aber je eher je lieber, denn ob ich gleich noch gar nicht weiß, wann

ich nach Dresden zurückkomme, so scheint mir Ende August oder Anfang

September der äusserste Termin meines Hierseyns. Sie sehen also,

Theaterdirektor werde ich nicht, aber wenn ich es würde, Sie müßten mir

gleich herbey, wenn wir es gleich schwerlich Beyde Recht machen dürften.

Und nun leben Sie wohl, theurer vielgeliebter Freund! betrachten Sie

diesen Brief nur als einen Anfang, antworten Sie mir auch gar nicht

bis ich wieder schreibe (aber dann müssen Sie ohne Barmherzigkeit

antworten!) lassen Sie mir nur sagen, daß Sie mich noch lieben, wie Sie

ewig und ewig lieben wird

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 303 / 358 题