_Cassel_, 21. März 1831.
_Mein geliebter theurer Freund!_
Die Vorwürfe, die Sie mir Alle so schelmisch gemacht haben, will ich
diesesmal nicht hören; wehe Ihnen aber, wenn Sie dieses Opfern meiner
Zartheit nicht anerkennen und mich zwingen, Sie vielleicht Jahre
hindurch mit meinen Vorwürfen zu plagen. Doch wer weiß, ob sich Ihrem
hoffentlich wieder ganz geschmeidigen, des Eisenpanzers entledigten
Händchen nicht vielleicht etwas mehr als das mir so wohlthuende
~Salve~ entringt, ob Sie nicht denken, ich sey im italienischen
Dörfchen, Sie hätten ein Buch nöthig und schrieben mir ein Billet? denn
mehr verlange ich ja wirklich nicht. Aber ein Billet, einen noch so
kurz aufgeschriebenen Gruß halte ich für ganz unerläßlich; ich lasse
Ihnen sonst kein einziges Buch mehr in der Auction.
Ich weiß gar nicht wie es kommt, daß ich auf einmal so ganz launig
schreibe. Sie werden mich für sehr fröhlich halten, und ich bin gerade
das Gegentheil; ich denke mich aber jetzt so lebhaft zu Ihnen hin, wo
Sie alle fünf um das Ölkrüglein von Sarepta sitzen, und da kommt es mir
vor, als scherzten wir miteinander. Ich höre Ihren Ton und sehe Ihre
Mienen, mit denen Sie mich gern ein wenig ärgern möchten und doch nicht
können. Lassen Sie mich immer mich so einträumen, es ist mir ein süßer
Genuß, nachdem ich die Brieffaulheit überwunden habe.
Cassel ist wie ein großes weites Grab; alle die schwarzbeflorten
Männer, die langschleyerigen Frauen scheinen nur zerstreute
Bestandtheile eines Leichenzuges, und kein Gespräch wird geführt, das
nicht Tod und Beerdigung und alle Folgen davon zur Basis oder zum
Resultat hätte. Für mich und die Meinigen ist dies Alles in doppeltem
Maße schwermüthig; die natürliche Theilnahme, die wir überall finden,
die mitfühlende Art, womit Jeder, den wir sehen, die Landestrauer
mit unsrer Familientrauer verbindet, thut indessen auch wieder wohl.
Überall muß ich es auch anerkennen und bewundern, wie Gott jedem zu
trüben Eindruck irgend eine Linderung oder Zerstreuung beygesellt;
ich fühle es deutlich, daß der unbeschäftigte Schmerz aufreibend seyn
würde. Meine Furcht vor dem ersten Eintritt in unser hiesiges Haus,
an dessen Schwelle ich meinem theuern Todten zum letztenmal die Hand
geküßt habe, wurde zum großen Theil durch das liebevolle Entgegenkommen
meines Vaters, meines Bruders und aller Hausgenossen vergütet; die
Wehmuth als mein zu behandeln, was mir immer noch würdigeren Händen
zu gehören scheint, wird oft durch eine Reihe kleiner nothwendiger
Beschäftigungen unterbrochen, die bis jetzt nur aus der Pflicht, nicht
aus der Freude der Erhaltung hervorgehen. In drey Tagen fahre ich nach
Escheberg, wohin mein Bruder voraus ist und den 26ten Montags, wird das
Testament publicirt, das mir eine erschütternde Urkunde einer mehr als
väterlichen und zwiefach väterlichen Liebe seyn wird. Drey Tage vor
seinem Tode hat mein seliger Onkel meinem Vater eröffnet, daß er meinen
Bruder und mich zu Universal-Erben nicht nur des Allodiums, sondern
auch der Lehne einzusetzen wünsche, und den Vater deshalb bitte, uns
seine Rechte auf letztere gleich zu überlassen. Mein Vater, der uns
so zärtlich liebt und sich erst in hohem Alter zur Übernahme mancher
Sorgen ohnehin nicht entschließen wollte, hat darein gegen eine Apanage
mit Freuden gewilligt, und wir gelangen so vor der Hand zu einem
Besitz, der unsrer brüderlichen Auseinandersetzung überlassen ist. Vor
dieser ist mir nicht eben bange, da wir Brüder uns von jeher so sehr
geliebt haben, aber doch habe ich zum Himmel gefleht, daß er keine
Wolke in ein Verhältniß kommen lassen möge, das so ungetrübt war, so
lange wir nichts hatten; ich habe solche Entschlüsse gefaßt, mich durch
kleine Neigungen, Vorlieben u. dgl. nicht übereilen zu lassen, und mein
Bruder ist in manchem Betracht noch viel besser als ich, daß es gewiß
gut gehen wird. Ich fürchte nur den Schmerz und die Last des Besitzes
und deswegen thut mir nichts so weh, als wenn mir auch hier manche
Gemeinheit entgegentritt, die es nicht begreifen will, daß ich das
Leben meines Onkels mit Allem was ich habe zurückkaufen möchte. Meine
nächsten Freunde und mein Bruder theilen hingegen ganz mein Gefühl, und
es war mir eine meiner schönsten Nächte, als mein Bruder vor meinem
Bette saß und mir bis drey Uhr Morgens die ganze Geschichte der letzten
Lebenstage unsers väterlichen Freundes erzählte und wir Beyde dabey
abwechselnd und zusammen weinten.
Ich unterhalte Sie wohl recht lang mit diesen Dingen, mein geliebter
Freund, aber sie sind mir eben das Nächste und ich konnte von nichts
Anderem schreiben. Einmal ausgesprochen, werde ich sie in meinen
übrigen Briefen nicht wiederhohlen und unsern nächsten Freunden, Loeben
und Kalkreuth und Schütz, theilen Sie ja ohnehin wohl diese Blätter
mit; ausser unserm kleinen Liederkreise braucht Niemand etwas davon zu
wissen.
Wie geht es denn in diesem lieben Kreislein? vermissen Sie nicht den
Übersetzer (Ihre a. d. Winkell) ein wenig? Die geistlichen Lieder, die
ich Ihnen vorlesen wollte und bey meiner Rückkunft werde, sind durch
Eines auf der Reise vermehrt worden; sagen Sie doch das Ihrer lieben
Frau, die mir einmal etwas so Niedliches darüber gesagt hat.
Von weiteren Bestimmungen für mich ist für jetzt keine Rede; auch das
engländische Gerücht, mit dem man mich hier zur Langenweile verfolgt,
kommt nicht von oben herab. Die von den lieben Damen gewünschte Ungnade
existirt inzwischen auch nicht, denn die Herrschaften sind sehr gnädig
gegen mich und scheinen mich durch die Gleichheit unsers Schicksals
noch als genähert anzusehen. Mein liebster Wunsch ist Sie bald
wiederzusehen, wann aber, kann ich noch gar nicht sagen.
Leben Sie wohl unterdessen, Sie theures Fünfblatt, und reißen Sie
sich (ich bitte darum inständigst) bald ein Blättlein ab um es mir
zuzuschicken, sonst schreibe ich Ihnen von Escheberg aus nicht, wenn es
nicht ohne meinen Willen früher schon geschehen seyn sollte. Bleiben
Sie nur Alle recht von Herzen gut