Stift _Joachimstein_ bei Ostriz, 14. Mai 1821.
Der Anblick Ihrer lieben Handschrift, mein theuerer Freund, war meinen
Augen und meinem Herzen eine Weide, die alle zwei mit freudiger
Rührung in sich aufnahmen. Ja, wahrhaft gerührt hat mich dies zarte
Zeichen Ihrer Liebe, doch was sage ich es Ihnen erst, Sie fühlten
meinen Dank, meine Freude, meine Erwiederung, als Ihre Feder mir Ihre
freundlichen Gedanken zulenkte. Auch ich, mein geliebter Freund, habe
Ihnen im Geist schon Brief über Brief, und zwar lauter Frühlingsbriefe
geschrieben, und mit all’ den köstlichen Blüthen, dem frischen Laube,
das ich hier athmete, in Gedanken unzähligemale Ihr theures Haupt
bekränzt. Wundervoll entfaltete sich hier der Frühling vor meinen
Augen in den ersten Tagen meiner Ankunft und bei dem holden Flüstern
und Wehen, wobei er seine Lauben webt, konnte man fast sagen, daß man
alles wachsen hörte. Diese ersten Tage waren indeß minder genußreich
für mich, da ich mich nicht recht wohl fühlte, als die folgenden,
wahrhaft entzückenden, in denen ich die Flügel der Gesundheit wieder
auseinanderfaltete und neuen Lebensmuth schöpfte. Innigen Dank für
Ihr treues Theilnehmen an meinem Befinden. Es geht, etwas Müdigkeit
abgerechnet, die mich oft überfällt und demüthigt, wieder völlig gut
mit mir. Nun soll die Hildegard wieder vorgenommen werden, die lange
Pause hat mich etwas zu bedächtlich gemacht, und ich freue mich, bald
mehr ins Feuer zu kommen. Meine erste Arbeit hier war eine Erzählung,
„Versöhnende Liebe“, die ich auf die Grundlage der aus dem lezten
Roman weggelaßenen norwegischen Geschichte gebaut habe; ich habe sie
mit großer Liebe und Lust geschrieben, und hätte sie Ihnen gar zu
gern vor der Absendung nach dem Ziele, wo ich längst erwartet wurde,
vorgelegt. Ja wohl ist es übereilt, daß ich Klotar und Sigismunda
nicht noch etwas länger destillieren ließ; obwohl das Beßermachen und
Concentrieren nicht immer gedeihlich ist. Ich werde darin wohl noch
lange ein junger Schwabe bleiben, und wenn ich es nicht mehr seyn
werde, dann wird die unbewußte Zuversicht des Fortschritts, die meinen
Fehler eigentlich beseelt, mich verlaßen haben. Aber Ihr Fehler, mein
theuerer meisterlicher Freund, ist freilich viel, viel größer; denn Sie
halten mehr zurück, als wir alle zu geben vermögen! Indessen waren ja
in der lezten Zeit unseres für mich so schönen Beisammenseyns so manche
Aspecten da, die uns die Gunst Ihres prächtigen Sternhimmels verhießen:
ach so schön es seyn mag, daß Sie alles in Sich selbst fertig dichten,
möchte Ihnen dennoch die Feder und das Papier unentbehrlich erscheinen
und seyn! Sie sagen mir nicht, ob der schlimme Edmund sich wieder aus
seinen Irrgewinden hervortretend hat blicken laßen, und wie es den
Salvator Rosas des jovialen Fabrikanten weiter ergangen? Recht oft muß
ich an diese Gegenstände denken und mich der Stunden erinnern, die Sie
uns schenkten. Graf Kalkreuth schreibt mir von einer schönen Fahrt
auf der Elbe, von Blitzen umleuchtet, und von der allen erfreulichen
Stimmung, in welche der Abend Sie zu versenken geschienen habe. Daß ich
doch hätte mitfahren und Ihre Gespräche theilen können! Meine Pläne
sind aus mehreren Gründen noch unentwickelt, auch hat Malsburg so
lange nichts von sich hören laßen, und ich hege immer noch die Ahnung,
daß seine Bestimmung sich doch wohl unter dem neuen Regiment ändern
wird. Vielleicht ist es dann am Besten für ihn und für alles Tiefere
in ihm, wenn jene ihn an seine Heimath bindet. Doch Gott allein weiß
ja, was einem jeden von uns am meisten frommt. Die Befürchtung, daß
eine weitere diplomatische Bestimmung unseren Freund immer mehr in
die Welt verwickeln möchte, könnte ja z. B. leichtlich in Petersburg
durch Entbehrung und Sehnsucht beseitigt werden. Schütz ist reisefertig
und dabei so geduldig mit Abwarten meiner Entschlüße, daß ich seiner
Gefälligkeit Gerechtigkeit wiederfahren laßen muß. Den 1. bei ihm uns
vorgelesenen Act seines Falieri hatte er mir, wie ich Ihnen mittheilte,
zum Wiederlesen zugestellt, allein der Mangel der Zeit mußte mich bei
ihm entschuldigen. Es ist unbegreiflich, daß er die Hölzernheit und
völlige Todtheit des Dialogs darin nicht selbst einsieht, und leider
bestätigt dies Ihr in dem Brief an mich ausgesprochenes strenges
Urtheil. Weiter als bis Escheberg werde ich wohl nicht reisen, wenn
noch aus dieser Fahrt etwas wird; die Pläne nach dem deutschen Süden
hin sollen, denke ich, im nächsten Frühling zur Ausführung kommen. Bald
schreibe ich wieder. Mag die herrliche Luft Ihnen recht wohlthuend
seyn und bleiben! Der lieben Gräfin und allen den werthen Ihrigen die
Versicherung meines herzlichen Andenkens! Meine Mutter habe ich in der
Erholung gefunden, Gottlob! denn sie war aufs neue sehr übel gewesen.
Ich habe sie durch Ihre Begrüßung erfreut. Nehmen Sie, geliebter
Freund, für heute mit diesen Zeilen vorlieb, die Ihnen lange nicht so
viel sagen, als ich zu sagen wünschte, und als mein Herz Ihnen täglich
sagt.